Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

„Du weißt, ich liebe das Leben …“

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Und jetzt wettern welche. Im Forum. Wegen Vicky. Vicky Leandros. Vergleichen „Ich liebe das Leben“ mit „Die Hände zum Himmel“ und ähnlichen Ausgeburten akustischer Hölle, Hölle, Hölle.

Liebe Leute, die das schruben, verreckt doch in eurer verheteten Gitarrendreckswelt, wo irgendwelche vermackerten Blues-Diebe wie vor dem Spiel „Living on the Edge“ gröhlen oder Punker und Hardcore-Spinner alles tradiert Schwarze und Schwule der Musik austreiben.

Mag auch ein Fussballstadion nicht unbedingt der richtige Ort sein, sich über dergleichen zu ereifern, auf unserem weht jetzt immerhin die Regenbogenflagge. Das heißt, sich der wehmütigen Lust hinzugeben, Camp zu verstehen und Camp vom Schlagermove zu unterscheiden. Das ist für viele so genannte Heterosexuelle gemeinhin echt eine Herausforderung. Aber sie lohnt sich!

Camp – diese Les- und Hörart als merkwürdige Aufhebung – im hegelschen Sinne, versteht sich, also das, was aufgehoben wird, bleibt im Aufgehobenen erhalten, verwandelt sich aber in etwas anderes – der Ironie in sich selbst, so dass gerade kein „Bad Taste“ dabei entsteht.

„Bad Taste“, das waren die Toten Hosen früher, der „wahre Heino“ und das, wofür sich die Goldenen Zitronen später schämten.

Camp hingegen ist, die Künstlichkeit und Lüge, die in Schmelz und inszeniertem Pathos liegt, so zu hören, dass das, was angeblich gemeint ist, tatsächlich wird – aber aus einer Distanz zum Gefühl, das besungen wird, heraus, durchlebbar wird. Das ist das Gegenteil des gar nicht möglichen Unmittelbaren, vermeintlich „Authentischen“. Manche meinen, das könne man gar nicht kalkulieren, weil es nicht funktioniert, wenn es geplant ist. Georgette Dee ist kein Camp, sie spielt nur damit – aber die Klamotten von ABBA in den 70ern sind es. „It’s now or never“ von Elvis auch.

Eben, wenn Udo Jürgens „Ich weiß, was ich will, von meinem Fenster aus, da kann ich Dich sehen“ zu Irgendwiedisco singt, dem betrunken nachts um 4 tatsächlich SEHNSUCHT und Entschlossenheit abzugewinnen und so zu tun, als würde er ernsthaft das in dem Song zum Ausdruck bringen, was er da singt in seinem kalkulierten Pophandwerk. Obwohl jeder weiß, dass das gemacht ist. Aber es kommt ernsthafter rüber als Tony Marshall. Schüttel.

Und je triefender, desto schöner – das hat mindestens ebenso Zarah Leander trotz ihrer Verstrickungen in den Nationalsozialismus einst zur Schwulen-Ikone werden lassen wie die tiefe Stimme. Dieser Blick …

Und der Trick ist, dass gerade WEIL das so sentimental und schmachzend und schön ist und man sich, wenn man nicht allzu viel Hornhaut auf der Seele hat, auch hinein begeben kann, trotzdem eine Distanz zum Gefühl eintritt. Weil es ja doch nur Schlager ist.

Deshalb sind auch die schönsten Disco-Hymnen, hier läuft gerade „Rock you Baby“, immer mit einer traurigen Unterströmung versehen. Das verleiht ihnen – wie auch den Schlagern, die campfähig sind, das sind ja die meisten ja gar nicht – eine Dimension der Erfahrung, ein Wissen, eine Wehmut, die Bollerhetentum einfach nicht versteht. Das kann eher auf Chris Roberts oder diese mit Mallorcabumsbeat unterlegten Horror-Schlager, die im Kliffkieker auf Sylt Sylvester zum Glück erst nach 12 laufen.

Nun ist Vicky Leandros immer auch zu schaurigen Gassenhauern fähig gewesen – aber dieser Brachialschmelz wie in „Aprés toi“, das ist schon feinst campy.

Und „Ich liebe das Leben“, hey, damals, als Mathias sich dann doch für meinen Rivalen entschied, da war das Überlebenshilfe. Wie auch „Nur wenn ich lache tut’s noch weh“ und „Wär ich ein Buch“ von Daliah Lavi oder „Komm wieder, wenn Du frei bist …“ von Tanja Berg 😀 … ja, das war ja das Schöne, ich konnte lachen, während ich litt.

Das war für mich immer Zentrum aller schwulen Subkuktur damals, diese Haltung, da, wo sie gut war.

Nicht zu vergessen „Mach noch mal, mach noch mal, was Du immer machst mit mir …“ 😀 😀 😀 . Von Dunja Rajter. Toll. War die B-Seite der Single „Ich glaub Dir“. Und „Am Samstag Abend war es wieder mal so weit …“ von Hanne Haller.

Ich liege hier gerade auf dem Rücken auf dem Sofa, tippe ins iPad und bekomme ständig Lachanfälle 😀 – da kursierte nämlich früher ein wundervoller Videomitschnitt der Familie Schmidt, wo herrlich schlecht geschminkte, wundervolle Trümmertunten (oder nur eine? Lange her!) verzerrte Gesichter zum Chor zogen, während sie so taten, als sängen sie ihn. Ja muss man gesehen haben, kann man sich aber auch vorstellen. „Ja, ich weiß, ich bin stark, doch ich wär so gern schwach …“ – herrliche Zeile. Lief im Radio, als ich einst mit H. in Kassel einfuhr, aber das ist eine andere Geschichte. Wie auch „Wir grüßen unsere Mitpatienten auf der Intensivstation“ und „Sue Allen, sauf weiter!“ Oder Pelle Pershing, der Heinz Schenk parodiert, der Zarah Leander parodiert … oder Sheldon Cooper. Danke noch mal!

MACHT MIR DIE VICKY NICHT MADIG! Ich finde es wundervoll, wenn das das Lied der Saison wird!

Aber eigentlich sollte das ja ein Spielbericht werden. War ein großartiger Abend am Millerntor! Danke, Jungs, dass ihr euch von diesen rummackernden Prügellöwen nicht habt beeindrucken lassen, weiter gegen gehalten und so verdient gewonnen habt!

PS: Ein paar Worte noch zu Herrn Kienhofer (schreibt der sich so?) – weil ich über den hier schon mal Bitterböses geschrieben habe. Es gab eine kurze Phase, da drohte das Spiel nur noch von seinen Pfiffen geprägt zu werden. Aber ganz am Anfang wie auch die komplette zweite Halbzeit hindurch fand ich es großartig, wie er bei einem Spiel, das eher was von Fingerhakeln oder Armdrücken hatte, volle Souveränität wahrte. Respekt!

50 Antworten zu “„Du weißt, ich liebe das Leben …“

  1. jeky Juli 20, 2013 um 9:39 pm

    Dass wir nochmal so vollumfänglich einer Meinung sein könnten – wer hätte das gedacht? 🙂
    Das Leben hab ich nämlich gerade gestern abend mal wieder besonders geliebt. *singendab*

  2. sparschaeler Juli 20, 2013 um 9:46 pm

    sorry für die störung

    aber “verreckt doch in eurer verheteten Gitarrendreckswelt” ist ganz großer sport.

    vielen dank

  3. momorulez Juli 20, 2013 um 9:56 pm

    Schön, dass ihr zwei rum schaut! Und ich gebe ja zu, dass nun auch viel eigene Geschichte mich das so vehement verteidigen lässt, aber es IST einfach superschön, das am Millerntor zu hören. Und die zitierte Formulierung kommt aber so was von ganz tief innen 😉 – Danke!

