Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Besiktas! St. Pauli!

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Es begann traurig.

Wenig Hoffnung schimmerte in Gesichtern, denen anzusehen war, durch welch Martyrien sie von der Wucht der Politiken Anderer getrieben wurden. Um nun in Hamburg in konkreten Umfeldern schon auch auf das zu treffen, was Menschen erst zu Menschen macht – die Fähigkeit zu Mitmenschlichkeit und Solidarität. Aber eben immer zu wenig davon, weil Andere den Imperativen der Funktionssysteme – der Behörden, des Militärs, der Polizei, der großen, wirtschaftlichen Einheiten – folgend wie Roboter Reden darüber schwingen, wer denn wohl wo eine Perspektive zu haben habe.

Die Refugees, in Libyen arbeitend, vom Bürgerkrieg vertrieben – zu Tausenden geflüchtet sahen sie dem Sterben ihrer Freunde, Verwandten und Bekannten zu, sind traumatisiert. Und hier stoßen sie auf Apparatschiks, die einfach nur aussitzen und denen das Schicksal Anderer am Arsch vorbei geht.

Sie berichteten vor dem Millerntor-Stadion von ihren Erfahrungen, dem Horror, in den sie geschubst wurden und werden. Doch auch von der Binnensolidarität im Viertel, von Gastwirten, Spendern – auch dem FC St. Pauli, der 60 von ihnen Karten für das Spiel gab – und jenen, die sie mit Nachtwachen schützen.

Aus Hellersdorf und Bremer Stadtteilen hört man von anderen Reaktionen. Es ist zwar schön, dass es auf St. Pauli aktuell offener, mitmenschlicher zugeht – trotzdem fühle ich mich völlig bescheuert, mit einem ausrangierten iPhone in der Tasche zum Musik hören, das bei mir einfach so rum lag, jemandem von den Flüchtlingen wenigsten ein paar Stunden für sich mit den Klängen ermöglichen zu können. Weil das eine so derart absurde und unnötige Grundkonstellation ist: Hier der weiße Nachfahre der Nazis und Kolonisatoren mit Universitätsstudium und selbstständig Dank Arbeitsagentur, der Elektroschrott ansammelt – und dort ein Mensch mit Biographie, Freunden, Gefühlen, Qualifikationen, Bedürfnissen, Sehnsüchten, dem Innensenatoren und Andere ALLE fundamentalen Rechte absprechen.

Das ist nix, wofür ich mich individuell schuldig fühlen würde, aber die Strukturen, die solche Assymetrien ermöglichen, wieso werden die von so vielen gestützt? Mir ist das ein Rätsel.

Es sei doch allen Menschen gleichermaßen ein glückliches Leben gegönnt, und es sollten doch alle alles dafür tun, dass das auch was wird. Es sind doch genau diese oft als „naiv“ oder „unrealistisch“ verunglimpften Grundregeln, die handlungsleitend sein sollten.

Es war schade, dass die Berichte der Refugees zu einem Zeitpunkt verkündet wurden, da schon fast alle auf dem Weg in das Stadion waren. Die meisten gingen einfach vorbei, blieben nicht stehen, lauschten nicht. Nicht, dass die Refugees das nicht gewohnt wären; nur sind ihre Lebensgeschichten und Erfahrungen mit Sicherheit wichtiger als dje Anzahl der Menthol-Zigaretten, die Helmut Schmidt hortet, oder was sonst so auf Seite 1 irgendwelcher Zeitungen steht.

Irgendwann ging ich dann auch ins Stadion, glücklich, dort endlich wieder ein Spiel zu sehen. Stand auf der Süd, ausnahmsweise waren die Desorganisierten St. Pauli mal ein Grüppchen statt individualisiert im Stadion verteilt. Was ich auf dem Platz sah, gefiel mir sehr – wenn auch die Abwehr zu Beginn noch ziemlich desorientiert wirkte, so war doch zu spüren, dass in der Offensive viel Quirligkeit und Spielfreude hinzu gestoßen ist. Wobei ein Florian Bruns mir doch schmerzlich fehlte – umgekehrt ist zu betonen, dass es Schachtens Ballwiedereroberung im eigenen Strafraum war, die zu Bolls Tor führte. Wieder eine Aktion von zwei mit dem Verein Verwachsenen; es wird spannend sein zu beobachten, wer von den Neuen irgendwann ihre Rolle spielen wird.

