Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Die Saxophon-Dialoge, Teil 8: Ein neues Mundstück ist wie ein neues Leben!

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Den Hals aufmachen. Ja, wie denn? Erstaunlich, was man so alles mit dem Kehlkopf macht. Den ganzen Tag. Ohne es zu merken. Auf und zu, auf und zu. Weiß erst gar nicht, was mein Sax-Lehrer meint, „Hals aufmachen. „Wie denn?“ „Du machst es doch, ich seh doch, wie er sich bewegt!“

Achte beim durch die Stadt spazieren, was in meinem Hals passiert, während ich singe. Lieber leise, sonst passiert noch eine Zwangseinweisung oder so etwas Ähnliches in diesem unmusikalischten aller Länder.

Für’s Singen gibt es hier hier nur wahlweise konzertante oder Gröhl-Formen. Oper und Chor einerseits oder Hafengeburtstag und Fussballstadion andererseits, Oder die Orgel gibt vor, was aus dem Gesangsbuch dran ist.

„Call & Response“ läuft in Deutschland ja zumeist wenn, dann nach Muster „Polizei! Stehen bleiben!“ ab. Oder „Hasso, komm!“ Oder „Maaaaama!“. Imperative Anrufungen. Da sind strophenweise Wechselgesänge wie zwischen Gegengerade und Süd beim letzten Heimspiel ‚Wir sind immer für Dich da!“ – „Fahren zu jedem Spiel, na klar!“ schon Momente konkreter Utopie. Ansonsten singt man hier allenfalls mit, so, wie man mitmarschiert, aber Call & Response, und dann noch musikalisch? Eher selten.

Wobei, ich durfte Montag bei einer zauberhaften Veranstaltung im neuen Mojo dabei sein, da der Soul-Musik gehuldigt wurde – und Wunderliches passierte dort, ein paar Stockwerke unter dem Beginn der Reeperbahn: Die überragende, großartige, umwerfende, charismatische China Moses stimmte „Rescue me!“ an, und das Publikum antwortete. Singend. In eigener Phrasierung,

Ein Hauch dieses legendären und unvergleichlichen Donnie Hathaway-Albums, dem, wo auch „Talkin‘ ‚bout the Ghetto!“ so eindrucksvoll vom Publikum gesungen wird, lag in der Luft. Wow! Das hat sich ja in der House-Music tradiert, da gibt es auch Call & Response zwjschen DJ und Tanzenden, Ausrufe der Lust und Hingabe …

Das habe ich ja erst bei dem für mich so erweckenden, intensiven, maßlos sexy Konzert von Joshua Redman beim Elbjazz vollumfänglich begriffen – was die musikalische Kommunikation zwischen den Instrumentalisten im Jazz tatsächlich bedeuten kann. Dann, wenn nicht einfach jeder sein Solo abspult, sondern Call & Response statt findet und ein tatsächlich utopischer Raum der zwangfreien Kommunikation unter Gleichen sich öffnet. Gibt einen „Joshua Redman versus James Carter“-Tenorsaxophon-„Duell“-Mitschnitt bei Youtube, da man die Unterschiede zwischen Ego und Kommunikation sehr schön beobachten kann. Carter mackert los, und Redman lauscht – um dann zu antworten, indem er Phrasen aufgreift und moduliert. Carter will zeigen, quietschend und blökend, was für ein schräger und wilder Hecht er ist – Redmann greift Basstöne auf und entwickelt daraus eine Basslinie.

Was vermutlich aktuell auch nur zwischen Männern oder zwischen Frauen (bzw. solchen, die so gelesen werden) wirklich geht, diese Kommunikation in der Improvisation unter Gleichen, weil keine patriachale Assymmetrie sich dazwischen drängelt. Und wenn dann noch mittendrin jeder der Musiker kurz ganz dem emotionalen Ausdruck sich hingibt und mitreißend und ganzkörperlich seine Musik dem Publikum schenkt, dann spürt man, dass die Welt Klang ist und in manchen Kulturen einfach alles dafür getan wird, dieses Wissen zu bannen, weil es befreien könnte. Hier wird doch eher der Presslufthammer vor der Haustür akzeptiert als eine Nachbarin, die Schlagzeug übt, eher Verkehrslärm und Renovierungsterror als probende Kontratenöre …