  4. ring2 Juli 20, 2013 um 9:58 pm

    I believe in the boogie (but the boogie don’t believe in me ;()

  5. geissy Juli 21, 2013 um 9:39 am

    *thumbsup* und +1
    Wobei ich den Schiri in der zweiten Halbzeit nachwievor nicht souverän finden kann.
    Rob, der Freund, sei noch erwähnt: die ständigen Hurensohnrufe hinter mir, die ihm galten, lassen mich wieder grübeln, meine restlichen Saisonkarten in der Schublade vergammeln zu lassen. Sowas, neben anderem, ist der Grund, warum ich jahrelang keine Ligaspiele des fcsp mehr im Stadion gesehen habe. Ich brauch so eine Kagge einfach nicht.

  6. momorulez Juli 21, 2013 um 10:11 am

    „Hurensohn“? Auf St. Pauli?

    Ich sitze ja auf der Haupttribüne, und da höre ich so was nicht. Das ist echt nicht die PC-Fraktion um mich herum, aber wenn wat Doofes kommt, wird auch gerüffelt. Wobei ich von der Gegengeraden auch schon viel Schlimmes hörte, gerade aus diesen Werberfraktionen, gar nicht von den „Prolligen“, kommt wohl der realkapitalistische Zynismus.

    Ich fand den Kienhöfer in Halbzeit zwei echt gut, und das Spiel war superschwer zu pfeiffen, weil kaum ein Zweikampf ohne Nickligkeiten verlief und alle hin fielen wie nix Gutes.

  7. Zaphod Juli 21, 2013 um 1:34 pm

    Danke für die Infos. Den Begriff Camp habe ich vorher noch nie gehört, bin halt in einer verheteten Gitarrendreckswelt aufgewachsen *g*. Jetzt weiß ich wenigstens, warum ich manche Schlager zumindest erträglich finde.

  8. momorulez Juli 21, 2013 um 1:41 pm

    Gern geschehen! Und bin ja auch immer mal in der Gitarrendreckswelt unterwegs – aber dann eher in poppigen und folkigen Regionen. Und Blur z.B. hatten auch queere Bezüge.

    Camp ist eigentlich ein Begriff aus den 60ern, zu Warhol-Zeiten. Es gibt dazu einen berühmten Essay von Susan Sontag. Ich find den Begriff immer wieder ganz brauchbar. Und zu allgemeineren St. Pauli-Ironieformen ist der eh eine Ergänzung.

  9. Pingback: Camp » Ring2

  10. Erik Juli 21, 2013 um 9:18 pm

    Dito / „Ich find den Begriff immer wieder ganz brauchbar. Und zu allgemeineren St. Pauli-Ironieformen ist der eh eine Ergänzung.“

    http://www.ring2.de/?p=142

  11. momorulez Juli 21, 2013 um 10:14 pm

    Hab ich gelesen 🙂 – mit den Empörten bei Deiner Facebook-Gruppe zu diskutieren hatte ich allerdings keine Lust. Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen gilt ihnen als verständlich 😉 …

  12. ring2 Juli 21, 2013 um 11:36 pm

    Ja. Deswegen habe ich sie hierher geschickt. Damit ihr Blick weit werde, campya! 😉

  13. Erik P. Hauth Juli 21, 2013 um 11:52 pm

    Camp hat mich schon immer fasziniert, wie Du weißt, und der unfokussierte Blick sieht so viel mehr; deswegen liebe ich auch solche vermeintlichen Hürden: ‚“to talk about camp is to betray it…”

  14. Kleinersschreiherausling Juli 21, 2013 um 11:59 pm

    Typisch für das Weißsein in der Musik der Weißen ist der Dreiklang aus Kolonialismus, Verklemmtheit und Aggression. Zunächst beklaut man schwarze Musiker, dann entfernt hetenweiße Verklemmtheit jedes tiefe Gefühl aus der Musik, degenerierte die Musik damit zugleich und versucht den dabei entstehenden, unmittelbaren Mangel durch eine Extradosis geradezu maschinenhafter Aggression auszugleichen. Exakt das gleiche Muster zeigt sich in der hetenweißen Sexualität: Frauen gegenüber verhält sie sich kolonial, und ist sie kommt zugleich verklemmt wie aggressiv daher. Spricht man solcherlei, ihr Weissein zelebrierende Musiker auf ihre geschmacklosen musikalischen Raubzüge an, auf das hemmungslose Ausbeuten schwarzer Musik, so gleicht ihre Antwort ganz exakt den Antworten, die ein hetenweißer Sexist von sich gibt, wenn er auf sein widerwärtiges Fehlverhalten angesprochen wird.

    Nirgendwo beweist sich der oben beschriebene, repressive Dreiklang des Weißseins, ein Dreiklang aus Kolonialismus, Verklemmtheit und Aggression so konsequent und frappierend wie in der Musik, finde ich. Ein Beispiel aus der Gitarrenmusik, das doch so offensichtlich ist: Einen schwarzen Gitarrenkünstler wie Jimmy Hendrix vergleiche man mit seinem weißen Pedant, Mark Knopfler. Wie seelenlos, wie maschinenhaft und wie zaghaft auf seelenlosen Wohlklang ausgerichtet statt auf tiefen Ausdruck! Oder man betrachte „weiße Rapper“ wie dieses räuberische Drecksarschloch mit seinem „Ice Ice, Baby“.

    Andes ist es jedoch, wenn weiße Heten einmal zuhören, was leider selten ist! Sobald weiße Musiker ihrer hetenweißen Grundproblematik ein Stück weit gewahr werden, welche Kraft, welche Intensität des Gefühls wird hier möglich, beispielsweise bei Nirvana, die sich sehr ausgiebig mit Feminismus und den Problematiken ihres hetenweißen Daseins beschäftigt haben! Erstaunlich, wie sich das konsequente Abstandnehmen von hetenweißer Repression sogleich in der Musik der jeweiligen Musiker auswirkt. Nicht nur die Musiker selbst, die Musik wird damit spürbar befreit und zugleich in jeglicher Hinsicht intensiviert, sie gewinnt Körperlichkeit und echtes Gefühl. Genau das Gegenteil von dem also, durch das sich der hetenweiße Schlager auszeichnet, nämlich Oberflächlichkeit, Künstlichkeit, Verlogenheit, Aggressivität, Reproduktion hetenweißer Repressionsregime usw. Mir fehlen dafür die präzisen Worte, ich bin noch mitten in meinen Überlegungen, aber es ist so schlagend evident, finde ich!

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  16. momorulez Juli 22, 2013 um 7:59 am

    @Kleinerschreiherausling:

    Ja, so ungefähr. Und man kann das ja alles anhand musikalischen Formen sich klar machen: Diese weiße Adaption schwarzer Musik, die gleichzeitig ihre Wurzeln zum Verschwinden bringt, zieht alles gerade, da groovet nix mehr. Und zugleich war die Gitarre das Instrument, die das vollzogen hat – im Soul noch ist es ja eher die Orgel, im Jazz das Piano, was trägt. Was – mal ab von den „Genies“ – ja eher das höhere Töchter-Instrument ist und in Deutschland den diskredierten „Liedermachern“ überlassen wurde, mal ab von Udo Jürgens. Irgendwie weichlich. Wie ja auch das ganze Männerbild im Soul ein sehr weiches, sanftes, Verführung durch Einfühlung ist. Genau das haben die weißen Rocker und Punker weg geschrien und marginalisiert, wenn es auch bei Bon Jovi noch durch schimmert, aber als weißer Schmerzensmann und nun so gar kein Vergleich mit Solomon Burke oder Marvin Gaye. Elvis hatte genau deshalb diesen Mordserfolg, weil er da gelernt hat – aber mit dem Punk war der ja auch out. Auch Falsett-Gesang ist ’ne schwarze Tradtionslinie, es steckt da mittendrin viel Queeres.

    Das ist aber ja auch so eine Spur in dem Vicky-Song – ich höre doch da ein Banjo, ist das richtig? Da taucht mittendrin ein vergessenes Element schwarzer Musik auf, das Banjo ist wie so vieles eine Weiterentwicklung westafrikanischer Instrumente. Dass das nun gerade von den Sklavenhaltern zu dem ihren gemacht wurde ist ganz und gar gruselig. Ich muss selbst noch rein hören, das ist aber, meine ich, das Element, das dieses so seltsam Beschwingte des Songs generiert. Und das vergleiche man dann mal mit Headbanging.

