Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

„Die Abwehrreaktionen kommen daher, dass es Teil des deutschen identitären Selbstverständnisses ist, gute Aufarbeitung geleistet zu haben“

Empfehle dringend die wirklich genaue Lektüre des Textes „Dimensionen der Differenz“ in der „Analyse und Kritik“ (bzw. auf deren Internetseite) – da haben nun jene an einem Tisch gesessen (oder auf einem Podium? In der Redaktion?), die bei den Kontroversen rund um „Critical Whiteness“ verschiedene Positionen vertraten. Wobei in meiner Wahrnehmung vor allem die eine Seite angriff, das aber wegen der Kontroversen auf dem „No Border Camp“.

Das wurde auch hier im Blog sehr intensiv diskutiert. Mit aus meiner (weißen, männlichen, schwulen) Perspektive oft paradoxen Ergebnissen, die ich im Kopf auch nicht ausgeräumt bekam. Aber das muss ja auch gar nicht sein; erhöht ja die Zuhörbereitschaft. Hoffentlich. Ist ja für als Männer Sozialisierte wahrscheinlich die wichtigste Lernerfahrung, nicht immer zu allem eine abschließende Meinung haben und artikulieren zu müssen, sondern lieber mal hin zu hören. Ist monologisch bloggend zwar ein Widerspruch in sich, aber man lebt ja auch sonst noch 😉 …

Einer der Texte hier im Blog ist dort auch verlinkt. Danke an alle, die mit stritten!

Es steht mir nun gar nicht zu, nun flammend irgendein Pro oder Contra in die Welt zu schreien. Einzig erscheint es mir wichtig, anzumerken, dass es manchmal so scheint, dass die CW-Kritiker immer dann allergisch reagieren, wenn sie sich als Teil eines „Spiels“ um Macht, Dominanz, gesellschaftliche Hierachien und Privileg begreifen könnten, nicht nur als Widerständige. Was für selbst Marginalisierte nach und in ihrem hart ausgefochtenen Kampf um Anerkennung ja auch zunächst völlig absurd erscheinen mag.

Ich hebe einfach drei Statements mal hervor; alle, die hier mit diskutierten und darüber hinaus natürlich auch sollten einfach mal lesend lauschen:

„Vassilis Tsianos: Moment, du kannst nicht W.E.B. Du Bois und alle möglichen anderen Leute einfach vereinnahmen als Critical Whiteness. Es gibt einen Unterschied zwischen Critical-Whiteness-Theorieproduktion und Black Experience im Kontext von Black Atlantic, das ist wirklich eine viel größere, reichere Erfahrung.“

(Fällt ihm da selbst wirklich nichts auf?)

„Joshua Kwesi Aikins: (…) Die Abwehrreaktionen kommen daher, dass es Teil des deutschen identitären Selbstverständnisses ist, gute Aufarbeitung geleistet zu haben. Und wenn ich dann die Geschichte verkompliziere, indem ich sage, in Bezug auf den deutschen Kolonialismus gab es keine Aufklärungsarbeit, merken die Leute: Oh Gott, jetzt habe ich aber nicht alles getan, was ich tun muss, um ein guter Deutscher zu sein. Dann schlagen die Emotionen hoch, aber ohne dass ich pädagogisch darauf hingewirkt hätte. Das andere ist: Ich denke, man kann Identitätspolitik auch nicht rundweg ablehnen. In Deutschland erkennen viele Leute Rassismus nicht als Struktur an. Sie individualisieren und entschuldigen ihn. Vor diesem Hintergrund ist die Konstruktion von Kollektivität als Schwarze oder PoC – und darin gibt es identitäre Momente – ein wichtiger Bestandteil von Empowerment.“

(!)

Sharon Dodua Otoo: Ich würde sagen: Solange die Norm nicht benannt wird, solange es Leute gibt, die sich als »Leute« verstehen und nicht als weiße Männer, die die Ressourcen haben und Kunst produzieren oder darüber entscheiden, was als Kunst gilt, haben schwarze Künstler kaum Möglichkeiten, da reinzukommen. Aber wenn weiße Kunstschaffende sagen, wir haben eine bestimmte Perspektive, es gibt aber verschiedene Perspektiven, die uns interessieren, und deshalb verteilen wir die Zugänge anders, dann haben wir die Möglichkeit, in einen anderen Raum zu kommen.

(!)

Soll jetzt aber nicht die Lektüre des ganzen Textes ersetzen.

