Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Monatsarchive: Oktober 2013

Ein Dank, von ganzem Herzen, an die Refugees der Lampedusa-Grupppe in HH

„Wir wundern uns, dass uns immer wieder bei Treffen mit Politikern und Parteienvertretern wie zuletzt auch von Mitgliedern der Hamburger SPD Fraktion gesagt wird, dass es dringend Veränderungen in der europäischen Asyl- und Flüchtlingspolitik braucht und wie wichtig die Arbeit unserer Gruppe ist, und dennoch werden wir weiterhin abgelehnt.“

Das ruft auch in mir Erstaunen hervor.

Sogar SPD-Bürgerschaftsfraktionsmitglieder haben es begriffen: Die Lampedusa-Gruppe hat schon jetzt mehr für Hamburg getan, für mehr Bewegung in der Politik (wie ich sie verstehen würde) gesorgt, mehr Wissen und Verständnis für internationale, politische Desaster erzeugt als manche, die sich hier vermutlich fürchterlich wichtig finden in Senats-, Handelskammer- und Bürgerschaftskreisen. Die außer formelhaftem „Rechtsstaat, Rechtsstaat, Rechtsstaat“ politisch nichts zu sagen haben.

Während Senatoren sich vor allem darum kümmern, sich der Loyalität der Mitarbeiter in ihren Behörden zu versichern, schafft es ein Haufen traumarisierter Flüchtlinge, Zehntausende für ein friedliches Miteinander auf die Straße zu bringen.

Während Senatoren von „Einzelfallprüfungen“ schwadronieren, gelingt es der Lampedusa-Gruppe, das herzustellen, was einst auch Kernbotschaft der Sozialdemokratie war: Solidarität.

Während Senatoren immer verzweifelter versuchen, Menschen zu OBJEKTEN staatlichen Handelns zu machen, als sei Zwischenmenschlichkeit ein Verwaltungsakt, da die einen über die anderen verfügen, agierte die Gruppe weiterhin konsequent als eine Vereinigung von SUBJEKTEN mit eigenen Ansichten, Vorschlägen und Visionen.

Während die an der Regierungsbildung in Berlin beteiligte SPD alles dafür tut, auch ja den Erschein zu erwecken, und das im Widerspruch zu Verwaltungsgerichtsurteilen und Urteilen des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte, es handele sich hier primär um ein rechtliches Problem, kämpfen entrechtete Refugees visionär für einen Rechtsstaat, der diesen Namen auch verdient. Für einen Begriff von Politik, wie er längst aus den Köpfen vieler Akteure in den Parlamenten verschwunden zu sein scheint.

Kurz: Sie zeigen, was Kant einst meinte, als er vom Ausgang des Menschen aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit schrieb.

Sie führen Verschlafenen und wie fern gesteuert daher quatschenden „Verantwortungs-„trägern vor, was Aufklärung meint, auf die sich die europäische Tradition so wahnsinnig viel einbildet.

Ja, deren historisch-empirischer Schatten war Kolonialismus, Rassismus, Antisemitismus, Weltkriege und Ausbeutung – freilich immer dann, wenn der Gehalt von manchem, was die selbst oft rassistischen Denker schruben und verfochten, in Dünkel und Prinzipienreiterei umschlug und sich von der Empirie abwandte, lediglich, um herrschen zu können.

Genau dagegen wenden sich ganz im Sinne der oft gescholtenen Deklaration der Menschenrechte die Refugees:

„Ein konstruktives Herangehen, würde bedeuten zu akzeptieren, dass uns in Italien kein angemessener Flüchtlingsschutz garantiert wird, was eine Folge des Versagens des Dublin II-Systems ist, und dieses Versagen nicht auf dem Rücken der hier in Hamburg unmittelbar Betroffenen auszutragen, sondern Verantwortung dafür zu übernehmen und ernsthaft die Möglichkeiten der Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis zu prüfen.

Angesichts der intensiven Auseinandersetzung in der Gesellschaft und den politischen Gremien über einen notwendigen Wandel in der europäischen Flüchtlingspolitik könnte Hamburg ein positives Signal aussenden, was nicht nur aus allgemeinen Absichtserklärungen besteht. Auch in den laufenden Koalitionsverhandlungen zur neuen Regierungsbildung in Berlin könnten sich die teilnehmenden Hamburger Politiker hinsichtlich dieses Themas einbringen.“

Ja, eben!

Sie sprechen aus und schreiben und distribuieren, was JEDER weiß, der sich mit dem Thema mal beschäftigt hat: Nix funktioniert bei „Asylkompromiss“ und Dublin II. Doch die Flüchtlinge wagen es, sich als Betroffene zu organisieren, eine eigene Sicht der Welt zu wahren, IHRE Erfahrungen als relevant zu begreifen und nicht die der Teilnehmer von Herrenabenden in  irgendwelchen Jagdvereinen in Harburg, wo dann angeblich „Politik“ gemacht wird.

Und fordern völlig zu Recht, dass ein Behördenhandeln zuungunsten von Menschen und eine Verteidigung des Rechtsstaates, die vor allem auf die Entrechtung von Personen abzielt, strikt zurückzuweisen ist:

 „Wir möchten daran erinnern, dass wir der festen Überzeugung sind, dass Gesetze für Menschen gemacht werden und nicht umgekehrt. Das bestehende europäische System zur Aufnahme von Flüchtlingen verletzt die Menschenrechte, wir als Leidtragende können das bezeugen. An dieser Stelle reicht es nicht aus, wenn nur von Rechtsstaatlichkeit gesprochen wird, die Gesetze jedoch stets zu unseren Ungunsten interpretiert werden.“

Und fordern ergänzend eine POLITISCHE Lösung.

Doch genau davor schreckt feige der Senat zurück und die Bundes-SPD ebenso. Sie haben sich so daran gewöhnt, vor dem gewalttätigen Mob zu im Staube zu kriechen, der einst Mölln und Lichtenhagen möglich machte, dass sie vermutlich auch noch glauben, sie würden gegen ein Erstarken der Rechten agieren. Indem sie deren Forderungen nachkommen.

Dabei steckt im Manifest der Refugees mehr politischer Gestaltungswille im Sinne einer Politik für die Menschen als in allen SPD-Verlautbarungen der letzten 10 Jahre, an die ich mich erinnern kann. Würde man den aktuellen Senat durch die Refugees ersetzen, würde die Stadt vermutlich prompt aufblühen.

Denn eine der zentralen Erkenntnisse in der gesellschaftlichen Entwicklung im „wieder“vereinigten Deutschland zeigt ja, dass Rechtsextremismus besonders da erfolgreich ist, wo die wenigsten als „Migranten“ Markierten leben (dazu zählt auch das Einzugsgebiet von Herrn Scheuerle)  – oder dass er eben da, wo sich wirtschaftlich sehr erfolgreiche Communities etablieren konnten wie in Köln, keinen Fuss an den Boden bekommt. Da kann er einfach nicht mehr so viel an- und ausrichten.

Das beste Mittel gegen Rechtsextremismus ist, denen, gegen die sie bis hin zu Mordserien kämpfen, politische Geltung, Macht und Einfluss zu verleihen und nicht etwa, sie zum OBJEKT von Politik zu degradieren. Wenn dann diese Reflexe von Übermächtigung bis hin zum Titelbild von DIE ZEIT einsetzen, wo verteidigt wurde, Kindern beizubringen, die Refugees mit dem N-Wort zu belegen – bei entsprechender, institutionalisierter Gegenmacht wird die Antwort entsprechend ausfallen.