    Vicky kommt zudem aus Rembetiko-Zusammenhängen, wenn ich nicht völlig irre. Rein musikalisch. Das ist auch eine extrem spannende Geschichte, das ist das, was zum Sirtaki vermassentauglicht wurde – Arbeitermusik aus Griechenland. Wo sich nun auch wieder allerlei Spuren Marginalisierter und ihrer Musik finden lassen. Die hörte man auch im Besiktas-Fanlied.

    @Ring2:

    Ich bin mir zwar immer nicht sicher, ob wir das gleiche mit Camp meinen, aber das macht ja nix 🙂 …

  17. momorulez Juli 22, 2013 um 8:16 am

    PS: Wo Erik gerade bei Facebook auch was über den Susan Sontag-Essay gepostet hat – eine sehr intensive, wenn nicht die intensivste Auseinandersetzung mit Camp ist „Der Kuss der Spinnenfrau“ von Manuel Puig, da freilich auch eine Auseinandersetzung mit dessen politischer Naivität. Ein Kommunist und ein sehr „tuntiger“ Schwuler zusammen in einer Gefängniszelle zu Zeiten der argentinischen Militärdiktatur – kann ich hier nicht vollumfänglich wieder geben, aber es sollte jeder gelesen oder zumindest die Oscar-prämierte Verfilmung mit William Hurt gesehen haben. Das geht auch mitten hinein in dieses u.a. dank Clement Greenberg für die Linke so lange so wichtige Thema „Kitsch und Avantgarde“, also die propagandistischen Möglichkeiten der Massenkultur.

  18. jeky Juli 22, 2013 um 10:32 am

    Wie üblich verliere ich in den Kommentaren dann auch mal wieder den Faden, macht aber nichts.
    Was Vicky angeht: das Ding hat genau 1:30 Minuten gedauert. In denen, wie auf den Videos ersichtlich ist, eine Menge Leute richtig viel Spass hatten. Und da die Mannschaft ja sonst auch immer so wichtig ist, finde ich es sehr ok, wenn man den Wunsch der Mannschaft erfüllt UND dabei Spaß haben kann.

    Das schlechtzureden ist einfach lächerlich und zeugt von einer erheblichen Intoleranz. Immer mitschwingend der Gedanke „Wir sind zwar total gegen Homophobie, aber bleibt uns weg mit schwulem Schlager“. Sagt zwar keiner so deutlich, aber ich müsste mich sehr irren, wenn dieser Gedankengang so aus der Welt wäre.

    Ich finde gerade das Unerwartete daran, Vicky Leandros am Millerntor vorzufinden, herrlich. Und vom Text her dann auch noch passend. Wer es lieber St.Pauli-mäßiger hätte, kann ja statt „das Leben“ einfach „St. Pauli“ singen.

    Am meisten würde ich allerdings abfeiern, wenn zu einer anderen Gelegenheit ein a cappella gelänge, ohne die von dem einen oder anderen moniert Musikkonserve. Wobei mir entgangen ist, dass AC/DC und Blur vierzehntägig eingeflogen werden, um zu performen. Das können wir ja dann von den 1,7 Mio finanzieren 😉

  19. momorulez Juli 22, 2013 um 11:11 am

    Das finde ich ja das Irritierende, dass bei „Hell’s Bells“ und „Song 2“ keiner motzt oder wochenlang vorher angekündigten „You’ll never walk alone“-Versionen, aber hier nun auf einmal der Aufstand bei manchen tobte. Nach dem Sieg gegen die Bayern einst lief übrigens auch „Wunder gibt es immer wieder“ von Katja Ebstein. Es kam noch als Argument, so was würde dann die Junggesellenabschieds- und Schlagermove-Fraktion ins Stadion ziehen – die ist doch aber eh schon da und geht genau so zu Bon Jovi ab, was vor dem Spiel lief. Deshalb war mir ja so wichtig, das Thema hier noch offensiv zu verschwulen 😀 (was es ja ist, ich kenne den Song aus der schwulen Szene) – und des Sparschälers Hinweis, dass Soul-Hymnen und Jazz-Standards nun auch St. Pauli-like sind bei Twitter, das ist ja einfach wahr. Möchte nicht wissen, was abginge, wenn z.B. „Somewhere over the rainbow“ liefe … da würde ich dann aber richtig böse.

    Ich würde da jetzt gar nicht unbedingt auf Intoleranz verweisen, aber dass mit „bleibt uns weg mit dem schwulen Schlager“, da ist bei dem Song einfach was dran. Anders, als wenn da jetzt der Müll aus der Ecke gespielt würde.

    Es gab nun aber auch so unendlich viele positive Reaktionen, und wir sind uns sogar mit dem Übersteiger einig 😉 – bin ich in letzter Zeit aber eh meistens.

  20. jeky Juli 22, 2013 um 12:01 pm

    Och, ich finds schon intolerant, andere Musikrichtungen so abzudissen und vor allem „den einen“ als st.pauli-like auszupreisen.

    Aber egal, Sie haben Recht, die positiven Reaktionen überwiegen bei Weitem. Find ich gut.

  21. momorulez Juli 22, 2013 um 12:05 pm

    Und ich disse ja auch die verhetete Gitarrendreckswelt 😉 – und finde, dass das mit Intoleranz nichts zu tun hat, sondern eher legitime Selbstverteidigung ist. Das wurde mir aber auch schon als „gefährlich“ ausgelegt, was aber, glaube ich, daran liegt, dass man da einen Finger in die Wunde des Selbstverständnisses weißer, heterosexueller Gegenkulturen legt.

    Aber in der Conclusio sind wir uns einig 😉 – ich finde es auch gut!

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  23. Kleinersschreiherausling Juli 22, 2013 um 4:36 pm

    Wie verhält es sich eigentlich mit elektronischer Musik aus der Perspektive von Critical Whiteness und schwarzen Menschen? Einerseits sehe ich auf Anhieb nicht, wie hier weiße Musiker schwarze Musiker beklaut haben könnten, andererseits sind Synthesizer als Instrumentengattung nicht per se Inkarnation weißer Privilegien? Also ausgrenzend und kolonial? Sind sie als Instrumente nicht sogar eine Art mieser Trick, um damit schwarze Menschen und ihre musikalischen Beiträge unsichtbar zu machen?

    Nimmt man als Blaupause Depeche Mode als Ausdruck eines mehr als weißen Lebensgefühls, dann stehen Synthesizer und elektronische Musik unterhalb der verheteten Gitarrendreckswelt oder auf der gleichen Stufe. Dazu passt dann dass sich Depeche Mode nach ihrer Synthesizerphase übergangslos als Gitarrenmusiker geriert haben, ohne jegliche Umstellungsprobleme.

    Ich bin nämlich am überlegen, ob ich mir einen Syntheisiszer anschaffe. Irgendwie finde ich diese Dinger schon irgendwie sexy.

  24. momorulez Juli 22, 2013 um 8:29 pm

    Ganz knapp, weil ich gerade unterwegs bin: Das spielte schon in Disco-Sounds eine große Rolle, bei Moroder, und in Detroit und Chicago, auch im New Yorker Disco-Underground spielten auch alle möglichen Gerätschaften eine Rolle wie überall auch Kraftwerk. Das ist eine kompliziertere Gemengelage, weil zudem in UK Black Music noch mal anders, offener, rezipiert wurde als in Deutschland.

