Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Monatsarchive: August 2013

Realitäts- und Lustprinzip: FC St. Pauli – Dynamo Dresden 2:1

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Dass man den allseits in allerlei Netzwerken kursierenden Slogan „ScheißArschFuckMontag“ auch als „Scheißarschfickmontag“ lesen kann, woraus sich ein allseits beliebtes, schwulenfeindliches Schimpfwort ableiten ließe, droht meine Laune ja doch ein wenig zu trüben.

Ja, ist ja alles gar nicht so gemeint, aber kann man da nicht mal ein wenig Sensibilität walten lassen?

Ebenso wie das Genörgel gegen meine Überlebenshymne „Ich liebe das Leben“ mir unaufhörlich Schläge in die Magengrube verpasst. Und das, wo vor dem Spiel schon wieder so verschissener Hardrock lief. Das ist auch so, als würde das Realitätsprinzip weißer, heteronormativer Ästhetik all den unendlichen Möglichkeiten der Lust aufgeprägt:

Unter dem Einfluss der Selbsterhaltungstriebe des Ichs wird das Lustprinzip vom Realitätsprinzip abgelöst, welches, ohne die Absicht endlicher Lustgewinnung aufzugeben, doch den Aufschub der Befriedigung, den Verzicht auf mancherlei Möglichkeiten einer solchen und die zeitweilige Duldung der Unlust auf dem langen Umwege zur Lust fordert und durchsetzt

Sigmund Freud

Man schiebt auf, weil man glaubt, die Realität sei nun mal so, dass nur der vorübergehende Verzicht perspektivisch zur Befriedigung führe. Ich mag den ollen Freud und seine ScheißArschFuck-Neurosenlehre ja eh nicht, aber liest man das kritisch, könnte ja ein Plädoyer für das Hier & Jetzt und das Genießen dessen die Antwort sein.

Aber so einfach ist ja gar nicht. Also, zumindest wenn es um Fussball geht. Oder um Filme oder Romane. Da entsteht die Story ja erst aus den Widerständen, Hindernissen und antagonistischen Kräften, die der Heldin auf dem Wege zur Erfüllung im Wege stehen. Sonst würde man sich halt total langweilen. „Happy ever after“ kommt nicht zufällig erst am Ende des Märchens.

Man darf nur den Prozess der Erstellung der Handlung nicht mit ARBEIT verwechseln. Autoren, die das tun, sind eben keine Stephens Kings.

Das ist ein gewichtiger Einwand Hannah Arendts gegen Karl Marx gewesen: Etwas herstellen kann ungemein befriedigend sein. Kann, muss aber nicht. Und das ist der Unterschied zwischen den Möglichkeiten der Utopie und dem schnöden Kapitalismus: Letzterer bewirkt den Zwang zum Sich-Einreihen in systemische Ausbeutung mittels Arbeit, will man nicht mit Hartz IV und ähnlichen Flüchen belegt werden.

Ein kreativer Prozess im Sinne des Herstellens hingegen hebt die Differenz zwischen Realitäts- und Lustprinzip auf: Dann macht die Arbeit Spaß um ihrer selbst willen, und Bücher wie „Tu, was Du liebst, und Du musst nie wieder arbeiten!“ können geschrieben werden.

Da ich die Abende am Millerntor ja als eine Art solidarisch hergestellten Gesamtkunstwerks betrachte, da alle im Stadion zum Gelingen oder Misslingen desselben beitragen, sei zunächst den Dresdener Fans gedankt – die haben nämlich mächtig Alarm gemacht! Sah cool aus, das Hüpfen. Zugleich haben sie mit dieser komischen Tapete mit dem „HSV = nicht schlau“-Reim, kriege den ganzen Spruch nicht mehr zusammen, doch bestätigt, dass ihr verbales Tackling Pointen eher sucht denn findet. Nix gegen Suchbewegungen! Aber Vorurteile gegen Vereine lässt man sich ja gerne bestätugen.

Und sonst so: Hätten wir die unzähligen Chancen in der ersten Vierstelstunde genutzt oder gar den Elfmeter in der 4. Minute bekommen, was wäre das eine Öde gewesen gegen das, was sich uns so bot! Ich glaub, Willy war’s, der das nach dem Spiel so treffend bemerkte,

Das vergisst ja Freud auch in seiner „Ich freu mich auf die Rente!“-Aufschiebelogik: Dass die Befriedigung nach Phasen der Frustration erst so richtig knallt! Vor allem dann, wenn die Mannschaft das Herstellen nicht mit Arbeit verwechselt: Hey, was wart großartig unermüdlich am Fussball SPIELEN und Kunstwerk gestalten!

Erik sagte hinterher, sie hätten getanzt, und ja, das war ganz schön sexy. Auch wenn Nöthe erst spät hinzu stieß. Eros! Das lebensbejahende Prinzip! Und wo ich hier auch schon gegen Herrn Frontzeck nörgelte: Auch vor seiner Geniestreich-Einwechslung wirkte das schon so, als hätten sie intensiv Ordnung trainiert und vor allem auch Standards. Sehr schön. Da will ich mich in meiner Kritik ja gar nicht bestätigt sehen.

