Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Kiezheldinnen!

Kiezheldinnen

 

 

Da habe ich im Rausch der iPad-Kunstgestaltung aus Versehen das Wesentliche, die Schärpe auf dem neuen Trikot, weg gefiltert – Fabian Boll witzelte bei Facebook ja prompt, dass sie trotz farblicher Gestaltung des Trikots im Sinne dieses Accessoires nicht vor hätten, bei einer Misswahl anzutreten. Wieso funktioniert der Witz?

Ich finde das, was Kiezhelden meint und macht, ja eigentlich ziemlich prima: Von Vereinsseite werden im Rahmen der etwas schief geratenen Bezeichnung „Sozialmarketing“ mit Hilfe dieses Dachlabels die nicht vom Verein initiierten Organisationen unterstützt, die den FC St. Pauli zu mehr als einfach nur einem Fussballverein machen.

Kiezkick,1910 – Museum für den FC St. Pauli, Viva con Agua und Fanräume sind das derzeit. In einer Präsentation, die in Social Media kursierte und jetzt kurioserweise nicht mehr, skizzierte Vereins-Vize Bernd Georg Spiess das Projekt höchst zeitgemäß und fast so, als hätte er dieses Blog gelesen 😉 : Der FC ST. Pauli als Drehscheibe und Multiplikator der gesellschaftlich übergreifenden Initiativen und Aktionen, die im Viertel und rund um den Verein entstehen. Der Verein könne Öffentlichkeit schaffen, ggf. Sponsoren mit den ehrenamtlich auf die Beine gestellten Vereinen in Kontakt bringen und vernetzen – mir sind die Schwerpunkte in Gänze jetzt entfallen, die mir so wichtige Antidiskrimierungsthematik tauchte jedoch an zentraler Stelle auf (wo und wie sie freilich bei den bisher unterstützen Projekten – abgesehen von Kiezkick – in Erscheinung tritt, das ist noch mal ein anderes Thema; im Falle des Museumsvereins arbeite ich daran).

Ich fand das ein sehr gutes Papier, auch, weil da nicht ein Präsidiumsmitglied sich ein Denkmal setzen will, indem er nun noch mal Eigenes erfindet – sondern weil der sehr demokratische Vernetzungsgedanke im Mittelpunkt steht und eher das, was an der „Basis“ geschieht, die Substanz generiert. Es wurde zudem die Perspektive eröffnet, auch künftig entstehende Ideen zu unterstützen; mein Traum, die FC St. Pauli Antidiskriminierungsstiftung, wäre ja ein solches.

Mir ein Rätsel, wieso das sehr kluge und differenzierte Papier wieder aus dem Netz verschwunden ist.

Aber … äh … ja, erst heute morgen bei Twitter fiel es mir auf. KIEZHELDEN. Die rein maskuline Form. Und das, wo der Antidiskrimierungsgedanke doch so zentral ist. Als ich neulich beim FC ST. Pauli-Marketing zum Gespräch saß, fiel mir das tatsächlich nicht auf.

Nun tobt seit geraumer Zeit in den Feuilletons der männlich dominierten, deutschen Presselandschaft ein zum Teil, man verzeihe mir, wirklich brüllend komischer Streit darüber, dass in den Statuten der Universität Leipzig „Professorin“ als die generalisierte Form stehen soll. Die Reaktionen waren frappierend -Beispiele gefällig? „Genderwahn auf dem Vormarsch – woher kommt die Gewalt der Begriffsverbieger?“ (Cicero), „Sprachfolter“ (Focus, bemerkenswerterweise der gleiche Autor), „Wenn Sprache lächerlich wird“ (RP Online). Wenn FeuilletonistInnen sich lächerlich machen …

Der Tagesspiegel hingegen ließ treffend Luise Pusch zu Worte kommen:

„Die feministische Autorin Luise Pusch freut sich über die „überfällige“ Regelung. Bisher würden Frauen bei männlichen Bezeichnungen immer mitgemeint. „Das sollen wir einfach so schlucken und uns nicht so haben. Warum eigentlich?“, fragte sie. Pusch ist überzeugt, das diese Praxis nur „Machtgründe“ habe.“

