Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Bestandsaufnahme

Ja, ich bin viel zu lange im Zentrum mit geschwommen und habe mir den Kopf anderer Leute zerbrochen, die dann innerhalb der Institutionen befördert wurden, während ich immer härter am Limit segelte und mich selbst lieber an den Rand drängte. Weil die Zentren so unendlich grausam sind.

Trotzdem: In dieser Stadt, diesem Land stimmt ja nix.

Die Universitäten völlig verschult, Anstalten, das Denken auszutreiben seit der Einführung von „Bachelor“, Master“, „Bologna“ und jenseits der Reflektion verortet – im besten Fall üben noch Befristete für Hungerlöhne Kritik am Neoliberalismus in anderen gesellschaftlichen Bereichen, dem sie doch selbst unterworfen sind. Aber trauen sich natürlich nicht, Strukturen beim eigenen Brötchengeber öffentlich zu benennen.

Die Kämpfe der linken Szenen haben nachhaltig vor allem „Wohnraum für uns“ bewirkt – Hafenstraße, Gängeviertel, Bauwagenplätze, Flora ist noch insofern die Ausnahme, weil da ja jede Menge veranstaltet wird -, Flüchtlinge werden aber immer noch abgeschoben.

Trotzdem wird der eigene Widerstand derart glorifiziert, dass zwar keiner mehr weiß, wer nun eigentlich in den Lichtenhagener Häusern lebte und wie die das alles wahrgenommen haben, aber die Antifa hat sie gerettet.War ja akut auch gut und richtig so. Aber darüber hinaus?

Nazis gibt es immer noch verdammt viele. Ja, sie sind sogar auf dem Vormarsch, zum Beispiel in Stadien. Vielleicht ja auch, weil man sich in Deutschland bis heute so völlig fasziniert von den Nazis zeigt, dass man völlig vergessen hat, was jenseits von ständig formal proklamierten „Rechtsstaat und Demokratie“ so alles derart cool sein könnte, dass die Nazis schlicht unattraktiv und lächerlich wirken. Vergessen wird, wovon man sonst noch lernen könnte als aus der eigenen Naziaustreibungsgeschichte. Wie wäre es mal auch nur ein ganz klein wenig der Beschäftigung mit dem reichen Erbe jüdischer Kultur in Deutschland? Ist interessanter als die Geschichte der „Antifa“.

Der Großteil derer, die in der „linken Szene“ aktiv waren, haben sich in ihren Nischenökonomien eingerichtet oder sind in Mainstreammedien und Werbeagenturen gewandert (ich ja auch, obgleich ich nie wirklich Teil der „linken Szene“ war, eher Teilzeit-Peripherie) und verkleben ergänzend mit ehrenamtlicher Arbeit noch jene Bereiche, in die mal allmählich Geld fließen sollte. Sorgen mit letzterem dafür dafür, dass ökonomisch relevante Strukturen gar nicht erst entstehen können, sondern das punktuelle Spenden allenfalls über die Runden helfen. Dass zudem gesellschaftlich relevante Bereich weiterhin als jene gelten, die man sich irgendwie in Güte umsonst holen kann. Du, ich hab da sogar ’nem Schwulen zugehört. Ja, es gibt jetzt „Crowdfunding“ und so, aber selten für den Aufbau tatsächlich alternativer Strukturen, sondern vor allem projektbezogen. Und es gibt Off-Thater-, Galerien und so. Ja. Aber nimmt die wer wahr außerhalb des eigenen Dunstkreises?

Es gibt allerlei „Gründerhilfe“ – habe ich selbst in Anspruch genommen, bekam ich, weil ich „Eigenkapital“ aufbringen konnte, weißer Cis-Mann bin, bildungsbürgerlich geschult – und sie nahmen höhere Zinsen als die Commerzbank. Und ohne „Eigenkapital“ geht nix.

