Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Das Runde müsste ins Eckige: Alles irgendwie unfertig

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Habe die Bilder dann ja gar nicht mitgenommen, zum „Fussball & Liebe“-Festival im Millermtor-Stadion.

Doch die Auseinandersetzung mit dem Runden im Eckigen treibt immer mehr Glitter und Glitzer wie Bäume im Mai. Das macht Spaß. Siehe oben.

Ist noch einiges zu tun, die Augen, der Mund – und die Tücken medialer Vermittlung sind dem Foto auch anzusehen: Das zauberhafte Kadmiumorange unten rechts suppt auf dem Foto ins Gelbe, das türkisstichige Coelinblau zieht die iPad-Kamera ins Ultramarin.

Dass das gar nicht nur inwändig gekehrtes Geblubber der Subjektivität des Bloggers hier regelmäßig ist, sondern dass es sich um zentrale Fragen philosophischer Erkenntnistheorie dreht, malt man und bearbeitet es dann digital, dreht Kontraste nach und sättigt die dank Lichteinfall auf der Fotografie verwaschenen Farben und reflektiert das dann – muss das erst betont werden? Manche müssen aber auch alles auserzählt, wie von Nora Roberts aufbereitet, bekommen.

Und Erkenntnistheorie ist immer auch hochpolitisch. Da diese eben NICHT nur Diskursiv-Argumentatives thematisieren sollte – der Zugang zu den Ressourcen, sich das auf der Ebene des Aktes des Sprechens selbst ego- und statuszentrierte Gelaber zumeist weißer Männer draufzuschaffen also solcher wie ich, ist einem Großteil der Menschheit schlicht verwehrt. Singen, malen, tanzen kann hingegen jeder. Erzählen auch.

– Flashback „Fussball & Liebe“

Dem Kora-Spieler beim Fussball und Liebe-Festival zu lauschen war insofern erkenntnisreicher als der Selbstinszenierung weißer Indie-Acts, aufgeladen mit kulturellen Hipster-Kapital, beizuwohnen. Weil die Musik des westafrikanischen Instrumentes mir nichts bestätigte, das ich eh schon gewusst hätte. Sondern eine Ahnung säte, dass so viele unerzählte Geschichten hinter all der medialen Vermittlung verschwinden, die so wichtig wären.

Love Newkirk sang später A change is gonna come“, und ich weinte fast. Wegen der Größe und Tiefe ihrer Stimme. Aber auch wegen der Story hinter dem Lied. Es erschien erst nach dem so dubiosen Tod Sam Cookes, der für viele Weiße in den damaligen USA einfach zu schön in alle Stereotype passte, als dass es so geschehen sein könnte. Und das zu einem Zeitpunkt, da er die wirtschaftliche Seite seines musikalischen Schaffens in die eigene Hand nehmen wollte. Dass nicht immer nur die Taschen weißer Männer sich füllten. Er hat es nicht überlebt.

„A change is gonna come“ ist für die schwarze US-Bürgerrechtsbewegung so zentral, und hier kennt es kaum jemand noch. Da steckt all die Erfahrung des Gospel und seiner Erlösungshoffnung so tief, so ungeheuer tief drin, dass es mehr erzählt als manch noch so schlaue geschichtliche Abhandlung mitsamt Sozialstrukturanalyse. Weil es die Erfahrungen Marginalisierter zum Ausdruck bringt und damit eine Kunst jenseits der subventionierten Philharmonien etablierte.

Love singt es inmitten einer Diskussion rund um Homophobie und Sexismus. Der Moderator hat schwer verpeilt völlig vergessen oder sich auch einfach nicht getraut, darauf zu verweisen, dass gerade die schwarzen Sängerinnen und deren Musik immer schon Idenifikationsangebot auch für die Gay Commuity waren. Selbst Georgette Dee hat die Hymen der Blues-Größen aufgegriffen; Patti Labelle äußerte, sie fände es gar nicht „cute“, blieben die schwulen Fans fern, Donna Summer und Gloria Gaynor haderten zeitweise schwer mit der Ikonisierung durch die Gay-Culture aufgrund kirchlichen Prägung – und Adeva will House-Music auch vorsichtshalber nicht als schwule Musik verstanden wissen. Wegen Nischengefahr. Geliebt wurden soe alle trotzdem mit ihrem Soundtrack zur Überlebenshilfe. Diana Ross war Stilvorbild vieler Trans-Menschen, und ich erinnere mich an Firmenparties, da ein Haufen Kollegen verzückt „Whitney!‘ rufend auf die Tanzfläche stürmte, wenn „I’m every woman“ erklang. Allesamt mit „male und white Privilege“ gesegnet und dieses wohl nie reflektierend – und doch ist da wenigstens ein Anklang des Verständnisses für die Tiefenschichten der Musik, das in Heterokreisen allzuoft und gerade schwarzen Frauen gegenüber völlig fehlt: Nur emotional, nur Interpret, und mit Bill Haley, Elvis, den Beatles und Bob Dylan fing doch erst alles an … harhar. Sollten mal Billie Holiday und Bessie Smith hören und die „Hound Dog“-Version von Big Mama Thornton.