, setzt aber „Machtgründe“ vorsichtshalber in Anführungsstriche. Klar, ein Zitat. Aber eben das, worum es geht, um Macht – letztlich zeigt die als „normal“ verteidigte, verallgemeinerte männliche Form eben nichts anderes an, als dass männliche, weiße und heterosexuelle Perspektiven als allgemein, weibliche, PoC- oder nicht-heteronomative hingegen als irgendwie partikulare Sonderinteressen verstanden werden. Und somit die Allgemeinen sich oft die vermeintlich „objektive“ Sichtweise zusprechen, um über Andere zu regieren – ganz buchstäblich, wie das Verhalten der CDU im Falle der Homo-Ehe z.B zeigt. Und allgemein-gesellschaftlich unter patriachalen und rassistischen Bedingungen sowieso.

Womit der Focus- und Cicero-Autor natürlich gar nicht nur Unrecht hat – der Normalfall ist sprachliche Gewalt gegen die als partikular Behaupteten. Anatol Stefanowitsch hat eine treffende Analyse im Sprachlog verfasst.

Dass der Feuilleton-Mob da so gewaltig tobt, ist nicht zufällig. Lauscht man mittags auf deutschen Straßen, so fällt auf, dass „feminisierende“ Wendungen zumeist in abwertender Form gebraucht werden. Krass da, wo Männer sich wechselseitig mit Ausdrücken für den weiblichen Genitalbereich beschimpfen; in schwächerer Form, wenn bei Fussballspielen Sprüche wie „der spielt ja wie ein Mädchen“ fallen.

Ich weiß nicht, wie das heute ist, bin da ja ziemlich raus; noch Ende der 80er wurde auch in der schwulen Sub die feminine Form wie auch weibliche Vornamen eher ironisierend und das gesellschaftliche „Stigma“, dass Schwule keine „richtigen Männer seien“, thematisierend, eifrig verwendet. Meine Freunde nannten sich Beate und Dörte und ich habe  ganz Cis-Mann, tatsächlich gehasst, wenn ich mit Frauennamen belegt wurde – eben ein typisch männlicher, aber keineswegs guter Reflex. So geschah Bemerkenswertes, als eine Barkeeperin, die irgendwo zwischen Transvestit und Transsexueller lebte und doch konsequent weiter Werner sich nannte, eine ungemein imposante und tolle Persönlichkeit, wieder ganz als Mann gelesen werden wollte. Woraufhin Freunde ihn „die Wernerin“ nannten. Das war zwar definitiv Disrespect gegenüber der freien Geschlechterwahl, aber ich fand es trotzdem lustig  – aber warum eigentlich? Ja, Selbstkritik, ich will da gar nicht abfeiern, finde aber, dass das was klar macht.

Letztlich reflektieren all diese Sprachspiele ja nur, was es mit dem als weiblich Gelesenen in dieser Gesellschaft so auf sich hat: Jede Menge Witz- und Abwertungspotenzial. Wobei „männliche“ Attribute im Falle von als Frau Gelesenen ja auch zur Abwertung genutzt werden.

Diese Sprachspiele reichen bis in die schwule Pornographie, wo Termini wie „Sissy“ GLEICHZEITIG abwertend und erotisierend verwendet werden – ist das jetzt ein Lust aus der Erniedrigung ziehen und frauenfeindlich oder sogar irgendwie progressiv? Ich weiß die Antwort nicht. Es ist zumindest meiner Erfahrung nach so, dass die binäre und mit allerlei Wertungen versehene Geschlechterordnung gerade in der schwulen Szene allerlei wirklich aussagekräftige Praktiken hervor gebracht hat, die wie ein Kommentar zur Mehrheitsgesellschaft wirken. Ich glaube und lasse mich jederzeit korrigieren, dass das bei Lesben etwas entspannter sein könnte. Die als deviant Exkludierten werden halt bis in die intimsten Regungen noch von denen, die gesellschaftlich dominieren, traktiert.

