Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Eine Hauch von Utopie im Fussballstadion

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„Hammer!“, „Word!“, „Wie geil ist das denn!“, „Oh, wie schön!“, „YAAYYY“ – Kommentare auf Sookees Facebook-Seite. Kommentare zu einem geteilten Foto des FC St. Pauli eben dort. Jenem, da zu sehen ist, wie die Boys in Brown die so treffende Zeile „Wie kann man nur hassen, dass Menschen sich lieben“ aus Sookees Track „Pro Homo“ als Transparent ins Stadion trugen.

Sookee ist die aktuell wohl pointierteste Rapperin Deutschlands, nicht nur bei Sujets wie Sexismus im Allgemeinen und Heterosexismus im Besonderen (während ich das schreibe, frage ich mich gerade, ob das mit dem Allgemeinen und Besonderen nicht völliger Nonsens ist), Queer-Feminismus und einer Hip Hop-Attitude, die das fortwährend Progressive des Sounds revitalisiert.

Bin voller Bewunderung, tiefem Respekt, Hochachtung vor dieser Künstlerin. Wer ihr neulich beim „Fussball & Liebe“-Festival auf der Gegengeraden lauschen durfte in Performance wie auch der Diskussion, der konnte hören, wie sie in 3-Minuten-Statements mehr sagt und auf den Punkt bringt als 5 Staffeln Günther Jauch und Maybritt Illner zusammen an Inhalt generieren. Der dann zu 99% auch noch Falsches besagt.

Und nun schreibt Sookee bei Facebook „Danke FC St. Pauli, dass ihr mit uns seid!“.

Gerichtet an die Mannschaft, die die Traute hat, mit einem solchen Transparent auf den Rasen zu gehen. Danke euch auch, Boys in Brown!! Sehr! Aber so was von!

Ein „Danke!“ auch an ein Publikum und eine Fanszene, die riesige Regenbogen-Blockfahnen näht, unzählige Luftballons, Spruchbänder – „freie Liebe!“, sehr schön 🙂 – ins Stadion schleppt und so über bloßes „Toleranz“-Geschwätz hinaus auf den Rängen ein optisch gewaltiges Zeichen setzt. Ich weiß auch um blöde Sprüche, die bei solchen Aktionen oft trotzdem in aller Munde sind; als ich da stand und das alles sah und anschließend noch bei Sookee lesen konnte, wie es wahr genommen wurde – boah, ey, das ging mir aber so was von durch und durch! Das Aktionsbündnis gegen Homophobie und Sexismus hatte die Mannschaft ja auch super beraten 🙂 … Glückwunsch! Happy Birthday! Geschah ja alles, weil es sein Jubliläum mit einer Bande feierte.

Aber, ich hätte das noch vor einem Jahr nicht für möglich gehalten und weiß noch, wie ich vor der letzten JHV gegen Präsidium und „den Verein“ wetterte: Auf einmal ziehen alle an einem Strang. Das Aktionsbündnis und andere haben immer schon intensiv und eifrig gefochten, die Kurven zogen mit, nur jetzt wirkt es, als ziehe es sich durch. Nicht nur bei der Antihomophobie-Frage, dazu später mehr.

Vor allem Christoph Pieper kann man da gar nicht genug Lob und Anerkennung zollen, die Kommunikation ist ungleich offener und konstruktiver geworden. Aber auch dem „Sozialmarketing“, das u.a. die KIEZHELDEN auf die Beine stellte, Michael Meeske für prompte Ansprechbarkeit kann man aktuell echt danken. Und ebenso Tjark Woydt, der angesichts des Aktionstages Antihomophobie-Aktivisten aus ganz Deutschland in eine Loge lud und auch nach der „Berliner Erklärung“ am Ball bleiben will. So sah ich ein Spiel ausnahmsweise mal von da oben – eines, über dessen Verlauf ich eigentlich gar nichts schreiben will. „Wäre der Fussball nicht gewesen, was für ein grandioser Abend!“ raunten wir uns hinterher vor der Domschänke zu.

Weil es ja nicht nur bei der Strahlkraft der Regenbogenfahnen blieb. Was da am Freitag gelungen ist, also, das hatte schon utopische Züge. Kein Gegeneinanderausspielen der Antisexismus- und Antihomophobie-Frage und der Rassismusthematik, wie das leider viel zu oft geschieht. Auch in der Gay Community selbst.

Nein, mit eben solcher Vehemenz trat die St. Pauli-Crowd auch weiter für die fundamentalen und auch durch Dublin II vielleicht rechtlich, aber nicht moralisch aufhebbaren Rechte der Refugees ein. Gegen „Racial Profiling“, für Bleiberecht – für ein friedliches Miteinander statt einer Abschaffung der Politik durch polizeiliche Maßnahmen zuungunsten von Menschen.