Was das Umfeld der „Embassy of Hope“ betrifft, so ist wirklich ein Beispiel von enormer Strahlkraft etabliert worden: Friedliches Miteinander ohne zumindest für mich sichtbaren Paternalismus. DAS war die Message der Aufklärer, gerade auch der jüdischen unter ihnen.

Hamburg könnte das nutzen, als Stadt mit dem höchsten „Ausländeranteil“ Deutschlands, wirklich mit Diversity erst zu machen. Sich dabei von den Refugees, den Mapuche und so vielen anderen, die hier leben, helfen lassen.

Es könnte Institutionen schaffen, die einer Hafenstadt angemessen wären und es auch aus dem Schatten von Berlin hervor treten ließe.

Statt verwaltungsrechtlicher Piefigkeit die ausgestreckte Hand der Refugees annehmen und schauen, was man gemeinsam auf die Beine stellen könnte.

In der Berliner SPD Avantgarde sein FÜR eine den Menschenrechten gemäße Flüchtlingspolitik.

Herr Scholz hat sich da doch gerade mit einer Rede für ein neues Zuwanderungsrecht profilieren wollen, las man bei Twitter.

Dann kann er ja hier vor Ort auch mal etwas tun und Fakten schaffen, Initiativen ergreifen, dass Situationen wie jene der Lampedusa-Gruppe produktiv und konstruktiv genutzt werden. Indem zum Beispiel prompt Arbeitserlaubnisse möglich werden.

Die Refugees haben großartigerweise ein Klima in dieser Stadt geschaffen, Resonanzräume eröffnet, das eine solche Diskussion MÖGLICH ist.

Sagt ihnen mal schön Dankeschön, Herr Scholz und Herr Neumann, und macht was draus, anstatt zu mauern.

Lernt von ihnen, und es wird vielleicht mal wirklich allen besser und niemandem schlechter gehen.

Weil es etwas gab, das Elektroschocks nicht zerstören konnten: Danke Lou Reed!

„Sein Vater arbeitete als Steuerberater auf Long Island; als der Sohn 17 Jahre alt war, ließ er ihn einer Elektroschock-Therapie unterziehen, um ihn von seiner Homosexualität zu erlösen. Ohne Erfolg! Statt dessen verhalfen Lou Reed die Elektroschocks zu einer jahrzehntelangen Drogenabhängigkeit, die ihm immerhin die Einberufung nach Vietnam ersparte.“

Nun scheint es doch kein Hoax zu sein: Lou Reed ist tot. Rest in Peace – oder wo auch immer es Dir besser gefällt.

Lou Reed: Jener Schatten – im Jungianischen Sinne – des „Summer of Love“, der als Gegenhippie zusammen mit Nico und John Cale und Mo Tucker eine Wirkungsgeschichte entfaltete wie nur wenige vor oder nach ihm.

Als Velvet Underground an der Scott Mac Kenzie „San Francisco“ und Mamas & Papas „Califonia Dreamin'“-Westküste tourten, kamen sie weder an noch klar inmitten dieser so aufgesetzt erscheinenden Lächelei des Love & Peace. Kurios zunächst erscheint, dass sie mit dem Meister der reinen Pop Art-Oberfläche Andy Warhol kungelten und von diesem gefördert wurden, dringt ihre Musik doch aus psychischen Untiefen hervor. Doch nur auf den ersten Blick: Denkt man an dessen Bilder von elektrischen Stühlen und Unfällen, kann man im Geiste die Musik Velvet Undergrounds dazu hören. Nix mit Love, Peace & Happiness, im Destruktiven annähernd resigniert sich zu manch fast kitschiger Höhe empor schwingen, so kam mir deren Motto eher vor.

Im verlinkten Artikel ist zu lesen, wie sie auf Psychiater-Kongressen auftraten und die Teilnehmer nach deren sexuellen Vorlieben befragten: Die Blickumkehr der Marginalisierten. In Zeiten von „Love Inns“ inszenierten sie SM-Performances und gaben sich düster.

Elektroschocktherapien, ja, gar Lobotomien waren kein ungewöhnlicher Umgang mit Homosexuellen in dem USA der 50er und 60er Jahre. Man zeigte meines Wissens Bilder leckerer Männer, und dann ran an den Regler. Um eben Schock und Schmerz angesichts des Erregenden zu konditionieren. Damit Mann die Finger von Mann ließ. Extrembild dessen, was antrainiert wurde im ach so freien Westen in einem Land, da noch die Segregation herrschte.

Lou Reed war auch aus der mich nachhaltig prägenden Indie-Post-Punk-Kuktur der 80er Jahre nicht fort zu denken. Er, Iggy Pop, T-Rex, Roxy Music und David Bowie wirkten fort, John Cale auch als Produzent. Das „Transformer“-Album und die Velvet Underground-Platte mit der berühmten Banane darauf hatte einfach jeder. Sie wurden als Vorreiter gesehen dessen, was später Acts wie The Smiths, Sonic Youth oder die Talking Heads oder auch weit Düsterere, endgültig die schwarzen Wurzeln des Rock’n’Roll Verleugnendere fort schrieben. Den Talking Heads konnte man das zumindest nicht vorwerfen – für deutsche Fanzines Anlass, die „Vern…“, man setze das N-Wort ein, derer Musik zu beklagen. So ist die Velvet Underground/Lou Reed Story leider auch Baustein in der Geschichte des „White Washings“ der „weißen Indie-Gitarrenmusik“. Denn bei den so üblichen Geschichtsschreibungen, die ich oben auch anwende, Velvet Underground versus Hippies, bleibt die ganze Motown-Staxx-Philly-Sound-Disco-Hip-Hop-House ja immer eine seltsame unverbundene Parallelgeschichte, und Donnie Hathaway kennt kaum noch wer.

Ist Lou Reed das mit anzulasten? Heute morgen gingen bei Twitter die „doop di doop“-Tweets herum, man höre in „Walk on the wild side“ und wisse, warum.

Ich denke, er hatte einfach seine eigene Elektroschock-Geschichte, aus der er dann riesengroße Popmusik gemacht hat – solche, die das Sperrige nicht scheute. Die dann am größten wurde, wenn plötzlich doch die Hippie-Träume musikalisch einsickerten, seltsam resigniert und traurig, bei Songs wie „Satellite of Love“ und „Perfect Day“.

Ich verbinde mit denen immer den Film „Velvet Goldmine„. Eine Paraphrase der Iggy Pop/David Bowie-Story mit fantastischem Soundtrack, in der die Entwicklung vom Hippie-Szenario zu Glam ins Bild gesetzt wird. Als „bi“ in aller Munde, durchaus buchstäblich, war – und doch ist es ein die reale Rockgeschichte in ein filmisches Phantasma transzendierendes Werk. Jonathan Rhys Meyers spielt ungemein sexy den androgynen, ganz in Künstlichkeit aufgehenden Superstar Maxwell Demon – orientiert ist die Figur am Bowie der „Ziggy Stardust“-Phase. Er beginnt eine Affäre mit dem weit derber auftretenden Ewan McGregor – einer der Filme, wo Erotik und (angedeuteter) Sex zwischen Männern trotz Pfauenfedern, hautengem Glitter und Lippgloss eine Strahlkraft der „Rocky Horror Picture Show“ gleich entfaltet als etwas, das immer neu erfunden werden muss im Durchgang durch Klischees, um diese aufzulösen. „Velvet Goldmine“ ist ein Film von Todd Haynes, der auch mit Meisterwerken wie „Dem Himmel so fern“ intensive Zeichen setzte.