Ob Stefan Orth und Jens Duve, die dem Podium fern blieben, davon auch nur irgendetwas wissen? Aber Roger Hasenbein war da, der klar stellte, dass eine Regenbogenflagge auf dem Stadion erst der Anfang sein könne. Sehr gut. Und Florian Lechner und Ralph Gunesch aus der Ferne unterstützten auch durch großartig durch Präsenz und glasklare Haltung u.a. Dirk Brüllau vom Aktionsbündnis gegen Homophobie und Sexismus und den Queer Football Fanclubs wie auch Marcus Urban, Ex-DDR-Oberliga-Spieler, der wegen Coming Outs die Karriere beendete. Nord-Support hatte eine RIESENregenbogenflagge genäht. Toll.

Dank Nicole Selmer und Sookee wurde auch klar gestellt, dass „Sexismus“ nicht etwa dann zu diagnostizieren ist, wenn mal mehr Haut zu sehen ist – sondern wenn Dünkel und Überlegenheitsgemackere, somit implizite Abwertung auf einen phallsch-sexualisierenden Blick trifft. Ich hoffe, ich gebe das richtig wieder und bitte ansonsten um Korrektur. Und Tine Kreich stiftete einen ganz eigenen Zauber mit ihrer Musik und machte hörbar, wieso dieses Mecium oft so viel mehr erzählt als das Diskursiv-Argumentative.

Wie eben auch Love. Sie beschwor „A change ist gonna come“. Auf der Gegengerade des Stadions des FC St. Pauli. Wow, und wie sie es sang. Für mich ein großer, tiefer, erhreifender, auch visionärer Moment. Ein Hauch des Metalustversums. Und ihr gefiel es zum Glück auch richtig gut. Sonst wäre ja auch alles falsch gewesen. Sie wollte gerne „You’ll never walk alone“ im Stadion singen. Hat sie dann ja auch ganz und gar umwerfend. Vielleicht klappt es ja noch mal im größeren Rahmen.

– FC St. Pauli – Paderborn 1:2 –

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Auch so ein Bild, das entstand, weil ich mit dem Runden im Eckigen spielte. Und auch hier versagt die mediale Vermittlung: Das Weiß oben links ist zu Siena lasiert geworden, und das Kobalttürkis irgendein blau. Und unfertig ist es auch. Wie das Spiel der Mannschaft. Die durchaus lodernd gegen eine hervorragend stehende und spielende Paderborner Mannschaft ganz schön abkackte. Da funktionierte wenig. Wie auf dem Bild oben: Wollte eigentlich mit „Malerband“ spielen: Teile des Bildes abkleben, dass darunter liegende Schichten nicht übermalt werden, andere aber doch. Doch dann ließ sich das Band nicht abziehen. sondern riss weiße Streifen in den Karton. So ungefähr muss es Michael Frontzeck auch ergangen sein, als er Kalla auf die Sechs stellte, und Halstenberg, wenn er Gegner ausspielen wollte – und den meisten anderen, wenn sie Pässe probierten. Was dann als Bild sogar noch was hat, das Scheitern zelebrieren, daran weiter arbeiten, vielleicht schafft das die Mannschaft ja auch noch.

– Flashback „Fussball & Liebe“ 2 –

In der Donnerstagsrunde, wo richtige Männer über richtige Politik diskutierten, Herr Rettig, Herr Delling, Herr Spiess und so, und eine Frau durfte auch mit dabei sein und war großartig, Dani Wurbs, war auch die mediale Vermittlung Sujet. Die von der Gewalt rund um den Fussball, und wieso nun gerade die so in den Focus gerät und nicht etwa die tiefe Liebe, die viele für ihre Vereine und den Sport empfinden. Da war mit Herrn Rettig sogar ein richtiger Antagonist geladen, der geschickt der Bösewicht-Rolle auswich. Interessant nur, wie er bei verschiedenen Gegenständen medialer Vermittlung sehr unterschiedliche Haltungen einnahm: Große Empörung bei der Behandlung Hoffenheims, da würde doch nur auf Medienberichte rekuriert! Keiner wisse, was da wirklich läuft! – und sich treiben lassen bei der Gewaltfrage. Wie mediale Vermittlung verzerrt, das erläuterte dann Gerhard Delling am Beispiel seiner Wahrnehmung des Relegationsspieles in Düsseldorf. Und trauerte um die tollen Sendungen, an denen er früher mitwirken durfte. Hat er im Sender nichts zu sagen? Er könnte doch dafür sorgen, dass es solche wieder gibt!

Dass Malen statt am Computer sitzen, also ein Weltbezug, der noch vor Augen hat, was er thematisiert (ja, oft auch Fotos, ich gebe es ja zu), auch sonst im Leben hilfreich ist, bewies mir das Leben dann auch noch: Nach wüsten Auseinandersetzungen in Kommentarsektionen diverser „sozialer Medien“ stand ich auf einmal einvernehmlich Bier trinkend und angenehm plaudernd mit den Publikative-Autoren Patrick Gensing und André Rejsin vor den Fanräumen und fühlte mich sehr wohl dabei. Einer der unzähligen tollen Momente bei „Fussball & Liebe“. Geht ja doch. Gut so.

Vielleicht stimmt es ja, dass Versöhnung möglich ist. Wenn auch der Weg dahin noch verdammt unfertig ist: A Change is gonna come.

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3 Antworten zu “Das Runde müsste ins Eckige: Alles irgendwie unfertig

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