Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Critical Whiteness – wieso eigentlich diese ganzen Diskussionen?

Ich verlinke hier noch mal einen Text, der mir schon – Dankeschön! – ein Trackback schickte und ein Thema sehr differenziert betrachtet, das auch hier im Blog Dauerbrenner war und ist: Critical Whiteness.

„Dieser Positionierungsterror, der in einigen Räumen Einzug gehalten hat, ist alles andere zielführend. Ich war auf einem Treffen anwesend, auf dem allein die Vorstellungsrunde fast zwei Stunden gedauert hat. Und wir waren maximal 15 Personen, nicht mehr. Aber das Einopfern von den PoC und die Selbstgeißelung von weißen Leuten („Ich bin bereit all meine Ressourcen und Zeit für das Projekt xy zu opfern“) hat nunmal so lange gedauert. Da werden dann auch gerne mal weiße Leute angeschrien, weil sie gerne mit ihren Eltern wandern gehen wollen (statt sich dem politischen „Kampf“ zu widmen). Dieses Verhalten wurde von den weißen stumm hingenommen.“

Ich bin über solche Passagen immer ein wenig erstaunt, so weit es nun meine, weiße Perspektive betrifft. Ich bin auch ziemlich zusammen gezuckt, als ich das erste Mal in einem Gespräch mit Freunden als Weißer bezeichnet wurde und hatte das Privilieg, das dies in gewachsenen Freundschaften geschah.

Ich war  nun aber gar nicht in der Lage, irgendwelche Schuldgefühle zu entwickeln oder Selbstgeißelungen auszuüben. Vielmehr knüpfte das einfach aus mir aus den späten 80ern wohl vertraute Euro- und Ethnozentrismusdiskussionen an. Und ich kenne eben auch gut das Markierungsgeschehen rund um „schwul“; eine Teilanalogie.

Insofern konnte ich das weniger als „Positionierungsterror“ erleben noch als irgendwas, was ich nun zu verantworten hätte. Es ist doch vielmehr die im Grunde genommen (das wird mir jetzt vorgeworfen werden, weil es wirkt, als würde ich andere benutzen, denke ich ja auch drüber nach, ob das so ist) unglaublich entspannend, nun nicht ständig in die männliche Selbstbehauptung als Alleserklärer oder Vertreter des Allgemeinen sich begeben zu müssen, sondern einfach mal zuzuhören. Und eben darauf zu reflektieren, wo „White Supremacy“ im eigenen Denken und Handeln wirkt, was für politische, historische, geistes-, kultur und kunstgeschichtliche Vorraussetzungen in all dem, was ich studierte und lernte, wirkten, noch bei jenen, die sehr kritisch dachten wie Michel Foucault zum Beispiel.

Der „PoC“-Begriff, der allerdings auch in diesem Blog und von meiner Seite dummerweise zum Gegenteil führte, hat ja zunächst den Zweck, diese Kategorisierungen und Katalogisierungen wie der Insektenarten Nicht-Weißer durch Weiße zu unterbrechen und somit gar nicht, nun wieder andere zu markieren, sondern heraus zu stellen, wer normalerweise kategorisiert und wie er da tut. Da richtet den Scheinwerfer wohl verstanden auf das, was Herrschaftspraxis Weißer über Andere ist.

Das ist nämlich ein Riesenschritt in die Freiheit, das zu erkennen – die der Anderen UND die eigene. Eine Freiheit des Denkens, des Zuhörens, des Nicht-Verteidigenmüssens, des Geschehenlassens und vor allem auch dessen, die Wut Anderer auszuhalten, selbst wenn man individuell für die eigenen Priviliegien nichts kann. Weil es dieses Recht auf Wut Marginalisierter gibt, steht ja auch im verlinkten Text, einfach gibt. Und es geht da auch nicht nur um „Moralisierung“, sondern um Wahrheit und auch Funktionsweisen in der Ökonomie.

Ich finde ja auch, dass in manchen Fällen – auch bei der Übertragung auch „Critical Hetism“ – manchmal so ein Slogan „Unglück für alle gleichermaßen“ aufscheint, mit dem ich dann auch nichts mehr anfangen kann. Ich verstehe komplett den Impuls, der dahinter steht, für mich ist die Utopie aber immer noch die Möglichkeits des Glücks für alle gleichermaßen im Sinne der Selbstbestimmung, also der Möglichkeit der Wahl des eigenen Glücksentwurfes. Übertragen auf „Critical Hetism“ heißt das dann nicht notwendig, nun keinen Spaß am Knutschen mehr zu haben als Hete, sondern sich zum einen einfach klar zu machen, dass man damit eben die Normalität zelebriert, die Anderen vorenthalten wird, ob man das will oder nicht. Und sich vielleicht zu fragen, ob man selbst da einfach was nachlebt, was alle machen, oder ob das wirklich dem entspricht, was man will. Und zudem sich auch mal zurückhalten können, wenn Andere dran sind. Das ist auch gar nicht so schwer. Ziel ist freilich Luxus, nicht Leid für alle gleichermaßen.