Nur, so ganzkörperlich der Musik sich öffnen, während man sie macht – nach 23 Jahren am Computer ist das gar nicht so einfach. Vielleicht beim Piano-Spel, aber nicht im Falle des Saxophons. Die Kehle öffnen. Geht nämlich nur, wenn man Rückgrat zeigt, statt mit verkürzter Brustmuskulatur gebeugt vor Tastaturen zu sitzen. Die verkürzt sich ja wirklich, die Brustmuskulatur. Gegensteuernd muss ich das Saxophon sehr hoch ansetzen, um die tiefen Töne zu bekommen. Kopf hoch! Aufrecht gehen! Hat zwar auch Mary Roos drüber gesungen, aber so ausgelutschte Metaphern sollte man nicht unterschätzen in einer Welt voller „Polizei! Darf ich mal Ihren Ausweis sehen?“ in Gefahrengebieten, von Freiheitsverächtern als Kriegsrecht gegen die Bevölkerung erklärt.

Denen blase ich jetzt den Blues, das haben die nun davon. Mitten im Gefahrengebiet. Auch eine Form, das Recht auf Rausch zu leben und zu proklamieren. Und je weiter mein vom Arbeitsalltag gekrümmter Körper sich öffnen lernt – da muss man aufpassen, das kann massive Weinkrämpfe verursachen, ist meinem Sax-Lehrer neulich passiert, dass eine Schülerin plötzlich zu heulen anfing und gar nicht mehr aufhören konnte -, desto limitierter erschien mir das Mundstück, auf dem ich blies. Viel zu kurz für meine für mein hohes Alter noch erstaunlich pralle Unterlippe.

Nun habe ich das Glück, nur 10 Minuten vom Büro entfernt einen der sogar international anerkannten Saxophon-Mundstück-Experten residieren zu haben. Da habe ich auch Goldie Horn gekauft. Also mal rum probieren, was die Welt mir sonst noch so bieten hat …

Saxophonmundstücke haben einen unterschiedlich großen Spalt zwischen dem Holzblatt, das den Ton erzeugt, und dem „Schnabel“, sind unterschiedlich lang und haben mal große, mal kleine Kammern. Die mit mehr Platz sind schwerer zu kontrollieren und geben drum mehr Freiheit.

Also eins mit mehr Platz. Wo schon die Kehle sich öffnet, braucht die Luft ja auch Raum. Hat sogar die gleiche Farbe wie Goldie Horn, ist aus Metall, mein neuer Schatz. Handmade. Einzelstück.

Soeben beim Genießen der Blues-Tonleitern machte ich es erst dicht. Das ist ja immer das Problem, wenn es mehr Möglichkeiten gibt – schockiert macht man dicht und sieht sein bisheriges, eingeschränktes Ausdrucksrepertoire bedroht, das sich doch so vertraut anfühlt. Blörbs. Oh Schreck, mehr Raum. Iiiiiietsch. Oh Schreck.

Doch da hilft ja der Blues. Erstaunlich, wie viel expressiver die Tonfolgen klingen. Schließe die Augen, alle Bildschirme verschwinden, da sind nur noch ich und Goldie Horn und das Erkunden der neuen Klangmöglichkeiten … nicht zubeißen, Momo, nicht quetschen, let it flow, brüll es raus … wow!!!

Eine ganze Welt beginnt sich zu anzudeuten … das d“ ist plòtzlich gar nicht mehr dumpf! Hey, was geht denn da beim d“‘ ab? Glasklar! Hey, da ahne ich ja, was MEIN SOUND werden könnte! Irgendwann! Aber sein wird!

Nur wenn man den gefunden hat, besteht die Möglichkeit, auch Antworten zu bekommen. In all den Imperativen, die trotzdem wie ein Kugelhagel immer wieder auf mich eindringen werden, zeigt sich nur doch nur die Angst vor dem, was jenseits der Wertungen der Egos beginnt …

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29 Antworten zu “Die Saxophon-Dialoge, Teil 8: Ein neues Mundstück ist wie ein neues Leben!

  1. Jan David Juni 15, 2013 um 6:42 am

    Denke gerade daran, wie ich mit meinem Sax im Hamburger Kleiderschrank rein übte, hätte das Horn nicht verkaufen sollen, schöner Text.

