Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Freedom now!

Auf dem Cover sind vier weiße Menschen in einem Kochtopf auf einer Feuerstelle abgebildet. Ein in Blackface-Manier, also schwarz bemalter Weißer stakst unbeholfen mit einem Messer in der Hand auf die Gruppe zu. Die “kannibalistische” Bildbotschaft ist eindeutig. Ein Blick auf die Homepage der Band versucht einen literarischen Bezug mit dem Struwwelpeter von Heinrich Hoffmann herzustellen. Sich diesen Zusammenhanges bewusst, erinnert Knorkator damit an die Geschichte der drei weißen Jungen, die einen M* ärgern und zur Strafe in ein Tintenfass gesteckt werden, um noch schwärzer als der M* gemacht zu werden. Die subtile Botschaft hinter der vermeintlich gut gemeinten Moral dieser Geschichte: Es ist eine Strafe, schwarz zu sein. Tagtäglich sind Schwarze Menschen mit kolonialen Darstellungen konfrontiert, die rassistische Klischees und Stereotypen aufrecht erhalten. In Zeitungen, Büchern oder Filmen begegnen sie schwarz geschminkten Menschen mit Knochen in den Perücken, knallrot bemalten Lippen und weit aufgerissenen Augen. Neben der Darstellung des N* steht auch die des M* für eine Abwertung Schwarzer Menschen. Als Begriff war er von Anfang an negativ belegt und versinnbildlichte den unterwürfigen, versklavten, afrikanischen Diener.

Habe gerade eine Tagung erlebt. Durfte sogar referieren. Ich sag nicht, wann und wo, das ist zweitrangig. Ich will da niemand einzelnem was.

Wichtig ist, was man als „Rockism“ bezeichnen kann – jene Musikgeschichtsschreibung und jener männliche Habitus, die sich einbilden, die Geschichte der Rockmusik habe mit Bill Haley begonnen. Sei dann vom elektrifizierten Dylan, den Beatles, den Stones, Psychedelic, Led Zeppelin, Bowie, AC/DC, Punk, Grunge und Hamburger Schule fort geschrieben worden und habe sich noch in Alternative, Hardcore und bei Thees Ullmann heroisch gegen – ich zitiere einen Autor, der das einst ausgerechnet auf Wham! textete – „Gleitcreme-Pop“ und andere „Fließbandmusik “ heroisch behauptet. Passen ja auch Knorkator dazu. Habe gerade noch mal rein gehört – mehr als 30 Sekunden habe ich nicht ausgehalten.

Es gibt einen wundervollen Track von den Pet Shop Boys: „That’s how I learnt to hate Rock’n’Roll“.

Das ist gegenüber Chuck Berry und Little Richard tatsächlich ungerecht. Die zwei wurden auch prompt in der Diskussion angeführt, als ich diese krude Popmusikgeschichtsschreibung kritisierte und einen Gegenkanon forderte – Jazz, Gospel, Blues, Cole Porter, Soul, Aretha Franklin, Stevie Wonder/Curtis Mayfield/Gil Scott Heron, Philly Sound, Disco, Reggae, Synthie- und New Pop, HNRG, House, Hip Hop, R&B.

So detailliert kam ich gar nicht dazu. Vorher schon nickten sich zwei weiße Männer zu, das sei ja wohl Old School, Rockmusik auf „weiß-hetero-männlich“ herunter zu brechen. Alles ausdikutiert, Schluss, aus. Alles schon erzählt, vorbei und überholt. Von wem erzählt und ausdiskutiert, das berichteten sie nicht.

