Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Wollen wir die emanzipierte Gesellschaft wirklich?

Dieser Text ist zu wichtig, als dass man ihn unverlinkt lassen könnte:

Es ist ein Skandal, wenn auch keine Überraschung, dass das MCTC eine solch rückständige Philosophie befürwortet, die das Wohlbehagen von zwei weißen, männlichen Studenten als gesunden Schwerpunkt einer Diskussion um strukturellen Rassismus ins Zentrum rückt. Es mangelt nicht an Ironie, dass eine brilliante Woman of Color und Professorin für das Führen einer Diskussion um strukturellen Rassismus diszipliniert wird, wenn diese bei weißen, männlichen Studenten Unwohlsein auslöst, und weiterhin zu einem Training geschickt wird, das die Universität unverschämterweise als Nachhilfe in interkultureller Kompetenz für Prof. Gibney darstellt.“

Er ist deshalb so wichtig, weil – wie mehrfach in ihm hervor gehoben – ein weiß dominiertes System sich anmaßt, Women of Colour zu maßregeln, dass sie doch bitte weiße Männer zu „pleasen“ und Geschichte und Gegenwart zu klittern hätten.

Er wirft aber implizit eine Frage auf, die auch dieses Blog begleitet, zu allerlei Zerwürfnissen führte und Freunde von mir immer weiter in eigenen vier Wände treibt: Geht das überhaupt, freundlich-einvernehmliche Formen der Kritik zu üben, ohne den Paternalismus der „Toleranten“ zu bedienen? Wie denn? Erzählt mal!

Die ja von selbst wenig Mühe aufbringen, sich als Teil eines Systems zu begreifen, dass auf Ausgrenzung, Totschweigen und Dominanz immer der gleichen ruht. Es geht ja immer so lange gut, da es wahlweise „die Anderen“ sind oder die Assymmetrie halbwegs unangetastet bleibt. Bis hin zu Frau Merkel und Herrn Gabriel. Wenn irgendeine Form von Supremacy bedjent wird.

Wie bei Herrn Neumann, der dünkelhaft und wilhelminisch Betroffene auffordert und belehrt, doch das hehre Erbe des postnazistischen Rechtsstaates als tolle historische Leistung anzuerkennen – dass diese dann abschieben wird.

Und sich ganz fürchterlich verletzt zeigt, dass seinen Mitarbeitern gar Rassismus diagnostiziert wird.

Woher kommt eigentlich dieses abstruse Vorbeigucken, Wegsehen, Fantasieren?

Das muss ja mehr sein als nur die Abwehr aufgrund narzißtischer Kränkung – das ist immer auch die Erwartungshaltung an Andere, doch bitte zugewiesene Rollen zu spielen, weil man sich doch ach so rührend „kümmere“. Ein multiples Beleidigtsein, sozusagen. Wir tun doch so viel! Und hindern die Anderen an der Mitwirkung.

Was natürlich darin gründet, dass auch jene, die gegen Homophobie wettern, zumeist nicht in der Lage sind, Heteronormativität in Frage zu stellen.

Dass auch viele, die ach so wacker gegen Rassismus kämpfen, psychologisch so nachhaltig darauf angewiesen sind, Geschichte als unbestrittenen „Weg zu Besseren“ zu begreifen (notfalls in der je eigegen Subkultur) und um ihr mythisches Weltbild des Postrassismus kämpfen. Während sie eben diese Geschichte als Legitimation für jeden noch so blöden rassistischen Kalauer nutzen, für jegliche Ignoranz, das eigene Ungebildetsein in relevanten Fragen abzuschotten.

Die Kommentare weiter unten im Blog gehen mir nicht aus dem Kopf:

Es gibt einfach nichts, was GesamtSchland mehr auf die Palme bringt, als Schwarze Leute, die sagen, dass sie keine Ausländer oder Touristen oder unterwürfig sind, sondern dieses Schland ihres ist, und sie ihre eigenen Institutionen gern ohne rassistische Scheiße betrieben hätten. Da greift dann plötzlich auch nicht mehr der im Kindergarten erlernte Herablassungsreflex »Hilfe für die Menschen aus Afrika« (…)