Trotzdem bekenne ich, keine Minute über die Mannschaft lästernd, die fortwährend hochmotiviert über den Platz wirbelte, dass ich und der aus dem Ehrenrat links neben mir nach dem 0:1 „Wie gegen Bielefeld! Schon wieder wie gegen Bielefeld!“ stöhnten.

Nur P.A. auf der anderen Seite war weitsichtiger und rief aus „Das gewinnen wir noch!“

Und so ja auch die Mannschaft und fast das ganze Stadion: Ein Aufbäumen, ein Lautwerden, ein entfesseltes „So nicht!“ als Einheit von Realitäts- und Lustprinzip – und schon zappelte der Ball im Netz des Gegners.

Allmählich peilte sogar ich wieder, was für eine Geschichte da gerade geschrieben wurde und dass sie mit Entsagung oder Vergeblichkeit nichts zu tun haben würde. Als der Elfmeter gegen uns gepfiffen wurde, raunte ich P.A. zu „Den verschießt der!“; es folgte eine Tschauner-Glanzparade, und der Plot steuerte seinem Höhepunkt zu. Und wieder prophezeite P.A., die Einwechslung Maiers begleitend, völlig richtig: „Der macht den jetzt rein!“

Ein angemessen orgiastisches Finale folgte und zauberte unendlich erfülltes Lächeln auf die Gesichter vor der Domschänke zur Zigarette danach – das Lust- hatte über das Realitätsprinzip gesiegt.

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Das mit der „2 Watt Energiesparlampe im Hirn“ … (Achtung, Triggerwarnung, u.a. Referat über kolonialrassistische Perspektiven)

Schon bei Begriffen wie „hirnamputiert“ zucke ich regelmäßig zusammen. Nicht nur, weil einst u.a. Schwule tatsächlich lobotomiert wurden, was einer Hirnamputation gleich kommt – auch, weil ich früher viel für Menschen mit Hirn“schäden“ gearbeitet habe und diese Individuen sehr mochte und schätzte. Wie üblich fehlt da ein Vokabular, ohne „Othering“ Erfahrungsdimensionen und Subjektiven wenigstens erahnend artikulieren zu können. Mir zumindest.

Um so falscher finde ich, dass viele aufrichtig Antirassismus praktizieren Wollende immer wieder die Behauptung aufstellen, Rassismus habe mit mangelnder Intelligenz zu tun. Was immer Intelligenz auch sein mag. Das ist einfach falsch und würdigt zudem u.U. aus Bildungsbürgerperspektive Deklassierte gleich mit herab. Und ist ggf. ableistisch.

Man muss nur mal die mannigfaltige antisemitische und kolonialrassistische, „völkerkundliche“ Literatur studiert haben oder auch die Texte humanistisch orientierter Sklavenhalter auf karibischen Inseln – dumm oder ungebildet waren die so gar nicht. Es waren komplexe Wissensformationen bis hin zu Lesarten der Evolutionstheorie, die das Unheil bewirkten. Was da so alles gedacht, geschrieben und angewandt wurde, das kann ich als Weißer hier trotz Triggerwarnung gar nicht wiedergeben, ohne selbst rassistische Akte zu vollziehen. Das ist so abgrundtief brutal, demütigend, verletzend und mörderisch, was da im Namen „weißer Intelligenz“ an Denken und Handeln verbrecherisch wurde.

„White Supremacy“, weißer Überlegenheitsdünkel, lebt nun gerade davon, Andere zu infantilisieren (man lese Frantz Fanon, wie er beschreibt, wie man mit ihm sprach), ihnen die Befähigung abzusprechen, Kunst, Kultur, Medizin, Politik usw. eigenständig praktizieren zu können oder selbst dazu in der Lage zu sein, Brunnen zu bohren – wenn sie denn die wirtschaftlichen Möglichkeiten hätten, könnten sie ja, aber es wird alles dafür getan, das zu verhindern.

Das ist für die europäische Wirtschafts- und Wissenschaftsgeschichte geradezu konstitutiv, dieses sich Überlegenheit und die Fähigkeit zu selbstverständlich intelligenten „kulturschaffenden Tätigkeiten“ gegenüber „Naturvölkern“ zuzusprechen (und ebenso Frauen mit Natur zu identifizieren, die „nur“ emotional, instinktiv und notfalls „hysterisch“ reagierten; dem sei dann kühler, überlegener, männlicher Verstand entgegen zu setzen).

Das soll nun nicht heißen, dass es es ein strukturell rassistisches Verhalten gegenüber Rassisten wäre, diesen einen höheren IQ abzusprechen. Doch so sehr ich mich über die höchst wirkungsvolle Intervention eines sehr, sehr geschätzten, ehemaligen Spielers des FC St. Pauli gefreut habe, wirklich: Dieser Aspekt trifft den Kern nicht.

Sarrazin hat enormen, statistischen Aufwand betrieben, sein schiefes Supremacy-Weltbild zu produzieren.

