Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

„Sie interessieren sich weder für die Fluchtursachen noch für die Hoffnungen und Wünsche, mit denen das Subjekt ihrer Begierde in Deutschland ankommt“

Ebenso wie zur Realität haben linksradikale Antirassisten auch zu den Flüchtlingen vor allem ein instrumentelles Verhältnis. So interessieren sie sich weder für die jeweiligen Fluchtursachen noch für die Hoffnungen und Wünsche, mit denen das Subjekt ihrer Begierde in Deutschland ankommt. Die Flüchtlinge haben für die radikale Linke längst die Funktion übernommen, die einmal das Proletariat innehatte. Sie gelten qua Herkunft als Verbündete, mit deren Hilfe der eigene revolutionäre Karren aus dem Dreck gezogen werden soll; sie sind lediglich Statthalter der Wünsche und Sehnsüchte einer vollkommen orientierungslos geworden radikalen Linken.

Ich will mich da auch gar nicht ausnehmen.

Obgleich ich mich aktuell eher wieder ortlos denn radikal links fühle. In dieser merkwürdigen Wellenbewegung zwischen Identifikation und Abgestoßensein bewege ich mich nun auch schon seit den frühen 80ern, neu ist das nicht für mich.

Aktuell entsetzt es mich derart, wie eine Entdifferenzierung in Fragen von Flora, ESSO-Häusern und der Lampedusa-Gruppe jene Ansätze, die so grandios die Refugees in die Stadt trugen, erstickt; wie sie zugunsten der ignoranten Selbstheroisierung von Teilzeitrevolutionären geopfert werden, dass es mich graust.

Im Grunde genommen haben die Refugees die Bürgerrechtsfrage wieder zur Menschenrechtsfrage gemacht.

Das war auch dringend nötig, nachdem in Deutschland der umgekehrte Prozess nach der „Wieder“vereinigung sich vollzog: Eine aktiv „rassifizierte“ und kulturalisierte (Westen versus Islam) Prioriserung der Staatsbürgerschaft vor dem Menschsein prägte die Politik. Wer sie nicht hat, die Staatsbürgerschaft, ist Freiwild und vogelfrei dann, wenn er nicht weiß ist (oder nazistisch-traditionell unter „slavisch“ verbucht wird).

Wer zudem aus wirtschaftlichen Funktionszusammenhängen fällt, bekommt Saures – und fortwährend hält sich die Unterstellung, genau in diese Zumutung Hartz IV wollten nun massenhaft Menschen einwandern, wovor der weiße, deutsche Volkskörper zu schützen sei.

Die Refugees antworteten pointiert: Wir haben kein individuelles Problem, sondern sind Opfer eines strukturellen. Deshalb macht eine Einzelfallprüfung auch keinen Sinn, sondern nur der Paragraph 23 Aufenthaltsgesetzes. DASS wir Flüchtlinge sind, liegt am NATO-Krieg in Libyen. Es sind u.a. europäische und us-amerikanische Akteure, die für unhaltbare Zustände in unseren Herkunftsländern und jenem, in dem wir arbeiteten, sorgten. Deshalb stehen die Länder, die von dem Unheil profitieren, in der Verantwortung, für Strukturen zu sorgen, in denen wir menschenwürdig leben können. Das heißt für uns: Unbehelligtes Aufenthaltsrecht und, ganz liberal, das Recht, Verträge zu schließen – Arbeitsverträge und Mietverträge zum Beispiel. Wir legen großen Wert darauf, SELBST für uns zu sprechen und weisen jedes Für-uns-sprechen zurück, sei es nun die Kirche oder sonstige Unterstützer, die sich das anmaßen. So ungefähr. Mit der Bitte um Korrektur und Ergänzung.

Das ist in der Tat alles andere als die Weltrevolution. Das ist auch was anderes als Hausbesetzungen durch Bürgerkinder, denen bei der Genossenschaftsgründung wenig Steine in den Weg gelegt werden, weil sie auch so ganz und gar niedliche Kunst machen.

Die Refugees dürfen keine Genossenschaften gründen, und fordern, dass sich das ändert.

Es ist auch ganz generell gar nicht so einfach, Genossenschaften zu gründen, by the way. Ich wurde stattdessen auch genötigt, in Abhängigkeit von Banken, Bürgen- und Beteiligungsgesellschaften mich auszuliefern. Aber wenigstens konnte ich wählen, ob ich mich dem ausliefere oder nicht, ohne von Racial Profiling, Abschiebefolter und ähnlichem Grauen bedroht zu sein. Das nennt man Privileg.

