Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Wir sind noch viel mehr!

20131103-125735.jpg

The album was a scathing attack on Nigerian soldiers using the zombie metaphor to describe the methods of the Nigerian military. The album was a smash hit with the people and infuriated the government, setting off a vicious attack against the Kalakuta Republic (a commune that Fela had established in Nigeria), during which one thousand soldiers attacked the commune. Kuti was severely beaten, and his elderly mother was thrown from a window, causing fatal injuries. Soon after Kuti’s mother had been injured, the commanding officer defecated on the elderly woman’s face. The Kalakuta Republic was burned, and Kuti’s studio, instruments, and master tapes were destroyed. Kuti claimed that he would have been killed if it were not for the intervention of a commanding officer as he was being beaten. Kuti’s response to the attack was to deliver his mother’s coffin to the main army barrack in Lagos and write two songs, „Coffin for Head of State“ and „Unknown Soldier“, referencing the official inquiry that claimed the commune had been destroyed by an unknown soldier.“

Einmal mehr ein fettes Dankeschön an unsere Refugees!

Diesmal auf dem Lehrplan: Eine Lektion in Afrobeat.

Fela Kuti war mir als Name vertraut, aber die Musik kenne ich kaum. Bevor der gestrige Demonstrationszug startete, brachte die Lampedusa Hamburg-Gruppe Kutis Track „Zombie“ zu Gehör; wenn ich es richtig verstanden habe, fungiert „Zombie“ als Metapher für das fern gesteuerte, emotionslose Verhalten des nigerianischen Militärs.

Mich hat der Sound komplett geflasht, diese Mischung aus BeBopartigem, wunderbar schrägem Jazz und (hoffentlich höre ich das richtig) westafrikanischer Polyrhythmik, sensationell. Einmal mehr agierten diese St. Paulianer, die dem Senat eine dringend notwendige politische Lehrstunde nach der anderen erteilen, zugleich als Kulturbotschafter. Und ich finde es unglaublich befreiend, wenn auf Demos mal nicht diese weiße Gitarren-Macker-Musik läuft (Rio Reiser nehme ich da selbstverständlich aus, aber da wird ja auch nicht seine „Somewhere over the rainbow“-Version gespielt). Sondern Sounds, da im Material selbst jene Befreiung steckt, die die Thees Ullmanns dieser Welt musikalisch so erfolgreich verschleiern.

Ja, irgendwer wird jetzt googeln, dass Kuti selbst durch allerlei Sexismen und Homophobie auffiel. Das wird in solchen Fällen immer liebend gerne hervor gehoben – bei weißen Künstlern dieser Generation interessiert das in der Regel niemanden. Und es gibt tatsächlich „Traditionen“ in Black Communities, die behaupten, „Homosexualität“ sei eine weiße Erfindung, die unter anderem der „Wehrkraftzersetzung“ schwarzen Widerstandes diene – die so Schwulen- und Lesbenfeindlichkeit als antikolonial erdichtete. Gerade in manchen Herkunftsländern der Refugees prägt das Politik. Ich kann auch die Thelonius Monk-Autobiographie nicht lesen, weil auf jeder zweiten Seite gegen „Schwanzlutscher“ gewettert wird.

Ich kann das hier auch nicht mal eben entcodieren, wie auch?

Vieles davon ist einfach Effekt christlicher Propaganda, die teils millionenschwer in jenen Ländern wie auch in den USA Verhehrungen anrichtet. Selbst der Heterosexismus in islamisch geprägten Ländern ist historisch Effekt „westlicher“ Rigidität und Reaktion auf deren Dominanz, mit ökonomischer und militärischer Gewalt durchgesetzt. Das Konzept „Homosexualität“ ist eines der europäischen Psychiatrie des späten 19. Jahrhunderts und noch mal was ganz anderes als Sex und Liebe unter Männern und Frauen. Da steckt Heteronormativität immer schon mit drin.