Universitätsprofessoren machen derweil dergestalt dem Nachwuchs Mut. Heroisierung des Scheiterns statt Klassenkampf, sozusagen.

Oder man hängt sich an die ganz Großen und verreckt in Abhängigkeit von Telekomm, NDR und Co.

In den ganzen Gründerberatungen sitzen dann vermutlich alte, resignierte Säcke wie ich, die irgendwann fest stellten, dass sie sich auch überangepasst und bis ins Burnout oder nahe dran aufgerieben haben und der Preis, mal was Anderes oder Neues zu versuchen, verdammt hoch ist. Weil immer die Attacken fahren, die es sich gemütlich im Halbgaren eingerichtet haben und ihre Mittelmäßigkeit verteidigen. Oder sie haben ihre gemütliche Nische gefunden und bewerten Andere. Oder sitzen da selbst auf  einer ABM-Stelle.

Und alles wurschtelt parallel, nicht aufeinander bezogen. Die Gay Community und „migrantische“ Strukturen haben sich abgekoppelt und pflegen eher Parallelökonomien, was auch daran liegt, dass grundsätzlich in den Zentren weiße, männliche (im Kulturbereich auch weibliche, da lässt man sie ja ran), heterosexuelle Platzhirsche den Weg versperren und alles, was ihre Hegemonien infrage stellen könnte dann, wenn es sich nicht paternalisieren lässt, bekämpfen und ausgrenzen. Machen ach so wohlwollend die Anderen zum Thema, verweigern aber, dass man auf sie selbst mal blickt. Kritik wird dann als ungebührlicher, persönlicher Angriff ausgelegt, blödes Generve von Vollzeitzicken und „Trouble Makern“, die sich ja angeblich nur davon nähren, sich ständig über irgendwas aufzuregen, was da gar nicht sei.

Alle Sparten nebeneinander her. Zwar werden Saxophonisten und DJs für Vernissagen gebucht, aber die Hochschule für Musik und Theater ist nicht vernetzt mit der Hochschule für bildende Künste, und lediglich das Stichwort „Medien“ kann gelegentlich eine Brücke schlagen, wo aber leicht die von Supremacy sich nährende „Wissenschaft“ Blickumkehren verweigert und parallel die „Macher“ sowieso diesen ganzen reflexiven Unsinn umgekehrt für obsolet erklären. Weil er im besten Falle ihre Praxis gefährden könnte. Was er aber gar nicht mehr tut.

Vereinzelt kümmern sich dann Großbürger paternalisierend um die Abgehängten und fördern punktuell „Hip Hop Theater“ und so was für Wilhemsburger Kids, aber bestimmt nicht unter der Regie von PoC, die mal die Blickumkehr auf Weiße vollziehen.

Dabei ist das, was ständig weg geschrieben wird, nämlich Critical Whiteness, in letzter Pointe die Befreiung vom Dünkel, von Supremacy (die Rechtschreibprüfung wollte da gerade „Supermacht“ draus machen). Haltungen, die in deutschen Kulturen und Institutionen, ganz gleich, ob Kunst, Theater, Universitäten, Medien, Banken eingeschrieben sind wie etwas, das Luft, Denken und Adern abschnürt.

Nimmt man CW hingegen ernst, ergibt sich ein Denk- und Handlungsspielraum für alle, und eben vor allem auch endlich mal für PoC und andere Ausgegrenzte, der gerade die permanent aufrecht erhaltenen Trennungen der verschiedenen Bereiche und gesellschaftlichen Subsysteme aufzulockern vermöchte jenseits dieses ewigen Sich-über-Andere-Erhebens.

Ja, ich habe oben auch die Kritik der Mittelmäßigkeit in Supremacy-Haltung formuliert, meine damit aber dieses DDR-Prinzip, dass jeder, der den Kopf raus streckt und mal was anderes versucht, mit Sicherheit einen Kopf kürzer gemacht wird von Vertretern in Großorganisationen oder solchen, die irgendwas schon immer so gemacht haben.

