Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Monatsarchive: Juli 2013

Der Grundsatz der Kantischen Rechtslehre und die Frage struktureller Dominanz

Das Schöne und Schreckliche an Diskussionen in meinem Lieblingsverein zugleich ist ja, dass in diesem Mikrokosmos FC St. Pauli so viele große Fragen in teilweise ganz schon eingeschränkter Binnenperspektive wieder auftauchen.

So hat die „Polizist raus aus der Süd“-Frage durchaus ihren intellektuellen Charme – auch, weil wie so oft alles durcheinander gebracht wird und am empörtesten jene sind, die es ansonsten offenkundig aufgrund diverser Privilegien gar nicht kennen, auch mal Einschränkung zu erfahren.

Zum Beispiel Beamte: Hey, so ein sicherer Job, Altersversorgung sicher, besondere Rechte in der Krankenversicherung, sicheren Urlaub und viel Zeit am Nachmittag! Mehr Privileg geht doch gar nicht! Mag letzteres auf Polizisten nun gerade NICHT zutreffen, die auch noch schlecht bezahlt werden und im Zuge allgemeiner Armutsverwaltung ganz schon viel Mist aushalten müssen – die Frage danach, was es mit diesem Beamtentum eigentlich auf sich hat und was das mit allen Bundeshaushalten macht, dass es sie gibt, wäre sowieso mal zu diskutieren. Man muss nur mal in öffentlich-rechtliche Fernsehsender gucken und sich das Verhältnis zwischen Festangestellten und Fest-Freien betrachten, um zu sehen, was für Verwerfungen sich auftun.

Das ist jetzt aber gar nicht die interessante Frage. Ergänzend hat Kleiner Tod noch einmal vortrefflich diagnostiziert:

„Polizisten sind nicht wie andere Bürger, sie haben besondere Pflichten gegenüber dem Staat – so unterliegen sie dem Legalitätsprinzip, haben also Straftaten, von denen sie Kenntnis erlangen, zu verfolgen – ganz unabhängig davon, in welchem Ressort der Polizei sie tätig sind. Sie haben einzuschreiten bzw. ihr Wissen an die Polizei/Staatsanwalt weiterzugeben. Dies gilt auch in ihrer Freizeit, wenngleich mit gewissen Einschränkungen in strafrechtlicher Hinsicht was sie selbst betrifft – dienstrechtlich würden sie aber einen Verstoß begehen. Es wäre zudem immer eine Einzelfallabwägung, ob das öffentliche Interesse höher steht als das Interesse des Polizisten an ihrer Privatsphäre. Beachtet man aber, wie hoch der Staat das Vorgehen gegen Fußballfans, besonders aus der Ultraszene, gewichtet, und auch wie intensiv die Medien immer darauf reagieren, dann wird man kaum jemals von einem geringeren öffentlichen Interesse an der Strafverfolgung gegenüber Fußballfans und einem höher zu bewertenden Interesse an einer Privatsphäre des Polizeibeamten ausgehen können: mit anderen Worten, er wäre gezwungen, bei Delikten einzuschreiten und zu ermitteln, ja diese bereits im Vorfeld zu verhindern und dabei mitzuwirken.“

Zwei andere, zusammen hängende Fragen sind nicht minder von Relevanz: Eine ist eher rechtsphilosophisch, eine empirisch und eng mit den Diskussionen um „Critical Whiteness“ verknüpft.

Da ich nun auch gerade im Umfeld des FC St. Pauli in anderen Zusammenhängen erfahre, dass so was wie „Critical Hetism“ so gar nicht up to date ist noch da, wo eine derartige Praxis suggeriert wird (EDITH: Was dann aber sehr schnell geklärt wurde, bei uns geht das 😉 ), will ich versuchen, mal diese ewige Frage der Relation Kantischer Prinzipien in der Argumentation und ihr Verhältnis zu den Dominanzverhältnissen in dieser Gesellschaft zu diskutieren.

Dass mit Kant in eigentlich allen Diskussionen, da auch normative Fragen gestellt werden, argumentiert wird auch von jenen, die seine Werke gar nicht kennen, sei am Grundsatz seiner Rechtslehre erhellt:

„Das Recht ist also der Inbegriff der Bedingungen, unter denen die Willkür des einen mit der Willkür des anderen nach einem allgemeinen Gesetze der Freiheit zusammen vereinigt werden kann.“

Man kann nun von anderen Bereichen seines Werkes halten, was man will, aber das ist schon ganz tiefsinnig, und es würden die meisten wohl zustimmen, wenn da nicht „Recht“ stünde. Willkür meint bei Kant einiges, hier kann man das schlicht dahingehend „übersetzen“, dass man die populäre Formulierung „Meine Freiheit endet da, wo die des Anderen anfängt“ wählt – das ist dann so eine Art allgemeines Gesetz der Freiheit.

Verstöße gegen dieses Prinzip werden in der Regel mit harscher Rhetorik geahndet – und das ja auch fast immer zu recht: Z.B. stellen sexistische Übergriffe in einer U-Bahn eine Freiheitseinschränkung der betroffenen Frau dar. Es wird ungefragt eingedrungen in deren Freiheitsradius und sie wird genötigt, sich abwehrend zu verhalten. Das ist Zwangsausübung: Jemanden dazu nötigen, sich so und nicht anders zu verhalten und das noch bei dem Risiko, bei Abwehr Gewalt ausgesetzt zu sein.

Bei der aktuell wieder aufkochenden Südkurvenblockade einst wurde die Freiheit derer, die sie betreten wollten, temporär eingeschränkt – was den Blockierenden den Vorwurf einbrachte, sie würden für die Freiheit der Kurven eintreten, selbst diese jedoch einschränken, insofern genau das tun, was sie doch bekämpfen würden. Das ist eine Kantische Argumentation. So könne doch die Willkür der einen und der anderen nicht friedlich koexistieren, sondern die einen würden den Anderen ihr Maß aufprägen. Die Gegenseite antwortet dann: Um STRUKTURELL etwas zu erreichen, müssen wir Aktionen starten, die auch für Aufmerksamkeit sorgen. Altes, politisches Dilemma.

Einen etwas anderen Blick wählt Biber in der Kommentarsektion beim Magischen FC:

„Ich bin grundsätzlich überhaupt nicht bereit, Menschen auszugrenzen. Dieser Grundsatz endet aber da, wo ich mich bedroht und/oder eingeschränkt fühle.“

Das ist schon deshalb interessant, weil es einen anderen Grundsatz wählt „Niemand darf ausgegrenzt werden“.

So etwas taucht bei Kant nämlich gar nicht auf, die Möglichkeit der Ausgrenzung. Er argumentiert (glaubt er zumindest) strikt im „A priori“, also nicht aus der Erfahrung heraus, sondern aus logischen Gesetzmäßigkeiten und müht sich, seine Moral- und Rechtsphilosophie aus diesen heraus zu begründen. So was wie das Soziale entsteht bei ihm erst im Nachhinein, indem die vernünftigen Sätze wahlweise befolgt werden oder auch nicht. Und sie gelten formal für „alle“, was immer das heißt. Ausgrenzung ist nicht vorgesehen.

Die findet aber statt. Manche haben einen Pass, andere haben keinen oder einen, der sie zur Ausweisung vorsieht. Manche dürfen in privillegierte Männerbündlerei rein, andere nicht.

Komischerweise wird Ausgrenzung mittlerweile als völlig selbstverständlich angesehen, wenn Geld eine Rolle spielt. Wenn Frank Otto keine Polizisten in Freizeit in sein Separé ließe, dann würde wohl kaum so diskutiert. Auch nicht, wenn jemand ’ne Suite im Vierjahreszeiten für sich beansprucht und abgewiesen würde. Mit Geld abgesicherte Macht stellt kaum noch wer in Frage.

Es geht hier auch um die immer faszinierende Mischung aus öffentlichem- und nicht-öffentlichem Raum im Millerntor-Stadion, aber ja auch in anderen Räumen: Jugendliche, die einfach ohne Geld für Konsum auszugeben in der Innenstadt in Gruppen einfach so sitzen, werden vertrieben – Touristen, die ordentlich Kohle raus hauen, dürfen bleiben.

Neben dem Gesetz des Geldes, das Ausgrenzung befördert, gibt es noch andere, faktische Dominanzstrukturen.

