Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Die Flora, der Mumm-Sekt, O., A. und ich

In jenen Tagen, da linke Politik noch Stimmungen zu beeinflussen vermochte und sogar Boris Becker sich pro Hafenstraße aussprach, gab es auch schon durchaus sexy Polizisten. Kommt ja heute noch vor. Manchmal gehe ich so an denen entlang, wenn sie irgendwo Spalier stehen, seh die Handschellen glitzern an den Hüften echt knackiger Typen und denk nur: Schade drum!

Damals, also, ’88 war es doch?, als die Kämpfe um die Flora los gingen, wohnte ich am Neuen Pferdemarkt. Im Hochparterre. An einem Parkstreifen. Stieg ich von meinem Hochbett herab – es hatte einen Wendelleiter in einem Zimmer, das höher als breit war – räkelten sich solche jeden Morgen appetitlich vor meinem Fenster neben ihren Mannschaftswagen, die wochenlang wie fest installiert überall herum standen. Es herrschte permanenter Ausnahmezustand im Viertel; ich machte noch Zivildienst, musste nach Harburg fahren, und manches Mal tasteten auf dem Heimweg Uniformierte den frisch erworbenen Gouda in der Einkaufstasche ab, weil sje die Schanzenstraße gesperrt hatten, während ich vom S-Bahnhof Sternschanze kam. Bevor sie mich nach Hause durch ließen.

Und ich war so verknallt in O..

Der rannte immer mit einer Ledermütze herum, an der ein Hühnerknochen befestigt war, in seinen Augen versank ich, und er wohnte später im „Tuntenhaus“ in der Mainzer Straße in Berlin. Ich brachte zwar nie ein Wort heraus, wenn ich auf ihn traf, aber ich wollte ihn fortwährend treffen. So war das in jenem, ich meine, es wäre ein Sommer gewesen – voll und ganz identifiziert mit dem Anliegen, ein Musical-Theater in meinem Viertel zu verhindern, wegen „Yuppiesierung“ sagte man da ja noch, schwebte ich innerlich „Come into my life, I’ve got so much love to show you!“ summend durch dieses fast schon surreale Szenario, in dem man kaum einen Schritt ohne Polizeibeobachtung gehen konnte, zwischen Bangen und Hoffen.

Weil O. nämlich irgendetwas „Lockeres“, aber gar nicht Ernstes, so sagte man, mit dem exaltierten A. hatte.

A hatte einen wilden, roten Iro und ich fand ihn einfach nur doof. Und der Einstieg mit den sexy Polizisten ist nur deshalb gewählt, weil A. irgendwann auf ein besonders prachtvolles Exemplar los rauschte und ihn fragte, ob er nicht mit ihm ficken wolle. Die Reaktion war eine Strafanzeige.

Trotz des Wissens um die Konkurrenz dachte ich: „Momo (dachte ich natürlich nicht wirklich, ich hieß da ja noch, wie ich wirklich heiße), so geht es nicht weiter.“ Und wusste, dass O. Geburtstag haben würde, Und wusste, wo er wohnte. Und Mumm-Sekt war damals trendy. Also machte ich mich todesmutig mit einer Flasche, in einer Tüte verpackt, auf den Weg in die Erichstraße, wo er wohnte, um ganz und gar locker mit ihm auf seinen Geburtstag anstoßen zu wollen. Und stand tatsächlich klingelnd vor der Haustür. Es passierte: Nichts.

Fuck. Niemand da. Zwei Dosen Bier geholt, an die Elbe gesetzt. Nun hatte ich mindestens eine Woche damit zugebracht, dieses Wagnis in mir vorzubereiten, und dann war der nicht da. Frust. Bier schütten. In mich. Am Wasser habe ich immer schnell einen im Kahn, um im Bild zu bleiben. Angesäuselt ein zweiter Versuch des Klingelns. Wieder nichts.

Vergeblichkeit.