Jedenfalls kenne ich genügend Leute mit genügend Grips und auch Eigeninteresse daran, rassistische sexistische Dominanzpräsentationen nicht gut zu finden, die in solchen Situationen über sehr leises und diffuses Bauchweh nicht hinaus kommen. Ich kenne das auch von mir selbst, immer seltener, aber es passiert noch. Weil wir und unsere Erfahrungen schon so entwertet wurden, dass das Hören auf das eigene Bauchweh automatisch lächerlich gemacht wird, dass es bestraft wird, sich selbst zu spüren, die Antwort auf “aua” allzuoft Drauftreten ist, kann nicht reagiert (genauer: interagiert) werden. Und weil unser Handeln, selbst wenn es unendlich konstruktiv ist, als Aggression fehlgedeutet wird. Nur im Verdrängen und Wegstecken/Wegsehen-statt-stop-sagen haben alle in Schland viel Übung. Wir müssen das alle ent-lernen und dafür das Menschliche er-lernen

.“

Die „Empfindlichkeiten“ in den USA sind bei manchen Fragen vermutlich deshalb noch etwas verschoben, weil die Geschichte der Sklaverei dort präsenter ist, während hier der Rekurs auf das „3. Reich“ sich vor die Historie von PoC in Deutschland, vom Profitieren in Dreieckshandel und Kolonialismus schiebt und alles noch viel schlimmer macht.

Ansonsten macht der Fall in den USA sehr deutlich, wessen Empfindlichkeit was zählt und wem sie wegtrainiert werden soll.

Das Schlimme ist: Der Preis für alle ist so verdammt hoch. Mrs. Next Match bringt es ja auf den Punkt: Das Menschliche im emphatischen Sinne wurde längst verlernt.

Die politische Herausforderung, die darin steckt, wird zumeist gar nicht begriffen.

Weil allesamt, die vorgeben, für eine emanzipierte Gesellschaft zu kämpfen, so darauf eingerichtet sind, sich ganztägig damit zu beschäftigen, wogegen sie sind – Nazis, Gentrifizierung, Kommerz, der Rassismus immer bei den anderen – dass ihnen irgendwie abhanden kommt, welche Ziele sie tatsächlich gerade schwerpunktmäßig verfolgen. Studium, Freundin/Freund, Job in der Werbeagentur oder dem Reisekonzern, Kinder, Kleinfamilie. Und sie gar nicht merken, wem sie dabei in der Regel NICHT oder kaum und schon gar nicht auf dem eigenen Terrain zu begegnen: Den tolerant Geduldeten halt. Und wenn es denn mal eine Chefin und kein Chef ist, dann möchte ich die Sätze in der Kaffeeküche lieber nicht hören.

Irgendwer fragte neulich bei Twitter, was wir mit einer emanzipierten Gesellschaft denn anfangen würden. Die gesamte linke Szene würde eine Nervenzusammenbruch bekommen, weil die ganzen Aktionsfelder weg wären.

Ich fände es so traumhaft, tatsächlich in einer Gesellschaft zu leben, in der Heteronormativität überwunden wäre, Mrs. Next Match sich nicht in ALLEN gesellschaftlichen und kulturellen Feldern den Raum erst erkämpfen müsste, um immer wieder neu mit Bevormundung, Herabwürdigung und im schlimmsten Fall den Drohungen von Mord und Totschlag belegt zu werden.

In der keine auf die Idee käme, #aufschrei zu starten, weil es schlichtweg nicht nötig wäre.

In der es als menschliche Selbstverständlichkeit verstanden würde, Menschen in Not zu helfen, statt sie mit graduell je brutaleren Waffen von Hartz IV bis zu Abschiebung zu bedrohen.

Es ist nicht so, dass Konkurrenz das Geschäft belebt. Machen wir uns doch nichts vor: So überragend großartig und akut immens wichtig die Solidarität mit unseren Lampedusa-Flüchtlingen ist, die gleiche Solidarität erfahren der Braune Mob oder der ISD nicht. Das führt zu symbolischen und tatsächlichen Toden, nicht zur Belebung.

Sobald die Symmetrie formal da ist, werden im stets geschürten Verteilungskampf einfach andere Mittel ausgepackt, von den Geldtöpfen und anderen Formen des Kapitals abzuhalten.

Eine Welt der Fülle und Solidarität ist möglich.

Aber wer will sie denn nun wirklich?

