Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Präzedenzfälle und die „Embassy of Hope“

„Senat und Verwaltung fürchten einen Präzedenzfall: Erlaubt man den Lampedusa-Männern als Gruppe zu bleiben, folgt ein Ansturm an Flüchtlingen. Sie würden ein kleines Problem lösen und sich selbst ein großes einbrocken.“

Oje. Die „Flut“.

Ich habe diesen Nonsens auch schon im Freundeskreis vernommen: „Willst Du, dass die Steuern, die Du zahlst, dafür ausgegeben werden, dass immer mehr kommen?“

Ja, will ich. Ist mir allemal lieber als Elbphilharmonie, U-Bahn-Bau oder Bankenrettung. Oder Politik für BMW. Oder Unmengen von Geld für unsinnige und unverhältnismäßige Polizeieinsätze auszugeben.

Ich hätte gerne eine Politik, die durchspielt, was für eine Ökonomie MIT Flüchtlingen möglich wäre. Eine, die profitabel ist und weltweit ausstrahlt. Eine, die die Erkenntnisse von Armatya Sen in „Ökonomie für die Menschen“ ernst nimmt. Und bin mir auch sicher, dass es in einer der reichsten Städte Europas genug Menschen auch mit genug Geld auf dem Konto gäbe, die zur Unterstützung bereit wären. Trotz Scheuermann gibt es ja auch unter denen geschichtsbewusste Personen mit humanistischer Bildung, die voller Energie stecken und sich mühen, eine andere Politik möglich zu machen. Nicht nur Frank Otto, der immer überall präsent ist.

Ich würde mir eine Senatspolitik wünschen, die sich nicht nur dann an PoC ran wanzt, wenn Erben der Berenberg-Bank den Hut aufhaben. Macht Herr Schillz ja gerade. Sondern die begreift, dass Abschottung einer Stadt wie Hamburg auch wirtschaftlich ungemein schädlich ist. Die Abschied nimmt von den Kohlschen Mitteln der „Überfremdungs“-Rhetorik.

Ein Beispiel: Manche derer, die gerade von Berenberg-Erben angesprochen werden, trauen sich nicht mehr, PoC-Geschäftspartner in ihr Büro im Schanzenviertel einzuladen. Weil im „Gefahrengebiet“ Racial Profiling ganz alltäglich Terror auf Nicht-Weiße ausübt. Dann trifft man sich mit dem Gesangscoach von Beyoncé´lieber auf anderem Terrain, als ihn dem auszusetzen. Auch in Richtung Steindamm oder St. Pauli-Kirche sollte man lieber niemanden Nicht-Weißen mehr schicken, da die Politik des Senats den Charakter ethnischer Säuberungen annimmt. Das spricht sich rum. Weltweit. „In Deutschland ist es wieder so weit“, heißt es.

Unmengen an Ressourcen bleiben so ungenutzt. Man muss nicht, nur, weil Gerhard Schröder mit die Schwulenhatz antreibenden russischen Oligarchen kungelt, nur dort hin starren. Es bedarf interkultureller Kommunikation, um unter Bedingungen der Globalisierung wirtschaftlich und als Standort erfolgreich zu sein. Man muss nicht Waffenhandel betreiben, um die, die vor deren Einsatz dann flüchten, wie Vieh zu behandeln. Man kann auch andere Visionen entwickeln, Und dafür braucht man Menschen wie jene in der St. Pauli-Kirche.

Wir haben hier ja längst einen Präzedenzfall – weil ausnahmsweise das, was überall in Deutschland mutmaßlich auch geschieht, für Publizität sorgt. Nämlich ein friedliches Miteinander, Wellen der Solidarität, wo sich Schüler einer Stadtteilschule darum kümmern, dass die Refugees in einer Turnhalle unterkommen können. Engagement, dass eine zivilgesellschaftlich orientierte Politik NUTZEN und FÖRDERN würde. Das sind Kinder auf von einer Schule, deren Bewerbungen später vermutlich von „Personalentwicklern“ gleich in die Ablage „Ablehnen“ wandern. Wie mir die Beauftragte für das EU-Fördergebiet St. Pauli einst berichtete. Und genau DIE zeigen sich solidarisch, anstatt herum zu quasseln, dass doch dann nur wieder Hartz IV gekürzt würde. Was auch Quatsch ist: Dieser demagogisch konstruierte Zusammenhang zwischen Sozialleistungen und Einwanderung existiert überhaupt nicht.

Es geht auch anders als in Hellersdorf, das wird doch seit Monaten vorgeführt. Fussballerspieler eines Profivereins bringen ihre Buffer vorbei, die Geschäftsführung lässt Kisten packen mit ausrangierten Kollektionen, Nachbarn liefern Essen, Tausende Nicht-Betroffene gehen in ihrer Freizeit für diese Menschen auf die Straße. Die Lampedusa-Gruppe ist in den kulturellen Alltag des Viertels perfekt integriert, wir luden sie auch zum „Fussball & Liebe“-Festival, sie sind überall willkommen, sie werden gefördert und unterstützt, Freunde basteln mit ihnen Schmuck, andere halten Nachtwachen, freiwillig und unentgeltlich, allesamt lernen von den Refugees viel über internationale Politik – und der Senat will all dieses zivilrechtliche Engagement KRIMINALISIEREN?

