Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Vom Outlaw in fiktionalen Genres

Manchmal schweben meine Gedanken durch die Illusion von Zeit und Raum, landen gar nicht weit von hier. Am Valentinskamp zum Beispiel. In einer Zeit, als die Hamburger Neustadt noch als „das Letzte!“ galt. Und Hubert Fichte über die „Palette“ schrub, ein Lokal unweit des Gänsemarkts, Künstlertreff für Nonkonformisten. Und in Lokalen am Valentinskamp „Tanzverbot“ herrschte. Kein generelles. Nur das zwischen Männern. Die Neustadt war das Schwulenviertel.

Bei Facebook gingen heute Fotos und Videos aus Russland herum. Dortige Neonazis, in trauter Einigkeit mit den Leitlinien der Russisch-Orthodoxen Kirche handelnd, quälten einen schwulen Teenager blutig und posierten dabei stolz auf Fotos.

Outlaw, das ist auch nah an „vogelfrei“.

Die Nazis sind das nie. Die begleitet notfalls noch der Verfassungsschutz. Die radikalisieren nur den Extremismus der Mitte.

Ich wünsche Putin und den Patriachen einen regen Underground mit Film und Literatur über lesbische Heldinnen, Kämpfern für Bisexualität und aggressiv mit angespitzten Pumps zurück schlagenden Transvestiten.

Was mich schon länger erschreckt, ist, dass im Gegensatz zu den USA oder einer Legende wie Robin Hood in Deutschland kaum eine Fiktionalisierung oder Dramatisierung der Outlaws Tradition hat. Büchner ist lange her. Hier lieben alle den „Tatort“, der richtet im Namen korrekter Verhältnisse und gaukelt Sozialkritik vor.

Deutschland ist eine Volkshochschule, deshalb wird auch der renommierteste Fernsehpreis vom Volkshochschulverband verliehen.

Wer vor geraumer Zeit die Fernsehfilmreihe „Der Yorkshire Killer“ aus Großbritannien sah, rieb sich verstört die Augen: Selbstgerechte, brutale Polizisten errichten Hand in Hand mit Baulöwen ihr Reich aus Folter, Willkür, Korruption, ihre ganz und gar eigene Herrschaft in Yorkshire verteidigend und vernichten jene, die Aufklärungsarbeit leisten wollen. In Deutschland ist die Umsetzung eines solchen Stoffes kaum denkbar.

Fatih Akims Filme sind eine Ausnahme. Ansonsten findet sich wenig. Selbst in „Knockin‘ on heaven’s door“ mit Till Schweiger dürfen die Helden nur so ausrasten, weil sie todkrank sind.

„Thelma & Louise“ hingegen – da würde doch der in Fleisch eingeschriebene Wilhelminismus prompt Athtritis in Finger von Drehbuchautoren beamen, kämen sie auf die Idee zu einem solchen Stoff.

Klar gibt es gerade in den USA auch die Heroisierung von allerlei Grauen. Da werden noch Rechtsradikale, die sich in Farmen verschanzen, zu Helden. Oder Rassisten wie Charles Manson. Im Gegenzug „Shaft“ aber auch.

Und Mythen wie „Der Pate“, Bonnie & Clyde oder Ma Baker leben von einem seltsamen Ringen um Moralität und Amoralität, das anderswo als im Raum staatlicher Zurichtungen verortet ist.

Auch dieser Film, ich habe den Namen vergessen, da in einer Erziehungsanstalt missbrauchte Jungs, erwachsen geworden, ihren Peiniger erschießen, bis der alkoholkranke Verteidiger zusammen mit dem Staatsanwalt, letzterer selbst Opfer in der Erziehungsanstalt, das Rechtssystem austricksen mit Hilfe eines Priesters, der vor Gericht lügt – eine Abfolge moralischer Dilemmata inmitten brutalsten Machtmissbrauches mit der bitteren Pointe, dass das Leben der Missbrauchten durch den Racheakt auch nicht besser wird: Maria Furthwängler würde angesichts all der Unauflöslichkeiten vermutlich sofort im Koma landen, sollte sie in so was mit spielen.

