Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Vodou statt „Voodoo“! (Achtung, Triggerwarnung. Enthält Darstellungen rassistischer Realgeschichte)

Merkwürdig ist das ja schon. Synchronizitäten nannte es C.G. Jung – wenn in unabhängig voneinander situierten Handlungsfäden und Zusammenhängen zueinander Passendes auftaucht.

Kaum, dass ich darauf hingewiesen wurde, dass mein Adorno entlehntes Blog-Motto „Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich“ ggf. auf ein Original in haitanischer Kreolsprache zurück geht, ist im Millerntor-Stadion eine „Voodoo“-Choreographie zu sehen (verlinkt im Sinne eines journalistischen Beleges).

„Kreyòl pale, Kreyòl konprann“ sei das Original des Adorno-Zitates:

Kreyòl speaks, Kreyòl understands,” it more broadly declares that the speaker intends her or his words for those who understand—and for those who don’t, no translation will help, nor be offered.

Eine Redewendung, die dem Kontext des Vodou offenkundig entstammt.

Weil, wie ich hier heute ebenfalls unten in den Kommentaren lernen durfte, „Voodoo“ immer schon die von Hollywood & Co rassistisch verzerrte Sicht auf eine komplexe Religion meint. Im verlinkten, ungemein spannenden Blog „Dreams of Ginen“ wird dies als „Imagined Voodoo“ im Gegensatz zur tatsächlichen Praxis des Vodou bezeichnet und unter anderem folgendermaßen eingeordnet:

„Imagined voodoo allows people to express racial anxiety–especially about the presence of blacks in America–while appearing to do something else, thus avoiding the charge of racism (perhaps most especially disguising it from themselves). It allows for the continued denigration of Haiti and Haitian culture as barbaric, uncivilized, in the thrall of demonic powers. This is a way of continuing to punish Haitians for being the only people in the hemisphere to successfully free themselves from Slavery.

Ich empfehle jedem dringendst die Lektüre des ganzen Textes, das ist ungemein lehrreich, um an einem konkreten Beispiel die verzweigten Wege der Sklaverei, des Kolonialismus wie auch der Missionsgeschichte nachzuvollziehen.

Schon im ersten Absatz steckt in ein paar Sätzen ein historisches Disaster, dass bis hin zur Schwulen- und Lesbenverfolgung in Uganda reicht. Nicht, weil diese Exempel der im folgenden zitierten, angeblich „bestialischen Natur“ vorchristlicher, afrikanischer Kulturen wäre – ganz im Gegenteil, das haben christliche Missionsbewegungen da hin transportiert.

Die Kirchen waren historisch und sind gegenwärtig u.a. so extrem wichtig für die Aufstiegsmöglichkeiten noch und ehemals Verslavter, Kolonisierter und Diskreditierter, um Anschluss an Mittelschichten zu gewinnen, dass sich daraus dann auch vieles andere erklärt.

So ist meines Wissens auf Haiti Vodou auch eine unauflösliche Einheit mit dem Katholizismus eingegangen – und Vodou wird doch bei jeder Naturkatastrophe in explodierenden Gewaltausbrüchen von christlicher Seite für diese verantwortlich gemacht.

Wie immer schon:

First, slavery was marketed in part as a soul-saving venture, so falsified depictions of Vodou as degenerate superstition served as propaganda for the Christianization of Africans. Additionally, portrayals of Africans and blacks as reduced to a bestial state by Vodou practices allowed writers to argue that they lacked civilization–perhaps were not even entirely human–and therefore slavery was no great crime. As the 18th century progressed, black religiosity, and Vodou most of all, became a tremendous source of anxiety as it was feared to possess revolutionary potential, a suspicion that was proven correct by the Haitian Revolution

.“

Das verweist derart tief in die Konstitutionsgeschichte des Rassismus hinein, dass man sich, denke ich, schon fragen darf, ob so eine beiläufige mit allerlei historisch und popkulturell schwerst aufgeladenen Bildern, wie sie auf der Süd zu sehen war, noch kombiniert mit Zitaten aus Beethoven-Symphonien, nun unbedingt die glücklichste Wahl war. Vorsichtig formuliert. Über Korrekturen freue ich mich, falls ich etwas nicht schnalle.

Da waren dann noch jene Maskenmotive zu sehen, die Picasso in die Kunstgeschichte einschleuste, während die Originale im „Völkerkundemuseum“ hängen und in komplexe, eher performative Praktiken eingewoben waren. Und am Rande war etwas zu sehen, was mich an comicartige Verballhornungen von Maya-Schriften erinnerte. Ich habe mal eine ungemein beeindruckende Doku über die Entschlüsselung derer gesehen, jene Schrift, die wie Gesichter aussieht, und auch, wie die bis heute gearschten Nachkommen der First Nations nun endlich wieder IHRE Sprache begierig lernten, die von der der Kolonisatoren überschrieben wurde.

Ich weiß bei beidem aber nicht, wer das mit welchen Gedanken im Kopf gemalt hat. Füge ich hier alles noch ein, wenn jemand da ergänzen möchte. Auch, weil es einem in antirassistischer Verve passieren könnte, nun auf einmal Werke davon Betroffener völlig falsch einzuordnen. Was, wird man darauf hingewiesen, dann aber auch produktives Lernen nach sich ziehen kann.

In dem Zitat oben aus „Dreams of Ginen“ steckt noch eine andere, ungemein gewichtige „Pointe“: Was ist denn, wenn die vom Rassismus Malträtierten sich wehren würden?

