Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Monatsarchive: Dezember 2013

Für Weltbezug – nur eben den Gewollten!

Ein Jahr ist ein Jahr ist ein Jahr ist seltsam, wie rückwärts, vorwärts, Spiralbewegung wieder jene Stationen angefahren werden, da man schon war und doch auch nicht.

Sitze auf Sylt als „Garage Man“; im ausgebauten Giebel einer Garage blicke ich auf die Hundewiese im Dunkeln. Jener, da heute zwei übergroße irische Wolfshunde aus dem Schatten auftauchten wie Visionen in einem Traum.

Letztes Jahr saß ich im Giebel des Hauses, zu dem die Garage gehört, blickte hinüber nach Römö, Lichter lachten mir zu, und suchte im Netz nach Saxophonen. Mailte eine Holzbläserwerkstatt an wegen eines gebrauchten Hornes, ob es denn im Laden anzuspielen sei. Kurz zuvor noch bei

Saxe

Just Music im Bunker in Anwesenheit einer guten und mich immer neu inspirierenden und mir immer drei Schritte voraus seienden Freundin das erste Mal seit Jahrzehnten in ein Saxophon geblasen. Es ließ mich nicht los. Die Monate vorher Nächte hindurch mit Musik-Apps gespielt und statt immer nur ÜBER Klänge und Kompositionen zu berichten sie zu erfahren gesucht.

Sätze, in Büchern gelesen, man solle sich nicht immer auf das konzentrieren, was man NICHT wolle, sondern auf das, was man will, hatten das Arbeitsleben komplett umgekrempelt, und nicht nur das.

Und was ich akut situativ wollte, stellte ich fest, wenn ich in jeder App sofort auf die Saxophon-Sounds los ging und mit ihnen spielte und eine Sprache simulierte, die als uneingelöstes Versprechen in mir nach Unterricht in Jugendzeiten noch nach Ausdruck suchte, im Verborgenen als Hauch wie Subtones rauchig atmend.

Ein Jahr ist ein Jahr ist ein Jahr; drömelte nach dem Jahreswechsel mich wieder ein in Routinen und wagte es doch, dem Ruf zu folgen. Nun stehen glatt 4 Hörner bei mir zu Hause und werden gespielt, Goldie Horn hat mich hierher in die Garage begleitet.

Doch es ging nicht mehr, das mit den Routinen. Es ging nicht mehr, der alltägliche Kampf im Job, da ständig auf mich einströmte, was NICHT ich wollte.

Hatte doch die so tolle Erfahrung genossen: Sie hatte mich mit neuen Bildern und Lichtern beschenkt, als ich das Privileg genoss, bei der Album-Präsentation der letzten CD von Noiseaux dabei zu sein. Wo sich etwas musikalisch einen Weg bahnte, dass die ewige Fokussierung auf die Hater, noch während sie thematisiert wurden, hinter sich ließ und stattdessen Räume eröffnete, sich auf Welt mal wirklich ungehindert einlassen zu können, anstatt ständig davon abgelenkt, überschrieben und diskreditiert zu werden. Weil ständig irgendwer in Themen des Üblen stupst wie in die Scheiße.

Das ist gewaltig, was auf dem Album zu hören war und ist, denn das ist der Weg in die Utopie. Und immer sind es auch Ausdrucksmittel, die ihn ebnen, den Weg, die erst das zu artikulieren vermögen, was gewollt – die jenseits des Referierens und Objektivierens angesiedelt sind.

Ob Bachs h-Moll-Messe oder Coltranes „A Love Supreme“, ob Divines „Shoot your Shot“ oder Fela Kutis „Zombie“, Weltbezüge sind eben nie unmittelbar, doch die Wahl der Mittel selbst ist bereits ein durch und durch politischer Akt. Je theoretischer und abstrahierter der Weltzugang, desto verdinglichter erstickt das falsche Allgemeine – und was dabei schwindet, ist die emphatische Offenheit, die Möglichkeit der Mimesis, die nie nur im Begriff sich bewegen kann, eben weil dieser nur subsummiert und so das tilgt, was lebt. Um Adorno zu paraphrasieren. Der dahin ganz und gar theoretisch sich bewegte.

Wer ewig „Rechtsstaat“ schreit, wird nie verstehen, was es heißt zu ERLEBEN, all das Grausame wie auch das Magische, und weiter seine Panzer rollen lassen. Wird Meme wie „illegal“ Menschen aufprägen wie Foltermethoden und eben solche Spuren hinterlassen.