  2. momorulez Juni 15, 2013 um 8:01 am

    Danke! Und ich hatte ja auch bis vor kurzem keines mehr, fühlte sich an wie ein uneingelöstes Versprechen – und freu mich nun immer wieder aufs Neue, dass ich wieder eingestiegen bin 😉 …

  3. pauliane Juni 15, 2013 um 11:16 am

    ❤ ….meine fast den blues zu hören…

  4. momorulez Juni 15, 2013 um 11:44 am

    In ’nem Jahr oder so spiele ich dann auch mal was vor 🙂 …

  5. lalberth Juni 15, 2013 um 3:56 pm

    Ich warte also auf die Vertonung der ideologischen Staatsapparate. Athusser Sax Interpellations.

  6. momorulez Juni 15, 2013 um 4:01 pm

    Ich blas ja lieber gegen die an 🙂 – Staatsapparate vertonen ist auch eher was für die Klassik, glaube ich. Die spielt man mit engerem Mundstück 😀 … tatsächlich.m

  7. lalberth Juni 15, 2013 um 5:33 pm

    Ja, heißen nicht umsonst Staatsorchester, gell?

  8. ziggev Juni 16, 2013 um 9:36 am

    ja-ok., Redman ist um einiges souveräner, auch scheint er mir bei Ch.Parker etc. etwas intensiver hineingehört zu haben (will sagen, über seine Improvisation ergibt sich mehr (musikhistorische) Tiefenvielfalt, mehr Raum zum Hinhören), aber Carter liefert auch einen absolut anständigen Job ab, keine Frage, finde ich jedenfalls und gerne gehört. Zumal sich die Big Band echt den Arsch abgrooved – dazu noch ein Monk-Titel, wenn nicht der Monk-Titel überhaupt (eigentlich ein recht simpler Blues) ! – und er da sein Horn doch recht wild mit reinhängt. Obwohl das in so kurzer Zeit kaum rauszuhören ist, finde ich, dass Carter diesen übersprudelnd-wilden Stil der Big Band doch recht congenial noch etwas mehr herauskitzelt. Redman ist da mehr ein Gegengewicht, wie gesagt, souverän, der genau weiß, was er spielt. – Übrigens, wusstest Du, dass Pat Matheny ihn mal als den kommenden Saxophonisten angekündigt hatte, als er mit ihm Mitte- End-Neunziger mal ne CD produzierte ? Matheny, die Gitarren-Autorität überhaupt (jedenfalls in technischer Hinsicht) und berümter Colemanbegleiter (Broadway Blues etc.) ? Ich glaubte ihm natürlich kein Wort und hielt das für eher lapidar (immer noch Coleman im Ohr).

    Musikalische Praxis und Expressivität (ohne Verluste) auf der einen Seite, auf der anderen ein viel deutlicheres musikhistorisches und – wenn wir schon dabei sind – tieferes „Monkverständnis“, wenn ich so sagen darf (denn bei Monk hörst Du ja alles immer noch mit, vom Ragtime bis zum Stride) – , ist es vielleicht gar nicht mehr so ein „Versus“ sondern eine Ergänzung.

    Jedenfalls gerne gehört, und also Danke!

  9. ziggev Juni 16, 2013 um 10:04 am

    nee, ich muss mich korrigieren: „tieferes ‚Monkverständnis'“ kann man in Bezug auf Redman eigentlich nicht sagen – oder nur im übertragenden Sinne, weil er etwas Ruhe Hineinbringt und damit etwas mehr Raum für Reflexion – , denn Carter interagiert einfach wunderbar mit der Big Band, die Monk nicht minder congenial spielt !

  10. momorulez Juni 16, 2013 um 10:10 am

    @Ziggev:

    Es ging mir ja nur um diesen einen Punkt – Redman reagiert auf Carter, umgekehrt aber nicht. Dieses Orchester da finde ich so grauenhaft, dass mir das, was Du zu Carters Kommunikation mit dem schreibst, gar nicht aufgefallen ist 😀 … ich persönlich höre Redmans Style, auch und gerade wegen der historischen Referenzen nicht nur in die Jazz-, sondern auch Pop-Historie, lieber aktuell, will hier aber Carters Stil nicht völlig runter machen. Das ist aber schon mehr Gepose als bei Redman.

