Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Von Räumen und wer sie wie dominiert

Wenn ich das richtig verstehe, plädiert Patrick Gensing indirekt für eine Änderung der Stadionordnung des FC St. Pauli – wegen der Komplexität der Gesellschaft:

„Denn so berechtigt die Forderung nach einer angemessenen politischen und beruflichen Repräsentation aller gesellschaftlicher Gruppen auch ist, so schwierig gestaltet sich bisweilen eine politische Praxis, die sämtliche Diskriminierungen per Dekret aufheben will. Was bei der Frauenquote in Chefetagen sinnvoll ist, muss woanders nicht automatisch funktionieren. Regeln können keine Politik ersetzen – und das Hausrecht kennt nur Ja oder Nein. Gesellschaft ist aber weit komplexer.“

Was ein Absatz!

„Sämtliche Diskrimierung per Dekret aufheben wollen“ – da ist natürlich Widerstand vonnöten! Könnte ja den Üblichkeiten und Gewohnheiten des Mainstreams zuwiderlaufen. Wie totalitär!

Viel toller wäre es ja, man würde dann eine hochkomplexe, der Vieldimensionalität gesellschaftlicher Wirklichkeiten adäquate Programmatik zu lesen bekommen, wie man denn nun Diskriminierung beenden könne. Damit nichts anderes Wirklichkeit werde als das, was sich sogar im Grundgesetz findet: Die Benachteiligung von niemandem aufgrund gravierender, zugeschriebener Attribute, die freie Entfaltung der Persönlichkeit sowie der Grundsatz der Kantischen Rechtslehre, dass die Freiheit eines jeden nur mit der Freiheit eines jeden Anderen zusammen bestehen können möge.

Mir ist das ja immer ein wenig ein Rätsel, wieso solche Debatten – die Dreadlock-Frage, der Lampenstreit von Fulda, nun ein T-Shirt – derart hoch kochen im Internet.

Nun las ich, dass in manchen Verlautbarungen gar vom „Terror der Traumatisierten“ die Rede gewesen sei. Solche Rhetorik hat in Deutschland Tradition, von dem wüst aufkochenden Streit rund um die Entschädigung der KZ-Opfer Anfang der 50er Jahre bis hin zu all den vermeintlich geschwungenen Keulen von Auschwitz bis Rassismus. Da ist Vergangenheit falsch aufgearbeit; um so erstaunlicher – oder auch nicht -, dass sich nun Versatzstücke dessen bei einem Autor wie Patrick Gensing finden in der rhetorischen Struktur. Wie soll man denn Sätze wie den folgenden verstehen:

„Übrig bleiben “lauter nestwarme »Communities«”. Statt Gesellschaft gestalten zu wollen, geht es nur noch darum, das Individuum vor ihr zu schützen.“

Wenn es die denn gäbe, diese „nestwarmen Communities“, und was ist denn bitte gegen diese einzuwenden? Wie soll man „Gesellschaft gestalten“, während man permanent damit beschäftigt ist, Diskriminierung, Marginalisierung zurück zu weisen und dabei fortwährend wieder die eigene Erfahrung überschrieben bekommt, ständig in die eigenen Negativ-Prägungen gestoßen wird, um diese ggf. auch noch vor einem Publikum auszubreiten im Sinne der Aufklärung, das diese Erfahrungen offenkundig nicht gemacht hat?

Wenn man sich immer wieder in Räumen wieder findet, die von weißen, heterosexuellen Männern dominiert werden, die sich einen Scheiß um die Rücksicht kümmern, die sie für sich selbst (als Stellvertreter müssen dann Feine Sahne Fischfilet herhalten, die doch eigentlich so gut seien und dann TROTZDEM solch Anfeindungen sich ausgesetzt sehen) ständig einfordern?

Was diesen Diskussionen völlig abgeht, ist, auch nur den Versuch zu unternehmen, Verständnis für die Perspektive der „anderen Seite“ aufzubringen, auch nur einen Grund nachvollziehen. Es ist ja ganz witzig, immer wieder unter Berufung auf das Komplexe diese Pauschalisierungen zu lesen „ganz generell sei nun nur noch wichtig, wer etwas sagt, nicht was gesagt würde“ – wobei völlig außen vor gelassen wird, wer vielleicht auch mal darauf verzichtet, etwas zu sagen und einfach vorurteilsfrei zuhört und zudem, wer zu welchem Thema etwas sagt.