Sich auf das konzentrieren, was man will, nicht immer auf das, was man nicht will – eine Maxime, an der stets selbst ich immer wieder scheitere und die in Erinnerung gerufen eben Emanzipation vom falschen Ganzen verheißt. Ein Jahr des Struggles, immer wieder diese Maxime mir zu vergegenwärtigen mit dem wundervollen Nebeneffekt, nun ein offenes Feld vor mir zu sehen, das nicht mehr mit 6-stelligen Bürgschaften zugestellt Erpressbarkeit durch Apparatschiks als Drohung manifestiert.

Was wollen wir denn eigentlich, wenn wir „Nazischweine“ rufen? Einfach nur, dass es die nicht mehr gibt, oder tatsächlich eine Welt, in der das, was die Nazis und die, die von ihnen bis heute lernen, wollten, eben nicht mehr ist?

Worauf bezieht man sich denn, wenn man das ruft? Auf die Möglichkeit jüdischen Lebens und jüdischer Erfahrung, von denen zu lernen ist – wieso nur taucht das ansonsten nirgends auf? Auf Lust im Neu-Erfinden von Männlich- und Weiblichkeit jenseits der Geschlechternormen und dem, was nach ihnen kommen könnte? Lebensformen, die das Korsett der Kleinfamilie sprengen, wollen wir die? Das Lernen von den tatsächlich Kolonisierten, Unterjochten, von Abschiebung Bedrohten, Unterworfenen, Beherrschten, Diskriminierten – wieso erscheinen diese dann nur noch als Randnotiz und Nebensatz auf Flugblättern? Was hätten wir denn gerne statt des tatsächlichen Polizeistaates? Wie wollen wir denn wohnen? Einfach nur billiger?

Fragen, die zu beantworten es viele Leben und Jahre braucht, doch lässt man sich ständig auf die Diskursvorgaben der Hater, der Reaktionäre, der Fleischauer-Paraphrasen und „Wir haben ein Recht auf Diskriminierung!“.Apoplogeten, die fortwährend „Und wer sich dagegen wehrt, gründet infantil nur Sekten!“ gröhlen wie rechte Aachener Ultras ein, kommt man nicht dazu, sie zu stellen – wenn die Ewiggestrigen Tribunale gründen und sich wie Personalsachbearbeiter gebärden, wird am Überdeutlichsten, dass das Problem der „Linken“ in den letzten zwei Jahrzehnten eben nicht nur der Zusammenbruch des „Ostblocks“ war, nicht nur die ungebremste Macht des Kapitals, sondern auch ihr Utopieverlust. Und ihre Anähnelung an jene, die sich zu kritisieren vorgeben, während sie ihre albernen „Gegenkulturen“, vom weißen Privileg gesättigt, auch noch abfeierten, als hätten diese im Gegensatz zu Jazz, Soul und Disco wirklich etwas bewegt.

Ein Jahr ist ein Jahr ist ein Jahr – als das ganze Stadion „Bruuuuuns“ rief, wussten wir, was wir wollten. Als den Refugees gelauscht wurde, statt sie zu paternalisieren und eine „Embassy of Hope“ die Lügengebäude Neumanns und Scholzens ins Wanken brachte, das waren Momente, wo zu spüren war, was man wollen könnte.

Wenn die tänzerische Spielweise der Mannschaft des FC St. Pauli sich vom „Gras fressen!“-Mackertum entfernte und in Ratsche, Nöthe und Bartels ein ganz anderer Spirit auf dem Platz in Pirouetten sich drehte, da war etwas spürbar. Als Time Kreich bei „Fussball und Liebe“ im Millerntor-Stadion mit ihre ganzen Intensität das Publikum in den Bann zog, als ausnahmsweise mal das heterosexuelle, männlich dominierte Publikum Feministinnen, Lesben, Schwulen lauschte, von Sookee fasziniert wurde und Love Newkirk „A change is gonna come“ so anstimmte, dass erahnbar wurde, was das tatsächlich heißen könnte, das war ein Moment, wo sich zeigte, was man wollen kann. Als FC St. Pauli Aufsichtsrat Roger Hasenbein formulierte, welche Schritte auf dem Weg zur Ent-Marginalsierung möglich wären und Lars Albert die Diskussion zu „Critical Hetism“ eröffnete. Als ein Raum wie das Millertor-Stadion, nun alles andere als außerhalb von Gentrifzierungsprozessen angesiedelt, dergestalt eine Umdeutung erfuhr.

Also fröhlich weiter jene blocken, die nur nerven, aufmerksamkeitsheischend, die immer gleichen immer schon, die mit ihren falschen Prämissen der Vielfalt menschlicher Ausdrucksmöglichkeiten den Weg nur verstellen. Saxophone müssen halt auch dabei sein. Um sich stattdessen zu überlegen: „Wie zusammen leben?“

Hat Roland Barthes schon vor mir getan.

