Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Monatsarchive: Mai 2013

Lektüreempfehlung: Zwei Texte zum CSD und „ProKöln“

Ich verlinke hier jetzt noch mal zwei voll zustimmungsfähige Kommentare rund um die mögliche Teilnahme von „Pro Köln“ am dortigen CSD – beiden ist im Grund genommen nichts hinzu zu fügen, deshalb und nur deshalb hier kein längerer Text.

Das Ganze ist auch, nicht nur, übrigens deshalb so gefährlich, weil insbesondere von religiösen Hetzern, aber auch sonstwie sich als sowieso grundsätzlich außerhalb allen Übels wähnenden Vertretern der heterosexuellen „Mitte“ gerne mal gemunkelt wird, dass die Nazis ja sowieso alle schwul gewesen seien. Was halt eine historische Lüge ist, aber auch ich hatte auch schon das Vergnügen, als „Momo äh Röhm“ im Netz angepöbelt zu werden (der übrigens nicht zufällig so früh abgemurkst wurde; der noch von Adenauer und Co in der Nazi-Fassung gefeierte §175 wurde unmittelbar nach dessen Ermordung verschärft).

Das sind halt diese Heimatfilm-Reinwaschungen der Bürgerlichen und Bäuerlichen, die sich so was wie Faschismus nur als „Einbrechen“ irgendeines für sie angeblich nicht verständlichen Unheils in ihre Kitschwelten vorstellen können – was zu mörderischen Bestsellern wie „The Pink Swastika“ führte, die, insbesondere von US-Evangelikalen distribuiert, nicht zuletzt in afrikanischen Staaten zu allerlei Verwüstungen in  den Köpfen führten.

Faschismus und Heteronormativität gehören ebenso zusammen wie Faschismus und Rassismus und Faschismus und Patriarchat; wie sich letzteres in schwulen Subkulturen abbildet, das Patriachat und mit ihm korrespondierende Männer- und Körperbilder, das bleibt freilich auch dort wichtige Frage und Reflektionsgebot ebenso wie die Auseinandersetzung mit Rassismus in der Szene selbst. Gab wohl auch in Berlin einen ziemlichen Eklat, den ich allerdings nur über eine Facebook-Statusmeldung, die ich hier nicht verlinken kann, mit bekam.

Aber nun die zur Lektüre empfohlenen Texte; es ist schrecklich, wie dieses rechtsliberale Spiel, Minderheiten gegeneinander in Stellung zu bringen, bei manchen aufzugehen scheint. Dass die Gegenwehr z.B. bei Quer.de so deutlich ausfällt freut mich allerdings, hatte da Schlimmeres befürchtet.

„So verrennen sich Teile der Szene zunehmend in einen Rassismus. Das Gerede über dieses eine Thema von „Pro Köln“ führt letztlich dazu, dass weitere Thesen der Partei, von den fremden- über homose­xuellen- bis hin zu verfas­sungs­feind­lichen, nicht diskutiert werden, obwohl auch diese einen Grund zur Distan­zierung und zum Ausschluss vom CSD bieten. Es führt auch dazu, dass diese Thesen für weniger schlimm wahrge­nommen werden als sie sind.“

„Was für eine infame Strategie: Erst erfindet man eine Bedrohung, die es gar nicht gibt, dann greift man die an, die gegen die eingebildete Bedrohung nichts unternehmen wollen.“

Empfehle beide Texte zur Gänze; deutlich wird in beiden zudem, dass gegen eine eingebildete „linke Hegemonie“ gewettert wird, die es so seit ca. 30 Jahren nicht mehr gibt und vorher auch nur in manchen Bereichen des Feuilletons, nie jedoch gesamtgesellschaftlich auf den Westen bezogen, herrschte.

Dass sich nun die Opfer der Anti-PC-Rhetorik genau dieser bedienen – urgs, das kann schwer nach hinten los gehen. Plädiere vielmehr dafür, feministische, antirassistische und Homophobie bekämpfende Ansätze auch weiterhin zusammen zu denken bei Achtung aller Differenzen. Und insofern vor allem mehrfach Diskriminierten zu lauschen.

(Beide Texte übrigens via David Berger, Facebook – Dankeschön!)

