Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Kommt in die Millerntor-Gallery!

Eine tiefe Verbeugung vor der Action, dem Engagement, dem Einsatz, dem Ideenreichtum der Macher der Millerntor-Gallery!!!

Ich durfte gestern an dem „Pre-Opening“ teilnehmen (incl. Kunstauktion durch Sotheby-Hochadel) und bereits im Vorfeld fest stellen, mit was für einer denkoffenen Crew da bis hin zum Kurator Jörg Heikhaus und Marcel Eger gearbeitet wird. Ich finde es immer wieder beeindruckend, was Benny Adrion und seine Teams da auf die Beine gestellt haben – die Millerntor Gallery ist ein Projekt von Viva con Agua.

Ich finde es wahnsinnig spannend, wie die kargen Gänge des Millerntor-Stadions mit verschiedenen künstlerischen Ansätzen belebt werden und kann nur jedem empfehlen, sich das heute Abend bei der Vernissage oder die nächsten Tage mal anzuschauen. Fotos gibt es u.a. bei Stefan Groenveld zu sehen und beim Facebook-Auftritt der Millerntor-Gallery selbst.

Es ist cool, wie die altehrwürdige Institution und der ja in der engen Spitze von 1 oder 2% der KünstlerInnen auch millionenschwere Markt der Kunst dadurch, dass sie in ein Stadion wandert, umdefiniert wird. Wie umgekehrt ein trotz gelegentlich auch bei unserer Mannschaft aufblitzender „Spielkunst“ sich ein eher, na, „bodenständig“ gerierender Raum sich dem Spiel mit Form, Farbe, Figur usw. öffnet. Ein Raum, der ja idealerweise alles „Authentische“ und Reproduzierende aufbricht und, um mit Cézanne zu sprechen, eine „Harmonie parallel zur Natur“ kreiert – Disharmonie wäre zu ergänzen.

Ich finde es auch toll, wie Präsidium und Geschäftsführung des FC St. Pauli sich auf Viva con Agua und die Millerntor-Gallery einlassen, weil ich Sätze wie

„Der FC St. Pauli ist ein Lebensgefühl und zwar ein unkonventionelles, das für Kreativität, Anderssein, Toleranz, Weltoffenheit, Selbstironie, vor allem aber auch für soziale Verantwortung steht“

mal ab von dem blöden Toleranz-Begriff voll und ganz zustimmen kann dann, wenn das auch mit Leben gefüllt wird. Auch die Conclusio

„Darüber hinaus schafft die MILLERNTOR GALLERY es zu integrieren, denn sie bietet für nahezu jeden etwas. Und genau diese Aufgabe MUSS (Hervorhebung von mir) auch der FC ST. Pauli leisten: Ein spannendes Angebot für alle zu schaffen, zumindest für all jene, die sich die Freiheit nehmen, (mal) abseits der Konventionen zu denken und mit diesem Angebot auch noch der gesellschaftlichen Verantwortung gerecht zu werden.“

(Quelle: Katalog Millerntor Gallery, Katalog 2013, S. 7)

ist mit einem vehementen „Yes!“ zu beantworten. Call and Response.

Womit ich freilich bei der solidarischen und sympathisierenden Kritik angekommen wäre. Es ist großartig, dass auch Künstler wie Zezao dort statt finden – und das Genörgel bei Facebook und Twitter über die „unstpaulianische“ Farbe blau am Millerntor finde ich deshalb nicht zutreffend. Auch der Street-Art-Anteil ist sehr, sehr cool, weil dieser „Aufstand der Zeichen“ (Baudrilliard) und die Wiedergewinnung des urbanen Raumes gegen Kommerzialisierung, Platzverweise usw. alltäglichen Widerstand darstellt.