Eine PoC-Kommentatorin schrub dazu vor kurzem Gewichtiges hier ins Blog, dass sie noch bei jeder im Supremacy-Gestus geäußerten Belehrung, Zurechtweisung, bei jedem weißen Pochen auf Defintionsmacht diese Angst spure. Dabei sei es im Grunde genommen die Angst Weißer davor, dass Andere genau so grausam sein könnten wie sie selbst.

Das ist neben all den entwertenden Praktiken deutschen Alltagsrassismus‘ ja in allen Überlieferungen aus der Kolonialgeschchite ähnlich, ob nun in jenen der First Nations im Nordosten Nordamerikas oder anderswo: Die Fassungslosigkeit angesichts der unglaublichen Brutalität der Kolonisatoren. Dazu gehört auch, dass die Bundesregierung bis heute verniedlichend vom „Herero-Aufstand“ spricht und sich aus fadenscheinigen, definitorischen Gründen weigert, einen Völkermord einen Völkermord zu nennen.

In diesen historischen und gegenwärtigen Bedeutungsräumen situiert sich nun auch „Imagined Voodoo“.

Ich weiß ja nicht, welche Diskussionen bei der Choreo-Erstellung geführt wurden, wer daran beteiligt war und gucke vielleicht auch falsch. Wurde ja auch bei Twitter schon angerüffelt, solche und ähnliche Fragen nicht öffentlich zu stellen. Finde sie aber wichtig.

Ich wäre darum sehr gespannt, was die PoC-Antirassismusexperten unter meinen Freunden dazu sagen würden, wenn sie dazu überhaupt Lust haben.

Ansonsten schadet ein Blick in die Geschichte des Vodou auch dann nicht, wenn ich schief gucken sollte. Ich will hier ja auch nicht den Diskurs-Appropriator spielen. Das hat mich jetzt halt den ganzen Tag beschäftigt, auf Geheiß lösche ich sofort oder veröffentliche andere Texte an Stelle dieses hier.

Wobei ja selbst eine Anspielung auf die haitanische Revolution und dortigen schwarzen Widerstand entwertet würde, koppelte man sie nun ikonographisch an Siege des FC St. Pauli über den 1. FC Köln. Der ja dann auch nix wurde. Mir kam das ein wenig wie so was vor.

Ach so, und Pyro. War ja nun in diesem Fall integraler Bestandteil der Choreo, die wohl eigentlich Rausch-Trance-Magie als Stärke des FC St. Pauli zeigen sollte und entsprechendes Räucherwerk gleich mit. Und ich habe hier im Blog tatsächlich auch schon das „Voodoo“-Gefühl da in Anschlag gebracht und würde es nicht wieder tun.

Weil, wenn ich das richtig gelernt haben sollte, für einige meiner PoC-Freunde oft diese ahnungslose Beiläufigkeit der Verwendung von Zeichen und Praktiken bei Unkenntnis derer Geschichte, Zeichen und Praktiken, die PoC-cultures (im Plural) entnommen wurden, das Verletzende ist. Seien es nun Dreads oder Tablas. Erst recht, wenn dieses dann auch noch geschieht, dass Weiße sich damit Zeichen des „Exotischen“, „Wilden“ gar oder „Rebellischen“ antackern, bei gleichzeitiger Ignoranz der Ursprünge sowie der Verfasstheit der Schemata, in denen sie agieren.. Ich bitte um Korrektur, wenn ich das falsch darstelle.

EDITH: In der Kommentarsektion wurde darauf hin gewiesen, dass ich hier den Eindruck erweckte, deutsche PoC seien nun bruchlos mit Vodou oder Masken zu identifizieren oder würden sich damit identifizieren. Dann habe ich da was falsch gemacht, falsch dargestellt und bitte um Entschuldigung.

In den Diskussionskontexten, in denen ich mich bewege, werden solche Praktiken des ahistorischen und dekontextualisierten Zitierens harsch kritisiert, weil damit Geschichte zum Verschwinden gebracht wird, und ich teile diese Perspektive.

Das impliziert nicht, dass das eine zu generalisierende Sichtweise von PoC in Deutschland ist, da gibt es so viele Sichtweisen wie überall anders auch, noch, dass aktuelle Selbstverständnisse, Vorlieben, Verhaltensweisen oder sonstwas über die Geschichte des Vodou herzuleiten wären.

Falls ich diesen Eindruck erweckt habe, dann tut es mir sehr leid und ich gelobe Besserung

Die Realgeschichte des Vodou wie auch dessen Einsatz als „Vodoo“ in der Popkultur halte ich trotzdem für berichtenswert. Weil es halt die Choreo nun mal gab. 

Na, zurück zu Pyro: An dem Punkt, wo ich das Gefühl habe, dass die gezündet wird, DAMIT sich Andere auf den Tribünen so schön aufregen und man einen Scheintriumph über „die Spießer“ mit billigen Mitteln erzielt, finde ich es schwierig, das zu verteidigen. Was ich sonst immer machen würde.

Und – das ist jetzt gemein, sorry – dann noch bei Twitter darauf zu warten, dass doch bitte der Empörungsthread im Forum eröffnet werde. Ichweißjanicht.

Das sind eh so Momente in den Ultra-Kulturen, wo etwas sehr verkürzte Freiheitsbegriffe Symbolpolitik an die Stelle richtiger setzen. Das ist ja auch bei dieser Pseudo-„Reclaim the streets“-Tagging-Mode so, die ich anders als „samo“ einst als Aufstand der Zeichen gar nicht lesen kann.