Ich weiß selbst nicht, welche Wege, Praktiken und Sichtweisen aus einer strukturell rassistischen Gesellschaft hinaus weisen. Überlegenheitsdünkel ist es jedenfalls nicht.

Eher, sich die eigenen Prägungen klar zu machen, all die Stereotype, Reflexe, Narzißmen, Ego-Schübe gegenüber Nicht-Weißen – und von ihnen abzulassen, um so etwas wie Offenheit zu erreichen. Damit hinter dem falschen Allgemeinen die Möglichkeit zumindest angepeilt wird, das Individuelle und Besondere bei jenen wahrzunehmen, die ihr Leben lang mit Klischees, Zerrbildern und Herabwürdigungen konfrontiert werden – und dabei auch zu respektieren, dass das was mit ihnen ggf. gemacht hat und macht, die der Diskrimierung unterliegen.

Glaube ich. Hoffe ich. Und lasse mich gerne korrigieren.

Wenn das so ist, ist das keine Intelligenz-, sondern eine Emphatieleistung. Und daran fehlt es meines Erachtens.

Die Wahrheit des Leben ist das Spiel

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Mal nicht allein unter Heten Fussball gucken hat ja auch was.

Da sitzt man vor der Beamer-Leinwand, unsere Truppe höchst agil, immer wieder Ratschkowsky, vorne Torvorlagen liefernd, hinten auf der Linie rettend – und in die Wahrnehmung drängen sich die Bilder und Erinnerungen aus dem Or, an Lipovitan-Wodka, ans Camelot und „Finally!“ von CeCe Peniston und „The best things in life are free“ – an Gefühle von Freiheit und schrägen Nächten in der Wunderbar und bei „Katharina“. „Fährt der alte Lord fort, fährt er mit dem Ford fort“ drang dort aus der Musicbox, während Vera das Jever reichte – und nun, all die Jahre später, wandelt sich der Blick auf die Spieler wie durch einen Filter wegen der Geschichten von einst.

Nicht, dass den schönsten Beinen der Liga hier unzureichend Zeilen gewidmet worden wären, doch plötzlich drängt sich der imposante Rücken im Feinripp von Kay M. Sebastian vor die Linse. Feinripp trug man ja Anfang der 90er, gerne unter Holzfällerhemden mit abgeschnittenen Ärmeln; und ich schwärmte für ihn, der in der unsäglichen Mann-O-Mann-Sendung auf SAT1 sogar siegte und den ich doch nie anzusprechen wagte.

Schießt mir alles durch den Kopf beim Spielgucken, einfach, weil der Banknachbar zur selben Zeit in den gleichen Clubs und Kneipen unterwegs war. Und sogar die gleichen Bekannten hatte.

Damals, bevor der Würgegriff der Institutionen und ihrer Macht zunehmend mein Leben in Bahnen lenkte, das nur noch dem Hinterhecheln den Vorgaben der jeweils finanziell Stärkeren folgte und mit viel Struggle hier und da doch eigene Akzente setzen konnte.

Hätte mich nicht so viel mit Michel Foucault beschäftigen sollen. Vorher bekam ich Teile der Pension meines Vaters als Waisengeld frei Haus, ein privilegiertes Luxusleben – doch je mehr Foucault und Machtanalytik in meinem Denken sich breit machte, desto mehr schlug sie zu, die Macht. Auf einmal berichteten Professoren von Intrigen und Boshaftigkeiten in Institutsratssitzungen, ich lernte, wie Großverlage erpresserisch in mittelständische Unternehmen hinein regierten, wie sich Menschen verändern, die in quasi-staatlichen Institutionen ganz strombergisch stets die nächste Finte aus dem Nachbarbüro voraus ahnen müssen und dass, je mehr sich Menschen den Kopf anderer Leute zerbrechen, desto näher am Burnout sie landen. Und dass man mit Fortpflanzern und Ernährern keine Firma gründen sollte. Die können nur instrumentelle Beziehungen führen. Dazu zwingt man sie.

Um so schöner, nun, da wieder Freiheit in meinem Leben ruft, durch die Folie der tanzenden, queeren Party-Crowd von einst den FC St. Pauli gegen VFL Bochum anzusehen.

Vielleicht ist es ja sogar gut, dass ich zumindest immer noch keine Strategie des Trainers erkennen kann. Stattdessen konnte ich mich nämlich an sehr viel Spielfreude erfreuen. Ein Team, das zusammen wirklich was reißen will.

Das Spiel: Wirklich höchst unterhaltsam, es ging munter hin und her, und trotz gelegentlicher Raufereien wirkte etwas tatsächlich Tänzerisches im Reigen leidenschaftlich spielender Leiber. Erst recht, hört man dazu das Kreischen, das Jauchzen, die Rufe der Tanzenden im Camelot einst im inneren Ohr. „Don’t you want me, don’t you want me …“ – Felix. Arme hoch, mit dem Arsch wackeln. Yeah!

