Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Die Saxophon-Dialoge, Teil 9

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„Ich habe Musiker kennen gelernt, die ihr Instrument auf einem unglaublich hohen technischen Niveau beherrschen. Ich habe darunter aber auch einige entdeckt, die diese fulminante Technik um ihrer selbst Willen pflegen, die ihre Virtuosität an die Stelle von musikalischer Substanz setzen. (…) Seid aber ehrlich – kann es das Ziel sein, dass nicht der Musiker mit seiner Klangvorstellung das Instrument steuert, sondern das Instrument mit seinen technischen Abläufen und Möglichkeiten die Inhalte bestimmt? Natürlich nicht!“

Frank Sikora, Neue Jazzharmonielehre, Mainz 2012, 5. Auflage, S. 372

Aber manche schieben ja Menschen auch ab, einfach nur, weil es Gesetze, nicht etwa gute Gründe dafür gibt. Oder noch schlimmer: Lassen abschieben, während sie sich auf ihrem White Privilege den Arsch breit sitzen, bis sie das Listening vollkommen verlernt haben.

Das unterscheidet Herr Sikora auch so schön mit Hilfe der englischen Begriffe „to hear“ und „to listen“: Einfach irgendwas hören, was sich bekannt anhört, und zuhören. Würden bayrische Politiker und ihre Hamburger Innensenatoren-Pendants mal nicht nur irgendwas hören, was ihnen dann Apparatschik-Reflexe abnötigt, sondern ganz wie Radaula vom Magischen FC ZUHÖREN – vermutlich bräche dann irgendwann das politische System zusammen, aber alle wären endlich frei.

Es ist schon eine faszinierende Erfahrung, hier in meinem privilegierten weiß-männlichen Luxusleben beim Erlernen eines Instrumentes auf so viele große Thesen aus der Zeit meines Philosophie-Studiums wieder zu treffen. Subjekt, Struktur, Leben, Disziplinargesellschaft, Vernunftkritik, was heißt es, eine Regel anzuwenden, Urteilskraft, Sinnlichkeit, Vernunft, Verstand, das Gerede des Man – ja, selbst der olle Nazi Heidegger hat ja nicht nur Quatsch gequatscht.

Auch wenn jetzt irgendwelche Adorniten um die Ecke stürmen und von Objektivität und Formgesetz daher schwadronieren und mir den Jargon der „Eigentlichkeit“ unterstellen wollen: Adornos großes Thema war nun mal die zutiefst versehrte Subjektivität unter Bedingungen eines totalitär gewordenen, funktionalistischen Kapitalismus.

Da ist kaum ein Instrument vielsagender als das Saxophon, um Versehrtes unter kapitalistischen Bedingungen in Klang zu überführen – erfunden 1842, als die Industrialisierung griff, als Weiterentwicklung der Klarinette. Nur, dass es verbindet, was in der chinesischen Metaphysik sich so feindlich gegenüber steht: Metall und Holz. Man erzeugt den Ton mit einem Stück Pfahlrohr – das ist sozusagen die Umkehrung dessen, was passiert, wenn eine Kreissäge in einen Baum dringt und setzt dies doch voraus.

Dass es dann schwarze Jazz-Musiker waren wie Coleman Hawkins oder Lester Yong, die ihre so ureigenen Klangvorstellungen in unhintergehbare musikalische Substanz überführten, es ist bekannt und doch immer wieder zu betonen – man vergleiche nur einmal, wie klassische oder Militärmusiker die Trompete spielten und wie es ein Louis Armstrong tat!

Das Unglaubliche, was diese Musiker vollbrachten, war, Klangvorstellung und das fühlende, johlende, schreiende, weinende, seufzende und durch und durch versehrte Subjekt zu Gehör zu bringen und das auch noch mit unvergleichlicher Virtuosität und auch Humor zu verbinden. Bei jedem schalen, schlaffen oder schrillen Ton, den ich Goldie Horn entlocke (habe immerhin dank neuem Mundstück Simon & Garfunkels „The Sound of Silence“ laut wie nie zuvor gespielt 😀 ) bricht in mir tiefe Bewunderung auf für diese so unglaubliche Leistung, die freilich mit dem Gesang in der Oper zumindest ein wenig verglichen werden kann. Nur dass der halt nicht improvisiert war – wobei, zu Monteverdis Zeiten soll das ja durchaus noch so gewesen sein. (Übrigens verbot irgendein Papst in irgendeiner Bulle zugleich Kastratensänger und das Saxophonspiel. Auch ein Paradox.)

Nicht umsonst liebte Hawkins die Oper – und die Callas wurde nicht nur wegen Virtuosität, sondern aufgrund ungemein kraftvoller Expressivität völlig zu Recht zur Legende.

Der Unterschied freilich ist einer ums Ganze – auch das beschreibt Sikora so schön, wie aus einer Volksmusik, dem Jazz, verkopfter Virtuosenkram wurde (den er nun u.a. auch lehrt in seiner Harmonielehre). Und klar, es gibt Bezüge, allort auffindbar, zwischen Volksmusiken und Klassik im Allgemeinen und der Oper im Besonderen, gerade inmitten der rassistischen „Carmen“ ja am deutlichsten zu hören.

Nur glaube keiner, „Volksmusik“ sei das gleiche wie Folklore oder das, was in Musikantenstadln zu hören ist. Diese Heimatfilmkarrikaturen thematisieren halt doch immer nur Verarbeitungsprozeduren aus den 50er Jahren geradezu wiedergängerisch.