Anderes ist an kapitalitisch-patriachale Männlichkeits- und Status-Konzepte gekoppelt, die sich bei Michael Neumann und Herrn Ackermann einfach anders zeigen, weil a priori Priviligien mit auf den Weg gegeben wurden, die andere nicht haben. Mir ja auch. Da mackert Mann vermeintlich „kultivierter,“ als wenn Mensch um Würde, Freiheit und Überleben kämpfen muss. Ein Riesenfass, ja. Deshalb informiere Mann sich immer wieder bei PoC-Lesben und Bi-Frauen, die zu solchen Themen einfach das meiste zu sagen haben.

Und höre hin und lasse sich ein. Auch auf die Musik von Fela Kuti. Es ist so, dass in dieser Musik einfach das Gegengift enthalten IST. Mich hat der Track „Zombie“ wahnsinnig geflasht, vor dem Schauspielhaus im Demozug vor dem Losmarschieren stehend – jenem Schauspielhaus, das zwar Solidaritätsbotschaften an seine Fassade hängte, aber zugleich um Aufmerksamkeit heischende exotistische Baströckchen-Plakate gleich darunter aufhängt. Um irgendwelche Inszenierungen zu bewereben.

Meine Begleiterin äußerte die Vermutung, dass nach all den Diskussionen um „Black Face“ und N-Worte in Kinderbüchern das mittlerweile absichtlich geschehen könne. Weil aufgrund des Protestes Publizität garantiert ist ist. Sarrazin kriegt ja auch millionenschwere Promotion durch den Springer-Verlag. Ein Scheißmechanismus und eben Motivation genug, sich lieber der Geschichte des Afrobeat zu widmen als Baströckchen im Schauspielhaus.

Die Demo war ungemein beeindruckend. Auch, weil wieder die Refugees selbst die Regie übernahmen. Mir imponiert das maßlos, wie sie, die so massiv vom Senat bedroht werden und eine Historie hinter sich haben, die Menschen zerbricht und viele, verdammt viele mordet, diese Energie aufbringen, sich an die Spitze einer Bewegung zu setzen, die ganz Europa erfassen sollte.

Ob nun 9-, 15- oder 25.000 auf der Straße waren ist eigentlich auch schnurz. Es war imposant.

Was mir wieder auffiel, war, wie wenig gesungen wurde. Wenn ich mich an die Demos meiner Jugend in den frühen 80ern erinnere, da war viel mehr Musik in den Kehlen. Das war Diskussionsthema nach dem Walk um die Alster – dass man immer wieder und überall fest stellen kann, wie Menschen das Spielen ausgetrieben wurde. Nicht das am Computer, sondern Spontanität, Improvisation, angstfreier Selbstausdruck, der auch zum Synchronisieren von Personen führen kann. Alle sind so gedrillt auf Markt und Angst vor dem Eigenen, dass außer Sprechchören nichts mehr raus kommt aus den Kehlen. Auf Nummer sicher gehen ist ja nicht nur eine Frage von NSA und Vorratsdatenspeicherung, sondern auch die Furcht davor, mit anderen zusammen SUBJEKT jenseits der Regelhaftigkeiten zu sein. Hört genau hin bei Fela Kuti, wie das auch anders geht.

Es waren sooooooo viele. Es ist so grandios, was die Lampedusa-Gruppe da geschafft und erreicht hat.

Und auch das, was Kuti in „Zombie“ besingt, scheint zunehmend aufzubrechen. Wieder häuften sich bei Facebook Berichte, dass viele Menschen in Uniformen sehr viel Sympathie für die Proteste äußerten. Da bröckelt was, glaubt man den Berichten, auch in den Behörden soll das so sein.

Dadurch, dass die Refuggees so eindrucksvoll ihre Geschichten aufbereiten, wächst diese fundamentale Verständnislosigkeit angesichts einer Politik, die völlig frei von Emphatie agiert, tatsächlich zu etwas sehr Mächtigem heran.

