Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Ein paar Worte zur JHV des FC St. Pauli 2013

Habe ja nur den Anfang mit bekommen. Von der JHV, meine ich. Wollte erst gar nicht hin gehen und dachte dann „Hey, wäre jetzt aber feige!“

Stellte schnell fest, dass Kontroversen mit einzelnen Mitgliedern meines ehemaligen Fanclubs (und weit darüber hinaus) trotz ggf. falsch verstandener Formulierungen doch sehr viel Substanz haben und nichts Beiläufiges sind. Da kann man sich noch so mögen und wechselseitig schätzen, der Konflikt ist, wie hier in den letzten Tagen oft wortreich ausgeführt, schon von einer nicht zu unterschätzenden Reichweite. Wie auch in ganz anderen Zusammenhängen geführte Gespräche mit wahren Urgesteinen der linken Szene Hamburgs offenbarten.

Sehr schöne Begegnungen erlebte ich mit aktiven Mitgliedern von 1910 e.V., das tat sehr gut.

Lauschte der Rede Stefan Orths und fand das inhaltlich, verglichen mit dem letzten Jahr, schon enorm, was in 12 Monaten alles bewegt wurde. Wie vorab geschrieben.

Heute lese ich nun, wie sich allesamt über die Wortfindungsschwierigkeiten eines offenkundig sehr Aufgeregten amüsieren.

Der Dünkel geht mir auf die Nerven – einerseits rote Fahnen schwenken, dann aber in die tiefste Distinktionsmottenkiste greifen, wenn es um Sprache geht.

Genau dieses Gelästere ist auch zentrales Element in der Stabilisierung der Klassengesellschaft und steckt noch hinter den Protesten gegen die Schulreform, übrigens. Wenn jetzt bei Twitter das „Repräsentieren“ so hervor gehoben wird – es ist schon lustig, wenn allesamt großartig gegen Gentrifizierung wettern, dann aber auf einmal so einen geschliffenen Lackaffen wie die ganzen Vorstandsvorsitzenden sonst so erwarten.

Noch kurioser wird das Ganze, vergleicht es mit Reaktionen auf Corny.

Dessen rhetorische Fähigkeiten nun echt großartig waren – und vieles an Hass, den er auf sich zog, speiste sich ja schlicht aus Unterlegenheitsgefühlen. Dem waren die Großsprecher auf den Rängen halt einfach nicht gewachsen.

Das ist nur in emanzipatorischer Perspektive ein ziemlich seltsames Spiel in vielerlei Hinsicht: An dem schwulen Präsidenten arbeitet sich die Crowd bis hin zu den seinen Sex-Witzchen unendlich aufgebracht ab. Der Papi mit der Kleinbürgeraura hingegen ist akzeptiert, weil man sich ihm in Habitus und Sprache so schön überlegen fühlen kann, weil er vermutlich auch an den zu Hause erinnert.

Das soll nun nicht heißen, dass es an Corny nicht auch viel zu kritisieren gegeben hätte.

Aber man merkt schon, wie eine heteronormative, durch Kleinfamilien geprägte Gesellschaft funktioniert, wenn man das vergleicht. Corny wurde noch Schauspielerei und werweißnichtwas angedichtet, letztlich sein Charisma vorgeworfen. Sich wahlweise wohlwollemd oder hämisch über den in die Witzigkeit getwitterten, weil in pubertärer Größenfantasie stets und immer neu überwundenen nicht ganz so Souveränen zu erheben – meine Güte, wie oft habe ich genau das Spiel in Familien beobachten dürfen. Da macht sogar Psychoanalyse auf einmal Sinn. In 20 Jahren Berufserfahrung fand ich eh immer frappierend, wie massiv sich psychologisch Familienschemata reproduzieren.

Womit sich ja immer auch die Frage stellt, wie ernst das nun eigentlich gemeint ist mit all den proklamierten Inhalten „der Fanszene“.

Gibt ja immer zwei Möglichkeiten: Entweder sucht man Identität in Abgrenzung, um sich geiler, cooler, toller als Andere fühlen zu können. Dann kann man es im Grunde genommen auch bleiben lassen; ist halt Ego-Futter, mehr nicht.

Oder man findet Inhalte richtig und steht zu ihnen ganz unabhängig davon, wie sie sich in Relation zu anderen darstellen. Da ist dann was draus zu machen.

Ich fand ja eher bedeutsam, dass bei einem bestimmten Panel bei „Fussball und Liebe“ Stefan Orth konsequent den Antisexismus-Aspekt vergaß und sich nur auf Homophobie fokussierte. Da wird dran zu arbeiten sein.

Ansonsten ist das schon bemerkenswert, was für eine gewaltige Kurve dieses Präsidium und die Geschäftsstelle hin bekommen haben. Wie schon vorab geschrieben. Da wäre echt mehr Applaus drin gewesen. Sie sind in der Lage, aus Fehlern zu lernen und sich trotzdem vor der „aktiven Fanszene“ zu verbeugen, das hat durchaus auch Größe.

Nachdem Corny eher in seiner ureigenen Art sich als „Macher-Visionär“ bis in die 1. Liga durchsetzte und dabei ganz schön was einstecken musste, wirkt das aktuelle Präsidium nach desaströsen Anfangsschwierigkeiten so, als würde es sich auf Moderieren, Konsolidieren, Ausbauen und auch die Pflege der eher kulturellen Fundamente verlegen. Um den Laden zusammen zu halten. Das ist eine ziemlich gute Entwicklung.

Mir wurde mal als Machtregel Nr. 1 gelehrt „Niemals anerkennen, was jemand anders tut“. Kann ich gut 😀 …

Das heißt im Umkehrschluss, dass wechselseitige Anerkennung einen Weg in machtfreiere Räume bahnen kann. Ich finde schon, dass das aktuelle Präsidium davon mehr verdient hätte als Gewitzel über Stilfragen.

Dann kann doch über alle weiteren Optimierungsschritte viel besser geredet werden. Denn das hört ja nie auf, dass solche folgen müssen.

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