Generell wird diese Republik von weißen, heterosexuellen Männern dominiert, die manchmal im Gestus der „Toleranz“ auch Minderheiten ihren Platz zuweisen. Oft wird freilich genau dann, wenn es um Verteilungskämpfe und Aufmerksamkeitsökonomie geht, auch die geringere Relevanz und Massentauglichkeit von „Minderheitenthemen“ behauptet. Haben wir gerade bei der Homoehendiskussion gehört: Ach, die paar Leute und so eine Diskussion, die sind doch gar nicht wichtig. Und diese Sitcom mit der Regenbogenfamilie wollte ja auch keiner sehen. Das strukturiert Öffentlichkeiten, und Teile marginalisierter Perspektiven haben sich dann ständig mit solchen Ansichten herum zu schlagen – oder ziehen sich einfach zurück, womit der dominante Teil erreicht hat, Dominanz zu stabilisieren.

Solche dominanten Bevölkerungsteile steuern und setzen durch, was auf die Agenda kommt, was wie angeguckt und thematisiert wird und wer von denen, die nicht zu ihnen gehören, in welcher Form sich äußern darf und welche Relevanz dem zugesprochen wird und auch, welche Räume geöffnet werden und welche nicht.

Wiederum ist es interessant zu sehen, wie das Bundesverfassungsgericht dem konsequent kantianisch entgegnete: Mehrheitsverhältnisse spielen keine Rolle, wo es um den Gleichheitsgrundsatz geht. Das ist eine Art Grundwiderspruch der Demokratie: Es ist (idealerweise) nicht erlaubt, dass Mehrheiten Minderheiten entrechten. Weil der Gleichheitsgrundsatz, den man auch aus dem Grundsatz der Rechtslehre ableiten kann, selbst VORAUSSETZUNG von Demokratie ist.

Das hilft nur im Alltag da gar nicht, wo man selbst Teil nicht-dominanter Gruppen ist. Kantische Ansätze setzen nämlich auch Symmetrie voraus, die so in den seltensten Fällen gegeben ist, weil es eben auch Macht- und Dominanzverhältnisse gibt. Antje Schrupp hat das vortrefflich in einem ihrer Texte im Falle der Meinungsfreiheit auf den Punkt gebracht:

„Ich habe den Eindruck, dass es vor allem Männer mit gewissen Privilegien sind, die diese beiden Sachen verwechseln: Sie glauben, wenn sie ihre  Meinung nicht jederzeit und überall veröffentlichen dürfen, sei das dasselbe, als wenn sie sie gar nicht veröffentlichen dürfen. Also “Zensur”. Aber das sind Szenarien, von denen weniger privilegierte Menschen nicht mal träumen. Ihnen ist es nämlich vollkommen klar, dass sie ihre Meinung nicht jederzeit und überall laut sagen können.“

Soll heißen: Wäre ja schön, wenn all diese formalen Prinzipien, die Kant ausführt, faktisch überall gelten würden. Tun sie aber nicht. Bei uns am Millerntor muss man ergänzend zwar sagen, dass es auch Frauen sind, die sich zumindest im Internet lautstark Gehör verschaffen. Aber ansonsten ist das empirisch einfach richtig: Es sind immer die gleichen, die überall zu hören sind und die auch dafür sorgen, dass dann, wenn man dafür sorgen will, dass vielleicht auch mal Anderen Gehör geschenkt wird, mit Sicherheit irgendetwas Lautstarkes drum herum gebaut wird, dass die „Anderen“ auch  ja nicht zu laut werden.

Das gibt es in aggressiver Form – Homo-Hasser in Talk-Shows – oder der des ignoranten Übertönens, das auch als Derailing auftauchen kann – man wechselt einfach das Thema und redet über was anderes, am liebsten die eigenen Belange.

Ganz besonders absurd wird das immer dann, wenn die Dominanten und Privilegierten ausnahmsweise mal selbst in der Situation sind, das zu erfahren, was Marginalisierten sowieso ganz alltäglich passiert: Dass ihnen über den Mund gefahren wird, sie belehrt – und ausgeschlossen werden. Dass sie einfach mal eine halbe Stunde nicht dran sind. Boah, dann geht es rund – dann genau setzt nämlich dieses ganze Gequassel ein von „Zensur“, „Berufsverbot“, „Faschismus“ ein. Wobei mit atemberaubender Konsequenz völlig ausgeblendet wird, dass all das von Staaten (mit Berufsbeamtentum), nicht von irgendwelchen Personengruppen ausgeht. (Im verlinkten Antje Schrupp-Text kann man die Gegenposition zum von mir Geschriebenen lesen.)

Dazu ist dann wieder das Zitat von Biber heran zu ziehen:

„Ich bin grundsätzlich überhaupt nicht bereit, Menschen auszugrenzen. Dieser Grundsatz endet aber da, wo ich mich bedroht und/oder eingeschränkt fühle.“

Das kann man nun zum einen auf das Zitat von Antje Schrupp sehr gut beziehen. Deshalb gibt es Frauenkneipen, deshalb dürfen in manche schwule Kneipen keine Frauen rein, deshalb fordern PoC „Safe Places“, wo sie mal nicht mit White Supremacy und ähnlichem Dominanzgehabe behelligt werden.

Das Gruselige ist nur, dass auch z.B. Evangelikale in den USA diesen Grundsatz für sich zurecht gebogen haben: Sie fühlen sich ja durch LGBT gar fürchterlich bedroht in ihrer heteronormativen Biederseligkeit und schrecklich eingeschränkt, wenn sie nicht mehr hinaus posaunen dürfen, wie abartig und verkommen die „Sodomiten“ doch handelten. Behaupten teilweise gar, so called „Homosexualität“ sei als solche gegen die Glaubensfreiheit gerichtet und sehen sich in ihren „religiösen Gefühlen“ verletzt.

Geht man dem auf den Leim, kommen da so seltsame Gesetze wie in Australien bei raus: Diskriminierungsverbote, aber nicht für die Kirchen. Schon ein starkes Stück und nur aufgrund tradierter Dominanzen auf dem Feld der Spiritualität überhaupt durchsetzbar. Da greift nun doch wieder die Kantische Symmetrie a priori, auch wenn sie empirisch nicht gegeben ist: Anderen Rechte aberkennen, die man für sich selbst in Anspruch nimmt, ist mit Kant zurückzuweisen.

Was hat das nun aber alles mit den Ultras und dem Polizisten zu tun?

Zum einen wird niemand als Ultra oder Polizist geboren. Das ist schon mal ein gewaltiger Unterschied zu den anderen Diskussionen.

Zum zweiten ist es so, dass USP zwar auf der Süd dominieren mag – gesamtgesellschaftlich aber so was von ganz und gar nicht, da braucht man ja nur in die Mopo zu gucken. Während die Polizei nun wirklich viel dafür tut, ihre Dominanz allerorten zu beweisen und das sogar MUSS, um das Gewaltmonopol des Staates aufrecht zu erhalten.

In einer derart asymmetrischen Konstellation, die zudem mit allen erdenklichen Gesetzen abgesichert ist – auch ein Grundparadox der Demokratie, übrigens, im wilhelminischen Deutschland besonders schlimm, einerseits Wahlrecht, andererseits Behörden unterworfen sein – halte ich es für Unsinn, noch mit Kant zu argumentieren. Da kann man Schutzrechte des Bürgers gegen den Staat einfordern, nichts anderes ist ja der Grundrechtekatalog, welcher auf kantischen Erwägungen basiert. Aber bestimmt keine Symmetrie.

Was nun aber gar nicht den einzelnen Polizisten, sondern erst mal die Institution im Allgemeinen meint. Wobei diese mittels Polizeigewerkschaft sich ja nun auch alle Mühe gibt, als diskriminiert zu gelten. Wenn Mächtige die Ohnmächtigen mit Zynismus strafen …

Die Anschlussfrage ist dann halt die: Kann man als Ultra sich frei ausleben, wenn man Angst hat, durch V-Männer, wie vom Senat bestätigt, unterwandert zu werden? Es gibt genug historische Beispiele, dass das tatsächlich NICHT geht.

Und mit „frei ausleben“ meine ich bestimmt nicht „Mollis auf Schweine“ oder ähnlichen Scheiß.