Das war überall spürbar – man kann das, sieht man unverstellt hin, einfach gar nicht BEGREIFEN, was Leute wie Scholz und Neumann als Politik behaupten. Um deren Perspektive einnehmen zu können, bedarf es so derartig vieler widersinniger Zusatzannahmen, auf die kein vernünftiges Wesen käme, das nicht völlig verdreht und verbogen beim Marsch durch die Institutionen die Orientierung am Konkurrenten im Nachbarbüro derart totalisierte, dass kaum noch wer dem folgen mag. Außer endgültig im Zynismus verreckende Springer-Lohnschreiber. Die das mit dem Konkurrenten im Nachbarbüro ja auch sehr gut kennen.

So lief ich gemeinsam mit der Queer AG der Uni Hamburg und deren Umfeld wie auch dem Kleinen Tod um die Binnenalster. Auch, um das anfänglich Geschriebene aufzubrechen. Es darf einfach nicht sein, dass wir uns gegeneinander ausspielen lassen. Vielmehr sollte jeder, der da mitläuft und weder als „schwarz“ noch als „Frau“ gelesen wird, die Chance nutzen, white und male privilege zu reflektieren. Auch als schwuler cis-Mann.

Zusammen nahmen wir dann noch ein paar leckere Getränke im „M + V“ an der Langen Reihe ein.

Beim Rauchen vor der Tür trauerte ich wieder, dass die von der linken Szene geprägten Viertel es nicht geschafft haben, den Schulterschluss mit der Gay Community zu wahren. Das war, als ich nach Hamburg zog, noch anders. Damals, als die Parties im „Tuc Tuc“ in der Oelkersalle eine Art Zentralveranstaltung waren und der „Männerschwarm“, der das „Frauenschwarm“ auch erst nachliefern musste, noch am Pferdemarkt residierte. Und ein schwuler Stammtisch in den Hafenstraßenhäusern lebte. Nun gehen Männer Hand im Hand eher in St. Georg spazieren.

Am Nachbartisch knutschte ein PoC-Mann mit seinem weißen Lover.

Das Lächeln des Barkeepers: Einfach bezaubernd.

Bin noch ganz berauscht.

Das Bier: Lecker.

Und wieder hing er in der Luft, der zuletzt so oft hier beschworene Hauch der Utopie … nicht zuletzt im Barkeeper-Lächeln leuchtete er eine neue Ära ein.

Hoffentlich.

Advertisements

10 Antworten zu “Wir sind noch viel mehr!

  1. Markus Mueller November 4, 2013 um 2:24 pm

    Und wieder feiert sich ein Gutmensch auf der Facebook-beeworbenen Großdemo, während es überall rings um ihn herum, ausserhalb der Szeneblase HH, brennt (siehe z.B. http://www.dok-maar.de/?page_id=24).
    Mensch sollte vllt, statt in seligen Erninnerungen schwelgend, bier schlurfend, so richtig aktiv werden. Gar in einer Antira-Gruppe, so nicht nur Wochenend-Demo-Tourist, sondern kontinuierlich. Mit den Refugees, statt neben Ihnen?

  2. momorulez November 4, 2013 um 2:41 pm

    Goebbels-Vokabular wie „Gutmensch“ mag ich ja nicht so – aber ansonsten: Was weißt Du denn von meinen sonstigen Aktivitäten?

  3. Pingback: Massendemo für #LampedusaHH – und zum #FCSP ein Schweigen in Kaiserslautern… | KleinerTods FC St. Pauli Blog

  4. Markus Mueller November 5, 2013 um 2:19 am

    Nix. Steht ja auch nix in dem Beitrag, sondern nur gefühlduselige Betroffenheits-Folklore. Schade!

  5. momorulez November 5, 2013 um 10:15 am

    Verzeih mir. Entschuldige. Ich liebe Dich. Danke.