 

 

Wie Joshua Redman den Blick umkehrte … „at least, it depends on your attitude“

„Das ist für mich eine der großartigen Sachen am Jazz: Die Relevanz liegt im Spielen. Das ist es, was Jazzmusiker so am Jazz lieben: Er lässt dich in diesem einen Moment sein wie keine andere Musikform. Alle Fragen der Bedeutung, Historie, Vermächtnis, alles, was mit dieser großen Vision der Vergangenheit und Zukunft zu tun hat, lösen sich im Akt des Improvisierens auf und werden Gegenwart. Auch der, der nur zuhört, wird Teil dieses Augenblicks.“

Elbjazz. Erstmals Elbjazz.

Gerade noch Blues-Tonleitern auf dem Saxophon geübt. Mit Verblüffung dieses überwältigende Erbe erspürt, lediglich von Ferne angespielt, das in diesen „flatted Fifth“  Klangfolgen jenseits der Formatierung europäischer Harmonik liegt.

Das Saxophon böte die Möglichkeit, die „Blue Note“, eben ein Ton, der zwischen den antrainierten und ansozialisierten Halbtönen liegt, tatsächlich zu spielen  – dafür muss ich aber noch lange üben. Und bin doch baff, wie eine Welt entsteht bei der Moll-Blues-Tonleiter anstatt nur einer Tonfolge, übt man sie, wie eine Geschichte statt einer Struktur erklingt.

Das „Lobe den Herren“, mittels Kirchenorgel in mich hinein geblasen bei Familienfesten, lasse ich hinter mir. Erkunde ein Terrain, das mir ein Vermächtnis, eine Historie offenbart, die nicht die meine ist und die doch so unendlich viel mir schenkte in den Jahrzehnten des Musikhörens von den „Trammps“ auf dem „Saturday Night Fever“-Soundtrack bis his zu all den großen Saxophonisten, die ich aktuell erkunde.

Ja, einst sogar in genau der gleichen Kirche, da auch die 7-Ton-Systeme meine Körpererfahrung formten, da sangen wir „Go down Moses“. Seltsam geschichtslos tönte es, ohne dass ich es merkte, und Muttern hatte auch eine Mahalia Jackson-Platte – erst viel, viel später begriff ich die Pointe von „Let my people go“, unter Bedingungen der Sklaverei ja eigentlich eindeutig und doch so ein Passus, den wir weg sangen in unserer Ignoranz.

Dass „Die Sterne“ sich nicht entblödeten, aus „He’s got the world in his hand“ ein „Gib sie wieder her“ abzuleiten ist nun gerade angesichts der zumeist weiß gewaschenen Rockmusikfolgen der „Hamburger Schule“ symptomatisch und selbst als „Gag“ noch entlarvend. Wieso, das kann man hier hören. Und, auch wenn manche es mir nicht glauben wird: Dieses jazzige Sopransaxophon, dass Tobias Levin  in eines der Alben von Kante mischte, ich meine, es war das „Zombie“-Album, ist mehr als eine entwendete Garnierung, sondern eine Spur des Verdrängten, die gezielt gelegt als Wegweiser dienen mag in jenes Reich, das ich betreten durfte am Freitag Abend: Des Jazz.

Arche

Die Barkasse zum „Elbjazz“-Gelände fuhr noch an christlicher Propaganda vorbei; Mehr von diesem Beitrag lesen

Kommt in die Millerntor-Gallery!

Eine tiefe Verbeugung vor der Action, dem Engagement, dem Einsatz, dem Ideenreichtum der Macher der Millerntor-Gallery!!!

Ich durfte gestern an dem „Pre-Opening“ teilnehmen (incl. Kunstauktion durch Sotheby-Hochadel) und bereits im Vorfeld fest stellen, mit was für einer denkoffenen Crew da bis hin zum Kurator Jörg Heikhaus und Marcel Eger gearbeitet wird. Ich finde es immer wieder beeindruckend, was Benny Adrion und seine Teams da auf die Beine gestellt haben – die Millerntor Gallery ist ein Projekt von Viva con Agua.

Ich finde es wahnsinnig spannend, wie die kargen Gänge des Millerntor-Stadions mit verschiedenen künstlerischen Ansätzen belebt werden und kann nur jedem empfehlen, sich das heute Abend bei der Vernissage oder die nächsten Tage mal anzuschauen. Fotos gibt es u.a. bei Stefan Groenveld zu sehen und beim Facebook-Auftritt der Millerntor-Gallery selbst.

