Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Fussball und ZZ Top

Ging ja schon doof los.

ZZ Top.

Ausgerechnet.

Absolute Hass-Kapelle meinerseits. Anti-Musik für sexistische Rednecks.

Und das vorm Spiel. Im Millerntor-Stadion. Laut. Schlimm.

Und da regen sich manche über Vicky Leandros auf.

Ist ein bißchen so wie der ärgerliche Dialog beim Gucken des Münster-Spiels mit meinem Tresen-Nachbarn in der Kneipe. Schimpfworte über Christopher Nöthe. Pfeiffe ihn an. Er: „Allein schon diese Frisur!“ Ich:“Guck Dir doch mal Deine an.“ Ihr hättet sie sehen sollen. Wie von den Eltern geschnitten in der 6. Klasse. Und selbst da konnten das viele besser. „Aber die ist wenigstens normal!“ „Ja, eben!“

Ich empfahl ihm meinen Friseur und finde die von Nöthe schick. Jawollja. Steht ihm.

So ist ungefähr ist das auch mit ZZ Top und Vicky Leandros.

Wobei ich ja schon froh bin, dass Herr Gonther, dem meine „Wunderbar“, „Toom Perstall“ und „Schmidts“ und „Schmidts Tivoli“-Vergangenheit mutmaßlich so fremd ist wie meinem Tresennachbarn der gute Geschmack Christopher Nöthes, nicht auf die Flippers oder gar Michy Reincke setzte bei seinen Musikwünschen. Wie er das ja bei StPauli.FM tat. Für die feinen Unterschiede braucht man Hör- und Lebenserfahrung, da muss Herr Gonther vermutlich noch üben. Ist ja noch jung.

Dennoch lief neulich zum Schmidt-Geburtstag das unübertroffene „Sperma ist ekelhaft“ von Herrchens Frauchen mal wieder im Fernsehen, und gestern wollte ich das die ganze Zeit auf die Arminen umdichten. Mir fiel jedoch mehr als die erste Zeile nicht ein. So blieb es bei einem abebbenden Ausruf, als deren Bus noch an der Domschänke vorbei fuhr. Weil ich ihnen ja gerne zum Sieg gratuliere, aber deren Spielweise war ab ca. der 20. Minute so was von düsselig, nur schlechter. Umfallen, rum prügeln, jammern, meckern – und die sahen auch alle so gruselig und grobschlächtig aus, und keiner hatte auch nur annähernd eine so coole Frisur wie Christopher Nöthe. Der Schiri ging dem auf den Leim, zerpfiff das Spiel, so dass wir eigentlich sicher waren, dass noch mindestens fünf der Unseren mit gelb-rot vom Platz fliegen würden.

Auf einen Elfmeter lief das auch magisch zu, das sind ja so seltsame Schwingungsphänomene, dass, wenn erst mal das Gemeine, Unsportliche die Oberhand gewonnen hat, es sich verdichtet zu so was wie einem Elfmeter gegen uns.

Wobei ich diese Negativ-Choreo samt Gesängen nach der Halbzeitpause auch irgendwie stillos fand. Vor allem ständig dieser „Familienduell“- und „Bauer sucht Frau“-Humor. Hey, noch was anderes kennen gelernt als Fernsehen?

Dadurch wertet man jene doch nur auf, denen man sie widmet. Dann nehmen die sich am Ende noch wichtig. Dabei sind sie das doch gar nicht.

Meine Haupttribühnennachbarn verpassten sogar die ganz guten, ersten zwanzig Minuten, weil sie so ewig draußen anstanden. Das muss echt geändert werden, ihr Lieben im Verein. Da stehen für die ganze Haupttribüne zwei von diesen komischen Lese-Geräten, und die Leute wollen doch das Spiel sehen. Das Mosaik an der Kita kann man ja auch sonst bewundern.

Auf dem Platz bestätigten sich ja ansonsten meine Befürchtungen: Dieser Eindruck, dass Michael Frontzeck der Richtige war, um ein durch André Schubert chronisch verwirrtes und verunsichertes Team mal wieder an die Basics beim Fussball zu erinnern. Aber dass er ansonsten eher der für die grobe Grillwurst, das Fertiggericht und irgendwie ein 80%-Trainer ist, der das Nötigste tut, aber die Kür nicht anstrebt so wie die Feinkost vergisst. Ich flehe das Universum an, dass ich mich doch bitte irren möge, bitte!, aber wir haben da schon einen Super-Kader auf dem Platz, so schmerzlich ich ja den Bruns vermisse – sie waren bis in die Haarspitzen motiviert, haben gekämpft, alles gegeben, und doch wirkten sie irgendwie rat- und planlos. Es waren immer die gleichen Mittel, die sie probierten: Die Außenbahn entlang rennen und irgendwie in die Mitte flanken oder passen, zunächst, um Verhoek zu bedienen, oder erfolglos durch die Mitte wurschteln. Dagegen verteidigt es sich nun recht leicht, wenn man das geschnallt hat.