Was stattdessen Not täte, sind Intermedialität und Intersektionalität.

Das machen aber nur wenige. Es gibt kaum künstlerischen Journalismus, obgleich man sich doch mit „Medienkunst“ tot schmeißen kann – dass Verkaufsausstellungen der Galerie „Affenfaust“ wirken wie Formatfernsehen, wo jeder versucht, sich eine marktfähige Nische durch Ausarbeitung einer wiedererkennbaren Technik anzueignen und auszuarbeiten, das merkt aber keiner oder weiß es und glaubt nicht mehr an Alternativen.

Und verschiedene Diskriminierungs- und Ausgrenzungsformen mal systematisch aufeinander zu beziehen, dass das möglich ist, wurde zwar hier und da erkannt, aber außer Ausnahmen wie der Hamburger Queer AG zieht das doch kaum wer durch und alle bleiben unter sich. Oder habe ich was Wichtiges übersehen?

Es gibt Filme ÜBER Musik und Theater; da, wo zusammen gedacht würde, bricht zumeist Häme aus. Z.B. das Musical ist ja eigentlich eine Form, die wenigstens ein paar Grenzen einzustoßen vermochte, „Cabaret“, „Rocky Horror Picture Show“, hier überlässt man die übergreifenden Formen den Busreisenden und guckt stattdessen Kraftclub. Während die Oper sich musealisiert (ja, auch da gibt es Versuche, das zu ändern, in Off-Szenen).

Alles, wo mal irgendwo eine Grenze eingerissen wird, wird sofort wieder weiß und heterosexuell dominiert, und dann steht wieder Jan Delay vorne und die schwarzen Backgroundsängerinnen singen dahinter viel besser.

Wie bekommt man denn da mal Bewegung rein? Ja, ich habe es in meinem Feld versucht, aber gegen das Wirtschaften von Familienvätern, die alles zur paternalistischen Sauce mit sich im Mittelpunkt verrühren, will man auch nicht immer ankämpfen müssen.

Ich nehme die Millionenspenden gerne entgegen, um ein „House of Diversity“ zu gründen. Zusammen mit Frauen und PoC. Intermedial, intersektionell.

Einer der Kardinalfehler ist doch diese linke Verachtung des Geldes. Anstatt mal zu überlegen, wie man dafür sorgt, dass auch was damit angefangen wird, was nicht „Abschiebung“, „Ausgrenzung“, Paternalisieren und Depotenzieren bedeutet. Es ist doch Quatsch, sich auf die eigene Bescheidenheit etwas einzubilden. Luxus für alle kann doch nur Ziel sein.

Her damit! Für alle!

Und als allererstes für Refugees! Die uns ja die ganze Zeit vormachen, wie es geht, trommelnd, malend, mit Jelinek-Stück und dem Beharren darauf, nicht Objekt und Bittsteller zu sein. Mit Blickumkehr, einem Politikverständnis, dem man folgen möchte und viel Kreativität.

So was wird aus Hamburg zugunsten der Elbphilharmonie abgeschoben, um als Hauptstadt der Stagnation und zementierten Grenzen kulturell abzusterben.