Es ist cool, wie die altehrwürdige Institution und der ja in der engen Spitze von 1 oder 2% der KünstlerInnen auch millionenschwere Markt der Kunst dadurch, dass sie in ein Stadion wandert, umdefiniert wird. Wie umgekehrt ein trotz gelegentlich auch bei unserer Mannschaft aufblitzender „Spielkunst“ sich ein eher, na, „bodenständig“ gerierender Raum sich dem Spiel mit Form, Farbe, Figur usw. öffnet. Ein Raum, der ja idealerweise alles „Authentische“ und Reproduzierende aufbricht und, um mit Cézanne zu sprechen, eine „Harmonie parallel zur Natur“ kreiert – Disharmonie wäre zu ergänzen.

Ich finde es auch toll, wie Präsidium und Geschäftsführung des FC St. Pauli sich auf Viva con Agua und die Millerntor-Gallery einlassen, weil ich Sätze wie

„Der FC St. Pauli ist ein Lebensgefühl und zwar ein unkonventionelles, das für Kreativität, Anderssein, Toleranz, Weltoffenheit, Selbstironie, vor allem aber auch für soziale Verantwortung steht“

mal ab von dem blöden Toleranz-Begriff voll und ganz zustimmen kann dann, wenn das auch mit Leben gefüllt wird. Auch die Conclusio

„Darüber hinaus schafft die MILLERNTOR GALLERY es zu integrieren, denn sie bietet für nahezu jeden etwas. Und genau diese Aufgabe MUSS (Hervorhebung von mir) auch der FC ST. Pauli leisten: Ein spannendes Angebot für alle zu schaffen, zumindest für all jene, die sich die Freiheit nehmen, (mal) abseits der Konventionen zu denken und mit diesem Angebot auch noch der gesellschaftlichen Verantwortung gerecht zu werden.“

(Quelle: Katalog Millerntor Gallery, Katalog 2013, S. 7)

ist mit einem vehementen „Yes!“ zu beantworten. Call and Response.

Womit ich freilich bei der solidarischen und sympathisierenden Kritik angekommen wäre. Es ist großartig, dass auch Künstler wie Zezao dort statt finden – und das Genörgel bei Facebook und Twitter über die „unstpaulianische“ Farbe blau am Millerntor finde ich deshalb nicht zutreffend. Auch der Street-Art-Anteil ist sehr, sehr cool, weil dieser „Aufstand der Zeichen“ (Baudrilliard) und die Wiedergewinnung des urbanen Raumes gegen Kommerzialisierung, Platzverweise usw. alltäglichen Widerstand darstellt.

Ansonsten ist es leider wie überall: Der Großteil der Künstler ist weiß, männlich und mutmaßlich heterosexuell. Eine queere Perspektive wäre mir zumindest nicht aufgefallen, ein heterosexueller Blick auf Frauen wie auch Männer schien mir hingegen sehr präsent zu sein (z.B. bei den „Mehl-Fotos“, deren Making off bei Gröni zu sehen ist, wo als männlich konnotierte Eigenschaften wie „Dynamik“ z.B sich vor eine mögliche Erotisierung schieben – erotisierte Frauen, was ja an sich nichts Schlimmes ist, beraubt man sie nicht Eigenständigkeit und Subjektivität und unterlässt Übergriffigkeit, oder? Kritische Anmerkungen erwünscht!, sieht man schon auf dem Cover des Kataloges). Vielleicht habe ich auch Wichtiges übersehen.

Nun lassen sich durch diese sozialen Konstruktionen – „weiß, männlich, heterosexuell“ – per se keine Rückschlüsse auf die Qualität der Kunst ziehen. Sehr wohl aber, inwiefern das soziale und auch ökonomische Setting, in dem sie sich als Kunst bewegt, auch reflektiert wird auf der Ebene des Werkes.

Und da ist, glaube ich, mehr drin als das, was ich gestern gesehen habe – gerade in einem Fussballstadion, wo Männermannschaften einen „Männersport“ spielen, gerade dann, wenn eine unterstützenswerte und jetzt schon ruhmreiche Hilfsorgansisation wie „Viva con Agua“ als Veranstalter auftritt.

Deutlich wurde das, als Michael Meeske von den „Tränen in den Augen derer“, denen Brunnen in Uganda gebaut wurden, berichtete – dass er da tatsächlich mitgefahren ist, finde ich toll, nur muss schon jeder Hilfsorgansiation klar sein, dass auch sie sich in einem kolonialen Setting bewegt und das Selbstbild des „hilfreichen Weißen“, der „Entwicklungshilfe“ leistet, eben auch Teil dessen ist.

