Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Vom Recht, Rechte zu haben

Ich mag diese Texte zur Debatte rund um die Refugees in Abendblatt und Mopo hier gar nicht verlinken.

Genau so wenig, wie ich rechtsradikale, rassistische, schwulenfeindliche oder frauenverachtende Seiten verlinken würde.

Gar nicht wegen der Artikel selbst, ich finde das eher erstaunlich, dass solche Blätter wie die erwähnten sich tatsächlich um Information statt um Ressentimentpflege mühen. Aber die Sätze, die dort von Vertretern der Exekutive und der Legislative geäußert werden, Phrasen, in denen sie sich Verfügungsmacht über die Biographien anderer Menschen zusprechen, ich mag das immer alles gar nicht mehr lesen.

Diese unglaubliche Dreistigkeit und Impertinenz, anderen Menschen erzählen zu wollen, wo sie eine Perspektive hätten und wo nicht. In meiner Naivität sind für mich ja kontrafaktische Begriffe wie „Mündigkeit“, „Selbstbestimmung“, die Möglichkeit von Selbstverwirklichung für alle gleichermaßen für mein Demokratieverständnis maßgeblich – und Politik sollte sein ein gemeinschaftliches Bemühen, die Rahmenbedingungen für die maximale Bedürfnisbefriedigung aller gleichermaßen zu schaffen. Nicht etwa eine Methode, administrative und ökonomische Macht zu maximieren.

Wobei „gemeinschaftlich“ eben NICHT die völkische Volksgemeinschaft meint, die die Asylrechtsvernichter von 1993 konservieren wollten, auch nicht die im Sinne der über Abstammung definierten „Nation“ – sondern ein solidarisches Miteinander derer, die gerade da sind, wo sie eben sein wollen.

Ich finde, dass weder ich noch Herr Neumann irgendein begründungsfähiges Privileg zum Hiersein gegenüber den Flüchtlingen in Anschlag bringen können. Wenn er der Meinung ist, die einzige Perspektive für „die da“ sei eine Italienreise, gilt das auch für ihn selbst.

Mich graust es wirklich angesichts der Geschichtsvergessenheit und Borniertheit des SPD-Senates, von FDP und CDU – und DIE GRÜNEN würden wohl auch weniger mitmenschlich agieren, wären sie noch regierend.

Für mich als Pimpf-Nachkomme galt immer die Verpflichtung, mich mit den Verwerfungen und Grausamkeiten der ersten Hälfte des Jahrhunderts (und der Zeit davor und danach natürlich auch) zu beschäftigen – und da nicht damit, was an Hitler nun menschlich gewesen sei, Herr Ganz, sondern insbesondere auch die Auseinandersetzung mit Exil und Exilanten. Die Biographien eines Willy Brandt, einer Else Lasker-Schüler und eines Walter Benjamin sind relevantere Bezugspunkte als Ernst Jünger-Lektüren. Ebenso die Vergegenwärtigung verschiedener Phasen jüdischer Einwanderung nach Hamburg.

Ich fasse es bis heute nicht, dass 1952 Debatten darüber tobten, was für eine Schweinerei es doch sei, angesichts des Schicksals volksdeutscher Flüchtlinge aus Pommern und Schlesien nun auch noch jüdische KZ-Opfer zu entschädigen. Und es packte mich Entsetzen, als ich las, dass der erste Kommentar bei Facebook, nachdem der FC St. Pauli mitteilte, er helfe den Refugees, darauf verwies, was denen denn nun einfiele, in Deutschland gäbe es schließlich gerade eine Flutkatastrophe, was helfe man denn da … Schwarzen schrub sje nicht, meinte sie aber wohl. Die lässt die EU ja wissentlich massenhaft im Mittelmeer verrecken.

Wahrscheinlich sind Neumann und Co auch deshalb so unverschämt und übergriffig, wenn es darum geht, in die Lebensentwürfe anderer Menschen einzugreifen unter Berufung auf unmenschliches EU-Recht, weil die jegliches Bewusstsein davon verloren haben, dass es auch sie treffen könnte.