5 Antworten zu “Bestandsaufnahme

  1. MartinM November 26, 2013 um 9:42 am

    Ich greife mal einen – beunruhigenden – Gedanken heraus:
    „Vielleicht ja auch, weil man sich in Deutschland bis heute so völlig fasziniert von den Nazis zeigt, dass man völlig vergessen hat, was jenseits von ständig formal proklamierten “Rechtsstaat und Demokratie” so alles derart cool sein könnte, dass die Nazis schlicht unattraktiv und lächerlich wirken.“
    Ja, das ist etwas, was mir auf Seiten vieler „Antifas“ und erst in der „breiten Mitte“, z. B. in den Massenmedien, auffällt: „Nazis sind Pop“, so der provokative Titel eines Buches von Burkhard Schröder. Bestenfalls ist es die „Faszination des Bösen“, aber ich habe so den Verdacht, dass „die Nazis“ – die historischen wie die zeitgenössischen – die für viele Deutsche attraktive Möglichkeit bieten, einerseits aus den „spießigen“ Alltag auszubrechen, verleugnete Gewaltphantasien und verdrängte Sexualität auszuleben und es „denen“ („da oben“ oder „da draußen“) „zu zeigen“, also der angestauten Wut ein Ventil zu geben – und das alles OHNE die überkommene Weltsicht, „bürgerliche Tugenden“, gängige Vorurteile, anerzogene nationale / weiße / heterosexuelle usw. Arroganz aufgeben zu müssen! Rein gefühlsmäßig ist das offensichtlich auch für Menschen anziehend, die „die Nazis“ / „die Rechten“ auf der rational-politischen Ebenen strickt ablehnen.
    Nazis sind ja in Wirklichkeit ja absolut spießig und unoriginell, und bei ihnen ist buchstäblich alles „zusammengeklaut“ – weshalb z. B. Symbolverbote ins Leere greifen, wenn ein Symbol verboten wird, kann es mühelos durch ein anderes, ebenfalls geklautes, Symbol ersetzt werden, und wieso eine ideologiekritische Auseinandersetzung mit Faschisten so frustrierend ist, weil deren Weltanschaung über einen „harten Kern“ aus Maximierung der Ungleichheit, „Recht“ des Stärkeren, Antisemitismus, usw. hinaus nur ein Sammelsurium von zum Teil widersprüchlichen zusammengeklaubten Ideologiebruchstücken ist. Es ist einfach, die Nazis zu entzaubern – aber statt dessen ist es „gute“ Praxis, sie zu dämonisieren.
    Ein Problem ist, dass in einer immer noch stark „sittenprotestantisch“ geprägten, zum Teil sogar „sekulär neopuritanischen“ Gesellschaft wie der Deutschen viele von den Dingen, die „cool“ sein könnten, geächtet sind. Eine gehörige Portion Lustfeindlichkeit gehört zum „bürgerlichen Konsenz“. Siehe die – sicherlich gut gemeinte, aber völlig an der realen Problematik vorbei gehende – Forderung Alice Schwarzers nach einem Verbot der Prostitution, und die erstaunlich breite Unterstützung, die sie dafür erhält. Das ganze geht einher mit einem ausgeprägten Hang zur paternalistischen Bevormundung, durch Funktionäre von Großorganisationen, von Kirche, Parteinen, Gewerksschaften usw. oder denen, die irgendwas „schon immer so gemacht“ haben.
    Ganz nach dem von Dir erwähnten „Champignon-Prinzip“, dass jeder, der den Kopf raus streckt und mal was anderes versucht, einfach abgeschnitten wird.
    Ich habe es mal so karrikiert: Aus der eines Seite wird uns geraten, von ganzen Herzen Silvester zu feiern – schließlich stehen „wir“ ja mit beiden Beinen im Leben und sind keine säuertöpferischen Puritaner! Aber bitte ohne Geld für Feuerwerk und Luftschlangen zu verschwenden, möglichst auch ohne unangemessenen Lärm, ohne Alkohol und ohne üppiges Essen. Abergläubisches Tun wie Bleigiessen, Neujahrshoroskope oder das Lichtorakel sind ebenfalls zu unterlassen.
    Das Erstaunliche dabei ist nicht, dass kaum jemand an so einer “moralisch korrekten” Feier Spaß hat, und es entsprechend wenige solcher traurigen Feiern gibt. (Statt dessen wird „die Sau“ rausgelassen, im Sinne einer Ventilfunktion, und meistens ohne auch nur den Versuch, originell, phantasievoll oder gar „kultiviert“ zu sein – und wobei gegenseitig Rücksichtnahme einfach nicht vorgesehen ist.) Das Erstaunliche und Traurige ist, dass sie die Wut auf diese paternalistische „moralische“ Gängelei ausgerechnet gegen die „Political Correctness“ wendet – und gegen die, die sie einfordern.