  25. momorulez Juli 23, 2013 um 9:21 am

    PS: Africa Bambaata und Nile Rogers hätte ich diesem Zusammenhang noch erwähnen müssen. Und „Rip it up and start again“ von Simon Reynolds, das ist mein Hauptbezugspunkt, wenn ich hier über Popmusik schreibe. Ungemein wichtiges Buch. Und Alexander Weheliye, der hier neulich bei der Queer AG einen Vortrag über das Austreiben der schwarzen und schwulen Wurzeln im Berliner Techno zugunsten eines nationalen Narrativs hielt. Und auch Noah Sows aktuelles Album (bzw. Noiseaux) – Electro-Loop-Chansons, der Name sagt nämlich alles. Das Repitetive, so auch der Loop, ist eher eine schwarze, musikalische Form. Und der Bezug zum modalen Jazz besteht darin, dass oft nicht die Harmoniewechsel in House und Techno ausgelotet werden. Da stehe ich aber auch noch ganz am Anfang, das auszuloten.

    Das ist wahnsinnig komplex, das Thema. Aber neue Technologien arbeiten ja immer mit Ton- und Klanggeschichte, so ist Soul in House-Music aufgehoben – und da kommt es dann ganz drauf an, wie man das dann musikalisch thematisiert.

  26. Kleinersschreiherausling Juli 23, 2013 um 11:50 am

    Ich habe noch einmal darüber geschlafen.

    Also mit Disco wie du verbinde ich Synthesizer zunächst einmal garnicht. Da staune ich aber über deine Bemerkung! Ich kenne mich ja nicht so aus, aber die ursprüngliche Discomusik kommt prima ohne Synths aus, wenn mich meine Ohren nicht täuschen. Wenn man zwischen „Schwarzer Discomusik“ und „weißer Discomusik“ trennen wollte, dann wäre der Einsatz von Synthies in der Discomusic ganz klar „weiß“ und die ursprünglichere, synthfreie bzw. syntharme Version von Disco ist „schwarz“. Wobei ich als Weißer Discomusik, so geil ich sie ja auch finde, sowieso garnicht machen darf. Das wäre Ursupation! Ich beklaue doch keine Marginalisierten. Genauso wenig kann ich als Weißer bedenkenlos Hip Hop machen. Geht ja garnicht, weil ohne Beklauen von Schwarzen überhaupt nicht denkbar..

    Wo ich darüber geschlafen hatte, fiel mir auf, dass ich meinem Weißsein sowieso nicht entkommen kann. Das ist leider so, aber damit ist das Nachdenken noch nicht beendet. Bei der Instrumentenwahl, was im Moment ja mein Problem ist, ist meiner Meinung nach die Fragestellung primär, inwieweit man sich als Weißer damit als Ursupator geriert, aber auch, ob man mit dem eigenen Instrument als Weißer anfängt, schwarze Kultur zu verdrängen. Ein klares Nogo ist in diesem Zusammenhang das von dir schon genannte Banjo, aber auch bei der Gitarre stehe ich in der Gefahr, schwarze Menschen zu beklauen, allein schon von den Spieltechniken her. Synthesizer sind schon eindeutig weiße Dreckscheiße, aber als Weißer begehe ich nun einmal den schlimmeren Fehler, wenn ich bei der Instrumentenwahl kolonial vorgehe, das heißt, wenn ich mir ursprünglich oder gar genuin schwarze Musikmetiers und Instrumentengattungen kolonisierend aneigne. Im Grunde genommen gibt es kein einziges modernes Musikinstrument (mal abgesehen von Waldorf-Instrumenten, die ich entsetzlich öde finde – mithin „typisch weiß“) fernab von Synthesizer, Keyboard und Orgel, bei dem ich keine schwarzen Menschen kulturell beklaue! Okay, Schlagzeug geht wohl noch, allerdings dann frei von Percussion! Klarinette würde vielleicht auch noch gehen, aber damit beklaue ich (und verdränge kulturell) dann wieder jüdische Kultur, oder? Ohne die jüdischen Spieltechniken fände ich eine Klarinette auch ziemlich öde. Bei Akkordeon weiß ich nicht genau, aber irgendwie ist mir das Instrument viel zu deutsch, warum auch immer. Ich glaube, Akkordeon ist auch nicht unheikel. Die wurde in Deutchland ja mehr oder weniger erfunden bzw. massenkompatibel gemacht, dank der Meistermusikbauer aus dem musikalischen Dreieck, aber in der Klezmermusik spielt das Akkordeon ja wieder eine große Rolle. Da würde ich also am Ende doch als wieder kolonial verdrängend. Da mich Schlagzeug und Akkordeon aber sowieso nicht interessieren, und die gräßlichen Instrumentschaften der Marschmusik (Lyra! Oder eine schrill klingende, verkrüppelte Piccoloflöte! Mir blutet gleich das Ohr, wo ich nur daran denke!) und der sogenannten Waldorf-„Reform“-Kultur heftig abstoßen, bleiben mir als Weißer also nur Keyboard, Synthesizer und Orgel. Orgel finde ich etwas unhandlich, und ein simples Keyboard ist mir zu unexperimentell. Mit Begleitautomatiken Musik machen, also nein! Wie kann man nur.

    Außerdem finde ich den „Venom“ meines Kumpels schon von Namen her cool, er klingt als Synthesizer beeindruckend kraftvoll, finster und heftig. Unter den Synthesizern ist er ein richtiger Außenseiter, kaum jemand kann ihn leiden. Passt also zu mir und für 150 Tacken wird er dann wohl meiner. Ich schlaf aber noch mal eine Nacht darüber. Wenn ich es richtig sehe, gibt es nicht einen einzigen bedeutenden schwarzen Erbauer von Synthesizern. Es gibt auch keine schwarzen Schulen oder schwarze Pioniere in der Synthesizermusik. Das ist mir sehr wichtig, denn dann beklaue ich als Weißer hier auch keine schwarzen Menschen, wenn ich mich für Synthesizer als Instrument entscheide. Was die Pionierverdienste im Bereich Synthesizer betrifft, habe ich Giorgo Moroder nicht auf dem Plan gehabt. Ich habe ja auch null Ahnung, aber ich habe hier eher Leute wie Wendy Carlos oder die deutschen Krautrocker im Ohr. Ich finde, Kraftwerk ist eine Ableitung dieser Krautrockerei. Das Maschinenhafte, das streng Konzeptionelle von Kraftwerk ist mir aber „zu deutsch“ bzw. zu seelenlos und zu wenig körperlich. Wobei Krautrock, zumal als ziemlich deutsche Musik, ja wirklich erstaunlich finde, auch erstaunlich körperlich und organisch. Richtiggehend undeusch und auch nicht sehr heterosexuell! Krautrock enthält kaum etwas vom Dreiklang weißen Musikschaffens aus Kolonisation bzw. Ursupation, hund belästigender Aggression. Wobei mir im Moment kein einziger schwuler Krautrocker einfällt. Ich habe ja eigentlich kaum eine Ahnung von solchen Sachen. Krautrock liegt auch weit vor meiner Zeit. Wieder mal Bildungslücke bei mir.

    Aber so Sachen wie sie Matias Aquayo macht, die interessieren mich viel mehr! Den kennst du sicher. So ähnlich würde ich gerne klingen. Damit beklaue ich vor allem auch keine Schwarzen Musiker. Denn das, das ist meine absolute Priorität. Kurz gesagt, wenn schwarze Musiker wertvolle Aktien daran haben, dann Finger weg! Ich frage mich ganz ernsthaft, warum Weiße damit Probleme haben. Einfach mal keine schwarzen Menschen beklauen! Einfach mal nicht als Kolonisator oder Ursupator auftreten! Ist das so schwer? Viele weiße Leute machen sich da ja leider gar keine Gedanken.

