Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Die Refugees antworten Mr. Hyde

Aber es geht um alle von uns, es geht um eine Gruppenanerkennung. Wir haben alle eine gleiche traumatische Geschichte in gleicher Zeit, die von Libyen nach Lampedusa und Italien geführt hat. Dort wurde dies bereits anerkannt. Wir sind Europas anerkannte Flüchtlinge und brauchen das Recht, leben und arbeiten zu können. Seit fast 3 Jahren sind nicht nur wir, sondern auch unsere Familien in großer Not. Wir kämpfen für unser Recht, unser Leben neu aufzubauen. Dafür steht unsere Gruppe der libyschen Kriegsflüchtlinge „Lampedusa in Hamburg“. Das haben wir immer gesagt. Wir haben auch gesagt, dass jede Hilfe, Unterstützung und Rat willkommen ist. Aber wir mussten auch immer wieder klar stellen, dass wir selbst über unser Schicksal und unsere Zukunft entscheiden, dass wir Opfer der Ungerechtigkeit und Kämpfer für Gerechtigkeit sind

.“

Eben! Unbedingt ganz lesen.

Im Gegensatz zu Senat und nun leider auch Bischöffinnen, nachdem die Evangelische Kirche Großes leistete, SIND sie Freiheitskämpfer und solche für Gerechtigkeit.

Während die BRD Menschenrechte an „Drittstaaten“ delegiert, pochen die Flüchtlinge auf deren Geltung.

Die NATO wirft wie blöd mit Bomben im Namen jener „Menschenrechte“ um sich, die dann denen, die davor flüchten, versagt bleiben.

Es sollte offenkundig sein, dass die einzige politische Möglichkeit die uneingeschränkte Freizügigkeit von Flüchtlingen in der ganzen EU ist. Also das, wofür Menschen in der DDR einst auf die Straße gegangen sind, liebe Schneeberger. Wir sind DAS Volk gilt im demokratischen Sinne eben auch für die Refugees. Sonst ist es keine Demokratie; das stellen sie unmissverständlich klar, und deshalb sollte man auch lieber sie selbst als die Verlautbarungen der Flora lesen. Wir sind EIN Volk war ja einst bereits die völkische Wende. Es gibt keinen Grund, Rostockern und Möllnern Freizügigkeit und Reisen nach Malle zuzugestehen, den Refugees aber nicht, außer glasklarem Rassismus. Um mit Gerhard Schröder zu sprechen: „There’s no Alternative“ zu den Forderungen der Refugees.

Es sei übrigens betont, dass keiner der im Aufruf erwähnten Akteure, die Flüchtlinge unter Druck setzen, auf Hamburgs Straßen jagen und Traumatisierte durch die Weltgeschichte treiben wie Vieh, „Nazischwein“ ist. Herr Neumann ist keines. Der bewegt sich komplett im „postnationalsozialistischen Paradigma“. Der argumentiert so: „Gerade WEIL im Nazi-Deutschland Willkür und Terror gegen die eigene Bevölkerung herrschten, haben wir nun eine regel-geleiteten Rechtsstaat, in dem demokratisch gewählte Volksvertreter Gesetzgebungen erlassen. Diese setzt die Exekutive um. Und gegen die Maßnahmen der Exekutjve kann jeder klagen, auch die Refugees“.

Das ist eines dieser Beispiele, wo GERADE das „Postnationalsozialistische“ sich unfehlbar wähnt und Unrecht im vielleicht nicht rechtlichen, aber moralischen Sinne ausübt. Weil das Formale sich dem Materialen verwehrt, der Empirie. Weil Verfahrensfragen Priorität vor Grundrechten genießen.Weil fast wie in einer quasi-religiösen Überhöhung irgendeine Lehre aus „finsteren Zeiten“ der Gegenwart in einer Form aufgeprägt wird, dass buchstäblich Knochen krachen und mit Blick auf Wallanlagen Menschen ihrem Leben ein Ende setzen.

An der Mauer vor dem Knast, in dem sie im Namen des Rechtsstaates in Abschiebehaft zum Selbstmord getrieben werden, hängen Blümchen an gilbenden Gedenktafeln für von den Nazis Hingerichtete.

Ich habe zunehmend den Eindruck, dass der Rekurs auf das „3. Reich“ einen emphatisch-realistischen Blick auf die Gegenwart oft verstellt. Eine Freundin nannte das gestern bei Twitter „Mr. Hyde BRD“. Ist nicht neu, aber aktuell.

Der Dr. Jekyll sind die wohlfeilen Sonntagsreden, all das „Ich doch nicht!“, die ganzen „Stunden Null“.

Der Mr. Hyde ist die sich immunisierende Selbstverständnisdebatte, die dazu führt, dass im Falle der NSU-Morde Victim-Blaming betrieben wurde, dass Oury Jalloh mal eben abgefackelt, ermordet werden konnte und noch jene strafrechtlich verfolgt wurden, die darauf hinwiesen. Weil nicht sein darf, was trotzdem ist. Wo sich narzißtische Kränkung vor Erkenntnis schiebt.

Das Konstatieren dessen, dass institutioneller Rassismus, struktureller Heterosexismus und eine latente Gewaltandrohung gegen Frauen den Alltag in Deutschland prägen ruft so regelmäßig massive Abwehr hervor, lautstarke Empörung, WIR doch nicht, ruft Dr. Jekyll – während Mr. Hyde rachlüstern jene sanktioniert, die es thematisieren. Auch der von Broder immer wieder zitierte Satz „Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen“ gehört in diesen Zusammenhang.