    Ich bin mit Dir einer Meinung: Was Not täte, sind Intermedialität und Intersektionalität. “House of Diversity” – ein lohnendes Projekt.
    Ansatzweise erlebe ich so etwas in unserem Experiment in Demokratie, Kultur und Gemeinschaft alias Nornirs Ætt. Ansatzweise, weil einer der Faktoren, die uns bei aller Verschiedenheit zusammenhält, eine ziemlich „exotische“ Spiritualität ist, und wir, wie ich vermute, ohne den ständigen „Naziverdacht“ gegen unsere „germanisch“ beeinflusste Sorte „Neuheidentum“, weniger politisch wären. Es muss doch möglich sein, so eine „Einheit in Vielheit“ auch auf anderer Grundlage zu schaffen!
    (Vielleicht für die Leser dieses Blogs ganz interessant, was Thursa über ihr – queeres >a href=“http://www.nornirsaett.de/zwischen-gegenueber-und-identifikation-mein-verstaendnis-von-gottheiten/“>Verständnis von Gottheiten zu sagen hat. Wobei sie „queer“ als Verortung jenseits der heterosexuell-zweigeschlechtlichen Normalität definiert. Die Antwort, die Wurzelfrau darauf gab, ist nicht weniger spannend.)

  2. MartinM November 26, 2013 um 9:43 am

    Ich habe eben leider beim von Hand setzen der Tags nicht aufgepasst: der Link ist Verständnis von Gottheiten.

  3. momorulez November 26, 2013 um 11:18 am

    Danke, lese den Link in Ruhe! Und was ihr da macht, konstruktivistisch-linksanarchisches Neuheidentum, das war mir ja immer sehr sympathisch 🙂 – und das auch, weil es da so viele Anknüpfungspunkte zu vorchristlichen, „afrikanischen“ Sichtweisen wie auch zu jenen der „First Nations“ gibt. Für das Queere ist ja auch interessant, dass das, was hier als LGTB gilt, da oft eine besondere spirituelle Funktion hat.

    Bei diesen ganzen auch negativen Naziverkultungen wird halt das Außerhalb wie immer schon vergessen, vor allem auch Juden. Aber auch alles andere Nicht-Deutsche und Nicht-Weiße. Das ist so ein Spiel weißdeutscher Immanenz, das da gespielt wird.

    Da wird alles zur Funktion des eigenen Egos.

    Während die, die damit kokettieren, das ja auch machen, weil es so eine immense Selbstaufwertung bedeutet, so böse und gefährlich zu sein, wascdann freundlicherweise auch ständig bestätig wird. Was jetzt nicht heißen soll, dass sie es nicht tatsächlich auch sind – sie morden, prügeln, grenzen aus, diskriminieren. Aber sie sind keine ernstzunehmende, politische Kraft.

    Und ansonsten kannst Du sonstwas für eine Scheiße legitimieren, indem Du das Nazistische auf Andere projizierst im fortwährenden Aufarbeitungsstress – die schwulen Nazis, Feminazis, Islamofaschismus usw., die rassistischen Schwarzen, die Linksfaschisten, Israel. Das ist ja sogar international trendy, alle Naziopfer zu Nazis zu erklären. Neumann rechtfertigt sogar rasistische Menschenjagden und völkische Politik mit Lehren aus dem „3. Reich“, das ist echt finster. In einem anderen Bezugsrahmen würde das vielleicht mehr auffallen.

    Diese Kontrollbezogene Neo-Prüderie sehe ich ja auch. Nur dass es völlig richtig ist, dass von Martenstein bis Patrick Gensing da so eine „Freie Fahrt für freie Bürger“ draus wird, die dann in Blackface bei Denis Scheck mündet. Also immer nur Methoden, die Freiheit derer einzuschränken, die sie hatten.