Inspiriert von Stpauli.Nu stelle ich sie hier nun auch erneut und bin mir mit ihm völlig einig 😉 …

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Die Flora, der Mumm-Sekt, O., A. und ich

In jenen Tagen, da linke Politik noch Stimmungen zu beeinflussen vermochte und sogar Boris Becker sich pro Hafenstraße aussprach, gab es auch schon durchaus sexy Polizisten. Kommt ja heute noch vor. Manchmal gehe ich so an denen entlang, wenn sie irgendwo Spalier stehen, seh die Handschellen glitzern an den Hüften echt knackiger Typen und denk nur: Schade drum!

Damals, also, ’88 war es doch?, als die Kämpfe um die Flora los gingen, wohnte ich am Neuen Pferdemarkt. Im Hochparterre. An einem Parkstreifen. Stieg ich von meinem Hochbett herab – es hatte einen Wendelleiter in einem Zimmer, das höher als breit war – räkelten sich solche jeden Morgen appetitlich vor meinem Fenster neben ihren Mannschaftswagen, die wochenlang wie fest installiert überall herum standen. Es herrschte permanenter Ausnahmezustand im Viertel; ich machte noch Zivildienst, musste nach Harburg fahren, und manches Mal tasteten auf dem Heimweg Uniformierte den frisch erworbenen Gouda in der Einkaufstasche ab, weil sje die Schanzenstraße gesperrt hatten, während ich vom S-Bahnhof Sternschanze kam. Bevor sie mich nach Hause durch ließen.

Und ich war so verknallt in O..

Der rannte immer mit einer Ledermütze herum, an der ein Hühnerknochen befestigt war, in seinen Augen versank ich, und er wohnte später im „Tuntenhaus“ in der Mainzer Straße in Berlin. Ich brachte zwar nie ein Wort heraus, wenn ich auf ihn traf, aber ich wollte ihn fortwährend treffen. So war das in jenem, ich meine, es wäre ein Sommer gewesen – voll und ganz identifiziert mit dem Anliegen, ein Musical-Theater in meinem Viertel zu verhindern, wegen „Yuppiesierung“ sagte man da ja noch, schwebte ich innerlich „Come into my life, I’ve got so much love to show you!“ summend durch dieses fast schon surreale Szenario, in dem man kaum einen Schritt ohne Polizeibeobachtung gehen konnte, zwischen Bangen und Hoffen.

Weil O. nämlich irgendetwas „Lockeres“, aber gar nicht Ernstes, so sagte man, mit dem exaltierten A. hatte.

A hatte einen wilden, roten Iro und ich fand ihn einfach nur doof. Und der Einstieg mit den sexy Polizisten ist nur deshalb gewählt, weil A. irgendwann auf ein besonders prachtvolles Exemplar los rauschte und ihn fragte, ob er nicht mit ihm ficken wolle. Die Reaktion war eine Strafanzeige.

Trotz des Wissens um die Konkurrenz dachte ich: „Momo (dachte ich natürlich nicht wirklich, ich hieß da ja noch, wie ich wirklich heiße), so geht es nicht weiter.“ Und wusste, dass O. Geburtstag haben würde, Und wusste, wo er wohnte. Und Mumm-Sekt war damals trendy. Also machte ich mich todesmutig mit einer Flasche, in einer Tüte verpackt, auf den Weg in die Erichstraße, wo er wohnte, um ganz und gar locker mit ihm auf seinen Geburtstag anstoßen zu wollen. Und stand tatsächlich klingelnd vor der Haustür. Es passierte: Nichts.

Fuck. Niemand da. Zwei Dosen Bier geholt, an die Elbe gesetzt. Nun hatte ich mindestens eine Woche damit zugebracht, dieses Wagnis in mir vorzubereiten, und dann war der nicht da. Frust. Bier schütten. In mich. Am Wasser habe ich immer schnell einen im Kahn, um im Bild zu bleiben. Angesäuselt ein zweiter Versuch des Klingelns. Wieder nichts.

Vergeblichkeit.

Suchte in meiner Tasche nach dem Zettel mit der Adresse von C. Fand ihn nicht, Die hatte ich nur kennen gelernt, weil sie mit O. auf der Party war, auf der ich ihn erstmals sah. Und da ich zu feige war, ihn anzuquatschen, sprach ich zu ihr. Über das Testbild. Das gibt es ja heute nicht mehr; früher kam das tatsächlich nach der Nationalhymne (!!!) zum Sendeschluss (!!!). Und irgendein Scherzkeks hatte als Partydekoration überall Fernseher mit Testbild aufgestellt. Wir haben uns wirklich angeregt und inspirierend über das Tesbild ausgetauscht.

