Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

For crying out loud … for that, I thank you!

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Ich habe uns schon die Relegation spielen sehen. Vor dem geistigen Auge, auf der inneren Leinwand flimmerten Bilder von Duellen mit Heidenheim, während derer wir kurz vor Schluss noch eine glückliche 1:0-Führung vergeigten. Zwei Mal in Serie in Tristesse versinkend wie jn chilly california sand near the end of the line in the middle of nowhere oder so … foy crying out for that I love you ja immer wieder trotzdem, we need you, we want you, FC St. Pauli.

Ich habe in Sorgen erfüllt im Schatten dieser Arena mit dem ständig wechselnden Namen in Mordor gestanden. Kein Witz, wie zufällig trafen zwei Desorganisierte auf andere St. Paulianer. Angesichts der wie Marschrhythmus dröhnenden Chöre dieser Normalisierten in Rothosen da drin in ihrem Parkhaus wurde uns ebenso mulmig wie bei der Vorstellung der kommenden Spieltage gegen Braunschweig und die Region.

Ja, Dresden würden wir ja die Relegation zutrauen aktuell, aber unserer demoralisierten, unsortieren Truppe? Schatten lagen über den Gesichtern, Schatten, die in Mordor tiefer graben und düsterer funkeln als anderswo. Beim anschließenden Meat Loaf-Konzert mischte sich in das Mitsingen jedes Wortes des Bat out of hell 1-Albums (das er in Original-Reihenfolge auf die Bühne brachte) immer wieder die Vorstellung, diese Saison könne nach all den Pannen so enden wie ein Motorradunfall, uns könne es scheinen, als würde von irgendwoher eine Glocke erklingen, und the last thing we saw was our heart, still beating in braun-weiß, flying out of our body – like a bat out of hell …

Auf dem Weg zum Millerntor schien irgendwer mir die Worte aus dem Mund genommen zu haben. Dabei habe ich doch gar nicht geknutscht. Eine Hot Summer night war es auch nicht, und doch, ein Kloß ballte sich in meinem Hals statt einer Kehle. Die Blicke der Braunschweiger rund um das Stadion wirkten irgendwie hämisch. Wollte mir ein wenig Entspannung ansaufen, ging nicht, gab kein Vollbier. Irgendeine melancholische Folk-Klampfe mit wehmütigem Gesang über den Verlust der Jugend drang aus den Stadionboxen; also, wenn ich so zurück denke, wie das war, mit 18 von Liebeskummer zerrüttet, er hieß Kai und wohnte ausgerechnet in Gailhof, morgens statt zur Schule zu gehen die Meat Loaf-Platte aufzulegen und mich wieder hin zu legen, mich ganz dem Unerfüllten hingebend, nee, also, einen Verlust empfinde ich da gar nicht, wenn ich daran zurück denke …

„I will love you ‚til the end of time!“, FC St. Pauli, denke ich trotzdem, als ich auf meiner neuen Haupttribüne stehe, die immer noch nicht schöner als die alte ist und spüre, wie alle im Stadion allmählich anfangen, ihre Anspannung heraus zu schreien. Ja, ist Profisport unter den Bedingungen des Kapitalismus, dem Joch der Funktionalismen unterworfen, und mal ehrlich, eigentlich ist es doch völlig bekloppt, da nun im 13. Jahr jedes zweite Wochenende hinzupilgern aus irgendeiner sentimentalen und irrationalen Liebe heraus Angst, Lust, Euphorie und niederschmetternde Tristesse zu durchleben, während 22 Leute sich wechselseitig einen Ball abjagen wollen und ausrasten oder fluchen, je nachdem, wenn er in den Maschen zappelt.

Ein wenig ist das ja schon wie dieses Hängen ausgerechnet an der Musik von Meat Loaf, diesem verkitscht-monumentalen Album voller Heterosexismus und schlechten Metaphern, der hat sogar die Republikaner im Wahlkampf unterstützt – aber das Album ist doch sooooo schön! For crying out loud for that I love you …

Ich greife vor, aber als ich all die Stofftiere da sah, diese Fantasiefiguren, Hasen mit riesengroßen rosa Klopfern, Schnecken, übergroß auf Spielerrücken in Plüsch, in sich zusammen gesackte Teddies – soll man sich da jetzt über industriellen Massenüberfluss echauffieren oder nicht vielmehr in Verzückung geraten, dass es Menschen gibt, die sich solche herrlichen, bunten, kuscheligen, vielfältigen, zum Grinsen bringenden Viecher ausdenken und in die Welt setzen?

Geht mir auch jedes Frühjahr so, wenn Leute ihre Balkone bepflanzen, sich darin ergehen, die tollsten Arrangements aus Geranien und Petunien zu schaffen und sich denen mit Liebe und Hingabe zu widmen – das ist so traumhaft NUTZLOS und einfach nur da, damit man sich freuen kann. Toll.

