Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Tagesarchive: Juli 26, 2013

Vom Outlaw in fiktionalen Genres

Manchmal schweben meine Gedanken durch die Illusion von Zeit und Raum, landen gar nicht weit von hier. Am Valentinskamp zum Beispiel. In einer Zeit, als die Hamburger Neustadt noch als „das Letzte!“ galt. Und Hubert Fichte über die „Palette“ schrub, ein Lokal unweit des Gänsemarkts, Künstlertreff für Nonkonformisten. Und in Lokalen am Valentinskamp „Tanzverbot“ herrschte. Kein generelles. Nur das zwischen Männern. Die Neustadt war das Schwulenviertel.

Bei Facebook gingen heute Fotos und Videos aus Russland herum. Dortige Neonazis, in trauter Einigkeit mit den Leitlinien der Russisch-Orthodoxen Kirche handelnd, quälten einen schwulen Teenager blutig und posierten dabei stolz auf Fotos.

Outlaw, das ist auch nah an „vogelfrei“.

Die Nazis sind das nie. Die begleitet notfalls noch der Verfassungsschutz. Die radikalisieren nur den Extremismus der Mitte.

Ich wünsche Putin und den Patriachen einen regen Underground mit Film und Literatur über lesbische Heldinnen, Kämpfern für Bisexualität und aggressiv mit angespitzten Pumps zurück schlagenden Transvestiten.

Was mich schon länger erschreckt, ist, dass im Gegensatz zu den USA oder einer Legende wie Robin Hood in Deutschland kaum eine Fiktionalisierung oder Dramatisierung der Outlaws Tradition hat. Büchner ist lange her. Hier lieben alle den „Tatort“, der richtet im Namen korrekter Verhältnisse und gaukelt Sozialkritik vor.

Deutschland ist eine Volkshochschule, deshalb wird auch der renommierteste Fernsehpreis vom Volkshochschulverband verliehen.

Wer vor geraumer Zeit die Fernsehfilmreihe „Der Yorkshire Killer“ aus Großbritannien sah, rieb sich verstört die Augen: Selbstgerechte, brutale Polizisten errichten Hand in Hand mit Baulöwen ihr Reich aus Folter, Willkür, Korruption, ihre ganz und gar eigene Herrschaft in Yorkshire verteidigend und vernichten jene, die Aufklärungsarbeit leisten wollen. In Deutschland ist die Umsetzung eines solchen Stoffes kaum denkbar.

Fatih Akims Filme sind eine Ausnahme. Ansonsten findet sich wenig. Selbst in „Knockin‘ on heaven’s door“ mit Till Schweiger dürfen die Helden nur so ausrasten, weil sie todkrank sind.

„Thelma & Louise“ hingegen – da würde doch der in Fleisch eingeschriebene Wilhelminismus prompt Athtritis in Finger von Drehbuchautoren beamen, kämen sie auf die Idee zu einem solchen Stoff.

Klar gibt es gerade in den USA auch die Heroisierung von allerlei Grauen. Da werden noch Rechtsradikale, die sich in Farmen verschanzen, zu Helden. Oder Rassisten wie Charles Manson. Im Gegenzug „Shaft“ aber auch.

Und Mythen wie „Der Pate“, Bonnie & Clyde oder Ma Baker leben von einem seltsamen Ringen um Moralität und Amoralität, das anderswo als im Raum staatlicher Zurichtungen verortet ist.

Auch dieser Film, ich habe den Namen vergessen, da in einer Erziehungsanstalt missbrauchte Jungs, erwachsen geworden, ihren Peiniger erschießen, bis der alkoholkranke Verteidiger zusammen mit dem Staatsanwalt, letzterer selbst Opfer in der Erziehungsanstalt, das Rechtssystem austricksen mit Hilfe eines Priesters, der vor Gericht lügt – eine Abfolge moralischer Dilemmata inmitten brutalsten Machtmissbrauches mit der bitteren Pointe, dass das Leben der Missbrauchten durch den Racheakt auch nicht besser wird: Maria Furthwängler würde angesichts all der Unauflöslichkeiten vermutlich sofort im Koma landen, sollte sie in so was mit spielen.

Ja, es gibt dieses im wahren Leben schlimme Abfeiern von Selbstjustiz – dem deutscher Film dann einst mit Marianne Bachmeier-Verfilmungen antwortete. Und auch Andreas Breivik wird davon geträumt haben, als Outlaw abgefeiert zu werden. Schlimm genug. War er nicht, isser nicht. Outlaws kämpfen gegen große, stärkere Gegner. Und eben im Film, in der Literatur. Nicht auf Inseln, wo Wehrlose abgeknallt und ermordet werden.

Die Grausigsten sind halt die immer die Anti-PC-Kämpfer, die sich vermeintlich „Tabu brechend“ über angebliche Gesetze des Alltags hinweg setzen, während sie doch nur die Pfürze des deutschen Spießers aufwärmen und so mehrheitsgesellschaftlich wie nur irgend möglich ihr Spiel um das Recht auf Abwertung Anderer ausreizen. Das hat mit Outlaw so gar nichts zu tun, das ist einfach nichts anderes als die Alltagsentsprechung der Abschaffung des Asylrechts: Entrechtete noch weiter entrechten und verhöhnen wollen hat in Deutschland ja auch den Charakter einer nicht nieder geschriebenen Gesetzesnorm. Wasserzähler abbauen. Zwangsräumungen. Refugees nach Italien abschieben. Steigerungen.

Aber diese rein fiktionale Rachefantasie derer, denen unreglementierte Erfahrung noch etwas bedeutet, die sich gegen tatsächliche Mehrheiten, wirkliche Machtverhältnisse, echte Normierung auflehnen – total out hierzulande. Da sei die Juristerei vor.

Tarrantino macht die Rachefantasie von Juden angesichts der Nazis zum Film. Deutschland guckt „Dresden“ und sieht den „Schulermittlern“ zu.

Wohl, weil es Angst vor der Fantasie hat. Denn die ist selten unschuldig. Und gilt als gefährlich. Dabei ist gefährlich doch immer nur die Angst.

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