Und, wie das so ist im Pop, ich meine mich zu erinnern, vieleicht gibt es die aber gar nicht?, dass unter eine Sequenz, da McGregor und Rhys Meyers in einem Karussell lachen und flirten, Lou Reeds „Satellite of Love“ gelegt ist.

Eine zauberhafte Bildfolge, bevor die Beziehung der beiden am Drogenkonsum zerbricht – Todd Haynes hat Bilder zu dieser Musik geschaffen, die das auf den Punkt bringen, was Lou Reeds Musik so magisch machte: Dass er, das Role Model der Gemeinen, Boshaften und schlecht Gelaunten, inmitten von der Zerrissenheit der „Wild Side“, dem Straßen- und Drogenleben, oft von tiefer Trauigkeit und dem Wissen um das Schlechte durchdrungen diese fast traumhaften, musikalischen Bilder der Schönheit des Trotzdem zeichnete und dabei auch den Schmelz nicht scheute.

Weil es da etwas gab, dass die Elektroschocks nicht zerstören konnten. Im Schauspielerlächeln von Jonathan Rhys-Meyer und Ewan McGregor kann man es leuchten sehen.

Eine Hauch von Utopie im Fussballstadion

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„Hammer!“, „Word!“, „Wie geil ist das denn!“, „Oh, wie schön!“, „YAAYYY“ – Kommentare auf Sookees Facebook-Seite. Kommentare zu einem geteilten Foto des FC St. Pauli eben dort. Jenem, da zu sehen ist, wie die Boys in Brown die so treffende Zeile „Wie kann man nur hassen, dass Menschen sich lieben“ aus Sookees Track „Pro Homo“ als Transparent ins Stadion trugen.

Sookee ist die aktuell wohl pointierteste Rapperin Deutschlands, nicht nur bei Sujets wie Sexismus im Allgemeinen und Heterosexismus im Besonderen (während ich das schreibe, frage ich mich gerade, ob das mit dem Allgemeinen und Besonderen nicht völliger Nonsens ist), Queer-Feminismus und einer Hip Hop-Attitude, die das fortwährend Progressive des Sounds revitalisiert.

Bin voller Bewunderung, tiefem Respekt, Hochachtung vor dieser Künstlerin. Wer ihr neulich beim „Fussball & Liebe“-Festival auf der Gegengeraden lauschen durfte in Performance wie auch der Diskussion, der konnte hören, wie sie in 3-Minuten-Statements mehr sagt und auf den Punkt bringt als 5 Staffeln Günther Jauch und Maybritt Illner zusammen an Inhalt generieren. Der dann zu 99% auch noch Falsches besagt.

Und nun schreibt Sookee bei Facebook „Danke FC St. Pauli, dass ihr mit uns seid!“.

Gerichtet an die Mannschaft, die die Traute hat, mit einem solchen Transparent auf den Rasen zu gehen. Danke euch auch, Boys in Brown!! Sehr! Aber so was von!

Ein „Danke!“ auch an ein Publikum und eine Fanszene, die riesige Regenbogen-Blockfahnen näht, unzählige Luftballons, Spruchbänder – „freie Liebe!“, sehr schön 🙂 – ins Stadion schleppt und so über bloßes „Toleranz“-Geschwätz hinaus auf den Rängen ein optisch gewaltiges Zeichen setzt. Ich weiß auch um blöde Sprüche, die bei solchen Aktionen oft trotzdem in aller Munde sind; als ich da stand und das alles sah und anschließend noch bei Sookee lesen konnte, wie es wahr genommen wurde – boah, ey, das ging mir aber so was von durch und durch! Das Aktionsbündnis gegen Homophobie und Sexismus hatte die Mannschaft ja auch super beraten 🙂 … Glückwunsch! Happy Birthday! Geschah ja alles, weil es sein Jubliläum mit einer Bande feierte.

Aber, ich hätte das noch vor einem Jahr nicht für möglich gehalten und weiß noch, wie ich vor der letzten JHV gegen Präsidium und „den Verein“ wetterte: Auf einmal ziehen alle an einem Strang. Das Aktionsbündnis und andere haben immer schon intensiv und eifrig gefochten, die Kurven zogen mit, nur jetzt wirkt es, als ziehe es sich durch. Nicht nur bei der Antihomophobie-Frage, dazu später mehr.

Vor allem Christoph Pieper kann man da gar nicht genug Lob und Anerkennung zollen, die Kommunikation ist ungleich offener und konstruktiver geworden. Aber auch dem „Sozialmarketing“, das u.a. die KIEZHELDEN auf die Beine stellte, Michael Meeske für prompte Ansprechbarkeit kann man aktuell echt danken. Und ebenso Tjark Woydt, der angesichts des Aktionstages Antihomophobie-Aktivisten aus ganz Deutschland in eine Loge lud und auch nach der „Berliner Erklärung“ am Ball bleiben will. So sah ich ein Spiel ausnahmsweise mal von da oben – eines, über dessen Verlauf ich eigentlich gar nichts schreiben will. „Wäre der Fussball nicht gewesen, was für ein grandioser Abend!“ raunten wir uns hinterher vor der Domschänke zu.

Weil es ja nicht nur bei der Strahlkraft der Regenbogenfahnen blieb. Was da am Freitag gelungen ist, also, das hatte schon utopische Züge. Kein Gegeneinanderausspielen der Antisexismus- und Antihomophobie-Frage und der Rassismusthematik, wie das leider viel zu oft geschieht. Auch in der Gay Community selbst.

Nein, mit eben solcher Vehemenz trat die St. Pauli-Crowd auch weiter für die fundamentalen und auch durch Dublin II vielleicht rechtlich, aber nicht moralisch aufhebbaren Rechte der Refugees ein. Gegen „Racial Profiling“, für Bleiberecht – für ein friedliches Miteinander statt einer Abschaffung der Politik durch polizeiliche Maßnahmen zuungunsten von Menschen.

Acht- bis Zehntausend Menschen auf der Demo nach dem Spiel!!! Das sind ja Dimensionen wie aus den späten 70er Jahren. Wer Michael Neumanns hilfloses Gestammel im Abendblatt gelesen hat, dieses geradezu flehentliche Beschwören der Einigkeit mit der evangelischen Kirche, diesen jämmerlichen Unsinn zum „Rassismus-Vorwurf“ – der Mann ist politisch tot. Gescheitert an der eigenen technokratischen Kaltschäuzigkeit.

Weil manchmal, wenn auch nicht oft, dann eben diese Forderungen nach Prügel- und Abschiebemethoden, diese funktionalistischen Verfahrensverbrechen und sonstige, auch buchstäbliche Brechmittel abprallen an der Vision eines Miteinanders, das auf Kooperation, wechselseitigen Respekt und Hinsehen statt Ignoranz setzt.

Das ist am Freitag zeitweise gelungen, weil es gefeiert und gewollt wurde. Auch, weil MIT den Flüchtlingen demonstriert wird. Und sie Redner stellen.

Ich schreibe hier nix Neues oder Unbekanntes, ich bin einfach noch ziemlich überwältigt und schreibe das Gefühl wieder herbei. Weil ja auch in der LampedusaHH-Frage Verein und Fans an einem Strang ziehen. „Den Flüchtlingen gerecht werden“ ist einfach das bessere Modell als das der Senatspolitik.

