Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Die Wahrheit des Leben ist das Spiel

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Mal nicht allein unter Heten Fussball gucken hat ja auch was.

Da sitzt man vor der Beamer-Leinwand, unsere Truppe höchst agil, immer wieder Ratschkowsky, vorne Torvorlagen liefernd, hinten auf der Linie rettend – und in die Wahrnehmung drängen sich die Bilder und Erinnerungen aus dem Or, an Lipovitan-Wodka, ans Camelot und „Finally!“ von CeCe Peniston und „The best things in life are free“ – an Gefühle von Freiheit und schrägen Nächten in der Wunderbar und bei „Katharina“. „Fährt der alte Lord fort, fährt er mit dem Ford fort“ drang dort aus der Musicbox, während Vera das Jever reichte – und nun, all die Jahre später, wandelt sich der Blick auf die Spieler wie durch einen Filter wegen der Geschichten von einst.

Nicht, dass den schönsten Beinen der Liga hier unzureichend Zeilen gewidmet worden wären, doch plötzlich drängt sich der imposante Rücken im Feinripp von Kay M. Sebastian vor die Linse. Feinripp trug man ja Anfang der 90er, gerne unter Holzfällerhemden mit abgeschnittenen Ärmeln; und ich schwärmte für ihn, der in der unsäglichen Mann-O-Mann-Sendung auf SAT1 sogar siegte und den ich doch nie anzusprechen wagte.

Schießt mir alles durch den Kopf beim Spielgucken, einfach, weil der Banknachbar zur selben Zeit in den gleichen Clubs und Kneipen unterwegs war. Und sogar die gleichen Bekannten hatte.

Damals, bevor der Würgegriff der Institutionen und ihrer Macht zunehmend mein Leben in Bahnen lenkte, das nur noch dem Hinterhecheln den Vorgaben der jeweils finanziell Stärkeren folgte und mit viel Struggle hier und da doch eigene Akzente setzen konnte.

Hätte mich nicht so viel mit Michel Foucault beschäftigen sollen. Vorher bekam ich Teile der Pension meines Vaters als Waisengeld frei Haus, ein privilegiertes Luxusleben – doch je mehr Foucault und Machtanalytik in meinem Denken sich breit machte, desto mehr schlug sie zu, die Macht. Auf einmal berichteten Professoren von Intrigen und Boshaftigkeiten in Institutsratssitzungen, ich lernte, wie Großverlage erpresserisch in mittelständische Unternehmen hinein regierten, wie sich Menschen verändern, die in quasi-staatlichen Institutionen ganz strombergisch stets die nächste Finte aus dem Nachbarbüro voraus ahnen müssen und dass, je mehr sich Menschen den Kopf anderer Leute zerbrechen, desto näher am Burnout sie landen. Und dass man mit Fortpflanzern und Ernährern keine Firma gründen sollte. Die können nur instrumentelle Beziehungen führen. Dazu zwingt man sie.

Um so schöner, nun, da wieder Freiheit in meinem Leben ruft, durch die Folie der tanzenden, queeren Party-Crowd von einst den FC St. Pauli gegen VFL Bochum anzusehen.

Vielleicht ist es ja sogar gut, dass ich zumindest immer noch keine Strategie des Trainers erkennen kann. Stattdessen konnte ich mich nämlich an sehr viel Spielfreude erfreuen. Ein Team, das zusammen wirklich was reißen will.

Das Spiel: Wirklich höchst unterhaltsam, es ging munter hin und her, und trotz gelegentlicher Raufereien wirkte etwas tatsächlich Tänzerisches im Reigen leidenschaftlich spielender Leiber. Erst recht, hört man dazu das Kreischen, das Jauchzen, die Rufe der Tanzenden im Camelot einst im inneren Ohr. „Don’t you want me, don’t you want me …“ – Felix. Arme hoch, mit dem Arsch wackeln. Yeah!

Die Tore von Verhoek, hey, das erste ja noch mit einem Hauch von Kampfkunst, in die Lücke der Deckung des Gegners irgendwie stoßend, das zweite die reine Eleganz der Bewegung im als geometrisch erkannten Raum – insgesamt das Gegenteil von diesem überkalkulierten, kontrollierten Fussball einst zu Schubert-Zeiten. Gefiel mir. Männer genießen Körperlichkeit, gehen in ihr auf, geben sich hin, genießen hochemotional das Miteinander – schön.

Es ist ja ein Irrtum, dass das Lebendige im Funktionalen und Kausalen läge. Es liegt in der Zweckfreiheit. Und Ergebnisse sind allenfalls Nebeneffekte. Die Wahrheit des Lebens ist das Spiel. Und Recht, Wissenschaft, Religion und Kapitalismus sind nur Ideologien, uns dieses Wissen auszutreiben. Manchmal gelingt das nicht.

PS: Diese spontan zusammen getwitterte Runde mitsamt Quotenrocker und b-loved gefiel mir auch sehr gut! Sollten wir wiederholen!

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3 Antworten zu “Die Wahrheit des Leben ist das Spiel

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