Die Besiktas-Fans waren großartig. Nach deren wundervollem Vereinslied zu Beginn hörten sich unsere Gesänge zunächst mal ganz schön grobschlächtig an – und es war kurioserweise auch hörbar, wie fatal das wirkt, dass das, was anderswo „Folklore“ wurde, hier zur „Volksmusik“ mutierte mit Rumtamtam und schlechter Blasmusik. In den 70ern konnte man ja bei Acts wie Ougenweide oder Liederjan ein wenig erlauschen, was es auch hier mal gab an Gesängen und Tänzen, bevor Marsch und Walzer dominant wurden. So dass immer nur das Richten des Gehörs nach England und Amerika blieb und teils grauenvoll adapiert wurde. Wobei man ruhig auch mal in Richtung Nord- und Westafrika, Balkan und Türkei lauschen könnte. Beim Fanlied von Besiktas war erlebbar, dass auch andere Entwicklungen möglich gewesen wären.

Toll, wie der Block gegenüber hüpfte, toll, dass so viele Besiktas-Fans auch auf der Süd und der Gegengeraden sich einfanden – endlich mal die Nachbarn und Teile dessen, was auch das neue Deutschland ist, im Stadion zu sehen! Dass Fabian Boll später ironisch vom „Auswärtsspiel“ sprach ist ein großes Kompliment an die Gäste.

Die Pyros sahen toll aus, passte einfach – und was habe ich mich fremdgeschämt für die zurechtweisenden Durchsagen, die dann folgten! Bei Ligaspielen kann ich das wegen der DFB-Strafen noch irgendwie verstehen wie auch jedes Argument gegen Pyro Gehör verdient – aber diese ätzende Rhetorik, die reagiert, als würde gerade bei Tisch gepfurzt und als sei das schlimmer als das, was z.B. ein Innensenator Neumann politisch treibt, nee, das fand ich nicht St. Pauli-like. Und schlimm, die Polizei dann da im Block stehen zu sehen, wohl auch neben welchen von jenen, die vor kurzem noch Erdogans Schergen trotzten. Ich weiß zwar nicht, was es vorher für Anlass zum Streit im Block selbst gab, das Bild mit der Polizei mittemang gefiel mir gar nicht.

Noch weniger angesichts dessen, was gerade in Altona passiert – jene nächtlichen Schlachten, da Eltern und Anwohner sich mit Kids, die Ärger mit der Polizei haben, solidarisieren. Ich weiß keine Details; was ich sehr intensiv verfolgen musste in den letzten Jahren aus den Berichten von Söhnen von Bekannten, ist, wie PoC-Jungs ab dem Alter von 14 ungefähr von Polizeiseite traktiert, terrorisiert, schikaniert und auch gezielt kriminalisiert werden. Durfte ich auch mit eigenen Augen oft im Schanzenviertel sehen. Die brauchen sich nur irgendwo hinstellen und haben Uniformierte am Hals. Und erleben es ständig, wie ihre blonden, blauäugigen Freunde unbehelligt daneben stehen und all das eben NICHT erleben – das meint ja „White Privilege“.

Dass es dann irgendwann knallt ist einfach klar – das war in Paris, London, L.A. nicht anders. Und „mehr Polizei“ verschärft das Problem nur. Ich vermute nur, dass das politisch gewollt ist, um Grundrechte noch weiter auszuhebeln, als das in Hamburg eh schon der Fall ist. Man sollte auch Aussagen wie „Wo sollen wir denn hin? Die Schanze ist Gefahrengebiet, es gibt keinen Jugendtreff …“ sehr ernst nehmen; das Instrument „Gefahrengebiet“ ist eben auch eine – verglichen mit anderen Weltregionen zwar unvergleichlich harmlosere, die de facto-Abschaffung des Asylrechts ist die härtere Form – zumindest symbolische „ethnische Säuberung“ von Stadtvierteln, da die Polizei eh gezielt auf PoC los geht.