„Wie kann man nur hassen, dass Menschen sich lieben?“ ist ja eine viel weiter gehende Botschaft als eine, die ausschließlich „Pro Homo“ beträfe. Es ist eine bewusste und kluge Entscheidung für das, was als „naiv“ allzu oft gebrandmarkt wird. Eben der Glaube daran, dass so was wie Mitmenschlichkeit möglich ist, ignoriert man die „Systemimperative“, also die Befehle und Verhaltensvorschriften aus Wirtschaft und jene administrativer Macht. Lässt man „Supremacy“, Ego und Hierarchiebildungen zwischen Menschen und Lebensformen hinter sich. Und setzt stattdessen darauf zu fordern, es möge das geschehen, was Menschen gut tut.

Was habe ich in den letzten Tagen allein von Dialogen mit Polizisten (!!!) gehört und gelesen, die voller Verständnis für die Ziele der Demonstranten waren. Sogar für die Strategie „Polizei beschäftigen, dass die nicht zum Kontrollieren kommt!“

Der Einsatzleiter der Razzia, die zu den Riots rund um das „Stonewall Inn“ einst führten, LGBT verstießen damals gegen geltendes Recht, übrigens, hat sich später zutiefst beschämt über das eigene Verhalten geäußert.

So ganz genau weiß, glaube ich, keiner, wie die Regenbogenflagge Zeichen der LGBT-Bewegung wurde. In meiner Jugend war das noch der Rosa Winkel. Wenn es wer genau weiß, gerne in der Kommentarsektion posten.

Eine Geschichte besagt, dass zu dem, was am „Christopher Street Day“, kurz „CSD“, gefeiert wird, auch der Tod von Judy Garland beigetragen habe. Die LGBT-Gemeinde sah sich in der Trauer um eine ihrer Ikonen gestört. Deren größte Hymne: „Somewhere over the rainbow“.

Und LGBT-Gemeinde, das waren eben auch nicht nur weiße Schwule, sondern an vorderster Front mit dabei Lesben, Latinos und Latinas und Schwarze. Die ihre kleine Utopie der freien Liebe, des Gender-Trouble in Spelunken im Greenwich Village auslebten. (Über das Verhältnis zu Harlem demnächst mehr in Texten zu Jean-Michel Basquiat)

Wir erahnen so im Stadion gemeinsam, viele recht privilegiert, welcher Spirit in den Regenbogenfarben liegt und fusionieren sie mit Totenkopf und braun-weiß und Jolly Rouge UND EBEN AUCH „Refugees Welcome“-Plakaten und Demos. Freitag wurde zusammen gedacht und -gefühlt, ersehnt und gefordert. Toll.

Ich war so richtig schwer verknallt in den FC St. Pauli. Alte Liebe rostet nicht 🙂 … und ist, verblüfft fest gestellt, immer wieder neu entflammbar.

What’s going on?

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Mittags im O-Feuer. Vielleicht kein Ort der großen Utopie, aber der ganz kleinen. Die polnische Bedienung umsorgt wirklich die Gäste im griechischen Lokal. Die Omi oder Mutter, egal, im Rollstuhl wird auch immer dazu geschoben, um mitten im Leben zu sein. An der Bar sitzt Florian Lechner, der neulich noch beim „Fussball und Liebe“-Festival sich für die Rechte und gegen die Diskriminierung von LGBT stark machte. Toll!

In der O-Feuer-Bar nebenan darf ich rauchen und trinke immer meinen Capuccino nach dem Essen. Einer der Läden, wo ich auch mit PoC-Freunden abends mal ein Bier trinken kann – was in den in der Regel weiß dominierten Läden, die in der Tradition linker Gastronomie stehen, oft nicht ohne weiteres geht, weil manche sich da nicht wohl fühlen. Aus guten Gründen.

Kriege von bezaubernden Tresenkräften mein Getränk gebracht. Es laufen Soul-Klassiker. Ich will gar nicht mehr weg.

Wer meine Hymen auf diese Musik hier im Blog als assoziativ-subjektives Geschmacksausbreiten missdeutet, hat Fundamentales nicht begriffen. Obwohl es mittlerweile sogar im Fernsehen üblich ist, die schwarze Bürgerrechtsbewegung und Motown irgendwie halbgar zueinander in Beziehung zu setzen.

Was dabei oft auf der Strecke bleibt, ist die Größe der Kunst, die in dieser Musik steckt. Diese Männer-, teils auch Frauenbilder, obwohl es fies ist, Aretha Franklin gegen Diana Ross („I’m coming out!“) auszuspielen, die so völlig quer stehen zu Dozenten, Großlyrikern und E-Gitarrenwixern. Die Sehnsucht. Die Erlösungshoffnung.

Über so was erhebt sich der in Ironie und Zynismus gestählte Drübersteher ja gerne. Gibt einen Song von einer weißen Band, glaube ich, „What’s so funny about peace, love and understanding?“, und das frage ich mich ja auch immer wieder. Was denn?

Heute drang „What’s going on?“ von Marvin Gaye aus den Boxen.

Boah, was ging mir das durch und nach diesen Wochen des Terrors gegen die Lampedusa-Flüchtlinge. „Don’t punish me with brutality!“, „need some understanding here today“. Yes!

Das war eine ziemliche Sensation, als er, der zu Unrecht – weil der Markt das so wollte – „Schnulzensänger“ verschrien war, auf einmal dieses hochpolitische Album heraus brachte. Wo es u.a. um schwarze Vietnamkriegsrückkehrer ging.

Und so frage ich mich ja immer, wie Leute wie Schröder, Neumann und Scholz, solche, die immer irgendeinen sozialtechnokratischen Weg finden, von persönlichen Erfahrungen der Menschen zu abstrahieren und allen, ob die das wollen oder nicht, einen übel riechenden Funktionalismus überzustülpen, als „Realisten“ gelten.

Was ist denn das für eine „Realität“, die die da in Stellung bringen? Das ist gar keine.

Real ist, Mitmenschen im Mittelmeer ersaufen zu sehen, Angst vor der Polizei zu haben, lieben, essen, sicher schlafen und Musik hören wollen, aber doch nicht der Rekurs auf Dublin II.

Solche Unrechtsabkommen bringen Realitäten hervor und stehen ganz real auf Papier, aber Lebenwollen, Lachenwollen, InRuheseinwollen und all das, was menschliches Erleben so wundervoll macht, ist viel realer, grundlegender, wichtiger. Man lese Sen und Nussbaum zu den menschlichen Grundfunktionen oder achte nur auf das, was einer jeden gut tut. Bestimmt nicht die Politik von Herrn Neumann.

Spielen wollen – auch so was, was jeder will, und im Namen irgendeines abstrusen „Ernstes“ lassen es die meisten überall da, wo sie Grundlegendes und Wichtiges wittern, irgendwann sein. Tun es nur noch in der Freizeit.

Das ist ja eine der Komponenten, die ich am Fussball so sexy finde. Dass da inmitten von etwas Millionenschwerem, wirtschaftlich und gesellschaftlich Gewichtigem halbwegs gestandene Männer in kurzen Hosen über den Platz laufen und spielen wollen. Rum rennen und rum tollen wie junge Hunde. Ich finde das toll, trotz allem Machismo, aller Gemeinheit und aller Brutalität, die das auch mit sich bringen kann. So ein Wort wie „Spielfreude“, ich meine, wie großartig das ist, das vergisst man ja in Welten, da Marketing- und Wirtschaftssprech alles dominieren und das, was man im Smalltalk hört, fast immer von irgendwelchen Herabwürdigungen und Diskriminierungen durchsetzt ist.