    Das mit Pat Matheny wusste ich, der hat ja irgendwie Pech und Glück mit seinem Vater, der mit Ornette Coleman in den 60ern Musik machte. Den hat er wohl die ersten 20 Jahre nur einmal jährlich gesehen und hauste mit seiner Mutter in einer 1-Zimmer-Sozialwohnung in Berkeley. Ich hätte mich ja mit spätestens 7 erschossen in einer 1-Zimmer-Wohnung mit meiner Mutter 😀 …

    Vermutlich wird das Saxophon ein Kontakhalten mit dem Vater gewesen sein, dessen Musik er hörte. Als der dann mit bekam, dass sein Sohn Sax spielt, ist Joshua, ein Yale-Jura-Studium in den Wind schlagend, nach New York gegangen und ich glaube 2 Jahre mit dem Vater getourt. So ist er auch auf Pat Matheny gestoßen. In einem Interview sagt er, er sei als Kind „painfully shy“ gewesen und das Saxophon sei für ihn die totale Befreiung gewesen. Und so richtig konzentriert geübt habe er ab 30, vorher hat er in der Highschool-Jazz-Band und dann eben mit Vater auf der Bühne geübt. Die Leute, mit denen er jetzt noch Musik macht und die einfach unglaublich virtuos sind, Aaron Goldberg zum Beispiel, sind wohl mit ihm in den frühen 90ern groß geworden.

    Das ist für den Text oben ganz interessant. Sonny Rollins, John Coltrane, Charly Parker haben ja auch viel live gespielt, die haben aber auch bis zu 11 Stunden am Tag Skalen geübt meines Wissens. Und so sehr ich die bewundere, die kommunikative Qualität tritt bei denen manchmal auch hinter die technische zurück – anders bei Miles Davis konzentrierter Kommunikationsverweigerung mit dem Rücken zum Publikum. Der ja eher auf den Ausdruck als die Virtuosität setzt.

    Das ist ja alles irgendwie tröstlich – bei Redman hörst Du einfach das Zuhören und Interagieren mehr, weil der das Saxophon so gelernt hat. Ich merk das ja selbst bei meinen komplett limitierten Fähigkeiten – sich Skalen, Arpeggien, Stücke aus dem O’Neil z.B. draufzuschaffen funktioniert völlig anders, als wenn bei Skringers „Sax Clinics“ wo er das Timing und das immer wieder den gleichen Lick spielen betont wird, oder bei den simplen Blues-Licks in „Saxophon for Dummies“ 😀 – da passiert mir das manchmal beim Üben, dass ich antworte, als irgendwas anderes spiele, wenn das Playalong-Sax vorbei ist, in die Lücke hinein, bis es wieder anfängt. Und das spielt sich völlig anders als damals bei meinem Blasorchester-Lehrer, der einen ja eher dahingehend schulte, dass man als Stimme in einem konzertanten Gefüge agiert.

    Ich glaub ja, dass das wirklich ein Riesenunterschied ist. Um den lediglich ging es mir. Habe neulich auch den Gig eines Nachbarn einer Freundin gehört, der für einen Amateur-Saxer echt gut war – trotzdem haben er und seine Band geprobte Stücke vorgespielt, aber nicht wirklich miteinander kommuniziert. Das war dann irgendwann ermüdend – und ist sehr, sehr europäisch.

    Carter musste sich gegen die Hip Hop-Gang-Kids in Chicago behaupten, Redmann hat sich kommunizierend befreit. Guck Dir mal „People like you“ von ihm bei Youtube an – klar, das ist ein dramaturgisch perfekt gebautes, wunderschönes, fast kitschiges Solo. Aber dann achte auf den Blick ….

  11. momorulez Juni 16, 2013 um 10:12 am

    Das, was Du als Interaktion mit der Big Band beschreibst, höre ich ja als fast panische Selbstbehauptung, das ist der Schritt VOR der Befreiung 🙂 …

  12. momorulez Juni 16, 2013 um 10:37 am

    PS: Kennst Du das eigentlich?

    http://drumblog.info/victor-wooten-the-music-lesson/

    Für die meisten wäre das zu esoterisch, aber Du als Osho-Kenner … weiß gar nicht ganz genau, wie ich es finde, aber da sind schon Bilder und Gedanken drin, die sich einprägen. Z.B. über den Zusammenhang zwischen Tierspuren und Rhythmus.

