Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

What’s going on?

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Mittags im O-Feuer. Vielleicht kein Ort der großen Utopie, aber der ganz kleinen. Die polnische Bedienung umsorgt wirklich die Gäste im griechischen Lokal. Die Omi oder Mutter, egal, im Rollstuhl wird auch immer dazu geschoben, um mitten im Leben zu sein. An der Bar sitzt Florian Lechner, der neulich noch beim „Fussball und Liebe“-Festival sich für die Rechte und gegen die Diskriminierung von LGBT stark machte. Toll!

In der O-Feuer-Bar nebenan darf ich rauchen und trinke immer meinen Capuccino nach dem Essen. Einer der Läden, wo ich auch mit PoC-Freunden abends mal ein Bier trinken kann – was in den in der Regel weiß dominierten Läden, die in der Tradition linker Gastronomie stehen, oft nicht ohne weiteres geht, weil manche sich da nicht wohl fühlen. Aus guten Gründen.

Kriege von bezaubernden Tresenkräften mein Getränk gebracht. Es laufen Soul-Klassiker. Ich will gar nicht mehr weg.

Wer meine Hymen auf diese Musik hier im Blog als assoziativ-subjektives Geschmacksausbreiten missdeutet, hat Fundamentales nicht begriffen. Obwohl es mittlerweile sogar im Fernsehen üblich ist, die schwarze Bürgerrechtsbewegung und Motown irgendwie halbgar zueinander in Beziehung zu setzen.

Was dabei oft auf der Strecke bleibt, ist die Größe der Kunst, die in dieser Musik steckt. Diese Männer-, teils auch Frauenbilder, obwohl es fies ist, Aretha Franklin gegen Diana Ross („I’m coming out!“) auszuspielen, die so völlig quer stehen zu Dozenten, Großlyrikern und E-Gitarrenwixern. Die Sehnsucht. Die Erlösungshoffnung.

Über so was erhebt sich der in Ironie und Zynismus gestählte Drübersteher ja gerne. Gibt einen Song von einer weißen Band, glaube ich, „What’s so funny about peace, love and understanding?“, und das frage ich mich ja auch immer wieder. Was denn?

Heute drang „What’s going on?“ von Marvin Gaye aus den Boxen.

Boah, was ging mir das durch und nach diesen Wochen des Terrors gegen die Lampedusa-Flüchtlinge. „Don’t punish me with brutality!“, „need some understanding here today“. Yes!

Das war eine ziemliche Sensation, als er, der zu Unrecht – weil der Markt das so wollte – „Schnulzensänger“ verschrien war, auf einmal dieses hochpolitische Album heraus brachte. Wo es u.a. um schwarze Vietnamkriegsrückkehrer ging.

Und so frage ich mich ja immer, wie Leute wie Schröder, Neumann und Scholz, solche, die immer irgendeinen sozialtechnokratischen Weg finden, von persönlichen Erfahrungen der Menschen zu abstrahieren und allen, ob die das wollen oder nicht, einen übel riechenden Funktionalismus überzustülpen, als „Realisten“ gelten.

Was ist denn das für eine „Realität“, die die da in Stellung bringen? Das ist gar keine.

Real ist, Mitmenschen im Mittelmeer ersaufen zu sehen, Angst vor der Polizei zu haben, lieben, essen, sicher schlafen und Musik hören wollen, aber doch nicht der Rekurs auf Dublin II.

Solche Unrechtsabkommen bringen Realitäten hervor und stehen ganz real auf Papier, aber Lebenwollen, Lachenwollen, InRuheseinwollen und all das, was menschliches Erleben so wundervoll macht, ist viel realer, grundlegender, wichtiger. Man lese Sen und Nussbaum zu den menschlichen Grundfunktionen oder achte nur auf das, was einer jeden gut tut. Bestimmt nicht die Politik von Herrn Neumann.

Spielen wollen – auch so was, was jeder will, und im Namen irgendeines abstrusen „Ernstes“ lassen es die meisten überall da, wo sie Grundlegendes und Wichtiges wittern, irgendwann sein. Tun es nur noch in der Freizeit.

Das ist ja eine der Komponenten, die ich am Fussball so sexy finde. Dass da inmitten von etwas Millionenschwerem, wirtschaftlich und gesellschaftlich Gewichtigem halbwegs gestandene Männer in kurzen Hosen über den Platz laufen und spielen wollen. Rum rennen und rum tollen wie junge Hunde. Ich finde das toll, trotz allem Machismo, aller Gemeinheit und aller Brutalität, die das auch mit sich bringen kann. So ein Wort wie „Spielfreude“, ich meine, wie großartig das ist, das vergisst man ja in Welten, da Marketing- und Wirtschaftssprech alles dominieren und das, was man im Smalltalk hört, fast immer von irgendwelchen Herabwürdigungen und Diskriminierungen durchsetzt ist.

Und Spielfreude, das haben unsere Jungs nun wirklich auf den Platz gebracht in Fürth, zumindest 70 Minuten lang. Die haben diese Saison so was Boygroupmäßiges in ihrem Spiel. Das viel stärker zum Tragen kommt, wenn nicht Verhoek da vorne rum rammt, sondern filigraner Ratschkowsky, Maier, Bartels, Nöthe und Buchtmann wirbeln, tänzeln, dribbeln.

Als erklärter Take That-Fan mag ich das natürlich. Das hättet ihr sehen sollen, damals in der Sporthalle ’93, außen ein Ring von entrückten Lederschwulen, innen völlig entfesselte und austickende Teenie-Mädels, und auf der Bühne Jason im „Westside Story“-Kleid und alle mit diesem berühmt codierten Tüchern in der Gesäßtasche ihrer Jeans …

Na, ganz so weit trieben es die Jungs leider nicht auf dem Rasen im Frankenland, aber das kann ja noch werden.

Zudem ich mir dann zumindest irgendwie einbildete, dass sie auch für unsere Refugees aus der „Embassy of Hope“ spielten. Immerhin haben sie die ja auch besucht und gespendet.

Weil wahrscheinlich auch ihnen wie jedem nicht technokratisch Verblendeten diese fundamentale Verständnislosigkeit angesichts der Menschenjagd des Senates, eben jener so zukunftsträchtige Spirit, der aus Marvin Hayes „What’s going on“ klingt, in die Knochen gefahren ist.

Der Verein hat sich ja auch klar positioniert: Den Flüchtlingen gerecht werden. Nicht der Gesichtswahrung des Senates.

Mit Spielfreude und Soul-Music für eine bessere Welt – das ist doch mal ein Claim, der hoffentlich die Zyniker und Pseudorealisten in die Bedeutungslosigkeit bannen wird!

Dann, wenn ich träume.

Aber wie sagte Ernst Toller einst so treffend: Wer keine Kraft zum Träumen hat, hat keine Kraft zu leben. I have a dream …

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