Es gibt auch ziemlich treffende Analysen von feministischer Seite zur Wissenschaftsgeschichte der Physik – Gebärdneid unter anderem 😀 -, die Relativitätstheorie freilich würde nur in der Hinsicht eine Frage nach der Sprecherposition nach sich ziehen, betrachtet man genauer, wer so alles Professor der Atomphysik üblicherweise werden kann und wer nicht unter Bedingungen einer komplexen, aber immer auch patriachalen Gesellschaft. Wie Gensing ja einräumt. Die Sprecherposition ist auch dann relevant, wenn Privilegien genutzt werden, wozu auch der Zugang zu Publikationswegen gehört – in der Hinsicht, dass eine Reflektion der eigenen Position tatsächlich das ändern kann, was gesagt wird.

Aber nun die Stadionordnung des FC St. Pauli ändern und Thor Steinar rein lassen, schwulen- und frauenfeindliche Parolen und ein klein bißchen Antisemitismus nicht mehr zu verbieten, das will Patrick ja vermutlich auch nicht.

Wieso dann diese Pamphlete? je länger ich darüber nachdenke, desto schwerer fällt es mir, das wirklich zu begreifen, wenn selbst Feine Sahne Fischfilet es ja offenkundig begriffen haben, wie das zitierte Facebook-Statement belegt.

Nun ist Macho-Gehabe vielleicht nicht das gleiche wie eine direkte Diskreditierung, aber Wirkung hat es allemal – in die Nähe mancher oberkörperfreien Ultrakurve würde ich mich auch nicht wagen. Obgleich nun auf jedem CSD AUCH jede Menge Männer mit freiem Oberkörper herum laufen. Da kann man doch, indem beide Beispiele verglichen werden hinsichtlich ihrer Intention und Wirkung, was lernen, anstatt nun gleich zwei empörte Traktate verfassen.

Genau so gut kann man mal überlegen, was denn nun die Gründe sein können, die belegen, dass Rumgemackere nun gerade das nicht zulässt, was doch all die Macker für sich einfordern: Dass die Freiheit des Anderen ebenso möglich sei wie die eigene. Rumgemacker macht Räume dicht, setzt auf Dominanzen, so dass andere nicht zum Zuge kommen.

Und DAS meint doch sinnvoll der Verzicht auf die eigenen Privilegien: Denen, die sonst nicht zum Zuge kommen, Freiheitsmöglichkeiten zu gewähren, indem man etwas unterlässt. Ich glaube, dass diese so merkwürdige Fokussieren auf Lampen und T-Shirts, aber bestimmt nicht die Gründe, die angeführt werden, dazu dient, genau das nicht zuzulassen. Ob nun gewollt oder nicht.

Eine emanzipatorische Perspektive besteht nun gerade nicht darin , dass nun die Mädchenmannschaft einen nach dem anderen übergebraten bekommt, bis sie endlich die Schnauze hält – und gerade in Fragen des Feminismus klappt das ziemlich gut, ich kenne unzählige Frauen, die sich dem nicht aussetzen würden, was die Mädchenmannschaft aushalten muss. Aus Angst. Natürlich überlegen sich Frauen 5 mal, ob sie bereit sind, sich das von Erklärbär-Mansplaining-Traktaten von Che bis Gensing bis hin zu wüsten und drohenden Beschimpfungen in Kommentarsektionen viel Schlimmerer zu geben, indem sie sich öffentlich zu solchen Themen äußern.

Dass es schon zur schlichten Regeneration der Schutzräume bedarf, sollte doch offenkundig sein. Und Gensing spielt da eifrig mit bei einem Spiel, das ungleich wirkungsvoller ist als jedes Verbot. Weil es dazu führt, dass Menschen sich nicht mehr äußern. So werden Dominanz-Räume stabilisiert.