Die wollte ich nun besuchen. Weil O. nicht da war, aber ich hatte ja noch die Flasche Mumm-Sekt. Sie wohnte in der Wohlwillstraße. Aber ich hatte mir offenkundig eine falsche Hausnummer gemerkt. Die fand ich nicht. So lief ich fortwährend die Wohlwillstraße auf und ab mit meiner Flasche Mumm-Sekt in der Hand, die Hausnummer suchend – ich habe nur noch Lichter, Flackern, bunt, viel blau, fast wie in der Disco in Erinnerung und unglaublich viel desorganisierte Polizisten. Keine kesselnden, die promenierten eher überall in Trüppchen oder standen in Grüppchen herum, bildeten Streifen, weil alle die ganze Zeit das Gefühl hatten, dass an jeder Ecke etwas passieren könnte. Nur was, das wusste keiner, auch die Polizisten nicht.

Nun sah ich damals zumindest ein wenig aus „wie ein Autonomer“, obwohl ich nie einer war, nur besser frisiert 😀 – die unglaublich effektive Mischung aus Kernseife und „Final Cut“-Haarlack (in der schwarzen Flasche zum Pumpen) spikete die schwarz gefärbten Haare vorzüglich („Hast Du da Klarlack drin?“ , und Vorsicht bei Regen!), die abgeranzte schwarze Lederjacke war eh Pflicht und sowieso trug ich nur schwarz – und rannte immer hin und her die Wohlwillstraße auf und ab zwischen Polizisten hindurch und hatte den Mumm-Sekt dabei. Dieses Detail ist so bedeutsam, weil damals Menschen verhaftet und verknackt wurden, weil sie Getränkeflaschen dabei hatten. Weil man da Mollies draus bauen KÖNNTE. Damit rechnete ich bei jeder Uniform. Doch die Wogen amouröser Ambitionen trugen mich schadlos hindurch.

Wie das Leben so spielt, ich weiß nicht mehr, in welche Richtung ich gerade ging: Irgendwann spazierte O. mir entgegen. Er kam gerade von C. Und hatte A. dabei.

Stotternd verwies ich auf meinen Mumm-Sekt, alle gnickerten, was für eine gefährliche Bewaffnung das doch sei, ob wir den nicht irgendwo trinken wollten. Ja, sie seien gerade auf dem Weg zu A., wo sie O.s Geburtstag feiern wollten … da gingen wir dann hin. In die Kampstraße, mit Blick auf den Schlachthof. Unter Polizeischutz. Wieso ich mit einer Flasche Mumm-Sekt herum lief, verschwieg ich. Dafür durfte ich ihnen dann beim Knutschen zuschauen.

So weit zu Momos Geschichte des Widerstandes, als das mit der Flora begann 😀 …

PS: Immerhin ergab sich nur kurz später bei einer Party des „Kombinats“ im Fernsehturm, da durfte man da noch rein, die abstruse Situation, dass A. mir gar nicht mehr von der Seite wich, mich fortwährend „Bella“ rief und stark interessiert sich zeigte. Dabei wollte ich ihn doch gar nicht. Ich wollte doch O..

Dafür erlebte ich später in der Wohnung von A. Schönes mit M. Das ist aber eine andere Geschichte.

Der Schattensenat fordert: „Hamburg, you must learn from us!“

Wohl wahr. Zu recht.

Endlich hat Hamburg wieder eine politikfähjge Regierung. Hätten wir wirklich demokratische Gesetze, also nicht lediglich solche, die sich annähernd ausschließlich auf Abstammung und Staatsbürgerschaft fokussieren, müssten sie nur noch gewählt werden. Und könnten dann auch gewählt werden.

Gestern Abend in der St. Pauli-Kirche präsentierten sie Personal und Programm sowie eine neue Ordnung der Senatorenposten. Nicht wie jetzt Gefängnis-, Abschiebungs- und Gentrifizierungsbeauftragte. Stattdessen eine Ordnung jenseits des Lippenbekenntnisses. Einen Senator der Freiheit. Einen der Liebe. Einen des Lichts. Eine Senatorin für die Entkolonisierung, einen für die Ernährung, einen für die Zeit, einen für Amnestien.