Das sollte niemand vom helfen abhalten noch das diskreditieren, was da mit enormen Aufwand betrieben wird, noch ist es möglich, individuell aus strukturell-postkolonialen Konstellationen wirklich auszubrechen – da fehlt aber eine Reflektionschleife, und was böte sich da eher an als Kunst, Wege zu sehen, diesen weißen Blick und dieses weiße Selbstbild auch kritisch zu thematisieren?

Und zugleich die nun tatsächlich genuin europäische Institution „Kunst“ auch daraufhin zu befragen, wie sich das, was „wir“ als weiße, meist männliche Mitteleuropäer mal als „Kunst“ durchgehen lassen, mal nicht (das kommt dann ins „Völkerkundemuseum“), vielleicht von Praktiken in anderen Regionen dieser Erde unterscheidet – oder auch nicht? Wie es als Vehikel von „White Supremacy“ und „Male Supremacy“ genutzt werden kann und wie man zumindest versuchen kann, das auch aufzubrechen, auch wenn dabei ein Scheitern wahrscheinlich ist – und wie dieses Scheitern denn nun aussehen könnte?

Und wieso entstehen dann, wenn Weiße, zumeist Männer, mal nicht weitestgehend unter sich bleiben, solche Paradoxien?:

„Denn, Frage: Wie viele rassifizierte Menschen müssen bei einem Kollektivprojekt mitmachen, damit es nicht mehr als rein “weiß” wahrgenommen wird? Antwort: Ist egal, denn das Kollektiv wird immer ein böses, komplett weißes, rassistisches Arschprojekt bleiben. (Und das heißt, am Ende bist auch Du als Kanak_in immer nur das böse, rassistische Arsch mit an Bord. Oder: Es gibt dich halt einfach gar nicht. Oder: Du bist halt ein armes Opfer “in den [weißen] Fängen von xyz”. Kann aber ja auch gar nicht anders sein, schließlich bist Du ja Kanake, arharharhar!)“

Und lassen die sich vermeiden, oder geht das gar nicht? Für mich auch gerade eine sehr zentrale Frage als in Sachen „weiß“ und „männlich“ zumeist Ummarkierter, somit aus anderer Perspektive Schreibender. Weil ich da auch gerade an eine Grenze gestoßen bin im Rahmen meiner Möglichkeiten.

Da wird auch mittels einer Kunstausstellung in einem Fussballstadion nicht die Welt zu verändern sein. Aber würde das stärker in der Kunst selbst Thema sein, wäre das nicht St. Pauli-like? Erste Kommunikationen zwischen MILLERNTOR GALLERY und 1910 – MUSEUM FÜR DEN FC ST. PAULI e.V. haben ja diesbezüglich auch schon statt gefunden 😉 …

Der ökonomische Rahmen, in dem sich das ganze, globale Drama rund um sauberes Wasser abspielt, wurde zumindest angedeutet, indem deutlich Front gegen die Privatisierung dessen votiert und Wasser als Menschenrecht verteidigt wurde.

Da können Frau von und zu Wittgenstein und Frank Otto und andere, die auf ganz anderen politischen und Wirtschaftshochzeiten tanzen können als der normale Spender und die gestern da waren, weiter  dran arbeiten. Dass Frank Otto Viva con Agua von Anfang an unterstützt, das ist ihm eh schon schon hoch anzurechnen.

Verbetzt und gutgemacht und ganz viel Zukunft …

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Eurodance im Sonderzug – nein, ich war nicht dabei, aber die Fortsetzung von Disco mit anderen Mitteln ist allemal besser, als in abgestandenen Punkrock-Gitarren-Saucen den FC St. Pauli zu konservieren. Und es ist deutlich schöner, auf dem Betzenberg zu gewinnen, als dass dort schwarzen Spielern frei nach dem Motto „Ist ja eh nix wert“ die Beine gebrochen werden. Und dass hinterher Region-Spieler an Eckfahnen in blöd grienendem Triumph und Pepita-Hut noch schlecht tanzen, Herr Basler. Nee, der war nicht der Knochenbrecher, das war Lincoln, war nur damals in meiner zweiten Saison eines der Spiele, die sich negativ einprägten, da bin ich nachtragend – obgleich J. von der „Breiten Masse“ am Tag danach strahlend im Büro auflief und beseelt ausrief „Wir haben den Betzenberg gerockt!“. Weil die St. Paulianer-Chöre die Region-Sänger zu Teufelchen degradierten. Trotz 5 Gegentoren, wenn ich mich recht entsinne.