Ansonsten ist es leider wie überall: Der Großteil der Künstler ist weiß, männlich und mutmaßlich heterosexuell. Eine queere Perspektive wäre mir zumindest nicht aufgefallen, ein heterosexueller Blick auf Frauen wie auch Männer schien mir hingegen sehr präsent zu sein (z.B. bei den „Mehl-Fotos“, deren Making off bei Gröni zu sehen ist, wo als männlich konnotierte Eigenschaften wie „Dynamik“ z.B sich vor eine mögliche Erotisierung schieben – erotisierte Frauen, was ja an sich nichts Schlimmes ist, beraubt man sie nicht Eigenständigkeit und Subjektivität und unterlässt Übergriffigkeit, oder? Kritische Anmerkungen erwünscht!, sieht man schon auf dem Cover des Kataloges). Vielleicht habe ich auch Wichtiges übersehen.

Nun lassen sich durch diese sozialen Konstruktionen – „weiß, männlich, heterosexuell“ – per se keine Rückschlüsse auf die Qualität der Kunst ziehen. Sehr wohl aber, inwiefern das soziale und auch ökonomische Setting, in dem sie sich als Kunst bewegt, auch reflektiert wird auf der Ebene des Werkes.

Und da ist, glaube ich, mehr drin als das, was ich gestern gesehen habe – gerade in einem Fussballstadion, wo Männermannschaften einen „Männersport“ spielen, gerade dann, wenn eine unterstützenswerte und jetzt schon ruhmreiche Hilfsorgansisation wie „Viva con Agua“ als Veranstalter auftritt.

Deutlich wurde das, als Michael Meeske von den „Tränen in den Augen derer“, denen Brunnen in Uganda gebaut wurden, berichtete – dass er da tatsächlich mitgefahren ist, finde ich toll, nur muss schon jeder Hilfsorgansiation klar sein, dass auch sie sich in einem kolonialen Setting bewegt und das Selbstbild des „hilfreichen Weißen“, der „Entwicklungshilfe“ leistet, eben auch Teil dessen ist.

Das sollte niemand vom helfen abhalten noch das diskreditieren, was da mit enormen Aufwand betrieben wird, noch ist es möglich, individuell aus strukturell-postkolonialen Konstellationen wirklich auszubrechen – da fehlt aber eine Reflektionschleife, und was böte sich da eher an als Kunst, Wege zu sehen, diesen weißen Blick und dieses weiße Selbstbild auch kritisch zu thematisieren?

Und zugleich die nun tatsächlich genuin europäische Institution „Kunst“ auch daraufhin zu befragen, wie sich das, was „wir“ als weiße, meist männliche Mitteleuropäer mal als „Kunst“ durchgehen lassen, mal nicht (das kommt dann ins „Völkerkundemuseum“), vielleicht von Praktiken in anderen Regionen dieser Erde unterscheidet – oder auch nicht? Wie es als Vehikel von „White Supremacy“ und „Male Supremacy“ genutzt werden kann und wie man zumindest versuchen kann, das auch aufzubrechen, auch wenn dabei ein Scheitern wahrscheinlich ist – und wie dieses Scheitern denn nun aussehen könnte?

Und wieso entstehen dann, wenn Weiße, zumeist Männer, mal nicht weitestgehend unter sich bleiben, solche Paradoxien?:

„Denn, Frage: Wie viele rassifizierte Menschen müssen bei einem Kollektivprojekt mitmachen, damit es nicht mehr als rein “weiß” wahrgenommen wird? Antwort: Ist egal, denn das Kollektiv wird immer ein böses, komplett weißes, rassistisches Arschprojekt bleiben. (Und das heißt, am Ende bist auch Du als Kanak_in immer nur das böse, rassistische Arsch mit an Bord. Oder: Es gibt dich halt einfach gar nicht. Oder: Du bist halt ein armes Opfer “in den [weißen] Fängen von xyz”. Kann aber ja auch gar nicht anders sein, schließlich bist Du ja Kanake, arharharhar!)“

Und lassen die sich vermeiden, oder geht das gar nicht? Für mich auch gerade eine sehr zentrale Frage als in Sachen „weiß“ und „männlich“ zumeist Ummarkierter, somit aus anderer Perspektive Schreibender. Weil ich da auch gerade an eine Grenze gestoßen bin im Rahmen meiner Möglichkeiten.