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19 Antworten zu “Wollen wir die emanzipierte Gesellschaft wirklich?

  1. MartinM November 27, 2013 um 4:47 pm

    Tja, ich vermute mal, das geht auch an meine Adresse. Bzw. ich habe den dringenden Verdacht, dass der Schuh mir passen könnte, „Weil allesamt, die vorgeben, für eine emanzipierte Gesellschaft zu kämpfen, so darauf eingerichtet sind, sich ganztägig damit zu beschäftigen, wogegen sie sind – Nazis, Gentrifizierung, Kommerz, der Rassismus immer bei den anderen – dass ihnen irgendwie abhanden kommt, welche Ziele sie tatsächlich gerade schwerpunktmäßig verfolgen.“
    Wobei mein Ziel ja eher das ist, aus eine nach wie vor äußerst prekären beruflichen usw. Situation herauszukommen. Vielleicht legitim, aber, wie ich eingestehen muss, stark mit der Angst besetzt, die Privilegien, die ich trotz allem noch geniesse, verlieren zu können. (Wobei ich ja, rational gesehen, längst begriffen habe, dass Privilegien von der Art „regelmäßig genug zu essen haben“ bis „Freiheit der Meinungsäußerung haben“ etwas sind, was allen Menschen zusteht – die verliere ich also nicht, wenn alle sie haben.
    Es gibt allerdings noch eine andere Art Privilegien, dass sind die, die anderen schaden, wenn ich sie ausübe, z. B. das Privileg, andere aufgrund eine vermeintlichen „Rassenzugehörigkeit“ abwerten, ausgrenzen, beleidigen und ganz handfest benachteiligen zu „dürfen“, ohne dafür ernste Konsequenzen tragen zu müssen. Diese Sorte Privileg steht niemandem zu.
    Privilegien kann ich als jemand, der sie hat, nicht einfach ablegen. Ich kann allenfalls versuchen, Privilegien, die anderen schaden, nicht auszuüben.

    (Und ich komme mir wieder mal wie „Captain Obvious“ vor.;)

  2. momorulez November 27, 2013 um 5:14 pm

    Du bist sooooo viel weniger gemeint als andere … ihr arbeitet doch an eurer Utopie, die auch nicht ausgrenzend funktioniert.

    Und Meinungsfreiheit gilt einfach nicht im selben Sinne für alle – Frauen, PoC, LGTB jeweils mit Abstufungen kriegen einfach sehr schnell einen übergebraten, wenn sie sich äußern. Ich habe komplett andere Reaktionen bei meinen Publikationsmöglichkeiten, die ich als weißer, bildungsbürgerlicher cis-Mann ja habe, erhalten, je nachdem, ob ich eine schwule Perspektive aufmachte oder nicht. Im ersteren Fall wurde zumeist irgendwann gemaßregelt – „nicht übertreiben“, „nicht zu viel davon“ usw.

    Dass Prekariat, in das man Dich stupste, dient ja auch der Aufrechterhaltung von Rassismen, weil sich im „teile und herrsche“ so gemütlich Politik machen lässt. Dass Du da selbst struggelst ist doch völlig normal. Was ich nicht mehr okay finde, ist, dass andere gar keinen Gedanken mehr daran verschwenden, wie es denn sonst laufen könnte. Und das war in den frühen 80ern echt noch anders.

    Bei allem anderen bin ich ganz bei Dir 🙂 ….

  3. Anonym November 28, 2013 um 3:38 pm

    Nicht so sehr zum verlinkten Text selbst, eher zum Kontext, in dem er er erschien:

    „Menschen sind Stachelschweine, deswegen muss Liebe so behutsam und umsichtig gemacht werden, und trotzdem sticht mensch sich…“ zitierte sinngemäss eine Freundin Jimi Hendrix.