Und Spielfreude, das haben unsere Jungs nun wirklich auf den Platz gebracht in Fürth, zumindest 70 Minuten lang. Die haben diese Saison so was Boygroupmäßiges in ihrem Spiel. Das viel stärker zum Tragen kommt, wenn nicht Verhoek da vorne rum rammt, sondern filigraner Ratschkowsky, Maier, Bartels, Nöthe und Buchtmann wirbeln, tänzeln, dribbeln.

Als erklärter Take That-Fan mag ich das natürlich. Das hättet ihr sehen sollen, damals in der Sporthalle ’93, außen ein Ring von entrückten Lederschwulen, innen völlig entfesselte und austickende Teenie-Mädels, und auf der Bühne Jason im „Westside Story“-Kleid und alle mit diesem berühmt codierten Tüchern in der Gesäßtasche ihrer Jeans …

Na, ganz so weit trieben es die Jungs leider nicht auf dem Rasen im Frankenland, aber das kann ja noch werden.

Zudem ich mir dann zumindest irgendwie einbildete, dass sie auch für unsere Refugees aus der „Embassy of Hope“ spielten. Immerhin haben sie die ja auch besucht und gespendet.

Weil wahrscheinlich auch ihnen wie jedem nicht technokratisch Verblendeten diese fundamentale Verständnislosigkeit angesichts der Menschenjagd des Senates, eben jener so zukunftsträchtige Spirit, der aus Marvin Hayes „What’s going on“ klingt, in die Knochen gefahren ist.

Der Verein hat sich ja auch klar positioniert: Den Flüchtlingen gerecht werden. Nicht der Gesichtswahrung des Senates.

Mit Spielfreude und Soul-Music für eine bessere Welt – das ist doch mal ein Claim, der hoffentlich die Zyniker und Pseudorealisten in die Bedeutungslosigkeit bannen wird!

Dann, wenn ich träume.

Aber wie sagte Ernst Toller einst so treffend: Wer keine Kraft zum Träumen hat, hat keine Kraft zu leben. I have a dream …

Präzedenzfälle und die „Embassy of Hope“

„Senat und Verwaltung fürchten einen Präzedenzfall: Erlaubt man den Lampedusa-Männern als Gruppe zu bleiben, folgt ein Ansturm an Flüchtlingen. Sie würden ein kleines Problem lösen und sich selbst ein großes einbrocken.“

Oje. Die „Flut“.

Ich habe diesen Nonsens auch schon im Freundeskreis vernommen: „Willst Du, dass die Steuern, die Du zahlst, dafür ausgegeben werden, dass immer mehr kommen?“

Ja, will ich. Ist mir allemal lieber als Elbphilharmonie, U-Bahn-Bau oder Bankenrettung. Oder Politik für BMW. Oder Unmengen von Geld für unsinnige und unverhältnismäßige Polizeieinsätze auszugeben.

Ich hätte gerne eine Politik, die durchspielt, was für eine Ökonomie MIT Flüchtlingen möglich wäre. Eine, die profitabel ist und weltweit ausstrahlt. Eine, die die Erkenntnisse von Armatya Sen in „Ökonomie für die Menschen“ ernst nimmt. Und bin mir auch sicher, dass es in einer der reichsten Städte Europas genug Menschen auch mit genug Geld auf dem Konto gäbe, die zur Unterstützung bereit wären. Trotz Scheuermann gibt es ja auch unter denen geschichtsbewusste Personen mit humanistischer Bildung, die voller Energie stecken und sich mühen, eine andere Politik möglich zu machen. Nicht nur Frank Otto, der immer überall präsent ist.

Ich würde mir eine Senatspolitik wünschen, die sich nicht nur dann an PoC ran wanzt, wenn Erben der Berenberg-Bank den Hut aufhaben. Macht Herr Schillz ja gerade. Sondern die begreift, dass Abschottung einer Stadt wie Hamburg auch wirtschaftlich ungemein schädlich ist. Die Abschied nimmt von den Kohlschen Mitteln der „Überfremdungs“-Rhetorik.

Ein Beispiel: Manche derer, die gerade von Berenberg-Erben angesprochen werden, trauen sich nicht mehr, PoC-Geschäftspartner in ihr Büro im Schanzenviertel einzuladen. Weil im „Gefahrengebiet“ Racial Profiling ganz alltäglich Terror auf Nicht-Weiße ausübt. Dann trifft man sich mit dem Gesangscoach von Beyoncé´lieber auf anderem Terrain, als ihn dem auszusetzen. Auch in Richtung Steindamm oder St. Pauli-Kirche sollte man lieber niemanden Nicht-Weißen mehr schicken, da die Politik des Senats den Charakter ethnischer Säuberungen annimmt. Das spricht sich rum. Weltweit. „In Deutschland ist es wieder so weit“, heißt es.

Unmengen an Ressourcen bleiben so ungenutzt. Man muss nicht, nur, weil Gerhard Schröder mit die Schwulenhatz antreibenden russischen Oligarchen kungelt, nur dort hin starren. Es bedarf interkultureller Kommunikation, um unter Bedingungen der Globalisierung wirtschaftlich und als Standort erfolgreich zu sein. Man muss nicht Waffenhandel betreiben, um die, die vor deren Einsatz dann flüchten, wie Vieh zu behandeln. Man kann auch andere Visionen entwickeln, Und dafür braucht man Menschen wie jene in der St. Pauli-Kirche.

Wir haben hier ja längst einen Präzedenzfall – weil ausnahmsweise das, was überall in Deutschland mutmaßlich auch geschieht, für Publizität sorgt. Nämlich ein friedliches Miteinander, Wellen der Solidarität, wo sich Schüler einer Stadtteilschule darum kümmern, dass die Refugees in einer Turnhalle unterkommen können. Engagement, dass eine zivilgesellschaftlich orientierte Politik NUTZEN und FÖRDERN würde. Das sind Kinder auf von einer Schule, deren Bewerbungen später vermutlich von „Personalentwicklern“ gleich in die Ablage „Ablehnen“ wandern. Wie mir die Beauftragte für das EU-Fördergebiet St. Pauli einst berichtete. Und genau DIE zeigen sich solidarisch, anstatt herum zu quasseln, dass doch dann nur wieder Hartz IV gekürzt würde. Was auch Quatsch ist: Dieser demagogisch konstruierte Zusammenhang zwischen Sozialleistungen und Einwanderung existiert überhaupt nicht.

Es geht auch anders als in Hellersdorf, das wird doch seit Monaten vorgeführt. Fussballerspieler eines Profivereins bringen ihre Buffer vorbei, die Geschäftsführung lässt Kisten packen mit ausrangierten Kollektionen, Nachbarn liefern Essen, Tausende Nicht-Betroffene gehen in ihrer Freizeit für diese Menschen auf die Straße. Die Lampedusa-Gruppe ist in den kulturellen Alltag des Viertels perfekt integriert, wir luden sie auch zum „Fussball & Liebe“-Festival, sie sind überall willkommen, sie werden gefördert und unterstützt, Freunde basteln mit ihnen Schmuck, andere halten Nachtwachen, freiwillig und unentgeltlich, allesamt lernen von den Refugees viel über internationale Politik – und der Senat will all dieses zivilrechtliche Engagement KRIMINALISIEREN?

Als US-Firma mit PoC-Angestellten oder auch indisches Unternehmen würde ich mir aber 3 mal überlegen, ob ich unter diesen Bedingungen noch Filialen hier gründe oder auch nur Schiffe in diesen Hafen schicke. Freunde von mir, die gut mit den USA vernetzt, erzählen doch immer, dass man sie fragt, wieso sie in dieser rassistischen Provinz überhaupt noch leben. Die Piefigleit und Provinzialität dieses Senates ist einfach ungemein schädlich für die Stadt.

