Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Tagesarchive: Juli 24, 2013

„Polizist“ ist keine Eigenschaft von Menschen

„Für uns steht außer Frage, dass die Eigenschaft Bulle zu sein und gleichzeitig Teil der Südkurve oder gar Ultrà Sankt Pauli nicht zusammen passen können und einen nicht auflösbaren Widerspruch bedeuten.“

Rums. Hamburg bei Hitze. Das Textbausteinspiel beginnet.

Am lustigsten: USP spreche Berufsverbote aus.

Das ist analoger Unsinn zu diesem ewigen „Zensur“-Gequassel. Weil wie üblich zwischen der mit dem staatlichen Gewaltmonopol und ernsthaften Sanktionsbefugnissen ausgestatteten Exekutive und einem Häuflein Menschen von gesamtgesellschaftlich verschwindend geringer Wirkung ohne Befugnisse gar nicht unterschieden wird.

Mir geht diese völlige Unfähigkeit, zwischen strukturell-institutionell und individualpsychologisch oder auch kleingruppenbezogen zu unterscheiden, mittlerweile nur noch auf die Nerven. Da kann man im Grunde genommen auch aufhören zu reden. Berufsverbote waren das hier , und es war wie üblich die angeblich so hegemoniale Linke davon betroffen – und ich halte es für unwahrscheinlich, dass der weiteren Polizeilaufbahn ein Rausschmiss bei USP irgendwie im Wege stünde.

Umgekehrt ist es auch keine „Eigenschaft“, Bulle zu sein. Eigenschaften sind dick, dünn, laut, albern – oft sind das ergänzend so genannte Dispositionsbegriffe: Wie ein Glas zerbrechlich ist, wenn x passiert, reagieren Menschen gehäuft auf x mit y. Bei Pfaffen wird Momo wütend.

Das ist die Berufswahl- und -ausübung aber nicht. Gerade bei Polizisten würde man sich ja oft wünschen, dass sie auf x mal nicht mit y, sondern mit z reagieren würden. Dass sie freundlich, souverän, niemanden herab würdigend, gewaltfrei, bis es gar nicht mehr anders geht, hilfreich, ohne Ego-Allüren oder der Tendenz zum Machtmissbrauch, ohne Spaß an rassistisch motivierten Kontrollen und Kleinkrieg mit etwas, das als Gangs wahr genommen wird, agierten – und davon wird es auch sehr viele geben, die exakt das sind.

Was USP da macht, ist in der Hinsicht nun leider wirklich ein ähnlicher Kategorienfehler wie der, nun davon auszugehen, sie wären befugt, Berufsverbote zu verhängen.

Ich verstehe das total, was die BASCH da schreibt, hinsichtlich dessen, dass handfeste Interessenkollisionen eintreten bei einem Polizisten, agiert er in einer Gruppe, die gezielt und mit allen Mittel staatlicher Demagogie und Verordnungen kriminalisiert wird. Es ist auch  nicht auszuschließen, dass er eben doch spitzelt.

Umgekehrt daraus dann sozusagen eine persönliche Eigenschaft zu basteln, aaaaargh, Es gab da neulich schon diese treudeutsch heroisierende Formulierung, nunmehr sei auf  „Charakter, Persönlichkeit, Authentizität“ zu achten bei USP. Was ist denn das für eine Gehirnwäsche?

Ich finde schon auch ein starkes Stück, nun Berufsgruppen prinzipiell irgendwelche „Eigenschaften“ anzudichten. Ich glaube, das klappt nur bei Psychotherapeuten 😀 – aber ich gehe schon davon aus, dass auch heute noch sehr viele Menschen gibt, die in die Polizei, die Justiz, in Finanzämter, die Politik, ja sogar die Katholische Kirche gehen, weil sie im Positiven etwas bewegen wollen.  Die 68er nannten das „Marsch durch die Institutionen“, und die Frage ist, ob das geht.

Das ist auch viel schwieriger, als sich von den Eltern das Studium finanzieren zu lassen und als Revoluzzer zu gebärden, bis man dann fertig studiert hat und sich genau so einfügt.

Und was genau ist jetzt an Werbern besser als an Polizisten?

Da heißt es dann „so ist das im Kapitalismus“; Polizei gehört zu dem aber ebenso dazu. Eigentumsschutz.

Gab ja einen – heute in einem Gespräch wieder akut werdenden – Fall, da ich mich extrem darüber aufregte, dass bei einer Veranstaltung des FC St. Pauli ein katholischer Geistlicher in der Uniform seines Arbeitgebers saß. Wie ich finde, zu recht – das verstößt schlicht gegen die Stadionordnung, wenn jemand ALS VERTETER einer krass schwulenfeindlichen Organisation (obwohl so viele derer darin arbeiten), deren jüngst zurück getretener Chef in afrikanischen Staaten solche explizit segnet, die die Todesstrafe für Lesben und Schwule forderten, in Amtstracht da rum lungert. Das ist in der Frage nicht besser als Thor Steinar-Klamotten.

Nun kann trotz spiritueller Verirrung, Zuwiderhandeln gegen den Willen Gottes – ätsch 🙂 – und gruseligem Arbeitgeber das ein total netter Mensch sein, der in anderen Zusammenhängen sich vielleicht sogar gegen Schwulenhass in der Kirche einsetzt. Ist bei dem zwar unwahrscheinlich, der erläuterte ja Ring2 noch, wieso solche wie ich angeblich Gottes Willen zuwiderhandelten und ich fragte mich einmal mehr, wieso ausgerechnet die in solchen Fragen sich eine Expertise zusprechen – Rückschlüsse auf sonstige „Eigenschaften“ seiner Persönlichkeit lässt das nicht zu. Trotzdem hätte ich vermutlich kein Problem damit gehabt, wenn der nicht in Ornat als Vertreter der Amtskirche, sondern in zivil als Privatmensch und einfach katholisch-gläubig da gesessen hätte. Das ist dann dessen Sache, nicht jedoch, wenn er die geballte, institutionell bestens abgesicherte, globale Macht seiner Kirche aufträgt.

Nun finde ich die Polizei im Allgemeinen im Vergleich mit der Katholischen Kirche noch ungleich ambivalenter: Die regeln auch den Verkehr, klären im beste Falle Morde und auch Vergewaltigungen auf, letzteres wäre zumindest möglich und gut, wenn sie es denn täten, gehen im Falle heterofamiliärer Konflikte dazwischen, und ich vermute sogar, dass sie intervenieren würden, wenn schwule Paare von Rostock-Fans verprügelt würden.

Ich verstehe fundamentale Staatskritik, sehe aber den Abbau des Sozialstaates eher als akutes Problem oder „Drittmittelwerbung“ bei Universitäten an. Man kann Polizisten nicht pauschal absprechen, in ihrem Amt wirklich Gutes tun und auch gesellschaftlich bewegen zu wollen. Und die Ausfälle sind eher der Politik, Neumann und Co, anzulasten, weil die ihre Aufgabe nicht nachkommen, Grenzen zu setzen.Problem ist doch, dass diese Institutionen von vielen wirklich aufgegeben wurden, aber weiterhin machtvoll bleiben.

Trotzdem finde ich es völlig legitim, wenn USP da mit Misstrauen reagiert und sagt „Lieber nicht“. Das ist einfach klug, nicht intolerant.

Wenn da nur diese Begründung nicht wäre … und die ist halt übergreifend relevant. Deshalb schreibe ich was dazu.

 

EDITH: Hier sei sozusagen die „Gegendarstellung“ verlinkt, der Fairness halber und sowieso – habe es selbst noch nicht gelesen. Via Magischer FC, Facebook.

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