Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Wie wäre es denn mal mit Mitgefühl?

Boah, ey. Schon die ebbersche Intervention im Fall Nöthe zeigt ja die Notwendigkeit, in dieser scheinheroischen Männerwelt rund um den Fussball einen weiteren, kleinen Ausflug in die Moralphilosophie zu unternehmen.

Ender der 80er Jahre gab eine Kontroverse zwischen einer Frau Gilligan und einem Herrn Kohlberg. Letzterer vertrat eine prinzipienorientierte, abstrakt verallgemeinerungsfähige und Konventionen hinter sich lassende Moralkonzeption im Rahmen eines Stufenmodells: Nur wenige Menschen würden das Stadium der geistigen Entwicklung erreichen, eine solche Moral auch nur zu verstehen. Im Ergebnis entspricht dieses rein formale Modell in etwa der Philosophie Kants oder auch dem daraus ableitbaren Konzept der Menschenrechte.

Frau Gilligan kritisierte aus feministischer Perspektive – nicht minder grob und unzureichend zusammen gefasst meinerseits – dass dieses Kohlbergsche Modell in der liberalen Tradition des öffentlich politisch handelnden, (weißen) Mannes gedacht sei. Alles freilich, was zur Regulierung des privaten Raumes als „weiblich“ gelte, entfiele – so zum Beispiel Fürsorge, sich um Andere kümmern. Es ist bezeichnend, das es dafür nur diesen altertümlichen, auch Entmündigung mit denkenden Begriff dafür gibt. Jedoch ebenso ein Sich-Einfühlen, Emphatie, Mitgefühl fielen dabei völlig unter den Tisch.

Das korrespondiert mit einem anderen Phänomen, das man zum Beispiel Drehbuchautoren mit an die Hand gibt: Männer reden über gesellschaftlichen Status – Geld, vorzeigbare Partnerin, Auto, Job -, Frauen über Beziehungen. Womit jetzt nicht jene „Connections“ gemeint sind, die man braucht, um eine steile Karriere hinzulegen, sondern die zum konkreten Anderen.

Das zeigt sich auch in verschiedenen Typen von Religionen – die einen sind eher an Regeln und Pflichten orientiert, die anderen an Konzepten wie Achtsamkeit, Offenheit, Mitgefühl und Überwindung des sich im Streit behauptenden Egos. Letztere sind der eher ostasiatische Typus. Schopenhauer steht in der Tradition, ausgerechnet der Frauen hassende Grantler.

Ob man Nächstenliebe als Gebot versteht, als etwas zur Selbstaufwertung oder ob der Andere zählt, das ist ein Unterschied ums Ganze.

Ich halte das für gesamtgesellschaftlich höchst relevant. Wem warum Mitgefühl zuteil wird und wem nicht, während ihm Regeln, Gesetze und Häme um die Ohren fliegen, das strukturiert geradezu Öffentlichkeiten und Instituionen. Da kann man an #aufschrei ebenso denken wie an Hartz IV, AIDS oder die Flüchtlingspolitik. Solche, die „des Rassismus verdächtigt werden“, ernten hierzulande ungeheuer viel Mitgefühl – die von Rassismus Betroffenen eher nicht.

Das sind die großen Themen – und Deutschland ist ein erschreckend prinzipienorientiertes, emphatiebefreites Land.

Das zeigt sich aber im Kleinen, verglichen damit dann doch Harmlosen.

Als ich las, dass Fabio Morena zu den Rauten wechselt, dachte ich zuerst: „Mein Gott, der Arme. Wieso hat der denn bitte kein Angebot von unserer Zweiten bekommen? Wieso wollte auch Florian Bruns da nicht spielen?“

Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand, der derart intensiv den FC St. Pauli lebte, der bei uns auflief, als wir völlig am Boden lagen, der mittags mit Kumpels und Mitspielern im O-Feuer saß und zu jenen gehörte, die mit ihrem Spiel dafür sorgten, dass da jetzt ein neues Stadion steht, dass es den nun voller Enthusiasmus ausgerechnet zur Müllverbrennungsanlage zieht. Das ist doch schrecklich, wenn man da hin muss.

Und wenn ich dann lese „Dem geht’s doch nur um’s Geld“ – ja, Entschuldigung, wem denn bitte nicht beim Broterwerb? Ich kenne nun nicht alle Tätigkeiten aller St. Paulianer, mir fallen aber auf Anhieb mindestens zwei ein, die nun wirklich Gruseligeres tun, als in der zweiten Mannschaft des Lokalrivalen zu spielen.

Kann sich bitte mal jemand vorstellen, wie verletzend das ist, wenn Fabio Morena jetzt manches im Forums-Thread liest? Es gibt ja Fälle, da kommt man nicht umhin, auch Verletzungen – psychische – in Kauf zu nehmen. Moralphilosophisch wie lebenspraktisch ist interessant, welche Fälle das sind. Das hier ist aber bestimmt nicht solch ein Fall.

Ich wünsche dem Fabio da alles Gute und hoffe, dass es ihm nicht allzu schlecht dabei geht. Und dass er in welcher Funktion auch immer möglichst bald ans Millerntor zurück kommt und bitte nur einmal beim kleinen Derby auf der anderen Seite auf dem Platz steht.

Frei nach Freddy Quinns Motto, der auf St. Pauli in der Washington-Bar seine Karriere begann: „Junge, komm bald wieder, bald wieder nach Haus.“

(Den historischen Background des Liedes lass ich mal ebenso wie sein „Wir!“ lieber außer acht.)

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s