Die Konflikte entstehen ja konstant da, wo marginalisierte Perspektiven negiert werden. Deshalb kann man das auch nicht wie eine theoretische Frage behandeln; es ist eine praktische Frage, das nicht immer die gleichen zu Worte kommen und am besten noch den „Geotherten“ gemeinschaftlich niederbrüllen, pathologisieren, kategorisieren, Tiraden ablassen, „wie die denn so sind“, um sie oder ihn als Person gar nicht mehr statt finden zu lassen.

Und wenn man dann mal – was mir auch nicht immer gelingt – von der Abwehr ablässt, wartet ein überwältigendes Geschenk: Man lernt, man erfährt, man entdeckt. Die Erfahrungen, Perspektiven, das Leid, die Lust anderer Menschen werden zuzumindest ein klein wenig zugänglich. Man löst sich aus dem Korsett des europäischen Kanon und erkundet ungeahnte Möglichkeiten, die Welt zu sehen und mit ihr umzugehen.

Wieso darum nun all diese kuriosen Diskussionen entstehen, es ist mir zunehmend ein Rätsel. Dafür lebt man doch. Und das gerne.

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82 Antworten zu “Critical Whiteness – wieso eigentlich diese ganzen Diskussionen?

  1. vuvuzela//riotqueer April 25, 2013 um 2:25 pm

    Bei dem ganzen Pfaffen-Urin, der jetzt die kommenden Tagen im Hause der Hansestädtischen Kirchen ihr eigen ‚Zellulite‘ gereicht, ein wunderbar bewegender Text zu einem Thema, das niemals abgeschlossen werden kann a la Maisonette Anne Clark,..die olle Budde von Hamburg-Mitte…einfach in Bewegung bleiben und miteinander den Progress suchen. Ich denke da in dieser Hinsicht nur an Techniken und Instrumentarien um ein weitere ‚think global, act local‘ im Donnerhall der ach so Traumdeuterischen Hochzeit in Peenemünde zur V6…hehehe,..stay golden Momo…the struggle continues….ach so,…was aus der Deleuz’schen Chaosmosis zur anstehenden Walpurgis: While Freud reduces the child’s complex game to the lack of the mother and makes it subsidiary to the death drive. Lacan ties it down to the signifying discursivity of ‚existing language.‘ …

  2. momorulez April 25, 2013 um 2:46 pm

    Dieser Kirchentag, da graut es mir ja auch schon vor 😦 …

  3. Dani Sojasahne April 25, 2013 um 3:31 pm

    Ich stimme dir zu, wenn du die Fähigkeit des Zuhörens bejast. Nur ist es halt leider mit Zuhören bei Critical Whiteness nicht getan. Wenn es nur darum gehen würde, auch andere Perspektiven, solche, die man selbst nie einnehmen kann, zu hören und sie in das eigene Urteil, die eigene Meinung etc. einfliessen zu lassen, dann wäre ich ein großer Critical Whiteness Anhänger.
    Bei Critical Whiteness geht es aber nicht um Kenntnisnahme, sondern um vollständige Übernahme einer politischen Position.
    Dass die eigene Perspektive beschränkt ist, stimmt ja. Aber du ziehst den Umkehrschluss, dass die Perspektive der Marginalisierten nicht beschränkt ist. Anders kann ich es nicht deuten, wenn du schreibst: „Es geht da auch nicht nur um “Moralisierung”, sondern um Wahrheit“.
    Aber es kann doch auch ein Schwarzer Flüchtling falsch liegen, unabhängig davon wie viel unfassbare Scheiße ihm widerfahren ist.
    Critical Whiteness trifft auch ziemlich zielgenau deine politische Haltung. Du würdest von einem schwarzen Antideutschen (ja, sowas gibt es) höchstens die Erfahrungsberichte akzeptieren, aber doch nie seine politische Haltung übernehmen. Umgekehrt soll das aber passieren.
    Wir werden uns immer einig sein, wenn es darum geht, dass Marginalisierte die Möglichkeit bekommen, ihre Positionen zu vertreten und das auch sicher nicht als Alibi, sondern als genauso ernst zu nehmende. Und wir werden uns immer uneinig sein, wenn diese Positionen kritiklos übernommen werden sollen oder dazu dienen andere Marginalisierte und Nicht-Marginalisierte am Sprechen zu hindern*.