Die Tore von Verhoek, hey, das erste ja noch mit einem Hauch von Kampfkunst, in die Lücke der Deckung des Gegners irgendwie stoßend, das zweite die reine Eleganz der Bewegung im als geometrisch erkannten Raum – insgesamt das Gegenteil von diesem überkalkulierten, kontrollierten Fussball einst zu Schubert-Zeiten. Gefiel mir. Männer genießen Körperlichkeit, gehen in ihr auf, geben sich hin, genießen hochemotional das Miteinander – schön.

Es ist ja ein Irrtum, dass das Lebendige im Funktionalen und Kausalen läge. Es liegt in der Zweckfreiheit. Und Ergebnisse sind allenfalls Nebeneffekte. Die Wahrheit des Lebens ist das Spiel. Und Recht, Wissenschaft, Religion und Kapitalismus sind nur Ideologien, uns dieses Wissen auszutreiben. Manchmal gelingt das nicht.

PS: Diese spontan zusammen getwitterte Runde mitsamt Quotenrocker und b-loved gefiel mir auch sehr gut! Sollten wir wiederholen!

Wie wäre es denn mal mit Mitgefühl?

Boah, ey. Schon die ebbersche Intervention im Fall Nöthe zeigt ja die Notwendigkeit, in dieser scheinheroischen Männerwelt rund um den Fussball einen weiteren, kleinen Ausflug in die Moralphilosophie zu unternehmen.

Ender der 80er Jahre gab eine Kontroverse zwischen einer Frau Gilligan und einem Herrn Kohlberg. Letzterer vertrat eine prinzipienorientierte, abstrakt verallgemeinerungsfähige und Konventionen hinter sich lassende Moralkonzeption im Rahmen eines Stufenmodells: Nur wenige Menschen würden das Stadium der geistigen Entwicklung erreichen, eine solche Moral auch nur zu verstehen. Im Ergebnis entspricht dieses rein formale Modell in etwa der Philosophie Kants oder auch dem daraus ableitbaren Konzept der Menschenrechte.

Frau Gilligan kritisierte aus feministischer Perspektive – nicht minder grob und unzureichend zusammen gefasst meinerseits – dass dieses Kohlbergsche Modell in der liberalen Tradition des öffentlich politisch handelnden, (weißen) Mannes gedacht sei. Alles freilich, was zur Regulierung des privaten Raumes als „weiblich“ gelte, entfiele – so zum Beispiel Fürsorge, sich um Andere kümmern. Es ist bezeichnend, das es dafür nur diesen altertümlichen, auch Entmündigung mit denkenden Begriff dafür gibt. Jedoch ebenso ein Sich-Einfühlen, Emphatie, Mitgefühl fielen dabei völlig unter den Tisch.

Das korrespondiert mit einem anderen Phänomen, das man zum Beispiel Drehbuchautoren mit an die Hand gibt: Männer reden über gesellschaftlichen Status – Geld, vorzeigbare Partnerin, Auto, Job -, Frauen über Beziehungen. Womit jetzt nicht jene „Connections“ gemeint sind, die man braucht, um eine steile Karriere hinzulegen, sondern die zum konkreten Anderen.

Das zeigt sich auch in verschiedenen Typen von Religionen – die einen sind eher an Regeln und Pflichten orientiert, die anderen an Konzepten wie Achtsamkeit, Offenheit, Mitgefühl und Überwindung des sich im Streit behauptenden Egos. Letztere sind der eher ostasiatische Typus. Schopenhauer steht in der Tradition, ausgerechnet der Frauen hassende Grantler.

Ob man Nächstenliebe als Gebot versteht, als etwas zur Selbstaufwertung oder ob der Andere zählt, das ist ein Unterschied ums Ganze.

Ich halte das für gesamtgesellschaftlich höchst relevant. Wem warum Mitgefühl zuteil wird und wem nicht, während ihm Regeln, Gesetze und Häme um die Ohren fliegen, das strukturiert geradezu Öffentlichkeiten und Instituionen. Da kann man an #aufschrei ebenso denken wie an Hartz IV, AIDS oder die Flüchtlingspolitik. Solche, die „des Rassismus verdächtigt werden“, ernten hierzulande ungeheuer viel Mitgefühl – die von Rassismus Betroffenen eher nicht.

Das sind die großen Themen – und Deutschland ist ein erschreckend prinzipienorientiertes, emphatiebefreites Land.

Das zeigt sich aber im Kleinen, verglichen damit dann doch Harmlosen.

Als ich las, dass Fabio Morena zu den Rauten wechselt, dachte ich zuerst: „Mein Gott, der Arme. Wieso hat der denn bitte kein Angebot von unserer Zweiten bekommen? Wieso wollte auch Florian Bruns da nicht spielen?“

Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand, der derart intensiv den FC St. Pauli lebte, der bei uns auflief, als wir völlig am Boden lagen, der mittags mit Kumpels und Mitspielern im O-Feuer saß und zu jenen gehörte, die mit ihrem Spiel dafür sorgten, dass da jetzt ein neues Stadion steht, dass es den nun voller Enthusiasmus ausgerechnet zur Müllverbrennungsanlage zieht. Das ist doch schrecklich, wenn man da hin muss.

