Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Für Weltbezug – nur eben den Gewollten!

Ein Jahr ist ein Jahr ist ein Jahr ist seltsam, wie rückwärts, vorwärts, Spiralbewegung wieder jene Stationen angefahren werden, da man schon war und doch auch nicht.

Sitze auf Sylt als „Garage Man“; im ausgebauten Giebel einer Garage blicke ich auf die Hundewiese im Dunkeln. Jener, da heute zwei übergroße irische Wolfshunde aus dem Schatten auftauchten wie Visionen in einem Traum.

Letztes Jahr saß ich im Giebel des Hauses, zu dem die Garage gehört, blickte hinüber nach Römö, Lichter lachten mir zu, und suchte im Netz nach Saxophonen. Mailte eine Holzbläserwerkstatt an wegen eines gebrauchten Hornes, ob es denn im Laden anzuspielen sei. Kurz zuvor noch bei

Saxe

Just Music im Bunker in Anwesenheit einer guten und mich immer neu inspirierenden und mir immer drei Schritte voraus seienden Freundin das erste Mal seit Jahrzehnten in ein Saxophon geblasen. Es ließ mich nicht los. Die Monate vorher Nächte hindurch mit Musik-Apps gespielt und statt immer nur ÜBER Klänge und Kompositionen zu berichten sie zu erfahren gesucht.

Sätze, in Büchern gelesen, man solle sich nicht immer auf das konzentrieren, was man NICHT wolle, sondern auf das, was man will, hatten das Arbeitsleben komplett umgekrempelt, und nicht nur das.

Und was ich akut situativ wollte, stellte ich fest, wenn ich in jeder App sofort auf die Saxophon-Sounds los ging und mit ihnen spielte und eine Sprache simulierte, die als uneingelöstes Versprechen in mir nach Unterricht in Jugendzeiten noch nach Ausdruck suchte, im Verborgenen als Hauch wie Subtones rauchig atmend.

Ein Jahr ist ein Jahr ist ein Jahr; drömelte nach dem Jahreswechsel mich wieder ein in Routinen und wagte es doch, dem Ruf zu folgen. Nun stehen glatt 4 Hörner bei mir zu Hause und werden gespielt, Goldie Horn hat mich hierher in die Garage begleitet.

Doch es ging nicht mehr, das mit den Routinen. Es ging nicht mehr, der alltägliche Kampf im Job, da ständig auf mich einströmte, was NICHT ich wollte.

Hatte doch die so tolle Erfahrung genossen: Sie hatte mich mit neuen Bildern und Lichtern beschenkt, als ich das Privileg genoss, bei der Album-Präsentation der letzten CD von Noiseaux dabei zu sein. Wo sich etwas musikalisch einen Weg bahnte, dass die ewige Fokussierung auf die Hater, noch während sie thematisiert wurden, hinter sich ließ und stattdessen Räume eröffnete, sich auf Welt mal wirklich ungehindert einlassen zu können, anstatt ständig davon abgelenkt, überschrieben und diskreditiert zu werden. Weil ständig irgendwer in Themen des Üblen stupst wie in die Scheiße.

Das ist gewaltig, was auf dem Album zu hören war und ist, denn das ist der Weg in die Utopie. Und immer sind es auch Ausdrucksmittel, die ihn ebnen, den Weg, die erst das zu artikulieren vermögen, was gewollt – die jenseits des Referierens und Objektivierens angesiedelt sind.

Ob Bachs h-Moll-Messe oder Coltranes „A Love Supreme“, ob Divines „Shoot your Shot“ oder Fela Kutis „Zombie“, Weltbezüge sind eben nie unmittelbar, doch die Wahl der Mittel selbst ist bereits ein durch und durch politischer Akt. Je theoretischer und abstrahierter der Weltzugang, desto verdinglichter erstickt das falsche Allgemeine – und was dabei schwindet, ist die emphatische Offenheit, die Möglichkeit der Mimesis, die nie nur im Begriff sich bewegen kann, eben weil dieser nur subsummiert und so das tilgt, was lebt. Um Adorno zu paraphrasieren. Der dahin ganz und gar theoretisch sich bewegte.

Wer ewig „Rechtsstaat“ schreit, wird nie verstehen, was es heißt zu ERLEBEN, all das Grausame wie auch das Magische, und weiter seine Panzer rollen lassen. Wird Meme wie „illegal“ Menschen aufprägen wie Foltermethoden und eben solche Spuren hinterlassen.

Sich auf das konzentrieren, was man will, nicht immer auf das, was man nicht will – eine Maxime, an der stets selbst ich immer wieder scheitere und die in Erinnerung gerufen eben Emanzipation vom falschen Ganzen verheißt. Ein Jahr des Struggles, immer wieder diese Maxime mir zu vergegenwärtigen mit dem wundervollen Nebeneffekt, nun ein offenes Feld vor mir zu sehen, das nicht mehr mit 6-stelligen Bürgschaften zugestellt Erpressbarkeit durch Apparatschiks als Drohung manifestiert.