Lasst das doch einfach sein und probiert mal wirklichen Wild Style, da wäre nämlich weit mehr drin 😉 …

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Vom Outlaw in fiktionalen Genres

Manchmal schweben meine Gedanken durch die Illusion von Zeit und Raum, landen gar nicht weit von hier. Am Valentinskamp zum Beispiel. In einer Zeit, als die Hamburger Neustadt noch als „das Letzte!“ galt. Und Hubert Fichte über die „Palette“ schrub, ein Lokal unweit des Gänsemarkts, Künstlertreff für Nonkonformisten. Und in Lokalen am Valentinskamp „Tanzverbot“ herrschte. Kein generelles. Nur das zwischen Männern. Die Neustadt war das Schwulenviertel.

Bei Facebook gingen heute Fotos und Videos aus Russland herum. Dortige Neonazis, in trauter Einigkeit mit den Leitlinien der Russisch-Orthodoxen Kirche handelnd, quälten einen schwulen Teenager blutig und posierten dabei stolz auf Fotos.

Outlaw, das ist auch nah an „vogelfrei“.

Die Nazis sind das nie. Die begleitet notfalls noch der Verfassungsschutz. Die radikalisieren nur den Extremismus der Mitte.

Ich wünsche Putin und den Patriachen einen regen Underground mit Film und Literatur über lesbische Heldinnen, Kämpfern für Bisexualität und aggressiv mit angespitzten Pumps zurück schlagenden Transvestiten.

Was mich schon länger erschreckt, ist, dass im Gegensatz zu den USA oder einer Legende wie Robin Hood in Deutschland kaum eine Fiktionalisierung oder Dramatisierung der Outlaws Tradition hat. Büchner ist lange her. Hier lieben alle den „Tatort“, der richtet im Namen korrekter Verhältnisse und gaukelt Sozialkritik vor.

Deutschland ist eine Volkshochschule, deshalb wird auch der renommierteste Fernsehpreis vom Volkshochschulverband verliehen.

Wer vor geraumer Zeit die Fernsehfilmreihe „Der Yorkshire Killer“ aus Großbritannien sah, rieb sich verstört die Augen: Selbstgerechte, brutale Polizisten errichten Hand in Hand mit Baulöwen ihr Reich aus Folter, Willkür, Korruption, ihre ganz und gar eigene Herrschaft in Yorkshire verteidigend und vernichten jene, die Aufklärungsarbeit leisten wollen. In Deutschland ist die Umsetzung eines solchen Stoffes kaum denkbar.

Fatih Akims Filme sind eine Ausnahme. Ansonsten findet sich wenig. Selbst in „Knockin‘ on heaven’s door“ mit Till Schweiger dürfen die Helden nur so ausrasten, weil sie todkrank sind.

„Thelma & Louise“ hingegen – da würde doch der in Fleisch eingeschriebene Wilhelminismus prompt Athtritis in Finger von Drehbuchautoren beamen, kämen sie auf die Idee zu einem solchen Stoff.

Klar gibt es gerade in den USA auch die Heroisierung von allerlei Grauen. Da werden noch Rechtsradikale, die sich in Farmen verschanzen, zu Helden. Oder Rassisten wie Charles Manson. Im Gegenzug „Shaft“ aber auch.

Und Mythen wie „Der Pate“, Bonnie & Clyde oder Ma Baker leben von einem seltsamen Ringen um Moralität und Amoralität, das anderswo als im Raum staatlicher Zurichtungen verortet ist.

Auch dieser Film, ich habe den Namen vergessen, da in einer Erziehungsanstalt missbrauchte Jungs, erwachsen geworden, ihren Peiniger erschießen, bis der alkoholkranke Verteidiger zusammen mit dem Staatsanwalt, letzterer selbst Opfer in der Erziehungsanstalt, das Rechtssystem austricksen mit Hilfe eines Priesters, der vor Gericht lügt – eine Abfolge moralischer Dilemmata inmitten brutalsten Machtmissbrauches mit der bitteren Pointe, dass das Leben der Missbrauchten durch den Racheakt auch nicht besser wird: Maria Furthwängler würde angesichts all der Unauflöslichkeiten vermutlich sofort im Koma landen, sollte sie in so was mit spielen.

Ja, es gibt dieses im wahren Leben schlimme Abfeiern von Selbstjustiz – dem deutscher Film dann einst mit Marianne Bachmeier-Verfilmungen antwortete. Und auch Andreas Breivik wird davon geträumt haben, als Outlaw abgefeiert zu werden. Schlimm genug. War er nicht, isser nicht. Outlaws kämpfen gegen große, stärkere Gegner. Und eben im Film, in der Literatur. Nicht auf Inseln, wo Wehrlose abgeknallt und ermordet werden.

Die Grausigsten sind halt die immer die Anti-PC-Kämpfer, die sich vermeintlich „Tabu brechend“ über angebliche Gesetze des Alltags hinweg setzen, während sie doch nur die Pfürze des deutschen Spießers aufwärmen und so mehrheitsgesellschaftlich wie nur irgend möglich ihr Spiel um das Recht auf Abwertung Anderer ausreizen. Das hat mit Outlaw so gar nichts zu tun, das ist einfach nichts anderes als die Alltagsentsprechung der Abschaffung des Asylrechts: Entrechtete noch weiter entrechten und verhöhnen wollen hat in Deutschland ja auch den Charakter einer nicht nieder geschriebenen Gesetzesnorm. Wasserzähler abbauen. Zwangsräumungen. Refugees nach Italien abschieben. Steigerungen.

Aber diese rein fiktionale Rachefantasie derer, denen unreglementierte Erfahrung noch etwas bedeutet, die sich gegen tatsächliche Mehrheiten, wirkliche Machtverhältnisse, echte Normierung auflehnen – total out hierzulande. Da sei die Juristerei vor.

Tarrantino macht die Rachefantasie von Juden angesichts der Nazis zum Film. Deutschland guckt „Dresden“ und sieht den „Schulermittlern“ zu.

Wohl, weil es Angst vor der Fantasie hat. Denn die ist selten unschuldig. Und gilt als gefährlich. Dabei ist gefährlich doch immer nur die Angst.

Veranstaltung: LAMPEDUSA IN HAMBURG – 01.08.2013 um 18.30 Uhr

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HINGEHEN!

PS: Wieso ballt sich in meinem Leben eigentlich alles vom 1. bis zum 3.8.?

„Polizist“ ist keine Eigenschaft von Menschen

„Für uns steht außer Frage, dass die Eigenschaft Bulle zu sein und gleichzeitig Teil der Südkurve oder gar Ultrà Sankt Pauli nicht zusammen passen können und einen nicht auflösbaren Widerspruch bedeuten.“

Rums. Hamburg bei Hitze. Das Textbausteinspiel beginnet.

Am lustigsten: USP spreche Berufsverbote aus.

Das ist analoger Unsinn zu diesem ewigen „Zensur“-Gequassel. Weil wie üblich zwischen der mit dem staatlichen Gewaltmonopol und ernsthaften Sanktionsbefugnissen ausgestatteten Exekutive und einem Häuflein Menschen von gesamtgesellschaftlich verschwindend geringer Wirkung ohne Befugnisse gar nicht unterschieden wird.

Mir geht diese völlige Unfähigkeit, zwischen strukturell-institutionell und individualpsychologisch oder auch kleingruppenbezogen zu unterscheiden, mittlerweile nur noch auf die Nerven. Da kann man im Grunde genommen auch aufhören zu reden. Berufsverbote waren das hier , und es war wie üblich die angeblich so hegemoniale Linke davon betroffen – und ich halte es für unwahrscheinlich, dass der weiteren Polizeilaufbahn ein Rausschmiss bei USP irgendwie im Wege stünde.

Umgekehrt ist es auch keine „Eigenschaft“, Bulle zu sein. Eigenschaften sind dick, dünn, laut, albern – oft sind das ergänzend so genannte Dispositionsbegriffe: Wie ein Glas zerbrechlich ist, wenn x passiert, reagieren Menschen gehäuft auf x mit y. Bei Pfaffen wird Momo wütend.

Das ist die Berufswahl- und -ausübung aber nicht. Gerade bei Polizisten würde man sich ja oft wünschen, dass sie auf x mal nicht mit y, sondern mit z reagieren würden. Dass sie freundlich, souverän, niemanden herab würdigend, gewaltfrei, bis es gar nicht mehr anders geht, hilfreich, ohne Ego-Allüren oder der Tendenz zum Machtmissbrauch, ohne Spaß an rassistisch motivierten Kontrollen und Kleinkrieg mit etwas, das als Gangs wahr genommen wird, agierten – und davon wird es auch sehr viele geben, die exakt das sind.