Am Tag zuvor war ein Vortrag zu hören gewesen über vom Rock’n’Roll inspirierte Teenie-Filme in Deutschland und Frankreich. Von Little Richard und Chuck Berry war da keine Rede gewesen. Aber von Peter Kraus, Horst Buchholz und James Dean und davon, wie weiße Kids mit dem im Vortrag voll ausgesprochenen – „Diktion jener Zeit“ – N-Wort verglichen worden seien. Obwohl sie doch ganz sittsam getanzt hätten. Das wurde in Filmausschnitten gezeigt. Empörung und Süffisanz zog nicht primär nach sich, mit was für kruden Vorstellungen Schwarze überzogen wurden, sondern, dass man diese Vorstellungen auf weiße Jugendliche bezogen habe. Und DEREN Befreiung infolge war Thema. Referiert wurde eine ganz interessante Unterscheidung zwischen „Takt“ als kultiviert und „Rhythmus“ als „urwüchsig-körperlich“ (nicht wörtlich) im Diskurs der 50er. Und zum Glück für die weiße Musikgeschichtsschreibung kam dann ja Dylan, versorgte die Jugend wieder mit Taktgefühl, auf dass man Chuck Berry und Little Richard nur noch zum Derailing erwähnen brauchte und Big Mama Thornton schon mal gar nicht. Und seltsam, die Jugendlichen im Film hätten doch zu Jazz getanzt, gar nicht zu Rock’n’Roll. Trotz Vorgeschichten im Jitterburg und Swing-Phrasen im Saxophon-Solo inmitten von Billy Haley-Songs wurde an der Zäsur Rock’n’Roll fest gehalten. Habe ich früher ja auch. Bin ja auch weißer Cis-Mann.

Vorher durften die Versammelten einem US-Professor lauschen, der u.a. über „Gimme Shelter“, jene „legendäre“ Documentary über den Auftritt der Rolling Stones beim Altamont-Festival 1969, sprach als Form des „Direct Cinema“. „Legendär“, weil während ihres Auftritts vor der Bühne ein schwarzer Konzertbesucher von einem Hells Angel, die als Ordner Unheil anrichteten, erstochen wurde.

Die Szene, da Alan Passaro das Messer in die Luft reckte hinter Meredith Hunter, bevor er es in dessen Körper stieß, wurde als Still mehr als 10 Minuten im Rahmen einer Power Point-Präsentation auf eine Großbildleinwand geworfen. Später wurde die Tat als „Notwehr“ gewertet; Meredith Hunter, ich meine, seine Freundin neben ihm war weiß?, habe versucht, unter Drogeneinfluss mit einem Revolver auf die Bühne zu gelangen, so wurde behauptet.

Darüber redete der US-Professor aber gar nicht. Ein Bild, da ein Rocker einen Schwarzen ersticht, wurde wie zur Dekoration vor einem weißen Publikum ewig an die Wand projiziert. Thema war lediglich die Erzählweise des Films.

Danach: Ein Vortrag über Grunge. Anhand des Films „Singles“ folgte die Ausführung, dass dieser die Domestizierung und Verbürgerlichung eines Wild Styles mit Hollywood-Mitteln vollzogen habe. Um das zu belegen, wurden Fotos von headbangenden, weißen Musikern neben die „braveren“ Inszenierungen aus dem Film projiziert. In der Diskussion fällt die Behauptung, 1992 habe es keine hegemoniale Kultur mehr gegeben. Zu der Zeit der L.A. Riots also, Aufständen gegen Polizeigewalt und einer nach dem Ende der Segregation einsetzenden gezielten Verelendungs-, Kriminalisierungs- und Inhaftierungspolitik gegen die schwarze US-Bevölkerung. Zu der Zeit, da Snoop Dog medienwirksam verhaftet wurde und der „Gangster-Rap“, Mitte der 80er Jahre enstanden, massenwirksam wurde. Ja, erst dann. Und ja, oft besonders stark von einem weißen Mittelklassepublikum rezipiert.

Next Day. Auf meinen Vortrag darüber, dass Prozesse in institutionellen Ordnungen, nicht Individuen kulturelle Produkte hervor brächten und je nachdem, wie die Sozialstruktur in diesen Ordnungen beschaffen sei, dies zu Verzerrungen und Ausgrenzungen führen könne in der Darstellung der sozialen Realitäten, die Sujets in diesen Produkten sind – und dass eine dieser Verzerrungen, Weglassungen, Ausgrenzungen bewirkende institutionelle Ordnung weiße, heterosexuelle und männliche Dominanz sei -, folgt ein Vortrag über Laibach.

Laibach wird in der slowenischen Kunstszene verortet als ein Spiel der „Überaffirmation“ totalitärer Ästhetiken, die den, der damit konfrontiert würde, dann hilflos und irritiert zurück ließen. Ausschnitte aus einem stalinistische Sowjet-Propaganda reproduzierenden Film sind zu sehen. Das Publikum lacht wissend. So was kennen sie. Köstlich. Gegen Nazis!