Und wenn ich dann lese „Dem geht’s doch nur um’s Geld“ – ja, Entschuldigung, wem denn bitte nicht beim Broterwerb? Ich kenne nun nicht alle Tätigkeiten aller St. Paulianer, mir fallen aber auf Anhieb mindestens zwei ein, die nun wirklich Gruseligeres tun, als in der zweiten Mannschaft des Lokalrivalen zu spielen.

Kann sich bitte mal jemand vorstellen, wie verletzend das ist, wenn Fabio Morena jetzt manches im Forums-Thread liest? Es gibt ja Fälle, da kommt man nicht umhin, auch Verletzungen – psychische – in Kauf zu nehmen. Moralphilosophisch wie lebenspraktisch ist interessant, welche Fälle das sind. Das hier ist aber bestimmt nicht solch ein Fall.

Ich wünsche dem Fabio da alles Gute und hoffe, dass es ihm nicht allzu schlecht dabei geht. Und dass er in welcher Funktion auch immer möglichst bald ans Millerntor zurück kommt und bitte nur einmal beim kleinen Derby auf der anderen Seite auf dem Platz steht.

Frei nach Freddy Quinns Motto, der auf St. Pauli in der Washington-Bar seine Karriere begann: „Junge, komm bald wieder, bald wieder nach Haus.“

(Den historischen Background des Liedes lass ich mal ebenso wie sein „Wir!“ lieber außer acht.)

Fussball und ZZ Top

Ging ja schon doof los.

ZZ Top.

Ausgerechnet.

Absolute Hass-Kapelle meinerseits. Anti-Musik für sexistische Rednecks.

Und das vorm Spiel. Im Millerntor-Stadion. Laut. Schlimm.

Und da regen sich manche über Vicky Leandros auf.

Ist ein bißchen so wie der ärgerliche Dialog beim Gucken des Münster-Spiels mit meinem Tresen-Nachbarn in der Kneipe. Schimpfworte über Christopher Nöthe. Pfeiffe ihn an. Er: „Allein schon diese Frisur!“ Ich:“Guck Dir doch mal Deine an.“ Ihr hättet sie sehen sollen. Wie von den Eltern geschnitten in der 6. Klasse. Und selbst da konnten das viele besser. „Aber die ist wenigstens normal!“ „Ja, eben!“

Ich empfahl ihm meinen Friseur und finde die von Nöthe schick. Jawollja. Steht ihm.

So ist ungefähr ist das auch mit ZZ Top und Vicky Leandros.

Wobei ich ja schon froh bin, dass Herr Gonther, dem meine „Wunderbar“, „Toom Perstall“ und „Schmidts“ und „Schmidts Tivoli“-Vergangenheit mutmaßlich so fremd ist wie meinem Tresennachbarn der gute Geschmack Christopher Nöthes, nicht auf die Flippers oder gar Michy Reincke setzte bei seinen Musikwünschen. Wie er das ja bei StPauli.FM tat. Für die feinen Unterschiede braucht man Hör- und Lebenserfahrung, da muss Herr Gonther vermutlich noch üben. Ist ja noch jung.

Dennoch lief neulich zum Schmidt-Geburtstag das unübertroffene „Sperma ist ekelhaft“ von Herrchens Frauchen mal wieder im Fernsehen, und gestern wollte ich das die ganze Zeit auf die Arminen umdichten. Mir fiel jedoch mehr als die erste Zeile nicht ein. So blieb es bei einem abebbenden Ausruf, als deren Bus noch an der Domschänke vorbei fuhr. Weil ich ihnen ja gerne zum Sieg gratuliere, aber deren Spielweise war ab ca. der 20. Minute so was von düsselig, nur schlechter. Umfallen, rum prügeln, jammern, meckern – und die sahen auch alle so gruselig und grobschlächtig aus, und keiner hatte auch nur annähernd eine so coole Frisur wie Christopher Nöthe. Der Schiri ging dem auf den Leim, zerpfiff das Spiel, so dass wir eigentlich sicher waren, dass noch mindestens fünf der Unseren mit gelb-rot vom Platz fliegen würden.

Auf einen Elfmeter lief das auch magisch zu, das sind ja so seltsame Schwingungsphänomene, dass, wenn erst mal das Gemeine, Unsportliche die Oberhand gewonnen hat, es sich verdichtet zu so was wie einem Elfmeter gegen uns.

Wobei ich diese Negativ-Choreo samt Gesängen nach der Halbzeitpause auch irgendwie stillos fand. Vor allem ständig dieser „Familienduell“- und „Bauer sucht Frau“-Humor. Hey, noch was anderes kennen gelernt als Fernsehen?

Dadurch wertet man jene doch nur auf, denen man sie widmet. Dann nehmen die sich am Ende noch wichtig. Dabei sind sie das doch gar nicht.

Meine Haupttribühnennachbarn verpassten sogar die ganz guten, ersten zwanzig Minuten, weil sie so ewig draußen anstanden. Das muss echt geändert werden, ihr Lieben im Verein. Da stehen für die ganze Haupttribüne zwei von diesen komischen Lese-Geräten, und die Leute wollen doch das Spiel sehen. Das Mosaik an der Kita kann man ja auch sonst bewundern.

