Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Tagesarchive: Juli 1, 2013

Kiezheldinnen!

Kiezheldinnen

 

 

Da habe ich im Rausch der iPad-Kunstgestaltung aus Versehen das Wesentliche, die Schärpe auf dem neuen Trikot, weg gefiltert – Fabian Boll witzelte bei Facebook ja prompt, dass sie trotz farblicher Gestaltung des Trikots im Sinne dieses Accessoires nicht vor hätten, bei einer Misswahl anzutreten. Wieso funktioniert der Witz?

Ich finde das, was Kiezhelden meint und macht, ja eigentlich ziemlich prima: Von Vereinsseite werden im Rahmen der etwas schief geratenen Bezeichnung „Sozialmarketing“ mit Hilfe dieses Dachlabels die nicht vom Verein initiierten Organisationen unterstützt, die den FC St. Pauli zu mehr als einfach nur einem Fussballverein machen.

Kiezkick,1910 – Museum für den FC St. Pauli, Viva con Agua und Fanräume sind das derzeit. In einer Präsentation, die in Social Media kursierte und jetzt kurioserweise nicht mehr, skizzierte Vereins-Vize Bernd Georg Spiess das Projekt höchst zeitgemäß und fast so, als hätte er dieses Blog gelesen 😉 : Der FC ST. Pauli als Drehscheibe und Multiplikator der gesellschaftlich übergreifenden Initiativen und Aktionen, die im Viertel und rund um den Verein entstehen. Der Verein könne Öffentlichkeit schaffen, ggf. Sponsoren mit den ehrenamtlich auf die Beine gestellten Vereinen in Kontakt bringen und vernetzen – mir sind die Schwerpunkte in Gänze jetzt entfallen, die mir so wichtige Antidiskrimierungsthematik tauchte jedoch an zentraler Stelle auf (wo und wie sie freilich bei den bisher unterstützen Projekten – abgesehen von Kiezkick – in Erscheinung tritt, das ist noch mal ein anderes Thema; im Falle des Museumsvereins arbeite ich daran).

Ich fand das ein sehr gutes Papier, auch, weil da nicht ein Präsidiumsmitglied sich ein Denkmal setzen will, indem er nun noch mal Eigenes erfindet – sondern weil der sehr demokratische Vernetzungsgedanke im Mittelpunkt steht und eher das, was an der „Basis“ geschieht, die Substanz generiert. Es wurde zudem die Perspektive eröffnet, auch künftig entstehende Ideen zu unterstützen; mein Traum, die FC St. Pauli Antidiskriminierungsstiftung, wäre ja ein solches.

Mir ein Rätsel, wieso das sehr kluge und differenzierte Papier wieder aus dem Netz verschwunden ist.

Aber … äh … ja, erst heute morgen bei Twitter fiel es mir auf. KIEZHELDEN. Die rein maskuline Form. Und das, wo der Antidiskrimierungsgedanke doch so zentral ist. Als ich neulich beim FC ST. Pauli-Marketing zum Gespräch saß, fiel mir das tatsächlich nicht auf.

Nun tobt seit geraumer Zeit in den Feuilletons der männlich dominierten, deutschen Presselandschaft ein zum Teil, man verzeihe mir, wirklich brüllend komischer Streit darüber, dass in den Statuten der Universität Leipzig „Professorin“ als die generalisierte Form stehen soll. Die Reaktionen waren frappierend -Beispiele gefällig? „Genderwahn auf dem Vormarsch – woher kommt die Gewalt der Begriffsverbieger?“ (Cicero), „Sprachfolter“ (Focus, bemerkenswerterweise der gleiche Autor), „Wenn Sprache lächerlich wird“ (RP Online). Wenn FeuilletonistInnen sich lächerlich machen …

Der Tagesspiegel hingegen ließ treffend Luise Pusch zu Worte kommen:

„Die feministische Autorin Luise Pusch freut sich über die „überfällige“ Regelung. Bisher würden Frauen bei männlichen Bezeichnungen immer mitgemeint. „Das sollen wir einfach so schlucken und uns nicht so haben. Warum eigentlich?“, fragte sie. Pusch ist überzeugt, das diese Praxis nur „Machtgründe“ habe.“

, setzt aber „Machtgründe“ vorsichtshalber in Anführungsstriche. Klar, ein Zitat. Aber eben das, worum es geht, um Macht – letztlich zeigt die als „normal“ verteidigte, verallgemeinerte männliche Form eben nichts anderes an, als dass männliche, weiße und heterosexuelle Perspektiven als allgemein, weibliche, PoC- oder nicht-heteronomative hingegen als irgendwie partikulare Sonderinteressen verstanden werden. Und somit die Allgemeinen sich oft die vermeintlich „objektive“ Sichtweise zusprechen, um über Andere zu regieren – ganz buchstäblich, wie das Verhalten der CDU im Falle der Homo-Ehe z.B zeigt. Und allgemein-gesellschaftlich unter patriachalen und rassistischen Bedingungen sowieso.

Womit der Focus- und Cicero-Autor natürlich gar nicht nur Unrecht hat – der Normalfall ist sprachliche Gewalt gegen die als partikular Behaupteten. Anatol Stefanowitsch hat eine treffende Analyse im Sprachlog verfasst.

Dass der Feuilleton-Mob da so gewaltig tobt, ist nicht zufällig. Lauscht man mittags auf deutschen Straßen, so fällt auf, dass „feminisierende“ Wendungen zumeist in abwertender Form gebraucht werden. Krass da, wo Männer sich wechselseitig mit Ausdrücken für den weiblichen Genitalbereich beschimpfen; in schwächerer Form, wenn bei Fussballspielen Sprüche wie „der spielt ja wie ein Mädchen“ fallen.