  6. Kiezkicker November 6, 2013 um 1:52 pm

    Was ist ein „schwuler cis-Mann“? Bzw. wofür ist cis die Abkürzung?

  7. momorulez November 6, 2013 um 2:11 pm

    Jemand, der in zugewiesener Geschlechterrolle lebt – also nicht trans-x ist.

  8. Kiezkicker November 6, 2013 um 4:45 pm

    OK, danke. 🙂

  9. ziggev November 9, 2013 um 5:36 am

    … ich würde mehr sagen: „Funk!“ – Aber das liegt vielleicht auch daran, dass ich zuerst an Defunkt dachte.

    Wegen der Ähnlichkeit des Riffs von der Sektion in

    herrlich, diese dezidiert anarchistische Auffassung des Gitarrenspiels, ungefähr dieselbe Zeit (die Erstveröffentlicung) von der ersten, der ersten Scheibe von Fehlfarben.

    Immerwieder wird „Monarchie und Alltag“ angeführt, dabei ist das bereits glattgeleckt, jedenfaqlls musikalisch. Der Text mag zwar reingehauen haben, abewr nur die frühesten Aufnahmen riefen qua Absurdität zur Rebellion auf.

    Zugleich also Defunkt. Gitarre, wirklich „schmutzig“ gespielt, meinetwegen Fehlfarben.

  10. momorulez November 9, 2013 um 11:39 am

    Fehlfarben haben sich ja an Nile Rogers-Riffs orientiert 🙂 – dessen Bedeutung wird ja völlig unterschätzt. Ob nun sein „Good Times“-Riff oder auch all das, was er produzierte, u.a. dieses zweite Madonna-Album mit „Into the groove“.

    Das Coole an diesem Fela Kuti-Track ist ja, dass man da hört, was Louis Armstrong noch ahnte, was ihm aber schon einigermaßen ausgetrieben wurde. Vermutlich ist das auch rassistisch, das als Weißer „Voodoo“ zu nennen, mir fällt da aber immer nix Besseres ein. Dieses Magische, Tranceartige, das übrigens ganz anders auch in Bachs h-Moll-Messe steckt und in Monteverdis Opern. Das gar nix „Natürliches“ ist, aber kulturell lebendiger. Ich denke ja mittlerweile auch, dass die Verbürgerlichung der Musik im 19. Jahrhundert was sehr Disziplinierendes war, während Bach, Mozart und Beethoven noch große Improvisateure waren. Und während es in der Malerei z.B. einen sehr freiheitlichen Strang gibt, hat es das in der Musik tatsächlich nur in der Jazz-Linie gegeben. Und später dann durch Mätzchen wie dem Einbauen des Zufalls in die Kompositionstechnik.

    Lese gerade ein Buch über Improvisation, das viele als spirituellen Blödsinn abtun würden – spannend ist da die Unterscheidung zwischen „to play“ und „game“. Game ist der Regelkanon, die Harmonielehre, das Zeichnen lernen, die Spielregel – play ist der Umgang damit, der das System eben auch kreativ transzendieren kann aus der Spontanität heraus. Das kann man in der Musik ebenso verfolgen wie beim Fussball übrigens, was das meint.

    Aber auch in der Politik. Neumann bewegt sich nur innerhalb des „games“, kann es aber nicht spielen. Das ist eine sehr weit reichende Unterscheidung. Deshalb war das so ein saugeiler Kommentar von den Refugees, mit Fela Kutis „Zombie“ zu kontern. Da haben sie ihn einmal mehr vorgeführt.

    Und ALLE Entwicklungen im Deutschland der letzten 23 Jahre sind ein disziplinierendes Durchpeitschen des „games“ zuungunsten des „play“. Das tötet. Buchstäblich wie metaphorisch. „Zombie“ ist da derart auf den Punkt …

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s