Im Falle des Pyros finde ich es deshalb aber auch falsch, das nun auch noch durch Pfiffe zu adeln. Dann können sich manche noch daran ergötzen, an einer Rebellion zu partizipieren, die keine allzu dolle ist, wenn sie nicht mitpfeiffen.

Und dann war auch ein Spiel zu sehen! Ein tolles! Eines mit einer zwar teilweise fast schon liebenswert naiven, aber ganz zauberhaft spielenden Mannschaft des FC St. Pauli. Einer, die in Leidenschaft alles gab, die Kölner phasenweise überrannte und völlig zu recht beim Rückstand von 0:3 mit „You’ll never walk alone“ bedacht wurde. Das war schön. Sehr schön sogar!

25 Antworten zu “Vodou statt „Voodoo“! (Achtung, Triggerwarnung. Enthält Darstellungen rassistischer Realgeschichte)

  1. Jen November 30, 2013 um 10:54 pm

    Ich finde es dreist, Voodoo/Vodou einfach mir als deutschem PoC zuzuschieben. Das kenn ich nicht, bewegt micht nicht und ist mir ziemlich egal. Ich kenn auch kaum Masken aus Afrika und find (neben der klassischen Moderne) eher Bilder von Caspar David Friedrich „gut“. Ich fänd’s also gut, wenn du das nicht so allgemein thematisierst und da PoC vorschiebst, sondern klar machst was deine Kritik ist und sie ggf. begründest.

  2. momorulez November 30, 2013 um 11:09 pm

    Wo habe ich denn PoC im Allgemeinen vorgeschoben? Ändere ich da gerne. „Vorschieben“ – das sind Hinweise von Freunden, die genau bei diesen ahistorischen Aneignungen hochallergisch reagieren und mich baten, da dann auch drauf hinzuweisen.

    Dass es da diverse Perspektiven gibt, weiß ich, habe ich dann aber nicht deutlich gemacht. Deswegen ist Dein Kommentar total wichtig, Danke. Darf ich den unten an den Beitrag kopieren?Ich gehe den Text daraufhin noch mal durch.

    Weil mir dann eine Identifizierung passiert ist, die ich so nicht meinte, dafür dann ausdrücklich ‚tschuldigung. Das, was Du schreibst, meinte ich ja eigentlich mit, wenn ich um Hinweise bitte. Weil das natürlich auch Teil des Kritisierten ist, PoC pauschal bruchlos mit Masken etc. zu identifizieren. Was aber doch in der Choreo selbst auch vorgenommen wurde?

    Ich hasse übrigens Caspar David Friedrich.

  3. momorulez November 30, 2013 um 11:26 pm

    Ich habe ein Edith eingefügt, ist das okay für Dich?

  4. Jen Dezember 1, 2013 um 12:27 am

    Dein Kommentar geht in die Richtung von dem was ich meinte. Mir ging es mit „vorschieben“ darum deutlich zu machen, dass das halt von _einigen_ PoC kommt. Mir persönlich z. B. ist Vodoo/Vodou egal, es hat auch nichts mit meiner „Geschichte“ zu tun. Caspar David Friedrich hingegen schon:-)

  5. momorulez Dezember 1, 2013 um 12:47 am

    Ja, im Grunde genommen wollte ich ja auch, dass diese ganzen Hollywood-Stereotype, die es ja nun ständig überall zu sehen gibt (gerade wieder in „Criminal Minds“) und in deutschen Köppen als Stereotype auftauchen, nun nicht auch noch im Stadion zu sehen sind 😉 – deshalb echt Danke für Dein vehementes Reingrätschen, das hat das nun noch mal überdeutlich gemacht, und ich war mindestens ungeschickt. Weil ich das gar nicht geschrieben habe, sondern es durch haitianische Geschichte brechen wollte. Die ich aber spannend finde, übrigens.

    Ansonsten gehe ich halt davon aus, das PoC aufgrund von Erfahrungsvorsprüngen sozusagen automatisch Experten in Rassismusfragen sind, dann, wenn sie sich dazu äußern wollen und diese Position auch zu recht für sich beanspruchen.Da haben einige mich überzeugt; auch, dass das, was dieser mit ihnen macht, Indikator dafür ist, dass es sich um solchen handelt und wo man aufpassen sollte.

    Der erste Punkt ist hier schon einigen aufgestoßen; manche hatten auch den Eindruck, das sei nun eine ganz perfide Methode, das Thema zu okkupieren. Kann ja sogar sein. Oder dass man auf irgendwelche Freunde sich beruft, um Legitimationen für eigenes Denken über Umwege zu generieren. Das meintest Du ja, glaube ich.

    Aber dann habe ich das im Edith jetzt hoffentlich deutlich gemacht, wenn Du oder weranders noch was hat, immer her damit, baue ich ein.

    Und ich will einfach nicht, dass Caspar David Friedrich meine Geschichte ist 😀 – vermutlich.Ist ja auch so eine Falle.