Noch die letzten Manager haben begriffen, wie entscheidend „Sozialmarketing“ für den Erfolg ihrer Unternehmen ist. Ja, sogar Coca Cola, bei allem, was da auch furchtbar und verlogen finden kann. Und was macht der Hamburger Senat? Er will abschieben.

Er hätte die einmalige Chance, wirklich internationale Strahlkraft zu gewinnen. Was wäre alles möglich, würde die Politik in dieser Stadt auch nur über den Hauch jener Fantasie und jenes Engagements verfügen, dass das Miteinander von Pastor, Refugees und Unterstützern prägt, was wäre alles MÖGLICH! Was könnten alle voneinander LERNEN!

Es ist gerade grotesk, dass in einer Stadt, wo „König der Löwen“ zur Touristenattraktion wurde, eine derartige Furcht vor „Präzedenzfällen“ die Politik prägt. Präzendezfall im allerpositivsten und produktivsten Falle ist die „Embassy of Hope“. Ich war ja da, da weht mit Blick auf die Docks ein Hauch der Utopie. Schon zwei Minuten des Brainstormings genügen, um Vorstellungen zu entwickeln, was man da zusammen mit den Refugees alles draus machen könnte.

Man könnte z.B. – ich bin mir sicher, Frau Berenberg wäre da zu gewinnen – unter Ägide der Refugees das Völkerkundemuseum in ein Kunstmuseum umwidmen und so ein Projekt von internationaler Strahlkraft etablieren. Und es würde nicht annähernd so viel kosten wie Elbphilharmonie. Man könnte mit ihnen zusammen die ganze Stadt in ein Museum für Spuren der Kolonialgeschichte verwandeln und so international Zeichen setzen für einen ehrlichen Umgang mit der eigenen Geschichte. Nicht, um ein schlechtes Gewissen zu nähren – sondern ganz im Gegenteil zu zeigen, dass man daraus gelernt hat.

Nur zwei Ideen, hätte dieser Senat auch nur den Hauch der Kreativität, er würde Historie schreiben im allerpositivsten Sinne.

Er lässt aber stattdessen Ressourcen brach liegen und widmet sich der Furcht und der Suggestion von Mangel. Wirtschaftlich blöder und innovationsfeindlicher kann man gar nicht agieren. Stahlhelm und Pflege des Ariertums statt eines Vertrauens in das nun weltweit nachvollziehbare Wissen, dass Innovation immer da entsteht, wo auf Ideen und Kommunikation gesetzt wird. Auf Lernen und Wissen. Nicht auf Stagnation und Abschottung.

Mit diesem Schrebergärtnersenat wird man halt nur Radieschen ernten. Dabei gäbe es die Chance auf gänzlich neue Parkanlagen. Solche, die nicht so viel Miese machen wie die in Wilhelmsburg.

Was auch nur zeigt: Hamburg braucht Ideen statt vertrockneter Rezepte von Vorvorgestern. An Meck-Pomm. kann man ja sehen, wie „Deutschland den Deutschen“-Landstriche veröden. Chinesisches Kapital wird auch nicht in die Sächsische Schweiz fließen.

Hamburg hat eine „Embassy of Hope“, und die Politik setzt auf Hoffnungslosigkeit.

Ich wünschte mir einen weniger trostlosen Senat.

Michael Neumann und die Glaubwürdigkeit

Durch die Blogosphäre ging heute morgen bereits eine treffende Diagnose:

„Würden diese Menschen sich nämlich ausweisen (was die meisten allerdings nicht können), dann würde ihnen nicht, wie von Senator Neumann scheinheilig ins Gesicht gelogen, ein Asylverfahren nach geltendem EU- Recht bevorstehen, sondern die Abschiebung nach Italien. Nach Dublin II entscheidet nämlich das Ursprungsland, über die Asylverfahren.“

Wusste ich auch nicht, in derartigen Verfahrensfragen nicht so bewandert. Im Gegensatz zu mir wird der Innensenator das sehr wohl wissen – und mutmaßlich sind die Verweise auf die Bundespolitik auch so zu verstehen, dass in irgendendwelchen Berliner Kneipenrunden irgendwer polterte, „das ginge ja gar nicht, was Italien da macht!“

Dem werden dann Menschen geopfert.

Das, was gebloggt wurde, scheint sich auf’s Furchtbarste zu bewahrheiten – soeben ging bei Twitter herum:

„Erste #Ausreiseverfügung gegen #Lampedusa-Flüchtling: Der Mann soll Hamburg bis zum 25.10. verlassen, sagt Fluchtpunkt-Anwalt. #lampedusahh

Soll heißen: Michael Neumann suggeriert auch auf seiner Homepage, folgender Ablauf:

„In allen Fällen stellen diese Personen Anträge bei der Ausländerbehörde. Ihre Anträge werden aufgenommen, ihre Identitätsdaten werden anhand von Ausweispapieren oder entsprechend persönlicher Angaben festgehalten. Sie schildern ihr Verfolgungsschicksal und werden für die Dauer des Verfahrens zunächst in einer Erstaufnahmeeinrichtung und nach Ablauf von mehr als drei Monaten in Wohnungen öffentlich untergebracht. Sie werden medizinisch versorgt und zunächst verpflegt, bis sie sich in der öffentlichen Unterbringung selbst versorgen können. Finanzielle Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz werden ihnen gewährt. In Hamburg durchlaufen mehr als 300 Personen pro Monat dieses Verfahren.“

würde auch die Refugees-Gruppe in der St. Pauli-Kirche betreffen.

Liest man den Text genau, weicht er der schamlosen Lüge aus und referiert Allgemeines, wohl wissend, dass natürlich jeder, der sich in den Asylverfahren nicht auskennt, diese märchenhafte Welt aus dem Wolkenkuckucksheim auf die, für die aktuell demonstriert wird, beziehen würde.

Nun hat auch Extra 3 gut auf den Punkt gebracht, welche Wahrheit sich hinter der Legenbildung durch verantwortliche Politiker verbirgt: Nix als der Wille abzuschieben. Wie die Praxis zeigt.

Und die Suggestionen des Herrn Neumann mögen ja geschickt formuliert sein; trotzdem sollte einem Menschen, der solche billigen politischen Manöver, Verschweigen von Zielsetzungen – den Anwälten wurde ja Medienberichten zufolge deutlich gesagt, dass man nach Italien zurück schicken wolle -, selektive Gesetzesauslegungen – auch Publikative entlarvt großartig und treffend die Kreativität in der Straftatbestandserfindung Hamburger Behörden:

„Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz und Innensenator Michael Neumann rühmen sich dafür, dass sie angeblich nur geltendes Recht durchsetzen müssten, und scheuen auch nicht davor zurück, humanitäre Hilfe verbal zu kriminalisieren, was nach Informationen des Norddeutschen Rundfunks schlicht und ergreifend eine leere Drohung am Rande der Unwahrheit ist. Wer dabei hilft, Flüchtlinge über den Winter zu retten, hat selbst von deutschen Gerichten wenig zu befürchten – erstaunlich ist allenfalls, dass die Hamburger Sozialdemokrat/innen es offenbar gerne anders hätten, und darin eine “Beihilfe zum illegalen Aufenthalt” erkennen wollen.“

– anwendet, sollte die Verantwortung für Menschen schlicht und ergreifend nicht anvertraut werden. Weder die für Polizisten noch die für Refugees. Er wird ihr nicht gerecht. Und seine Kollegen in der „Ausländerbehörde“ ebenso wenig, die traumatisierte Flüchtlinge Medien zufolge mal eben so ohne richterlichen Beschluss 10 Stunden in Gewahrsam nehmen.