Was USP da macht, ist in der Hinsicht nun leider wirklich ein ähnlicher Kategorienfehler wie der, nun davon auszugehen, sie wären befugt, Berufsverbote zu verhängen.

Ich verstehe das total, was die BASCH da schreibt, hinsichtlich dessen, dass handfeste Interessenkollisionen eintreten bei einem Polizisten, agiert er in einer Gruppe, die gezielt und mit allen Mittel staatlicher Demagogie und Verordnungen kriminalisiert wird. Es ist auch  nicht auszuschließen, dass er eben doch spitzelt.

Umgekehrt daraus dann sozusagen eine persönliche Eigenschaft zu basteln, aaaaargh, Es gab da neulich schon diese treudeutsch heroisierende Formulierung, nunmehr sei auf  „Charakter, Persönlichkeit, Authentizität“ zu achten bei USP. Was ist denn das für eine Gehirnwäsche?

Ich finde schon auch ein starkes Stück, nun Berufsgruppen prinzipiell irgendwelche „Eigenschaften“ anzudichten. Ich glaube, das klappt nur bei Psychotherapeuten 😀 – aber ich gehe schon davon aus, dass auch heute noch sehr viele Menschen gibt, die in die Polizei, die Justiz, in Finanzämter, die Politik, ja sogar die Katholische Kirche gehen, weil sie im Positiven etwas bewegen wollen.  Die 68er nannten das „Marsch durch die Institutionen“, und die Frage ist, ob das geht.

Das ist auch viel schwieriger, als sich von den Eltern das Studium finanzieren zu lassen und als Revoluzzer zu gebärden, bis man dann fertig studiert hat und sich genau so einfügt.

Und was genau ist jetzt an Werbern besser als an Polizisten?

Da heißt es dann „so ist das im Kapitalismus“; Polizei gehört zu dem aber ebenso dazu. Eigentumsschutz.

Gab ja einen – heute in einem Gespräch wieder akut werdenden – Fall, da ich mich extrem darüber aufregte, dass bei einer Veranstaltung des FC St. Pauli ein katholischer Geistlicher in der Uniform seines Arbeitgebers saß. Wie ich finde, zu recht – das verstößt schlicht gegen die Stadionordnung, wenn jemand ALS VERTETER einer krass schwulenfeindlichen Organisation (obwohl so viele derer darin arbeiten), deren jüngst zurück getretener Chef in afrikanischen Staaten solche explizit segnet, die die Todesstrafe für Lesben und Schwule forderten, in Amtstracht da rum lungert. Das ist in der Frage nicht besser als Thor Steinar-Klamotten.

Nun kann trotz spiritueller Verirrung, Zuwiderhandeln gegen den Willen Gottes – ätsch 🙂 – und gruseligem Arbeitgeber das ein total netter Mensch sein, der in anderen Zusammenhängen sich vielleicht sogar gegen Schwulenhass in der Kirche einsetzt. Ist bei dem zwar unwahrscheinlich, der erläuterte ja Ring2 noch, wieso solche wie ich angeblich Gottes Willen zuwiderhandelten und ich fragte mich einmal mehr, wieso ausgerechnet die in solchen Fragen sich eine Expertise zusprechen – Rückschlüsse auf sonstige „Eigenschaften“ seiner Persönlichkeit lässt das nicht zu. Trotzdem hätte ich vermutlich kein Problem damit gehabt, wenn der nicht in Ornat als Vertreter der Amtskirche, sondern in zivil als Privatmensch und einfach katholisch-gläubig da gesessen hätte. Das ist dann dessen Sache, nicht jedoch, wenn er die geballte, institutionell bestens abgesicherte, globale Macht seiner Kirche aufträgt.

Nun finde ich die Polizei im Allgemeinen im Vergleich mit der Katholischen Kirche noch ungleich ambivalenter: Die regeln auch den Verkehr, klären im beste Falle Morde und auch Vergewaltigungen auf, letzteres wäre zumindest möglich und gut, wenn sie es denn täten, gehen im Falle heterofamiliärer Konflikte dazwischen, und ich vermute sogar, dass sie intervenieren würden, wenn schwule Paare von Rostock-Fans verprügelt würden.

Ich verstehe fundamentale Staatskritik, sehe aber den Abbau des Sozialstaates eher als akutes Problem oder „Drittmittelwerbung“ bei Universitäten an. Man kann Polizisten nicht pauschal absprechen, in ihrem Amt wirklich Gutes tun und auch gesellschaftlich bewegen zu wollen. Und die Ausfälle sind eher der Politik, Neumann und Co, anzulasten, weil die ihre Aufgabe nicht nachkommen, Grenzen zu setzen.Problem ist doch, dass diese Institutionen von vielen wirklich aufgegeben wurden, aber weiterhin machtvoll bleiben.

Trotzdem finde ich es völlig legitim, wenn USP da mit Misstrauen reagiert und sagt „Lieber nicht“. Das ist einfach klug, nicht intolerant.

Wenn da nur diese Begründung nicht wäre … und die ist halt übergreifend relevant. Deshalb schreibe ich was dazu.

 

EDITH: Hier sei sozusagen die „Gegendarstellung“ verlinkt, der Fairness halber und sowieso – habe es selbst noch nicht gelesen. Via Magischer FC, Facebook.

„Die Abwehrreaktionen kommen daher, dass es Teil des deutschen identitären Selbstverständnisses ist, gute Aufarbeitung geleistet zu haben“

Empfehle dringend die wirklich genaue Lektüre des Textes „Dimensionen der Differenz“ in der „Analyse und Kritik“ (bzw. auf deren Internetseite) – da haben nun jene an einem Tisch gesessen (oder auf einem Podium? In der Redaktion?), die bei den Kontroversen rund um „Critical Whiteness“ verschiedene Positionen vertraten. Wobei in meiner Wahrnehmung vor allem die eine Seite angriff, das aber wegen der Kontroversen auf dem „No Border Camp“.

Das wurde auch hier im Blog sehr intensiv diskutiert. Mit aus meiner (weißen, männlichen, schwulen) Perspektive oft paradoxen Ergebnissen, die ich im Kopf auch nicht ausgeräumt bekam. Aber das muss ja auch gar nicht sein; erhöht ja die Zuhörbereitschaft. Hoffentlich. Ist ja für als Männer Sozialisierte wahrscheinlich die wichtigste Lernerfahrung, nicht immer zu allem eine abschließende Meinung haben und artikulieren zu müssen, sondern lieber mal hin zu hören. Ist monologisch bloggend zwar ein Widerspruch in sich, aber man lebt ja auch sonst noch 😉 …

Einer der Texte hier im Blog ist dort auch verlinkt. Danke an alle, die mit stritten!

Es steht mir nun gar nicht zu, nun flammend irgendein Pro oder Contra in die Welt zu schreien. Einzig erscheint es mir wichtig, anzumerken, dass es manchmal so scheint, dass die CW-Kritiker immer dann allergisch reagieren, wenn sie sich als Teil eines „Spiels“ um Macht, Dominanz, gesellschaftliche Hierachien und Privileg begreifen könnten, nicht nur als Widerständige. Was für selbst Marginalisierte nach und in ihrem hart ausgefochtenen Kampf um Anerkennung ja auch zunächst völlig absurd erscheinen mag.

Ich hebe einfach drei Statements mal hervor; alle, die hier mit diskutierten und darüber hinaus natürlich auch sollten einfach mal lesend lauschen:

„Vassilis Tsianos: Moment, du kannst nicht W.E.B. Du Bois und alle möglichen anderen Leute einfach vereinnahmen als Critical Whiteness. Es gibt einen Unterschied zwischen Critical-Whiteness-Theorieproduktion und Black Experience im Kontext von Black Atlantic, das ist wirklich eine viel größere, reichere Erfahrung.“

(Fällt ihm da selbst wirklich nichts auf?)