  6. MartinM Dezember 1, 2013 um 10:37 am

    „Hollywood-Stereotype“ über Voodoo – auch Plural! 😉 – Nicht, dass es dadurch besser würde, dass es mehrere, sich widersprechende, gibt, darunter sogar „positive“ – nun ja, auch „positiver Rassismus“ ist welcher, wie mir eine Freundin afro-karibischer Herkunft, die über „nett gemeinte“ „afro-karibische“ Klischees genervt ist, verriet. (Nein, nicht ich habe sie mit den Klischees genervt, dass ist eher allgemein gemeint.) Auch wenn Schwarze US-Bürger mit den Voodoo-Klischee spielen (ich denke da an z. B. Michael Jacksons „Thriller“, ein tolles Stück Popmusik) festigt das letzten Ende diffamierende Vorstellungen über afro-karibische Bräuche. Womit ich nichts gegen „Thriller“ gesagt haben will – nur dagegen, nicht zu reflektieren, was da passiert.
    Ich amüsiere mich köstlich über die albernen Klischees in James-Bond-Filmen wie „Live and let die“ (dessen Titelmelodie von Paul McCartney ich nebenbei bemerkt mag, im Gegensatz zu machen anderen McCartney-Produkten), einem Film, der außer Vodou auch noch Wicca verhacktstückt – was nichts daran ändert, dass es eine verdammt schlechte Idee wäre, die unfreiwillige Komik für „harmlos“ zu halten und etwa eine Choreographie darauf aufzubauen.
    Wobei Bond-Autor Ian Fleming keineswegs dadurch „entschuldigt“ wäre, dass seine Darstellung des Voodoo selbst von Klischees und Unwissenheit geprägt wäre – er war sogar ziemlich gut informiert. Allerdings aus der Perspektive des ehemaligen Geheimdienstoffiziers, der er ja wirklich war, was man anhand der realitätsfernen Darstellung der 007-Abenteuer leicht vergisst. Flemings Darstellung des Voodoo ist von instrumentellem Herschaftswissen geprägt, und war u. A. wohl auch – da hatten die heute so sauertöpfisch wirkenden linken Kritiker der 1960er Jahre recht – imperialistische Propaganda. Was mich nicht davon abhält, mich über James-Bond-Filme zu amüsieren. (Die James-Bond-Romane sind inhaltlich so ärgerlich, dass mir das Lachen vergeht.)

    Noch etwas: Ich frage mich übrigens ernsthaft, was dahinter steht, dass du schreibst: „Und ich will einfach nicht, dass Caspar David Friedrich meine Geschichte ist“ – entweder mag man diesen Maler der Romantik, oder man mag ihn nicht. (Ich schätze ihn übrigens sehr, eine Reproduktion seines „Eismeer“ hing lange Zeit bei mir überm Schreibtisch. Heute hängt da ein von mir selbst gemaltes Bild, rauschhaft-expressiv gemalt, aber unverkennbar „romantisch“ geprägt – ja, Friedrich und die Romantiker sind Teil meiner Biographie.)
    Ich kann mir meine Geschichte – meine persönlich, wie die Deutschlands – nicht aussuchen. Ich kann sie lediglich reflektieren und bewerten. Richard Wagners Verzerrung „nordischer“ / „germanischer“ Mythen, vor allem im „Ring des Nibelungen“ halte ich für schwer erträglich – die „Thor“-Comic-Verfilmungen werden ihnen glatt mehr gerecht. Zu Wagners überall durchschimmerndem „deutsch-völkischen“ und antisemitischen Weltbild brauche ich nicht viel zu sagen. Was nichts daran ändert, dass ich durchaus eine Schwäche für Wagner als Komponisten habe.

  7. MartinM Dezember 1, 2013 um 10:44 am

    Nebenbei: ich sehe Vodou als Teil „meiner“ (angeeigneten) persönlichen Geschichte – auch wenn ich Weiß bin – wenn auch nicht in selben Maße wie „nordische Mythen“ Teil „meiner“ Geschichte sind – und auch die ist „nur“ angeeignet, wer was von „arteigener Religion“ oder „Rückkehr zur Alten Sitte unsere Ahnen“ redet, redet nach meinem bescheidenen Urteil „Blut & & Boden“ durchtränkten Unfug.

  8. momorulez Dezember 1, 2013 um 11:02 am

    Was dahinter steht ist, dass gerade die Beschäftigung mit Kolonialismus und Co dann wieder dazu führen kann, den eigenen „Faschismushintergrund“ nicht mehr zu thematisieren. Gestern kursierte bei Facebook ein Video mit einem Zeitzeugen aus dem Ghetto in Riga. Da war mein Opa stationiert. Es wurde wahnsinnig viel über das „3. Reich“ bei uns geredet, darüber aber nicht.

    Was ich hier ja eigentlich versuche, ist, das alles zu kontextualisieren, ohne die Singularität zu leugnen oder zu relativieren. Was normalerweise passiert, ist, dass in Deutschland die Shoah und das Israel-Thema sich vor eine adäquate Beschäftigung mit dem Kolonialismus schieben, wofür nun wirklich niemand weniger was kann als Juden, was auch in antikolonialen Bewegungen regelmäßig vergessen wird.

    Ich versuche, dagegen anzuschreiben und muss mir doch immer wieder klar machen, vor welchem Hintergrund ich das tue.

    Und ich habe eine weit höhere Bereitschaft, Wagner da heran zu ziehen als Caspar David Friedrich. Natürlich immer wieder betonend, wie ungeheuer klar mir ja Antisemitismus und Präfaschismus und „Kulturnation im Mythos begründen“ usw. ist.

    Dahin kann das schnell umkippen, dass man auf einmal in die Vorstellung der Größe des eigenen, negativen Nationalismus kippt, vollends aufgeklärt, und anfängt, sehr merkwürdig zu kanonisieren. Das meinte ich.