Der Vortragende führt aus, dass Laibach ein im antifaschistischen, jüdischen Widerstand entstandenes Symbol aus vier Äxten von John Heartfield in ihre „Überaffirmation“ totalitärer Ästhetik integriert hätten.

Ein anderer Künstler aus Slovenien hätte in Nigeria tatsächlich 15.000 Pässe einer fiktiven Republik an Menschen verscherbelt. Das Publikum lacht. Witzig.

Draußen jagt die Polizei die lampedushh-Gruppe.

Frage aus dem Publikum, sinngemäß: Habe die faschistoid inszenierte Männerbündlerei von Laibach nicht was mit Homosexualität zu tun?

Außer mir opponiert keiner.

Nächster Vortrag: Konzertfilme über Prodigy und die Chemical Brothers. Der Referent hatte mich immerhin vorher für meinen Vortrag gelobt. Sehe der Verrockung der Dancefloor-Szenarien zu. Deren Errungenschaft bestand u.a. darin, dass nicht irgendwelche Macker auf der Bühne in ihre Gitarren wixten, sondern die Crowd selbst, jede Tänzerin, jeder Tänzer, der Star war. Wie schon zu Disco-Zeiten, als häufig Marginalisierte und mehrfach Diskriminierte, LGBT-Latinos und -Schwarze, das einzige, was temporär ihnen gehörte, auf den Tanzflächen der Gay-Clubs zelebrierten: Ihren Körper.

Prodigy haben das aufgehoben und setzen auf Stadionrock. Publikum ist auch zu sehen..

Diskussion wieder mit dem US-Professor: Sollte man Dokumentarfilme über Musik nicht generell „Rockumentary“ nennen – als Überbegriff für alle populäre Musik?

Gehe ins Raucherzimmer und fluche unaufhörlich. Zetere. Wettere. Fühle mich fast beschmutzt, dass mir und meinen musikalischen Welten so ein Etikett angeklebt werden soll. „Rockumentary“ für Filme über Soul und House?

Finde immerhin Zuhörer. Es zogen sehr, sehr viele nicht mit. Wir surften gemeinsam melancholisch durch Paralleluniversen.

Manche aber mögen mich jetzt nicht mehr.

Und dann lese ich, zu Hause auf dem Sofa, dieses erbärmliche Statement von Knorkator. Rocker, die mit üblen Stereotypisierungen aus der rassistischen Mottenkiste, ausgerechnet Struwwelpeter, der schon in den 70ern als miese Propaganda für Kinderköpfe auf den Müll gewandert ist, herum hantieren und sich fürchterlich verunglimpft fühlen, wenn sie freundlicherweise darauf hin gewiesen werden, was sie da treiben. Anstatt sich zu bedanken und derartigen Scheiß in Zukunft einfach bleiben zu lassen. Vor unterschwelligen Drohungen gar schrecken sie nicht zurück – das sei ja wohl für beide Seiten nicht gut, schreiben sie und sehen sich stereotypisiert. Wie man in den Wald ruft …

Als sei nicht offenkundig, für wen Rassismus nicht gut ist.

Freedom now!

Ich will eine Welt, in der das alles anders ist!

Eine In der alle bell hooks lesen, verstehen, in der Diversity möglich ist und nicht nur behauptet wird.

Im Büro, da geraucht wurde, läuft Jazz. Einer der Veranstalter legt mir eine Aufsatzsammlung auf den Tisch mit dem Titel „Respekt!“. Aufsätze über Archie Shepp, Gil Scott Heron und andere. Erzählt von Diskussionen in Südafrika – nein, keine unter Buren, die „überaffirmierend“ inszenierte Appartheids-Propaganda vor weißem Publikum vorführen und einverstanden herrlich finden. In der dann noch Symbole des Widerstands verhackstückt werden. Nein, andere Dislussionen.

Man tauscht Telefonnummern aus.

Es gibt Hoffnung.

PS: Oder auch nicht. Bis auf eine Person waren keine PoC bei der Veranstaltung. Same danger, as it ever was.

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9 Antworten zu “Freedom now!