Michael Neumann hat nun so oft seine Glaubwürdigkeit verspielt, schämt sich nicht, öffentlichen-rechtlichen Fernsehsendern ähnliche Märchen aufzutischen wie die oben zitierten, konkret Panorama, bezeugt auf seiner Homepage auch noch ein äußerst zwiespältiges Verhältnis zu einem demokratischen Grundrecht, dem Demonstrationsrecht. Solche Menschen wählt man nicht in Ämter, die ächtet man.

Die Hamburger SPD wäre gut beraten, sich der Verantwortungslosigkeit und in meinen Augen Verarschung der Öffentlichkeit durch Michael Neumann mal anzunehmen. Das ist einfach untragbar, da kann man noch nicht mal drauf einwirken wollen, Wiederholungstäter – ich meine den Schweinske-Cup -, die ein derart gestörtes Verhältnis zur Wahrheit haben, glaubt man eh kein Wort mehr.

Und sie sollte flugs einen Wandel in der Flüchtlingspolitik einleiten. Glaubwürdig ist sie auch als Partei eh nicht mehr; sie kann das im Gegensatz zu Herrn Neumann aber ändern.

 

Bell Hooks über Jean-Michel Basquiat (und Lampedusa), Teil 1

Dienstag, der 15. 10. 2013.

Der Hamburger Senat schickt seine Polizisten zur Hatz auf Schwarze in Hamburgs Straßen.

Das ist ja hier nix Ungewöhnliches, sonst bekommt es nur keiner mit.

Frei herum laufende PoC sind manch Nachkommen der Kolonisatoren und Sklavenhalter und denen, die von ihnen profitierten, ein Gräuel.

Da müssen Ketten, Gitter, Lager her. Kontrollen und Zugriffe westlicher Institutionen, die sich „Rechtsstaat“ nennen und jede intuitive Vorstellung dessen, was gerecht sei, dank des politischen Willens der Akteure in den Chefetagen allzu oft verhöhnen.

Aber diese Institutionen haben ja auch eine Geschichte, eine der Herrschaft – in den Kolonien wie hierzulande. Sie schreiben sie fort.

Nicht nur in der Abschiebehaft. Da halt besonders schlimm.

Auch in Galerien, Museen, in Verlagen und den Redaktionen von Fernsehsendern. Und sogar in den Köpfen mancher paternalisierender Antifa-Macker, bei manchem Platzhirsch in der Flüchtlingsarbeit und selbst bei Brunnenbauern, die „Entwicklungshilfe“ wieder zur Sache für Hipster machen, kann das vorkommen.

Die aktuellen Lampedusa-Flüchtlinge scheinen mir zumindest ein kleinen Bruch bewirkt zu haben. Mir scheint zumindest, dass sie von Anfang an als SUBJEKTE in Erscheinung traten. Dass sie SELBST sprechen. Dass sie eine EIGENE politische Perspektive auf den Bürgerkrieg in Lybien einnehmen. Dass sie gar nicht einsehen, sich jenen Apparatschiks zu unterwerfen, die in Hinterzimmern mit Waffenhändlern kungeln und mit Konzernen, die davon profitieren, dass in Landstrichen auf dem afrikanischen Kontinent ein  permanenter Krieg tobt.

Gerade dann setzt freilich der Impuls ein, sofort mit Ketten, Mauern und Stacheldraht zu antworten. Mit Repression, Entrechtung, fortgesetzter Traumatisierung und allen aus den Totalitarismus bestens bekannten Methoden zu kontern.

Gleich wird eine Demo durch die Stadt ziehen, die der unsäglichen Politik des Hamburger Senates den Kampf angesagt hat.

Ich bin nicht so der Demo-Typ, kann man mir vor werfen, und übe stattdessen in meinen Publikationskanälen. Widme mich einem Thema, das manche dann unter „subjektiver Assoziationsarbeit“ verbuchen, eben jene, deren Hirne längst kolonisiert sind.

Es geht im folgenden um einen Aufsatz von Bell Hooks, einer in Deutschland völlig zu Unrecht ziemlich unbekannten Autorin. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass sie mir, der ich hier immer den „Critical Whiteness“-Vertreter spiele, auch bis dato unbekannt war. Weil ich das meiste Wissen eher aus dem Freundeskreis bezog. Das ist mir sehr peinlich.

Es geht um Jean-Michel Basquiat. Es geht um all die Fragen, die auch auf Hamburgs Straßen derzeit eine Rolle spielen. „Altars of Sacrifiice – Re-membering Basquiat“ Mehr von diesem Beitrag lesen

Neumann und Schillz als Vollstrecker des endlosen Niedergangs der Sozialdemokratie

Ich bekenne ja, dass mich das auch alles so fertig macht, weil mein Vater Jahrzehnte seines Lebens für die SPD geopfert hat.

Durch ihn bekam ich das Bild einer zumindest in Teilen an dem, was sich traditionell „Völkerverständigung“ nannte, orientierten, weltoffenen Partei. Einer, die auch lokale Binnensolidaritäten organisiert und pflegt in Netzwerken wie der Arbeiterwohlfahrt, der Lebenshilfe, mit Gewerkschaften verbunden.

Er hat als Bürgermeister einer niedersächsischen Kleinstadt sich persönlich gekümmert. Ich erinnere mich an einen Nachmittag im Garten eines 70er-Jahre-Bungalows bei Parteifreunden von ihm, da zwei PoC-Männer mit ihm sprechen wollten. Es waren Bewohner eines indischen Dorfes,

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Olaf Schillz und die unterlassene Hilfeleistung

Bei Facebook wurde schon angemerkt, die Schillerstraße, in der der sich derzeit als exekutierender Rassismus-Profi profilierende Herr Oberbürgermeister wohl haust, möge doch in Schillstraße umbenannt werden.

Ihn selbst kann man mittlerweile genau so umbenennen: Olaf Schillz.

Nachdem es ihm und Neumann, Scheele und wie die Schergen der Unmenschlichkeit alle heißen, misslang, die Lampedusa-Refugees im Frühsommerregen ignorant verrecken zu lassen, da sie sogar aus Parks verwiesen wurden, wollen sie nun ein meines Erachtens faktisches Unrechtsabkommen umsetzen. Eines, das vor allem den Brandstiftern von Lichtenhagen und Mölln und Prügelbanden in der sächsischen Schweiz genehme Politik vollzieht.

Die Methode, Rechtsextremismus zu bekämpfen, indem man Politik für Rechtsextreme macht, wurde seit dem alle Grundannahmen des Grundgesetzes höhnisch auslachenden „Asylkompromiss“ ja geradezu perfektioniert.

Die „Legitimation durch Verfahren“ wird dann selbstwidersprüchlich, wenn das, was verordnet und umgesetzt wird, zu den Begründungen für dieses Verfahren in Widerspruch tritt.

Demokratische Verfahren taugen dann als Rechtsbegründung, wenn ALLE mutmaßlich Betroffenen in die Entscheidung einbezogen sind, und sei es durch Stellvertreter und Repräsentanten. In diesem Falle also auch Vertreter der Flüchtlinge.

Völkische Ausschlüsse sind a priori undemokratisch, und was sie bewirken, ist tatsächlich – meines Erachtens – Unrecht.