Wie auch all die, die mir erst seit kurzem auffallen, die mit Instrumentenkoffern durch die Straßen ziehen, in Bussen und auf Fahrrädern fahren, kaum wer davon wird das als Beruf ausüben, werden auch nicht viele hören, was auf all den Gitarren, Bässen, Klarinetten, Celli und Koras gespielt wird, aber manche MACHEN DAS EINFACH SO. Weil es ihnen gut. Weil sie es schön finden. Weil es Spaß macht.

Keine Misanthropie ist mir fremd, Menschen führen Kriege, beuten aus, vergewaltigen, brandschatzen, morden, sind Rassisten, Schwulen- und Lesbenfeinde, unterdrücken, machen fertig, weiden sich am Schmerz der Anderen – und TROTZDEM blitzt es immer wieder überall auf, DAS NUTZLOSE, DIE FANTASIE, DAS VERSPIELTE, und man fragt sich, wieso es sein kann, dass es die gleichen Wesen sind, die zu beiderlei fähig sind.

Denn letztlich sind es ja die Menschen, die einen immer wieder ans Millerntor ziehen. Jene, die völlig zweckfrei „Bruns!“-Plakate malen, damit ihre Freizeit erfüllen und in Brunftschreie ausbrechen, wenn er beim Aufwärmen auf die Gegengerade zuläuft. Solche, die spontan fast schon verbal djend „Brunsbbeebbe“-Gesänge improvisierend erfinden. Und die vermutlich gemeinsam mit den Besungenen jene Vorstellungskraft erzeugen, die Tage wie jenen gestern am Millerntor möglich und unübertrefflich machen.

Was hat die Mannschaft mich für meine düsteren Visionen spielend ausgelacht! For that I thank you.

Ich meine, boah, ey. Die frühe Führung gegen verkaterte und lustlose Braunschweiger, okay, ich meine mich auch an ein Spiel gegen Paderborn zu erinnern, als wir schon aufgestiegen waren. So ganz mochten sie meine Negativvisionen dennoch nicht tilgen, die beiden Tore. Als die Braunschweiger dann zu Beginn von Halbzeit 2 aufdrehten, war mir ganz schön mulmig. Doch dieser Kullerball von Bartels, der die ganze Saison hindurch höhnisch am Pfosten vorbei gerollt wäre, nunmehr murmelte er gemütlich ins Netz – da war die Magie vollumfänglich und allumfassend Zustand am Millerntor. Dieser unglaubliche, erst zögernde, dann so traumhaft aus der Drehung „den mach ich jetzt selbst!“ eingenetzte Ball von Bruns, die „Marius Ebbers Fussballgott!“-Rufe waren kaum verhallt, da köpfte auch der präzise … nach dem 5:0 glaubte ich am den Sieg 😀 …

Als bekennender Hasser der Musik Thees Ulllmanns bekenne ich ebenso: Dieses „Hooray, hooray, hooray, FC St. Pauli“, als die Mannschaft vor der Süd stand und ein ganzes Stadion dem Song lauschte, den Refrain mitsang, diese Minuten, da Abschied und Freude, Melanchole und Liebe sich trafen und vor allem die Gewissheit erstrahlte, dass all das gemeinsam Erlebte in allen weiter leben wird und ganz wie im Schlager nie vergeht – schön. So schön. So traurig. Und doch so schön.

Später dann, beim letzten Diffidate-Marsch, da stellte ich mur vor, wie die ganze Crowd Meat Loafs „For crying out loud“ schamlos umtexten würde, die dritte Stophe mit all den „Thank yous,“ treffsicher auf Brunsebbeebbe umdichtete und es lautstark singen würde. Zügellos monumental, verkitscht und hemmungslos pathetisch.

Sie hätten es sich verdient. Wie diesen ganz so unglaublichen, so traumhaften Sonntagnachmittag.

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4 Antworten zu “For crying out loud … for that, I thank you!

  1. Pingback: Abschied von Bruns, Ebbers, dem alten Fanladen und den Abstiegsängsten – #FCSP brilliert gegen Braunschweig | KleinerTods FC St. Pauli Blog

  2. musterz Mai 14, 2013 um 8:10 am

    Du sprichst mir geradewegs aus dem Herzen. Gerade mit diesem Absatz:

    „Als bekennender Hasser der Musik Thees Ulllmanns bekenne ich ebenso: Dieses “Hooray, hooray, hooray, FC St. Pauli”, als die Mannschaft vor der Süd stand und ein ganzes Stadion dem Song lauschte, den Refrain mitsang, diese Minuten, da Abschied und Freude, Melanchole und Liebe sich trafen und vor allem die Gewissheit erstrahlte, dass all das gemeinsam Erlebte in allen weiter leben wird und ganz wie im Schlager nie vergeht – schön. So schön. So traurig. Und doch so schön.“

    Mir sind die Tränen gerollt und ich muss auch jetzt wieder schlucken…

    Danke dafür. So sehr!

  3. momorulez Mai 14, 2013 um 8:12 am

    Gern geschehen 😉 – und das freut mich! Stand da ja auch mit feuchten Augen … war irgendwie ein großer Moment.

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