  1. MartinM November 24, 2013 um 6:07 pm

    Auch auf die Gefahr hin, hier den „Captain Obvious“ zu geben: der „Fall Knorkator“ zeigt zwei Verhaltensmuster, die mir immer leider wieder, im unterschiedlichen Kontext, begegen.
    – Die (selbstgerechte) Vorstellung, eine „linke“ Band, die außerdem einst von Rio Reiser „entdeckt“ und gefördert wurde, könne, allein da sie „links“ und „alternativ“ sein, doch gar nicht rassistisch sein. Erinnert mich an Antisemiten, die auf ihre jüdische Großmutter verweisen, so, als ob die „richtige Gesinnung“ oder die „richtige Herkunft“ eine Schutzimpfung gegen rassistische Fehlgriffe sei.
    – Die misslungene Satire, der (unbeabsichtigte?) „Punch-Down-Humor“ und die anschließende Weigerung, selbstkritisch wahrzunehmen, dass das ein Griffs in Klo und eine ziemlich heftige Beleidigung war – noch nicht einmal um Entschuldigung gebeten hat Knorkator.
    Knorkator hätte meiner Ansicht nach tatsächlich eine Satire auf rassistisches Denken daraus machen können. Etwa durch Umkehr der Klischees – Weiße kochen Schwarze im Kochtopf z. B.. Auch nicht eben niveauvoll, aber immerhin kein Witz auf Kosten jener, die ohnehin ständig diskriminiert werden.

    Struwelpeter – zu SEINER Zeit, vor über 150 Jahren, als Sklaverei und Kolonialismus florierten, und es Wissenschaftler gab, die bezweifelten, dass Schwarze „Menschen wie wir“ (mitgedacht: „Weißen“) sein würden, würde ich Heinrich Hoffmann sogar für jemanden halten, der gegen den Rassismus SEINER Zeit anschrieb und die Mittel verwendete, die er, gemäß seiner Sozialisation und seiner Erfahrung, kannte. Aber – HEUTE ist diese Geschichte und seine Art „Antirassismus“ ebenso gründlich veraltet und inakzeptabel wie Hoffmanns Einschüchterungs- und Schock-Pädagogik (die allerdings gegenüber der damals üblichen Prügelpädagogik schon ein kleiner Fortschritt war).

    MartinM

  2. momorulez November 24, 2013 um 8:00 pm

    Puh, ob die Umkehr da jetzt funktioniert hätte und man gewissermaßen retrospektiv nun noch irgendein nettes Anliegen aus der Zeit heraus in Anschlag bringen kann – letzteres weiß ich immer nicht. So eine ähnliche Diskussion hatten wir schon mal über die Herrnhuter und Pietisten; das Absurde im 19. Jahrhundert war ja, dass gerade die, die formale Gleichheit, Rechte für alle usw. vordachten, oft auch die schlimmsten Hetzer waren. Weil dieser Überlegenheitsdünkel nun eh schon im Bürgertum angelegt ist und sich Schwarzen gegenüber dann noch viel, viel krasser als Arbeitern und „Lumpenproletariat“ gegenüber äußerte. Und sich einfach konstitutiv durch die gesamte bürgerliche Kultur zieht – Politik, Wirtschaft, Kunst, Musik, Architektur usw. Das war ja das Verblüffende bei dieser Tagung – bin da ganz denkoffen hin spaziert, und all die versteckten und unbemerkten Bezüge zu Schwarzen tauchen immer auf. Spätestens bei den Pässen für due Nigerianer dachte ich wieder, dass es vermutlich „europäische Kuktur“ wie wir sie kennen ohne diese penetrante Witzelei, Herabwürdigung und Schlimmeres gar nicht gäbe. Weil der Rassismus immer schon in der „Kultur – Natur“-Unterscheidung drin steckt und Schwarze dreist mit „Natur“ identifiziert wurden als „Vorgeschichte“, zu besichtigende. Dein Freund Darwin gehört da schon auch mit rein …

    Ansonsten bin ich aber völlig bei Dir. Und man macht ja die Erfahrung, dass gerade die linken Szenen oft viel krasser rassistisch agieren können, gerade WEIL sie meinen, sie nun gerade hätten das hinter sich. Das ist beim Homophobie-Thema genau so. Knorkator glaube ich noch nicht mal, dass ihnen das nicht aufgefallen ist, das ist in diesem Fall zu offensichtlich. Das ist eher diese „Komm, hab Dich nicht so!“-Machtausübung, die im persönlichen Kontakt extrem bedrohlich werden kann.