All das geht einem halt durch den Kopf, wenn eine Stadionsprecherin türkische und deutschtürkische Fans rüffelt. Bemerkenswerterweise wurde die Pyro-Einlage erst bejubelt auf den Rängen, nach den Durchsagen wurde aber gebuht. Das zum Thema „autoritärer Charakter“.

Trotzdem war die Solidarisierung mit den Besiktas-Fans insgesamt so durchschlagend präsent, dass das schon ganz mein St. Pauli war. Mit der Regenbogenflagge auf der Süd und den vom Aktionsbündnis gegen Homophobie und Sexismus so großartig gestalteten Motiven auf der Gegengeraden ja nun noch viel mehr. Wäre nun noch einer der knutschenden Jungs nicht weiß, es wäre sogar noch schöner. Aber ich hätte ja mit machen können und es ist auch so richtig toll. Auch, weil die Lesben nicht vergessen wurden.

Und dann drang auch noch Vicky Leandros aus den Boxen … läuft ja mittlerweile leider auch auf dem Schlagermove, so was. Leider. Ich kenne das noch aus bierseligen Momenten nachts in schwulen Kneipen, als ich noch in welche ging – da haben sich dje Heten mal wieder was bei uns abgeguckt und zum geschmacklosen Massenevent gemacht. War ja schon bei Disco und House so.

Egal, ich fand es auch in wehmütiger Erinnerung an vergangenen Liebeskummer schön, als Vickys „Komm, sorg Dich nicht um mich, Du weißt, ich liebe das Leben!“ ertönte. Das stimmt nämlich!

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2 Antworten zu “Besiktas! St. Pauli!

  1. momorulez Juli 13, 2013 um 8:16 pm

    Da auch hier gegen die Stadionsprecherin gewettert habe – wie viele andere auch – sei doch ihre Antwort darauf im Forum, ich nehme an, die ist authentisch, hier auch zitiert:

    „Als erstes: ich habe sofort nach meiner Ansage gemerkt, dass ich im Tonfall und der Formulierung “ drüber “ war, , aber das gesprochene Wort kann man nun mal nicht zurück nehmen.
    Auslöser dafür waren,dass zu den Bengalos die brannten auch noch eine Reihe von Knallgeräuschen kam, die wir nicht genau zu ordnen konnten. Zeitgleich zur Spiel Unterbrechung kam per Telefon, die Ansage, dass bei der nächsten unerlaubter Aktion, der Schiri das Spiel sofort abbrechen würde.
    Allein das Wort hat in mir eine leicht traumatische Reaktion ausgelöst und ich habe vorübergehend die notwendige Souveränität verloren. Das tut mir leid.“

    http://stpauliforum.de/viewtopic.php?t=54421&postdays=0&postorder=asc&start=540

    Entschuldigngen akzeptiert man ja. Es wird zudem erwähnt, dass zu allem Überfluss das Ganze auch noch falsch ins Türkische übersetzt worden sei – schlimm. Aber auch, dass einer Ordner bei den zeitgleich zur Pyro gezündeten Böllern ein Knalltrauma erlitten habe. Das ist natürlich extrem Scheiße, solche einzusetzen, bei denen das möglich, und gute Besserung ist ihm vom ganzen Herzen zu wünschen, wenn das stimmt!

    Ich persönlich kann Böller eh nicht ausstehen.

    Im Übersteiger-Blog wurden zudem die Buh-Rufe als gegen die Duchsagen gerichtet gedeutet. Ich habe sie so gedeutet, dass sie der Pyro galteb. Vielleicht meinten wieder andere nur die Böller, wofür es nun wieder sehr gute Gründe gibt,

  2. Pingback: Solidarität, #FCSP und Besiktas | KleinerTods FC St. Pauli Blog

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