 

4 Antworten zu “„Die Abwehrreaktionen kommen daher, dass es Teil des deutschen identitären Selbstverständnisses ist, gute Aufarbeitung geleistet zu haben“

  1. Jarome Juli 23, 2013 um 10:48 pm

    Eine Diskussion um Critical Whiteness und ein Viertel ist nur Holocaust-Relativierung. Wer noch einen Beleg dafür bräuchte, dass Betroffenheit von Rassismus nicht automatisch zu linken Positionen führt, findet ihn in diesem Interview.
    Anstatt Zuhören als Selbstzweck zu postulieren, solltest du mal das, was du hörst, darauf überprüfen, ob es nicht ziemlich mit deinen linken Idealen kollidiert.

  2. momorulez Juli 24, 2013 um 12:16 am

    Da relativiert keiner der Diskutanten den Holocaust. Was offenkundig bei „beiden Seiten“ als Problem gesehen wird, ist, dass die Shoah genutzt wird – und das von Nicht-Juden -, um über Kolonialismus, die Hereros, die Lager in den Kolonien nicht reden zu müssen, frei nach dem Motto: Was nicht so schlimm war wie das Singuläre, bedarf auch keiner weiteren Erläuterung, war ja gar nicht so schlimm und hat auch keinerlei Relevanz für die Gegenwart zu haben.

    Dabei gibt es jede Menge Belege, dass in den Kolonien gewissermaßen geübt wurde, die Methodik, was sich in Auschwitz radikalisierte. Insofern instrumentalisieren viele die Opfer der Shoah, um PoC das Maul zu stopfen, ganz so, wie sie es es eh schon seit Jahrhunderten tun. Als sei nicht beides immer wieder in den Focus zu rücken.

    Man braucht auch nur in Texte z.B. über Jazz aus den 20er Jahren hinab zu steigen, um zu sehen, wie die Nazis und ihre Vordenker Schwarze und Juden zu einem Gesamtkomplex schnürten, der zu bekämpfen sei – wobei da auch eine wiederum sehr üble Struktur zu Tage tritt: Dass der vermeintlich „verschlagene Jude“ die eh vermeintlich „unterentwickelten“ Schwarzen für „seine Zwecke“ einsetze. Völlig irre. Drum landeten ja auch die so genannten „Rheinlandbastarde“ in KZs und wurden zunächst zwangssterilisiert.

    Ich weiß ja, was Du meinst – diese Sprüche wie „die Amis hatten ihre Indianer, die Türken ihre Armenier, so what?“

    Das sagt im verlinkten Text keiner. Einmal ist von Holocausten die Rede, was wohl Genozide meint. Das ist mir mittlerweile auch eine zu inflationäre Verwendung. Neulich hörte ich auch ein Interview mit jemandem, der von AIDS als Holocaust an Schwulen in den USA sprach. Fand ich unpassend. Aber was relativiert denn das nun nun wirklich? Und welche Machtmittel stehen zur Verfügung, Geschichtsbilder durchzusetzen?

    Das einfach der falsche Begriff, der verwendet wird, weil ein Gedenken der AIDS-Toten NIE statt gefunden hat außerhalb der LGBT-Communities; die derer in afrikanischen Ländern ebenso wenig. Manchmal denke ich, dass der Begriff da auftaucht, wo Leute verzweifelt sind, dass massenhaftes Leid keine Erinnerungskultur hervor brachte, sondern nur Ignoranz, in diesem Fall sogar Diffamierung. Falsch ist er da trotzdem. Aber es steckt ja echte Verzweiflung dahinter.

    Da herrscht Empörung darüber, dass wieder Weiße, also jene, die Hereros abschlachteten, die Native Americans vernichteten und die Shoah arrangierten, und in allen Fällen war Weiß- bzw. „Ariersein“ als eine Art Steigerung dessen auch Faktor und Kriterium, nun auch noch die eigene Geschichte mit ihren Grauen nutzen, um Anderen über den Mund zu fahren. Die „Orientalisierung“ und „Archaisierung“ von Juden im Antisemitismus ist ja völlig in Vergessenheit geraten. Es ist ja „Antideutschen“ und anderen mittlerweile mit Bravour gelungen, die Realgeschichte des Antisemitismus völlig dem Vergessen zu überantworten, deshalb wird es auch immer schwieriger, ernsthaft und begründet über diesen zu reden und die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Antisemitismus und anderen Rassismen, die es jeweils gibt, zwischen der Singularität des Holocaust und dessen Vorgeschichte, weil der eben nicht vom Himmel fiel, überhaupt noch zu verstehen.