    Was du über den Loop schreibst, das halte ich für kompletten Bullshit, tut mir leid. Das ist eine typisch weiße Kolonialfloskel, die du da wiedergibst. Damit wird auf die „Urwaldmusik der Schwarzen“ angepielt. Das finde ich nicht nur sachlich falsch, sondern schon als Denkfigur als diskriminierend, ja sogar schon regelrecht rassistisch! Repititive Figuren gibt es in der Musik ja wohl überall, ganz ausnahmslos, oder siehst du das anders? Durch den Verzicht auf Repitition gelangt man wohl zur Kunstmusik oder zur Neuen Musik, aber mir ist solche Musik dann zu unbehaglich. Außerdem sind die Kompositionstools seit spätestens den 80er Jahren sehr stark auf Repitition abgestellt. Da kann ich nichts originär Schwarzes erkennen. Africa Bambaata halte ich im Gegensatz zu dir nicht für einen musikalischen Pionier. Der hat erst einmal gemacht, was weiße Kiddies auch gemacht haben. Nämlich, sich hübsch gründlich von Kraftwerk inspieren lassen! Das meiste, was er im Rahmen elektronischer Musik musikalisch veranstaltet hat (zum Beispiel die von ihm so geliebten Orchesterhits), das gab es doch schon lange vor ihm. Ist doch okay. Ich mag Afrika Bambataa schon, und wird bei mir in der Rubrik „electronic Funk“ einsortiert. Warum auch immer, für mich passt das. Man hört bei ihm schön heraus, dass er sich auch bei den Klassikern der Wave Music gründlich bedient hat, sogar bei Depeche Mode. Dort, wo er dann wirklich originell war und auch Originäres lieferte, da beeinflusste er wiederum keine weißen Musiker. Insofern sortiere ich Africa Bambaata eher in einen folgenlosen Seitenstrang der elektronischen Musikgeschichte ein. Es gab ihn, aber für weiße Musiker blieb er ziemlich unwichtig. Außer, dass sie ihn bewunderten. Er wurde von Weißen nicht kopiert. Kann man einerseits schade finden, ist ja auch mal schön. Noah Sow kenne ich bislang nicht. In ihre aktuelle Musik habe ich auf deine Anregung hin mal reingetubed, was einige Suchanstrengungen erforderlich machte aber mich interessiert das alles nicht. Ihre musikalische Bandbreite finde ich aber schon spannend. Mit dem Heimlich Manoever, aber auch anfangs als Noiseaux hat sie genau die Art von weißer Alternativgitarrenmusik gemacht, die du so derbe zum Kotzen findest.

    Ihren akustischer vorgetragenen Song „Stempel“ könnte hingegen auch gut von Ina Müller vorgetragen werden. Ganz ernsthaft, sie sollte ihn Ina Müller mal anbieten.

    Kurz zurück zu ihrer aktuellen elektrischen Musik. Die meinst du nehme ich an. Da habe ich ganz schön im Internet rumwühlen müssen, um das Aktuelle von ihr zu finden! Ich beziehe mich da jetzt auf den Beitrag auf PhonanzaFM und eine halbwegs aktuelle Mitschnitte auf Youtube und der dort hörbaren Musik von ihr. Ich fnde, ihrem elektronischen Musikgerüst könnte oft noch etwas Komplexität und Groove vertragen. Bis zu ihrem Stück „Chaos“ vermeinte ich aber auch: Eine sehr deutsche Kopf-Musikerin. Ihr gitarrenloses Stück „Chaos“ gefiel mir dann aber mal so richtig gut! Echt klasse. Mit einem Matias Aquayo (meinem musikalischen Helden) würde ich sie trotzdem nicht vergleichen, da kommt sie nicht ran. Vergleiche von Künstlern sind zwar sowieso kacke, aber wenn man sich schon an Polyrhythmik rantraut, dann doch wohl eher so. Mein erster Eindruck ist jetzt, dass sie als elektronische Musikerin spannende, schöne (und etwas kitschige) Musik macht, wenn die Songs ursprünglich für die Gitarre gedacht waren. Offenbar findest du aber sehr viel an dieser Musikerin, sonst hättest du sie nicht genannt. Nicht, dass ihr Kram völlig verkehrt ist, bitte nicht falsch verstehen, aber ich verstehe nicht, warum du sie als elektronische Musikerin so heraushebst? Da kann ich sogar mit Momofoko schon mehr anfangen, die ja ebenfalls beachtliche Live-Befähigungen mit elektronischer Musik verkoppeln. Da würde ja auch niemand ernsthaft behaupten wollen, dass diese Leute etwas musikalisch wirklich bemerkenswertes veranstalten. Wobei ich bei Noah Sow im Vergleich deutlich eher erwarten würde, „dass da noch was kommt“. Auf mich wirkt ihr aktuelles Schaffen so, als ob sie in einer musikalischen Durchgangsphase ist, wo sie viel herumexperimentiert, alte Zöpfe abschüttelt und neue Techniken für sich erarbeitet. Zumal auf ihrer neuen „Gitarre“. Da könnte auf ihrem musikalischen Reiseweg vielleicht noch etwas für mich richtig Spannendes herauskommen, ihren Namen habe ich mir jedenfalls jetzt notiert. Ich werde den Verdacht auch nicht los, dass ich da viel zu streng urteile. Warte mal ab, bis ich auf meinem Venom herumstümpere! Harhar. Das wird bei mir ein ganz typischer Fall von Fresse ganz weit aufreißen, aber selbst nichts drauf haben. LOL.

    Was würde ich dafür geben, mal so etwas wie die tollen Sachen von Aquayo oder Santigold hinzubekommen! Vermutlich wird es nur für irgendein austauschbares Umm-taa-taa bei mir langen. Wie das eben so ist.

    Was Nile Rodgers betrifft, stelle ich mal wieder fest, wie wenig Ahnung ich habe. Den Namen hatte ich überhaupt nicht so richtig auf dem Zettel und was hat der für schweinegeile Musik gemacht und produziert! Ich dachte immer, dass das Thema „Synthesizer“ für ihn eher eine Nebenrolle gespielt hat. Da sehe ich mal wieder, dass ich null bis wenig Ahnung habe. Aber egal, Nile Rodgers ist ein richtiger Musikgott, wirklich anbetungswürdig, ganz egal, wie elektronisch er dabei ist.Was die von dir erwähnte „nationale Erzählung“ betrifft, da ist mein Standpunkt, dass elektronische Musik sowieso keine Nation kennt. Möglicherweise ist das auch so ein regionales Problem, die Berliner halt mit ihrem übertriebenen Selbstbewusstsein halt. Die glauben dann halt, sie wären überall die ersten gewesen, dabei hängen sie doch seit Urzeiten am Tropf der anderen!

    Ich glaube irgendwie nicht, dass Nile Rodgers damit recht gehabt hat, dass er die Trennung zwischen schwarzer und weißer Musik bewusst hintertrieb. Ich sehe das als Schwächung schwarzer Musik und schwarzen Musikschaffens, zumal er mit seinen musikalischen Kooperationen auch weißen Musikern den Weg ins Geschäft mit schwarzer Musik bahnte! Schwierig, sowas, jedenfalls vom Standpunkt eines aufgeklärten Weißseins. Am Ende steht doch bei so einem Prozess die Assimilation! Das kann es nicht sein. Wenn ich es so überlege, sollte vielleicht doch konsequent alles vermieden werden, was der schwarzen Musikkultur ihre Identität raubt. Andererseits führt das vielleicht in eine Art musikalischen Separatismus und eventuell in ein musikalisches Ghetto, bei dem schwarze Musiker dann nur noch für ein schwarzes Publikum Musik machen. USA der 60ger Jahre, musikalische Apartheit. Schwierig, das Ganze. Für mich bleibt trotzdem essentiell, dass ich weder mit schwarzen Instrumenten, noch mit schwarzen Musikstilen (also auch Disco) Musik machen werde. Das ist und bleibt einfach Raub, ganz egal, wie ich es begründe. Wie könnte ich das verantworten?! Ich werde am Venom (noch ist er nicht meiner) aller Voraussicht nach immer ein Stümperer bleiben, aber nicht auszudenken wäre es, wenn ich als Weißer doch unverhofft musikalischen Erfolg haben sollte, und den dann auf eine Weise erlangt habe, dass ich zuvor schwarze Musiker, ihre besonderen Spielweisen oder Instrumentenbauer beklaut habe. Kolonialherr will ich nicht sein! Trennen ist besser. Jedenfalls für mich als Weißen. Das Recht auf bewusste Durchbrechung der musikalischen Weißseinsgrenzen kann nur vom Marginalisierten aus gehen, so wie ich es verstehe. Also Synthesizer für mich. Punkt.