Da wird auch mittels einer Kunstausstellung in einem Fussballstadion nicht die Welt zu verändern sein. Aber würde das stärker in der Kunst selbst Thema sein, wäre das nicht St. Pauli-like? Erste Kommunikationen zwischen MILLERNTOR GALLERY und 1910 – MUSEUM FÜR DEN FC ST. PAULI e.V. haben ja diesbezüglich auch schon statt gefunden 😉 …

Der ökonomische Rahmen, in dem sich das ganze, globale Drama rund um sauberes Wasser abspielt, wurde zumindest angedeutet, indem deutlich Front gegen die Privatisierung dessen votiert und Wasser als Menschenrecht verteidigt wurde.

Da können Frau von und zu Wittgenstein und Frank Otto und andere, die auf ganz anderen politischen und Wirtschaftshochzeiten tanzen können als der normale Spender und die gestern da waren, weiter  dran arbeiten. Dass Frank Otto Viva con Agua von Anfang an unterstützt, das ist ihm eh schon schon hoch anzurechnen.

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4 Antworten zu “Kommt in die Millerntor-Gallery!

  1. Trude Mai 24, 2013 um 4:09 pm

    Wäre Intoleranz besser? Für mich ist Toleranz das Ausbleiben von Intoleranz. Keine tolle Tat aber für das Zusammenleben insgesamt doch nützlich jedenfalls wenn die richtigen Leute Tolerant sind. Die verlogene Toleranz von Mehrheitsgesellschaftlern stinkt natürlich. Das ist praktisch immer der Fall. Die Toleranz von Mehrheitsgesellschaftlern ist meistens nur bequem und ignorant. Aber die Intoleranz von Mehrheitsgesellschaftlern ist schon eine direkte Drohung. Wenn die Mehrheitsgesellschaftler aus Toleranz die Fresse halten ist das mir lieber als wenn sie wie in Frankreich gegen Leute wie mich Massendemonstrationen auf die Beine stellen. Insofern ist mir Toleranz lieber. Außerdem muß ich selber keine gewöhnlichen Arschlöcher oder Spießer tolerieren nur weil die mich tolerieren. Als Marginalisierte darf ich aber nicht tolerant sein. Dann wäre ich ja blöd.

  2. momorulez Mai 24, 2013 um 4:16 pm

    Toleranz impliziert, dass es Mächtigere gibt, die Ohnmächtigere gnädig Toleranz gewähren, die sie ggf. auch entziehen können. Ich erwarte Akzeptanz, Emphatie, Respekt und Rücksicht und nicht einen Freibrief zur Ignoranz und finde, das solche, die nicht über die gleichen Privilegien verfügen können wie ich, das auch von mir erwarten können. Freilich in emanzipatorischer Perspektive: Privilegien für alle.

  3. Trude Mai 25, 2013 um 9:38 am

    Offen gesagt ich verachte Normalos. Ich will garnicht daß die mich akzeptieren. Das wäre mir sogar unangenehm. Wenn ich typische „Familienväter“ mit ihrer Brut oder heteronormative Modetussies sehe bekomme ich sofort einen Hals. Ich will nur daß mich diese Leute in Ruhe lassen. Ich möche auch keine Empathie für Mehrheitsgesellschaftler entwickeln. Wozu denn? Das sind die Leute die Leute wie mich unterdrücken.

  4. momorulez Mai 25, 2013 um 11:04 am

    Ohne jetzt zu wissen, wer Du wirklich bist, ich glaube ja immer noch, dass Du Dean bist, besteht das Unterdrückungsverhältnis u.a. in mangelnder Akzeptanz, mangelnder Emphatie und Ignoranz sowie Privilegienabsicherung und Supremacy-Haltungen ausgehend von Mehrheitsgesellschaftlern Marginalisierten gegenüber. Und natürlich ist in bestimmten Konstellationen Teil dessen, dass diese ständig Verständnis für sich und ihre Probleme einfordern, das sie selbst aber nicht aufzubringen bereit sein, wenn es um Marginalisierte geht, ja.

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