    * Grenzcamp, die Reaktionen auf den AK-Text zur CW-Kritik, jetzt das taz-lab etc.

  4. momorulez April 25, 2013 um 3:53 pm

    Ich habe das zumindest auch in Kommunikation mit schwarzen Freunden und Bekannten, die sehr wohl Critical Whiteness einforderten, zu recht, dass sie nun eine komplette Positionsübernahme in allen Belangen erwarten würden. Zum einen kommt es doch darauf an, worüber gerade geredet wird – und bei einem schwarzen Flüchtling würde ich dem, was er z.B. über die „Festung Europas“ oder Alltagsrassismus zu sagen hat, weit mehr Kompetenz zusprechen als Innenminister Friedrich oder mir. Und würde ich a priori davon ausgehen, dass der sowieso keine Ahnung von Philosophiegeschichte hat, wäre das auch „White Supremacy“. Über Platon könnten wir uns dann aber vortrefflich streiten, wobei ich auch da ziemlich genau hinhören würde, was da vielleicht schon an Dünkel drin steckt, was mir gar nicht auffällt.

    Ein schwarzer Antideutscher, das wäre ziemlich spannend – nein, natürlich hat er da nicht in allen Fällen einen irgendwie gewichtigeren Zugang, ich aber auch nicht.

    Es kommt doch zudem immer auch ergänzend darauf an, wer welchen Zugang zu welchen Ressourcen hat. Insofern würde bei einer solchen Diskussion zu reflektieren, welche das jeweils sind und auch, was der Kommunikationszusammenhang ist, der Ort, wo es statt findet, was auch die ökonomische Position ist usw.. Wenn der schwarze Antideutsche eine Professur mit Pensionsaussicht inne hat und ich lediglich als Blogger auftrete, sind die Karten auch noch mal anders gemischt. Und es geht dann doch darum, dass man das mit bedenkt, während man sich auseinander setzt. Während „White Supremacy“ darin besteht, sich eh schon immer für den schlauen Zurechtweiser zu halten und dem Anderen ständig eine Position aufzuprägen – und eben auch darin, die eigenen, weißen Kreise auch ja arisch zu halten und PoC nur hinzuzuholen, wenn man wen für das Foto braucht. Gegen so was richtet sich das Ganze doch, diese „All-Aussagen“ „PoC haben immer recht“ habe ich so nun auch noch nicht vernommen. Es steht Weißen lediglich nicht zu, sie über Rassismus zu belehren.

    Was für ja mittlerweile eine immer zentralere Frage wird, das knüpft da direkt an, ist, ob man denn nun den ganzen Wissenskanon Weißer in die Tonne treten kann, und das sehe ich nicht so. Das ist aber sozusagen die Aufgabe – es zur Disposition stellen, indem man andere Perspektiven darauf einbezieht.

    Darauf läuft ja vieles in Diskussionen auch hinaus, auch bei der Klassizismus-Diskussion: Z.B. Bildung halte ich ja für ein hohes Gut, und die, die das Privilieg hatten, studieren zu können, sollten das ja auch der Allgemeinheit zur Verfügung stellen, was sie wissen. Und meine Utopie bestünde darin, dass nun jeder den Zugang zu Bildung haben sollte, der ihn haben will.

    Manchmal wird die Diskussion dann so geführt, dass man gefälligst verstecken solle, dass man auch mal ein Buch gelesen hat und sich irgendwie sprachlich anbiedern. Das halte ich für völligen Blödsinn. Man sollte aber das Privileg nun auch nicht so nutzen, dass man Leute, die die Chance nicht hatten, herab würdigt, sondern alternative Weltzugänge als nicht minder wichtig sieht.

    Insofern gilt für mich eher die Realisierung einer nicht gegebenen Symmetrie, Emanzipation, und das geht nur, wenn die Privilegierten mal los und Andere ran lassen. So ungefähr.

    Das, was Du schreibst, hatten ich hier im Blog aber auch schon, auch, dass ich da irgendwie völlig daneben gehauen habe ohne es zu merken: Dass eine Gesprächspartnerin den Eindruck bekam, ich würde ihr nun ständig zustimmen, nur weil sie als PoC markiert werden könnte.