Trivial ist all das nicht; liest man Gunter Schmidts „Das neue Der Die Das“, was ich jedem empfehlen würde, so begreift er Sexualität deshalb als die „gefährlichste Sache der Welt“, weil drei fragile psychische Dimensionen sich in „ihr“ bündeln: Die persönliche Bedürfnisgeschichte (wie wurde in meiner Umwelt mit meinen Bedürfnissen umgegangen?), die individuelle Beziehungsgeschichte (was habe ich in bisherigen Beziehungen erlebt, und zwar in ALLEN, nicht nur in solchen, wo auch Sex eine Rolle spielte) wie auch die Geschichte der je eigenen Geschlechtsidentität (wie wurde ich von meiner Umwelt als „Mann“ oder „Frau“ anerkannt, gesehen, gelesen, und wie ging es mir damit?).

Das ist als Analyseraster durchaus tiefsinnig, bildet es auch die Gegentheorie zur naiven, populären Annahme, es handele sich bei „der Sexualität“ um ein wie auch immer „biologisch“ verursachtes „Triebgeschehen“, das zu allem Überfluss nur und ausschließlich im „Fortpflanzungswillen“ begründet liege. Alles andere sei abkünftig. Da ist der Sexualwissenschaftler, immerhin jahrelang hier am UKE leitend tätig, einfach schlauer. Auch zu dem, welche die Rolle  Macht im Zusammenhang mit Sexualität spielt, weiß er Eindrucksvolles zu schreiben.

Das Schema ist freilich weit übergreifend von Relevanz und somit sogar bei der Frage nach den „Kiezhelden“. Männern wird ein Bedürfnis nach Statusgewinnung antrainiert, Frauen die Verantwortung für die Beziehungsarbeit aufgebürdet, zum Beispiel. Wenn „Held“ nicht Status ist, was denn dann? Kein Wunder, dass da Frauen mal wieder verschwinden.

Insofern läge es jetzt fast nahe, im Rahmen des FC St. Pauli es wie die Uni Leipzig zu halten: Nur noch von Präsidentinnen, Spielerinnen, Geschäftsführerinnen – will man den Antisexismus, der allseits gepredigt wird, ernst nehmen.

Das Schauspiel, was sich dann nicht nur in der „Fanszene“, sondern auch im deutschen Profifussball böte, möchte ich erleben 😀 … wundervoll.

Es kam freilich gerade heute morgen bei Twitter ein treffender Einwand von  @pflaumenfeld:

„Wenn sich die Herren mitgemeint fühlen, ja. Ansonsten verdeckt es, dass bei einem Chefinnenetagenmeeting höchstens eine Chefin (meist Personal) zwischen dutzenden Chefs sitzt.Deswegen ist mir eine Sichtbarmachung wichtig. Ich bin mir immer noch nicht sicher wie, ohne zu verdecken.“

Ein gewichtiges Argument. Debatte eröffnet. KIEZHELDIN auf die Trikots schreiben oder nicht?

 

11 Antworten zu “Kiezheldinnen!

  1. Gabi Juli 1, 2013 um 12:08 pm

    In dem Fall fänd ich Kiezheldin gut 🙂 Ich bin ja nicht so der, die, das Genderin aber nur schon allein um mal wieder den Spruch: „Die verrückten Paulis wieder“ zu hören und die Reaktionen zu erleben… doch wahrscheinlich krieg ich jetzt von allen Seiten Schimpfe weil ich das Thema nicht so ernst nehme, aber sorry, Schreibweisen sind mir echt egal. Schön wärs wenn es mehr geschlechterunabhängige Bezeichungen gäbe, doch jetzt alles zu ver -innen find ich auch nich so gelungen…

  2. momorulez Juli 1, 2013 um 12:15 pm

    Ich weiß ja auch gar nicht, ob ich das gelungen finde, finde die Diskussion aber einfach sehr gut. Und glaube schon, dass das nicht „Nur Sprache“ ist, sondern die Geschlechterverhältnisse sehr tief durchdringt. Das spürste halt echt sehr deutlich, wenn Du als „Mann“ in weiblichen Formen angeredet wirst. Es gibt ja auch diese wegspielenden Varianten wie „Na, Mädels“ unter Männern, aber auch da schwingt irgendwas mit, dass sich der, der’s sagt, dadurch in die „Superior“-Position bringen will. Zudem ich ja sozusagen den Forschungsvorteil habe, dass ich manchmal dabei bin, wenn Männer über Frauen reden, ohne dass Frauen dabei sind – so lange die nicht wissen, dass ich schwul bin, ist das ein völlig anderer Dialog, tatsächlich. Was sich in der „verallgemeinerten Männlichkeit“ dann auch wirklich zeigt.