Auf dem Platz bestätigten sich ja ansonsten meine Befürchtungen: Dieser Eindruck, dass Michael Frontzeck der Richtige war, um ein durch André Schubert chronisch verwirrtes und verunsichertes Team mal wieder an die Basics beim Fussball zu erinnern. Aber dass er ansonsten eher der für die grobe Grillwurst, das Fertiggericht und irgendwie ein 80%-Trainer ist, der das Nötigste tut, aber die Kür nicht anstrebt so wie die Feinkost vergisst. Ich flehe das Universum an, dass ich mich doch bitte irren möge, bitte!, aber wir haben da schon einen Super-Kader auf dem Platz, so schmerzlich ich ja den Bruns vermisse – sie waren bis in die Haarspitzen motiviert, haben gekämpft, alles gegeben, und doch wirkten sie irgendwie rat- und planlos. Es waren immer die gleichen Mittel, die sie probierten: Die Außenbahn entlang rennen und irgendwie in die Mitte flanken oder passen, zunächst, um Verhoek zu bedienen, oder erfolglos durch die Mitte wurschteln. Dagegen verteidigt es sich nun recht leicht, wenn man das geschnallt hat.

Die taktische Einstellung wirkte auf mich voll ZZ Top: So’n Bart, aber ansonsten immer geradeaus. Kein Groove, kein Spirit, aber Headbangen, um irgendwas Energetisches zu suggerieren.

Ich hoffe ja nun, da ich den Herrn Frontzeck eigentlich sehr sympathisch finde, dass ich schlicht falsch liege. Und freue mich darauf, flammende Pamphlete zu verfassen, um mich zu entschuldigen.

Aber dieser Eindruck, dass die Jungs angesichts seiner Vorgaben schlicht unterfordert sind und einfach viel mehr drin wäre und sie viel mehr könnten, der hätte sich bei mir auch eingestellt, wenn der Schiri nicht so pfeifffreudig gewesen wäre (nur in der 23. Minuten nicht, wie sogar der Kicker bemerkte, da hätten wir einen Elfer kriegen müssen) und Herr Ortega einen der Schüsse durchgelassen hätte oder die Latte nicht ihre ungeheure Anziehungskraft bewiesen hätte.

Ich habe zwar weder Fussball gespielt noch trainiert, aber genug Teams geleitet und in Teams gearbeitet, um zu wissen, was bei Unterforderung entsteht – ein ganz und gar gruseliges Lebensgefühl, das im schlimmsten Fall zur Tölpelhaftigkeit wird, weil die Konzentration nach lässt. Man macht dann Fehler. Ist so.

Mögen die Weiseren als ich Recht behalten, dass das einfach noch nicht eingespielt ist und ich eh keine Ahnung habe und außerdem Pech, der Schiri und ein gebrauchter Tag sowie die unerträglichen Ausdünstungen des Arminen-Ekels schuld waren.

Womit ich die vermutlich auch aufwerte. Aber ist das Leben nicht immer eh schon widersprüchlich?

 

 

Die wahren Feinde der Rechtsstaatlichkeit

Mir machen die ja Angst. Die Ultrahasser, die Mopo voll kotzenden, selbstgerechten Prediger der „Toleranz“.

Nicht die, die Angst vor Unterwanderung durch vermeintliche Sicherheitsorgane haben, machen mir Angst. Die ist begründet, und wo es Rechtsanwälte und Verteidiger gibt, gibt es auch das Recht, sich vor den Übergriffen des Staates zu schützen.

DAS meint Rechtsstaatlichkeit: Das Recht, sich vor Gericht zu verteidigen. Vor einer UNABHÄNGIGEN Justiz.

Die Anderen. Die, die die Idee der Rechtsstaatlichkeit gegen diesen selbst richten, machen mir Angst.

Der Skandal all der Diskussionen rund um „Sicherheit“ ist ja, dass auf der Ebene von Verordnungen und Polizei- und Sondergesetzen die grundlegende Intuition der Grundrechtsparagraphen unterlaufen wird.

Die tatsächliche historische Erfahrung des Faschismus in Deutschland war nicht die der sich ja tatsächlich prügelnden und mordenden Politbanden – sondern dass jene aus der NSDAP schon VOR der so genannten „Machtergreifung“ in einem Pakt mit Monarchisten, Deutschnationalen und Bürgerlichen den STAAT unterwandert hatten.

Deshalb klappte es ja so reibungslos, nach dem Reichtagsbrand mit atemberaubender Geschwindigkeit jegliche Gegenwehr zu zerschlagen, Kommunisten zu verbieten und ins Exil und in den Untergrund und in die frühen KZs zu befördern, die noch keine Massenvernichtungslager wie die späteren waren. Sozialdemokraten wurden auch verfolgt, die Gewerkschaften zerschlagen.