    Da weiß ich aber auch noch nicht wie raus da.

  5. Sonnenanbeterin April 25, 2013 um 4:15 pm

    Warum hast Du denn so eine Angst vor dem Kirchentag? Ich meine, am Ende sind das doch auch nur Menschen wie Du und ich. Wenn die mich irgendwann wirklich achten, wertschätzen und respektieren, kann ich damit gut leben – und dann werde ich den Teufel tun, ausgerechnet die zu bekämpfen, die die Kirche von innen heraus verändern wollen. Ich meine immer, Toleranz ist keine Einbahnstraße. Wo ich herkomme, gehören Religion und Spiritualität zum Leben einfach dazu. So viel auch zum Thema des Missbrauchs der „Critical Whiteness“ als herrschaftliches Diskursverhalten. Wenn die ach so aufgeklärten Weißen dann versuchen, uns umzuerziehen, ist das nichts anderes. Und so übermächtig ist die Kirche heute auch nicht mehr. Im Gegenteil. Die Menschen, die wirklich spirituell sind, sind eher in der Minderheit. Und die werden selbst aus der Antifa rausgemobbt. Mich macht so was immer unglaublich wütend, aber auch traurig zu sehen, wie kleingeistig Menschen doch sein können. Und das Schlimme ist, dass ich noch nicht einmal weiß, ob ich selber da so viel besser bin. Ich denke immer nur, es ist gut, wenn man wenigstens schon mal auf dem Weg ist und seine Ziele vor Augen hat. Denn Träume haben wir alle – irgendwie.

    Und vielleicht sollten wir uns dann auch mal fragen, wem wir zuhören wollen und wem nicht. Zuhören kann nie schaden – und die Lebenswelten meines Gegenübers kenne ich ja vielleicht gar nicht. Auch wenn Marginalisierte Grüppchen bilden, um ihre eigenen Ziele zu vefolgen, kann es doch passieren, dass sie anfangen, andere auszugrenzen, deren Perspektiven sie nicht kennen.

    Oder wie siehst Du das? Glaubst Du, dass Du davor gefeit bist? Ich glaube das von mir nämlich nicht mehr. Und bei Dir bin ich mir jetzt auch nicht mehr so sicher. Ich meine, missionieren und anderen sagen, dass sie ruhig sein sollen, weil wir jetzt mit reden dran sind, das können wir ja alle gut. Aber woher wissen wir, wie es in den Menschen aussieht, die wir damit zum Schweigen bringen? Wie gut kennen wir unsere Gegenüber und deren Lebenswelten? Und was maßen wir uns da an, wenn wir glauben, darüber urteilen zu können, dass das, was die uns erzählen wollen, entweder nicht wichtig sei, oder aber falsch oder auch empörend? Worüber ereifern wir uns denn da? Doch nicht etwa darüber, dass die sich erdreisten, auch uns zu kritisieren und zu hinterfragen, wo wir es soch für unseren Job halten, denen die Welt zu erklären? Wo bleibt denn DA die Freiheit der Andersdenkenden? Dass Menschen im Namen des Empowerments auch andere unterdrücken können, dürfte uns doch mittllerweile allen nicht entgangen sein. Stalin war da wohl nur ein Extremfall. Auch da ging es – identitär – um Empowerment. Klassennkampf. Und sogar Hitler war der festen Überzeugung, er würde die Arbeiterklasse aus dem Joch der Weltverschwörung befreien.

    Und was meinst Du jetzt dazu? Kann es sein, dass auch Du schon mal andere unterdrückst, diskriminierst, demütigst oder verletzt? Ausgrenzt? Traumatisierst? Beschämst? Zum Weinen bringst? Oder auch nur zum Schweigen? Ich habe Dich sehr gut beobachtet, Momo. Besser vieleicht als Dir lieb ist. Da hilft nur eins: Ab in den Beichtstuhl. Oder hast Du vielleicht Angst, dass Dir dann ein Zacken aus Deiner Rulator-Krone bricht? Du lebst in einer postfaschistischen Gesellschaft, Junge. Hier bist Du aufgewachsen, hier haben sie Dich indoktriniert, selbst wenn Du es vielleicht gar nicht mehr wahrhaben willst. In meiner Heimat sagt man, dass man Amerikaner und Europäer daran erkennt, dass sie die einzigen sind, die glauben, sie selbst seien tolerant.

