Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Danke, Dieter Hildebrandt!!! R.i.P. .

Es wurde ja wirklich vieles nicht besser. Im Westen zumindest.

Was heute gestorben ist, das ist auch eine der wortgewaltigsten und virtuosesten Stimmen der „alten Bundestepublik“. Das ist die Gefahr, wenn einem die Nachricht vom Tode eines großen Künstlers derart in den Magen rammt, dass man, also ich, kurz heult. Lese ich bei Twitter und Facebook, ging es wohl vielen so. Dass dann so ein blöder „Früher war alles besser“-Diskurs startet, das ist die Gefahr.War es manches aber.

Dass ein 86jähriger stirbt, das ist der Lauf der Dinge. Dass dieser 86ährige stirbt jedoch, das macht so überdeutlich, was schon länger einfach schmerzlich fehlt.

Ist zwar nicht so, dass es zu seinen Glanzzeiten nicht auch Fips Asmussen, Willy Millowitsch und andere Albernheiten gab. Schlimm ist, was dafür sorgte, dass solche wie er zunehmend marginalisiert wurden, Mario Barth stattdessen Stadien füllt und die Titanic fast nur noch als reaktionärer Herrenwitz über eh schon Diskrimierte funktioniert.

Dieter Hildebrandt stand auch dafür, die von den Nazis unterbrochene Tradition des Weimarer Kabaretts und der „Weltbühne“ in „Kleiner Freiheit“ und „Lach und Schießgesellschaft“ irgendwie fortzusetzen mit anderen Mitteln. In der „Kleinen Freiheit“ hat Hildebrandt angefangen, traf Menschen wie Erich Kästner, der der Verbrennung seiner eigenen Bücher beiwohnte und das „3. Reich“ nur deshalb überlebt hatte, weil er in Unterhaltung machte und kein Jude war. Die „Kleine Freiheit“ hieß das Kabarett, weil es die große Freiheit nach dem Krieg dann doch nicht geworden sei … da lebte fort, freilich „ideologisch“ stark entschärft, die Tradition eines Erich Mühsam, eines Walter Mehring, eines Kurt Tocholsky, eben jener „verbrannten Dichter“, die heute kaum noch wer kennt, um sich ganz Thomas Mann und Ernst Jünger hinzugeben. Auf dem Theaterschiff von Heiko Schlesselmann wird sie zum Glück gepflegt.

Hildebrandt hat nicht im Chanson- oder Gedichte-Fach geglänzt und doch eine derart ausgefeilte Performance-Prosa auf die Bühne gebracht, dass ihn manch einer heute vermutlich gar nicht mehr verstehen würde. Bei Scheibenwischer-Sendungen gab es, so hörte es sich an, offenkundig eine Art Wettbewerb im Publikum, möglichst laut einverstanden lachen als der, der die Pointe zuerst verstanden hat. Nach manchem wohl versteckten Florettstich oder raffinierten Aufwärtshaken war oft ein, zwei Sekunden Stille, bevor die Pointe sich erschloss. Das würde öffentlich-rechtlichen Redakteuren heute die nackte Panik in die Knochen treiben.

Das geschah jedoch auch damals: Hildebrandt wurde, las ich soeben, während des Wahlkampfes 1980 von der Mattscheibe verbannt. Das war jener, da Franz-Josef Strauß für die Kanzlerschaft kandidierte. Wir trugen Aufkleber mit „Ich bin eine Ratte“, da Strauß politische Gegner als „Ratten und Schmeißfliegen“ zu beschimpfen pflegte. Auch Bonmots wie „Lieber ein kalter Krieger als ein warmer Bruder“ seinerseits haben sich mir eingeprägt.

Hildebrandt beherrschte die Kunst, solche wie Strauss bis kurz vor der Demütigung zu sezieren. Kanonaden von Wortwitz und in Stammeln verborgene Schärfe und vor allem auch profunde Recherche und breites Wissen zerlegten den, über den gewitzelt wurde, in eine Art Ragout der Lächerlichkeit. Das war nicht liebevoll, aber es saß. Während heute als Satire verkauft und verteidigt wird, jedes noch so diffamierende Klischee über Minderheiten und eh schon Deklassierte aufzuwärmen, bis es verbrannt stinkt, hat Hildebrandt sich noch mit den tatsächlich Mächtigen angelegt. In einer Zeit wohlgemerkt, da es nur 3 Programme gab und Aufmerksamkeit leichter zu erzielen war. Hildebrandts Pointen nach der „Wende“ 1982 gegen das „Genschern“, Wendungen um 180 Grad, waren für meine politische Sozialisation vorbildlicher als die Politik von Helmut Schmidt, der damals gestürzt wurde. Hildebrandt ist ein Stück eigener, politischer Biographie wie sonst kaum einer. Nicht nur für mich, für viele.

Aber Helmut Kohl hat natürlich nicht nur Schmidt und Strauss, sondern auch Hildebrandt besiegt, als er mit politischen Freunden das Privatfernsehen aus der Taufe hob. Was Lederhosen-Pornos und „Volks“theater nicht gelang, das schafften später wohl unfreiwillig Wiegald Boning und Olli Dittrich.

