Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Gedanken und Gefühle vor der JHV des FC St. Pauli 2013

Erinnere mich sehr gut, wie es mir letztes Jahr ging. Ein Abwahlantrag gegen Gernot Stenger lag vor, den ich zu unterstützen bereit war.

Ich war eher verzweifelt, dass aus den Sozialromantikerprotesten so wenig Nachhaltiges entstanden war. Noch immer frustriert, dass auch, weil es unmöglich war, sich mit USP zu koordinieren, der Rückbau der Business-Seats gescheitert war. Frustriert, dass zwar sehr viel Bereitschaft herrschte, den Jolly Rouge zu schwenken, aber selbst bei symbolpolitischen Anträgen gegen Stangentänze die eine Seite eher die Haltung einnahm „MEINE Frau ist anständig, die zieht sich was an!“, während das Präsidium offenbarte, dass es sich mit einem Thema wie Sexismus offenkundig noch nie ernsthaft beschäftigt hat.

Ein Setting wie „Eine Seite zieht sich aus, die andere bleibt angezogen und bewertet, was sie sieht“ mag ritualisiert im SM funktionieren, bleibt ansonsten aber ambivalent.

Eine der Interviewantworten, die ich einst hörte und die mich am nachhaltigsten beeindruckte, war die einer schwarzen Feministin zum Thema „BHs verbrennen“. Während das nach 68 bei manchen weißen Frauen Symbol der Befreiung galt, waren schwarze Frauen froh, sich überhaupt mal was anziehen zu dürfen.

Ich lass das mal so stehen. Auch, dass sich Stefan Orth und Jens Duve vermutlich nie vorgestellt haben, wie es ist, an der Stange zu tanzen.

Egal. Eigentlich will ich ja auf was ganz anderes hinaus. Ich bin nämlich sehr froh über das, was sich in meiner Wahrnehmung auf Seiten von Präsidium und Geschäftsstelle getan hat. Und sag hier mal ausdrücklich Danke! – auf die Gefahr hin, Wichtiges übersehen zu haben. Mir scheint, dass sich wirklich Gedanken gemacht wurde und auch Handlungen folgten. Ich würde Gernot Stenger nicht mehr abwählen wollen

Tjark Woydt hat sich intensiv um die „Berliner Erklärung gegen Homophobie“ gekümmert. An der ist viel auch zu kritisieren, vor allem die Ignoranz Lesben gegenüber; trotzdem ist es ein bemerkenswerter Anfang auch deshalb, weil er in Kommunikation mit schwulen Aktivisten auf den Weg gebracht wurde, anstatt zu paternalisieren. Diese Kommunikation wurde auch fortgesetzt. Hoffentlich dann auch mit den ganzen LGBT-Communities.

Im Falle von unseren Lampedusa-St. Paulianern hat „der Verein“ wahnsinnig schnell reagiert, ohne große Diskussionen prompt und, so weit ich das beurteilen kann, an den artikulierten Bedürfnissen der Betroffenen orientiert. Ohne großes Gedöhns und auch ohne kontraproduktives Ausschlachten in der Öffentlichkeitsarbeit. Trotzdem blieb man diplomatisch und imposant konsequent in der Unterstützung,, als der Senat Kriminalisierungsversuche der Hilfeleistung versuchte. Das hat mich wirklich sehr beeindruckt. Auch, dass sich für Hinweise ausdrücklich bedankt wurde,

Die neue Gegengerade ist das, was versprochen wurde: Ein Stehplatz-Ereignis, das der Cäsaren-Architektur der Haupttribüne wirkungsvoll etwas entgegen setzt. Auf die Kritik daran, dass bei bei Union Berlin viel mehr mit den Fans zusammen gebastelt wurde, reagierte man dahingehend, dass die Fans selbst die Gestaltung der Wände übernahmen. Jetzt kann man dort „Nur die Liebe zählt!“ lesen wie auch „Kein Mensch ist illegal“. Enorm. Ein blödes Motiv wurde sogar zurück gezogen nach Kritik.

Sogar zu der „Sicherheitsdebatte“ ließ man sich einen coolen Trailer einfallen, und mit KIEZHELDEN wurde eine Plattform geschaffen, die die Publizität und Reichweite des FC St. Pauli nutzt, um Gelder für soziale Projekte zu sammeln.

Das liest sich zwar mittlerweile, als wäre ich der Vereinssprecher, aber ich werde hierfür weder bestochen noch sonstwie bezahlt 🙂 – ich freue mich über all das. Dass Impulse aufgegriffen und weiter gedacht wurden. Es ist auch für Leute wie mich, die sich nicht in jedes zweite Gremium wählen lassen, leichter geworden, in den Verein zu kommunizieren, und das ist als Bilanz eines Jahres für Aktionen neben dem „Kerngeschäft“ echt schon eine ganze Menge cooles Zeug. Der Tag, als dann zeitgleich und eindrucksvoll die stadionweiten Choreos gegen Sexismus und Homophobie und jene für die Refugees das Stadion füllten, war großartig.