    Und auch ohne all das – Spieler, die mit Kiezheldin auf der Brust auflaufen, wäre wirklich toll 😀 – zudem das dann als Schwärmerei für ihre Gattin ausgelegt würde, vermutlich.

  3. vuvuzela//riotqueer Juli 1, 2013 um 12:40 pm

    Ich heiß Bela, und gehe seit der Grundschule mit der Eselsbrücke ‚der Ärzte‘ in den Zwischenwelten umher,..erst mal Etylmologische Hausaufgaben machen seit Klasse ‚Pubescent!’…Gruß!

  4. Noah Sow Juli 1, 2013 um 1:12 pm

    Ich bin gar nicht so sicher, ob ich die Appropriation der weiblichen Form akzeptieren kann, bevor deutlich erkennbar eine Auseinandersetzung der Appropriierenden erfolgt ist damit, was das Attributieren des Weiblichen für die so Attributierten überhaupt bedeutet. Das käme mir eher vor wie schon wieder eine neue Form des sich Wichtigmachens auf Kosten der schon wieder Verdeckten. Siehe Werbekampagne mit CISmann mit Vollbart und Straß-Ohrringen. Da nehmen sie Attribute von denen, die sie sonst bashen [dürfen] und benutzen diese, um das Herrschaftsverhältnis in aufgepepptem Gewand nur zu verfestigen. Jedenfalls nicht, es zu verändern. Es resultiert Bewunderung für den extravaganten HWM.
    Ich bin da auch empfindlich, weil es im Moment schon wieder große Mode ist, dass sich feministisch gebende CISmänner davon leben, in Vorträgen feministische Thesen zu vertreten, für Geld freilich, bei Nennung ca. eines Zehntels ihrer Frauen*-Quellen, und sich ansonsten, abseits des Theorieblocks, chauvinistisch benehmen, teilweise sogar schlimmer als wenn sie gar kein Feminismuswissen hätten, aufgrund des Effekts “ich bin über jeden Vorwurf erhaben, wenn ich mich scheiße zur Frau benehme, kann das nur persönliche Gründe haben, und nichts mit gesellschaftlicher Macht und Gewalt zu tun haben, weil ich bin ja der Feminist, alle können das bestätigen” (siehe analog dazu auch linker Rassismus). Die haben geschnallt, dass sie beides bekommen können: supremacy UND Applaus fürs ‘Fortgeschritten’/[möchtegern]-”Ally”-sein. Dass, was und wen sie dadurch kaputtmachen, verfälschen und wegnehmen, ist ihnen egal, die Auftragslage stimmt, Kekse werden verteilt.

    Ich assoziierte beim lesen der Überschrift: Endlich werden mal die wichtigen und vielfältigen Beiträge der Frauen in diesem Zusammenhang [FC St.P.] stark herausgestellt und gewürdigt. Das wäre mir eher etwas als ein Verdecken von Frauen*Leistungen und Erfahrungen in einem “wir sind alle Heldinnen” schnell passieren könnte. Stattdessen, dachte ich, passiert vielleicht “Lasst uns die Heldinnen endlich mal angemessen würdigen und lasst uns damit aufhören, sie bis auf wenige uns gefällige willkürliche Ausnahmen aus unserer Geschichtschreibung rauszustreichen”. Womit wir allerdings schon beim nächsten Problem wären, der Zusammensetzung und dem Fokus der Entscheidungsgruppen…

  5. Kalle Blomquist Juli 1, 2013 um 1:30 pm

    Glaubt hier eigentlich irgendjemand, das Macht ein Selbstzweck ist/sein kann?

  6. momorulez Juli 1, 2013 um 1:42 pm

    @Noah Sow:

    Danke für den Kommentar!

    Die Herausarbeitung der Leistung der Frauen im Rahmen des FC St. Pauli wäre ja sozusagen Ziel des Einwandes. Und dass die Posten im Verein da völlig falsch in der Hinsicht verteilt sind, das beklage ich ja schon des längerem – zudem sich nun auch ergänzend ständig ergibt, dass sich die Frauen dann um die Kinder kümmern, und das auch noch unter meiner Mitwirkung. Und, noch eins drauf: Es fiel mir noch nicht mal auf.