Gestern auf Sky waren eigentlich auch nur St. Pauli-Gesänge zu hören, und der Fussball in der ersten Halbzeit war neben dem Spiel bei 1860 und dem Heimspiel gegen Frankfurt – das gegen Braunschweig zählt wegen verkaterter Gegner irgendwie nicht ganz – wohl der beste in dieser Saison. Bin ja manchmal am Zweifeln, ob Michael Frontzeck bei aller Dankbarkeit dafür, dass er uns zum Nichtabstieg führte und sich zudem bis zum Schluß höchst sympathisch im Hintergrund hielt, sich so ganz und gar nicht inszenierte, sondern der Mannschaft den Jubel ließ, der richtige Trainer für einen Neuaufbau ist. Weil man auch gestern wieder das Gefühl hatte, konditionelle Schwächen zu erspüren und eben doch Teile der Saison von Ratlosigkeit auf dem Platz geprägt waren.

Umgekehrt meint man ja eine Ahnung zu haben, was seine Vision sein könnte, guckt man sich insbesondere die ersten Halbzeiten gegen die 60er und nun gegen die Region an. Das war schon richtig, richtig gut, auch wenn „aus einer kompakten Defensive schnelle Vorstöße wagen“ sich wie eine Floskel liest, scheint es ja so leicht nicht zu spielen zu sein, guckt man sich Zweitligafussball so an …

Insofern hat Pathos recht: Es ging sehr wohl noch um etwas. Um ein gutes Gefühl angesichts dessen, was kommt.

Azzouzi hatte ja schon ordentlich vorgelegt mit Neuverpflichtungen, da man sich zugleich erstaunt und erfreut die Augen reibt. Willkommen!

Keine Leihgeschäfte, kein Jugendstil um jeden Preis, potenzielle Führungsspieler mit viel Erfahrung – Hut ab. Auch die Signale, dass jemand, der die Vereinsseele in und auswändig kennt wie Florian Bruns, ggf. noch in die Zweite als Leitwolf eingebaut und zugleich in die Geschäftsstelle integriert werden könnte. lässt hoffen, dass doch nicht aus irgendeinem verborgenen Machtkalkül das „alte St. Pauli“ nun vollends abgeräumt werden könnte . Meggle als Trainer der Zweiten ist ja auch so ein Signal. Dann geh ich da auch mal gucken 🙂 …

Überhaupt, die Zweite: Gestern in der O-Feuer-Bar war ich umgeben von solchen, die sich regelmäßig deren Spiele anschauen – ein echter Himmelmann-Fanclub. Ganz schön beruhigend, ihn spielen zu sehen und zu wissen, dass wir ihn als Backup oder gar potenzielle Nr. 1 haben.

Dass freilich mit der Tradition gebrochen wurde, sich verhuscht auf dem Betzenberg abschießen zu lassen, erfreut um so mehr. So brennt sich nicht ein in den Hirnen der Spieler die bleiben, dass Auswärts-Führungen sowieso wieder vergeigt werden, macht ebenfalls Hoffnung.

Bisher dominierte ja der Eindruck, dass Restbestände des Alten uns noch irgendwie zusammen mit Ginczek den Arsch gerettet haben und das, was neu war, allzu viel Hoffnung noch nicht machte.

Nun so ein Gefühl von – ja, kitschiges und langweiliges Bild, dennoch: Morgenröte. Dass man sich auf die neue Saison freuen kann. Dass Azzouzi im Hintergrund sich als prima Gestalter erweist. Und dass sogar „der Verein“ mit Trailern wie dem „Komm ins Stadion, da bist Du sicher!“ Akzente setzt, die richtig, richtig gut sind. Weiter so!

Und dass die Mannschaft auf dem Betzenberg siegt – Danke!

Wünsche der Region ja wirklich viel Glück gegen Hoffenheim und drücke die Daumen,; blieben sie ihn Liga 2, wäre das für uns halt trotzdem schön. Weil mit Düsseldorf und Fürth Angenehmes zurück kehrt, und ob nun Dresden oder Osnabrück mit dabei ist, ist beides doch was anderes als Sandhausen oder Heidenheim.

Insofern auf einmal ganz viel Zukunft, auf die ich mich freue – wie auch auf dje erste Staffel von „Mad Men“ (EDITH: Es war die „Big Bang Theory“, peinlich). Dankeschön!!! Ist toll, mitzubekommen, wer hier so alles mit gelesen hat in all den Jahren 🙂 … ein gutes Gefühl!