  13. ziggev Juni 16, 2013 um 11:07 am

    u know: afaik stammt „Straight No Chaser“ aus der Bebop-Zeit, wurde traditionell aber immer oft eher etwas langsamer gespielt. (Das liegt natürlich auch an den monktypischen rhthmischen Stolpersteinen, die er allerspätestens im nächsten Takt mithineinkomponiert; was aber vielleicht auch damit zu tun hat, dass „Blue Monk“ – die beiden bekanntesten Monk-Titel, mal `round Midnight außen vor – tatsächlich im langsamen, an Ragtimezeiten gemahnenden Stil gespielt werden muss.) Jetzt aber spielt das ne Big Band im ziemlichen Up-Tempo, fast schon Bebop-Tempo. Auch das Gewollt-Chaotische im Satz – also, ich finde das eindach wunderbar. Jazz ist immer auch Gegeneinanderanspielen – und dann die Synthese. Wie gesagt, Monk genial, der gegen sich selbst anspielte. Und wie wir wissen, haben ja auch Charlie und Dizzy den Stil, der bis in alle Ewigkeit mit ihren Namen verbunden bleiben wird, in irgendwelchen Hotelzimmrn aus purem Ehrgeiz entwickelt.

    Danke für die Redman-Historie!

    Was den Carter betrifft, sollten wir uns da nicht etwas weniger auf die psychologischen Aspekte konzentrieren als auf die muskalischen ? Also das ‚panische‘ in „panische Selbstbehauptung“ etwas beiseite lassen, und nicht das Selbstbehauptungsmoment im Jazz als solches gelten lassen ? (Wenn Redman schon so einen großen Namen hat, ist da nicht ein bisschen Nervosität normal?) Nach Hard-Bop, Cool und Souljazz können wir sicherlich von Redman mehr lernen. Damit meine ich: Die Trio-Sachen von Bill Eavens, z.B., oder „Birth Of The Cool“ sind eher späte Entwicklungen in der kurzen Geschichte des Jazz (die mehr für europäisches Hören stehen), für mich kann dann halt schon mal die Interaktin mit der Band, deren Fehlen mir auch immer sehr uneuropäisch vorkommt (mal von Bach- Beethovenquartetten abgesehen), schon mal als ziemlich wichtig für diesen Stil erscheinen. Bitte nicht vergessen: ‚Big Band‘ steht ja nicht nur für vermufften 30er- 40er-Stil, sondern auch schon Billy Holiday spielte mit Basie !

    PS werde mal reinhören oder vorbeischauen, auch bei „People you like“ ….

  14. momorulez Juni 16, 2013 um 11:33 am

    Klar ist Jazz auch Selbstbehauptung, und das ist ja auch gut so – dieses lustvoll-grelle, fast schon höhnische in der Louis-Armstrong-Trompete, die Grooves bei Count Basie, Carter, das ist ja auch alles toll und großartig – Empowerment kommt ja vor der Befreiung!

    „Panisch“ übrigens, weil Carter selbst so Geschichten erzählt hat wie „… wenn ich dann mit dem Saxophonkoffer durch die Gegend ging, riefen mir (die harten Sportlerjungs) nicht gerade Freundlichkeiten hinterher. Musikmachen war ihnen nicht männlich genug“. (Zitiert nach: Arrigo Polillo, Jazz, S. 294, ein hochinformatives, aber trotzdem fürchterliches Buch, da es in einer derart rassistischen Sprache geschrieben ist, dass man es eigentlich nicht empfehlen kann). Das kann natürlich sein, dass ich die Panik da hinein projiziere 🙂 … aus Detroit kommt er übrigens, nicht Chicago.

    Ich denke halt nur, auch wenn ich dafür schon böse gerüffelt wurde von PoC, dass sich kunstgeschichtlich das Rad ja weiter gedreht hat und Jazz so ganz und gar nicht over ist. Und wenn Redman, Marsalis und andere mittlerweile, ohne die ihr inhärente White Supremacy noch als auf sich bezogen zu empfinden, weil sie sie toppen, mit der Klassik kommunizieren, weil sie halt wissen, dass Jazz das afroamerikanische Ergänzungsprogramm ist, nur eben mit kommunikativen und Mitteln der Improvisation und der Körperlichkeit, dann ist das der nächste Schritt, sozusagen. Darum geht es mir ja auch. Wo gibt es Räume, in denen man Ahnungen der Utopie hört? Das ist nur alles noch sehr, sehr patriachal.

  15. momorulez Juni 16, 2013 um 11:35 am

    PS: Kommunikation mit der Band, ja, klar. Aber liegt im Strukturalismus Befreiung?