    Intermedialität ist übrigens deshalb so wichtig, weil diese ganzen objektivierenden, weißen Formen – Wissenschaft, Journalismus – ja auf Unterwerfung angelegt sind und Marginalisierte sich andere Formen suchen mussten, weil sie in diese Bereiche gar nicht vorgelassen wurden. Denen wurde halt immer U statt E zugewiesen, deshalb muss man daraus etwas entwickeln.

  4. MartinM November 26, 2013 um 6:26 pm

    Nun, es gibt sie ja wirklich, die schwulen Nazis, Feminazis, Islamofaschismus usw., die rassistischen Schwarzen. Aber es entschuldigt nicht das eigene Handeln und Denken. Ebensowenig, wie der „saufende Nachbar“ den eigenen übermäßigen Alkoholkonsum legitimiert. Oder der seine Frau schlagende Ehemann den eigenen Sexismus. Es ist wie in der Sandkiste: „De der hat aber auch … *buhäääh*!“

    Nicht ganz einverstanden bin ich damit, dass Du auch „die Wissenschaft“ als „auf Unterwerfung angelegte“ objektivierende, weiße Form ansiehst. Selbstverständlich ist mir klar, dass auch wissenschaftliche Theorien gesellschaftliche Konstrukte sind – und ehrlicherweise der „jeweils letzte Stand des Irrtums“. Allerdings gibt es einen harten Kern an offensichtlich universell gültigen Tatsachen, vor allem in der Mathematik und in den „harten“ Naturwissenschaften. (Biologie ist nicht ganz so „hart“, Medizin sogar ziemlich „weich“ – mit „hart“ meine ich: gesellschaftliche und metaphysische Faktoren spielen kaum eine Rolle). Gerade durch meine Beschäftigung mit Schamanismus ist mir das überdeutlich geworden – es gibt ziemlich viel, was wir alle gemeinsam haben, und das meiste davon ist knallhart materiell. Ich bin geneigt, diesen harten Kern der Realität „objektiv“ zu nennen. Wir müssen alle atmen, essen, ausscheiden usw.. Allerdings: DIE Wirklichkeit, die ist in der Tat konstruiert. Sonst gäbe es außer der „Konsensrealität“ bzw. „alltäglichen Wirklichkeit“ nicht noch weitere, „nicht-alltägliche“ Realitätsebenen.
    Du hast in einem anderen Kommentar ironisierend „meinen Freund“ Charles Darwin erwähnt. Ganz klar: der Mann dachte z. T. rassistisch, und er war davon geprägt, Mitglied einer priviligierten Klasse zu sein. Was nicht bedeutet, dass seine (und Wallaces) Evolutionstheorie soweit durch diesen priviligierten Status kompromittiert wäre, dass sie keine brauchbare Annäherung an den „harten Kern“ der Realität darstellen würde. Ich gehe sogar so weit, dass „sauber“, d. h. ohne Fälschungen und verfälschungen durchgeführte naturwissenschaftliche Experimente selbst von pseudowissenschaftlichen Hypothesen ausgehende Wissenschaftler mit eindeutig verbrecherischen Motiven valide Ergebnisse erbringen – die Interpretation dieser Ergebnisse steht dann allerdings auf einem anderen Blatt. Die heute in der Seenotrettung gebräuchlichen und in der Praxis tausendfach bewährten Tabellen, an denen sich ablesen lässt, wann ein in kalten Wasser treibender Mensch lebensgefährlich unterkühlt ist, und auch die Verfahren, wie man einen lebensgefährlich unterkühlten Menschen retten kann, beruhen zum großen Teil auf tötlichen Menschenversuchen in Nazi-Vernichtunglagern, im Auftrag der deutschen Kriegsmarine! (Das ist offiziell erst seit einige Jahren bekannt, ich habe mich seitdem ich zum ersten Mal so eine Tabelle nebst den zu ergreifenden Erste-Hilfe-Maßnahmen für Unterkühlte sah, immer gefragt: Wie hat man das eigentlich herausgefunden? Ich sehe übrigens keine „ausgleichende Gerechtigkeit“ darin, dass zahlreiche Menschen ihr Leben mörderische Versuchen verdanken. Moralische Bedenken, diese und andere Forschungsergbnisse (oder auch: technische Erfindungen) zu nutzen, habe ich nicht. In dieser Hinsicht bin ich knallharter Pragmatiker: ist etwas nützlich, gebrauche ich es. Was wiederum etwas anderes ist, als „Der Zweck heiligt die Mittel“. Aber ich schweife ab …
    Klar, in den Kulturwissenschaften stellt sich die ganze Frage anders. Das einzig gute am Sinozentrismus, den einige chinesische Historiker an den Tat legen, ist, dass er dem Eurozentrismus vieler „westlicher“ Wissenschaftler einen Spiegel vorhält. Das Dümmste, was man meiner Ansicht nach tun könnte, wäre, etwa ein „afrozentrisches“ Geschichtsbild zu konstruiren, als „Gegengewicht“ zur „weißen Unterdrückungswissenschaft“. Da sind wir wieder im Sandkasten: „Der da hat aber auch …“