Ja, es gibt dieses im wahren Leben schlimme Abfeiern von Selbstjustiz – dem deutscher Film dann einst mit Marianne Bachmeier-Verfilmungen antwortete. Und auch Andreas Breivik wird davon geträumt haben, als Outlaw abgefeiert zu werden. Schlimm genug. War er nicht, isser nicht. Outlaws kämpfen gegen große, stärkere Gegner. Und eben im Film, in der Literatur. Nicht auf Inseln, wo Wehrlose abgeknallt und ermordet werden.

Die Grausigsten sind halt die immer die Anti-PC-Kämpfer, die sich vermeintlich „Tabu brechend“ über angebliche Gesetze des Alltags hinweg setzen, während sie doch nur die Pfürze des deutschen Spießers aufwärmen und so mehrheitsgesellschaftlich wie nur irgend möglich ihr Spiel um das Recht auf Abwertung Anderer ausreizen. Das hat mit Outlaw so gar nichts zu tun, das ist einfach nichts anderes als die Alltagsentsprechung der Abschaffung des Asylrechts: Entrechtete noch weiter entrechten und verhöhnen wollen hat in Deutschland ja auch den Charakter einer nicht nieder geschriebenen Gesetzesnorm. Wasserzähler abbauen. Zwangsräumungen. Refugees nach Italien abschieben. Steigerungen.

Aber diese rein fiktionale Rachefantasie derer, denen unreglementierte Erfahrung noch etwas bedeutet, die sich gegen tatsächliche Mehrheiten, wirkliche Machtverhältnisse, echte Normierung auflehnen – total out hierzulande. Da sei die Juristerei vor.

Tarrantino macht die Rachefantasie von Juden angesichts der Nazis zum Film. Deutschland guckt „Dresden“ und sieht den „Schulermittlern“ zu.

Wohl, weil es Angst vor der Fantasie hat. Denn die ist selten unschuldig. Und gilt als gefährlich. Dabei ist gefährlich doch immer nur die Angst.

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7 Antworten zu “Vom Outlaw in fiktionalen Genres

  1. lalberth Juli 29, 2013 um 3:43 pm

    Hey, danke für diesen Text.

  2. momorulez Juli 29, 2013 um 4:57 pm

    Gern geschehen! Hat sich allerdings ansonsten kaum wer für interessiert 😦 … um doch mal dem Frust freien Lauf zu lassen, dass die Texte, die ich ja selbst irgendwie, hmmm, wichtig? und gut finde, fast immer die mit den geringsten Hits sind. Hätte ich da jetzt „Ihr scheißdeutschen Untertanen“ drüber geschrieben, wäre es vermutlich ein voller Erfolg geworden 😉 …

  3. lalberth Juli 30, 2013 um 10:25 am

    Na, da lass uns mal anfagen. Zwischen Zimmer putzen und Gepäck packen muss ich mich schließlich ablenken. 😉
    Ich finde die amerikanische Literatur der Moderne und Gegenwart ja auch deshalb großartig, weil sie diese Outlawfiguren so zentral setzt. Trotz aller Kritik am Koloialismus des New-Frontier-Konzeptes enthält es ein wichtiges Moment des Neu anfangens, das man so kaum in der deutschen Literatur findet. Selbst bei Büchner hat es ja stets diesen bittersüßen Beigeschmack. Die Figuren verlieren sich bei ihm ja eher, egal ob es sich um Leonce und Lena, Woyzeck, die Revolutionäre in Danton’s Tod oder um Lenz handelt. Das sind ja alles tragische Figuren. Dem amerikanischen Outlaw wohnt ja doch ein gewisser Pragmatismus inne. Sie müssen handeln um vorwärts zu kommen. Deswegen werden sie ja auch an die Grenzen getrieben.
    Ich bin kürzlich über Weather Report auf den namensgebenden Ursprung ihres Albums „I Sing the Body Electric“ gestoßen. Ein Gedicht von Walt Whitman aus seinen „leaves of grass“ aus dem späten 19. Jahrhundert. Das war, wenn man Wikipedia glauben darf, ein Versuch, eine neue Lyrik für Amerika zu finden. Und eben jenes Gedicht ist ein Loblied auf die den Körper der Männer, der Frauen und auch der Sklaven. Extrem egalitär. Das wäre trotz aller realen homophoben Anfeindungen Whitmans zu dessen Lebzeiten aber in keinem anderen Land möglich gewesen.

