Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Über die Liebe und das Sich-Kümmern: Union Berlin – FC St. Pauli 3:2

20130901-164717.jpg

Ja, also, ich bitte euch, was ist denn bitte am Tag zuvor Paderborn und Düsseldorf passiert? Waren die nicht auch auswärts in Führung gegangen?

Wie viele Spiele haben wir denn schon am Millerntor gedreht? So what!

Es ist an der Zeit, sich auf das Thema „Fussball und Liebe“ einzustellen. Wartet’s ab. Und Liebe kennt keine Vorwürfe und ist immer zunächst mal Selbstliebe. Was das Gegenteil von narzißtischer Selbstverliebtheit, aufgeblähtem Ego und selbstgefälligem Rumgemackere ist. Ist kein Posen und kein „Wir sind geiler als ihr!“.

Liebe kennt keine Konkurrenz. Deshalb ist der Kapitalismus ja so lieblos.

Wollte gerade schon schreiben „Liebe ist …“, dann fielen mir diese heteronormativen Cartoons aus meiner Jugend wieder ein, diese Sinnsprüche zu Männlein und Weiblein, die es, meine ich zu erinnern, sogar auf Radiergummis gab. Urrghs. Etwas ausradieren wollen ist eh schon Lieblosigkeit den eigenen Fehlern gegenüber. Liebe will keine Perfektion. Liebe ist dieses wohlige Gefühl von Geborgenheit und Vertrautsein, das der schlafende tollste Hunde der Welt auf meinem Sofa gerade erlebt.

Wem man die Chance auf Vertrauen nicht gewährt, lernt auch nicht lieben. Ganz einfach. Übrigens ein hochpolitischer Satz.

Habe aus diversen Gründen das Spiel gestern gar nicht gesehen; lese ich jetzt bei so vielen die Verzweiflung und das Niederquatschen des Kaders im Sinne des Funktionalen, nee, den Herzfahnen auf der Nordkurve entspricht das nicht. Aber diese wundervolle Aktion von Marius Ebbers zur Nöthe-Verteidigung, hat ja jeder mit bekommen, die entspricht dem.

VERSTÄNDNIS!

Auch so ein dem Wirtschaftssystem fremdes Wort. Da betreiben die Leute Marktforschung, um noch die hintersten Winkel der Motivitation zum Kaufen auszuspionieren – doch Bilder wie jenes, da Nöthe den Arm um Ratschkowsky legte und sie das Dom-Feuerwerk hinter der Gegengeraden verzückt betrachteten, bevor sie das Spielfeld verließen, gerade dabei, sich zu verlieben in ihren neuen Verein, sind mit solchen Instrumenten eben nicht erfassbar.

Der ganze Zauber des Lebens erschließt sich doch nicht, wenn man über fehlende Spieler auf der 6er-Position die Liebe der Union-Fans zu ihrem Verein außer acht lässt und dabei schnöde dem eigenen, amourösen Reigen die Qualifikation abspricht.

Liebe lebt von Respekt und Achtung auch der Grenzen und der Dünnhäutigkeit des Anderen. Deshalb grabbelt man auch nicht einfach drauflos. Die Erotisierung des ganzen Lebens als Utopie kennt es, in Tönen, Farben, Lächeln, dem Blick auf Haut und Glitzern in den Augen, der Art, ein Wort so auszusprechen wie niemand sonst wahre Wunder zu entdecken – aber kennt nicht „Boah, Titten!“. Das ist das Gegenteil.

Und wenn es dann mal nicht läuft, kann man sich kümmern. Um sich und das, was glücklich macht. Mein Saxophon zum Beispiel. Bekam auf einmal die tiefen Töne nicht mehr. Schwer sind die eh auf dem Tenor zu spielen. Aber es kam nur noch Kreischen. Alles zu hoch, alles grausam, das tiefe D flatterte, beim C war Gewalt vonnöten, und weiter abwärts Geräusche wie von Verkehrsunfällen.

Es schrie.

Doch ich schnallte es nicht, stellte meinen Ansatz, das ist die Lippenstellung, in Frage, verzweifelte, scholt mich, schwitzte, erklärte mich zum Versager, machte mich fertig – anstatt mich mal zu fragen, ob diesem so traumhaften neuen Partner, Goldie Horn, vielleicht irgendwas fehlt.

Zermürbt, zerschmettert, wankend, verunsichert stand ich beim Sax-Lehrer und klagte über meine Unzulänglichkeit, er beobachtete mich beim Spielen – und drückte auf eine Klappe viel weiter oben auf dem Instrument.

Auf einmal ging es. Die Gis-Klappe, die eigentlich geschlossen sein müsste, war nicht ganz dicht. Und Goldie Horn wollte mir das die ganze Zeit erzählen – hätte ich mal zugehört. Also auf zum Sax-Doc, der ihn liebevoll versorgte. Alles wieder gut.

Dann noch einfach mal eine halbe Blattstärke reduzieren – Sax spielt man mit Rohrblättern aus Holz, die erzeugen den Ton -, und auf einmal klingt das abgeschmackte „Girl from Ipanema“ so, als hätte ich einen Koma-Patienten ins Leben zurück geholt. In meinen Ohren. Und das reicht mir. Was ein Sound! Meinem und Goldies Glück steht nix mehr im Wege.

Ja, einfach mal die Latte tiefer legen, sich kümmern, und schon klappt es.

Das kriegen Team, Trainer und Manager mit uns zusammen jetzt auch wieder hin. Wenn wir nur alle gut zu uns sind.

Der Kapitalismus verlangt unmenschliche Härte gegen sich selbst. In einem gewissen Rahmen kann man das ruhig mal bleiben lassen.

Advertisements

7 Antworten zu “Über die Liebe und das Sich-Kümmern: Union Berlin – FC St. Pauli 3:2

  1. pauliane September 1, 2013 um 4:52 pm

    …danke…*tränenindenaugen* so ein wunderschöner text…

  2. ring2 September 1, 2013 um 5:22 pm

    Das ging mir ja auch so, gestern in Berlin, dass diese ganzen kleinen Erlebnisse, die letztlich die Wunden schließen, es ja auch nur gibt, weil wir verloren haben.

    😉 in diesem Sinne sehr verliebt in diese Niederlage

  3. momorulez September 1, 2013 um 5:23 pm

    Und ich hab’s noch nicht mal gesehen, das Spiel …

  4. Vu ZellA Bel~ouv September 1, 2013 um 5:35 pm

    Ich hatte gestern im Kanarz der Übertragungen nur ein Gespräch im Dünkel mit Harald Juhnke zum ‚Stand der Bewegungen‘ entarteter ’schwulen‘ Klos in Zoo und Mitte.

    Dann ein ‚Eiserner Comrad‘ meinte, die Curry-SV’36 hat sich dahin gehend geirrt, dass sich Straßenmaler mit einem Trompeter von Wenzell abfinden würde im Who looks’around on ma Gemeindegespräch und Zahl der Zech. Good boiz must gotta grow….Isolde Gau-ss….cryin loud for brwon and red: belluum~ gutes Anfangs-Taktille im werden, freue mich wirklich, das dem Bundeskanzler männlichkeits Kriterien das Bio-Berlin um die Ohren der Ur_lippe Weiße mit Schuss knallt: linden warm…Gropius damme…

    St.Paul ist keine Meinung, sondern kann Verbrechen…gruß zurück Imo-Oulster!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s