Vielleicht mal Solidarität, statt sich gegeneinander ausspielen zu lassen?

Kurz hin gerotzt vor Anpfiff in der „Grand Prix“-Arena, aber vielleicht auch gerade deshalb passend, weil nicht zuletzt z.B. Jan Feddersen von der taz vor dem letzten „Eurovision Song Contest“ ja auch um kein noch so blödes, vermeintlich „pro-westliches“ Klischee rund um Aserbaidschan verlegen war, ein paar Worte zu „Pro Köln“ und dem dortigen CSD. Zwar findet auch Queer.de das Verhalten der Organisatoren völlig daneben:

 

„Das genau ist die Strategie, die „Pro Köln“ derzeit auf allen Ebenen fährt. „Hey, jeder Jeck ist doch irgendwie anders“ rufen sie uns fröhlich lachend zu. „Lasst uns mitschunkeln, sonst seid ihr die Intoleranten!“ schüchtern sie uns ein. „Der wahre Feind, dass seid doch nicht ihr warmen Brüder, das sind die Moslembrüder“, machen sie uns Angst.“

 

Was freilich NICHT thematisiert wird, obgleich es mittlerweile sogar im St Pauli-Forum unwidersprochen sind findet, das ist der ausgeprägte Rassismus in der schwulen Szene selbst. Und es würde Queer.de als ja einzig vernehmbaren, schwulen Medium in Deutschland, die laut Kuby und Co ach so mächtige „Schwulenlobby“ ist ja publizistisch erstaunlich schwach auf der Brust, wohl so gar nicht schaden, das vielleicht auch mal zu thematisieren.

Bei der Facebook-Präsenz von David Berger („Der heilige Schein“) merkte nunmehr ein als „schwarzhaarig = „Südländer“ = Muslim“ Gelesener an, wie er sich fühlte, wenn er auf dem CSD mit ging und als „heimlicher Feind“ misstrauisch beäugt wurde. Was dabei völlig unter den Tisch fällt, sind Mehrfach-Diskriminierungen; es ist NICHT so, dass es unter rassistisch Markierten keine gäbe, die jenes Bedürfnisspektrum haben, das hierzulande mit dem klinischen Term „Homosexualität“ gelabelt wird.

Zum einen entspricht es keineswegs meiner Lebenserfahrung, dass, wie im St. Pauli-Forum behauptet, „die Deutschen“ ja „liberaler“ seien, solche merkwürdigen Arierfantasien sind krudes Zeug. Da braucht man ja nur mal Merkel oder Geis zuhören, was wirklich Sache ist. Von Ratzinger ganz zu schweigen.

Insofern wäre produktiver, sich lieber mal damit auseinanderzusetzen, wieso es immer so gut funktioniert, dass die Mehrheitsgesellschaftler schon dafür sorgen werden, dass gesellschaftliche Minderheiten gegeneinander ausgespielt werden können.

Übrigens auch dann, wenn jüdische Gelehrte und katholische „Denker“ gemeinsam DIE WELT ein Interview geben, um sich über die LGBT-Community zu erheben. Wollte ich eigentlich noch eigens kommentieren; mach ich vielleicht noch die Tage. Das gibt eine Menge her; mir ist ein Rätsel, wie man katholischer Propaganda so auf den Leim gehen kann, eben jener Organisation, die bereits im Prozess der Kanonisierung dessen, was die Bibel werden sollte, all jene antisemitischen Muster implementierte, die während Jahrtausende währender Judenfeindschaft heran gezogen werden sollten (und an denen sich Luther auch orientiert hat).

Aber auch dann, wenn Klischees von den „reichen, privilegierten Schwulen“ auch auf feministischen Seiten gepflegt werden und irgendein Scheinlinker anschließend vor sich hin grummelt, dass diese verantwortungslose Gay-Party-Crowd „Migranten“familien die Wohnungen weggentrifizieren würden, funktioniert das alles super ganz im Sinne der Normierten.

Es sei zudem noch einmal auf die Ablehnung des CSD-Preises durch Judith Butler verwiesen (ganz, wie es der Facebook-Kommentator bei David Berger auch macht). Und dann kann jeder ja nachgrübeln, was das vielleicht alles damit zu tun hat … kann man auch nicht oft genug verlinken, den Text.