Eine Ahnung bekommt man, was „Volksmusik“ heißen könnte, hört man sich den Soundtrack zu „Kansas City“ von Robert Altman an. Ein ziemlich merkwürdiger Film, ich weiß nicht, was ich von dem halten soll. Die Filmmusik freilich, selbst eine musikalische Fiktion, bei dem großartige Musiker wie „Fathead“ Newmann und auch die Herren Carter und Redman, letzterer ja mein neues Idol, zu hören sind: Situiert in einer dem Kansas City der frühen 30er Jahre nachempfundenen Kneipe ist in ihr das Coolste die Reaktion des Publikums. Das freilich an einem Filmset agierte und nach allen Regeln der Soundnachbearbeitung hinein gemischt und von Musikern nach gespielt wurde, die die Ära des Blues auch nur von Schallplatten kannten.

Trotzdem wuchtet da ein sehr bluesiger, schräger, ungemein lustvoller und teils auch witziger Jazz, an der frühen Phase des Swing orientiert, jedoch erdiger, mit all seiner Schwere und verschleppten Dynamik aus den Boxen und das Publikum geht lautstark mit – jenseits der Eventeritis auf einem öffentlichen Platz in Hamburg aufgeführt würde so ein Musizieren schlicht verboten. Aber stellte sich eine wie die Callas mittags auf den Rathausmarkt und schmetterte „Vissi d’Arte, vissi d’Amore“, dann kämen wohl auch die Schergen Neumanns, um sie zum Sturz von der Engelsburg zu treiben …

Das Interessante ist ja, das Erschütternde zugleich, das in den jüngst schon beschriebenen „Call & Response“-Praktiken noch der Worksong der Sklaven nachklingt. Der im Jazz in einer ähnlichen Paradoxie fort lebt wie bei der Kreissäge und dem Baum und dem Rohrblatt und dem Messingkörper: Die Berufsmusiker unter Bedingungen der Segregation und danach mussten und müssen ja auch verdammt schwer schuften, um dem Publikum temporäre Befreiung zu verschaffen. Und hatten sich zudem noch mit der Polizei herum zu schlagen – nein, nicht nur wegen Drogen, sondern auch, wenn sie wie Miles Davis nur einfach so vor einem Club in New York standen und vermutlich erst recht, weil er schicke, italienische Anzüge trug: Rums.

Wie gar nicht so weit entfernt übrigens auch die Transvestiten rund um das Stonewall Inn den willkürlichen Attacken der Staatsgewalt zum Opfer fielen (hier in Hamburg herrschte ungefähr zeitgleich polizeilich überwacht Tanzverbot zwischen Männern. Helmut Schmidt fand das richtig und setzte es durch. War halt gefährlich, und in der Hinsicht galten Lokale in der Neustadt als Gefahrengebiete).

Virtuos werde ich auf meinem Horn zwar eh niemals, aber vielleicht ja gefährlich 😀 ; was freilich Herr Sikora zur „inneren Stimme“ schreibt, das ist schon sehr spannend. Wie man sich zuallererst die Schichten musikalischer Prägungen klar machen sollte, um die Disziplinierung durch das Erlernen von vielleicht gar nicht der inneren Stimme entsprechenden Techniken zu vermeiden. Weil die Ablagerungen der musikalischen Biographie das eigene Hören prägten – und auch, was man wahr nimmt und was nicht!

Morgen beim Schlagermove wird man beobachten können, wie sich viele in den Gesängen, die ihre Eltern hörten, verlieren. Die Schicht treffe ich auch manchmal an, während ich tröte. Beim Üben rhythmischer Patterns, die am Funk orientiert sind, merke ich, zu was für Musik ich in den ersten Discos, in denen ich war, tanzte: The Commodores „Brick House“, Maze feat. Frankie Beverly „Feel that you’re feelin'“, Kid Creole & The Coconuts „Stool Pigeon“, Kurtis Blow „These are the Breaks“.

Boah, ey, was bin ich froh, dass es da nicht nur Trios „Dadada“ gab und Pink Floyd ein bißchen früher schon hip waren, obwohl, „Another brick in the wall“ … und dass Fehlfarben sich an Nile Rodgers-Riffs bedienten! Und ja, man kann auf „Brickhouse“ und die Coconuts mit sehr guten Gründen sexismuskritisch los gehen – aber trifft das auch die Musik?

Kann das nur jedem empfehlen, mal auszuprobieren, was passiert, wenn man vor sich hin singt. „Sing, sing, sing“ ist auch eine der Empfehlungen von Sikora. Ich lande dann irgendwo zwischen Joan Baez (freilich ein paar Oktaven tiefer und nur halb so schön), Hildegard Knef singt Cole Porter, Klaus Hoffmann und doch auch erstaunlich viel Blues- und Swing-Elementen, freilich ganz auf weiß-bildungsbürgerlich gewendet.

Ich wurde vor Polka und Marsch gerettet, von wem auch immer! Danke!

Ich hatte vor langer Zeit übrigens mehrfach mit einem Toningenieur zu tun, der sehr beeindruckend zelebrierte, dass er ein ungleich feineres Gehör hatte, wenn er kiffte.

Deshalb richtet der Senat Gefahrengebiete ein. Sie wollen uns das Zuhören austreiben.

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