Die taktische Einstellung wirkte auf mich voll ZZ Top: So’n Bart, aber ansonsten immer geradeaus. Kein Groove, kein Spirit, aber Headbangen, um irgendwas Energetisches zu suggerieren.

Ich hoffe ja nun, da ich den Herrn Frontzeck eigentlich sehr sympathisch finde, dass ich schlicht falsch liege. Und freue mich darauf, flammende Pamphlete zu verfassen, um mich zu entschuldigen.

Aber dieser Eindruck, dass die Jungs angesichts seiner Vorgaben schlicht unterfordert sind und einfach viel mehr drin wäre und sie viel mehr könnten, der hätte sich bei mir auch eingestellt, wenn der Schiri nicht so pfeifffreudig gewesen wäre (nur in der 23. Minuten nicht, wie sogar der Kicker bemerkte, da hätten wir einen Elfer kriegen müssen) und Herr Ortega einen der Schüsse durchgelassen hätte oder die Latte nicht ihre ungeheure Anziehungskraft bewiesen hätte.

Ich habe zwar weder Fussball gespielt noch trainiert, aber genug Teams geleitet und in Teams gearbeitet, um zu wissen, was bei Unterforderung entsteht – ein ganz und gar gruseliges Lebensgefühl, das im schlimmsten Fall zur Tölpelhaftigkeit wird, weil die Konzentration nach lässt. Man macht dann Fehler. Ist so.

Mögen die Weiseren als ich Recht behalten, dass das einfach noch nicht eingespielt ist und ich eh keine Ahnung habe und außerdem Pech, der Schiri und ein gebrauchter Tag sowie die unerträglichen Ausdünstungen des Arminen-Ekels schuld waren.

Womit ich die vermutlich auch aufwerte. Aber ist das Leben nicht immer eh schon widersprüchlich?

 

 

Advertisements

7 Antworten zu “Fussball und ZZ Top

  1. Pingback: Der Satz mit X – #FCSP empfängt Bielefeld | KleinerTods FC St. Pauli Blog

  2. ring2 August 12, 2013 um 4:52 pm

    Ach Mensch ja, ZZ Top, das ist mir auch sofort aufgefallen, nur nicht mehr ein, als wir uns nachher sprachen. Die ganze Kritik, so sinnig vorgetragen, wie Deine hier, wird ja gerade durch die Sensationssucht des Boulevard übertüncht, wie mit schlechter Mayonnaise. St. Pauli trifft nicht mehr, und das schon nach 3 Spielen – ich bin auch nach einer Nacht schlafen nicht bereit, die Jungs aufzugeben, oder den Frontzeck. Das wird schon. vielleicht schon in Bochum, denn da steht der andere mit seiner verbrauchten Magie und muss sie entfachen. Was ja so schwer ist, das Glück zu zwingen, denn das will es eben nicht, gezwungen werden. 😉

  3. momorulez August 12, 2013 um 5:03 pm

    .. und um das „verflixte Wie“ kümmert sich eh das Universum 🙂 …

    Wenn man bei Frontzeck merkt, dass der ’ne Schippe drauflegt – was man dann in den Spielen sieht – oder ich wirklich nicht begreife, dass man ’ne neu zusammen gestellte Mannschaft schrittweise aufbaut und die Kür dann halt später kommt, okay. Die Mannschaft finde ich eh prima zusammen gestellt, aber das ist ja das, was mich im Moment frustriert: Dass man den Eindruck bekommt, dass das Potenzial unzulänglich genutzt wird. Ich sehe den Trainer aber schon auch kritisch.

    Was der Boulevard dann draus macht, so what.

  4. kleinertod August 12, 2013 um 8:49 pm

    Dieser Satz ist einfach wunderbar: „Die taktische Einstellung wirkte auf mich voll ZZ Top: So’n Bart, aber ansonsten immer geradeaus. Kein Groove, kein Spirit, aber Headbangen, um irgendwas Energetisches suggerieren.“ ^^

  5. momorulez August 12, 2013 um 8:50 pm

    Es fehlte nur das „zu“ 🙂 – Dankeschön!

  6. kleinertod August 12, 2013 um 8:57 pm

    Das „zu“ fehlte – und es waren zwei Sätze… Paßt trotzdem. 😉

  7. momorulez August 12, 2013 um 9:01 pm

    Habe das „zu“ jetzt auch nachträglich rein gemogelt 🙂 … und wärest Du bei Facebook, würdest Du gerade die großartige „Marius Ebbers fordert Genugtuung für Christopher Nöthe und lädt Meckerer zum Torschuss unter ähnlichen Bedingungen“-Aktion verfolgen können. Toll! Ich liebe diesen Verein und die, die ihn leben 😀 …

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s