Da war was los m deutschen Feuilleton! „Die Doofen“ und „RTL-Samstag-Nacht-Show“ gegen vermeintliche Belehrung, die doch nur Aufklärung war. Im Siegestaumel über diese vermeintlich didaktische Linke herfallend, schruben Schmierfinken das klassische, politisch-lietrarische Kabarett nieder und vollzogen erneut mit harmloseren Mitteln, was schon der Bücherverbrennung gelungen war. Fast wiedergängerisch entlud sich der Konflikt noch einmal in einer ZDF-Sendung namens „Unsere Besten“ in den Nuller-Jahren, da ausgerechnet „Palim-Palim“-Didi-Hallervorden über nun allerdings zurecht Oliver Pocher her fiel und diesen Streit „Comedy“ versus „Kabarett“ noch einmal aufwärmte. Meines Wissens war Hildebrandt selbst das zu doof, diese Auseinandersetzung überhaupt zu führen.

And the winners are: Mario Barth und Harald Schmidt. Über ersteren braucht man kein Wort zu verlieren; der Thomas Bernhard-Schüler Schmidt führte hingegen sie wieder ein, die Minderheitenwitze. Zuerst gegen die Polen. Er, der sich so auf David Letterman bezog und auf den sich dann ihrerseits all die noch nicht mal Zyniker wie Stuckrad-Barre beriefen, über den sich noch jene entlasteten, die es besser wussten, schillert heute mit zwischen den Zeilen. Gefaket diabolisch.

Dabei ist erstaunlich, schaut man sich heute alte Scheibenwischer-Sendungen an, wie stark manches an US-Stand Up-Comedy erinnert.

In den 90ern wurde halt aus House und Techno Ballermann, aus Politik Pop und aus der Bundes- die „Berliner Republik“ samt ihrer schmierigen Hauptstadt-Journaille und den allseits regierenden, überangepassten Kohl-Kindern und ihrer selbstgefälligen Technokratie.

Eine „Scheibenwischer“-Sendung hat sich mir nicht zufällig besonders eingebrannt. Da sang Konstantin Wecker „Renn lieber renn“, es muss um 1985 gewesen sein. Das war das Jahr, da mit Richard von Weiszäcker erstmals, 40 Jahre nach Kriegsende, ein hochrangiger Politiker überhaupt erwähnte, dass auch Homosexuelle im „3. Reich“ verfolgt wurden. Joachim Gauck würde es bestimmt schaffen, irgendeinen Diskurs zu begründen, dass gerade WEIL es das „3. Reich“ gegeben habe, man nicht widerstandslos Homosexuellen einfach so Rechte zugestehen könne (obwohl der, glaube ich, gar nichts gegen uns hat, aber wenn Merkel ihn freundlich bittet und es irgendwie gelingt, es mit einer Totalitarismus-Theorie zu verbinden, die die „Mitte“ rein wäscht, wird er das schon ändern).

Habe in den Wecker-Song eben noch mal rein gehört und dachte nun selbst schon „Oje, nach all den Jahren bestimmt schlimm“. Fand ich aber gar nicht. Das ist schon der Versuch der Einfühlung statt der „Toleranz“. Damals, als ich noch zu Schule ging, war es befreiend, das zu hören. Ungemein befreiend. Dieser Welt gab Hildebrandt eine Bühne.

Ich glaube, dass da der Grund für die ja allseits fühlbare Erschütterung angesichts des Todes von Dieter Hildebrandt verborgen liegt.

Dieses Wissen noch bei all denen, die es vollbrachten, dass für das komplette Plattmachen der alten BRD-Linken ein verdammt hoher Preis zu zahlen war.

Weil da auch nicht alles nur schlecht war.

Wenn ein Gigant wie Dieter Hildebrandt stirbt, dann fällt das plötzlich wieder auf.

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2 Antworten zu “Danke, Dieter Hildebrandt!!! R.i.P. .

  1. neumondschein November 23, 2013 um 4:45 pm

    … da lebte fort, freilich “ideologisch” stark entschärft, die Tradition eines Erich Mühsam, eines Walter Mehring, eines Kurt Tocholsky, eben jener “verbrannten Dichter”, die heute kaum noch wer kennt, um sich ganz Thomas Mann und Ernst Jünger hinzugeben.

    Zumindestens Kurt Tucholsky kennt und liebt heute jeder. Er hat ja den Satz „Satire darf alles“ gesagt. Damit rechtfertigen Mario Barth, Harald Schmidt, Hendryk M. Broder und alle anderen Pappnasen ihre Unverschämtheiten. Deshalb kennen und lieben alle Kurt Tucholsky.

  2. momorulez November 23, 2013 um 5:45 pm

    Ja, wegen des einen Satzes. Ansonsten ist die Tucho-Präsenz heute verglichen mit den frühen 80ern irgendwo im Minus angesiedelt.

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