  27. momorulez Juli 23, 2013 um 12:33 pm

    Ich gehe da mal nicht auf alles ein, das ist ja in sich alles ganz spannend, und ob der Länge frage ich mich, ob Du hier schon mal unter anderem Namen kommentiert hat.

    Das Wegweisende in der ganzen House- und Techno-Entwicklungslinie gründet auf Moroder. Das ist von Anfang an hybrid, würde ich mal sagen – Disco als in Gay-Communities entstanden und sehr stark vom Soul, vom Philli-Sound usw. geprägt ist halt ein urbanes Gebräu und nicht im selben Sinne schwarz wie der Blues oder der ganz frühe Jazz. Und Moroder wiederum hatte einen starken Einfluss auch auf den Hip Hop, auf House sowieso. Das ist eine andere Entwicklungslinie als die von ELP zum Artrock usw. Aber das ist die in diesem Kontext Maßgebliche.

    Die Frage nach den Instrumenten: Es sind auch sehr viele Sinti- und Roma-Musiklinien, die zusammen mit dem, was auch jüdische Traditionen sind, was de facto oft eng miteinander verwoben war, sozusagen die Ursuppe europäischer Folkore ausmacht – zusammen mit keltischen Weisen. Die Instrumente lassen sich da nach Herkunft nachverfolgen, die Klarinette z.B. aus dem kleinasiatisch-persischen Raum. Daraus wurde das Saxophon, und das wurde erst im Jazz richtig groß, wurde aber von einem Belgier erfunden. Das ist aber kein Klau bei den Belgiern. Sondern es kam darauf, was sie draus machten. Und bereits in den 20er Jahren, in den späten 40ern und 50ern verschärft, setzte im Jazz eine intensive Auseinandersetzung SOWOHL mit (west-)afrikanischen als auch europäischen Traditionen ein. Da wurde der auch Hybrid, wobei freilich der soziale Raum, in dem musiziert wurde, maßgeblich wurde -. Weiße machten Kunst am Konservatorium, Schwarze spielten oft vor ausschließlich weißem Publikum im Unterhaltungssegment. Und es waren Jazzer wie Charlie Parker, John Coltrane, Miles Davis, denen es gelang, selbst das „Hochkultur“-Feld zu entern.

    Da ist man dann bei dem, was Du meinst, wenn Du glaubst, das Repitive wie auch den Loop als auf eher afrikanischen und afroamerikanischen Traditionen aufbauend zu lesen sei rassistisch. Das wäre es dann, wenn man dem die ach so überlegene, europäische Harmonik gegenüber stellen würde als das Höhere. Weil dann verkannt wird, dass es a.) eine ausgefeilte Harmonik auch in den diversen „afrikanischen“ Kulturen gab und gibt und b.) dass die Polyrhtythmik nicht minder komplex ist und, wenn man genau hin hört, selbst so etwas wie eine Harmonik erzeugt.

    Umgekehrt wird ein Schuh draus: All das, was in der europäischen Tradition als „Hochkultur“ galt und was in höfischen und kirchlichen Zusammenhängen zumeist entstanden ist, später auch in bürgerlichen, hat durchaus „Volkstümliches“ abgegriffen und angeblich „kultiviert“ und zudem all das Schamanische, was es hier, in Nord- und Südamerika, Russland und sonstwo auch gab, ausgemerzt, ja, ist sogar systematisch darauf ausgelegt – eben eine spezifische Form der vermeintlichen „Kultivierung“ als höherwertig, fortgeschrittener usw. anzusehen. Daraus speist sich sich White Supremacy. Das aber völlig zu Unrecht, weil die Komplexitäten bis hin zur Bewertung des Tanzes dabei einfach weg gebügelt wurden. So ist es auch kein Zufall, dass antikoloniale Widerstandsbewegungen sehr oft in Form des Tanzes auftraten – der Bloco Afro in Brasilien wie auch die Geistertanzbewegung in den USA sind dafür Beispiele. Der Rassismus entsteht dann, wenn man dem Wertigkeiten aufbügelt. was bei Techno ja übertragen AUCH passierte: Dass irgendwelche Feuilleton-Bildungsbürger vor Rassismus triefende Texte schruben, die nach dem Motto „Wie die Wilden!“ abqualifizierten. Anstatt zu merken, wie cool das ist, weil da als Echo z.B. Trance-Techniken, die Du in Südstaaten-Kirchen auch beobachten kannst, mit laufen. DAS aber nun wiederum sich zu VERGEGENWÄRTIGEN und es wie auch immer in der Musik, die man macht, auch zu REFLEKTIEREN in der MUSIKALISCHEN FORM bei gleichzeitigem Respekt gegenüber dem MATERIAL, mit dem man hantiert, das sehe ich als den Weg. Wobei es berechtigte Ansätze aus den Black Communities gibt, dass es vielleicht besser wäre, Weiße würden einfach ihre angestammten Plätze in der Kunst- und Kulturproduktion räumen, einfach mal die Schnauze halten und zuhören gibt.

    Beim Banjo ist das insofern etwas Besonderes, als dass da eben die Herkunft aus der Geschichtsschreibung schlicht gestrichen wurde. Und darum geht es. Es sich zu vergegenwärtigen und, indem man sich mit dem Instrument beschäftigt, und dabei „White Supremacy“-Haltungen aufzugeben, indem man sich mit der Historie auch gleich mit auseinandersetzt.

    Alles andere hat eher mit der Frage der Produktivkraftentwicklung zu tun, dem „technischen Fortschritt“, der immer schon in kolonialen Verhältnisse gründet – Dreieckshandel usw.. Die ganze Möglichkeit der symphonischen Musik ist schon ökonomisch in kolonialen Verhältnissen gegründet, ebenso die Möglichkeit, das Saxophon industriell herzustellen oder den Synthesizer zu erfinden.

    Ich bin mir gerade nicht sicher, ob Du nun die fünfundzwanzigste Dean-Inkarnation bist, der versucht, die hier vertretenen Ansätze durch Anwendung ins Absurde zu drehen oder mein Geist aus der SPAM-Sektion oder jemand Neues, aber etwas komplexer sollte man das Ganze schon angehen. Das Problem beim Rock z.B. ist, dass es irgendwie gelungen ist, dass es gelungen ist, Rockmusik als „weiß“ zu lesen – so daß z.B. in allen Musikmedien auf einmal als ganz fürchterlich besonders proklamiert wurde, dass der Bloc Party-Sänger schwarz war. Da wurde Erinnerung vernichtet, genau so, wie wenn im ZDF die 50 Jahre Rock-Sendung mit Bill Hayley anfangen lässt. DA entstehen dann diese ganze Scheiße. Die Debatte darüber, ob Punk nicht homophob, sexistisch und rassistisch sei, ist so alt wie der Punk selbst, und darauf hat vielleicht nicht Patti Smith, aber darauf haben Johnny Lyndon mit P.I.L.., The Clash oder Blondie ja immer schon reagiert. Auch die Talking Heads, die dann aber auch dieses Setting „Vorne weißer Mann mit Anzug, dahinter schwarze Background-Sängerinnen“ praktizierten, was Jan Dealy heute auch noch macht.

    Und trotzdem finden sie sich in Deutschland den Vorwurf der Ver-N-Wort-ung ein, weil sie mit schwarzen Rhythmen spielten. Das hörst Du auch in vielen Gothic-Strängen, im Heavy Metal, dass sich auch Black Music aufgepropft wurde, zugleich das Schwarze in der musikalischen Form aber eliminiert wurde. Da wird es dann richtig übel. Weil immer wieder die Schwarzen und Schwulen zum Verschwinden gebracht wurden. In Deutschland am allerstärksten, in Großbritannien ist die Hybridität stattdessen viel ausgeprägter. Duran Duran haben sich von Nile Rogers produzieren lassen. Bronski Beat haben Gershwin gecovert, das ist eigentlich ganz interessant. Da wird man immer noch genug White Supremacy und Geklaue finden, aber zumindest aus der Distanz erscheint mir die Auseinandersetzung produktiver gewesen zu sein. Da lasse ich mich aber gerne eines Besseren belehren.

