Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Realitäts- und Lustprinzip: FC St. Pauli – Dynamo Dresden 2:1

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Dass man den allseits in allerlei Netzwerken kursierenden Slogan „ScheißArschFuckMontag“ auch als „Scheißarschfickmontag“ lesen kann, woraus sich ein allseits beliebtes, schwulenfeindliches Schimpfwort ableiten ließe, droht meine Laune ja doch ein wenig zu trüben.

Ja, ist ja alles gar nicht so gemeint, aber kann man da nicht mal ein wenig Sensibilität walten lassen?

Ebenso wie das Genörgel gegen meine Überlebenshymne „Ich liebe das Leben“ mir unaufhörlich Schläge in die Magengrube verpasst. Und das, wo vor dem Spiel schon wieder so verschissener Hardrock lief. Das ist auch so, als würde das Realitätsprinzip weißer, heteronormativer Ästhetik all den unendlichen Möglichkeiten der Lust aufgeprägt:

Unter dem Einfluss der Selbsterhaltungstriebe des Ichs wird das Lustprinzip vom Realitätsprinzip abgelöst, welches, ohne die Absicht endlicher Lustgewinnung aufzugeben, doch den Aufschub der Befriedigung, den Verzicht auf mancherlei Möglichkeiten einer solchen und die zeitweilige Duldung der Unlust auf dem langen Umwege zur Lust fordert und durchsetzt

Sigmund Freud

Man schiebt auf, weil man glaubt, die Realität sei nun mal so, dass nur der vorübergehende Verzicht perspektivisch zur Befriedigung führe. Ich mag den ollen Freud und seine ScheißArschFuck-Neurosenlehre ja eh nicht, aber liest man das kritisch, könnte ja ein Plädoyer für das Hier & Jetzt und das Genießen dessen die Antwort sein.

Aber so einfach ist ja gar nicht. Also, zumindest wenn es um Fussball geht. Oder um Filme oder Romane. Da entsteht die Story ja erst aus den Widerständen, Hindernissen und antagonistischen Kräften, die der Heldin auf dem Wege zur Erfüllung im Wege stehen. Sonst würde man sich halt total langweilen. „Happy ever after“ kommt nicht zufällig erst am Ende des Märchens.

Man darf nur den Prozess der Erstellung der Handlung nicht mit ARBEIT verwechseln. Autoren, die das tun, sind eben keine Stephens Kings.

Das ist ein gewichtiger Einwand Hannah Arendts gegen Karl Marx gewesen: Etwas herstellen kann ungemein befriedigend sein. Kann, muss aber nicht. Und das ist der Unterschied zwischen den Möglichkeiten der Utopie und dem schnöden Kapitalismus: Letzterer bewirkt den Zwang zum Sich-Einreihen in systemische Ausbeutung mittels Arbeit, will man nicht mit Hartz IV und ähnlichen Flüchen belegt werden.

Ein kreativer Prozess im Sinne des Herstellens hingegen hebt die Differenz zwischen Realitäts- und Lustprinzip auf: Dann macht die Arbeit Spaß um ihrer selbst willen, und Bücher wie „Tu, was Du liebst, und Du musst nie wieder arbeiten!“ können geschrieben werden.

Da ich die Abende am Millerntor ja als eine Art solidarisch hergestellten Gesamtkunstwerks betrachte, da alle im Stadion zum Gelingen oder Misslingen desselben beitragen, sei zunächst den Dresdener Fans gedankt – die haben nämlich mächtig Alarm gemacht! Sah cool aus, das Hüpfen. Zugleich haben sie mit dieser komischen Tapete mit dem „HSV = nicht schlau“-Reim, kriege den ganzen Spruch nicht mehr zusammen, doch bestätigt, dass ihr verbales Tackling Pointen eher sucht denn findet. Nix gegen Suchbewegungen! Aber Vorurteile gegen Vereine lässt man sich ja gerne bestätugen.

Und sonst so: Hätten wir die unzähligen Chancen in der ersten Vierstelstunde genutzt oder gar den Elfmeter in der 4. Minute bekommen, was wäre das eine Öde gewesen gegen das, was sich uns so bot! Ich glaub, Willy war’s, der das nach dem Spiel so treffend bemerkte,

Das vergisst ja Freud auch in seiner „Ich freu mich auf die Rente!“-Aufschiebelogik: Dass die Befriedigung nach Phasen der Frustration erst so richtig knallt! Vor allem dann, wenn die Mannschaft das Herstellen nicht mit Arbeit verwechselt: Hey, was wart großartig unermüdlich am Fussball SPIELEN und Kunstwerk gestalten!

Erik sagte hinterher, sie hätten getanzt, und ja, das war ganz schön sexy. Auch wenn Nöthe erst spät hinzu stieß. Eros! Das lebensbejahende Prinzip! Und wo ich hier auch schon gegen Herrn Frontzeck nörgelte: Auch vor seiner Geniestreich-Einwechslung wirkte das schon so, als hätten sie intensiv Ordnung trainiert und vor allem auch Standards. Sehr schön. Da will ich mich in meiner Kritik ja gar nicht bestätigt sehen.

Trotzdem bekenne ich, keine Minute über die Mannschaft lästernd, die fortwährend hochmotiviert über den Platz wirbelte, dass ich und der aus dem Ehrenrat links neben mir nach dem 0:1 „Wie gegen Bielefeld! Schon wieder wie gegen Bielefeld!“ stöhnten.

Nur P.A. auf der anderen Seite war weitsichtiger und rief aus „Das gewinnen wir noch!“

Und so ja auch die Mannschaft und fast das ganze Stadion: Ein Aufbäumen, ein Lautwerden, ein entfesseltes „So nicht!“ als Einheit von Realitäts- und Lustprinzip – und schon zappelte der Ball im Netz des Gegners.

Allmählich peilte sogar ich wieder, was für eine Geschichte da gerade geschrieben wurde und dass sie mit Entsagung oder Vergeblichkeit nichts zu tun haben würde. Als der Elfmeter gegen uns gepfiffen wurde, raunte ich P.A. zu „Den verschießt der!“; es folgte eine Tschauner-Glanzparade, und der Plot steuerte seinem Höhepunkt zu. Und wieder prophezeite P.A., die Einwechslung Maiers begleitend, völlig richtig: „Der macht den jetzt rein!“

Ein angemessen orgiastisches Finale folgte und zauberte unendlich erfülltes Lächeln auf die Gesichter vor der Domschänke zur Zigarette danach – das Lust- hatte über das Realitätsprinzip gesiegt.

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2 Antworten zu “Realitäts- und Lustprinzip: FC St. Pauli – Dynamo Dresden 2:1

  1. Pingback: Montagsschuß ins Glück – #FCSP holt gegen Dresden daheim den Dreier | KleinerTods FC St. Pauli Blog

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