Lichtzeit im Sinne der Freiheit dank der Lampedusa-Gruppe Hamburg. Und, zentral: Die verwaiste Position eines Senatoren für Menschenrechte wird wieder eingerichtet. Wiederholt und zutreffend wiesen sie darauf hin, dass die Konzeption der Menschenrechte in Europa durch eine der Rechte nur für Europäer ersetzt worden sei.

Die Begründung dieser Politik aus der Kolonialgeschichte wurde ins Bild gesetzt: Die Senatorenanwärter präsentierten sich im Film an Orten, da diese Historie in Hamburg überdeutlich zu sehen ist. Sie rechneten vor, was alleine die geraubten Diamanten aus der Ära „Deutsch-Südwestafrikas“ wert waren und wären und dass der geplünderte Kontinent, von dem sie zum Glück zu uns kamen, um Licht zu bringen und Menschlichkeit zu lehren, schlicht der reichste wäre, hätten die Kolonisatoren nicht ihr Diebstahls- und Vernichtungswerk vollzogen.

Und diese Politikgeneration der Zukunft ist im Gegensatz marschbetonten Aktualität auch musikalisch, ist verständlich und wirklich pointiert: „Europa, Du hast uns Kaffee und Herzen gestohlen und uns zerrissen und getrennt!“ sangen sie und rappten zu komplexen Rhythmen. Und brachten zum Schluß ein Lied über den Jäger, dessen Suppe so süß schmeckt, auf die Bühne – dessen Hemd doch in Blut getränkt ist. Präsentierten es so, dass die Farce, die ein Musical wie „König der Löwen“ auf der anderen Seite der Elbe ist, musikalisch überdeutlich hörbar wurde.

So groß ihre Performance, so bitter der immer wieder betonte Hintergrund: Einer äußerte, dass er sich fühle, als würde er nur noch zum Schlafen existieren. Er schäme sich; er wolle doch in Menschenwürde arbeiten, warum ließe man ihn nicht?

Arbeit für alle war so auch eine zentrale Forderung des Schattensenates.

Denn so toll es ist, wenn so viele in der Kirche den Refugees lauschen wie gestern, so großartig, dass die Solidarität noch lebt: Ein Leben als auf Spenden angewiesenes Unterhaltungsprogramm für die Nachfahren der Kolonisatoren ist nicht ihr Ziel gewesen, als sie aus Libyen und dann Italien vertrieben wurden. Sie wollen autonom sein. Auch das ein Menschenrecht.

They are here to stay. Um jene ihnen und allen zustehenden Rechte einzufordern, über die der Großteil derer im Publikum ja auch verfügt. Im Sinne der Menschenrechte, nicht jener nur für Europäer.

Es möge Politik werden. MIT dem Schattensenat, nicht an dessen Stelle agierend.

Das jähe Einbrechen des „Rapper-Zitates“ in die heile, weiße Welt der Kunsthochschule

Damit das nicht in der Kommentarsektion untergeht, hole ich es noch mal hoch:

(Achtung, Triggerwarnung bei dem Link)

Sehr geehrter Herr K. Bei den im Blog diskutieren Schmierereien handelt es sich um einen Teil von Grafittis welche vor zwei Wochen in einem Flur der HFBK “auftauchten”. Als die Lehrenden der dort verorteten Klassen die Sprühereien in ihren Klassen thematisierten, meldeten sich gleich einige der Studenten und zeigten sich dafür verantwortlich. Am 4.12, zu dem Zeitpunkt als Sie die (unter http://casualgermanracism.tumblr.com/post/68998412573/this-art-academy-is-called-hfbk-hamburg-they sichtbaren) Fotos veröffentlichten war der Großteil der Schmierereien von den Verursachern bereits selbst beseitigt worden und seit letztem Freitag sind auch die dokumentierten Reste des Graffitis unter weisser Farbe “verschwunden”. Selbstverständlich wurden mit (allen) Studierenden der Grundklassen am Montag nochmals ausführliche Gespräche über den problematischen Inhalt des Schriftzuges geführt so dass wir davon ausgehen, dass die Studenten spätestens jetzt verstanden haben, dass es einen großen Unterschied macht, ob ein Rapper afro-amerikanischer Herkunft in seinem Lied “snitch N*” singt oder ob ein deutscher Student Fragmente dieses Liedes an die Wand der HFBK sprüht. Beste Grüße, Heike Mutter / Ingrid Jäger Gleichstellungsbeauftragte der HFBK ————————————————-„

Das ist die Antwort auf das Schreiben eines Kommentators hier, der ausdrücklich darauf verwies, dass er die Kommunikation auch öffentlich führen würde.