    What Tami Said zum Thema:
    http://www.whattamisaid.com/2009/11/when-allies-fail-part-one.html
    „Our allies have to know that they will fail.“ – und danach? „Listen. (…) Don’t defend. (…) Allow us our anger. (…) Apologize. (…) (If Possible) Correct (…) Educate yourself. (…) Reaffirm your commitment.“

    Dieses Einmaleins kann die staatlich hochwohlgebildete Deutsche Critical Whiteness auswendig – würde sich aber handkehrum an ihrer inquisitorischen Überheblichkeit gegenüber ihresgleichen verschlucken, würde sie sich der Notwendigkeit dieses Scheiterns ausserhalb der universitären Käseglocke konkret aussetzen. Da gibt es keine formalisierten Selbstpositionierungsrituale, keine einfach erlernbaren und mit ECTS-Punkten belohnten Sprachcodes – aber die Missverständnisse, wenn a) es keine von allen beherrschte gemeinsame Sprache gibt (und der CW-Jargon ist selbst für uninitiierte Denglisch-Natives unverständlich) und b) White in durch und durch rassistischen bildungsbürgerlichen Verhältnissen sozialisiert wurde. Daraus resultiert notwendig das schmerzhafte tatsächliche Fail, danach die tatsächlichen Entschuldigungen, die tatsächliche „continued presence post-mistake“ im Versuch, das entstandene Misstrauen geduldig wieder abzubauen.

    Das auszuhalten zu wollen, ist die Bedingung der Möglichkeit einer emanzipierten Gesellschaft.

  4. momorulez November 28, 2013 um 3:50 pm

    Mal ab davon, dass mir diese überhebliche Haltung gegenüber CW auf die Nerven geht, weil sie sich ja selbst akademischer Überheblichkeit verdankt, während es im Alltag ziemlich einfach ist, über verschiedene Lebenserfahrungen zu verständigen dann, wenn die dominante Seite schlicht und ergreifend Bereitschaft zum Zuhören zeigt – dieses Formulieren von Anforderungen, dass nun wiederum die Marginalisierten gefälligst Leidensbereitschaft als Voraussetzung der Abschaffung des Leidens aufbringen sollen ist einfach eine Frechheit. Falls ich den fernab jeder „Street Credibility“ formulierten Text überhaupt richtig verstanden habe, vielleicht war ja auch gemeint, dass schlicht und ergreifend auszuhalten ist, dass Marginalisierte und kontinuierlich Diskredierte ein Recht auf Wut haben und gerade die Anderen das auszuhalten lernen müssen.

  5. Anonym November 29, 2013 um 11:29 am

    Es war *gerade* gemeint, “dass Marginalisierte und kontinuierlich Diskredierte ein Recht auf Wut haben und gerade die Anderen das auszuhalten lernen müssen” (völlig zu Recht skandalisiert wurde ja gerade die schnöde Umkehrung durch Privilegierte am MCTC). Nicht ausformuliert war der intendierte Antagonismus des mit Empathie verlinkten Texts von Tami und dessen Verwandlung in Jargon erst im Deutschen akademischen Kontext, “Einmaleins” wird er erst durch die extreme Verkürzung. Diesen Verwandlungsprozess visualisiert 1:1 das mit Leuchtmarker bewehrte akademische Lesen und Lernen, welches die spezifisch Deutsche CW im System institutionell generiert.

    Dass es eben gerade *nicht* schon “ziemlich einfach ist, (…) wenn die dominante Seite schlicht und ergreifend Bereitschaft zum Zuhören zeigt”, ist im Blog-Untertitel „Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich“ schon angelegt, wenn dieser verstanden wird als deutsche Übersetzung des ursprünglicheren “Kreyòl pale, Kreyòl konprann“ (Tip: Google Phrasensuche)

  6. momorulez November 29, 2013 um 11:35 am

    Dann sind wir uns ja im Grundsätzlichen zumindest einig 🙂 – es ist halt mittlerweile üblich, das hinter CW stehende Anliegen als lediglich akademisch zu verunglimpfen, und dem würde ich vehement widersprechen. Zudem es da ja um das Vordringen von Women of Colour in akademische Apparate geht und das für diese in der Regel echt nicht witzig ist ist.

    Und das Blog-Motto ist ein Adorno-Zitat; dass es da ein Original gibt, das wusste ich nicht und danke für den Hinweis!

  7. momorulez November 29, 2013 um 11:46 am

    PS: Wenn diese Erläuterung richtig ist, das gemeint ist und ich das richtig verstehe 😀

    http://dreamsofginen.wordpress.com/2012/05/02/kreyol-pale-kreyol-konprann-a-few-words-on-haitian-kreyol-in-the-study-of-haitian-vodou/

    dann ist das aber zumindest eine Akzentverschiebung. Adorno (und mein Blog-Motto) sehen ja schon die Möglichkeit des Hinhörens, Hinsehens usw. vor. Während im verlinkten Text eher eine Unmöglichkeit postuliert wird.