  16. ziggev Juni 16, 2013 um 11:45 am

    richtig getippt, ich habe überhaupt nichts gegen „esoterische“ Zugangsverschaffensversuche von proffessionellen Musikern! Waren nicht schon immer alle Musiker, von Petrarca bis Bach (oder gar etw. spinnert zuletzt Stockhausen) Esoteriker, oder denken wir an Cage … usw. ? Das ist ein nicht wenig reizvolles Moment. Immerhin haben wir ja die Zauberflöte und die Freimaurer immer schon (nur Wagner hatte den falschen Pilz gegesen) im Gepäck.. Steve Colman hat da ja auch so rumgemacht. Hab da mal hinterrecherchiert, und wundervoll ironisch zeigt er dann seine Aufzeichnungen zum Planetenystem, Umlaufbahnen und Ähnliches. Motto (wie das meinige): Esoterik ja, aber bitte nicht zu ernst nehmen!

    Steve Coleman hat übrigens ein eigenes System entwickelt, das ich ehrich gesagt nicht verstanden habe. (Es geht um „Umkehrungen“ von Harmonien.) Auch hat er Workshops gegeben, in denen seine unglaublichen Rhythmen angeblich „einfach“ erklärt werden. Mir reicht es allerdings, überhaupt ein Metronom in der Küche stehen zu haben 😉

    Steve Coleman ist ein Hobby-Esoteriker, ich weiß nicht warum, aber immer mit Augenzwinkern. Er verschaffte mir eines dieser Aha-Erlbnisse in der Jugend, wenn der kleine ziggev die und die Musik zum ersten Mal hört. So What?

  17. momorulez Juni 16, 2013 um 11:48 am

    Nicht zu vergessen Schopenhauer, übrigens, dem ich mich philosophisch zunehmend annähere, ohne das je vor gehabt zu haben …

  18. ziggev Juni 16, 2013 um 12:13 pm

    zum Kommentar davon, bzw. zu der Frage: „Aber liegt im Strukturalismus Befreiung?“

    Hilfe! Momorulez, was stellst Du da denn für Fragen?! Da landen wir doch schon wieder bei diesem Adorno-Quatsch! Adorno lese ich genauso, wie ich ein Jazz-Stück höre: Genauigkeit und Disziplin – und es bleibt immer, immer ein Weg frei ins Offene. Um das mal gesagt zu haben.

    Aber zum Thema: Heute morgen um halbzehn holte ich noch ein paar Bier bei der Tanke, und (für mich) ziemlich kühn fragte ich zwei 14-jährige Mittelklasse-Mädchen in der U-Bahn, was sie denn von Jazz hielten: Nee, uncool, scheiße – OT: “ Es sei denn, es wird live gespielt.“ Aber kann man das Wesen des Jazz besser zusammenfassen?

    Jazz ist die Kunst der Vergänglichkeit. Weil die des Jetzts. Und nur im Jetzt findet die Kommunikation statt, die für den Jazz so charakteristisch ist. Es wäre jetzt vielleicht verlockend, zum Zen oder so, oder gar Osho umzuschwenken, es ist nun aber nun mal eine eigenständige Kunstform der Zeit, die nichtsdestoweniger Parallelen zu Beethovens Quartetten, die mich faszinierten, aufweist, denn die Instrumentalisten spielen hier auch in direkter Kommunikation.

  19. ziggev Juni 16, 2013 um 12:36 pm

    zu Schoppenhauer wirst Du von mir nichts hören – nicht nur, weil wir hier wieder deutlich ins Gebiet der Philosophie zurückschwenken, sondern ich habe von Schoppenhauer tatsächlich keine Ahnung. Wagner sehe ich allerdings eben gerade nicht als Esoteriker an sondern als jemanden, der einfach am falschen Pilz genagt hat.

  20. momorulez Juni 16, 2013 um 1:34 pm

    Mit Beethovens Quartetten kannste mich ja jagen 🙂 – und klar spielen bei mir auch die Adornos, Foucaults, hier aber ganz stark Merleau-Ponty mit rein – ich kann das aber gar nicht trennen von meinem Musikhören und Sax-Üben. Warum auch?