„Joshua Kwesi Aikins: (…) Die Abwehrreaktionen kommen daher, dass es Teil des deutschen identitären Selbstverständnisses ist, gute Aufarbeitung geleistet zu haben. Und wenn ich dann die Geschichte verkompliziere, indem ich sage, in Bezug auf den deutschen Kolonialismus gab es keine Aufklärungsarbeit, merken die Leute: Oh Gott, jetzt habe ich aber nicht alles getan, was ich tun muss, um ein guter Deutscher zu sein. Dann schlagen die Emotionen hoch, aber ohne dass ich pädagogisch darauf hingewirkt hätte. Das andere ist: Ich denke, man kann Identitätspolitik auch nicht rundweg ablehnen. In Deutschland erkennen viele Leute Rassismus nicht als Struktur an. Sie individualisieren und entschuldigen ihn. Vor diesem Hintergrund ist die Konstruktion von Kollektivität als Schwarze oder PoC – und darin gibt es identitäre Momente – ein wichtiger Bestandteil von Empowerment.“

(!)

Sharon Dodua Otoo: Ich würde sagen: Solange die Norm nicht benannt wird, solange es Leute gibt, die sich als »Leute« verstehen und nicht als weiße Männer, die die Ressourcen haben und Kunst produzieren oder darüber entscheiden, was als Kunst gilt, haben schwarze Künstler kaum Möglichkeiten, da reinzukommen. Aber wenn weiße Kunstschaffende sagen, wir haben eine bestimmte Perspektive, es gibt aber verschiedene Perspektiven, die uns interessieren, und deshalb verteilen wir die Zugänge anders, dann haben wir die Möglichkeit, in einen anderen Raum zu kommen.

(!)

Soll jetzt aber nicht die Lektüre des ganzen Textes ersetzen.

 

„Du weißt, ich liebe das Leben …“

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Und jetzt wettern welche. Im Forum. Wegen Vicky. Vicky Leandros. Vergleichen „Ich liebe das Leben“ mit „Die Hände zum Himmel“ und ähnlichen Ausgeburten akustischer Hölle, Hölle, Hölle.

Liebe Leute, die das schruben, verreckt doch in eurer verheteten Gitarrendreckswelt, wo irgendwelche vermackerten Blues-Diebe wie vor dem Spiel „Living on the Edge“ gröhlen oder Punker und Hardcore-Spinner alles tradiert Schwarze und Schwule der Musik austreiben.

Mag auch ein Fussballstadion nicht unbedingt der richtige Ort sein, sich über dergleichen zu ereifern, auf unserem weht jetzt immerhin die Regenbogenflagge. Das heißt, sich der wehmütigen Lust hinzugeben, Camp zu verstehen und Camp vom Schlagermove zu unterscheiden. Das ist für viele so genannte Heterosexuelle gemeinhin echt eine Herausforderung. Aber sie lohnt sich!

Camp – diese Les- und Hörart als merkwürdige Aufhebung – im hegelschen Sinne, versteht sich, also das, was aufgehoben wird, bleibt im Aufgehobenen erhalten, verwandelt sich aber in etwas anderes – der Ironie in sich selbst, so dass gerade kein „Bad Taste“ dabei entsteht.

„Bad Taste“, das waren die Toten Hosen früher, der „wahre Heino“ und das, wofür sich die Goldenen Zitronen später schämten.

Camp hingegen ist, die Künstlichkeit und Lüge, die in Schmelz und inszeniertem Pathos liegt, so zu hören, dass das, was angeblich gemeint ist, tatsächlich wird – aber aus einer Distanz zum Gefühl, das besungen wird, heraus, durchlebbar wird. Das ist das Gegenteil des gar nicht möglichen Unmittelbaren, vermeintlich „Authentischen“. Manche meinen, das könne man gar nicht kalkulieren, weil es nicht funktioniert, wenn es geplant ist. Georgette Dee ist kein Camp, sie spielt nur damit – aber die Klamotten von ABBA in den 70ern sind es. „It’s now or never“ von Elvis auch.

Eben, wenn Udo Jürgens „Ich weiß, was ich will, von meinem Fenster aus, da kann ich Dich sehen“ zu Irgendwiedisco singt, dem betrunken nachts um 4 tatsächlich SEHNSUCHT und Entschlossenheit abzugewinnen und so zu tun, als würde er ernsthaft das in dem Song zum Ausdruck bringen, was er da singt in seinem kalkulierten Pophandwerk. Obwohl jeder weiß, dass das gemacht ist. Aber es kommt ernsthafter rüber als Tony Marshall. Schüttel.

Und je triefender, desto schöner – das hat mindestens ebenso Zarah Leander trotz ihrer Verstrickungen in den Nationalsozialismus einst zur Schwulen-Ikone werden lassen wie die tiefe Stimme. Dieser Blick …

Und der Trick ist, dass gerade WEIL das so sentimental und schmachzend und schön ist und man sich, wenn man nicht allzu viel Hornhaut auf der Seele hat, auch hinein begeben kann, trotzdem eine Distanz zum Gefühl eintritt. Weil es ja doch nur Schlager ist.

Deshalb sind auch die schönsten Disco-Hymnen, hier läuft gerade „Rock you Baby“, immer mit einer traurigen Unterströmung versehen. Das verleiht ihnen – wie auch den Schlagern, die campfähig sind, das sind ja die meisten ja gar nicht – eine Dimension der Erfahrung, ein Wissen, eine Wehmut, die Bollerhetentum einfach nicht versteht. Das kann eher auf Chris Roberts oder diese mit Mallorcabumsbeat unterlegten Horror-Schlager, die im Kliffkieker auf Sylt Sylvester zum Glück erst nach 12 laufen.

Nun ist Vicky Leandros immer auch zu schaurigen Gassenhauern fähig gewesen – aber dieser Brachialschmelz wie in „Aprés toi“, das ist schon feinst campy.

Und „Ich liebe das Leben“, hey, damals, als Mathias sich dann doch für meinen Rivalen entschied, da war das Überlebenshilfe. Wie auch „Nur wenn ich lache tut’s noch weh“ und „Wär ich ein Buch“ von Daliah Lavi oder „Komm wieder, wenn Du frei bist …“ von Tanja Berg 😀 … ja, das war ja das Schöne, ich konnte lachen, während ich litt.

Das war für mich immer Zentrum aller schwulen Subkuktur damals, diese Haltung, da, wo sie gut war.

Nicht zu vergessen „Mach noch mal, mach noch mal, was Du immer machst mit mir …“ 😀 😀 😀 . Von Dunja Rajter. Toll. War die B-Seite der Single „Ich glaub Dir“. Und „Am Samstag Abend war es wieder mal so weit …“ von Hanne Haller.

Ich liege hier gerade auf dem Rücken auf dem Sofa, tippe ins iPad und bekomme ständig Lachanfälle 😀 – da kursierte nämlich früher ein wundervoller Videomitschnitt der Familie Schmidt, wo herrlich schlecht geschminkte, wundervolle Trümmertunten (oder nur eine? Lange her!) verzerrte Gesichter zum Chor zogen, während sie so taten, als sängen sie ihn. Ja muss man gesehen haben, kann man sich aber auch vorstellen. „Ja, ich weiß, ich bin stark, doch ich wär so gern schwach …“ – herrliche Zeile. Lief im Radio, als ich einst mit H. in Kassel einfuhr, aber das ist eine andere Geschichte. Wie auch „Wir grüßen unsere Mitpatienten auf der Intensivstation“ und „Sue Allen, sauf weiter!“ Oder Pelle Pershing, der Heinz Schenk parodiert, der Zarah Leander parodiert … oder Sheldon Cooper. Danke noch mal!

MACHT MIR DIE VICKY NICHT MADIG! Ich finde es wundervoll, wenn das das Lied der Saison wird!

Aber eigentlich sollte das ja ein Spielbericht werden. War ein großartiger Abend am Millerntor! Danke, Jungs, dass ihr euch von diesen rummackernden Prügellöwen nicht habt beeindrucken lassen, weiter gegen gehalten und so verdient gewonnen habt!

PS: Ein paar Worte noch zu Herrn Kienhofer (schreibt der sich so?) – weil ich über den hier schon mal Bitterböses geschrieben habe. Es gab eine kurze Phase, da drohte das Spiel nur noch von seinen Pfiffen geprägt zu werden. Aber ganz am Anfang wie auch die komplette zweite Halbzeit hindurch fand ich es großartig, wie er bei einem Spiel, das eher was von Fingerhakeln oder Armdrücken hatte, volle Souveränität wahrte. Respekt!

Ist das so im Kapitalismus? „Relentless“ auf FC St. Pauli-Brust

„Relentless“, Teil des Coca Cola-Konzernes, ist Hauptsponsor des FC St. Pauli.