Ich durfte, mal etwas aktiver in der „Fanszene“, fest stellen, dass es neben den üblichen Lautsprechern (als Blogger bin ich ja auch einer derer) wahnsinnig tolle Leute hinter den Kulissen gibt, Gerd B., Stephan P. und @Fanne seien exemplarisch genannt, die mit einer stoischen Ruhe derart viel weg schaffen, dass es mir unglaublich imponiert. Die alles zusammen halten können, auch wenn es, so kurios das ist, das gibt es, in „fanszenenimmanenten“ „Politics“ es kracht. Ich durfte auch erleben, wie saucool und engagiert und unterstützend Spieler, denen man einst auf dem Platz zujubelte, bei einem Thema wie Homophobie und dem Kampf dagegen sich zeigen. Ralph Gunesch, Marius Ebbers und Florian Lechner zum Beispiel. Da haben wir nicht den Falschen zugejubelt.

Und dann gibt es noch die Schattenseite des Ganzen: Die ambivalenten Erfahrungen, wenn man versucht, die Debatten und Mechanismen rund um Antisexismus, Antihomophobie und Antirassismus in der Fanszene selbst mal ein paar Umdrehungen weiter zu treiben.

Einerseits viel Zuhören, gut besuchte Veranstaltungen, von unzähligen Schweigenden wahnsinnig unterstützt. Ein tolles Erlebnis.

Sehr schnell entstehen jedoch auch Situationen, in denen die Schwarzen, Schwulen und Frauen dem einzigen Schwulen „rüber geschoben werden“, außer ihm jedoch niemand Impulse in diese Richtung setzt. Dass Freunde schon witzeln, dass der Rest der Veranstaltung aber ganz schön hetero-weiß-männlich sei. Formal wird zwar unterstützt (und weit darüber hinaus, wenn grandiose Fahnen genäht werden!!!), aber es werden doch immer wieder und mit atemberaubender Konsequenz andere Themen genutzt , solche im Vereinsselbstverständnis zentralen Themen wahlweise zu überschreiben und aus anderen Zusammenhängen wieder auszugrenzen. Im Sinne medialer Wirkung und Massenkompatibilität – im Sinne der Mehrheitsgesellschaft halt. Das mag sich auch Unsicherheit und Überarbeitung verdanken. Es nervt trotzdem.

Dass grundsätzliche Hinweise auf unhintergehbare Regeln in der Antidiskriminierungsarbeit, so scheint es mir, hintenrum als Gezicke, Generve und Diva-Allüren ausgelegt werden und Platzhirsche zumindest so wirken, als würden sie sich dadurch bedroht sehen, nervt auch. Und so Doppelbödigkeiten in Kommunikationen enstehen, die jeder kennt, der sich in Antidiskrimierungsarbeit aufreibt. Weil die typisch sind. Und, ja, es gibt auch doofes Konkurrenzverhalten zwischen Männern. Auch von meiner Seite.

Dass aber auch Angebote zur Aussprache nicht angenommen werden, das ist problematisch, sonst würde ich jetzt nicht darüber bloggen.

Das macht aber auch deshalb Sinn, das zu tun, weil es ja nicht primär um Personen geht. Sondern, weil die Kommunikationen rund um Antidiskrimierungsarbeit selbst zentrales Element dessen sind, was Wandel bewirken könnte, aber wegen beleidigter Mehrheitsgesellschaftler oft vergiftet wird.

Wo deren Empfindlichkeiten dominant werden, da droht Ausschluss. Ist so.

Und man dann fassungslos zusieht, wie anschließend No Gos wie weiße „Gospelchöre“ mit ein paar wenigen schwarzen Frauen im Hintergrund in zweiter Reihe, aber mit einem weißen Mann ganz vorne, bei Facebook von allen geteilt werden. Man vergreift sich nicht mal eben so an einem Kernbestand der Kultur von Black Communities und macht sie sich so zueigen. Gerade der Gospel ist derart mit der Geschichte der Sklaverei verwoben, dem mit geschichtsloser Eingemeindung zu begegnen ist, das ist einfach krass. Diese Geschichte thematisiert man und überschreibt sie nicht. Selbst wenn das nur bei Facebook so heißt.

Es gibt da weiterhin erschreckende Informationsdefizite in „der Fanszene“ nach Jahrzehnten der Antirassismusarbeit am Millerntor. Da muss echt noch höllisch was getan werden. Das geht einfach nicht, dass sich da nur Einzelne auf dem Laufenden halten. Das geht auch nicht, das denen, die auf Bühnen agieren, zu überlassen, die reiben sich ja eh schon total auf. Da müssten mindestens zehn Leute sofort und automatisch eine Debatte anzetteln, ganz von selbst.

Dann sieht man das und schweigt zunächst lieber, als nun wieder als die Diva vom Dienst zu gelten. Auch ein typischer Mechanismus. Es gibt immer Saures, spricht man so was an. Es wird immer alles so fürchterlich kompliziert, also zieht man sich zurück.