Zunächst dachte ich ja noch verblendet, dass es verglichen mit anderen Antwortschreiben in solchen Fällen sogar noch irgendwie ginge. Zudem immerhin das, was auch DeeDee Brigdewater in Interviews fortwährend betont, dass allenfalls potenziell von Herabwürdigungen Betroffene das Recht hätten, das N-Wort zu verwenden, Berücksichtigung findet.

Dann lasse ich sacken, und denke: Irgendwas stimmt doch da nicht. Monodromie bringt es weiter unten auf den Punkt:

Es ist ein wenig so, als wuerde man den Hitlergruss als Phaenomen der israelischen Nachkriegs-’Stalag fiction’ interpretieren und angeben, von dort zu ‘zitieren’.“

Und dann natürlich weisse Farbe drüber und alles ist in Ordnung? Was bringen denn da Studenten zum Ausdruck, was spricht durch sie?

Zudem das in Zusammenhängen einer Kunsthochschule ungleich vielsagendere „Exponat“, die rassistische Karrikatur sowie deren aber so was von deutsche Geschichte – man denke nur an das Plakat zur „Entarteten Kunst“ mit dem schwarzen Saxophonisten vom Anfang der 30er Jahre – nicht zufällig keine weitere Erwähnung findet, Dabei hat selbst Guido Schröter auf diese Problematik reagiert und sogar Boris Hoppek (Vorsicht, den zu googeln, sehr krass rassistische Darstellungen) in zumindest einem Fall. Der durch einen Hamburger Galeristen vertreten wird.

Es muss bröckeln der Glaube, man könne mit rassistischen Mitteln „entlarven“; eine Ansicht, dje der Karrikatur mutmaßlich nicht einmal zugrunde lag.

Das weist einfach alles mitten ins Herz der Kunstgeschichte, und da bedarf es eigentlich eines Lehrplanes und Lehrender, die fähig und willens sind, dergleichen so einzuordnen, dass gar kein Student mehr auf die Idee käme, so etwas irgendwo hin zu schmieren.

Was dann wieder auf dieses „Zitat“ zurück verweist, das frech rassistische Strukturen und Aussagen an „Rapper afroamerikanischer Herkunft“ delegiert, denen überlegen im innerweißen Reinwaschungsprozess die hehre Kunst sich dann erweist. Mittels weißer Farbe.

Wie immer schon im wilhelminischen Gebäude …

„Sie interessieren sich weder für die Fluchtursachen noch für die Hoffnungen und Wünsche, mit denen das Subjekt ihrer Begierde in Deutschland ankommt“

Ebenso wie zur Realität haben linksradikale Antirassisten auch zu den Flüchtlingen vor allem ein instrumentelles Verhältnis. So interessieren sie sich weder für die jeweiligen Fluchtursachen noch für die Hoffnungen und Wünsche, mit denen das Subjekt ihrer Begierde in Deutschland ankommt. Die Flüchtlinge haben für die radikale Linke längst die Funktion übernommen, die einmal das Proletariat innehatte. Sie gelten qua Herkunft als Verbündete, mit deren Hilfe der eigene revolutionäre Karren aus dem Dreck gezogen werden soll; sie sind lediglich Statthalter der Wünsche und Sehnsüchte einer vollkommen orientierungslos geworden radikalen Linken.

Ich will mich da auch gar nicht ausnehmen.

Obgleich ich mich aktuell eher wieder ortlos denn radikal links fühle. In dieser merkwürdigen Wellenbewegung zwischen Identifikation und Abgestoßensein bewege ich mich nun auch schon seit den frühen 80ern, neu ist das nicht für mich.

Aktuell entsetzt es mich derart, wie eine Entdifferenzierung in Fragen von Flora, ESSO-Häusern und der Lampedusa-Gruppe jene Ansätze, die so grandios die Refugees in die Stadt trugen, erstickt; wie sie zugunsten der ignoranten Selbstheroisierung von Teilzeitrevolutionären geopfert werden, dass es mich graust.

Im Grunde genommen haben die Refugees die Bürgerrechtsfrage wieder zur Menschenrechtsfrage gemacht.

Das war auch dringend nötig, nachdem in Deutschland der umgekehrte Prozess nach der „Wieder“vereinigung sich vollzog: Eine aktiv „rassifizierte“ und kulturalisierte (Westen versus Islam) Prioriserung der Staatsbürgerschaft vor dem Menschsein prägte die Politik. Wer sie nicht hat, die Staatsbürgerschaft, ist Freiwild und vogelfrei dann, wenn er nicht weiß ist (oder nazistisch-traditionell unter „slavisch“ verbucht wird).