  4. momorulez Juli 30, 2013 um 1:56 pm

    Walt Whitman ist ein Riese, auf den hat sich ja auch die Beat-Generation berufen, hat sich Klaus Mann drauf berufen – das ist ja das Faszinierende, dass „die US-Kultur“ so oft das Gegengift zur eigenen Lüge beinhaltet. Bei Lysis/Fuckin*queers/Rhizom, in einem der Blogs, waren auch mal Paarfotos von zwischenmännlichen Beziehungen voller Zärtlichkeit aus den „Pionierzeiten“ gepostet. Die feiern zwar heute die Pilgrim Fathers noch bei jedem Thanksgiving, das ist immer auch eine gewaltige Portion Rassismus frei Haus, die haben immerhin auch damit angefangen, die First Nations zu vernichten …

    Aber es gibt es auch diese Staatsskepsis, die uns bei den Liberalen so ärgerte, in produktiver Form.

    Das Loblied auf den Sklavenkörper müsste ich glatt noch mal raus suchen, das gibt es ja auch in sexualisierter Form als übles Stereotyp. Und die ganze Frage der Zwangsprostitution von Frauen wie Männern unter Bedingungen der Sklaverei ist ja eh eines, worüber man noch nicht mal bloggen kann als Weißer, hier sei angedeutet, dass mir das klar ist, ist ja eine, die so ganz und gar nicht aufgearbeitet ist, aber z.B. bei Homophobie auf Jamaica eine Rolle spielen wird.

    Trotzdem steht Whitman, die Passagen müsste ich echt noch mal finden, für ein komplett egalitäres Aufbrechen. Das war auch eine literarische Pioniertat.

    Aber auch in „Illuminati“, also dem von Wilson, taucht mittendrin Dillinger auf. Billy the Kid ist auch so ein Mythos.

    Ich erinnere mich zwar dunkel an die „Lippolds-Höhle“, aber solche Mythen sind doch hier völlig fremd.

    Das Kuriose ist ja, dass sie zumeist fürchterlich tough männlich auftreten. Muss vielleicht doch mal die schwule Outlaw-Story, Deutschland in den 50ern, schreiben 😀 …

  5. lalberth Juli 30, 2013 um 2:06 pm

    „Das Loblied auf den Sklavenkörper müsste ich glatt noch mal raus suchen, das gibt es ja auch in sexualisierter Form als übles Stereotyp.“
    Findest Du hier: http://www.bartleby.com/142/19.html (Abschnitte 7 und 8)

    Das ist ja keineswegs zu leugnen: Aber Whitman macht als dezidierter Gegner der Sklaverei ja erst Sinn, wenn er gerade am Körper (dem angeblichen Sitz der Rasse) genau diese Differenzen Infrage stellt (

    „Within there runs blood,
    The same old blood!
    The same red-running blood!
    There swells and jets a heart—there all passions, desires, reachings, aspirations;
    Do you think they are not there because they are not express’d in parlors and lecture-rooms?“

    Und dann eben auch das:
    „How do you know who shall come from the offspring of his offspring through the centuries?
    Who might you find you have come from yourself, if you could trace back through the centuries?“

    Alles mit Bezug auf den Sklavenkörper!

  6. momorulez Juli 30, 2013 um 3:53 pm

    Da würden mich jetzt ja Kommentare von PoC dazu interessieren. Für mich liest sich das auch bemerkenswert.

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