    Aber ist dieses „Spielerin“ z.B. im selben Sinne Appropriation, wie beispielsweise Dreadlocks oder der Straß-Ohrring? Ich habe das eher als heuristischen Effekt in dem Sinne verstanden, dass Männer sich dadurch klar machen können, was es heißt, nicht mehr in allen Fällen das Allgemeine zu vertreten und Andere zu partikularisieren. Entsprechend aggro und unruhig reagieren dann ja auch viele, weil ihnen einen Herrschaftsintrument geraubt wird. Und das führt dann hoffentlich dazu, den Raum zu schaffen dafür, dass auch Frauen ( und andere marginalisierte Perspektiven) genau das berichten, beschreiben, zum Ausdruck zu bringen können, was Du beschreibst – und dass auch möglichst, ohne dass dass dann Feminismus zitierende Männer sich wieder die größten Stücke vom Kuchen, auch finanziell, abgreifen.

    Das ist zwar ein idealisierter und zumeist kontrafaktischer Verlauf, aber fändest Du das nicht auch befürwortenswert?

    Ansonsten weiß ich ja manchmal gar nicht, ich jetzt und nur für mich, ob das Sinn macht, sich von diesen Vermeintlichschrillen, die Du erwähnst, so faszinieren zu lassen. Ob nicht wichtiger ist, eben den anderen Stimmen, den marginalisierten, wo immer es geht Raum und Gehör zu verschaffen und dazu dann beizutragen, das möglichst stark zu machen, auf dass die Anderen sozusagen automatisch überstrahlt werden.

    Was dann oft an der Pöstchenverteilung scheitert, ja. Und da war die gesellschaftliche Situation auch schon mal deutlich weiter.

  7. momorulez Juli 1, 2013 um 1:59 pm

    @Kalle:

    Ja, ich glaube das, dass es das sein kann. Aus Vergewaltigungsstudien meine ich das z.B. entnommen zu haben

  8. Noah Sow Juli 1, 2013 um 3:27 pm

    @momorulez:

    Ich denke, eine fragwürdige Praktik ok zu finden, bedarf einer gewissen Blickrichtung in Richtung der eh schon Bevorzugten. Manchmal finden Manche, dass diskriminierende Praktiken doch legitim sind, wenn sie der [potenziell-]Tätergruppe irgendetwas (vermeintlich; denn die wichtigsten Verständnisebenen werden dabei eh nicht erreicht) ‚klarmachen‘.
    Davon abgesehen, weil der Fall hier ja etwas anderes ist als klassische kulturelle Appropriation, sehe ich aber auch hier eine andere Aufgabenstellung. Ich möchte, dass sich nicht mehr damit beschäftigt wird, wie was wem klarzumachen wäre, der es sich, wenn er denn wollen würde, schon längst selber hätte klarmachen können. Sondern ich möchte, dass es um die geht, um die es bislang fast nie ging. Also nicht zu fragen, ob Männer sich dadurch etwas klar machen können, sondern zu fragen: was können Frauen* unmittelbar gebrauchen und was nicht? Wichtig ist das vor allem, weil eben das zuallererst NIE erlaubt wird: überhaupt mal die vorrangige Perspektive zu sein. Da hört es doch schon auf. Und alles danach wird schal und Quatsch.

    Wem was klar wird, wenn er sich keck Heldin nennen würde, während die echte Kiezheldin danebenstünde und traurig wäre, dass jetzt auch noch der female struggle modisch keck umcodiert wird, das will ich gar nicht wissen. Ich will lieber wissen, wo und wie die Heldin ihre Geschichte selbst erzählen kann.

  9. momorulez Juli 1, 2013 um 4:42 pm

    @noah sow:

    Ich weiß nicht, inwiefern all das auf ein Fussballstadion ohne weiteres anzuwenden ist. Bin da ja mit der Conclusio völlig d’accord, und wenn ich es nicht wäre, wäre das egal, ist ja wichtiger was Du schreibst; nur wie man da ohne das Klarmachen hin kommen soll, das weiß ich nicht.