Acht- bis Zehntausend Menschen auf der Demo nach dem Spiel!!! Das sind ja Dimensionen wie aus den späten 70er Jahren. Wer Michael Neumanns hilfloses Gestammel im Abendblatt gelesen hat, dieses geradezu flehentliche Beschwören der Einigkeit mit der evangelischen Kirche, diesen jämmerlichen Unsinn zum „Rassismus-Vorwurf“ – der Mann ist politisch tot. Gescheitert an der eigenen technokratischen Kaltschäuzigkeit.

Weil manchmal, wenn auch nicht oft, dann eben diese Forderungen nach Prügel- und Abschiebemethoden, diese funktionalistischen Verfahrensverbrechen und sonstige, auch buchstäbliche Brechmittel abprallen an der Vision eines Miteinanders, das auf Kooperation, wechselseitigen Respekt und Hinsehen statt Ignoranz setzt.

Das ist am Freitag zeitweise gelungen, weil es gefeiert und gewollt wurde. Auch, weil MIT den Flüchtlingen demonstriert wird. Und sie Redner stellen.

Ich schreibe hier nix Neues oder Unbekanntes, ich bin einfach noch ziemlich überwältigt und schreibe das Gefühl wieder herbei. Weil ja auch in der LampedusaHH-Frage Verein und Fans an einem Strang ziehen. „Den Flüchtlingen gerecht werden“ ist einfach das bessere Modell als das der Senatspolitik.

„Wie kann man nur hassen, dass Menschen sich lieben?“ ist ja eine viel weiter gehende Botschaft als eine, die ausschließlich „Pro Homo“ beträfe. Es ist eine bewusste und kluge Entscheidung für das, was als „naiv“ allzu oft gebrandmarkt wird. Eben der Glaube daran, dass so was wie Mitmenschlichkeit möglich ist, ignoriert man die „Systemimperative“, also die Befehle und Verhaltensvorschriften aus Wirtschaft und jene administrativer Macht. Lässt man „Supremacy“, Ego und Hierarchiebildungen zwischen Menschen und Lebensformen hinter sich. Und setzt stattdessen darauf zu fordern, es möge das geschehen, was Menschen gut tut.

Was habe ich in den letzten Tagen allein von Dialogen mit Polizisten (!!!) gehört und gelesen, die voller Verständnis für die Ziele der Demonstranten waren. Sogar für die Strategie „Polizei beschäftigen, dass die nicht zum Kontrollieren kommt!“

Der Einsatzleiter der Razzia, die zu den Riots rund um das „Stonewall Inn“ einst führten, LGBT verstießen damals gegen geltendes Recht, übrigens, hat sich später zutiefst beschämt über das eigene Verhalten geäußert.

So ganz genau weiß, glaube ich, keiner, wie die Regenbogenflagge Zeichen der LGBT-Bewegung wurde. In meiner Jugend war das noch der Rosa Winkel. Wenn es wer genau weiß, gerne in der Kommentarsektion posten.

Eine Geschichte besagt, dass zu dem, was am „Christopher Street Day“, kurz „CSD“, gefeiert wird, auch der Tod von Judy Garland beigetragen habe. Die LGBT-Gemeinde sah sich in der Trauer um eine ihrer Ikonen gestört. Deren größte Hymne: „Somewhere over the rainbow“.

Und LGBT-Gemeinde, das waren eben auch nicht nur weiße Schwule, sondern an vorderster Front mit dabei Lesben, Latinos und Latinas und Schwarze. Die ihre kleine Utopie der freien Liebe, des Gender-Trouble in Spelunken im Greenwich Village auslebten. (Über das Verhältnis zu Harlem demnächst mehr in Texten zu Jean-Michel Basquiat)

Wir erahnen so im Stadion gemeinsam, viele recht privilegiert, welcher Spirit in den Regenbogenfarben liegt und fusionieren sie mit Totenkopf und braun-weiß und Jolly Rouge UND EBEN AUCH „Refugees Welcome“-Plakaten und Demos. Freitag wurde zusammen gedacht und -gefühlt, ersehnt und gefordert. Toll.

Ich war so richtig schwer verknallt in den FC St. Pauli. Alte Liebe rostet nicht 🙂 … und ist, verblüfft fest gestellt, immer wieder neu entflammbar.

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2 Antworten zu “Eine Hauch von Utopie im Fussballstadion

  1. Pingback: Erkenntnis | Blutgrätsche Deluxe

  2. Pingback: #FCSP setzt ein Zeichen gegen Homophobie, Sexismus und Rassismus – Soli-Demo für #LampedusaHH – Oh, und Sandhausen war auch noch da. | KleinerTods FC St. Pauli Blog

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