    Ich bezweifele auch, dass Adorno sich bei Redewendungen in haitianischen Kreolsprachen auskannte, die im Kontext des Voodoo stehen (wiederum richtiges Verständnis voraus gesetzt).

    Ich stimme Dir aber zu, dass das seiner – und meiner somit mit – Philosophie nicht schaden würde, so ganz und gar nicht …

  8. Anonym November 30, 2013 um 11:29 am

    Vorweg: Die Schreibweise „Voodoo“, ausgesprochen „wudu“ ist despektierlich und bezeichnet das Hollywood-Zerrbild des Vodou (frz. Vadou), ausgesprochen „wodu“. Hatte das „o“ mal zu wenig deutlich als „oo“ ausgesprochen und wurde freundlich, aber bestimmt korrigiert. Leider wird auch im ansonsten sehr erhellenden „Hegel und Haiti“ von Adorno-Gesamtausgabe-Mitherausgeberin Susan Buck-Morss erstere Schreibweise verwendet. Dieses wichtige Buch ist aber der einzige mir bekannte explizite Link zu Adorno.

    Die religiöse Praxis und Mythologie des Vodou ist (teilweise auch in Haiti selbst) dermassen mit einem Stigma behaftet, dass PoC hier nur ungern darüber sprechen. Wer als Weisser im Verdacht steht, „daran zu glauben“, gilt schlimmstenfalls als harmloser Spinner (wörtlich: „Ich habe noch so eine Voodoo-Puppe im Keller, willst du die?“), PoC hingegen gelten schnell als gemeingefährlich. Sich auf einen emphatischen Katholizismus zu beschränken, ist hierzulande offenbar schlicht einfacher und vor allem kollektiv praktikabler.

    Das Standardwerk zum Verständnis des Vodou ist seit 1953 das Buch „Divine Horsemen – The Living Gods of Haiti“ von Maya Deren. Der gleichnamige Film: http://youtu.be/pFKysfDdEwo wurde erst posthum zusammengeschnitten und ist ohne vorgängige Lektüre sehr missverständlich. Ein „carefully conceived plan for a film in which Haitian dance, as purely a dance form, would be combined (in montage principle) with various non-Haitian elements“ (S.5) erwies sich als unrealisierbar: „I had begun as an artist, as one who would manipulate the elements of a reality into a work of art in the image of my creative integrity; I end by recording, as humbly and accurately as I can, the logics of a reality which had forced me to recognize its integrity, and to abandon my manipulation.“ „It is this which encouraged me to undertake this book,“ (S.6)

    Online-Videos bilden heutzutage eine weitere Brücke zum Verständnis, vor allem für musikalische und tänzerische Menschen, etwa die meist in der haitianischen Diaspora in Miami entstandenen, z.T. mit erläuternden Untertiteln versehenen Aufnahmen von Benjamin Hebblethwaite: http://vimeo.com/user15368503 oder die manchmal wahrhaft überwältigenden Selbstdarstellungen der Societe Tipa Tipa aus Bainet in Haiti: http://www.youtube.com/user/dianap53

    Mit Liebe und Geduld gehört und gesehen offenbaren sie eine stupende Schönheit, doch hierzulande öffentlich aufgeführt würden sie eben nicht nur die Abgefilmten allgemeiner Lächerlichkeit und Verachtung preisgeben, vor allem in Gegenden, wo „alle Schwarzen gleich aussehen“.

  9. momorulez November 30, 2013 um 11:46 am

    Danke, wirklich 1000 Dank, ich finde das extrem spannend, lehrreich, hilfreich mühe mich, bei der Schreibweise auch darauf zu achten!

    Das wirklich Gruselige ist nämlich ergänzend, dass es gestern im Millerntor-Stadion eine Vodou-Choreographie, allerdings anders geschrieben, sehr arbeitsintensiv gestaltet, gab. Die ich im Stadion nur halb sehen konnte; was ich sah, kam mir angesichts dessen, dass es mutmaßlich vor allem von weißen Antifa-Jungs gestaltet wurde. Verlinke später noch mal ein Video.