Als US-Firma mit PoC-Angestellten oder auch indisches Unternehmen würde ich mir aber 3 mal überlegen, ob ich unter diesen Bedingungen noch Filialen hier gründe oder auch nur Schiffe in diesen Hafen schicke. Freunde von mir, die gut mit den USA vernetzt, erzählen doch immer, dass man sie fragt, wieso sie in dieser rassistischen Provinz überhaupt noch leben. Die Piefigleit und Provinzialität dieses Senates ist einfach ungemein schädlich für die Stadt.

Noch die letzten Manager haben begriffen, wie entscheidend „Sozialmarketing“ für den Erfolg ihrer Unternehmen ist. Ja, sogar Coca Cola, bei allem, was da auch furchtbar und verlogen finden kann. Und was macht der Hamburger Senat? Er will abschieben.

Er hätte die einmalige Chance, wirklich internationale Strahlkraft zu gewinnen. Was wäre alles möglich, würde die Politik in dieser Stadt auch nur über den Hauch jener Fantasie und jenes Engagements verfügen, dass das Miteinander von Pastor, Refugees und Unterstützern prägt, was wäre alles MÖGLICH! Was könnten alle voneinander LERNEN!

Es ist gerade grotesk, dass in einer Stadt, wo „König der Löwen“ zur Touristenattraktion wurde, eine derartige Furcht vor „Präzedenzfällen“ die Politik prägt. Präzendezfall im allerpositivsten und produktivsten Falle ist die „Embassy of Hope“. Ich war ja da, da weht mit Blick auf die Docks ein Hauch der Utopie. Schon zwei Minuten des Brainstormings genügen, um Vorstellungen zu entwickeln, was man da zusammen mit den Refugees alles draus machen könnte.

Man könnte z.B. – ich bin mir sicher, Frau Berenberg wäre da zu gewinnen – unter Ägide der Refugees das Völkerkundemuseum in ein Kunstmuseum umwidmen und so ein Projekt von internationaler Strahlkraft etablieren. Und es würde nicht annähernd so viel kosten wie Elbphilharmonie. Man könnte mit ihnen zusammen die ganze Stadt in ein Museum für Spuren der Kolonialgeschichte verwandeln und so international Zeichen setzen für einen ehrlichen Umgang mit der eigenen Geschichte. Nicht, um ein schlechtes Gewissen zu nähren – sondern ganz im Gegenteil zu zeigen, dass man daraus gelernt hat.

Nur zwei Ideen, hätte dieser Senat auch nur den Hauch der Kreativität, er würde Historie schreiben im allerpositivsten Sinne.

Er lässt aber stattdessen Ressourcen brach liegen und widmet sich der Furcht und der Suggestion von Mangel. Wirtschaftlich blöder und innovationsfeindlicher kann man gar nicht agieren. Stahlhelm und Pflege des Ariertums statt eines Vertrauens in das nun weltweit nachvollziehbare Wissen, dass Innovation immer da entsteht, wo auf Ideen und Kommunikation gesetzt wird. Auf Lernen und Wissen. Nicht auf Stagnation und Abschottung.

Mit diesem Schrebergärtnersenat wird man halt nur Radieschen ernten. Dabei gäbe es die Chance auf gänzlich neue Parkanlagen. Solche, die nicht so viel Miese machen wie die in Wilhelmsburg.

Was auch nur zeigt: Hamburg braucht Ideen statt vertrockneter Rezepte von Vorvorgestern. An Meck-Pomm. kann man ja sehen, wie „Deutschland den Deutschen“-Landstriche veröden. Chinesisches Kapital wird auch nicht in die Sächsische Schweiz fließen.

Hamburg hat eine „Embassy of Hope“, und die Politik setzt auf Hoffnungslosigkeit.

Ich wünschte mir einen weniger trostlosen Senat.

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4 Antworten zu “Präzedenzfälle und die „Embassy of Hope“

  1. Pingback: Publikative.org » Blog Archive » Hamburg: Jenseits von Gut und Böse

  2. Pingback: Lampedusa geht uns alle an – #LampedusaHH Demos rund um AFM – Versammlung und #FCSP in Fürth | KleinerTods FC St. Pauli Blog

  3. Georg E. Möller Oktober 27, 2013 um 10:25 pm

    Ich habe selten einen solchen Haufen guter treffender Kommentare und Analysen bezogen auf einen urbanen Entscheidungsraum gelesen, wie in den letzten fünf Monaten FCSP-Umfeld. Wo habt Ihr nur die ganze Zeit gesteckt. Hört jetzt bloss nicht auf, es gibt noch eine zweite Hälfte und kein Spiel ist nach 75 Minuten vorbei, wie wir jahrelang angenommen haben. Lest unterstützt und verbreitet das St.Pauli-Manifest „wir sind mehr“, es ist gut und es hilft. http://www.wirsindmehr.de

  4. momorulez Oktober 27, 2013 um 10:30 pm

    Wir waren doch immer schon da 🙂 … aktuell gibt es einen Resonanzraum für vieles, was vorher verhallte.

    Was, glaube ich, sehr stark den Refugees selbst hoch anzurechnen und zu verdanken ist, weil sie sich so treffend, so selbstbewusst formieren, äußern und präsent sind. Die haben doch schon jetzt weit mehr für diese Stadt getan als viele Abgeordnete in der Bürgerschaft.

    Und es stimmt, ich sollte das Manifest viel häufiger mit verlinken. Danke für den Link und den Hinweis noch mal!

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