Aber ebenso das ständige Okkupieren, Enteignen und Sichzueigenmachen der Kulturen der Opfer struktureller Faschismen. Deren unfreiwillige Eingemeindung, diese unbefragte Verknüpfung mit eigenen „Widerstandsgeschichten“. Das ist der Motor weißer „Gegenkultur“, die sich historisch-genetisch aus Adaptionen der US-, teils der GB-Kultur speiste, in den Nuller-Jahren freilich zwischen Retro (Amy Winehouse, Electroclash), und freiwilliger Selbstverbiederung à la Silbermond und Thees Ullmann ins Stocken geriet. Durch die „Wieder“vereinigung ist ja Supremacy von Sarrazin bis Gauck wieder angesagt, da ist man selbstbewusster national oder macht „antideutsch“ das gleiche.

Zuvor war die Struktur dominant, bei Marginalisierten abzugreifen, nach dem – danke, Mrs. Next Match – Motto „Euer Überlebenskampf ist unsere Kirmes“. Wie Kerouac in „Unterwegs“ sich erlebnishungrig ins Jazzleben zu stürzen, da aber jederzeit wieder raus zu können, während schwarze Musiker nicht mal die Clos benutzen durften. Wie die Stones beim Blues zu klauen und Stadien zu füllen, während Chuck Berry gerade so die Stadtparkbühne bespielen kann und immer noch muss. Dylan und die Beatles feiern, während Motown als „Fließbandware“ gilt.

Im Glamrock den Glitter der schwulen Sub zu kapern, im Wave eben da auch klauen gehen, House-Music die schwarzen und schwulen Wurzeln kappen und es zu „Berlin Techno“ umzudeuten – und nun Fettes Brot in der Flora mit dem Schicksal der Refugees zu koppeln.

Natürlich sind all diese Aneignungen kulturhistorisch von der Swing-Jugend an immer auch Gegenmodelle zu den Nazis gewesen. Das ist ja zunächst mal auch gut so. Aber es drückt ratzfatz wieder jene weg, die in diesen Kulturen buchstäblich ihren Überlebenskampf ausfochten. In Garage- und Chicago-House HÖRT man, was AIDS bedeutet hat. Betrauert wurde das öffentlich NIE. Danke, Judith Butler, mir wäre das noch nicht mal aufgefallen.

Das Schlimme ist, dass das alles mitten in die Ökonomie ragt. Adele räumt ab, und alternde schwarze Helden des Soul werden mit Gnadenbroten bei Nothern- und Baltic Soul-Weekendern abgespeist.

Mir ist nicht bekannt, dass Ver.di schon mal ein paar Jobs im eigenen Apparat für die Refugees frei geräumt hätte und Rosa-Luxemburg-, Heinrich Böll-Stiftung und NDR es ihnen gleich taten.

Das wäre ja mein Verständnis von Politik: Nicht Aktionismus und temporäre Spendenwellen, sondern etwas, das STRUKTURELL etwas ändern.

Nicht für das Bewahren des Molotows fighten, sondern stattdessen ein „House of Diversity“ fordern, das hätte was! Mitgestaltet von den Refugees!

Man muss all den „Politik!“-Krakeelern auf der Süd doch mal unter die Nase reiben, dass der ihnen verhasste Corny Littmann als einer der ersten offen schwulen Kommunalpolitiker immerhin zwei queere Theater und ein neues Stadion auf der Habenseite hat. Stattdessen wird eine Kultur auch noch gestützt, da der festangestellte (!) Marketingbeauftragte dem ehrenamtlichen (!), schwulen Moderator mailt, dieser solle doch nicht so viel Geld ausgeben.

Weil darauf doch alles hinaus läuft. Auf Ökonomie.

Wo sind denn aktuell in der Öffentlichkeit Frank Otto oder Frau von Sothebys, die neulich noch für Viva con Agua Bilder versteigerte? Vermute, dass kräftig gespendet wurde. Aber darüber hinaus?

Können die nicht mal auf den Senat einwirken im Falle der Refugees? Klappt doch bei Arzthonoraren und Notargebühren auch. Und all die Reeder, die noch heute bestens von postkolonialen Strukturen profitieren? Die Waffenhändler?

Wo zum „Postnationalsozialismus“ auch Wirtschaftsnationalismus und Kriegsführung mit Mitteln der Ökonomie gehören, kann man ja mal was zurück geben an die Opfer dieser Politik. Die Refugees weisen unaufhörlich darauf hin. Völlig zurecht.

Die Refugees haben ein Recht darauf (!!!), dass für sie auch mal richtige Lobbyarbeit geleistet wird.

Denn das ist hier alles kein Drumrumrede um deren Situation.

Ihnen gelingt es vielmehr, sich in diesem ganzen Schlamassel zu behaupten. Ihre eigene Stimme zu wahren. Mir imponiert das wahnsinnig.

Ich bin ihnen so ungeheuer dankbar für jedes Wort, das sie schreiben.

Weil sie uns wieder lehren, was Politik heißt: Ermächtigung der Machtlosen, den Anteil der Anteilslosen einfordern (Zizek), Emanzipation.

Nicht etwa das Gegenteil von all dem: Mr. Hyde, auch BRD genannt.

Wäre ja schön, wenn die das Grundgesetz mal wieder ernst nehmen würde. Einige Gerichte tun das zum Glück schon. Dann haben die richtigen Nazis ausnahmsweise mal wirklich einen Grund, gegen die BRD zu wettern.

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