    Da wurde sowohl in der Ikonographie „afrikanischer“ Masken gewildert als auch, wenn ich das richtig gesehen habe, inmitten dessen ein stereotypisierter „Vodou-Priester“, der aussah wie aus diesem fatalen James Bond, gezeigt.

    Nun habe ich noch mal ein wenig rum gegoogelt und finde das zunehmend, na, fragwürdig. Dass Vodou unter Bedingungen der Sklaverei die Möglichkeit bot, im Durchgang durch teils zum Schutz angeeignete katholische Symbole, sich westafrikanische Traditionsbestände anzueignen und fortzuschreiben, ähnlich wie beim Macumba in Brasilien, so hatte ich das bisher verstanden und bitte um Korrektur. Dass zudem in der Musik aus New Orleans wie auch dem Missisipi Delta man auch ein Vodou-Feeling hören kann, im frühen Jazz, bei Dr. John, meine ich auch vernommen zu haben.

    Findest Du das dann okay, das in einem Fussballstadion, wo offiziell ein antirassistisches Selbstverständnis herrscht, zu verballhornen?

  10. Anonym November 30, 2013 um 12:58 pm

    Ein initiierter haitianischer Vodou-Priester ist ein Houngan, eine Priesterin eine Mambo, syntaktisch verwendet wie der Titel Professorin. Der mit dem Hut aus dem James Bond stellt aber keinen Menschen dar, sondern den Loa oder Lwa Baron Samedi, erster Ghede, König der Friedhöfe, „Corpse and Phallus, King and Clown“ (Deren: 102). Ein sehr humorvoller Zeitgenosse: „His greatest delight is to discover some one who pretends to piously heroic or refined immunity. He will confront such a one and expose him savageley, imposing upon him the most lascivious gestures and the most extreme obscenities. Thus he introduces men to their own devil, for whoever would consider sex as a sin creates and confronts, in Ghede, his own guilt.“ (Deren: 103).

    Soweit, so pittoresk, aber als stadionkompatible Verballhornung ohne Kontext unverständlich und authentisierend nicht stadionkompatibel. Und war da nicht kürzlich was mit Lily Allen, Miley Cyrus und Twerking? Nix capito?

    Im Kontext von New Orleans ist übrigens meist der eher protestantische Hoodoo gemeint, der sich in den USA nicht zu einer komplexen synkretistischen Religion der Moderne entwickeln konnte wie der Vodou in Haiti, dem nach den USA zweiten unabhängigen Staat in ganz Amerika.

  11. momorulez November 30, 2013 um 2:01 pm

    Danke echt für all die Infos, und immer gerne mehr davon!!!

  12. undenkbar September 16, 2016 um 11:28 am

    Das „mehr davon“ ist unvergessen, war mir damals aber nicht machbar. „Da is‘ was und nicht nichts“ blieb die Prämisse, „Selber denken macht klug“ die Methode, „Allein, ganz allein, denn dahin folgt dir niemand“ die Prognose. Also aus der Deckung heraus http://undenkbar.blogsport.de
    Aktuell zwei Gelehrte, selbstredend hierzulande gänzlich unbekannt, die das Undenkbare denkbar zu machen helfen:

    Lydia Platón Lázaro: Defiant Itineraries. Caribbean Paradigms in American Dance and Film – zu Katherine Dunham und Maya Deren
    http://undenkbar.blogsport.de/2016/09/14/lydia-platon-lazaro-defiant-itineraries-zu-katherine-dunham-und-maya-deren/

    Aisha M. Beliso-De Jesús: Electric Santería. Racial and Sexual Assemblages of Transnational Religion
    http://undenkbar.blogsport.de/2016/06/05/a-m-beliso-de-jesus-electric-santeria/

  13. momorulez September 16, 2016 um 11:38 am

    Danke – habe die Texte in Deinem Blog gerade nur überfliegen können, liest sich aber sehr spannend! Gerade auch der zu Voudou – nachdem ich Erzulie Freda gerade entdeckt habe, interessiert mich das Thema sehr.