Die Reaktionen Einzelner (!!) waren mir drastisch genug, dass ich mich aus dem 1910-Museumsverein lieber wieder raus gezogen habe, trotz der vielen tollen Leute da, trotz Michael Pahl und Roger Hasenbein. Und da bin ich nicht der einzige.

Da muss sich im Gremiendschungel schon überlegt werden, wer integrativ wirkt und wer nicht und wer Vereinsmeierei und eigenes Machtspiel im Ehrenamtlichenbereich (!!!) vor die Sache schiebt. Trotz der Aufopferung, die alle leisten.

Und auch, welche Tätigkeiten mal lieber bezahlt werden sollten. Ehrenamt kann auch in Ausbeutung münden. Dass Leute nicht mehr dazu kommen, Geld zu verdienen, ist auch ein No Go.

Und in einem Verein, wo halbe JHVs einen Präsidenten nieder buhten, der wagte, darauf hinzuweisen, dass er schwul ist und dass das in seiner Sicht auf die Welt eine Rolle spielt, ist es auch nicht so einfach, wie es manchmal scheint, nun immer wieder die Hose runter zu lassen, was ja keine Hete je zu machen braucht.

Das wird chronisch vergessen, dass Diskrimierungserfahrungen NICHT berichtet werden, weil mensch sich interessant machen will oder „selbst opferisieren“ oder andere „erpressen“ – mensch will, dass sie ausbleiben. Und gibt dabei jedes Mal etwas preis, das Andere problemlos für sich behalten können. Das macht nicht automatisch Spaß, und noch der übereindeutigsten sexualisierten Selbstdarstellung auf CSDs spürt man an, was es heißt, sich über Sexualität in einer Kultur definieren zu müssen, wo andere heiraten und Taufen veranstalten und 99% des Fernsehprogramms für Heterosexuelle nicht als „Sexualität zur Schau stellen“ gilt. Gerade das Demonstrative als Antwort ist ein „OBWOHL ihr mich bedroht, zeige ich es. Auch WENN ich eure heile Hetenwelt störe, reiße ich jetzt Sex-Witzchen. Gerade deshalb.“

Gerade wegen solcher Ambivalenzen dann, wenn man mal tiefer rein geht in die „fanszenenimmanenten“ Kommunikationszusammenhänge, haben mich diese Facebook-Pamphlete nach den Pfiffen gegen die „Nazischwein“-Rufe so nachhaltig schockiert.

Es gibt ja nix Unpolitischeres als ein pauschales „Gegen Nazis!“, von Horden weißer Deutscher gerufen. Das ist in Deutschland die Garantie dafür, dass auch ja alle ausgegrenzt bleiben, die es eh schon sind – nämlich die tatsächlichen und potenziellen Opfer der Nazis, die ja in Deutschland allesamt weiter der Diskriminierung unterliegen.

Die sich nicht mal eben den Iro abschneiden und den Anzug anziehen können. Die nicht vieles verstecken müssen, bevor sie sich zeigen.

Das ganze mündet dann nur in die übliche, deutsche Selbstbespiegelung, und PoC-Freundinnen von mir können immer noch nicht ungefährdet ins Stadion gehen.

Wo zwar alle für Refugees fighten, aber der Alltagsrassismus trotzdem wuchert. PoC-Frauen gegenüber am stärksten. Polizeigewalt erliegen eher die Männer, die Frauen kriegen alltäglich von Mitmenschen einen verpasst.

Dieses Wegdrücken anderer Erfahrungen, die noch als „Erpressung“ rezipiert werden, passiert erfahrungsgemäß gerade da besonders krass, wo alle sich „gegen Nazis“ wähnen. Bei denen selbst ist es allerdings noch schlimmer.

Wenn dann noch von allen in Social Media relevanten Fan-Organisationen differenzierten Sichtweisen auf Rufe und Pfiffe mit Ausschlussdrohungen begegnet wird – viele Pfeiffende hatten z.B. die Sicht, dass es gerade kontraproduktiv für jene in Cottbus ist, dje sich gegen Nazis sperren, als „Nazischwein“ beschimpft zu werfen – und aus dem eigenen Fanclub Kritik daran als „Ausfälligkeiten“ gebrandmarkt, somit als eine Form der Beleidigung gewertet wird, dann ist das nicht trivial. Eigentlich kann man dann nur noch die Flucht ergreifen. Und weiß auch, wer sich schon darüber freut.

Dann spritzt genau jenes Gift, das so unerträglich typisch deutsch ist: Dass sich all die „Antifaschisten“ von links bis rechts, da gibt es die seit Franz-Josef Strauss ja auch, an die Stelle der Opfer setzen. Um sich mit denen und deren „erpresserischem Potenzial“ nicht mehr herum schlagen zu müssen.

Lange Rede, kurzer Sinn: Irgendwie habe ich bei Präsidium und Geschäftsstelle derzeit ein deutlich besseres Gefühl als bei „der Fanszene“.

Wie ausdifferenziert diese ist, vergesse ich dabei selbst zu oft. Dafür sorry.

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