    Sie glauben ja auch, die einzigen zu sein, die die Kunst der Aufklärung wirklich beherrschen. Selbst das haben sie sich patentieren lassen. In Wirklichkeit sind sie aber nur die einzigen, die die Mystik komplett aus den Wissenschaften verbannt haben, die glauben, Gefühle seien irrational, und man müsse seine Gefühle mit dem Denken bekämpfen. Und die Mythologie schlägt zurück, aus dem Keller des Elfenbeinturms. Dann weißte bescheid. Take it or leave it.

    Und jetzt? Zum Lachen in den Keller gehen oder doch lieber auf dem Sonnendeck wie ein Wolf zum Mond heulen? Die Mitte wiedersuchen? Du hast die östlichen Mystiker nicht verstanden, Momo. Du hast genauso viel verstanden wie die Missionare, als sie Menschen in Baströckchen tanzen sahen. Du hast das gesehen, was sich deinem eurozentrischen blick erschlossen hat. Nicht mehr und nicht weniger. Und trotzdem kannst dzu was daraus machen. du bist kein schlechter mensch. Du hast halt nur eine beschränkte Perspektive, siehst – wie wir alle – nur deinen Teil der Wahrheit.

  6. momorulez April 25, 2013 um 4:33 pm

    „Und was meinst Du jetzt dazu? Kann es sein, dass auch Du schon mal andere unterdrückst, diskriminierst, demütigst oder verletzt?

    Wie kommst Du darauf, dass ich mich da gefeit sehen würde? Bin ich natürlich nicht. Mehr als Mühe geben kann ich mir auch nicht, wie alle anderen auch. Ich habe auch schon mit voller Absicht Leute verletzt; meistens, damit sie mich in Ruhe lassen. Falls Du nun zugleich der bist, den ich hier seit Tagen lösche, weil ich diese Übergriffigkeiten als Terror erlebe, kannst Du das gerne auf Dich beziehen.

    Ausgrenzen ist schwierig, wenn man selbst einer Minderheit angehört, wo denn, wie denn?

    Eine Minderheit, gegen die auch die evangelische Kirche bis vor kurzem vehement agitiert hat. Und dass Kirchen keinen Einfluss hätten, ist einfach ein Irrtum, die sitzen in Rundfunkräten, haben das karitative Feld gekapert, lassen ihre Glocken läuten … diese Suggestion, wie ach so verfolgt sie seien, geht mir ziemlich auf die Nerven. Die sind immer noch sehr mächtig.

    Und natürlich hänge ich auch in einem eurozentristischen Blick, wo denn sonst? Ich analysiere ja deshalb auch den eurozentristischen Blick und nicht die Strukturen christlicher Gemeinden in Burundi. Weil ich letzteres nicht beurteilen kann. Was die bigotte Doppelmoral in evangelischen Kirchen betrifft, kann ich besser mitreden zumindest bis Mitte der 80er Jahre. Den beschränkten Blick habe ich oben, glaube ich, ausdrücklich thematisiert, aber Danke für diesen Hinweis – das ist doch Thema des Textes.

    Und was ich denen ja am nachhaltigsten vorwerfe, den Evangelischen in Deutschland, ist diese Schwundstufe von Spiritualität, dass sie einfach diesen zurecht geklitterten katholischen Kanon übernommen haben.

    Was jetzt aber NICHT den individuellen Glauben betrifft, den ich bei jedem für zu respektieren halte.

    Es ist nur so, dass vieles, was als Doppelmoral gerade in linken Kreisen so aufscheint insbesondere bei solchen, die sich für links halten und „Critical Whiteness“ lautstark kritisieren, weil sie ihren eigenen Schuldkomplex in einen ziemlich sinnvollen Ansatz projizieren, protestantisch vorgedacht wird. Deswegen wird das oft durch die protestantische Brille gesehen, was Kokolores ist.

    Ich habe keine Angst vor dem Kirchentag, ich finde es grauenhaft, dass diese Leute zeitweise eine Stadt dominieren, in der ich gerne lebe.

  7. Dani Sojasahne April 26, 2013 um 2:57 pm

    So, wie du es schreibst, könnte ich dir komplett zustimmen, aber wenn das die geläufige Vorstellung von Critical Whiteness wäre, dann würde ich mich auch über die Diskussion wundern.