Ich weiß nicht, wie das heute ist, bin da ja ziemlich raus; noch Ende der 80er wurde auch in der schwulen Sub die feminine Form wie auch weibliche Vornamen eher ironisierend und das gesellschaftliche „Stigma“, dass Schwule keine „richtigen Männer seien“, thematisierend, eifrig verwendet. Meine Freunde nannten sich Beate und Dörte und ich habe  ganz Cis-Mann, tatsächlich gehasst, wenn ich mit Frauennamen belegt wurde – eben ein typisch männlicher, aber keineswegs guter Reflex. So geschah Bemerkenswertes, als eine Barkeeperin, die irgendwo zwischen Transvestit und Transsexueller lebte und doch konsequent weiter Werner sich nannte, eine ungemein imposante und tolle Persönlichkeit, wieder ganz als Mann gelesen werden wollte. Woraufhin Freunde ihn „die Wernerin“ nannten. Das war zwar definitiv Disrespect gegenüber der freien Geschlechterwahl, aber ich fand es trotzdem lustig  – aber warum eigentlich? Ja, Selbstkritik, ich will da gar nicht abfeiern, finde aber, dass das was klar macht.

Letztlich reflektieren all diese Sprachspiele ja nur, was es mit dem als weiblich Gelesenen in dieser Gesellschaft so auf sich hat: Jede Menge Witz- und Abwertungspotenzial. Wobei „männliche“ Attribute im Falle von als Frau Gelesenen ja auch zur Abwertung genutzt werden.

Diese Sprachspiele reichen bis in die schwule Pornographie, wo Termini wie „Sissy“ GLEICHZEITIG abwertend und erotisierend verwendet werden – ist das jetzt ein Lust aus der Erniedrigung ziehen und frauenfeindlich oder sogar irgendwie progressiv? Ich weiß die Antwort nicht. Es ist zumindest meiner Erfahrung nach so, dass die binäre und mit allerlei Wertungen versehene Geschlechterordnung gerade in der schwulen Szene allerlei wirklich aussagekräftige Praktiken hervor gebracht hat, die wie ein Kommentar zur Mehrheitsgesellschaft wirken. Ich glaube und lasse mich jederzeit korrigieren, dass das bei Lesben etwas entspannter sein könnte. Die als deviant Exkludierten werden halt bis in die intimsten Regungen noch von denen, die gesellschaftlich dominieren, traktiert.

Trivial ist all das nicht; liest man Gunter Schmidts „Das neue Der Die Das“, was ich jedem empfehlen würde, so begreift er Sexualität deshalb als die „gefährlichste Sache der Welt“, weil drei fragile psychische Dimensionen sich in „ihr“ bündeln: Die persönliche Bedürfnisgeschichte (wie wurde in meiner Umwelt mit meinen Bedürfnissen umgegangen?), die individuelle Beziehungsgeschichte (was habe ich in bisherigen Beziehungen erlebt, und zwar in ALLEN, nicht nur in solchen, wo auch Sex eine Rolle spielte) wie auch die Geschichte der je eigenen Geschlechtsidentität (wie wurde ich von meiner Umwelt als „Mann“ oder „Frau“ anerkannt, gesehen, gelesen, und wie ging es mir damit?).

Das ist als Analyseraster durchaus tiefsinnig, bildet es auch die Gegentheorie zur naiven, populären Annahme, es handele sich bei „der Sexualität“ um ein wie auch immer „biologisch“ verursachtes „Triebgeschehen“, das zu allem Überfluss nur und ausschließlich im „Fortpflanzungswillen“ begründet liege. Alles andere sei abkünftig. Da ist der Sexualwissenschaftler, immerhin jahrelang hier am UKE leitend tätig, einfach schlauer. Auch zu dem, welche die Rolle  Macht im Zusammenhang mit Sexualität spielt, weiß er Eindrucksvolles zu schreiben.

Das Schema ist freilich weit übergreifend von Relevanz und somit sogar bei der Frage nach den „Kiezhelden“. Männern wird ein Bedürfnis nach Statusgewinnung antrainiert, Frauen die Verantwortung für die Beziehungsarbeit aufgebürdet, zum Beispiel. Wenn „Held“ nicht Status ist, was denn dann? Kein Wunder, dass da Frauen mal wieder verschwinden.

Insofern läge es jetzt fast nahe, im Rahmen des FC St. Pauli es wie die Uni Leipzig zu halten: Nur noch von Präsidentinnen, Spielerinnen, Geschäftsführerinnen – will man den Antisexismus, der allseits gepredigt wird, ernst nehmen.

Das Schauspiel, was sich dann nicht nur in der „Fanszene“, sondern auch im deutschen Profifussball böte, möchte ich erleben 😀 … wundervoll.

Es kam freilich gerade heute morgen bei Twitter ein treffender Einwand von  @pflaumenfeld:

„Wenn sich die Herren mitgemeint fühlen, ja. Ansonsten verdeckt es, dass bei einem Chefinnenetagenmeeting höchstens eine Chefin (meist Personal) zwischen dutzenden Chefs sitzt.Deswegen ist mir eine Sichtbarmachung wichtig. Ich bin mir immer noch nicht sicher wie, ohne zu verdecken.“

Ein gewichtiges Argument. Debatte eröffnet. KIEZHELDIN auf die Trikots schreiben oder nicht?

 

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