Kennt der Kurt Schuhmacher überhaupt noch? Dass also historisch gerade auch Sozialdemokraten es waren, denen von Bürgerlichen und Adeligen verordnet wurde, was ihre Perspektive zu sein hat und was nicht? Dass sie es waren, die zu Beginn der 30er Jahre von immer weiter in die Bereiche administrativer Macht vordringenden Nationalsozialisten, die nicht zufällig auch und gerade in die Polizeiapparate vordrangen, ENTRECHTET wurden? Damals stimmten sie noch gegen das Ermächtigungsgesetz … würde ich denen heute gar nicht mehr zutrauen.

Es gibt diese unübertroffene Formulierung Hannah Arendts vom Recht, Rechte zu haben. Die sie in „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ auch angesichts von Staatenlosen und Flüchtlingsströmen formulierte.

Und genau darum geht es ja allerorten gerade in Abstufungen – im Falle des Bleiberechts für die Refugees ebenso wie im Fall des Ehegattensplittings im Falle eingetragener Lebenspartnerschaften für Lesben und Schwule oder auch den katholizistischen, gewalthaltigen Ausfällen gegen die Homo-Ehe in Frankreich wie auch beim faschistischen Gesetz gegen „Homo-Propaganda“ in Russland wie auch bei #aufschrei um das Recht auf körperliche Selbstbestimmung wie auch bei N-Wort-Debatten um das Recht, nicht herabgewürdigt und beleidigt zu werden. Klar ist verweigertes Bleiberecht ungleich gravierender als vorenthaltene Ehegattensplittings. Dass Mehrheiten sich erdreisten, Minderheiten zu entrechten, ist strukturell dennoch grausam. Graduell je nachdem noch grausamer.

Nun greift die linke Kritik am Begriff der Rechte dann, wenn sie nur und ausschließlich durch einen Staat gewährt und entzogen werden. Der Begriff Hannah Arendts, die als Jüdin vor den Nazis flüchten musste, weil sie um die kommende Entrechtung wusste, geht darüber hinaus – es ist schlicht und ergreifend logisch wie moralisch geboten, dass Rechte, die man für sich einfordert, auch Anderen zu gewähren sind. Und dass all die skizzierten Gegenbewegungen genau dagegen anrennen: Rechte nur für mich, aber nicht die Anderen! Das Motto der politischen Rechten halt.

Nun läuft man als „homosexuell“ Markierbarer eh mit der Erfahrung durchs Leben, dass Rechte historisch-faktisch gerade uns immer wieder entzogen wurden und entzogen werden und jederzeit wieder entzogen werden könnten und dass diese sich brüstende „Toleranz“ der Mehrheitsgesellschaft ein höchst fragiles Unterfangen ist. Es gibt immer den temporären Entzug, da man acht geben muss, sich nicht im falschen Moment zu zeigen, um nicht z.B. sehr plötzlich das Recht auf körperliche Unversehrtheit einzubüßen, zum Beispiel – ein Gefühl, das vielen Frauen und PoC, die nicht entscheiden können, wann sie verbergen, wann zeigen, auch sehr geläufig ist.

Ich bin immer davon ausgegangen, dass es sehr fix ein Rollback geben kann und ich mir nie sicher sein kann, ob ich mein Leben nicht in irgendeinem Gefängnis oder irgendeiner Psychiatrie oder irgendeinem Lager beende, einfach wegen devianter Form des Begehrens. Das war mir mit 16 klar, dass das zumindest möglich ist; die LGTB-Brüder und Schwestern in Russland machen gerade exakt diese Erfahrung. Und Frau Kuby und der Papst wünschen sie mir auch.

Manchmal denke ich, dass es dieses Bewusstsein ist, das Politikern wie Neumann und Co einfach fehlt. Deshalb schwingen sie diese unsäglichen Reden, agieren in konfrontativer Unmenschlichkeit und rufen skrupellos „Gefahrengebiete“ aus, also Entrechtungsgebiete. Weil sie sich viel zu sicher sind. Dabei kommt schlechte Politik heraus. Weil es an Emphatie fehlt.

Dabei bräuchte er nur mal den Geflüchteten zuhören. Dann könnte er noch was über Demokratie lernen – falls er das überhaupt will. „Wenn die Gesetze schlecht sind, muss man sie ändern“ hat einer von ihnen sinngemäß gesagt. Eben.

Das wär doch mal was! Hamburg als Vorreiter im Kampf gegen all die unheilvollen Gesetze, die die „Festung Europa“ mörderisch „absichern“! Und Menschen, die es trotzdem schafften, zur Manövriermasse zwischen Deutschland und Italien machen. Dagegen Avantgarde sein! Yeah!