Stonewall was a riot, und vielleicht ist es an der Zeit, Alternativveranstaltungen zu organisieren, die sich klarer machen, welche Communities das damals waren, die durch ihr Uprising den CSD erst möglich machten.

 

For crying out loud … for that, I thank you!

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Ich habe uns schon die Relegation spielen sehen. Vor dem geistigen Auge, auf der inneren Leinwand flimmerten Bilder von Duellen mit Heidenheim, während derer wir kurz vor Schluss noch eine glückliche 1:0-Führung vergeigten. Zwei Mal in Serie in Tristesse versinkend wie jn chilly california sand near the end of the line in the middle of nowhere oder so … foy crying out for that I love you ja immer wieder trotzdem, we need you, we want you, FC St. Pauli.

Ich habe in Sorgen erfüllt im Schatten dieser Arena mit dem ständig wechselnden Namen in Mordor gestanden. Kein Witz, wie zufällig trafen zwei Desorganisierte auf andere St. Paulianer. Angesichts der wie Marschrhythmus dröhnenden Chöre dieser Normalisierten in Rothosen da drin in ihrem Parkhaus wurde uns ebenso mulmig wie bei der Vorstellung der kommenden Spieltage gegen Braunschweig und die Region.

Ja, Dresden würden wir ja die Relegation zutrauen aktuell, aber unserer demoralisierten, unsortieren Truppe? Schatten lagen über den Gesichtern, Schatten, die in Mordor tiefer graben und düsterer funkeln als anderswo. Beim anschließenden Meat Loaf-Konzert mischte sich in das Mitsingen jedes Wortes des Bat out of hell 1-Albums (das er in Original-Reihenfolge auf die Bühne brachte) immer wieder die Vorstellung, diese Saison könne nach all den Pannen so enden wie ein Motorradunfall, uns könne es scheinen, als würde von irgendwoher eine Glocke erklingen, und the last thing we saw was our heart, still beating in braun-weiß, flying out of our body – like a bat out of hell …

Auf dem Weg zum Millerntor schien irgendwer mir die Worte aus dem Mund genommen zu haben. Dabei habe ich doch gar nicht geknutscht. Eine Hot Summer night war es auch nicht, und doch, ein Kloß ballte sich in meinem Hals statt einer Kehle. Die Blicke der Braunschweiger rund um das Stadion wirkten irgendwie hämisch. Wollte mir ein wenig Entspannung ansaufen, ging nicht, gab kein Vollbier. Irgendeine melancholische Folk-Klampfe mit wehmütigem Gesang über den Verlust der Jugend drang aus den Stadionboxen; also, wenn ich so zurück denke, wie das war, mit 18 von Liebeskummer zerrüttet, er hieß Kai und wohnte ausgerechnet in Gailhof, morgens statt zur Schule zu gehen die Meat Loaf-Platte aufzulegen und mich wieder hin zu legen, mich ganz dem Unerfüllten hingebend, nee, also, einen Verlust empfinde ich da gar nicht, wenn ich daran zurück denke …

„I will love you ‚til the end of time!“, FC St. Pauli, denke ich trotzdem, als ich auf meiner neuen Haupttribüne stehe, die immer noch nicht schöner als die alte ist und spüre, wie alle im Stadion allmählich anfangen, ihre Anspannung heraus zu schreien. Ja, ist Profisport unter den Bedingungen des Kapitalismus, dem Joch der Funktionalismen unterworfen, und mal ehrlich, eigentlich ist es doch völlig bekloppt, da nun im 13. Jahr jedes zweite Wochenende hinzupilgern aus irgendeiner sentimentalen und irrationalen Liebe heraus Angst, Lust, Euphorie und niederschmetternde Tristesse zu durchleben, während 22 Leute sich wechselseitig einen Ball abjagen wollen und ausrasten oder fluchen, je nachdem, wenn er in den Maschen zappelt.

Ein wenig ist das ja schon wie dieses Hängen ausgerechnet an der Musik von Meat Loaf, diesem verkitscht-monumentalen Album voller Heterosexismus und schlechten Metaphern, der hat sogar die Republikaner im Wahlkampf unterstützt – aber das Album ist doch sooooo schön! For crying out loud for that I love you …

Ich greife vor, aber als ich all die Stofftiere da sah, diese Fantasiefiguren, Hasen mit riesengroßen rosa Klopfern, Schnecken, übergroß auf Spielerrücken in Plüsch, in sich zusammen gesackte Teddies – soll man sich da jetzt über industriellen Massenüberfluss echauffieren oder nicht vielmehr in Verzückung geraten, dass es Menschen gibt, die sich solche herrlichen, bunten, kuscheligen, vielfältigen, zum Grinsen bringenden Viecher ausdenken und in die Welt setzen?