  3. Mrs Next Match November 25, 2013 um 12:17 pm

    möchte alle 20jährigen Afros in den Arm nehmen, die sich an solchen Orten aufhalten müssen, um ihre Demütigungsbescheinigung BA MA zu bekommen, denn etwas anderes dokumentieren diese Wischs ja nicht in dieser und all den anderen absolut austauschbar rassistischen Universitätshöllen; das, was mit Studieren eigentlich mal gemeint war, ist unter solchen Umständen gar nicht möglich. Danke, momorulez, für deine Schilderung, insbesondere die Szene mit dem Mord, der auf der Leinwand einfach mal stehenbleibt, als wüssten wir nicht, wie wir das zu lesen haben. Und dabei ist es ganz egal, um welchen Mord es sich handelt, allein schon die Kaputtheit, überhaupt eine Tötung als Backdrop stehen zu lassen. Ich erlebe bisweilen, dass bei aktivistischen Panels weiße Kolleginnen / Kollegen die Bilder nackter Schwarzer, auch misshandelter, Frauen, als „Untermalung“ stehen lassen dessen, was sie jetzt wichtiges (sozialkritisches, politisches, historisches, museumspraxis-analytisches) zu sagen haben. Auch das wissen wir durchaus zu lesen. Zurück zur Uni. Die geschilderten Szenen sind so gruselig weil sie so alltäglich sind und gleichzeitig wie karikaturhafte Überzeichnungen überdeutlich transportieren: Alles, einfach alles wird getan, um PoC an realer Partizipation zu hindern.

    Und zu wissen: in **diesem** Studentenprotest würden direkt und sofort Polizisten vom Modell Kurras konzertiert losgelassen, das ist die unausgesprochene aber omnipräsente Drohkulisse. In Dessau und Augsburg und Frankfurt, um nur einige Orte beispielhaft zu nennen, erfreut sich Polizei nach irrationalen Tötungen Schwarzer Menschen landesweiter Solidarität und Rückhalt. Denkt daran, dass gewaltvolle Polizeiwillkür eine Basis ist, auf der in der BRD u.a. auch der Zugang zu Wissen verhindert wird, es sind nichts anderes als andauernde unausgesprochene Morddrohungen: Falls man/frau aufmucke [egal für welchen guten Grund], wisse man/frau ja, was schnell passieren könne… da müssen die Kontrollmittel des auch neuerdings so viel schrägzitierten „Rechtsstaat“ plötzlich alle nicht mehr greifen, weil die Protestierenden, ihr Recht einfordernden Individuen von vornherein als außerhalb des Staates wahrgenommen werden, da kann die Rechtslage noch 100x was ganz anderes sagen, zutiefst rassistische Sozialisierung hat bisher noch immer sozial intendiertes Regelwerk, Logik und humane Handlungsabläufe überschrieben (und kommt noch zu dem Hinzu, was sich seit über 60 Jahren und auch dem Ende der 60er freilich kein bisschen geändert hat, es ist enorm gruselig, wie sehr mir die hamburger SPD-Verlautbarungen seit 10 Jahren wieder nach Heinrich Albertz anklingen).
    Es gibt einfach nichts, was GesamtSchland mehr auf die Palme bringt, als Schwarze Leute, die sagen, dass sie keine Ausländer oder Touristen oder unterwürfig sind, sondern dieses Schland ihres ist, und sie ihre eigenen Institutionen gern ohne rassistische Scheiße betrieben hätten. Da greift dann plötzlich auch nicht mehr der im Kindergarten erlernte Herablassungsreflex »Hilfe für die Menschen aus Afrika«. Weil die eingebildete Bedrohung eben nur zum Teil Schwarze [fremde] Präsenz ist, zu einem großen anderen Teil ist sie tatsächlich »rassische Überfremdung«, das Eingehen des Schwarzen in den Volkskörper (das freilich schon vor vielen hundert Jahren passiert ist, aber um Realität geht es hier nicht, sondern um weiße Empfindsamkeiten und Vorstellungswelten), und die Angst, nicht mehr zu 100% das Sagen zu haben in 100% der staatlichen Einrichtungen, vielleicht sogar Herrenhaus und Plantage weggenommen zu bekommen eines nachts von einem angry mob, der dann natürlich (denn nach dieser Logik operieren sie selbst, also denken sie das auch von anderen) Rache ausüben wollen wird. So erklärt sich das panische Reagieren auf Forderungen nach Inklusion, auf das Beenden rassistischer Selbstverständlichkeiten: sie denken gleich, sobald man gleichberechtigt sei, werde man sich ganz furchtbar rächen oder sich zumindest genau so brutal benehmen wie sie selbst es tun, und das will ja nun wirklich niemand abbekommen.
    Und weil wir das wissen, mit den Tötungen durch die Polizei, und weil wir sie kennen, weil wir sie ja gezwungenermaßen mehr studieren als die Studienfächer, die uns eigentlich viel mehr interessiert hätten, erleben wir jeden Tag diesen Terror und erdulden Zustände, die eigentlich nicht auszuhalten sind. Also gehen wir daran kaputt, das ist eine praktische und gewollte Lösung. Oder flippen irgendwann aus und lassen uns dabei erschießen, das ist auch gut. Oder retten uns und ziehen weg, das ist am besten.
    Was bin ich froh, dass ich nicht jung bin. Ich glaube, mir wäre schon schlimmes zugestoßen in letzter Zeit.