Wohl nur ein Traum. Aber ein schöner.

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20 Antworten zu “Vom Recht, Rechte zu haben

  1. Hugo Kaufmann / Lichterkarussell Juni 13, 2013 um 6:23 am

    Erst das:

    „Manchmal denke ich, dass es dieses Bewusstsein ist, das Politikern wie Neumann und Co einfach fehlt.“

    Und dann das lesen:

    http://www.dwdl.de/nachrichten/41221/zdf_und_zdfneo_schickt_gruppen_auf_die_flucht/

    Und denken: „Ähh nee, so dann auch nicht.“

  2. momorulez Juni 13, 2013 um 7:38 am

    Das Ganze als Doku-Soap-Survival-Story mit garantierter Rückkehrmöglichkeit ist aber auch wirklich etwas zynisch …

  3. Mrs Next Match Juni 13, 2013 um 1:32 pm

    Anscheinend können manche nur Empathie aufbringen, wenn sie Unterhaltung und Kekse dazu bekommen. TW für Wortwahl und Allgemeinbullshit: http://www.n24.de/n24/Nachrichten/Netzwelt/d/1474092/computerspiel-soll-fuer-fluechtlingsdrama-sensibilisieren.html
    seufz.

  4. frage Juni 28, 2013 um 7:06 pm

    „Aber die Sätze, die dort von Vertretern der Exekutive und der Legislative geäußert werden, Phrasen, in denen sie sich Verfügungsmacht über die Biographien anderer Menschen zusprechen, ich mag das immer alles gar nicht mehr lesen.“

    Sorry, aber zu ignorieren, das ebendiese (legislatur, judikative und dann eben exekutive) sich nicht nur die Macht zusprechen, sondern HABEN, ist schlichtweg Blind und fällt einer gesellschaftskritik sehr Grundlegend in den Rücken. Bitte aufhören die Realität zu verzerren, auch wenn sie noch so scheiße ist!

  5. momorulez Juni 28, 2013 um 7:08 pm

    Bitte aufhören zu kommentieren, wenn man normativ und faktisch nicht auseinander halten kann, DAS fällt nämlich der kritischen Gesellschaftstheorie in den Rücken.

  6. frage Juni 29, 2013 um 2:50 am

    Was ist denn der Unterschied zwischen normativ und faktisch; und haben diese Leute nun die Verfügungsmacht über anderer Menschen Biographien?
    Und bitte aufhören Leuten das Wort zu verbieten weil sie etwas nicht wissen, das ist nämlich ganz ganz real blöd gegnüber jedem emanzipatorischen Bestreben 😉

  7. momorulez Juni 29, 2013 um 8:41 am

    Ja, Danke für die Selbsterkenntnis im letzten Satz 😉 …

    Ja, natürlich haben die Leute Verfügungsmacht, aber sie SOLLTEN sie nicht haben. Rechte – oder deren Vorenthalten – gibt es ja nicht im selben Sinne wie das Haus gegenüber. Rechte konstituieren sich in sozialen, gesellschaftlichen Prozessen, an der Frage, welche Regeln und Prinzipien nun gültig sein SOLLTEN und welche nicht. Das ist eine ganze andere, logische Ebene als die Aussage „Herr Neumann hat die Macht, Leben zu zerstören“. SOLLTE er halt nicht haben, hat er aber.

    Das ist nicht trivial, weil auch rechtliche Sachverhalte oft wie tatsächliche behandelt werden – das ist aber ein Unterschied.

  8. frage Juni 29, 2013 um 11:49 am

    Ich habe mir nur gewünscht, das man mal aufhört die Realität zu verzerren, weil sie ist es ja, die man kritisieren will.

    Es gibt TATSÄCHLICHE rechtliche Sachverhalte. Die sind, und so passt dein Punkt mit etwas Biegen da noch rein, aber gesellschaftlich gemacht und alles andere als Naturgemäß. Auf jeden Fall!
    Ich halte es für eine schlechte Kritik Politikern vorzuhalten was sie eigentich tun sollten. Wer sich so hinstellt: „Ich finde die dürfen nicht“ hat sich bereits von der praktischen Umsetzung seiner Kritik getrennt. So stellt man sich einfach neben einen Herrn Neumann und alle die so denken wie er, und dann stehen da 2 Partein, die darum streiten wie „es“ eigentlich zu gehen hätte.
    Das ist alles andere als die Handlungen und Institutionen dafür zu kritisieren was sie tätsächlich tun, und die Gründe dafür. Dabei würde man allerdings auf Widersprüche und schädliche Zwecke treffen aus denen man ganze Kritiksätze machen kann um auch Leute zu agitieren.
    Also lass den Idealismus besser, wenn du wirklich ein Problem hast