  14. undenkbar September 16, 2016 um 12:38 pm

    Houngan Matt’s historisierende Beschreibung des widersprüchlichen und tragischen Charakters Erzulie Fredas aus der Perspektive eines US-Amerikanischen initiierten Weissen, durchaus auch als Rechtfertigung seines spontanen Lachanfalls, nachdem die Barmaid die anwesende Erzulie als „THOT“ (That HO Over There) identifizierte, erschien mir ungewöhnlich und sehr einfühlsam:
    http://blog.threekingsvodou.com/a-dangerous-woman/

  15. momorulez September 16, 2016 um 12:39 pm

    Oh, Danke, das lese ich mir in Ruhe durch!

  16. momorulez September 16, 2016 um 3:16 pm

    Habe den Text nun gelesen und bin nur noch beeindruckter von der Komplexität und ja irgendwie, weiß gar nicht, wie ich das mit meinem abgestanden-mitteleuropäisch-akademischen Vokabular überhaupt erreichen können soll, aber ich sag mal literarischen Tiefe dieser, ja, auch da hakt’s ja, Wesenheiten? Archetypen? Loa? Wie würdest Du das nennen?

    Habe auch den Text:

    http://undenkbar.blogsport.de/2016/09/14/lydia-platon-lazaro-defiant-itineraries-zu-katherine-dunham-und-maya-deren/

    noch mal gelesen und muss das, glaube ich, noch ein paar mal häufiger tun, um zu versuchen, es verstehen zu können. Ist aber superspannend.

    Dieses Thema „Tanz“ aus ganz anderen Ecken geguckt – eher House-Music und Disco – hatte ich hier schon häufiger am Wickel. Da fliegt mir Dein Text gerade ein wenig wie ein Geschenk ins Blog, weil das auch bei meinem Promotionsthema eine Rolle spielt. Wo ich jüngst in einem Kolloquium auch anmahnte, dass Musik und Macht nicht alleine aus der Materialanalyse mit Deleuzeschen Begriffen erfasst werden kann, sondern auch über Tanz und dem, was an Sozialem, Historizität, Disziplinierung und deren Unterlaufen eben auch nur in wissend-tanzender Vergegenwärtigung begriffen werden kann.

    Bei allem, was ich komplett richtig finde bei Deinen Spitzen gegen die Adorno-Zitierer: Ich glaube ja, dass es einen Weg von seinem Denken hin zu solchen Fragen gibt. Und dass es fast erstaunlich ist, dass er das nicht selbst gesehen hat. Habermas tanzen geht allerdings gar nicht.

    Erzili Freda ist mir natürlich über den Weg gelaufen, weil sie von vielen als die Gay-Ansprechpartnerin und die uns Schützende begriffen wird. Und das ist ja schön, dass es so was in einer Religion und auch den „volksmagischen“ (bestimmt wieder ein falscher Begriff) Entsprechungen wie Hoodoo auch quasi-offiziell gibt. Da habe ich mich sehr gefreut, und der verlinkte Text kommentiert das zwar nicht explizit, denkt mensch das mit, wird er aber noch komplexer.

  17. momorulez September 19, 2016 um 8:32 am

    Hier übrigens eine Antwort auf Houngan Matt:

  18. undenkbar September 21, 2016 um 11:57 am

    Dachte schon bei Houngan Matt’s Antwort (ohne das Video zu kennen) an folgende nun wiedergefundenen Stellen bei Hubert Fichte, „Petersilie“, beides im Kapitel zu Miami, auch ihm (als Auswärtigem) ist offenbar aufgefallen, wie sehr sich Habitus und Duktus von US-Amerikaner*n auf dem freien Religionsmarkt gleichen:

    S. 185:
    „Keiner dieser weissen afroamerikanischen Priester achtet einen anderen weissen afroamerikanischen Priester.
    Das ist in Brasilien und Haiti anders.
    Wenigstens sind die Diffamierungen raffinierter.“

    S. 209:
    „Der Babalawo und Kirchengründer Orestes Meneses will ein Buch über die Santeria schreiben.
    Der Babalawo und Kirchengründer Carlos Canet hat ein Buch über die Santeria geschrieben.
    Der Santero Julio Garcia hat ein Buch über die Santeria geschrieben.
    Der Santero Eduardo Pichero will mehrere Bücher über die Santeria schreiben.
    Der Babalawo Wilfredo will ein geneologisches Buch schreiben.
    Der Kongopriester Ernesto Gonzales will ein Buch über den Spiritismus schreiben.
    Alle besitzen die Bücher von Fernando Ortiz und Lydia Cabrera und sprechen schlecht davon.
    Jeder, der ein Buch schreibt, verachtet jeden, der ein Buch schreibt.“