    Ich fand diesen James Bond übrigens ungeheuer krass und gar nicht witzig. Ich habe den vor kurzem erstmals gesehen und habe mich echt erschrocken.

  9. lalberth Dezember 1, 2013 um 11:17 am

    Also das kreolische Zitat oben klingt eigentlich mehr nach dem Prinzip Shibboleth. Und das wiederum war eine religiös-ethnische Grenzziehung. Weil ich die PoC-Seite der Kulturfabrikationsdiskussion nicht allzu gut kenne: Gibt es auf dieser Seite eigentlich auch eine Diskussion um Erfindung eigener Traditionen, Widerstandsgeschichten, Selbstethnisierung usw. die nicht nach dem Prinzip eines strategischen Essentialismus verfahren? Das mag zunächst mal häretisch klingen, aber ein bißchen macht mir das
    Überschreibungsargument Bauchschmerzen. Es ist ja alles richtig, was da über Voodoo als Dämonisierung steht. Aber der Versuch, eine ethnische Geschichte zu schreiben, tragt ja immer noch das Stigma der Unterwerfung. Es sind ja zwei unterschiedliche Operationen: Das Aufzeigen von Herrschaft resp. das Sichtbarmachen des zugefugten Leides und der Versuch, die eigene Kultur wiederzu(er)finden. Ich sehe dass das politisch notwendig ist, herrschaftsanalytisch finde ich es problematisch (weil es sich immer noch einer kolonialistischen Praxis bedient), weiß allerdings auch überhaupt nicht, ob und wie das auf der PoC-Seite diskutiert wird. (Einfach weil ich mittlerweile meinen Glauben an eine authentische Kultur verloren habe).

  10. momorulez Dezember 1, 2013 um 11:29 am

    Zum zweiten Kommentar: Das mit dem hier einst statt gefunden habenden Schamanismus, der ja, so weit überhaupt überliefert, durchaus Ähnlichkeiten mit „afrikanischen“ Ahnenkulten, denen in China oder Nordamerika aufwies, das habe ich hier ja auch schon mal mit dem Millerntor in Verbindung gebracht. Was eine sehr allergische Reaktion von dieser katholischen Kuh aus Ches Umfeld nach sich zog.

    Mich ärgert das ja auch immer maßlos, dass diese Vorgeschichte der Christianisierung von den Nazis so krass verzerrend für alle Zeiten in Misskredit gebracht wurde.

    Das ist ja auch einer der Hintergründe des Textes oben: Dass bei Begriffen wie Trance, Rausch etc. der Umweg über rassistische Ikonographie gewählt wird, liegt ja auch an der Unkenntnis der sozusagen „inneren Kolonisierung“ der Kolonisatoren. Was nun weiß Gott nichts gleichsetzen soll. Die Story ist aber AUCH unendlich grausam, wie nicht nur die „Hexenverfolgung“ zeigt. Im Antiziganismus spielt sie auch eine riesige Rolle bis hin zu Stephen King.

    Aber in diesem Zitat aus dem Vodou-Blog zur „Rettung der Seelen“ steckt ja auch die Geschichte Europas mit drin. Während im Katholizismus mehr als bei den Protestanten sehr viel „magisches Erbe“ bewahrt wurde – dass die Heiligenverehrung die Möglichkeit für Versklavte war, „afrikanische“ Gottheiten und Ahnenkult weiter zu verehren, ist ja auch bekannt. Auch Taufe und Abendmahl sind ja magische Reste, und im Mittelpunkt der Religion steht ein Menschenopfer, das erst bei Johannes gottgleich wurde, vorsichtshalber. Also hängt da genau das, was Juden und anderen Jahrtausende angedichtet wurde, und wird angebetet – nur dass die Täter vorsichtshalber die anderen waren. Als hätte sich das Christentum nicht dadurch durchgesetzt, dass es mit dem heidnischen, römischen Reich fusionierte und erst mal Kultur drastisch verarmte.

    So wird aber in „imagined Voodoo“ ganz viel hinein projiziert, was hier als Ausgegrenztes tatsächlich komplett tabuisiert wird, was sich bis in die Drogengesetzgebung zieht. Und das ist Teil der rassistischen Matrix, diese Projektion, und kann gewaltig nach hinten los gehen.

    Würde das im Stadion thematisiert, dann hätte das ja was. So wurden halt Symbole in den Raum geworfen, die derart komplex sind und so durchdrungen mit dem Schatten der „Zivilisationsgeschichte“, dass in der Tat die eigene Geschichte gleich wieder mit „bereinigt“ wurde.

    Da bin ich ganz bei Dir. Deshalb finde ich ja auch so gut, was ihr macht. Das kennen nur die meisten hier vermutlich gar nicht.

  11. momorulez Dezember 1, 2013 um 11:41 am

    @Lars:

    Ich glaube, das muss man sich dann als Weißer auch erstmal leisten können, sich in diese Ortlosigkeit hinein zu denken. Ich würde das mal unter „White Supremacy“ verbuchen. Immer schon der schlauere Schritt weiter.

    Der Witz ist doch, dass das, was als eigene Geschichtsschreibung einfach notwendig ist, einfach das thematisiert, was als Stigmatisierung, Herabwürdigung, buchstäbliche Vernichtung sowieso präsent ist. Dafür ist die Choreo doch ein gutes Beispiel. Das steht alles eh in Geschichts- und Kinderbüchern, ist in Filmen zu sehen und ist eine der Grundlagen weißer Kulturen.