  5. momorulez November 26, 2013 um 8:48 pm

    Bei letzterem geht es darum, überhaupt erst mal selbst Geschichte schreiben zu können auf einem Kontinent, der von den Kolonisatoren in die Geschichtslosigkeit verbannt wurde. Bei Facebook ging neulich so ein Spruch rum, die Sklaverei sei nicht Teil der „afrikanischen Geschichte“, sondern habe sie unterbrochen. Und es ist geradezu ein persönliches. Anliegen, dass da ordentlich Geschichtsschreibung betrieben wird, dann stellen die irgendwann auch fest, das Sex mit dem gleichen Geschlecht nicht „unafrikanisch“, sondern Homophobie ein christlicher Import ist wie überall anders auch.

    Und Du bastelst hier schon wieder so eine inexistente Symmetrie. Es gibt auch heute schwule Rechtsextreme und die Szene hat wie alle anderen auch ein Rassismusproblem; die historischen Nazis haben Röhm, der einer von ihnen war, aber umgebracht und den 175 verschärft. Das ist kein „die aber auch“, viel häufiger sind komplette Externalisierungen, um sich rein zu waschen, von denen, die eh schon die Mächtigeren sind. Auch, was denn nun „schwarze Rassisten“ sein sollen, muss man sich echt genau angucken; das, was gemeint sein könnte, ist in der Regel ein völlig anderes Phänomen, weil dieser weiße Rassismus ein in seiner Einzigartigkeit unvergleichlich brutales geschichtliches Ding ist. Zu dem immer auch Supremacy aus der Wissenschaftsgeschichte ziehen und irgendeine angeblich ortlose Objektivität gehört. Systematisch den Klerikalfaschismus Spaniens und das Mullah-Regime im Iran zu vergleichen könnte Sinn machen; meines Wissens gibt es da wenn, dann eher Analogien zur DDR, und die war kein faschistisches System. Feminazis ist schon richtiger Unsinn.

    Wie das nun alles in China ist, da wage ich nun so gar kein Urteil, weil da meines Wissens schon die Vorstellung von Historie eine andere ist.

    Und diese wissenschaftlichen Objektivismen heraus zu lösen aus den Orten, wo sie generiert wird, und vn denen, die sie generieren, halte ich auch für unmöglich. Das beschreibst Du ja selbst. Gerade naturalisierende Biologie ist doch nun nie irgendwo im machtfreien Raum erforscht worden, wie Du heute am besten in Pharmaforschungen sehen kannst. Und wenn die Quantenphysik mit irgendwas aufgeräumt hat, dann mit Vorstellungen von „Objektivität“.

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