    Die anderen sind ja immer noch da und dummerweise sogar die Mehrheit – wobei im Falle des FC St. Pauli wenigstens schon mal mehr Frauen da sind als anderswo und zumindest bei den Ultras auch was zu sagen haben. Auf den anderen Ebenen, in den Organen usw., eher nicht so. Was harsch zu kritisieren ist.

    Umgekehrt weiß ich auch nicht mehr, was z.B. CW überhaupt soll, wenn nicht mehr wichtig ist, das WM sich was klar machen. Der Prozess setzt ja nicht von selbst ein und kann auch nicht stellvertretend vollzogen werden. Es kann ja gut sein, dass man gerade, wenn man in so viele Schlachten gezogen ist wie Du, dann irgendwann eh Hopfen und Malz verloren sieht und das vermutlich zu recht. Kann ich als Perspektive nicht übernehmen, dafür bin ich – freilich auch WM – zu oft auf offene Ohren gestoßen. Das kann man freilich auch als Appropriation deuten. Bisher waren Alliierte und Verstärker ja gewünscht; ich kann mich problemlos auch auf schwule Perspektiven beschränken, falls ich übergriffig wurde.

    Und so wünschenswert ja wäre, dass Andere immer auf alles ganz von selbst kommen: Meine Lebenserfahrung wie auch meine eigenen blinden Flecken erzählen mir ja eher, dass zumindest mir auch immer mal was klar gemacht werden musste und immer wieder klar gemacht werden muss, siehe diese Diskussion hier. Oft ja von Dir.

    Wozu es des permanenten Plädoyers für’s Zuhören bedarf, ja. Und wohl auch das Revidieren blöder Ideen.

    Was dann dazu führt, dass da unbefragt „Kiezhelden“ steht. Und dann?

    Das, was Du einforderst, ist ja völlig richtig.

    Dass Du mittlerweile zudem an ganz anderen Punkten angekommen habe ich auch nicht zu kommentieren.

    Wenn man das als „Umcodierung des female Struggle“ liest, hast Du völlig recht.

    Wenn man als Sichtbarmachen dessen, dass eben nicht immer nur die Männer Heldentaten vollbringen, liest, und zudem eine Entwertung des männlichen Allgemeinen und Herausstellen der Partikularperspektive, weiß ich nicht, ob die Kritik in allen Hinsichten zutrifft.

  10. lars Juli 3, 2013 um 2:33 pm

    @NoahSow:

    Aber was heisst das denn, „die vorrangige Perspektive einnehmen“? Hegemonitetheoretisch würde ich da mal einwenden, dass es doch seit Jahren/Jahrzehnten Versuche gab und gibt, feministische Perspektiven zu entwickeln, nur dass es ihnen bislang nicht gelang, diese „vorrangig werden zu lassen“? Es geht doch um die Sichtbarmachung nicht einfach vereinzelter heroischer Frauen sondern darum, den männlichen Blick auf die Welt zu brechen. An einem gewissen Punkt muss ja doch eine Pädagogik einsetzen. Die männliche Herrschaft wird ja nicht einfach verschwinden und die Kommunikationskanäle so einfach aus der Hand geben. Das Ziel kann ja nicht eine differenzfeministische Parallelinterpretation der Welt sein, oder? Aber will man eine zunächst subalterne Interpretation der Geschichte etablieren, verlangt das ab einem gewissen Zeitpunkt dann vermutlich auch das Freigeben von Geschichte für weitere (auch männliche) Aneignungen und riskiert damit, dass gewisse Anteile (vielleicht sogar die ursprünglich zentralen) wieder verloren gehen. Aber Anerkennung ist eben eine zweischneidige Angelegenheit, die die auf Anerkennung Hoffenden auch verwundbar macht, weil sie den Anerkennenden eine Macht über den Akt der Anerkennung zuspricht. Wie man da raus kommt, weiss ich nicht, Auch nicht, an welchem Punkt man von Gegenentwürfen zu Inklusionsentwürfen wechseln sollte.

    Und zu Macht als Selbstzweck: Gewaltforscher nennen das autotelische Gewalt. Vergewaltigung kann, aber muss nicht autotelisch sein.

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