Lager gab es von der SA betrieben schon vor ’33 (!!!), und der Prozess der Übernahme des Staatsapparates wurde akut um 1931 herum. Natürlich auch, weil die parlamentarische Demokratie als „Quasselbude“ verunglimpft wurde und das Wirtschaftssystem schlicht nicht mehr in der Lage war, dafür zu sorgen, dass alle was zu fressen hatten. Aber auch in den bürokratischen Apparaten, im Militär gab es kaum nennenswerte Gegenwehr, und weil DORT die Verächter Weimars saßen, kippte es um.

Auch, weil das Versprechen „Ruhe und Ordnung“ Wirkung zeigte. Weil das
Auskommen Volksdeutscher gegenüber angeblich „schmarotzenden“ Juden zu sichern sei, das „asoziale Gesindel“ in Arbeitsdienste gepfercht wurde.

„Faschismus“ ist auch ein Mentalitätsproblem – aber immer das der Mentalität von MEHRHEITEN, dominanten Gruppen, die Minderheiten unterjochen mit Hilfe eines administrativen und gewalthaltigen, staatlichen Apparates. Mal als Klerikalfaschismus wie in Spanien, ästhetizistisch und modernistisch aufgeladen wie in Italien, imperial, rassistisch und mit mythischem Pomp dekoriert wie in Deutschland. Der Staat IST historisch Organ des Faschismus gewesen. Wie auch in der DDR Organ der Parteiendiktatur.

Hannah Arendt schrub über ein Bündnis von „Mob und Elite“. Das meint, dass Rassisten, Schwulenhasser und Frauenunterdrücker der Mehrheitsgesellschaft sich mit jenen zusammen taten, die den Kapitalismus (und ihr eigenes Kapital) vor den Kommunisten schützen wollten. Wofür es angesichts Stalins nun sogar gute Gründe gab, aber bestimmt keine guten, die Mittel der Nationalsozialisten zu wählen.

Auf DIESE Erfahrung reagierten die Mütter und Väter des Grundgesetzes: Staat als Organ des Faschismus.

Zum Beispiel der von rechts so oft zitierte besondere Schutz der Familie zielte darauf ab, Eltern davor zu schützen, dass ihre Kinder in Organisationen wie HJ und BDM gezwungen wurden.

Die Grundrechte sind SCHUTZRECHTE GEGEN DEN STAAT, INDEM IHM ZÜGEL ANGELEGT UND VERFAHREN ABGEFORDERT WERDEN, die statt Willkür und reiner Machtausübung so etwas wie rationale Überprüfbarkeit und demokratische Kontrolle über das Gesetzgebungsverfahren gewährleisten.

Das Grundgesetz fordert NICHT, nun Gesetze als individuelle Gewissensinstanz zu implementieren. Es lässt allenfalls Sanktionen nach Verstößen zu.

Das Prinzip der Rechtsstaatlichkeit ist eines, das sich an jene richtet, die Gesetze erlassen und deren Anwendung durchsetzen. Es ist freilich zugleich eine fortwährende SELBSTBESCHRÄNKUNG DER MACHT, idealerweise. Faktisch läuft es eher gegenteilig.

Ich kann nicht individuell Herrn Geis oder Herrn Kauder wegen Angriff auf meine Menschwürde verklagen – sehr wohl aber die Gesetze, die sie parlamentarisch durchsetzten, auf den Prüfstand der Rechtsstaatlichkeit stellen. Durch das Bundesverfassungsgericht. Und es ist geradezu atemberaubend, wie häufig dieses Gericht die Vorhaben der aktuellen Regierung wieder aufgehoben hat.

Komischerweise sind genau die Akteure von Regierungsparteien, die derart wegen mangelnder Rechtsstaatlichkeit gerüffelt wurden, es dann, die – z.B. Hape Friedrich – den Focus auf gesellschaftlich verschwindend relevante Faktoren wie die wenigen Vorfälle rund um den Fussball richten und großartig von „Recht und Ordnung“ schwadronieren.

Dass das so gut funktioniert, das liegt immer auch daran, dass das historische Zerrbild von den realhistorischen Nazis als „Banden“, die in irgendeine bürgerliche Idylle einbrachen, so nachhaltig wirksam zur Bewusstseinskontrolle sich durchsetzte.

Das ist so wundervoll entlastend.

Dann hat die sich sittsam und heute „tolerant“ wähnende, gesellschaftliche „Mitte“ das Selbstbild-Reinheitsgebot befolgt und kann kraftvoll und mächtig auf Minderheiten eindreschen, denen sie mit Vorliebe die Fähigkeit zu „Toleranz“ abspricht: Diese rassistischen Schwarzen, männerfeindlichen Lesben und Feministinnen, rachsüchtigen und doch selbst vermeintlich rassistischen Juden, vormodernen Muslime, heterophoben Schwulen.

Es ist ja geradezu flächendeckender Volkssport der bürgerlichen „Mitte“ geworden, gerade jenen, „die Toleranz einfordern“, mal ordentlich den Marsch zu blasen. Das dient auch immer dazu, die Maßstäbe selbst zu attackieren: Kommt, nun habt euch mal nicht so, wenn wir euch erniedrigen, diskreditieren und herab würdigen. Und sichert so bestehende Machtverhältnisse ab.