    „Es steht Weißen lediglich nicht zu, sie über Rassismus zu belehren.“

    Das stimmt. Wenn ich Critical Whiteness in einem Satz zusammenfassen müsste, dann würde der lauten: „Es steht Schwarzen zu, Weiße über Rassismus zu belehren.“ Und das ist genau der Knackpunkt: Zuhören, Empathie, Berücksichtigung der Situation des Anderen, es super finden, eine Perspektive mitzubekommen, die man nie selber haben kann… JA KLAR!!! Aber das in meine politische Haltung einbauen, das muss ich schon selber. Weil ich vielleicht eine ganz anderen politischen Richtung angehöre, weil ich konträre Berichte von ebenso Betroffenen gehört habe, weil ich vielleicht auch einfach, sicher auch durch eine privilegierte Position, viel mehr Bücher zu Rassismus gelesen habe. Ich würde darüber niemanden Belehren, aber meine Position vertreten, auch wenn der PoC, der mir gegenüber sitzt, sie nicht teilt, das schon.
    Wenn von Critical-Whiteness-Seite gesagt würde: „Dies hier ist unsere Position zu Rassismus. Wir verlangen, dass sie genauso vorgebracht werden kann, wie andere auch. Wir schreiben sie aber niemandem vor und verlangen keine herausgehobene Stellung im Meinungskampf.“ Dann würde daran wahrscheinlich niemand Anstoß nehmen.

  8. momorulez April 26, 2013 um 3:49 pm

    @Dani Sojasahne:

    Die „herausgehobene Stellung im Meinungskampf“ ist halt aus zwei Gründen notwendig – das eine ist, dass schlicht die Erfahrung mit Rassismus eben nur über Betroffene überhaupt verifizierbar ist. Diese ganzen Objektivisierungsversuche ohne das, was Betroffene empfinden, kann nur scheitern. Das kommt das ziemlich Müll bei raus, und empirisch solcher, dass ständig Nicht-Betroffene anfangen, Betroffenen ihren Erfahrungen ausreden zu wollen – und das bei gleichzeitiger Verfügungsgewalt über allerlei Sanktionen und gesellschaftliche Machtbefugnisse. Und das reproduziert dann schlicht und ergreifend das, was „White Supremacy“ so schlimm macht. Ich habe das dabei seiend oft genug erlebt, wie sich Weiße PoC gegenüber in Pose werfen und „objektivierend“ dann berichten, was diese tatsächlich erlebten, und das gekoppelt an all die weiße institutionelle Macht. Bis da eine Diskussion auf symmetrischer Basis möglich ist, das dauert noch Jahrhunderte. Ich erlebe das ja auch als Schwuler ständig, das hat hier zu allerlei Zerwürfnissen geführt, dass wirklich krass heteronormatives und teils auch homophobes Verhalten mit der Macht der Mehrheit auf mich eindrischt, um exakt das zu bestreiten, was sie gerade gemeinschaftlich tun. Das macht einen irre, weil einem ständig irgendeine „Wahrheit“ eingeredet wird, obwohl performativ das genaue Gegenteil statt findet. und die Interventionspraktiken mancher PoC dienen dazu, das aufzubrechen. Und das ist verdammt schwierig, dieses Aufbrechen, wie ich nun wieder aus diesem typisch weißdeutschen, postnationalsozialistischen Selbstverständnis ja auch aus eigener Erfahrung weiß. Wo eben völlig ausgeblendet wird, wie tief wir von Rassismen geprägt sind, was so weit geht, dass viele gar nicht mit bekommen, was gerade gesagt wird. Das kann wirklich ins Surreale umkippen, und dahinter verbirgt sich auch immer viel Aggression gegen jene, die einfach kraft ihrer Existenz dieses Selbtverständnis bedrohen können, was zu ungemein gruseligen Reaktionen führt. Diese Nuss muss erst mal irgendwie geknackt werden, und so lange sie das nicht ist, ist eine symmetrische Kommunikation gar nicht möglich, weil PoC eh weg gedrückt werden (und Schwule und Lesben auch). Leute wie Tsianos gehen in ihrer „Critical Whiteness“-Kritik ja so weit, dass „weiß“ als Kategorie gar keine Rolle spiele, was einfach ein Zumverschwindenbringen der Spezifika nicht-weißer Perspektiven ist. Und das ist typisch. Da muss man aber raus.