    Und dass zudem die ganze eurozentristische Sicht Weltmeister im Ausradieren von den mannigfaltigen Spuren nicht-weißer Einflüsse ist, um dann immer noch und immer wieder kulturell-historische Überlegenheit zu behaupten.

    Klar gibt es diese „Erfindung von Traditionen“, z.B. „Homosexualität als unafrikanisch“. Worauf dann „Forcolouredboys“ wiederum mit Geschichtsschreibung antworten.

    Das wirst Du auch nicht weg bekommen, die historische Begründung, weil Geschichte das Jetzt halt prägt. Letztlich geht es um Macht und Gegenmacht, und da kann man, glaube ich, schlecht die unbefleckte Empfängnis spielen.

  12. lalberth Dezember 1, 2013 um 12:46 pm

    So lese ich das ja auch: als gegenmächtige Selbstdefinition. Mein Argument war ja, dass es keine unbefleckte Empfängnis gibt. Und dass die eigenen Erzählungen eben noch Ausdruck des Kolonialismus sind. Wie gesagt: politisch vermutlich der einzige gangbare Weg. Aber analytisch deswegen ein Problem, weil man nicht einfach davon ausgehen kann, dass die Ausübung von Herrschaft auf der Seite der Beherrschten notwendigerweise zu denselben Erfahrungen führt. Ich bin ja weit davon entfernt zu fordern: Jetzt relativiert euch doch mal! Interessant fände ich solche Bewegungen dann aber schon auch. Dahinter steht aber auch ganz klar ein anderes Geschichtsverständnis. Eines, dass von der Gegenwart als Bedingung von Erkenntnis ausgeht.

  13. momorulez Dezember 1, 2013 um 2:09 pm

    Na ja, was anderes als die Gegenwart haben wir nun mal nicht. Und ist ja nicht so, dass das, was in dem „Dream of Ginen“-Blog steht, nun falsch wäre oder unwirksam. Die eurozentrische Sicht ist falsch.

    Ich halte es ja schon mit Foucault in dem „Aufklärungs“-Aufsatz, dass es möglich ist, die Frage nach der Aktualität und der historischen Situation zu stellen und daraus Vorgeschichten zu entwickeln. Ohne auf Universalien zu pochen oder nun eben jene Vernunft, die brutal unterwarf, selbst als Medium der Geschichtsschreibung notwendig anzuwenden. Deswegen glaube ich auch zunehmend weniger, dass die Wissenschaft, wie wir sie kennen, da unbedingt das Medium der Aufklärung ist. Sondern dass z.B. Musik das sein kann, der Film, die Performance (durchaus auch Choreos), die bildende Kunst. Bin, je länger ich da rum suche, irgendwie wieder irgendwo gelandet, wo ich ganz am Anfang meines Studiums schon mal war.

  14. lalberth Dezember 1, 2013 um 2:21 pm

    D’accord (bis auf die Absage an Wissenschaftlichkeit: ich kann halt nix anderes). Mich interessiert halt einfach der Plural der Vorgeschichten. Mein Unbehagen liegt aber auf der Seite der Verwendung von Universalkategorien, wie die Annahme einer Kultur, die ja stets nur rekursiv im Abgleich mit anderen entsteht. Kultur als besonders ist eben nicht als Monade zu haben. Natürlich stimmt, was da steht. Aber es stimmt, weil es sich gegen ein Herrschaftsnarrativ richtet das systematisch ausblendete und Erfahrungen verwarf. Nicht, weil es aus sich heraus wahr wäre. Ganz Foucault: Wahrheit ist eine Funktion im Diskurs.

  15. momorulez Dezember 1, 2013 um 2:42 pm

    Ja. Weil halt alle Aufklärer auch gesellschaftliche Akteure sind.

    Wir sind da auch gar nicht so weit auseinander. Das war auch weniger eine Absage an die Wissenschaft im Grundsätzlichen; bei der Etablierung dessen, was wir hier diskutieren, hat sie halt eifrig mit geholfen, und die Wissens- etc.-Überlieferungen Marginalisierter sind halt auf anderen Kanälen geschippert, weil sie gar nicht die Möglichkeit hatten, in Universitäten und an dem, was es an eurozentrischer Wissenschaftsgeschichtsschreibung gibt, mitzuschrauben. Es geht mir da eher um eine Aufwertung anderer Formen.

    Für mich war neulich so ein Aha-Erlebnis noch mal das Abschlusskonzert meines Sax-Lehrers an der Hochschule für Musik und Theater. Die ist am Ende der Milchstraße in Pöseldorf an der Alster, eine Wohngegend für Leute mit sehr viel Geld.

    Er wird in Deutschland nicht „weiß“ gelesen, aber auch nicht schwarz, eher, doofes Wort, „indigen“. Und hat im Rahmen des Studiengangs Jazz mit den hochkomplexen Mitteln lateinamerikanischer Rhythmik (deren Geschichte an sich schon sehr spannend ist) und der Jazz-Harmonik (und deutlich darüber hinaus) kompositorisch eine derart elegante und großartige Attacke auf „Klassik = Hochkultur“ und zugleich die US-zentrierte Jazz-Geschichte gefahren, das war schon dolle. Übrigens bei Anerkennung von beidem.