Geht mir auch jedes Frühjahr so, wenn Leute ihre Balkone bepflanzen, sich darin ergehen, die tollsten Arrangements aus Geranien und Petunien zu schaffen und sich denen mit Liebe und Hingabe zu widmen – das ist so traumhaft NUTZLOS und einfach nur da, damit man sich freuen kann. Toll.

Wie auch all die, die mir erst seit kurzem auffallen, die mit Instrumentenkoffern durch die Straßen ziehen, in Bussen und auf Fahrrädern fahren, kaum wer davon wird das als Beruf ausüben, werden auch nicht viele hören, was auf all den Gitarren, Bässen, Klarinetten, Celli und Koras gespielt wird, aber manche MACHEN DAS EINFACH SO. Weil es ihnen gut. Weil sie es schön finden. Weil es Spaß macht.

Keine Misanthropie ist mir fremd, Menschen führen Kriege, beuten aus, vergewaltigen, brandschatzen, morden, sind Rassisten, Schwulen- und Lesbenfeinde, unterdrücken, machen fertig, weiden sich am Schmerz der Anderen – und TROTZDEM blitzt es immer wieder überall auf, DAS NUTZLOSE, DIE FANTASIE, DAS VERSPIELTE, und man fragt sich, wieso es sein kann, dass es die gleichen Wesen sind, die zu beiderlei fähig sind.

Denn letztlich sind es ja die Menschen, die einen immer wieder ans Millerntor ziehen. Jene, die völlig zweckfrei „Bruns!“-Plakate malen, damit ihre Freizeit erfüllen und in Brunftschreie ausbrechen, wenn er beim Aufwärmen auf die Gegengerade zuläuft. Solche, die spontan fast schon verbal djend „Brunsbbeebbe“-Gesänge improvisierend erfinden. Und die vermutlich gemeinsam mit den Besungenen jene Vorstellungskraft erzeugen, die Tage wie jenen gestern am Millerntor möglich und unübertrefflich machen.

Was hat die Mannschaft mich für meine düsteren Visionen spielend ausgelacht! For that I thank you.

Ich meine, boah, ey. Die frühe Führung gegen verkaterte und lustlose Braunschweiger, okay, ich meine mich auch an ein Spiel gegen Paderborn zu erinnern, als wir schon aufgestiegen waren. So ganz mochten sie meine Negativvisionen dennoch nicht tilgen, die beiden Tore. Als die Braunschweiger dann zu Beginn von Halbzeit 2 aufdrehten, war mir ganz schön mulmig. Doch dieser Kullerball von Bartels, der die ganze Saison hindurch höhnisch am Pfosten vorbei gerollt wäre, nunmehr murmelte er gemütlich ins Netz – da war die Magie vollumfänglich und allumfassend Zustand am Millerntor. Dieser unglaubliche, erst zögernde, dann so traumhaft aus der Drehung „den mach ich jetzt selbst!“ eingenetzte Ball von Bruns, die „Marius Ebbers Fussballgott!“-Rufe waren kaum verhallt, da köpfte auch der präzise … nach dem 5:0 glaubte ich am den Sieg 😀 …

Als bekennender Hasser der Musik Thees Ulllmanns bekenne ich ebenso: Dieses „Hooray, hooray, hooray, FC St. Pauli“, als die Mannschaft vor der Süd stand und ein ganzes Stadion dem Song lauschte, den Refrain mitsang, diese Minuten, da Abschied und Freude, Melanchole und Liebe sich trafen und vor allem die Gewissheit erstrahlte, dass all das gemeinsam Erlebte in allen weiter leben wird und ganz wie im Schlager nie vergeht – schön. So schön. So traurig. Und doch so schön.

Später dann, beim letzten Diffidate-Marsch, da stellte ich mur vor, wie die ganze Crowd Meat Loafs „For crying out loud“ schamlos umtexten würde, die dritte Stophe mit all den „Thank yous,“ treffsicher auf Brunsebbeebbe umdichtete und es lautstark singen würde. Zügellos monumental, verkitscht und hemmungslos pathetisch.

Sie hätten es sich verdient. Wie diesen ganz so unglaublichen, so traumhaften Sonntagnachmittag.