Jetzt diskutieren es eh alle. Dann mache ich mit.

Natürlich höhnen als erstes irgendwelche „Antideutschen“, nicht zufällig aus Rostock, über „letzte Kämpfe der Antiimps“. Weil sie vermutlich Kritik am Coca Cola-Konzern, wie üblich rein „kulturell“ argumentierend, mit „Antiamerikanismus“ assoziieren. Selbst – solidarische Grüße – die Kollegen vom Magischen FC hauen in diese billige Kerbe.

Was immer das sein mag, Antiamerikanismus. Ich liebe Jazz, Soul, Stephen King, Joan Baez und unendlich viele Filme und bin heilfroh über die Befreiung ’45. Nur der Schwulen ja leider nicht 😦 …

Anderes finde ich gruselig. Ich bin da zu keinem pauschalen Pro oder Contra fähig.

Andere rufen resigniert aus „So ist das im Kapitalismus“.

Ist das so?

Klar hängt im Kapitalismus alles mit allem zusammen. Klar spiele auch ich seit 20 Jahren immer wieder irgendwo mit, wo man nach Recherchen auf Dreck am Stecken stößt. Schreibe an einem unter unmenschlichen Bedingungen produzierten Computer, habe iPhone und iPad und stecke mittendrin, mit white privilege versorgt.

Klar braucht der FC St. Pauli Geld und ist Teil des Profigeschäfts. Klar ist es cool, wenn die Geschäftsführung solche Summen an Land zieht.

Aber gibt es nicht doch noch Unterschiede zwischen z.B. Nestlé, Pharmakonzernen und Coca Cola einerseits und anderen Playern?

Ich stimme Stpauli.nu da zu:

„Coca-Cola wäre gut beraten, in diesen Diskurs einzusteigen, denn das zeigte die Ernsthaftigkeit dieses Engagements.“

Nach kurzen Recherchen ergab sich prompt, dass Coca Cola wie viele andere auch sehr zwiespältig agiert: Einerseits Profitmaximierung mit je nach Region grausigerweise üblichen Mitteln, die auch in Lateinamerika, wie jeder weiß, krass und harsch sind. Wie genau es sich verhält, dazu gibt es auch zwei Darstellungsweisen. Kann jeder weiter googeln.

Zum anderen gibt es auch eine Stiftung und Aktionen, die in – Triggerwarnung – krasser kolonialrassistischer Tradition im Gestus des Helfers, natürlich mit schwarzem Kind abfotografiert ganz oben auf der Seite, sich als helfende Hand da verkündet, wo es zuvor, ausdrücklich metaphorisch und nicht tatsächlich gesprochen, höchstselbst das Wasser abgegraben hat.

Metaphorisch, weil ich zwar googeln kann, aber nicht überprüfen, was wahr ist und was nicht.

Dass generell Weltkonzerne eben so agieren, wie Weltkonzerne  eben agieren, das ist ja bekannt und trivial. Ob das gut so ist und wie man sich dazu verhält ist, das ist aber eine andere Frage.

So läuft das ja ganz im Allgemeinen postkolonial überall: Sich immer noch als Retter, Helfer und Erzieher da aufspielen, wo man zuvor gewütet, ausgebeutet und unterdrückt hat. Und das auch auch weiterhin tut.

Ich würde dem Verein dringend empfehlen, mit all dem offensiv umzugehen. Das geht ja mitten ins Herz des Selbstverständnisses – einerseits Wirtschaftsunternehmen, andererseits eben auch viel Ethos, und dabei stellt sich immer die Glaubwürdigkeitsfrage. Wegen der Paradoxien, die das erzeugt, gehen ja viele auch nicht mehr ins Stadion. Während ich denke, dass die Publizität, die der Verein zu erzeugen vermag, auch Schlaglichter auf allgemeine Fragen wirft. Die wichtig sind.

Dann nur auf das „unkonventionelle“ Marketing von Relentless zu verweisen, das ist mir einfach zu wenig.

Ich warte auf eine Informationsveranstaltung im Ballsaal. Weil ich an die Revolution eh nie geglaubt habe 😉 …

Besiktas! St. Pauli!

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Es begann traurig.

Wenig Hoffnung schimmerte in Gesichtern, denen anzusehen war, durch welch Martyrien sie von der Wucht der Politiken Anderer getrieben wurden. Um nun in Hamburg in konkreten Umfeldern schon auch auf das zu treffen, was Menschen erst zu Menschen macht – die Fähigkeit zu Mitmenschlichkeit und Solidarität. Aber eben immer zu wenig davon, weil Andere den Imperativen der Funktionssysteme – der Behörden, des Militärs, der Polizei, der großen, wirtschaftlichen Einheiten – folgend wie Roboter Reden darüber schwingen, wer denn wohl wo eine Perspektive zu haben habe.

Die Refugees, in Libyen arbeitend, vom Bürgerkrieg vertrieben – zu Tausenden geflüchtet sahen sie dem Sterben ihrer Freunde, Verwandten und Bekannten zu, sind traumatisiert. Und hier stoßen sie auf Apparatschiks, die einfach nur aussitzen und denen das Schicksal Anderer am Arsch vorbei geht.

Sie berichteten vor dem Millerntor-Stadion von ihren Erfahrungen, dem Horror, in den sie geschubst wurden und werden. Doch auch von der Binnensolidarität im Viertel, von Gastwirten, Spendern – auch dem FC St. Pauli, der 60 von ihnen Karten für das Spiel gab – und jenen, die sie mit Nachtwachen schützen.

Aus Hellersdorf und Bremer Stadtteilen hört man von anderen Reaktionen. Es ist zwar schön, dass es auf St. Pauli aktuell offener, mitmenschlicher zugeht – trotzdem fühle ich mich völlig bescheuert, mit einem ausrangierten iPhone in der Tasche zum Musik hören, das bei mir einfach so rum lag, jemandem von den Flüchtlingen wenigsten ein paar Stunden für sich mit den Klängen ermöglichen zu können. Weil das eine so derart absurde und unnötige Grundkonstellation ist: Hier der weiße Nachfahre der Nazis und Kolonisatoren mit Universitätsstudium und selbstständig Dank Arbeitsagentur, der Elektroschrott ansammelt – und dort ein Mensch mit Biographie, Freunden, Gefühlen, Qualifikationen, Bedürfnissen, Sehnsüchten, dem Innensenatoren und Andere ALLE fundamentalen Rechte absprechen.

Das ist nix, wofür ich mich individuell schuldig fühlen würde, aber die Strukturen, die solche Assymetrien ermöglichen, wieso werden die von so vielen gestützt? Mir ist das ein Rätsel.

Es sei doch allen Menschen gleichermaßen ein glückliches Leben gegönnt, und es sollten doch alle alles dafür tun, dass das auch was wird. Es sind doch genau diese oft als „naiv“ oder „unrealistisch“ verunglimpften Grundregeln, die handlungsleitend sein sollten.

Es war schade, dass die Berichte der Refugees zu einem Zeitpunkt verkündet wurden, da schon fast alle auf dem Weg in das Stadion waren. Die meisten gingen einfach vorbei, blieben nicht stehen, lauschten nicht. Nicht, dass die Refugees das nicht gewohnt wären; nur sind ihre Lebensgeschichten und Erfahrungen mit Sicherheit wichtiger als dje Anzahl der Menthol-Zigaretten, die Helmut Schmidt hortet, oder was sonst so auf Seite 1 irgendwelcher Zeitungen steht.

Irgendwann ging ich dann auch ins Stadion, glücklich, dort endlich wieder ein Spiel zu sehen. Stand auf der Süd, ausnahmsweise waren die Desorganisierten St. Pauli mal ein Grüppchen statt individualisiert im Stadion verteilt. Was ich auf dem Platz sah, gefiel mir sehr – wenn auch die Abwehr zu Beginn noch ziemlich desorientiert wirkte, so war doch zu spüren, dass in der Offensive viel Quirligkeit und Spielfreude hinzu gestoßen ist. Wobei ein Florian Bruns mir doch schmerzlich fehlte – umgekehrt ist zu betonen, dass es Schachtens Ballwiedereroberung im eigenen Strafraum war, die zu Bolls Tor führte. Wieder eine Aktion von zwei mit dem Verein Verwachsenen; es wird spannend sein zu beobachten, wer von den Neuen irgendwann ihre Rolle spielen wird.