Im Zuge all der Spiele um postnationalsozialistische Gruppen-Egos tritt das verdrehte Plädoyer gegen „rechtsfreie Räume“ immer mit hinzu. Das war schon beim SDS so, das brachte den hessischen SPD-Ministerpräsidenten Börner einst dazu, der Alternativbewegung, die u.a. gegen die „Startbahn West“ protestierte, mit der Dachlatte zu drohen, mit der man früher auf dem Bau solche Probleme gelöst habe, womit er die unterschwellige Gewaltandrohung der sich auf Rechtsstaat berufenden Feinde desselben artikulierte: Der vermeintlich vorpolitische Mob.

Postnationalsozialistisch deshalb, weil ja immer alle wollen, dass jetzt alles gut ist. Dass nun der Deutsche, der sich als solcher empfindet, in einer rational geregelten heilen politischen Ordnung und gerechten Welt lebe.

Am krassesten kann man das am Werk des großen Philosophen Jürgen Habermas nachvollziehen. Einst schrub er noch über „Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus“, dann war die Mauer weg und er lieferte in „Faktizität und Geltung“, zum Erben Adenauers geläutert, eine Begründung des Rechtsstaates bei gleichzeitiger Ignoranz der Rechtsrealität. (Der zunächst absurde „Linksfaschismus“-Artikel in der Wikipedia ist deshalb interessant, weil er die Debatte Dutschke/Habermas dokumentiert).

Das ist prototypisch gerade auch für Linksliberale: Dieses geradezu verzweifelte Festhalten daran, dass doch nun alles seine Ordnung habe.

Insofern ist tatsächlich seit über 3 Jahrzehnten die Auffassung des Rechtsstaates nicht etwa als einer Ordnung, die vor Übergriffen eines Staates schützt, sondern als Ordnung des Wahren, Guten und Gerechten, ein Leitmotiv zur Politikverhinderung geworden.

Während zugleich ausgerechnet ein Zweig der Politischen Rechten, die Wirtschaftsliberalen, als letzte noch die ursprünglich intendierte Auffassung verteidigten. Man hätte es ihnen realpolitisch einfach nicht überlassen dürfen.

So ist im Schatten solcher Debatten fast wie ein historischer Witz Hartz IV dieser Gemengelage entsprungen. Da treffen sich nämlich sozialdemokratische Sozialingenieursgelüste im Kampf gegen „asoziales Gesindel“ mit wirschaftsliberalen Marktfantasien und erzeugen ein Epos der strukturellen Gewalt.

Man muss retrospektiv den Autonomen, also auch jenen, die den Mythos FC St. Pauli begründeten, wirklich Achtung zollen, dass auf wiederum kuriose Art sie trotz anderer gesellschaftlicher Vorstellungen zumindest das Schutzrecht vor dem Staat als Kern der Rechtsstaatlichkeit immer wieder auf die Tagesordnung setzten – z.B. beim „Hamburger Kessel“ und der Gegenwehr dagegen.

Unsere Ultras sind ja so eine Art massiv entkernter Schwundstufe dessen, was die Autonomen mal waren. Und dass nun die vehementesten Debatten, die sie zu initiieren wussten, jeweils was mit Polizei zu tun hatten, zeigt ja auch, wie jämmerlich im Grunde genommen die politischen Ambitionen heutiger Youngster dann, wenn es nicht gerade um Israel geht, auf eine Totalisierung des „Think Locally“ zusammen schrumpften: ESSO-Häuser, Zäune unter Brücken, die je eigenen Rechte – „Fanrechte“ – und Polizei, Polizei, Polizei, weil man hat selbst Ärger mit denen hat. Coca Cola als Sponsor? Hey, so ist das im Kapitalismus!

Ansonsten eben Slogans wie die Werber.

Und zum Glück auch konkrete Flüchtlingspolitik.

Aber habt ihr darüber hinaus eigentlich noch irgendwas zu bieten außer Karriereambitionen, Wochenends-Revoluzzertum und heteronormativer Hochzeit mit 30?

Was nun aber das neue Bündnis aus Mob und Elite betrifft, das denkt und geifert wie der Boulevard, während es sich auf nicht zu tolerierende Lieblingsfeinde wie USP und auf ein „Bullen raus aus der Kurve“ stürzt, als stünde es kurz vor der Lagerhaft: Die machen mir richtig Angst. Ich finde die furchterregend, wenn sie Hape Friedrich nachplappern und jegliche Skepsis gegenüber staatlichen Organen in Toleranz-Saucen ertränken. Und so noch das, was in dem Begriff vernünftig ist, dem Selbstzweck der Mehrheitsgesellschaft einverleiben.

Die sind der Tod jeder kritischen Öffentlichkeit, brüllen alles nieder und ebnen jenen den Weg, die Rechtsstaatlichkeit tatsächlich seit Jahrzehnten aushöhlen und ausradieren.

PS: Habe ich jetzt eigentlich irgendwem nicht vors Schienbein getreten? 😀