Eine emanzipatorische Perspektive kann auch nicht darin bestehen, Subkulturen zu bashen, indem man die Anschlussfähigkeit an den Mainstream einfordert. Der in vielen Fällen schlicht Assimilation bedeutete. Es gab ja strukturell analoge Plädoyers z.B. in Fragen der Homo-Ehe: Ach, diese Subkulturellen, die paar Leute in ihren Nischen, um die soll sich sich die Mehrheit scheren? Ebenso kann man die Homo-Ehe selbst als Assimilation verstehen an Hetero-Gepflogenheiten. „Parallelgesellschaften“ im Falle „der Muslime“ ist auch so eine Rhetorik.

Ich werde immer sehr nervös, wenn Vertreter dominanter, gesellschaftlicher Gruppen in dieses Horn stoßen. Patrick kann ja mal in eine Synagoge gehen, subkulturelle Abschottungen beklagen und das „Identitäre“ kritisieren. Ich weiß die Antworten nicht, sie wären spannend; meines Wissens, ich lasse mich korrigieren, ist aber zentral für historische, jüdische Erfahrung, Identität unter Bedingungen krasser Marginalisierung, Unterdrückung, Verfolgung und Vernichtung bewahrt zu haben, und dass eben von Anbeginn der Kanonisierung an, meines Wissens nach der Zerstörung des Tempels in Jerusalem im Jahr ’72 (?), gerade die Verfolgungs- und Unterdrückungssituation konstitutiv für das Selbstverständnis wurde, wie ja auch auch aus den kanonisierten Schriften ersichtlich ist. Go down, Moses – tell ol‘ Paraoh to let my people go. (Jeden Unsinn, den ich hier gerade schreibe, korrigiere ich auf Zuruf sofort.)

Und das alles auch schon vor 1933. Und es kann einfach nur Gebot sein, Schutzräume zu verteidigen, wie ja auch Patrick jederzeit unterschreiben würde.

Nun schreibt er von Jugendzentren und nicht von Synagogen, und es gibt gewaltige Unterschiede zwischen Sexismus und Antisemitismus; aber alleine diese Unterschiede zu benennen und zu reflektieren würde schon mal die Perspektive verschieben weg von diesen merkwürdigen Übermächtigungsfantasien und der Lamentiererei über „politische Ineffezienz“ hin zu jenen Themen, die in emanzipatorischer Perspektive wichtig sind. Und das sind bestimmt nicht die Assimilationsforderungen an den gesellschaftlichen Mainstream, um eine „gemeinsame Sprache zu finden“, sondern vielmehr ein Entmarginalisieren nicht-dominanter Perspektiven.

Nun geht diesem Text ein sehr angenehmes gemeinsames Biertrinken voraus, wo der Akzent auch jenseits von Abwehr und Empfindlichkeit noch etwas anders gelagert war. Und da war Sujet weniger, wie böse doch antidiskriminatorische Gebote sind, sondern viel mehr, wieso aus den Feldern des Feminismus und auch der „Critical Whiteness“ so oft Attacken gegen jene gefahren werden, mit denen man sich doch eigentlich einig wähne, während der Feind doch ganz woanders stünde – eben rechts. Eine Praxis, die freilich von Patrick selbst hier auch vollzogen wird, der arbeitet sich ja auch an der Mädchenmannschaft ab, anstatt sie als eine wichtige Perspektive von vielen verstehen zu wollen. „Grotesk“ ist auch kein Argument.

Für mich kann ich das lediglich so erklären, dass dann, wenn der Anspruch erhoben wird, ganz und gar gar gegen Homophobie „zu sein“, ich auch erwarte, dass es sich nicht um Lippenbekenntnisse handelt, die man zur narzißtischen Selbstbefriedung wie ein Etikett sich anklebt – was so weit gehen kann, dass reale LGBT-Menschen sogar als störend empfunden werden können, weil das ja nun die „je eigene“ Sache geworden ist. So dass lieber die Alerta-Network-Flagge geschwungen wird als ein Konterfei von Georgette Dee.

Und da lauert nun etwas tatsächlich gefährlich Identitäres: Wenn beim Kampf für und gegen etwas die, für die man sich einzusetzen vorgibt, wieder zum Verschwinden gebracht werden.