    Der Kern von Mambo Sandy Deleons Argumentation scheint das Vorliegen einer Verwechslung zu sein: Houngan Matt schreibe von einer anderen Herzulie, nicht Herzulie Freda Dahomey: „… and it takes a skilled houngan or mambo, to look and say, ok, that’s not Freda, that’s Erzulie Diala(?)“ (11:20). Eine offensichtlichere Verwechslung schien mir auch in obigem Passus „… weil sie von vielen als die Gay-Ansprechpartnerin und die uns Schützende begriffen wird“ vorzuliegen, wird doch diesbezüglich üblicherweise die spezifisch Haitianische (Petwo) Erzulie Dantor genannt und nicht Freda.

    Gerade das Haitianische Pantheon der Loa (Aisha M. Beliso-De Jesús hat dafür den generischen, kulturübergreifenden Begriff „Kopräsenzen“ geprägt) ist sehr gross, da der Vodou aus einer Synthese von mehreren Religionen aus verschiedenen Ländern geschaffen wurde. Die Prominenten unter den Loa wie Erzulie oder Ogou sind vielfach ausdifferenziert, und die Differenzierungen offenbar bis zu einem gewissen Grad historisch flexibel. Eine der auszubildenden Kernkompetenzen eines Houngan, einer Mambo ist (im existenziellen Interesse ihrer Klientel) das Erkennen und Auseinanderhalten dieser Kopräsenzen (Mambo Sandy Deleons spricht im Video auch von „djab“, Kreyol für frz. „diable“, „Teufel“, die keine Loa sind). Der ehemalige Ati Max Beauvoir habe 401 Loa auseinanderhalten können, üblicherweise würden zur Ausübung der Profession 101 erwartet. Erschwerend zur Ausbildung eines kanonischen Wissenskörpers wie in der Schulmedizin in dieser „science des mistè et les invisibles“ kommt hinzu, dass die Prüfung im Sinne einer Feuerprobe (Kanzo) eher zu Beginn der Ausbildung steht, ähnlich einem Gelübde, das mensch ablegt, wenn mensch dazu bereit ist.

    Langer Rede kurzer Sinn: mensch google einen beliebigen Namen einer US-amerikanischen praktizierenden Mambo/Houngan, zusammen mit dem Wörtchen „fraud“ – das Ergebnis ist unabhängig von der Person zum Verwechseln ähnlich und führt auf eine Domain mit „complaints“ im Namen.

  19. momorulez September 21, 2016 um 12:15 pm

    Ah, Danke für die recht amüsanten Fichte-Zitate und auch die sonstige Aufklärung!

    Beim meinem komplett unwissenden Rumgegoogel wurde Erzulie Freda männlichen, Erzulie Dantor weiblichen Homosexuellen zugeordnet. Diese Ausdifferenzierung, die Du beschreibst, war mir aber auch schon aufgefallen, ebenso die programmatische Vielfalt der rituellen Bedeutungszuschreibung. Das ist mir schon sehr sympathisch.

    Selbst Mambo (kannte ich natürlich nur als Tanz) und Houngan musste ich erst mal googeln. Das ist für mich komplett neu, da bin ich sehr dankbar für jede Info. Als norddeutscher Protestant wurde ich ja noch nicht mal in die Vielfalt der europäisch-katholischen Heiligenverehrung eingewiesen. Und ganz unabhängig davon, ob mensch das nun für sich individuell symbolisch, rhythmisch, rituell, magisch, literarisch oder religiös verstehen will, ist das ja doch ein kulturelles Wissens- und Figurenrepertoire, das fasziniert. Fand deshalb auch Deinen Text zu „Totem und Tabu“ von Freud sehr spannend. Das hatten Freunde aus dem Afrikanistik-Kontext mit Vorfahren aus Burundi mir auch schon mehrfach nahezubringen versucht, diese Zusammenhänge zwischen so genanntem „Ahnenkult“ und Psychoanalyse. Ist sehr inspirierend, das Thema!

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