  9. ziggev April 26, 2013 um 7:54 pm

    „das hat der Liefe Gott aber gar nicht gern, was Du da gerade gemacht hast, weißt Du, Gott hat dich ganz ganz lieb, und das macht mich traurig, dass Du Dich so verhalten hast“, wie manche Eltern ihre Kinder erziehen, sodass die Armen Kinder nicht nur ihren Eltern ein Schlechtes Gewissen bekommen; bei den Anthroposophen kommt dann an dieser Stelle ein völlig verquaste krisenhafte Ideologie zum Tragen; derselbe Tugendterror wird natürlich auch gegenüber Erwachsenen versucht, mit tiefem mitleidigem Blick in die Augen, anstatt ein deutliches Ge- Verbot auszusprechen, welches einem wenigstens die Option ließe, sich dazu zu verhalten; es sind also manipulative Methoden des Zwangs – und wenn eben dieser notwendige Freiraum, Gebote zu durchbrechen, nicht gewährt wird, kommen dabei verlogene Gestalten dabei heraus, die immer ein Ausrede, eine Lüge einem freien Gegenübertreten dem Anderen bevorzugen werden; am Ende wird diese verlogene Struktur, dass es immer einen Zwang geben müsse, internalisiert; aus eine Familie mit langer pietistischer Tradition stammend, maße ich mir an, hier recht gut bescheid zu wissen; im Falle des christlichen Glaubens gibt es immerhin noch die Möglichkeit, einfach mit der Kirche zu brechen, die zwanghaft-manipulativen Unterwerfungspraktiken zu hinterfragen, denn es handelt sich um eine Lehre, die einen Anspruch, die Wahrheit zu verkünden, vertritt und – zumindest theoretisch – Kriterien mitliefert für die Wahrhaftigkeit ihrer Verkünder zu beurteilen; in der Anthroposophie ist es eine völlig abwerwitzige Lehre, deren Tradierung auf autoritären Strukturen basiert, daher antiaufklärerisch ist und deren „Gläubige“ nur noch zu bemitleiden sind; nun werden aber in solchen Strukturen – oder gerade in solchen Strukturen – solche Zwangsstrukturen erst recht internalisiert, denn von solchen Lehren bleibt am Ende nichts mehr übrig als der Zwang.

    Dumm nur, wenn dann keine solche Ideologie mehr zur Verfügung steht. Um sich vom kirschlichen Dogma zu befreien, reicht es aus, die Bibel zu lesen (hier kommt wieder meine – jedenfals familiäre – pietistische Herkunft hervor); will man sich von der Anthropologie befreien, muss man sich halt, schon etwas schwerer, aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit befreien. Wenn nun aber einmal, vermutlich, weil sie sich schon über ein paar Generationen perpetuiert hat, sich diese Zwangsstruktur eingefressen hat und internalisiert hat, aber der Gegner, das betreffende Dogma, die betreffende Ideologie schon lange sich der Erkennbarkeit entzogen hat? Man legt sich halt schnell eine zurecht. Das bzw. die ist dann aber meist wenigstens zu erkennen und damit angreifbar, obwohl auf eine solche Kritik voraussehbar lediglich mit Empörung und Indignation reagiert werden wird. Weil eben sich dieser Prozess, wie die eigene Ideologie zustandegekommen ist, nicht bewusst gemaacht worden ist, denn sie ist ja nur die Folge des erlittenen Zwangs und dessen Internalisierung. Schlimmer ist zwanghafte Drang, zu erziehen, wenn nicht einmal eine solche Ideologie, ein solches Dogma, eine solche Lehre mitintualisiert worden ist. Wie oft habe ich das bei solchen hilflosen Helfern erlebt, bei Sozialtherapeuten etc., sie schienen nur danach zu schreien: gib mir endlich etwas, woran ich glauben kann. Bei einigen, dann völlig verbohrt, wird diese Grundstruktur nicht einmal unbewusst verspürt, oder vielleicht umso mehr, und deshalb absolut unerträglich. Und wenn es sich dann um völlig irrationale Lehren usw. handelt, umso schlimmer steht es hier mit der Verdrängung, umso verbohrter die bemitleidenswerten Opfer.

    Es handelt also hierbei, wenn weiße nicht-weißen erklären wollen, was Rassismus ist und wie sie sich, mit demselben konfrontiert, fühlen (hierbei handelt es sich sowieso bloß um die vom schlechten Gewissen motivierten Projektionen) nicht um Verhaltensweisen, die in einem intellektuellen Diskurs ihren Ort finden sollten, weil dort nicht zu diskutieren, sondern es handelt sich um genau dieselben Verhaltensmuster, die etwa Hartmut, wenn ich mich nicht irre, auf CW bezogen, als neopietistisch kritisiert/charakterisiert.