Die Besiktas-Fans waren großartig. Nach deren wundervollem Vereinslied zu Beginn hörten sich unsere Gesänge zunächst mal ganz schön grobschlächtig an – und es war kurioserweise auch hörbar, wie fatal das wirkt, dass das, was anderswo „Folklore“ wurde, hier zur „Volksmusik“ mutierte mit Rumtamtam und schlechter Blasmusik. In den 70ern konnte man ja bei Acts wie Ougenweide oder Liederjan ein wenig erlauschen, was es auch hier mal gab an Gesängen und Tänzen, bevor Marsch und Walzer dominant wurden. So dass immer nur das Richten des Gehörs nach England und Amerika blieb und teils grauenvoll adapiert wurde. Wobei man ruhig auch mal in Richtung Nord- und Westafrika, Balkan und Türkei lauschen könnte. Beim Fanlied von Besiktas war erlebbar, dass auch andere Entwicklungen möglich gewesen wären.

Toll, wie der Block gegenüber hüpfte, toll, dass so viele Besiktas-Fans auch auf der Süd und der Gegengeraden sich einfanden – endlich mal die Nachbarn und Teile dessen, was auch das neue Deutschland ist, im Stadion zu sehen! Dass Fabian Boll später ironisch vom „Auswärtsspiel“ sprach ist ein großes Kompliment an die Gäste.

Die Pyros sahen toll aus, passte einfach – und was habe ich mich fremdgeschämt für die zurechtweisenden Durchsagen, die dann folgten! Bei Ligaspielen kann ich das wegen der DFB-Strafen noch irgendwie verstehen wie auch jedes Argument gegen Pyro Gehör verdient – aber diese ätzende Rhetorik, die reagiert, als würde gerade bei Tisch gepfurzt und als sei das schlimmer als das, was z.B. ein Innensenator Neumann politisch treibt, nee, das fand ich nicht St. Pauli-like. Und schlimm, die Polizei dann da im Block stehen zu sehen, wohl auch neben welchen von jenen, die vor kurzem noch Erdogans Schergen trotzten. Ich weiß zwar nicht, was es vorher für Anlass zum Streit im Block selbst gab, das Bild mit der Polizei mittemang gefiel mir gar nicht.

Noch weniger angesichts dessen, was gerade in Altona passiert – jene nächtlichen Schlachten, da Eltern und Anwohner sich mit Kids, die Ärger mit der Polizei haben, solidarisieren. Ich weiß keine Details; was ich sehr intensiv verfolgen musste in den letzten Jahren aus den Berichten von Söhnen von Bekannten, ist, wie PoC-Jungs ab dem Alter von 14 ungefähr von Polizeiseite traktiert, terrorisiert, schikaniert und auch gezielt kriminalisiert werden. Durfte ich auch mit eigenen Augen oft im Schanzenviertel sehen. Die brauchen sich nur irgendwo hinstellen und haben Uniformierte am Hals. Und erleben es ständig, wie ihre blonden, blauäugigen Freunde unbehelligt daneben stehen und all das eben NICHT erleben – das meint ja „White Privilege“.

Dass es dann irgendwann knallt ist einfach klar – das war in Paris, London, L.A. nicht anders. Und „mehr Polizei“ verschärft das Problem nur. Ich vermute nur, dass das politisch gewollt ist, um Grundrechte noch weiter auszuhebeln, als das in Hamburg eh schon der Fall ist. Man sollte auch Aussagen wie „Wo sollen wir denn hin? Die Schanze ist Gefahrengebiet, es gibt keinen Jugendtreff …“ sehr ernst nehmen; das Instrument „Gefahrengebiet“ ist eben auch eine – verglichen mit anderen Weltregionen zwar unvergleichlich harmlosere, die de facto-Abschaffung des Asylrechts ist die härtere Form – zumindest symbolische „ethnische Säuberung“ von Stadtvierteln, da die Polizei eh gezielt auf PoC los geht.

All das geht einem halt durch den Kopf, wenn eine Stadionsprecherin türkische und deutschtürkische Fans rüffelt. Bemerkenswerterweise wurde die Pyro-Einlage erst bejubelt auf den Rängen, nach den Durchsagen wurde aber gebuht. Das zum Thema „autoritärer Charakter“.

Trotzdem war die Solidarisierung mit den Besiktas-Fans insgesamt so durchschlagend präsent, dass das schon ganz mein St. Pauli war. Mit der Regenbogenflagge auf der Süd und den vom Aktionsbündnis gegen Homophobie und Sexismus so großartig gestalteten Motiven auf der Gegengeraden ja nun noch viel mehr. Wäre nun noch einer der knutschenden Jungs nicht weiß, es wäre sogar noch schöner. Aber ich hätte ja mit machen können und es ist auch so richtig toll. Auch, weil die Lesben nicht vergessen wurden.

Und dann drang auch noch Vicky Leandros aus den Boxen … läuft ja mittlerweile leider auch auf dem Schlagermove, so was. Leider. Ich kenne das noch aus bierseligen Momenten nachts in schwulen Kneipen, als ich noch in welche ging – da haben sich dje Heten mal wieder was bei uns abgeguckt und zum geschmacklosen Massenevent gemacht. War ja schon bei Disco und House so.

Egal, ich fand es auch in wehmütiger Erinnerung an vergangenen Liebeskummer schön, als Vickys „Komm, sorg Dich nicht um mich, Du weißt, ich liebe das Leben!“ ertönte. Das stimmt nämlich!

Die Saxophon-Dialoge, Teil 10

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Sich in den Ton verlieben … beim Saxophon lernt man wohl was über das Chi. v

Vermute ich.

Einst, als in grauer Vorstadt inmitten von „Neue Heimat“-Bauten, kasernenartig dreigeschossige Häuser mit je sechs 3 bis 4-Zimmer-Wohnungen für brave Arbeiter bedeckten Quadratkilometer um Quadratkilometer, ich in jener Realschule Unterricht hatte, da kurz zuvor noch ausgerechnet die Scorpions geprobt hatten, da dachte ich, man spiele das Saxophon mit dem Mund.

Okay, die „Stütze“, das Anspannen des Zwerchfelles, die wurde sogar vom Lehrer kontrolliert, der fasste mir glatt an den Bauch – aber nun, da sowohl für den Coppertwink – hey, von dem habe ich ja noch gar nix geschrieben!

Also, für den Coppertwink habe ich nun heute auch noch ein neues Mundstück gekauft. Ein offeneres. Eines, das den Luftfluss durch den halben Körper erst so richtig ermöglicht. Das ist ein Gefühl von FREIHEIT, das kennen die meisten vielleicht gar nicht. Ständig mit Blicken und Bemerkungen Anderer beschäftigt, in ein funktionales Netz aus Seinsollen gezwängt und irgendeinem Ziel hinterher hechelnd …

Freiheit mit dem Coppertwink. Meine erste und bisher einzige eBay-Ersteigerung. Ein Altsaxophon mit einer zauberhaft tuntigen Kupferlackierung zu Messing-Applikatur und geheimnisvoll grünschillernden Knöpfen – wir hatten einen Lehrer, der manchmal Schüler als „grünschillernde Scheißhausfliege“ beschimpfte. Eine fiese Type mit gezwirbeltem Schnäuzer, bei dem ich trotzdem in Geschichte so viel lernte, dass ich heute noch manchmal davon profitiere. Zum Beispiel musste ich in einem Referat die „deutsche Lösung“, das war damals noch die Zweistaatlichkeit, mit jener in Vietnam vergleichen. Ja, liebe Youngster unter den Lesern, da googelt mal rum, wir haben das ja alles in Milos Formans „Hair“ gelernt 😀 …

Und dann begab es sich zu der Zeit (so ungefähr), da allesamt gegen die „Volkszählung“ protestierten und gegen die Punker-Kartei auch, NSA warf seine Schatten voraus, ich „Der Kuss der Spinnenfrau“ las. Jener für mich so paradigmatische Dialog zwischen Molina, dem sehr „femininen“ Schwulen, und Valentin, dem kommunistischen Widerstandskämpfer, im Knast zu Zeiten der argentinischen Militärdiktatur. Molina erzählt mitreißend kitschige Filme, auch völlig naiv einen üblen, antisemitischen Nazi-Propagandastreifen und einen hochgradig rassistischen Zombie-Film – und Valentin vermittelt im Gegenzug politische Bildung. Freilich selbst zugleich völlig kaserniert in Ideologemen – die so fühlige, sentimentale Beziehungswelt in den cineastischen Erzählungen Molinas kocht ihn weich – wie auch das von den Schergen der Junta vergiftete Essen. Nur anders. Gegenteilig, sozusagen.