    Und die Diskutanten mahnen aus unterschiedlichen Perspektiven an, da doch bitte mal genauer hinzusehen. Und manche derer, die das dann lesen, sind halt so konditioniert, das sie das gar nicht mehr zu lesen vermögen.

    Du kriegst ja auch als Schwuler einen übergebügelt, wenn Du es wagst, mal an den 175 und den rosa Winkel zu erinnern.

    Dahinter steckt dann oft die Annahme der Normalität und vielleicht sogar Begründungsfähigkeit dessen, dass es Rassismus und Schwulen- und Lesbenhass ja nun mal eben global gäbe. Gab in Die Zeit gerade einen schlimmen Artikel, der mit Normal-Prozentsätzen agierte.

    Gegen so was wettern die an, weil die ja völlig richtige Singularitätsfeststellung so um die Ecke für ganz anderes genutzt wird.

    Ich kann das sehr gut mit meinen linken Idealen verbinden. Die sind immer noch emanzipatorisch.

  3. vuvu//riotqueer Juli 24, 2013 um 5:18 am

    Irgendwann ist auch gut mit dem ewigen bi_naire um eine deutsche Außenpolitik, die es so nie gegeben hat im tg. reflexiven Kontext einer bewegenden Weltsicht der Zeit-Zonen. Da hilft auch kein Verwaltungs-App der ‚für-und-wieder‘ linker bis linksradikaler Positionen um sexuelle Aphorismen und klinischer Hygiene. Einfach mal schauen was denn die Herren ‚post_koloniasatoren‘ Fadder_mäßig sich dabei dachten z.B. so genannte Afrikanische Kinder und Länder zu Bevormunden und Namen zu geben, die es anscheinend ja nicht geben soll in Stadtteil_politischen ‚turmoil‘ sonstiger Kritiken. Einfach mal außen vor lassen in der Bio-Klinse der Andropozentrik und wenn überhaupt, dann ein -support zur weiteren Bewegungen. Und das sage ich und schreibe ich aus einem Kalkül um Bramfeld als ‚Bereitschaft-Uni_deforma‘ ideologischer Parteienpolitiken zu weiteren körperpolitischen Denunziation. Ich finde die ‚a“k‘ und Strukturen drum herum schon etwas Schein heilig, wenn es jetzt mit einem ‚CW‘ all in ‚PR//ISM‘-jail ‚llah,..als das es in den urbanen Zentren der zu beschreibenden Ländereien im Wirtschaftlichen ‚Ox_moos‘ schon tg. Routine ist und bleibt, sich die Hand zu geben und gleich bleibendes Interesse zeigen um einen gemeinsamen Equal zu niederschreiben…ich meine – wie Arrogant muss Mensch sein, daraus ein Instrument zu ziehen, wenn es im Privaten doch eh ganz anders im Hetero-Kinderzimmer aussah…nun gut,..lassen wir das Mill’um-Tor‘ maul sein, denn am Ende zieht es eh in eine andere Sprache und Frau Wollrad hat den ‚Leviathan‘ auch in bare Münze gebracht…glaubt wirklich keiner mehr an ein honorables Gespräch mehr…nur noch Massen-EFX um ein wenig Mopo-Sarrazin von den Grünen IB & und Scholz in der Strese?

    Ich denke da viel mehr an weiteren Kommunikationen in der ganzen Welt mit meinen kleinem Bunker-PC….oder warum zieht es niemand in die sozialen Brennpunkte, wenn es auch im Filz um belangloses ‚Barbara studiert Islamwissenschaften und romanisches Recht, für den Revisionismus der arabischen Staaten im Geschlecht nicht zu akzeptierender Fleischer-Sprache…so called Mid-East…

  4. momorulez Juli 24, 2013 um 8:30 am

    @Vuv:

    Bei Deinen Kommentaren schwanke ich immer zwischen Faszination und Traurigkeit – weil ich den Spuren passagenweise folgen kann und „Wow!“ denke, und dann kollabiert irgendwas. Wäre der Letzte, der Anderen ihre Sprache austreiben wollen würde – und manchmal wünscht ich doch, ich könnte sie besser dechiffrieren, weil so viel drin steckt.

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