Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Tagesarchive: Juli 3, 2013

Der Lärmterror norddeutscher Spielmannszüge

Oje. Papa hat Geburtstag.

Amts- und Mandatsträger in einer niedersächsischen Kleinstadt war er – zur Scheidung meiner Eltern trug tatsächlich bei, dass er sich als Lokalpolitiker ständig mit Schützen betrinken musste. Schützenvereine sind ja auch so eine gruselige Kultur, nirgends sonst so stark wie rund um Hannover und gekleidet wie Jäger mit der Aura des Heimatschutzbundes – bei den Umzügen fuhr Papa dann im offenen VW-Käfer-Cabriolet mit und winkte wie die Queen.

Jeder Ortsteil – und das waren einige, lauter eingemeindete Dörfer – hatte seinen Schützenverein, und bei allen wurden wahlweise „Lüttje Lagen“ gesoffen (kann ja jeder googeln 😀 ) oder aus seltsamen Zinn-Geschirr, Löffel (!) wie auch Becherchen für „Kurze“, geschlürft – das Regal meines Vaters brach fast zusammen unter diesen Objekten, die wirkten, als seien sie aus Kriegsmunition gegossen und die Süppel-Variante der Zinnsoldaten. Man trank Korn zum Bier.

An seinen Geburtstagen war klar, dass wir von scheppernden Blechbläsern, von Pfeiffen und Klirren geweckt würden – es gab zwei Spielmannszüge, und beide boten ihm ein Ständchen, im Vorgarten in Reih und Glied postiert. Es durchfuhr uns. Wir beteten, dass sie es bei nur einem Stück beließen. Mein Vater tat so, als freute er sich und gab ihnen Getränke aus. Deren seltsamen Kostüme, ein Hauch von tschechischer Märchenfilmverfilmung war ja noch okay, da waren ja wenigstens leckere Prinzen zu sehen – aber das Paramilitärische, die Fantasieuniform, blaue Röcke, weiße Blusen die einen, goldgelb die Konkurrenz, gibt es auch im Karneval, da mag ich es aber auch nicht – der in Deutschland unterschwellig omnipräsente Wilhelminismus schlägt da durch. An preußischen Uniformen sich orientierend.

Zwar verfügte der Ort auch über ein ziemlich gutes Blasorchester samt Big Band-Swing-Ableger, das auch Verdi zu spielen in der Lage war (in dem spielte mein Sax-Lehrer damals); dennoch, dieser Lärmterror der Spielmannszüge, am schlimmsten die schrillen, tragbaren Glockenspiele und alles durchdringende Flöten- und Piccolo-Ensembles haben meinen Musikgeschmack nachhaltiger geprägt als vieles andere –  akustische Folter light. Bloß nicht so was hören! Musikalische Prägungen werden ja auch durch Abgrenzung bestimmt; das war das, was ich niemals wieder hören wollen würde.

Die Erinnerungen an den Gang durch überfüllte Festzelte zu Blasmusik, berstend von volltrunkenen Schützen mit knallroten Gesichtern über offenen, weißen Hemden, während ich Geld für die Karussells schnorrte – das Grauen. Aber auch das übt sich ja früh, für Entlohnung Unbill und Qual zu ertragen, nur weil man glaubt, das bißchen „Krake“ fahren, ein Karussell, danach würde das aufwiegen … manche Bestandteile deutscher Kulturen sollten eigentlich finanzielle Wiedergutmachung nach sich ziehen.

Als ich dann Madness‘ „One step Beyond“, Funk-Bläsersätze, David Sanborn und Grover Washington kennen lernte (die Fusion-Platten aus den 70ern, nicht dieser Bar-„Jazz“ später), erfuhr ich zum Glück die Lektion: Es geht auch anders!

Und zu meinem großen Glück durfte ich mit 14 samt Vater und Geschwistern nach Brasilien reisen und dort – er hatte durch diverse Austäusche von Chören und Orchestern gute Kontakte – eine Art Privatkonzert des Feuerwehrorchesters von Rio de Janeiro erleben. 50 Mann oder so, die das zwar klischeegesättigte „Aquarell des Brasil“ uns offerierten samt mitreißender Percussion-Truppe: Eine Offenbarung! So geht das ja auch! Hammer!

Da waren die „Pompeiros“, auch nur Samba-Feeling für Einsteiger, ein nachhaltig prägende Erfahrung nach all dem Traktierwerden durch Spielmannszüge.

Im Süden Brasiliens dagegen, wo viele Abkömmlinge deutscher Vorfahren auf Geldsäcken sitzend die Oberschicht bildeten, mit rassistischen Sprüchen nur so um sich warfen (zur aufrichtigen Empörung meiner Familie, immerhin, das gab richtig Zoff mit den Gastgebern) und Städte „Blumenau“ heißen, wurde „deutsches Volksgut“ gepflegt, na, eher karikiert und eher an Bayern orientiert.Der Kontrast hätte kaum größer sein können als zu dem wundervollen Feuerwehrorchester von Rio de Janeiro.

Und ja, es war die Zeit der Militärdiktatur und der Mega-Inflation, wir schüttelten Schergen tatsächlich die Hände … als bei jedem starken Regen die Favelas von den Hängen rutschten. Ich habe damals erstmal solche Armut gesehen, während wir, fett, weiß und privilegiert, bei, kein Witz, ausgerechnet bei Dr. Wolf (!!!) am Swimming Pool auf dem „Germanenhügel“ Rio de Janeiros Maracuja-Saft schlürften und den Vater anblafften, er solle nicht so viel Caipirinha trinken.

Da alles sitzt tief und hallt bis heute nach. Wie auch die Spielmannszüge. Und als Kontrast das Feuerwehrorchester von Rio de Janeiro.

Der Anlas, all das zu schreiben?

„Mit einem höchst ungewöhnlichen Vorschlag hat Matthias Waldraff, Oberbürgermeisterkandidat der CDU, das Publikum einer Diskussionsveranstaltung in der HDI-Arena am Maschsee überrascht. Spielmannszüge von Schützenvereinen und Kapellen hannoverscher Feuerwehren sollen künftig während der Bundesliga-Spiele von Hannover 96 auf den Tribünen für Atmosphäre sorgen. „Meine Idee ist, eine Gegenkultur zu den Ultras aufzubauen, die glauben, ihr größtes Kapital wäre es, im Stadion allein für Stimmung sorgen zu können.“ Musikzüge wären eine bunte Ergänzung zur ritualisierten Stimmung und ließen ein Stück Hannover Einzug in die Arena halten. „Das ist nicht nur Rum-Ta-Ta, sondern ein relativ hohes musikalisches Niveau.““

Oje. Akustische Anschläge durch die Reaktion – die armen ’96-Fans. Passt aber zu Deutschland 2013 – treudeutsche Blasmusik als Waffe gegen relevante Subkulturen.

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