  28. golden_thunder Juli 23, 2013 um 1:43 pm

    ich stimme dir fast 100% zu, nur muss ich hinzufügen, dass „living on the edge“ mit seinem macker-pathos ebenso camp sein kann und ich es genauso liebe!

  29. Kleinersschreiherausling Juli 23, 2013 um 4:39 pm

    Sorry für den superlangen Text, aber das hat mich über Nach in Zusammehang mit dem anstehenden Kauf halt alles schon interessiert. Spannend finde ich natürlich wenn andere Leute hier enspannter mit kolonialen Verfasstheiten in der Musik umgehen und meinen, dass ein Bewusstmachen ausreichend sei. Das ist nicht meins, da bin ich dann gerne konsequenter. Andererseits merke ich auch, wie das Schreiben von bestimmten Dingen, mich bzw. meinen Standpunkt verändert. Nachdem ich diesen langen Test geschrieben habe, ist er bereits Vergangenheit für mich. Das ist merkwürdig. Bei mir hat sich am Ende ein „ist doch alles egal“-Gefühl entwickelt, das ich nicht so ganz erklären kann. Vielleicht ist es so, dass das Verkopfte mit dem Aufschreiben jetzt aus mir raus ist. Bei mir zählt im Moment eigentlich nur noch das Spielerische und die Vorfreude auf meinen Venom, der es wohl werden wird. Kennst du Matias Aquayo überhaupt? So etwas Spielerisches wie sein Song „rrrrr“, das ist jetzt das, was meine neue Haltung am besten zum Ausdruck bringt. Obwohl ich mir damit völlig widerspreche, glaube ich jetzt, dass Nile Rodgers recht hatte. Ist aber nur so ein Gefühlsding bei mir, begründen kann ich das nicht.

  30. momorulez Juli 23, 2013 um 5:46 pm

    @Golden Thunder:

    Meinste echt? Deine Liebe zu ’nem Song zu kommentieren steht mir nicht zu, aber für mich das irgendwie ein anderes, kulturelles Feld. „Bed of Roses“ mag aber sogar ich 😀 …

    @Kleinerschreiherausling:

    Das ist ja nicht nur reine Bewusstmachung, sondern hat viele praktische Implikationen, Jan Delay sollte sich z.B. vielleicht in Background stellen und die schwarzen Frauen singen vorne.

  31. golden_thunder Juli 23, 2013 um 6:12 pm

    das mit meiner eigenen liebe war auch nur ein unbedeutender anhang 😉 aber dieser song hat zwar sicher einen anderen kulturen ursprung, auf ihn ist aber folgendes genauso anwendbar – und da zitiere ich sehr gerne deine richtige begriffsklärung – „Camp hingegen ist, die Künstlichkeit und Lüge, die in Schmelz und inszeniertem Pathos liegt, so zu hören, dass das, was angeblich gemeint ist, tatsächlich wird – aber aus einer Distanz zum Gefühl, das besungen wird, heraus, durchlebbar wird.“ genauso/deswegen wird und ist livin on the edge, bed of roses oder november rain, camp. und zum glück auch vicky 😉

  32. momorulez Juli 23, 2013 um 6:18 pm

    Aber ist das nicht viel ernsterer Pathos? „November rain“ und „Don’t cry“ sind nun auch die einzigen Guns’n’Roses-Stücke, die ich auch mag, und bei „Living on the edge“ würde ich „Bad Taste“ noch plausibel finden 😀 – sorry -, aber Camp, das wären in dem Feld doch eher Meat Loaf oder Kiss, oder nicht?

  33. golden_thunder Juli 23, 2013 um 7:33 pm

    Ich denke, dass der Pathos der Interpretation beider Künstler, gleich ernsthaft gemeint ist und was meine Rezeption angeht, so nehme ich beides trotz seine Unterschiedlichkeit, auf jeden fall gleich ernst. Den „Love“ Pathos von Vicky, wie auch den „Weltschmerz“ Pathos von Aerosmith. Allerdings ist das in meinen Augen auch die größte Schwierigkeit, wie auch die größte Qualität, von Camp. Seine Subjektivität. Darum ist es dann auch kein Problem, wenn es für dich nur für „Bad Taste“ reicht 😉 Was Meat Loaf und Kiss angeht, stimme ich dir allerdings voll zu! Da ist unsere Einschätzung identisch 😀

  34. golden_thunder Juli 23, 2013 um 7:35 pm

    Groß- und Kleinschreibung funktioniert übrigens nur wenn es wie hier mein Handy für mich erledigt. der Computer will das einfach nicht für mich machen! 😀

  35. momorulez Juli 23, 2013 um 7:43 pm

    Bei Meat Loaf war ich ja gerade sogar im Konzert 😀 – sehr schön war das. Hat das komplette „Bat out of hell I“ in Original-Album-Reihenfolge gespielt. Zu Kiss würde ich auch gehen 🙂 …

    Aber Du hast recht, das liegt wohl auch gar ganz stark daran, wie man emotional ansonsten getaktet ist – und Camp ist ja auch mehr der Umgang mit etwas als das Etwas selbst. Ich sehe da halt keine queere Komponente bei Aerosmith und so, die für mich zu Camp irgendwie dazu gehört. Selbst bei Skid Row oder so nicht. Aber löst man das davon, dann …

    Zudem ich gerade erst gepeilt habe, dass „Living on the Edge“ ja gar nicht von Bon Jovi, sondern Aerosmith ist 😀 – ich werde alt. Und bei Vicky sind wir uns ja eh einig 🙂 …

  36. golden_thunder Juli 23, 2013 um 7:52 pm

    Da bin ich ein bisschen neidisch! Genau wegen dem Album würde ich ihn gerne mal sehen! 😀

    Die Frage der queeren Komponente und ihrer Vorraussetzung für Camp konnte ich schon im Camp-Seminar, während meines Kunststudiums, nicht für mich klären und werde da auch sicher noch ein paar Gedanken investieren müssen, aber das „Camp ist ja auch mehr der Umgang mit etwas als das Etwas selbst.“ bringt es ganz schön auf den Punkt um das mal so stehen zu lassen!

    Und zudem sind wir uns im Grundsatz ja tatsächlich einig! Ruhig mehr Vicky im Stadion 😀

  37. Kleinersschreiherausling Juli 23, 2013 um 9:53 pm

    Du scheinst zu glauben, ich sein ein Dean oder wer auch immer. Bin aber nur zufällig auf deiner Seite gelandet, hatte einereseits mit meinen Urlaub zu tun und auch mit Recherchen zu Weißseinssachen und Musik. Da kommt man ziemlich automatisch auf dein Blog.

    Dein Vorschlag für Jan Delay ist nach meinen Begriffen unpraktikabel, jedenfalls wenn Jan D. deinen Vorschlag konsequent umsetzt. Dann singen an seiner Stelle seine Backgroundsängerinnen und er macht dann Backgroundgesang. Nenn ich Fanverarsche. Trotzdem finde ich deinen Vorschlag gut, so als Auflockerung innerhalb eines Musikprojektes, um damit Mitmusiker mehr in den Vordergrund zu rücken. Also nicht wie du vorschlägst, sondern gezielt bein einzelnen Musikstücken einfach mal selbstt als „großes Tier“ bewusst in den Hintergrund treten und die eigenen Mitmusiker in den Vordergrund rücken! Ina Müller macht so etwas in ihren Konzerten. Im Jazz gibt es so etwas in der Art geradezu institutionalisiert. Aber so, wie du das formuliert hast, kann ich damit erst einmal nicht viel anfangen. Wie soll das denn konkret aussehen? Die Sängerinnen stehen weiter vorne und sonst ändert sich nichts? Dann ist das nur Deko.