    Und Vergänglichkeit? Jein. Man kann Coltranes „A Love Supreme“ oder „Kind of Blue“, Studio-Einspielungen, ja genau so hören wie Mitschnitte von Symphonien (bei denen ja, bei der Oper noch stärker, auch das Live-Erleben noch großartiger ist). Gibt ja auch viele,die Soli transkribieren, aber eher, um das Gehör zu schulen und zu schnallen, was da gemacht wird. Und dann lernste da aber anders draus als beim Studium von Partituren, weil ein Interpretationsrahmen überstiegen und aktiv angeeignet und modifiziert wird. Was ich auch wieder viel utopischer finde.

  21. ziggev Juni 16, 2013 um 1:52 pm

    vorerst last Comment:

    ich glaube, Du sehnst dich nach dem, wofür bei mir das Bill Eavans Trio Steht. Carter hat halt eben immer nur diese Parts, wo das Orchester richtig losfetzt. Redman muss sich durchsetzen. Aber das gehört dazu! Eigentlich wäre es vorteilhaft gewesen, Redman mal in Ruhe zuzuhören, aber für solches Spiel ist ihm gar keine Zeit geblieben. Also scheint es, als würde Redman nur reagieren. Aber wir haben durch die Konstellation Band/Solisten immer eine gewissermaßen soziale Situation, ohne die diese wundervolle Musik, nur noch akademisch gelehrt würde, langsam aber sicher absterben oder ihren ‚Geist‘ verleieren, wenn sie nicht schon längst abgestorben ist.

    Anne Sophie Mutter z.B. bekennt fröhlich, dass sie eigentlich nicht mehr übe, mehr so aus Spaß, wenn, – der Prügel seines Vaters, unter dem Mozart möglicherweise gestanden hat, ist ihr einfach schnuppe. Wenn sie bei Harald Schmidt eingeladen ist, dann geht sie nicht etwa zuerst zum Showmoderator, nein, sie bleibt zuerst bei der Band von Helmut Zelleke stehen und wartet ab, bis die fertig sind, – dann trifft die sich zum Geplänkel mit dem Moderator. Beim Abgang dasselbe: Sie bleibt vor der Band stehen, anstatt brav die Bühne zun verlassen, und hört sich das Stück bis zum Schluss an (zu Schmidts Verlegenheit), es ist nicht nur eine Respektgeste, durch diese Praxis hat sie es auch nicht mehr nötig, zu üben, denn ihr kommt es mehr auf Kommunikation an, nicht auf eingeprügelte Musik, sie stellt Kommunikation her. Daher ihr Talent.

    Sie ist eigentlich ein perfekter Jazzmusiker – nur hat sie wahrscheinlich nicht so viel Erfahrung in diesem Stil!

    Ansonsten finde ich schon, dass, wenn wir das wirklich definieren wollen, Jazz ein Stil der Vergangenheit ist, es ist ein vergangener Stil, aber dafür nicht umsoweniger schön!

  22. ziggev Juni 16, 2013 um 2:05 pm

    ach, doch nicht ‚last comment‘, denn das ist m.E. wirklich ein besonderes Moment im Jazz, dass Du Dir mal eben so irgebndein Solo von, sagen wir, Wes Montgomery raushören, und zum Üben selbstverständlich trankribieren musst. Das berichteten mir Leute, die das studiert haben, als entscheidenste Momente. Alles, was Du gelernt zu haben glaubtest, plötzlich ergeben sich ganz neue (theoretische) Momente, so wurde mir immer noch jahre später mit Staunen davon berichtet. Erst durch die eigene improvisierende Aneignung kann dieselbe einmal stattfinden – und das ist vielleicht wirklich eines der herausstechendendsten Merkmale des Jazz.

  23. momorulez Juni 16, 2013 um 3:17 pm

    Ja, eben. Das ist aber nix Vergangenes. Höre aktuell ziemlich viel aus dem letzten Jahrzehnt, und das Jazzige hört sich meist viel frischer an als vieles aus der Pop- oder „Alternative“-Welt oder dem Hip Hop, wo ich allerdings mich am wenigsten auskenne und vieles, was im Jazz gilt, ja auch statt findet.

    Dass Du das, was ich als Kommunikation fasse, als „nur reagieren“ beschreibst, das finde ich lustig 🙂 …

  24. ziggev Juni 16, 2013 um 5:35 pm

    aber halt, Moment mal, wo ich übers „Reagieren“ sprach, wollte ich auf eines Deiner frühen Postings, heute um 10.10 h, eingehen, in welchem Du selber über selbiges sprachst nämlich zum Ausdruck brachtest, dass in Deiner Wahrnehmung Redman etwas zu sehr lediglich reagiert habe. Diesen Eindruck habe ich mir eben lediglich durch das durch das Setting, wo Carter immer nur soliert, wenn die Band spielt, Redman aber immer alleine, der sich durchsetzen musste, zu erklären versucht.