Wer zudem aus wirtschaftlichen Funktionszusammenhängen fällt, bekommt Saures – und fortwährend hält sich die Unterstellung, genau in diese Zumutung Hartz IV wollten nun massenhaft Menschen einwandern, wovor der weiße, deutsche Volkskörper zu schützen sei.

Die Refugees antworteten pointiert: Wir haben kein individuelles Problem, sondern sind Opfer eines strukturellen. Deshalb macht eine Einzelfallprüfung auch keinen Sinn, sondern nur der Paragraph 23 Aufenthaltsgesetzes. DASS wir Flüchtlinge sind, liegt am NATO-Krieg in Libyen. Es sind u.a. europäische und us-amerikanische Akteure, die für unhaltbare Zustände in unseren Herkunftsländern und jenem, in dem wir arbeiteten, sorgten. Deshalb stehen die Länder, die von dem Unheil profitieren, in der Verantwortung, für Strukturen zu sorgen, in denen wir menschenwürdig leben können. Das heißt für uns: Unbehelligtes Aufenthaltsrecht und, ganz liberal, das Recht, Verträge zu schließen – Arbeitsverträge und Mietverträge zum Beispiel. Wir legen großen Wert darauf, SELBST für uns zu sprechen und weisen jedes Für-uns-sprechen zurück, sei es nun die Kirche oder sonstige Unterstützer, die sich das anmaßen. So ungefähr. Mit der Bitte um Korrektur und Ergänzung.

Das ist in der Tat alles andere als die Weltrevolution. Das ist auch was anderes als Hausbesetzungen durch Bürgerkinder, denen bei der Genossenschaftsgründung wenig Steine in den Weg gelegt werden, weil sie auch so ganz und gar niedliche Kunst machen.

Die Refugees dürfen keine Genossenschaften gründen, und fordern, dass sich das ändert.

Es ist auch ganz generell gar nicht so einfach, Genossenschaften zu gründen, by the way. Ich wurde stattdessen auch genötigt, in Abhängigkeit von Banken, Bürgen- und Beteiligungsgesellschaften mich auszuliefern. Aber wenigstens konnte ich wählen, ob ich mich dem ausliefere oder nicht, ohne von Racial Profiling, Abschiebefolter und ähnlichem Grauen bedroht zu sein. Das nennt man Privileg.

Daraus ergeben sich nun aber ganz andere Fragen und hoffentlich irgendwann auch Antworten, als sie sich z.B. bei „Wir sind mehr!“ bei Facebook finden:

„Im Süden Europas bauen sie Grenzen, so hoch wie der Himmel, damit die wohlhabenden Wohlhabenden im Norden auch weiter wohlhabend bleiben. Die sagen den Habenixen im Norden gerne, dass die Habenixe aus dem Süden, denen sie ihre Wohlhabenheit mit verdanken, bald kommen würden, um den Habenixen hier das Habe abzunehmen. Nun sind die Menschen aus dem Süden aber hier und seltsamerweise wollen sie gar nix von den Habenixen, sondern von den Wohlhabenden und auch nicht als milde Gabe, sondern als Recht und sie laden die hiesigen Habenixe ein, es ihnen gleich zu tun.“

Das hat zunächst scheinbar eine ähnliche Stoßrichtung: Aus dem lernen, was die Refugees fordern.

Es wird allerdings atemberaubend entdifferenziert, schließt man nun das Bleiberecht für ESSO-Haus-Bewohner mit jenem zu Fordernden für die nun wirklich von allen Rechten komplett ausgeschlossenen Refugees kurz.

Ich bin ja auch mit Zizek dafür, den Anteil der Anteilslosen einzufordern. Nur dass die Anteilslosigkeit Rassifizierter noch einmal speziell strukturell wirkt: Die zieht sich durch alle gesellschaftlichen Strukturen. Auch und gerade durch die Reglements der akademischen und medialen Welten, durch die gesamte Off- und Non-Kommerz-Kultur und durch die hochsubventionierte sowieso. Durch Banken und Krankenkassen. Es gibt klassistische und ableistische Strukturen, die ähnlich wirken. Aber nicht gleich.

Auch, dass Blackfacing bei „Wetten daß?!“ so schamlos gnickernd rassistisch Betroffenen ins Gesicht spuckt wie immer schon in Deutschland, ist möglich, weil bis in diese Redaktionen im ZDF-Hauptprogramm PoC allenfalls vordringen, wenn sie brav zugewiesene Rollen in tradierter „Unterhaltung“ spielen, wenn überhaupt. Dann findet statt Auseinandersetzung nur Absicherung und Abwehr statt. Kann ja jeder mal über NDR-Flure gehen, wer da rumläuft.