  9. momorulez Juni 29, 2013 um 12:16 pm

    Kannst Du das noch mal weniger wirr schreiben? Dass es tatsächlich rechtliche Regeln, die Praxen hervor bringen, gibt bedeutet ja trotzdem noch einen Rekurs auf Normatives, eben Rechte. Und man kann dann ja auf Tatsächliches, z.B. die Lebensbedingungen- und -erfahrungen von Flüchtlingen verweisen, dass man die schlimm findet, kann man nur in evaluativen oder normativen Hinsichten formulieren, was die Forderung impliziert, es möge ihnen besser gehen.

    Natürlich kann sich neben Neumann stellen und von ihm fordern, er solle, statt krude Reden darüber zu schwingen, wer wo eine Perspektive haben solle – er gibt ja auch Normatives als Tatsächliches aus -, lieber mal in die Puschen kommen und dafür sorgen, dass die hier Bleiberecht erhalten. Warum denn nicht? Verstehe Deine Argumente nicht.

  10. Kalle Blomquist Juni 29, 2013 um 1:51 pm

    Erklär erstmal den unterschied von faktisch und normativ, ich raff’s nicht…

  11. momorulez Juni 29, 2013 um 2:58 pm

    Normativ bezieht sich auf Regeln und Prinzipien, die das Miteinander organisieren – das reicht von Verkehrsregeln über moralische Regeln wie „Du sollst nicht töten“ bis hin zu Rechtsregeln, die auch funktionalistisch begründet werden können, dann aber häufig in Widerspruch mit dem Grundrechte-Konzept treten. Eigentlich ist die Frage nach den richtigen Regeln des Miteinanders nur sekundär eine funktionale – klar ist der Abwasch in der WG zu erlegen, die Prinzipien oder Kriterien, die dann in Anschlag gebracht werden, sind freilich normative.

    Faktisch oder deskriptiv sind Sätze wie „Da steht ein Baum“, „Es ist kein Salz zu Kochen da“, „ich weiß nicht, ob Schrödingers Katze lebt“.

    „Kein Mensch ist illegal“ ist keine Tatsachenbehauptung. Es gibt ja Illegale, viele finden das aber – ich meine zu Recht – moralisch falsch, Menschen unter solchen Bedingungen leben zu lassen. Oft werden dann irgendwelche als Tatsachenbehauptungen getarnten Gegen“argumente“ gebracht, „Das Boot ist voll“, „Das können wir uns nicht leisten“ – wohingegen ich davon ausgehe, dass, wenn der politische Wille da ist, es auch gehen kann. Der ist aber aktuell für Elbphilharmonie und U-Bahn-Bau und Bankenrettung da, aber nicht für Schwarze in Hamburg.

  12. Kalle Blomquist Juni 30, 2013 um 11:58 am

    Ich denke es bedarf faktischer Kritik (gegensätze klar machen, aufzeigen wo die eigenen interessen warum schlecht wegkommen), nicht normativer (moralischer).

    Wer sich als Opfer auf den Rücken legt, alle viere nach oben gestreckt, und die noch nachtretende Person höflichst darum bittet, sie solle sich doch an meine normative Ideotie halten… Viel glück

  13. momorulez Juni 30, 2013 um 12:05 pm

    Das sind aber jetzt selbst normative Maßstäbe, die Du anlegst. Diese Interessenlogik, der ja auch Bank-Vorstände anhängen und Neumann ebenso, sind ja nix, was im außermoralischen Raum statt fände; das ist einfach eine andere Form derer und hat mit Kritik am Faktischen gar nichts zu tun – außer, dass Neumann natürlich weiß, dass er die stärkeren Waffen hat.

  14. Kalle Blomquist Juni 30, 2013 um 3:18 pm

    Wo sind bei mir normative Maßstäbe?