Was wollen wir denn eigentlich, wenn wir „Nazischweine“ rufen? Einfach nur, dass es die nicht mehr gibt, oder tatsächlich eine Welt, in der das, was die Nazis und die, die von ihnen bis heute lernen, wollten, eben nicht mehr ist?

Worauf bezieht man sich denn, wenn man das ruft? Auf die Möglichkeit jüdischen Lebens und jüdischer Erfahrung, von denen zu lernen ist – wieso nur taucht das ansonsten nirgends auf? Auf Lust im Neu-Erfinden von Männlich- und Weiblichkeit jenseits der Geschlechternormen und dem, was nach ihnen kommen könnte? Lebensformen, die das Korsett der Kleinfamilie sprengen, wollen wir die? Das Lernen von den tatsächlich Kolonisierten, Unterjochten, von Abschiebung Bedrohten, Unterworfenen, Beherrschten, Diskriminierten – wieso erscheinen diese dann nur noch als Randnotiz und Nebensatz auf Flugblättern? Was hätten wir denn gerne statt des tatsächlichen Polizeistaates? Wie wollen wir denn wohnen? Einfach nur billiger?

Fragen, die zu beantworten es viele Leben und Jahre braucht, doch lässt man sich ständig auf die Diskursvorgaben der Hater, der Reaktionäre, der Fleischauer-Paraphrasen und „Wir haben ein Recht auf Diskriminierung!“.Apoplogeten, die fortwährend „Und wer sich dagegen wehrt, gründet infantil nur Sekten!“ gröhlen wie rechte Aachener Ultras ein, kommt man nicht dazu, sie zu stellen – wenn die Ewiggestrigen Tribunale gründen und sich wie Personalsachbearbeiter gebärden, wird am Überdeutlichsten, dass das Problem der „Linken“ in den letzten zwei Jahrzehnten eben nicht nur der Zusammenbruch des „Ostblocks“ war, nicht nur die ungebremste Macht des Kapitals, sondern auch ihr Utopieverlust. Und ihre Anähnelung an jene, die sich zu kritisieren vorgeben, während sie ihre albernen „Gegenkulturen“, vom weißen Privileg gesättigt, auch noch abfeierten, als hätten diese im Gegensatz zu Jazz, Soul und Disco wirklich etwas bewegt.

Ein Jahr ist ein Jahr ist ein Jahr – als das ganze Stadion „Bruuuuuns“ rief, wussten wir, was wir wollten. Als den Refugees gelauscht wurde, statt sie zu paternalisieren und eine „Embassy of Hope“ die Lügengebäude Neumanns und Scholzens ins Wanken brachte, das waren Momente, wo zu spüren war, was man wollen könnte.

Wenn die tänzerische Spielweise der Mannschaft des FC St. Pauli sich vom „Gras fressen!“-Mackertum entfernte und in Ratsche, Nöthe und Bartels ein ganz anderer Spirit auf dem Platz in Pirouetten sich drehte, da war etwas spürbar. Als Time Kreich bei „Fussball und Liebe“ im Millerntor-Stadion mit ihre ganzen Intensität das Publikum in den Bann zog, als ausnahmsweise mal das heterosexuelle, männlich dominierte Publikum Feministinnen, Lesben, Schwulen lauschte, von Sookee fasziniert wurde und Love Newkirk „A change is gonna come“ so anstimmte, dass erahnbar wurde, was das tatsächlich heißen könnte, das war ein Moment, wo sich zeigte, was man wollen kann. Als FC St. Pauli Aufsichtsrat Roger Hasenbein formulierte, welche Schritte auf dem Weg zur Ent-Marginalsierung möglich wären und Lars Albert die Diskussion zu „Critical Hetism“ eröffnete. Als ein Raum wie das Millertor-Stadion, nun alles andere als außerhalb von Gentrifzierungsprozessen angesiedelt, dergestalt eine Umdeutung erfuhr.

Also fröhlich weiter jene blocken, die nur nerven, aufmerksamkeitsheischend, die immer gleichen immer schon, die mit ihren falschen Prämissen der Vielfalt menschlicher Ausdrucksmöglichkeiten den Weg nur verstellen. Saxophone müssen halt auch dabei sein. Um sich stattdessen zu überlegen: „Wie zusammen leben?“

Hat Roland Barthes schon vor mir getan.

Inspiriert von Stpauli.Nu stelle ich sie hier nun auch erneut und bin mir mit ihm völlig einig 😉 …

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