Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Weil es etwas gab, das Elektroschocks nicht zerstören konnten: Danke Lou Reed!

„Sein Vater arbeitete als Steuerberater auf Long Island; als der Sohn 17 Jahre alt war, ließ er ihn einer Elektroschock-Therapie unterziehen, um ihn von seiner Homosexualität zu erlösen. Ohne Erfolg! Statt dessen verhalfen Lou Reed die Elektroschocks zu einer jahrzehntelangen Drogenabhängigkeit, die ihm immerhin die Einberufung nach Vietnam ersparte.“

Nun scheint es doch kein Hoax zu sein: Lou Reed ist tot. Rest in Peace – oder wo auch immer es Dir besser gefällt.

Lou Reed: Jener Schatten – im Jungianischen Sinne – des „Summer of Love“, der als Gegenhippie zusammen mit Nico und John Cale und Mo Tucker eine Wirkungsgeschichte entfaltete wie nur wenige vor oder nach ihm.

Als Velvet Underground an der Scott Mac Kenzie „San Francisco“ und Mamas & Papas „Califonia Dreamin'“-Westküste tourten, kamen sie weder an noch klar inmitten dieser so aufgesetzt erscheinenden Lächelei des Love & Peace. Kurios zunächst erscheint, dass sie mit dem Meister der reinen Pop Art-Oberfläche Andy Warhol kungelten und von diesem gefördert wurden, dringt ihre Musik doch aus psychischen Untiefen hervor. Doch nur auf den ersten Blick: Denkt man an dessen Bilder von elektrischen Stühlen und Unfällen, kann man im Geiste die Musik Velvet Undergrounds dazu hören. Nix mit Love, Peace & Happiness, im Destruktiven annähernd resigniert sich zu manch fast kitschiger Höhe empor schwingen, so kam mir deren Motto eher vor.

Im verlinkten Artikel ist zu lesen, wie sie auf Psychiater-Kongressen auftraten und die Teilnehmer nach deren sexuellen Vorlieben befragten: Die Blickumkehr der Marginalisierten. In Zeiten von „Love Inns“ inszenierten sie SM-Performances und gaben sich düster.

Elektroschocktherapien, ja, gar Lobotomien waren kein ungewöhnlicher Umgang mit Homosexuellen in dem USA der 50er und 60er Jahre. Man zeigte meines Wissens Bilder leckerer Männer, und dann ran an den Regler. Um eben Schock und Schmerz angesichts des Erregenden zu konditionieren. Damit Mann die Finger von Mann ließ. Extrembild dessen, was antrainiert wurde im ach so freien Westen in einem Land, da noch die Segregation herrschte.

Lou Reed war auch aus der mich nachhaltig prägenden Indie-Post-Punk-Kuktur der 80er Jahre nicht fort zu denken. Er, Iggy Pop, T-Rex, Roxy Music und David Bowie wirkten fort, John Cale auch als Produzent. Das „Transformer“-Album und die Velvet Underground-Platte mit der berühmten Banane darauf hatte einfach jeder. Sie wurden als Vorreiter gesehen dessen, was später Acts wie The Smiths, Sonic Youth oder die Talking Heads oder auch weit Düsterere, endgültig die schwarzen Wurzeln des Rock’n’Roll Verleugnendere fort schrieben. Den Talking Heads konnte man das zumindest nicht vorwerfen – für deutsche Fanzines Anlass, die „Vern…“, man setze das N-Wort ein, derer Musik zu beklagen. So ist die Velvet Underground/Lou Reed Story leider auch Baustein in der Geschichte des „White Washings“ der „weißen Indie-Gitarrenmusik“. Denn bei den so üblichen Geschichtsschreibungen, die ich oben auch anwende, Velvet Underground versus Hippies, bleibt die ganze Motown-Staxx-Philly-Sound-Disco-Hip-Hop-House ja immer eine seltsame unverbundene Parallelgeschichte, und Donnie Hathaway kennt kaum noch wer.

Ist Lou Reed das mit anzulasten? Heute morgen gingen bei Twitter die „doop di doop“-Tweets herum, man höre in „Walk on the wild side“ und wisse, warum.

Ich denke, er hatte einfach seine eigene Elektroschock-Geschichte, aus der er dann riesengroße Popmusik gemacht hat – solche, die das Sperrige nicht scheute. Die dann am größten wurde, wenn plötzlich doch die Hippie-Träume musikalisch einsickerten, seltsam resigniert und traurig, bei Songs wie „Satellite of Love“ und „Perfect Day“.

Ich verbinde mit denen immer den Film „Velvet Goldmine„. Eine Paraphrase der Iggy Pop/David Bowie-Story mit fantastischem Soundtrack, in der die Entwicklung vom Hippie-Szenario zu Glam ins Bild gesetzt wird. Als „bi“ in aller Munde, durchaus buchstäblich, war – und doch ist es ein die reale Rockgeschichte in ein filmisches Phantasma transzendierendes Werk. Jonathan Rhys Meyers spielt ungemein sexy den androgynen, ganz in Künstlichkeit aufgehenden Superstar Maxwell Demon – orientiert ist die Figur am Bowie der „Ziggy Stardust“-Phase. Er beginnt eine Affäre mit dem weit derber auftretenden Ewan McGregor – einer der Filme, wo Erotik und (angedeuteter) Sex zwischen Männern trotz Pfauenfedern, hautengem Glitter und Lippgloss eine Strahlkraft der „Rocky Horror Picture Show“ gleich entfaltet als etwas, das immer neu erfunden werden muss im Durchgang durch Klischees, um diese aufzulösen. „Velvet Goldmine“ ist ein Film von Todd Haynes, der auch mit Meisterwerken wie „Dem Himmel so fern“ intensive Zeichen setzte.

Und, wie das so ist im Pop, ich meine mich zu erinnern, vieleicht gibt es die aber gar nicht?, dass unter eine Sequenz, da McGregor und Rhys Meyers in einem Karussell lachen und flirten, Lou Reeds „Satellite of Love“ gelegt ist.

Eine zauberhafte Bildfolge, bevor die Beziehung der beiden am Drogenkonsum zerbricht – Todd Haynes hat Bilder zu dieser Musik geschaffen, die das auf den Punkt bringen, was Lou Reeds Musik so magisch machte: Dass er, das Role Model der Gemeinen, Boshaften und schlecht Gelaunten, inmitten von der Zerrissenheit der „Wild Side“, dem Straßen- und Drogenleben, oft von tiefer Trauigkeit und dem Wissen um das Schlechte durchdrungen diese fast traumhaften, musikalischen Bilder der Schönheit des Trotzdem zeichnete und dabei auch den Schmelz nicht scheute.

Weil es da etwas gab, dass die Elektroschocks nicht zerstören konnten. Im Schauspielerlächeln von Jonathan Rhys-Meyer und Ewan McGregor kann man es leuchten sehen.

Advertisements

2 Antworten zu “Weil es etwas gab, das Elektroschocks nicht zerstören konnten: Danke Lou Reed!

  1. w. November 10, 2013 um 1:36 am

    Mach doch bitte dazu eine Antwort auf die Mail, die ich Dir sandte…
    W.

  2. momorulez November 10, 2013 um 11:03 am

    Muss ich erst mal lesen, kommt dann 🙂 …

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s