    Zwei kleine Hoffnungsschimmer:

    Manche, wenige von uns, mit den luxuriösen Beigaben eines sehr, sehr guten Nervenkostüms, großen familiären Supportsystems, Geld und einem Charakter, der viel erdulden kann, schaffen es aber durch diese Riesenscheiße durch, und kämpfen darin danach täglich weiter (sie sind zumeist Frauen) als Lehrende, als Streitende, als Anker, als Hoffnungsfunken. Denen mein größter Respekt, auch wenn ich nie ganz verstehen werde, wie sie den Mut behalten haben, so jung und mit der Perspektive, dass es danach so weitergehen wird, zwar dann nicht mehr 100% machtlos, aber immer unter Verweigerung der Akzeptanz des Menschseins (und das in gesellschaftlichem Konsens!)…

    Größten Respekt auch an die Lampedusa Hamburg Gruppe und alle Geflüchtetenselbstorganisationen, die durch ihre jahrzehntelange Arbeit verkrustete gewaltvolle Selbstverständlichkeiten gerade zu durchbrechen schaffen, sie sind Vorbilder! Statt um „Duldung“ geht es da um berechtigte politische Forderungen, um die Analyse, wie die ungleichen Ausgangspositionen überhaupt zustande kamen, und nicht um simplifizierte gewissensberuhigende individuelle und damit immer, immer, immer kontrollierbare und dominanzerhaltende „Hilfe“ für die „Armen [hier beliebig einzufügen: Herbalassungstrigger aka Supremacybestätigungsfeelgood]“! (Auch wenn das noch nicht alle begriffen haben. An der HfbK forderten Poster kürzlich dazu auf, so wörtlich, „alte(!)“ Schuhe für „Flücht..“ zu spenden, es lagen daraufhin wochenlang ausgetretene Latschen in der Aula herum bis zum Termin der Einladung der Lampedusagruppe zur gemütlichen „Diskussion“ mit Studierenden, ich hoffe, sie haben den zynischen Latschenhaufen auf den Marmorfließen an den Stucksäulen nicht gesehen) Von diesen Selbstorganisationen wird im Prinzip gerade recht vielen Menschen hier klar gemacht, dass Reparationen berechtigt sind. Und noch viele andere viel grundlegendere Dinge, die eigentlich zur normalen sozialen Dispositionsausstattung sich als zivilisiert feiernder Menschengruppen dazugehören sollten, es hier aber nun mal leider nicht tun. Und dass jetzt in diesem Moment diejenigen so viel Versteinertes Verknöchertes aufbrechen und schaffen, die am meisten unmittelbar bedroht sind, traditionell am wenigsten gehört werden, und am wenigsten finanzielle Resourcen haben – ist sagenhaft und zutiefst respektgebietend. Es verbieten sich daher Kaffeekränzcheneinladungen zum gemütlichen Schnack. Ein (natürlich wohlbezahlter) Lehrvortrag oder ein Seminar wäre mindestens angemessen.