  38. momorulez Juli 24, 2013 um 12:18 am

    @golden_thunder:

    An dem mit dem Queeren bleibe ich mit Sicherheit dran 🙂 … schreibend. Und freue mich, wenn Du kommentierst!

  39. momorulez Juli 24, 2013 um 12:24 am

    @Kleinerschreiherausling:

    Es ist mehrfach passiert, dass Kommentatoren, die aus guten Gründen hier raus geflogen sind, unter anderen Namen hier wieder auftauchten. Wenn die Vermutung den Falschen trifft, tut es mir leid.

    Und das strukturelle Problem ist doch, dass die Backgroundsängerinnen null Chance haben, da vorne zu landen, weil Typen wie Jan Delay eh alles dominieren und auch eine Adele einfach viel leichter so eine Resonanz erfãhrt als ein schwarzes Äquivalent, das viel mehr Konzessionen an die „normale“ Unterhaltungsmaschinerie machen muss. Und das ist doch zu analysieren, nicht die Möglichkeit irgendeines Gags bei Jan Delay. Was er da auf die Bühne bringt, ist einfach ein allgemein-gesellschaftlich dominantes Setting.

  40. geissy Juli 24, 2013 um 8:26 am

    @momorulez
    Ja, Hurensohn, auf der GG, schien auch nicht wirklich viele Leute zu stören, respektive nur mich. Mag mich auch täuschen.
    Und ja, ok, das Spiel war in der Tat schwer zu pfeifen. Gut war der Schiri trotzdem nicht. 😉

  41. momorulez Juli 24, 2013 um 8:31 am

    @Geissy:

    Man, ey, das Bewusstsein, dass St. Pauli auch ein Rotlichtviertel ist mit Sexarbeiterinnen, das war auch schon mal ausgeprägter 😦 …

  42. momorulez Juli 24, 2013 um 8:34 am

    Huch! Hätte ich auch nichts gegen, dann kommen vielleicht auch mal ein paar mehr Schwule ins Stadion 😉 … dann sollte nur möglichst parallel irgendwo Jürgen Drews irgendwo auftreten, damit die Junggesellenabschiedler da hin gehen.

  43. Kleinersschreiherausling Juli 24, 2013 um 5:00 pm

    Das Konkrete ist immer das Schwierige. Wie das bei Jan D zu beurteilen ist, keine Ahnung, nur dass ich Dekogeschichten grundsätzlich doof finde. Diese Funktionalisierung von Weiblichkeit im Pop nervt mich ja sogar bei den typischen Dreisängerinnenkombos im Motown. Wenn Jan seine Shows dann aber ohne Backgroundsängerinnen macht oder mit reinweißdeutschen Sängerinnen, ist ja auch nicht viel gewonnen. Weil Jans Damen offenbar so richtig gut Show machen, stehen sie bei den Fans und anderen immerhin schon deutlich mehr heraus als die übrigen Mitmusiker. Wenn sie dann noch bei Jan gut bezahlt wären, was ich nicht beurteilen kann, dann ist der Status quo vielleicht sogar verblüffend nahe am machbaren Optimum, unter den gegebenen gesellschaftlichen Verhältnissen.

    Falls ich mal Megastar werde (rotfl), wären meine Backgroundsängerinnen gemischt und würden im Konzert Minimum zwei Musikstücke lang ihre eigene Musik auf der Bühne zum Besten geben. Buntdurcheinander und Respekt für alle. Mein Dogma. Der erste Schritt zum Megastardasein ist seit heute getan, der Venom schmückt jetzt meinen Schreibtisch. Bin verdammt glücklich und werde die nächste Zeit weniger hier sein. Dafür mehr am Klangforschen, Instrumentlernen und Herumlärmen. Heissa. Was für ein Spaß!

  44. momorulez Juli 24, 2013 um 5:05 pm

    Viel Spaß dabei! Und zum Einstieg am besten mal „Your Love“ von Jamie Principle & Frankie Knuckles hören 😉 …

  45. Pingback: Schlager-Diskussion am Millerntor | Niemand siegt am Millerntor

  46. futuretwin Juli 26, 2013 um 12:19 pm

    Sorry, aber Punk abzudissen und sich auf Guns’n’Roses positiv zu beziehen ist einfach nur lächerlich!

  47. momorulez Juli 26, 2013 um 1:34 pm

    😀 – ich liiiiiiiiebe solche Diskussionen. Und aus dem Mögen von zwei Guns’n’Roses-Songs nun eine positive Bezugnahme zu zaubern, das finde ich etwas übertrieben. Geh mal mit „November Rain“ im Ohr im Herbst am Strand von Sylt entlang und schau Dir dabei einen Sonnenuntergang an.

    Zum Punk-Dissen empfehle ich echt immer wieder „Rip it up and start again“ von Simon Reynolds. Punk hat Disco gedisst, und das liegt das Problem – gerade in der deutschen Rezeption.

  48. futuretwin Juli 29, 2013 um 12:47 pm

    Zunächst mal: Ich mag Disco sehr, wie du vielleicht sogar an meinem neuen alten Gravatar ablesen kannst (oder auch nicht?)
    „Punk hat Disco gedisst……“
    James Brown hat auch Disco gedisst (bzw. Funk hat auch Disco gedisst). Und jetzt?
    Und wenn ich raten sollte, welcher Diss eher durch Homophobie begründet war und in welchem vielleicht eine (wenn auch natürlich verkürzte und naive) Kapitalismuskritik mitschwang…..mhm.
    Disco war eben anfangs schwule Subkultur und später heterosexuelle Massenbewegung. So ne Vereinnahmung ist ja nichts Neues. Aber Kritik an Disco kann folglich auch komplett verschiedenes bedeuten.
    Eine der Wurzeln des Punk ist übrigens der Glam Rock (New York Dolls und so)
    Guns’n’Roses hingegen haben sich nicht groß damit abgegeben, Disco scheiße zu finden, in den 80ern/90ern war das auch keine Bezugsgröße, sondern die haben sich ziemlich deutlich homophob geäußert, waren deutlich über das normale Rocker-Macker-Gehabe hinaus sexistisch (z.B. wurden Beschwerden über Gestöhne auf einer Platte quitiert mit: „Oh, das war n Versehen, da haben wir zusammen ein Groupie im Tonstudio hergenommen) und spielten mit rassistischen Symbolen wie der Südstaaten-Flagge.
    Natürlich kann man dann trotzdem „November Rain“ gut finden und ich tue das selbst. Aber m.E. wurden in der Diskussion politische Argumentation und persönlicher Geschmack unzulässig vermengt.

  49. momorulez Juli 29, 2013 um 1:35 pm

    Nein, weil es halt doch noch um die musikalische Form geht. Und Punk das Austreiben der schwarzen Wurzeln aus der Rockmusik zunächst radikalisiert hat, sich in der Hinsicht sogar mit dem Opponenten „Art Rock“ recht einig war. Das sehen doch retrospektiv die Protagonisten selbst so – gab mal auf Arte eine Doku mit dem Namen Style Clash, da haben sich Punk-Fanzine-Macher retrospektiv für das geschämt, was sie gegen Disco geschrieben haben. Und große Teile des Post-Punk sind dann eine produktive Auseinandersetzung mit der formalen Homophobie – trotz Glam – und dem Austreiben alles Schwarzen aus der Musik. Was halt wieder rein geholt wurde durch die Specials wohl am konsequentesten, aber auch P.I.L., Talking Heads und andere, B52s; auch Synthie-Pop war teilweise ein Fortschreiben der queeren Aspekte von Disco und dann halt HRNG und House.

    Nur gerade in Deutschland wird das immer ignoriert und vergessen; da lässt man Rock mit Bill Haley beginnen, dann Dylan, Beatles, Stones, Glam, musikalisch ja oft Schweinerock, Punk, NDW, Techno, Grunge. Das ist reines Whitewashing, und alles Schwule wird belächelt. Nur von Cobain zum Glück nicht,

    Dass Guns’n’roses Kotzbrocken waren steht doch außer Frage. Und die Perspektive von James Brown ist noch mal ein ganz anderes Fass.

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