    Aber nachdem ich mir sonstwie einen abgebrochen habe, um zu erklären, was ich unter Kommunikation verstehe, willst Du jetzt großartig von Kommunikation gesprochen haben – und ich nur vom „Reagieren“? Da setzt die Logik aus.

    Ich hatte den Begriff der Kommunikation an- oder eingeführt, damit wir zu einer besseren Analyse gelangen. Insbesondere was das Zusammenspiel von Band/Solist betrifft. Was Dich so amüsiert, müsstest Du mir also noch einmal erklären, da es so aussieht, dass Du die Stellung, die ich zu etablieren versucht hatte, um sich über die Sache sinnvoll weiterzuverständigen, und mir unterstellst, ich hätte genau das gesagt, was ich kritisiert hätte, und Du das, was ich als Gegenargumentversuch angeführt habe.

    Vielleicht liegt es Dir noch etwas schwer auf dem Magen, dass ich Dich einer adornitischen Argumentation, in form einer Fragestellung, überführte? Bist Du davon immernoch nicht frei? Indem Du aber einfach den Sachverhalt umkehrst, kommst Du kein Stück weiter. Ich hatte mich daran abgearbeitet, wie Kommunikation im betrefenden Gebiet aufzufassen wäre, Du hattest bemängelt, dass Redman nur reagieren würde, Carter aber nicht.

    Werde mir das Stück, das ich mir runtergeladen habe, nochmal daraufhin anhören, ganz sicher, versprochen. Die behlfsmäßige Theorie der Kommunikation aber habe ich versucht zu formulieren, um das anscheinend bloße „Reagieren“ besser im bewussten Kontext in den Fokus zu bekommen.

    Ich bin einigermaßen fassungslos. Ich stelle eine Theorie auf, damit wir das angebliche „Versus“-Phänomen Redman/Carter (natürlich nicht Ron Carter, schon klar), besser in den Griff bekommen, Du klaust mir jetzt diese „Theorie“, das mit der Kommunikation, um mich in die Ecke zustellen. Das hatte ich aber mit Dir nie und nirgens vor. Du fühltest Dich zwar vielleicht in die Ecke gestellt, aber wie es bei mir immer so ist, mir ging es ganz alleine um die Sache.

    Bitte erkläre! Oder was Du unter „Kommunikation! fasst!

  25. ziggev Juni 16, 2013 um 5:40 pm

    Edits: „… dass Du die Stellung, die ich zu etablieren versucht hatte, um sich über die Sache sinnvoll weiterzuverständigen, umdrehstund mir unterstellst,

  26. momorulez Juni 16, 2013 um 5:51 pm

    Ziggev, komm runter. Es geht mir lediglich um das Wort „nur“.

    Gerade das Reagieren und Eingehen auf ist doch toll und für mich zentral für Kommunikation. Das ist für alle Diskussionen hier im Blog ja wichtig – Männer, vor allem Weiße, beherrschen oft nur das Referat (ich ja auch), den Vortrag, und in der Hinsicht ist ziemlich unmännlich, was Redman da macht. Und erwarten, dass auf sie eingegangen wird, wozu sie selbst oft gar nicht fähig sind. Da unterscheidest Du Dich wohlig von vielen ehemaligen Mitdiskutanten hier.

    Warum sollte ich den Adorno-Spruch übel nehmen? Da bin ich resistent. Interessant ist ja, dass das, was wir als nonverbale Kommunikation umkreisen, was ganz anderes ist als Habermas‘ „sich mit jemandem über etwas in der Welt verständigen“, eben was anderes als das Propositionale – und die Differenz leitet dann schon auch zu Adorno über, bei dem Sprache Medium des identifizierenden Denkens ist und das Material des Künstlers gesellschaftlich-historisch.

    Nur dass er das eben in der Komposition verortet, ich mit Redman in der Improvisation. So ungefähr. Und wir sind uns gar nicht so uneinig, nur dass Du im Gegensatz zu mir schon in Bands gespielt hast und mir deshalb was entgangen war.

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