    Gerade in dem Rahmen. Und sein NDR-Big Band-Professor war ganz schön beeindruckt.

    Das Ganze stand aber irgendwie zudem noch in der Tradition des Nueva Cancion, das ja auch eine Aneignung der Traditionen der Landbevölkerung in emanzipatorischer Hinsjcht war, weil in Lateinamerika das Thema „Großgrundbesitz“ so ungeheuer zentral ist, man googele z.B. Mapuche und Benneton.

    Das kannst Du zwar irgendwie in objektivierender Wissenschaftsdraufschau thematisieren, das wandelt sich dann aber zu etwas ganz anderem. Darum ging es mir.

  16. lalberth Dezember 1, 2013 um 5:42 pm

    Da bin ich wieder bei Dir. Vor allem wenn es um die Aufwertung anderer Formen geht. Aber wie macht man das? Der verlinkte Text zu den Rastalocken zeigt ja, dass es schwierig wird, sobald man aus der verstehend-zuhörenden Rolle ausschert. Worin unterscheidet sich das z.B. von der Verwendung der Pentatonik oder dem Call-Response-Prinzip in der Musik? Als Weißer stehe ich ja vor dem Problem, auf sagen wir Praktiken zurückzugreifen. Und hier in Schweden sieht man das ganz häufig, blonde Rastalocken. Deren Kolonialisierungsproblematik entzündet sich aber eher am Umgang mit den Sami und den Finnen. Da besteht noch nicht mal ein Deutungsrahmen für dies Differenz weiß-PoC jenseits der Immigrantenfrage, die aber eben nicht aus ehemaligen Herrschaftsterritorien Schwedens stammen. Ich habe da aber keine Antworten, sondern nur Fragen.

  17. momorulez Dezember 1, 2013 um 6:15 pm

    Ich ja auch nur 😀 – und mache hier ja auch nicht viel mehr, als sie zu stellen.

    Ich glaube, der eine Weg ist, die eigenen Priviligien zu nutzen, um marginalisierten Stimmen Gehör zu verschaffen, und dabei einen Schritt zurück zu treten, das nicht wieder nur zum eigenen Thema zu machen und gleich wieder zu okkupieren. Das habe ich im Job nun um die 10 Jahre gemacht, ich glaube, auch ganz gut, und suche ja gerade selbst den nächsten Schritt. Im Einzelblog ist das schwieriger, deshalb mühe ich mich hier ja oft um Intersektionalität. Und natürlich entstand auch im Job das Problem, dass ich Geld dafür bekam, die anderen aber oft nicht. Allerdings war ab der Selbstständigkeit auch das Risiko gewaltig, und es war immerhin mit PoC-Kompagnon.

    Der andere Weg ist, so hoffe ich, die Kommunikation mit Formen, in der die eigene Position, der eigene Blick auch reflexiv Thema ist und etwas Hybrides, hoffentlich Widerständiges entsteht. Und auch eine Auseinandersetzung statt findet mit dem, worauf man sich bezieht, im Sinne des Respekts vor anderer Erfahrung. Das Problem bei den Dreads ist ja, dass da eine reine Äußerlichkeit sich angeklebt wird, ohne sich mit der Historie zu beschäftigen. Ich glaube auch nicht, dass unsere Ultras sich vorher damit auseinander gesetzt haben, auf was für ein Feld sie sich begeben, kann mich da aber irren.

    Ich suche ja immer Felder, wo solche Hybriditäten entstanden sind, ohne dass wieder gleich weiße Dominanz sich formierte. Dieses ganze Keith Haring-Jean-Michel Basquiat-New-Yorker-Club-Kultur-jenseits-des-CBGB-Feld ist so eines andeutungsweise, mehr auch nicht, House-Music auch, Disco auch, der britische Post-Punk, gerade auch The Specials und 2Tones, ebenfalls. Die allesamt auch eine Reflektion in der postmodernen Philosophie erfuhren, wenn auch im Falle Basquiats in den Black Cultures erst Anfang der 90er.

    Die Jazz-Historie ist auch so ein Feld, wenn auch ganz anders. Da sind die Ursprünge schwarz, unter haarsträubenden Bedingungen wie jener der Segregation gab es aber früh schon Kommunikationen mit schwulen, weißen Komponisten, zum Beispiel. Umgekehrt ist derart klar, dass Louis Armstrong, Coleman Hawkins, Ella Fitzgerald, Billie Holiday, Charlie Parker, Miles Davis und Coltrane die Riesen sind, dass alles zur Verbeugung wird. Am wenigsten übrigens beim skandinavischen Jazz 😀 …

    Da kann man sich zumindest ran robben, glaube ich, ohne nun gleich wieder die Empowerment-Felder zu verdrängen.

    Als Problem sehe ich nur mittlerweile, dass einfach gar keine Institutionen gibt, die all die Trennungen mal wirklich aufbrechen. Als ich neulich bei dieser Tagung meinte, dass mir eine filmische Reflektion, die Mediensoziologen und Filmwissenschaftler in den Blick nimmt, fehlen würde, wurde hochallergisch reagiert und mir mit Veröffentlichungslisten geantwortet 😀 … da sitzen alle zementiert auf den immer kleiner werdenden Fleischtöpfen und mauern. Und haben ja auch panische Angst vor Infragestellung.