In dem Festeinband, aus der Bibliothek geliehen, waren seitenweise Zusammenfassungen insbesondere der Studien zu Autorität und Familie der Kritischen Theorie, Fromm, Marcuse und Adorno vor allem, in die Fußnoten gekippt worden, die parallel zum Text verliefen.

Das war das erste Mal, dass ich bewusst auf diese Denker traf, die teils in Abgrenzung, teils sie adaptierend für mich noch so wichtig werden würden. Und jener Geschichtslehrer, der uns auch die „deutsch-französischen Beziehungen“ lehrte, brachte mir auf Nachfrage die Karteikarten aus seinem eigenen Studium mit, um mich vertiefend informieren zu können. Über den so genannten „Freudomarxismus“, der im Umfeld meiner Psychoanalytiker-Mutter so ungemein populär war und mir nach dem Coming Out erst mal mal massive und passiv-aggressive Konfrontationen mit Narzißmustheorien und Freudscher Neurosenlehre einbrachte. Da hatte dann Dieter, in den ich so verknallt war, vor mir Saxophonunterricht, ich schwärmte – und abends las ich widerwillig in schlauen Büchern, dass ich ja gar nicht ihn toll fände, sondern nur eine narzißtische Projektion meiner selbst aufgrund einer zu intensiven Mutterbindung oder so …

Kein Wunder, dass das damals weder mit dem Dieter noch dem Saxophonspielen wirklich etwas wurde. Mit Dieter bin jetzt immerhin bei Facebook befreundet – und es war tatsächlich ein Brief von ihm, in dem mir erstmals das Konterfei Michel Foucaults begegnete, kopiert und in den Brief geklebt. Ja, so war das damals – man schrieb sich nicht Mails, an denen irgendetwas dran hing, sondern ging zum Kopierer, schnitt etwas aus, klebte es auf Papier und schrub mit der Hand Worte und Sätze drumherum.

Es war das berühmte Bild des Hinterkopfes Foucaults, die Glatze im Gegenlicht. Und der Foucault wurde so eine Art neues Mundstück für mich: Endlich tief durchatmen! Weg mit diesem ganzen Geschrei von gesellschaftlich deformierten Trieben, bei denen das Echo des guten, natürlichen, heterosexuellen Genitalsex immer mit zu erlauschen war und das im Freudomarxismus einen jeden in die Pathologisierung eines wohlfeilen Diffamierungsrasters presste. Der Jargon, der Wut nicht konnte, in der Selbstdiagnose jedoch mit „Ich bin ja so aggressionsgehemmt!“ die nächste übergriffige Attacke vorbereitete, die hinter jeder Regung stets etwas Anderes, meist Sexuelles witterte und durch dies indirekte Schließen auf das Unbewusste des jeweils Anderen ein ausgefeiltes Manipulationsrepertoire entfaltete. Der Jargon, der statt „Du Arschloch!“ „Du bist aber auch neurotisch!“ ausrief und mit bedächtigem Tonfall voller unterschwellig zitternder Wut den halben Bekanntenkreis mit finsteren Diagnosen überzog – zumeist in deren Abwesenheit. Kann man ja in manchen Blogs heute noch lesen, so was.

Dem galt das geballte Hohngelächter Foucaults – Psychoanalyse, das sei nur die Fortsetzung der christlichen Beichte, und statt so blöd zu sein, „die Homosexualität“ „in uns“ zu befreien, sollten wir uns lieber erst mal als schwul erfinden und über Freundschaft reden. Und sie leben.

Völliger Quatsch, dass „Sexualität“ unterdrückt worden sei, sie sei fortwährend produziert worden – vor allem die abweichende: In Kliniken, vor Gericht, in psychiatrischen Sitzungen und Forschungen. Vor allem natürlich jene Formen, die nicht der guten, heterosexuellen Fortpflanzung dienten – Frauen, die keinen Bock auf ihre Gatten hatten, erklärte man so für hysterisch, und „homosexuell“ wurde klinisches Phänomen, das mittels normalisierender Sanktion zu behandeln sei. Dass das bis zu Kastrationen, dem Einpflanzen „männlicherer Hoden“, Elektroschocktherapien und Lobotomien ging, das haben Lammert und Kauder auch wieder vergessen – Folter bis hin zur Gehirnamputation. Ich mag das Wort deshalb nicht.

So rettete mich Foucault – nur wurde dummerweise ungefähr zur selben Zeit mein Altsaxophon geklaut. Sogar eines der legendären Mark VI. Okay, mein DDR-Tenorsaxophon hatte ich noch, bis ich es einem Freund lieh und nicht wieder bekam. Aber ich habe auch damals viel zu sehr auf die Diskursanalyse, zu wenig auf die Zurichtung der Leiber in den Disziplinen, die Foucault ebenso beschrub, in meinen Lektüren geachtet. Sonst wäre vielleicht noch ein richtiger Saxophonist aus mir geworden …

Nun freilich ist das Equipment wenigstens wieder komplett. Sogar zwei Tenöre, der wundervolle Haudegen der Marke „Akustik“ und mein geliebtes Goldie Horn. Und nun auch noch der Coppertwink. Auf einem Altsaxophon habe ich auch viel länger gelernt, damals, als Dieter vor mir Sax-Unterricht hatte … heute habe ich ihm Töne entlockt, von denen ich damals nur träumte!

Aber Adorno quält natürlich immer noch. Leider ist er ja der, der über Musik die nun wirklich tiefsinnigsten Gedanken, oft versteckt inmitten von Borniertheit und White Supremacy, dachte.

Dieses Wechselspiel zwischen aufgeblasenem Gelaber und emanzipatorischer Wucht des Gedankens macht mich auch der Lektüre seiner „Einführung in die Musiksoziologie“ ganz wuschig.

Einerseits die Freiheit der Kunst in der Befreiung der Stigmatisierten und Unterjochten und deren Leids zu suchen, nicht etwa in dem Einfordern der Freiheit zur Herabwürdigung, wie das im Feuilleton üblich geworden ist – um dann umgekehrt hochnäsig dem Jazz unterzuschieben, doch nur das noch einmal anzugehen, was die atonale Musik Europas 50 Jahre zuvor schon besser beantwortet habe. Der Text ist von 1961/62.

Und das u.a. an der ausgeklügelten Notation, den Noten halt, fest zu machen. In Antwort auf Ornette Coleman. Schuft. Macht er.

Da denkt jemand von der Komposition her, nicht vom Spiel. Die Schriftkultur gegen die Rhythmik ausspielen – seine Allergie gegen Synkopierung verdankt sich auch eher der Rechtfertigung eigener Leibfeindlichkeit und der Verachtung des Tanzes -: Auch so ein rassistischer Klassiker.

Denkt man an all die Jazz-Malocher, die trotzdem so Grandioses hervor brachten, während sie wie Lester Young von Rassismen buchstäblich in den Wahnsinn getrieben wurden, kringeln sich die Fussnägel, und vor Wut bekäme man aus dem Sax keinen Ton mehr heraus.

Es sei denn, man konzentrierte sich einfach ganz auf ihn. Im saxophonforum.de wurde jüngst darüber diskutiert, dass in manchen Bänden mit Noten zum Sax üben vermutlich einfach so Soli transkribiert wurden, dass der Solist sie nach Noten vermutlich selbst gar nicht spielen könne. Weil der Moment der Improvisation all das Kalkül des Komponisten locker toppen kann. Nicht muss. Und ich rede nicht von Orchestern.

Während, wenn ich an dem neuem Mundstück am Coppertwink nuckel und selbst gar nicht mehr weiß, ob ich es bin, der durch Atmung den Ton erzeugt oder ob es ihn mir atmet und mir etwas geschenkt wird zum zweckfreien Genießen dieses samtenen Klangs … dann denke ich vielleicht daran, wie schön es war, in Dieter verknallt zu sein.

Aber bestimmt nicht an Noten.

Bei 1910 e.V. wird jetzt auch gebloggt!