    Ich meinte nur, das man Rassisten ruhig mal faktisch erklären kann, das sie sehr falsches Zeug reden und Deutschland scheiße ist…

  15. momorulez Juni 30, 2013 um 3:43 pm

    Wenn Du nun statt „kann“ „sollte“ einsetzt, dann wird deutlich, dass Du im normativen Universum unterwegs bist. Was auch dann, wenn man praktische Fragen erörtert, gar nicht anders geht.

    Das Argument gegen die „Moralisierung von Theorie“ ist doch auch eines, das nun gerade durch die Abkopplung der Theorie von der praktischen Nutzbarmachung so ein Gewicht erfuhr in Bereichen des westlichen Marxismus. Wenn Du willst, kannst Du da den Marx des „Kommunistischen Manifestes“ gegen den des „Kapitals“ ausspielen. Letzterer kann als reine Theorie verstanden werden, ersterer nun wirklich nicht, und natürlich enthält das Manifest jede Menge normativer und evaluativer Aussagen.

    Die Diskussion wird dann relevant, wenn man z.B. mit objektiven Interessen argumentiert. Das machst Du aber gar nicht. Es gibt objektive Klasseninteressen, die als allgemeingültige Wahrheiten verkauft werden, der ganze Neoliberalismus funktioniert so. Deshalb dann ja Kritische Theorie: Die entlarvt so was. Da, wo sie jedoch praktische Forderungen stellt, ist sie halt selber im normativen Spiel drin. Deshalb lassen konsequente Vertreter das auch sein.

    Bei Fragen wie der Mehrwerttheorie wird das auch wichtig, weil da nun gerade die Pointe ist, dass die als wissenschaftlich wahr vertreten wurde ganz unabhängig davon, ob das, was sie besagt, als Ungerechtigkeit empfunden wird oder nicht.

    Das Schlimme an diesen vermeintlich „antideutschen“, einmal durch einen missverstandenen und von den Füßen auf den Kopf gestellten Adorno gefilterten Aneignungen von Marx nur noch Schwundstufen an sich sehr aktueller und wichtiger Theorien ist. Kann man alles bei Robert Kurz, R.i.P., nachlesen.

    Das ist aber tatsächlich nicht die Richtung, in der ich oben diskutiere, weil ich Praxis auch wichtig finde. Das oben ist ja eher an Arendt, Armatya Sen, Martha Nussbaum und dem viel gescholtenen Habermas orientiert, zum Teil auch Benhabib, weil ich die realpolitisch am sinnvollsten finde. Und ist auch kein theoretisches Traktat, sondern der Versuch, ein Abstraktum wie „Menschenrechte“, über deren Aporien Arendt treffend schrub, an Erfahrungsdimensionen rückzukoppeln. Weil Schopenhauer und Gilligan ja auch nicht nur Müll geschrieben haben und eines der Probleme ist, dass weiße, heterosexuelle Männer wie Neumann aus der Sicherheit derer, die sowieso nie betroffen sind, agieren. Würde der sich noch mit der Biographie Willy Brandts und ’33 beschäftigen, würde das aber nicht schaden.

  16. Kalle Blomquist Juni 30, 2013 um 4:37 pm

    Soll ich dir jetzt eine Statistik mit weißen Männern die in Armut und Sozialrassismus leben hier hin posten, oder gleubst du mir auch so, das es die gibt?

    Ich sage ja gerade nicht sollte, sondern absichtlich „kann“.
    Wer etwas gegen Rassismus hat, der sollte, aus seinem Interesse an der Abschaffung ebendieses heraus, faktisch argumentieren. Also nehme ich eine Prämisse und sage das aus ihr logisch folgt, das… Das ist nicht normativ!

    Du redest sehr viel von Namen, das bringt aber gar nix wenn dein gegenüber sie nicht gelesen hat. Nur weil du als weißer intellektueller so viel zeit hast, heißt das nicht, das du damit rumprollen musst!

    Was du über Theorie, Praxis und ihr Verhältnis zu sagen versuchst verstehe ich gar nicht…

    Das gerede vom objektiven Interesse ist schwachsinn: entweder man hat ein Interesse oder eben nicht. Das die interessen im Kapitalismus höchst widersprüchlich sind, ist etwas anderes. Dann lieber erklären warum sich hier wechselseitig geschädigt wird, als das das doch eigentlich gar keiner können will (wo es aber doch alle gerade tun!?)…

    Was haben Fakten mit gerechtigkeit zu tun? Und was soll überhaupt gerechtigkeit sein?