Die Privilegienfrage wird dann schnell eine Art Lackmustest: Ist das Gegenüber bereit, sich überhaupt auf das einzulassen, was Thema ist? Ist er bereit, hinzusehen? Ist er bereit, seine eigenen Prägungen zu hinterfragen und einen Schritt zurück zu treten und dem Gegenüber temporär die Deutungshoheit zu überlassen? Ist er bereit, sich mal nicht – ob mit oder ohne T-Shirt – zu produzieren und als was auch immer zu inszenieren? Ist er bereit, nicht SEINE Perspektive jedem zu unterbreiten, sondern eigentätig Räume zu schaffen und aktiv zu unterstützen, in denen marginalisierte Perspektiven sicht- und hörbar werden?

Politik ist eben immer auch eine Ordnung der Sichtbarkeit und Unsichtbarkeiten und wie man diese Ordnung ändern kann. Ob das so so ist und  was daraus für Schlüsse zu ziehen sind, das die interessantere Frage – und wenn ein T-Shirt dafür Anlass bietet, warum nicht?

PS: Es gibt eine sozusagen innerfeministische Nicht-Analogie mit gleichem Thema: Während nach ’68 von weißen Frauen die BHs verbrannt wurden und in den 70ern die „oben ohne baden“-Frage tatsächlich in jedem Griechenland-Urlaub mit Muttern akut war – das zum Schwimmbad-Beispiel, Patrick -, erinnere ich mich bestens an ein Interview mit einer schwarzen Feministin, dass PoC-Frauen froh waren, sich zur selben Zeit überhaupt mal was anziehen zu dürfen. Nicht zufällig brandete diese Diskussion rund um den Slutwalk wieder auf.

Die Diskussion macht aber deutlich, dass solche Fragen sich Antifa-Macker gar nicht zu stellen brauchen. Um so wichtiger ist, dass sie zuhören, erläutert man sie ihnen freundlicherweise.

 

EDITH: Ich füge hier noch mal hinzu, was mir bei Twitter gerade geantwortet wurde und noch mal einen weiteren, wichtigen Aspekt eröffnet:

„‚freie maennliche Oberkoerper‘ korrelieren uebrigens mit dem Macho-Stereotyp des ’suedlichen Mannes‘ im weissen Diskurs.#schauhini .e. wenn ICH meinen braunen Oberkoerper im Sommer entbloesse reagieren weisse Frauen SEHR anders als wenn dies Weissbrote tun. der weisse maennliche Oberkoerper ist ’neutral‘, der eher nicht so weisse ’sexuell aufgeladen‘, das schwingt auch in der MM (ungesagt) mit. das ist nur eine Korrelation, keine Gleichung. Man kann diese Korrelation hier aber nicht einfach ausblenden, unabhaengig vom Akt – insbesondere wenn man sieht, wer aus Berlins Freibaedern mit welcher Konnotation im letzten Sommer ausgeschlossen wurde. der ‚bedrohliche suedliche Oberkoerper‘ sind unterbewusste Folien, vor denen sich der weisse Diskurs schuetzt ohne es zu sagen. es ist jedenfalls sehr seltsam, dass (maennliche) Nacktheit solange akzeptabel war, solange es keine Freibad -Verbote fuer ‚Suedlaender‘ gab.“

 

Ich würde lediglich noch hinzufügen, dass meiner Ansicht nach die freien Oberkörper in Ultrakurven oft in einem ähnlichen Stereotyp unterwegs sind, wenn sie sich das Vorbild Italien nehmen und da irgendwas „Unzivilisierteres“ und deshalb „befreiteres“ wittern, irgendeine „ursprünglichere“ Männlichkeit. Was ja auch ein wirksames Bild ist.

 

3 Antworten zu “Von Räumen und wer sie wie dominiert

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  2. P.M.P.M. Oktober 11, 2013 um 2:56 pm

    >Mir ist das ja immer ein wenig ein Rätsel, wieso solche Debatten […] derart hoch kochen im Internet.

    Wirklich? Das Internet wird nach wie vor von weißen, sozial gutgestellten Männern dominiert. Ist es wirklich ein Wunder, wenn die sich immer dann zum Mobilisieren aufraffen können, wenn sie ihre Sonderrechte in Gefahr sehen?

    Aber abgesehen von den offensichtlichen Priviligienkram habe ich ein bisschen das Gefühl, dass es hier auch darum geht, wo wer die Linke in der deutschen Gesellschaft positiniert sieht.