Daraus ergeben sich nun aber ganz andere Fragen und hoffentlich irgendwann auch Antworten, als sie sich z.B. bei „Wir sind mehr!“ bei Facebook finden:

„Im Süden Europas bauen sie Grenzen, so hoch wie der Himmel, damit die wohlhabenden Wohlhabenden im Norden auch weiter wohlhabend bleiben. Die sagen den Habenixen im Norden gerne, dass die Habenixe aus dem Süden, denen sie ihre Wohlhabenheit mit verdanken, bald kommen würden, um den Habenixen hier das Habe abzunehmen. Nun sind die Menschen aus dem Süden aber hier und seltsamerweise wollen sie gar nix von den Habenixen, sondern von den Wohlhabenden und auch nicht als milde Gabe, sondern als Recht und sie laden die hiesigen Habenixe ein, es ihnen gleich zu tun.“

Das hat zunächst scheinbar eine ähnliche Stoßrichtung: Aus dem lernen, was die Refugees fordern.

Es wird allerdings atemberaubend entdifferenziert, schließt man nun das Bleiberecht für ESSO-Haus-Bewohner mit jenem zu Fordernden für die nun wirklich von allen Rechten komplett ausgeschlossenen Refugees kurz.

Ich bin ja auch mit Zizek dafür, den Anteil der Anteilslosen einzufordern. Nur dass die Anteilslosigkeit Rassifizierter noch einmal speziell strukturell wirkt: Die zieht sich durch alle gesellschaftlichen Strukturen. Auch und gerade durch die Reglements der akademischen und medialen Welten, durch die gesamte Off- und Non-Kommerz-Kultur und durch die hochsubventionierte sowieso. Durch Banken und Krankenkassen. Es gibt klassistische und ableistische Strukturen, die ähnlich wirken. Aber nicht gleich.

Auch, dass Blackfacing bei „Wetten daß?!“ so schamlos gnickernd rassistisch Betroffenen ins Gesicht spuckt wie immer schon in Deutschland, ist möglich, weil bis in diese Redaktionen im ZDF-Hauptprogramm PoC allenfalls vordringen, wenn sie brav zugewiesene Rollen in tradierter „Unterhaltung“ spielen, wenn überhaupt. Dann findet statt Auseinandersetzung nur Absicherung und Abwehr statt. Kann ja jeder mal über NDR-Flure gehen, wer da rumläuft.

Durch dieses Kurzschließen mit dem Unterprivilegiertsein des „Lumpenproletariats“, so heißt es bei Marx ja, verschwinden auch so unendlich viel höchst produktive Sichtweisen gleich mit. Das betrifft vor allem Qualifikationen: Das kulturelle wie auch ökonomische Know How der Refugees und anderer PoC, meines Erachtens aber aller Marginalisiertengruppierungen liegt so brach. Das Sprechen vieler Sprachen, das Wissen um Bau- und Ingenieurswesen in anderen Weltregionen, der Einblick in Formen dessen, was hier „Kunst“ heißt, anderswo aber vielleicht in anderen Zusammenhängen auch andere Funktionen erfült und Sichtweisen formuliert, ganz andere als im „Molotov“ vielleicht, verschwindet so zugunsten eines einfach nur „Abhabenwollens“. Das haben die Refugees so meines Wissens nie formuliert. Das sollte nicht zur Abwertung der „Proletarier“ führen, kann aber auch für diese nützlich sein.

Die Refugees wollen mitmischen, weil sie vieles dessen können, was Neumann oder Scholz nie lernen werden.

Was aufgelöst gehört, das ist diese verflixte Selbstreferentialität: Neumann macht Politik nur, um die Loyalität in der eigenen Behörde abzusichern, Scholz, um sich in seiner Partei zu profilieren, die linke Szene, um in ihren Verlautbarungen den eigenen Mythos zu pflegen, als hätte sie auch nur irgendwas in den letzten 20 Jahren gerissen – um das aufzubrechen, braucht es doch Vorstellungen neuer institutioneller Ordnungen und vor allem auch tatsächlich anderen Wirtschaftens. Mit Umverteilung, Non-Kommerz und Bestandserhaltung entsteht doch nix Neues, was diese Selbstreferenz aufbrechen könnte.

Was das ist, das weiß ich auch nicht. Aber es fragt ja auch kaum noch wer nach.

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