    Vlt verstehe ich dich auch falsch

  17. momorulez Juni 30, 2013 um 5:25 pm

    Ich halte die Rassismusanalogie im Falle der Diskreditierung von Armen für falsch und schlicht für Derailing, als das Ersetzen des Themas durch ein anderes, um nun gerade der Faktenlage sich zu verweigern. Das ist schon insofern problematisch, weil dann schnell das passiert, was in Lichtenhagen passierte, was nun mehrfach im Falle der Hamburger Refugees Kommemtarspalten passierte: Erst mal an die „eigenen“ Armen denken. Schlimm genug, dass es die gibt und dass sie ja tatsächlich auch herab gewürdigt werden, oft auf Schlimmste. Das ist aber nicht das gleiche wie Rassismus.

    Das mit dem objektiven Interesse ist nun gerade eine der großen Errungenschaften der Marxschen Theorie, die tatsächlich mal wieder in den ganzen Antidiskriminierungsdiskurs hinein gehört. Es gibt ja auch objektive Interessen, die WHM-Herrschaft zu stabilisieren – identifiziert man diese, ist man raus aus diesen ganzen infamen Psychologisierungen von Fleischauer bis zu Ex-Autonomen. Das ist ja eher eine der großen Herausforderungen, Marx wieder mit den Cultural Studies zusammen zu denken 🙂 … hätte ich so viel Zeit, wie Du glaubst, würde ich mich dessen ja mal annehmen. Ich hatte die Zeit tatsächlich während des Studiums, was tatsächlich das Privileg des Beamtensohnes war, habe Vollwaisenrente bekommen (obwohl die Mutter noch lebte, Eltern waren nach altem Recht geschieden). Deshalb bin großer Fan des bedingungslosen Grundeinkommens für alle – möglichst auch für Flüchtlinge!

    Du verstehst, glaube ich, wirklich nicht, was ich schreibe. Ich habe den Eindruck, dass Du in bestimmten „antideutschen“ Diskussionszusammenhängen Argumentversatzstücke mit bekommen hast und versuche nur gerade, deren Background zu erläutern. Gelingt mir aber wohl gerade nicht wirklich.

  18. Kalle Blomquist Juli 1, 2013 um 10:41 am

    Ganz genau, du hast es erfasst: ich denke erstmal an die eigenen Armen… Idiot!

    Ein Punkt, an dem Ich Rassismus fest mache, ist das umschreiben der Resultate des Kapitalismus‘ in die Natur der betroffenen Menschen. Und das gibt es nicht nur gegen Schwarze. Wüßte auch nicht warum du dich da der faktenlage verschließen willst…
    Es braucht schon etwas mehr als eine Themenverschiebung für Rostock-Lichtenhagen, kein Mensch wir angezündet weil ich hier irgendwas schreibe.

    Ich habe behauptet und ein Argument genannt warum das gelaber vom Objektiven Interesse schwachsinn ist. Du sagst einfach, man muss es trotzdem einbinden!?

    Wie süß du bist: Nicht das du einfach von den Verursachern der Armut deren Abschaffung forderst, nein, du bist sogar bereit deinen Willen an der Realisierbarkeit der Sache den Politikern zu überantworten.
    Ungefähr das was ich mit „auf den Rücken legen…“ meinte.

    Du machst dir immer so viel Sorgen wo Positionen herkommen, von wem, aus welcher Theorie. Das nervt unheimlich, andauernd suchst du irgendwelche Schubladen in die du dir alles Sortieren kannst. Überleg doch lieber mal ob die Argumente stimmen!

  19. momorulez Juli 1, 2013 um 11:55 am

    Ich hätte aber tatsächlich nichts dagegen, wenn die Verursacher der Armut diese abschafften. Und das Argument hinschtlich dessen, dass die Darstellung objektiver Interessen Schwachsinn sei, habe ich in dem von Dir Geschrieben nicht entdeckt.

    Die Naturalisierung – „in der Natur der betreffenden Menschen“ – gibt es; die funktioniert aber nicht in jeder Hinsicht wie beim Rassismus. Es gibt da ziemlich gewaltige Unterschiede, weil z.B. die „Kolonisierung der Lebenswelt“ Weißer schon historisch anders verlaufen ist als die afrikanischer und amerikanischer Länder.

    Nett aber, dass Du mich süß findest 😀 -können wir ja bei einem Getränk gerne vertiefen 😉 …

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