    Linksliberale wie der Gensing gehen prinzipiell davon aus, dass die Mehrheitsgesellschaft hinter ihnen und ihren progressiven Forderungen steht und sehen – um es mit Adorno zu sagen – „die Einheit der Menschen als prinzipiell bereits verwirklicht an“. Sie glauben, die Linke müsste nur ein bisschen politisch in die Offensive gehen und die befreite Gesellschaft wäre verwirklicht.

    Linke wie die „Mädchenmannschaft“ auf der anderen Seite wurden durch die Progromme und Hetze der letzten dreißig Jahre eines besseren belehrt und konzentrieren sich darauf, die Minderheiten, Freiräume und das Erkämpfte vor der immer repressiver werdenden Mehrheitsgesellschaft zu verteidigen.

    Und nun sehen natürlich die Menschen aus Gruppe A, die das Endziel schon vor Augen sehen und nur durch eine einzige Offensive entfernt, natürlich die, die sich jetzt auf die Defensive konzentrieren, anstatt mitzustürmen, genauso als Verräter an wie der Soldat im Krieg den Fahnenflüchtigen.

    Das ist zumindest mein Eindruck von dem Ganzen. Und sorry für die martialischen Metaphern, aber so aggressiv, wie die ganze Debatte geführt wird, fallen mir da keine besseren Vergleiche ein.

  3. momorulez Oktober 11, 2013 um 4:35 pm

    Danke für den Kommentar und die Ergänzungen!

    Ich würde ja meinerseits noch ergänzen, dass es für viele auch gar nicht nur Linksliberale, sondern auch Antifa etc., wahnsinnig schwer fällt, zu begreifen, dass man aktiver Teil der Gesamtscheiße ist und Machtkonstellationen durch sie gewissermaßen mitten hindurch gehen und sie sie reproduzieren, wo sie es gar nicht merken. Ich ja auch. Also, durch mich auch.

    Die sind aber Teil der, da hast Du ja recht, „post-„Strategien – Rassismus, Homophobie, Sexismus längst überwunden, im Kampf gegen Nazis gestählt und „rein gewaschen“ und zudem noch gewohnt, Wortführer zu sein, und Männer definieren sich halt meistens über Status. Und dann greift da so was wie ein psychologisches Immunsystem, um Selbstbilder zu schützen. Dann hören sie „Privileg“, fühlen sich angegriffen, „Ich doch nicht!“, und die Maschinerie ist angeworfen.

    Was dieses „Scheitern der Linken“ betrifft, wundert mich immer, dass gerade die in den frühen 90ern politisch sozialisierten da in dieser Form drüber schreiben. Bei mir war das etwas früher, das Erwachen politischen Denkens, und man sollte ja nicht vergessen, dass noch in den 70ern und frühen 80ern einige Hoffnung in die DDR setzten, ich nie, und dann zunächst ein Prozess einsetzte, der weg von den großen Entwürfen ging, und dass dann die Mauer tatsächlich fiel (nicht deshalb). Von letzterem kann sich so eine Bewegung, Denken, wie auch immer, nicht mal eben so erholen, und da ist auch nicht maßgeblich, was danach in irgendwelchen Jugendzentren passierte. Und die Anknüpfung an Bürgererrechtsdiskurse ist nix Falsches, aber halt zu wenig.

    Im Vergleich waren die linken Bewegungen ’65 bis ’83 trotzdem ungleich erfolgreicher als die, die danach „antideutsch“ oder „antiimp“ oder wie auch immer sich wechselseitig nannten. Das ist doch die Generation Gensing, die nix Neues mehr zustande brachte – und meine gleich mit, die der in den 60ern Geborenen. Wobei das die Fördersuppe für die GRÜNEN war, gruseligerweise. Was aber auch Bände spricht. Und dass ich Postrukturalismus, Cultural Studies und Foucault immer noch besser finde als vieles, was danach so kam.

    Und da sollte man mal genauer nachgucken, woran das liegt. Kann ich selbst nicht beantworten. Also, was nun gerade bei meinen Altersgenossen, aber auch jenen Gensings eigentlich schief lief.

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