  4. momorulez November 25, 2013 um 12:57 pm

    „So erklärt sich das panische Reagieren auf Forderungen nach Inklusion, auf das Beenden rassistischer Selbstverständlichkeiten: sie denken gleich, sobald man gleichberechtigt sei, werde man sich ganz furchtbar rächen oder sich zumindest genau so brutal benehmen wie sie selbst es tun, und das will ja nun wirklich niemand abbekommen.“

    Exakt. Als ich das mal sinngemäß bloggte, hatte ich binnen kurzem annähernd die gesamt „linke“ Blogosphäre gegen mich, in unendlichen Diskussionen bei Exportabel/Genova, das sitzt da ja fast am tiefsten noch bei den vollends Aufgeklärten.

    1000 Dank auch für Deinen vertiefenden Kommentar!

    Dass ich so was überhaupt wahr nehme, habe ich ja vor allem Dir zu verdanken, mir wäre das alles vermutlich vorher noch nicht einmal aufgefallen, deshalb auch dafür 1000 Dank!!!

    Auch das mit dem Bild, das da ewig projiziert wurde, habe ich erst im Nachhinein gepeilt, am zweiten Tag, weil ich zunächst diese komische Selbstimmunisierung des „ich will da aber gerne positiv auffallen“ als Wahrnehmungsschranke installiert hatte. Nach diesem „Old School“-„Argument“, also als ich nun selbst betroffen war, habe ich es dann erst vollumfänglich geschnallt, was ich am Vortag gesehen hatte. Ist ja auch wieder typisch.

    Das ist ja das Schlimme, dass, wenn man aus den selben Szenen kommt, komme ich ja, man auch ganz und gar gruselig trainiert ist. Wobei ich dann nicht immer diese Abwehr hatte, wenn mich jemand darauf hinwies.

    Dann gucken wir uns noch den „neuen Dylan“ an, ewig weiße Medien-Zitate auf „like a rolling stone“ montiert, und die erste schwarze Frau, die nach eineinhalb Minuten auftauchte, war ein Model auf einem Laufsteg …

    Ich fand das so frappierend, wie das als Subtext, als grausamer, ganz, wie Du es beschreibst, die ganze Veranstaltung prägte.

    Es gab dann zwei Studierende, die sich ganz begierig Bell Hooks als Buchtipp aufschruben. Habe ihnen dann den Madonna- und den Basquiat-Aufsatz empfohlen, ich bin da ja auch immer nahe an der Appropriation, wenn ich da agiere, und versuche dann wenigstens, Originalquellen zu nennen. Die waren extrem begierig, das Thema zu vertiefen – vermutlich auch, weil ich ja nun eine veritable Biographie als Medienmacher habe und da eben als weißer cis-Mann sitze und mich dann ja auch nicht so aufreiben muss wie die Poc-Frauen in der Lehre.

    Trotzdem, ich glaube schon, dass da was bröckelt. Eine Studentin lobte mich dann immer für meine „Wachheit“ in solchen Fragen auf und forderte den wissenschaftlichen Mitarbeiter des Professors auf, das doch bitte mal in der Lehre zu vertiefen und mich, doch unbedingt dranzubleiben.

    Würde ich ja gerne. Nur dass es dafür gar keine Institutionen gibt, wo das geht.

  5. Mrs Next Match November 25, 2013 um 2:02 pm

    „wenn man aus den selben Szenen kommt, komme ich ja, man auch ganz und gar gruselig trainiert ist. “

    Ich glaube, dass wir alle gruselig trainiert sind, dass wir alle dasselbe internalisieren mussten, szeneunabhängig, weil es halt so normalisiert ist und schon im Kindergarten und Kinderfernsehen eingeführt wird, für alle. Mit viel Glück kann Familie gegensteuern. Jedenfalls kenne ich genügend Leute mit genügend Grips und auch Eigeninteresse daran, rassistische sexistische Dominanzpräsentationen nicht gut zu finden, die in solchen Situationen über sehr leises und diffuses Bauchweh nicht hinaus kommen. Ich kenne das auch von mir selbst, immer seltener, aber es passiert noch. Weil wir und unsere Erfahrungen schon so entwertet wurden, dass das Hören auf das eigene Bauchweh automatisch lächerlich gemacht wird, dass es bestraft wird, sich selbst zu spüren, die Antwort auf „aua“ allzuoft Drauftreten ist, kann nicht reagiert (genauer: interagiert) werden. Und weil unser Handeln, selbst wenn es unendlich konstruktiv ist, als Aggression fehlgedeutet wird. Nur im Verdrängen und Wegstecken/Wegsehen-statt-stop-sagen haben alle in Schland viel Übung. Wir müssen das alle ent-lernen und dafür das Menschliche er-lernen.
    Die Insitutionen müssen sich indessen erkämpft werden. Die Linie zwischen Zuspruch und offener Feindseligkeit *trotz!* theoretischem Einverständnis verläuft genau zwischen Dir und mir.