Durch dieses Kurzschließen mit dem Unterprivilegiertsein des „Lumpenproletariats“, so heißt es bei Marx ja, verschwinden auch so unendlich viel höchst produktive Sichtweisen gleich mit. Das betrifft vor allem Qualifikationen: Das kulturelle wie auch ökonomische Know How der Refugees und anderer PoC, meines Erachtens aber aller Marginalisiertengruppierungen liegt so brach. Das Sprechen vieler Sprachen, das Wissen um Bau- und Ingenieurswesen in anderen Weltregionen, der Einblick in Formen dessen, was hier „Kunst“ heißt, anderswo aber vielleicht in anderen Zusammenhängen auch andere Funktionen erfült und Sichtweisen formuliert, ganz andere als im „Molotov“ vielleicht, verschwindet so zugunsten eines einfach nur „Abhabenwollens“. Das haben die Refugees so meines Wissens nie formuliert. Das sollte nicht zur Abwertung der „Proletarier“ führen, kann aber auch für diese nützlich sein.

Die Refugees wollen mitmischen, weil sie vieles dessen können, was Neumann oder Scholz nie lernen werden.

Was aufgelöst gehört, das ist diese verflixte Selbstreferentialität: Neumann macht Politik nur, um die Loyalität in der eigenen Behörde abzusichern, Scholz, um sich in seiner Partei zu profilieren, die linke Szene, um in ihren Verlautbarungen den eigenen Mythos zu pflegen, als hätte sie auch nur irgendwas in den letzten 20 Jahren gerissen – um das aufzubrechen, braucht es doch Vorstellungen neuer institutioneller Ordnungen und vor allem auch tatsächlich anderen Wirtschaftens. Mit Umverteilung, Non-Kommerz und Bestandserhaltung entsteht doch nix Neues, was diese Selbstreferenz aufbrechen könnte.

Was das ist, das weiß ich auch nicht. Aber es fragt ja auch kaum noch wer nach.

Casual german racism an der Kunsthochschule

Considering Europe’s, Germany’s and Hamburg’s demographics, this college has very few black students.

Dann kann man das da ja gerne mal machen, gelle? (Achtung,Triggerwarnung, rassistische Bilder und Worte).

So ganz unter sich. Witzig! Wenn man schon sonst nix kann, keinen Humor hat und sich für Graffiiti wohl auch nicht wirklich interessiert, schmiert man halt vernichtende Wörter und Karrikaturen an die Wände. Kampf den Konventionen!

In so einem prachtvoll wilhelminischen Gebäude gar macht das erst recht Spaß. Neulich gerade wieder „Pogo in Togo“ bei der Bad Taste-Party gesungen, vermutlich nie darüber nachgedacht, was es mit der Kunst der frühen Moderne so auf sich hat und was so alles drin steckt, bei Gauguin zum Beispiel, wozu auch solche Gedanken sich machen in einer Kunsthochschule? Aber vielleicht hat man die Street Art-Galerie ja schon fest im Visier. Um dann vielleicht noch im Namen der Kunst etwas fürchterlich Übermächtiges zu imaginieren, dem man sich heroisch nicht unterwerfe, oder dass man Rassismus doch einfach „entlarve“ – oder einfach nur gedankenlos anderen mitten ins Gesicht zu scheißen und danach auf zur Refugee-Demo. Die Flüchtlinge hatte man zur Bereicherung der Kunst ja auch schon zum Kaffeekränzchen in die HfbK geladen. Anstatt ihnen besser gleich einen bezahlten Lehrauftrag zu geben, wie es angemessen wäre. Können Studierende freilich auch gar nicht.

Ich würde gerne mal Filme von Flüchtlingen über deutsche Kunststudenten sehen und nicht immer nur umgekehrt.

Ich kann das jetzt nicht verifizieren, ob das wirklich in der HfbK zu sehen ist, noch weiß ich, ob es Studenten waren oder wer auch sonst. Vielleicht ja auch eine Lehrkraft? Irgendein konzeptioneller Begründungsrahmen ließe sich da bestimmt für finden. Die Feuilletons sind ja voll davon. Bloß keine Identitätskrisen aufkommen lassen, ist immerhin auch aus den USA, das Wort! WIR haben ja aus der Geschichte gelernt.

Die in diesen Fragen nur alle vergessen haben.

Kann das mal schnell jemand weg machen und Lehrangebote an der HfbK schaffen, dass niemand mehr auf die Idee kommt, derartigen Scheiß an Wände dort zu schmieren? Unter „Internationalität“ ist es wohl kaum zu verbuchen ,,,