Die rechtliche Wirklichkeit hingegen folgt einer ganz anderen Logik: Etwas, das als „nationales Interesse“ von Regierungen im Machtrausch und unterwerfendem Regelungswahn behauptet wird, wird kraft wirtschaftlicher Dominanz anderen Ländern verordnet und brutalstmöglich durchgesetzt. Das ist Kriegsführung mit anderen Mitteln. Das passierte bei allen „Euro-Rettungen“, so wurden die Volkswirtschaften Spaniens und Griechenland in die Knie gezwungen – und so haben deutsche Politiker auch dafür gesorgt, dass der Mythos „sicherer Drittländer“ ihre völkische Politik absichtert und maßgeblich in internationale Abkommen wirkte. Braucht man ja nur auf die Landkarte gucken, dass es verhältnismäßig unwahrscheinlich ist, dass jemand von Libyen an Gibraltar und Helgoland vorbei in den Hamburger Hafen schippert. Die „europäische“ Flüchtlingspolitik ist deutschem Diktat unterworfen. Dem eines institutionalisierten Rassismus.

Und es waren übrigens meines Wissens italienische Behörden, die unsere, ja, unsere, das sind nunmehr St. Paulianer wie Bernd-Georg Spiess, Thomas Meggle oder ich auch, Lampedusa-Refugees hierher schickten. Wohl wissend, dass es deutsche Politik ist, die all die Ertrunkenen vor Lampedusa mit zu verantworten hat. Es ist erstaunlich, was für eine Aufregung wegen Koffern auf Bahnsteigen möglich ist, sitzen doch in Regierungen, Behörden und Verwaltungen solche, die unzählige Tote im Mittelmeer zu verantworten haben.

Und jetzt bedrohen irgendwelche auch für die Miseren am Wohnungsmarkt und Gentrifizierung mitverantwortlichen Staatsräte andere Behörden: Wer „illegal“ sich hier aufhaltende Ausländer unterstütze, mache sich strafbar. Siehe Hamburger Abendblatt.

Im tatsächlichen, nicht rechtlichen Sinne sind solche Typen meiner Ansicht nach Verbrecher. Ich plädiere dafür, dass alle sich dafür einsetzen, dass Gesetze erlassen werden, solche „Staatsräte“ adäquat zu bestrafen. Ich weiß, dass auch bei der Aufarbeitung der DDR-Verbrechen die zu jenem Zeitpunkt geltende Gesetzeslage zugrunde gelegt wurde. Kann man ja in diesen Fällen auch so regeln. Dann kommt der Jetzige halt ungestraft davon, die Folgenden aber nicht mehr.

Das Schlimme ist: Die sind allesamt im Grunde genommen austauschbare Apparatschiks, die sabbeln, was „man so sagt“, weil jegliche Urteilskraft ihnen im Zuge der Karriereplanung ausgetrieben wurde. Die sind in ihre behörden- und parteienimmanenten Referenzsysteme eingewoben wie Fliegen im Spinnennetz, in die gewachsenen Beziehungen, in denen man sich wechselseitig Jobs zuschiebt, in das Profilierungsgehabe in irgendwelchen „Meetings“ und Hinterzimmern der Handelskammer.

Wer je in großen Organisationen oder für diese arbeitete, der kennt das ja – irgendwann beginnt man, was an sich unvernünftig, unmoralisch, funktional blödsinnig erscheint, sich zu rationalisieren. Gründe sich schön zu reden, die falsch sind, aber in den Organisationswirklichkeiten gelten. Vertritt in vorauseilendem Gehorsam auf einmal Anderen gegenüber Positionen, bei denen man noch zu Zeiten, da man einfach so Mensch ohne Funktionen war, sich erstaunt die Augen gerieben hätte.

Neumann, Schillz, Hape Friedrich und die anderen sind ja nicht so geboren worden. Und trotzdem gehen sie alle irgendwann diesen funktionalistisch-völkischen Herrschaftslügen auf den Leim. Wären die Folgen dessen nicht so mörderisch, sie könnten einem ja fast leid tun. Es ist schlimm, so zu leben.

Ungleich schlimmer freilich ist, was sie unseren Lampedusa-Refugees antun wollen. Wer die eigene Karriere vor die Vernunft und Emphatie schiebt, sollte zurück treten.

Vernünftig ist nämlich das Gebot, dass unterlassene Hilfeleistung zu sanktionieren ist und Hilfeleistung geboten.

Was die betreiben, ist irgendwo zwischen Fahrerflucht und dem Impuls anzusiedeln, einen Schwerverletzten kurzerhand in die Elbe zu kippen, weil einem irgendwer eingeredet hat, es sei gegen jegliche Notwendigkeit, den Notarzt zu rufen. Weil der Schwerverletzte schwarz ist.

Das ist reines Instinkthandeln zur Herrschaftssicherung. Und das ist gemeingefährlich.

Von Räumen und wer sie wie dominiert

Wenn ich das richtig verstehe, plädiert Patrick Gensing indirekt für eine Änderung der Stadionordnung des FC St. Pauli – wegen der Komplexität der Gesellschaft:

„Denn so berechtigt die Forderung nach einer angemessenen politischen und beruflichen Repräsentation aller gesellschaftlicher Gruppen auch ist, so schwierig gestaltet sich bisweilen eine politische Praxis, die sämtliche Diskriminierungen per Dekret aufheben will. Was bei der Frauenquote in Chefetagen sinnvoll ist, muss woanders nicht automatisch funktionieren. Regeln können keine Politik ersetzen – und das Hausrecht kennt nur Ja oder Nein. Gesellschaft ist aber weit komplexer.“

Was ein Absatz!

„Sämtliche Diskrimierung per Dekret aufheben wollen“ – da ist natürlich Widerstand vonnöten! Könnte ja den Üblichkeiten und Gewohnheiten des Mainstreams zuwiderlaufen. Wie totalitär!

Viel toller wäre es ja, man würde dann eine hochkomplexe, der Vieldimensionalität gesellschaftlicher Wirklichkeiten adäquate Programmatik zu lesen bekommen, wie man denn nun Diskriminierung beenden könne. Damit nichts anderes Wirklichkeit werde als das, was sich sogar im Grundgesetz findet: Die Benachteiligung von niemandem aufgrund gravierender, zugeschriebener Attribute, die freie Entfaltung der Persönlichkeit sowie der Grundsatz der Kantischen Rechtslehre, dass die Freiheit eines jeden nur mit der Freiheit eines jeden Anderen zusammen bestehen können möge.

Mir ist das ja immer ein wenig ein Rätsel, wieso solche Debatten – die Dreadlock-Frage, der Lampenstreit von Fulda, nun ein T-Shirt – derart hoch kochen im Internet.

Nun las ich, dass in manchen Verlautbarungen gar vom „Terror der Traumatisierten“ die Rede gewesen sei. Solche Rhetorik hat in Deutschland Tradition, von dem wüst aufkochenden Streit rund um die Entschädigung der KZ-Opfer Anfang der 50er Jahre bis hin zu all den vermeintlich geschwungenen Keulen von Auschwitz bis Rassismus. Da ist Vergangenheit falsch aufgearbeit; um so erstaunlicher – oder auch nicht -, dass sich nun Versatzstücke dessen bei einem Autor wie Patrick Gensing finden in der rhetorischen Struktur. Wie soll man denn Sätze wie den folgenden verstehen:

„Übrig bleiben “lauter nestwarme »Communities«”. Statt Gesellschaft gestalten zu wollen, geht es nur noch darum, das Individuum vor ihr zu schützen.“

Wenn es die denn gäbe, diese „nestwarmen Communities“, und was ist denn bitte gegen diese einzuwenden? Wie soll man „Gesellschaft gestalten“ Mehr von diesem Beitrag lesen