  6. momorulez November 25, 2013 um 2:12 pm

    Zuspruch? Die Pointe habe ich nicht ganz verstanden, denke darüber nach. In allem anderen vollkommen bei Dir und Danke erneut für den Kommentar!

    Mir machen die Instituionen viel leichter als Dir. Ich kriege diese Packungen da nicht so krass ab, selbst wenn ich angreife. Habe ich ja gemacht. Bin ja in gewisser Hinsicht „einer von denen“ in deren Augen. Dass der Praktiker die Wissenschaftler hinterfragt kommt auch nicht gut an, aber das ist ja gar kein Vergleich mit dem, was Du da aushalten müsstest. Kann aber ja jeder Mitlesende oben lesen.

  7. Mrs Next Match November 25, 2013 um 4:36 pm

    Das meinte ich mit Zuspruch. Dass es ihnen bei Dir möglich ist, zuzusprechen, und bei mir nicht mehr, selbst wenn wir dieselben Ansichten vertreten.

  8. momorulez November 25, 2013 um 4:55 pm

    Ah, Danke! Dachte gerade schon, ich hätte aus Versehen irgendwo zugestimmt, wo ich das gar nicht wollte … hätte ja sein können, dass ich wieder was nicht gemerkt habe.

    Und ja, es ist mir selten mal wieder derart krass aufgefallen wie an diesem Wochenende. In seiner ganzen Brutalität. Weil es strukturell wirkt, ohne dass die Individuen es merken.

    Mir fielen auch all die Gespräche mit Dritten, weißen Männern, wieder ein, ob beim FC St. Pauli oder anderswo, wo man dann z.B. vor den Fanräumen stand und von PoC-Frauen angestoßene Auseinandersetzungen wieder ausgekramt werden. Solche, die Jahre her sind. Um sich darüber zu ereifern, wie ja doch gerade die, die es doch eigentlich gut meinten, ach so gemein angegriffen worden seien. Wo nicht mal der Versuch unternommen wird zu verstehen, was denn der Grund für diese Auseinandersetzungen gewesen sein könnte. Und die eigene Empfindlichkeit riesig ist, die anderen nicht zugestanden wird.

    Es gibt zwar auch ganze Blogs voll mit Psycho-Diagnosen über mich, und würde ich als „schwuler Medienmacher“ anmoderiert, liefe auch einiges anders.

    Aber es ist kein Vergleich zu der Borniertheit, latenten Gewaltandrohung, Ignoranz und Abwertung, mit der PoC-Frauen belegt werden. Es IST einfach krass. Und wirklich bewundernswert, das auszuhalten.

  9. P.M. November 26, 2013 um 6:25 pm

    Oh wow. Die Knorkator-Geschichte finde ich jetzt mal enttäuschend. Und deprimierend.

    Gerade Knorkator, die in der Vergangenheit durchaus mit Sachen aufgefallen sind, die man für antirassitisches Engagement halten könnte. Und denen ich aufgrund ihres Hangs zur Selbstironie von den größeren kommerziellen Bands noch am ehesten sowas wie eine kritische Eigenwahrnehmung zugetraut hätte …
    Aber ne, is nicht.
    Die Aktion selbst ist ja schon übel genug, aber dass da als Reaktion auf die Kritiker auch noch die alte „wir sind keine Rassisten und das war nicht rassitisch gemeint also kann das nicht rassistisch sein und ihr habt kein Recht euch angegriffen zu fühlen“-Masche gefahren wird, schlägt den Fass den Boden aus. Das hätte so auch von jeder x-beliebigen anderen deutschen Rockband kommen können und das ist schade.

    Ich glaube, Martin da hat mit der Analyse in seinen Kommentar hier ins Schwarze getroffen.

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