  18. lalberth Dezember 1, 2013 um 6:46 pm

    Ich frage mich das auch deswegen, weil ich hier in Schweden den Leuten qualitative Forschung beibringen soll und als ich die ganze Ethnographie aufrollte, noch einmal die Diskussionen um die Macht der Repräsentation in der Ethnologie mir durchsah. Was ja genau Deine Problematik ist: Wie Räume für andere Stimmen bereitzustellen, ohne zu dominieren. Und da gab es ja auf der anderen Seite immer die kulturrelativistische Position seit Boas, Mead etc. (Malinowski’s native’s point of view – der dann vom Rassismus der Person entzaubert wurde) und das ’nosing around‘ der frühen Chicago School – was zunächst mal eine Aufforderung war, hinzugehen, zuzuschauen, zuzuhören. Und zu berichten. Ein bisschen hab ich das ja mit meiner Diss versucht, die Repräsentationspraktiken von Ethnologie, Soziologie und philosophischer Anthropologie zu dekonstruieren.

  19. momorulez Dezember 1, 2013 um 7:03 pm

    Ich glaube ja gar nicht, dass das „kulturrelativistisch“ ist. Das ist einfach an der Wahrheit orientiert und selbst eine Art Ethik der Forschung, die Respekt vor ihrem „Gegenstand“ hat. Ich glaube, es ist problemlos möglich, Homophobie Scheiße zu finden, das auch von Anderen zu fordern und trotzdem emphatisch und offen Jamaicanern zu lauschen, ohne durch die Fragestellung schon irgendwas in das Ergebnis hinein zu tragen.

    War ja nie der Methodenfreak; aber was ich einst in „Kognitive Ethnologie im Feld: Probleme und Methoden der Datenerhebung“ lernte, war für mich auch im Journalismus maßgeblich: Offene Fragen stellen. Das gilt nicht für das Politikerinterview, aber ansonsten meistens schon. Die Ergebnisse waren einfach wahrer selbst dann, wenn Images bedient wurden, weil ich etwas über Selbstverständnisse erfuhr.

    Wir haben damals in meinem einen Ethnologie-Semester die Subkultur der Schauspielschüler erforscht 😀 – unter anderem einen, der später bei „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ mitspielte. Und die Methodik war sprachanalytisch und ging in der Auswertung über das Fachvokabular. Uns trieb das damals zu der steilen These, bei Schauspielschülern handele es sich gar nicht um eine Sub-, sondern um eine Meta-Kultur 😉 …

  20. lalberth Dezember 1, 2013 um 11:01 pm

    Ja. Ich bin ja auch eher der Forschungspraktiker als der Methodiker. Das ist ja die Haltung um die es u s beiden geht. Nichtsdestotrotz passiert ja was mit den Dingen, wenn wir sie theoretisch zu erfassen suchen. Und an einem gewissen Punkt tut man den Gehörten oder Beobachteten immer unrecht, weil die Konzepte, die wir ihnen überstülpen dann doch auch Fremddefinitionen sind. Ich kenne z.B. tatsächlich keinen einzigen Fall in dem die Betroffenen sagten: Wir sind eine Subkultur. Punks, Popper, Skins… whatever. Abeer eben keine Subkultur.

  21. momorulez Dezember 1, 2013 um 11:28 pm

    Ich fühle mich manchmal wie eine 1-Mensch-Subkultur 🙂 … und wegen dem, was Du scheinst, sollte sich das Selbstverständnis der Wissenschaften vielleicht auch stärker daran orientieren.

  22. Pingback: 3 Tage, 0 Punkte – JHV, #FotN und #FCSP nutzt gegen Köln daheim die Chancen nicht | KleinerTods FC St. Pauli Blog

  23. Realitätbrennt Dezember 3, 2013 um 7:30 pm

    Zitate aus Beethoven-Symphonien sind also rasssistische oder suprematistische Praktiken?
    Gut zu wissen. Was genau wurde da eigentlich zitiert? Muss ja was richtig Böses sein.

  24. momorulez Dezember 3, 2013 um 10:56 pm

    „Freude schöner Voodoozauber“ oder so ähnlich. Und wenn eh schon „Voodoo“ in Hollywood-Manier exotisiert und somit gleichzeitig Realgeschichte verborgen wird, bewegt sich zumindest unreflektiert in der rassistischen Matrix. Beethoven on top ist noch ein Entwertungsschritt mehr. Danke aber für die Mühe, Dich auf den Eintrag so ganz und gar einzulassen 😉 …

  25. Realitätbrennt Dezember 3, 2013 um 11:15 pm

    Bin gerade beim Regalbau. Wohnzimmer neu einrichten. Das nimmt mich etwas mehr in Anspruch, da bitte ich oberflächliche Oberflächlichkeiten meinerseits zu entschuldigen. Dennoch meine ich deinen Beitrag nicht nur überflogen zu haben. Ob das jetzt für dich bedeutsam ist weiß ich nicht. „Freude schöner Voodoozauber“ klingt erstmal schräg. Habe da schlicht keine Idee, worauf da angespielt wird. Klingt wie ein Mashup. Den Umstand dass sich St.Paulianer Ultras eher bei dem bedienen, was allgemein bekannt ist, finde ich nicht überraschend und erst mal nicht so entwertend, von der Absicht her. Das ist einfach so. Du orientierst dich vermutlich auch mehr an den Sachen die du halt kennst. Trotzdem habe ich null Idee was das soll und worauf das anspielt.

    Und jetzt bitte nicht wegen der Formulierung böse sein – auch wenn ich sie mag, für mich sind Choreos überhaupt so eine Art Vodoo…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s