Suchte in meiner Tasche nach dem Zettel mit der Adresse von C. Fand ihn nicht, Die hatte ich nur kennen gelernt, weil sie mit O. auf der Party war, auf der ich ihn erstmals sah. Und da ich zu feige war, ihn anzuquatschen, sprach ich zu ihr. Über das Testbild. Das gibt es ja heute nicht mehr; früher kam das tatsächlich nach der Nationalhymne (!!!) zum Sendeschluss (!!!). Und irgendein Scherzkeks hatte als Partydekoration überall Fernseher mit Testbild aufgestellt. Wir haben uns wirklich angeregt und inspirierend über das Tesbild ausgetauscht.

Die wollte ich nun besuchen. Weil O. nicht da war, aber ich hatte ja noch die Flasche Mumm-Sekt. Sie wohnte in der Wohlwillstraße. Aber ich hatte mir offenkundig eine falsche Hausnummer gemerkt. Die fand ich nicht. So lief ich fortwährend die Wohlwillstraße auf und ab mit meiner Flasche Mumm-Sekt in der Hand, die Hausnummer suchend – ich habe nur noch Lichter, Flackern, bunt, viel blau, fast wie in der Disco in Erinnerung und unglaublich viel desorganisierte Polizisten. Keine kesselnden, die promenierten eher überall in Trüppchen oder standen in Grüppchen herum, bildeten Streifen, weil alle die ganze Zeit das Gefühl hatten, dass an jeder Ecke etwas passieren könnte. Nur was, das wusste keiner, auch die Polizisten nicht.

Nun sah ich damals zumindest ein wenig aus „wie ein Autonomer“, obwohl ich nie einer war, nur besser frisiert 😀 – die unglaublich effektive Mischung aus Kernseife und „Final Cut“-Haarlack (in der schwarzen Flasche zum Pumpen) spikete die schwarz gefärbten Haare vorzüglich („Hast Du da Klarlack drin?“ , und Vorsicht bei Regen!), die abgeranzte schwarze Lederjacke war eh Pflicht und sowieso trug ich nur schwarz – und rannte immer hin und her die Wohlwillstraße auf und ab zwischen Polizisten hindurch und hatte den Mumm-Sekt dabei. Dieses Detail ist so bedeutsam, weil damals Menschen verhaftet und verknackt wurden, weil sie Getränkeflaschen dabei hatten. Weil man da Mollies draus bauen KÖNNTE. Damit rechnete ich bei jeder Uniform. Doch die Wogen amouröser Ambitionen trugen mich schadlos hindurch.

Wie das Leben so spielt, ich weiß nicht mehr, in welche Richtung ich gerade ging: Irgendwann spazierte O. mir entgegen. Er kam gerade von C. Und hatte A. dabei.

Stotternd verwies ich auf meinen Mumm-Sekt, alle gnickerten, was für eine gefährliche Bewaffnung das doch sei, ob wir den nicht irgendwo trinken wollten. Ja, sie seien gerade auf dem Weg zu A., wo sie O.s Geburtstag feiern wollten … da gingen wir dann hin. In die Kampstraße, mit Blick auf den Schlachthof. Unter Polizeischutz. Wieso ich mit einer Flasche Mumm-Sekt herum lief, verschwieg ich. Dafür durfte ich ihnen dann beim Knutschen zuschauen.

So weit zu Momos Geschichte des Widerstandes, als das mit der Flora begann 😀 …

PS: Immerhin ergab sich nur kurz später bei einer Party des „Kombinats“ im Fernsehturm, da durfte man da noch rein, die abstruse Situation, dass A. mir gar nicht mehr von der Seite wich, mich fortwährend „Bella“ rief und stark interessiert sich zeigte. Dabei wollte ich ihn doch gar nicht. Ich wollte doch O..

Dafür erlebte ich später in der Wohnung von A. Schönes mit M. Das ist aber eine andere Geschichte.

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4 Antworten zu “Die Flora, der Mumm-Sekt, O., A. und ich

  1. pauliane Dezember 20, 2013 um 6:53 am

    ❤ …..verträumt lächeln … und das schon am frühen morgen… danke

  2. momorulez Dezember 20, 2013 um 9:53 am

    Gern geschehen 😉 – das floss gestern so aus mir raus. Und es ist vor allem tatsächlich völlig wahr. Wobei ich mit O. sogar noch eine ganze Menge zu tun hatte. Wenn auch nicht das, was ich da eigentlich wollte. War aber irgendwie trotzdem sehr schön.

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