    Es ist einfach unerzogenes, unanständiges, die Selbstreflexion über die eigenen Motivationen beiseite geschobenes Verhalten. Ich glaube also, dass es sich bei einem solchen unreflektierten und penetrierenden, jeden Versuchs, es einmal mit Einfühlungsvermögen zu versuchen, beraubten Verhalten, das, durch diesen letzteren Mangel das Gegenüber lediglich zu einem Gegenstand der eigenen Gehirmwichserei macht, es sich auf der Seite dieser, ja, ich nenne sie so, Täter es sich mehr um den Versuch handelt, den eigenen Rassismus zu verdrängen (dies ist jetzt nicht als ungerichteter Vorwurf gemeint, ich bin davon überzeugt, dass es wirklich nur sehr, sehr wenige Weiße gibt, die davon frei sind), um den Versuch, das peinliche Bewusstsein um das eigene Privilegisiertsein zu verdrängen, als dass es sich um eine Vorwärtsverteidigung handelte, um den Versuch, die eigenen Privilegien aufrechtzuerhalten und die eigene Dominaz zu sichern. Und das ist das Perverse daran: Dieses Sich-scheinbar-in-eine-Diskussion-Begeben hat ja den Zweck, den eigenen Rassismus zu verdrängen, das eigene schlechte Gewissen dessentwegen, dass aber diese Verdrängung in der Konsequenz nur die eigenen Privilegien stützt, die eigene Dominanz aufrechterhält, ist mit einiger Klarsicht eine leicht einzusehende Folgerung. Aber die Ausrede: „Ich rede ja mit ‚denen‘, also kann ich ja gar nicht so intolerant sein* kann nur für wirkliche Idioten funktionieren, da ja eine solche Kommunikation im bewussten Falle lediglich auf einer Einbahnstraße funktioniert. Wenn diese „Diskursteilnehmer“ sich nun aber bewusst in solche Diskurskonstellationen zur Privilegienabsicherung hineinbewegen würden, müssten sie sich eigentlich klar sein, dass diese dann nur noch über die zynische Demütigung des Anderen funktioniert, dass dies also ganz und gar nicht das geeignete Mittel wäre, die eigene Dominanz möglichst aufrechtzuerhalten, und so müssten sie eigentlich zu der Erkenntnis kommen, dass solche Unterfangen lediglich dem eigenen psychischen Selbstschutz dienen und keinem Schutz der eigenen Privilegien.

    Desh. verstehe ich auch dann vollzogene Kommunikationsabbrüche. Es ist nämlich aus meiner Sicht ein großer Irrtum, wir könnten uns hier in einem wie auch immer ‚intellektuell‘ gearteten Diskurs gemeinsam weiter nach Vorne weiterbewegen. Die einen benutzen, ohne Zweifel um ihre eigenen Ressentiments zu rationalisieren und ihren uneingestandenen Rassismus zu verdrängen, denelben, die anderen schlagen sprachliche Modifikationen vor, um den Diskurs tauglich zu machen, wogegen wieder andere einwenden, dies wäre wieder Diskursmachtinanspruchnahme. Jeder also definiert seinen eigenen Diskurs, während all dies unter der Prämisse abläuft, dass alles unter einemDiskurs ablaufen müsste, damit wir irgendwann zu einem Konsens kommen würden.

    Eine ziemlich naive Vorstellung.

    So wie Du, Momorulez, das Hetero-Dominanzverhalten von in meinen Augen Totalschwachmaten, die es, von jeder Selbstreflexion befreit, für nötig halten, sich in „politische“ Diskussionen einzumischen, als politisches Verhalten überbewertest, wie Hartmuts Kritik an CW (so genau weiß ich es nicht mehr, worauf sie genau bezogen war) so etwas – in Teilen! – als „neopietistisch“ charakterisiert (das ist nicht politisch, sondern sonstwas), wie auch der Che, der sich immer darüber beklagt, dass politische Diskurse ins Unpolitische und irgendwelche Machtspielchen, die mir freilich ziemlich schnurz sind, abdrifteten, so behaupte ich dagegen, dass es ein Irrtum wäre, alles ein einem politischen Diskurs, in einem Diskurs erledigen zu wollen.

    Qualitäten zu erkennen – darauf käme es an. Also, so trivial es sich auch anhört, mal zuhören. Es ist dies ein kleines Dilemma – Humanes in einer inhumanen Welt einzufordern. Dies kann keine politische Forderung sein.

  10. ziggev April 26, 2013 um 8:19 pm

    Es ist eine Frage des Anstands, der Einfühlung, des Stils, der guten Erziehung – also der Nichtverrohung.

  11. momorulez April 26, 2013 um 8:25 pm

    @Ziggev:

    Deine Schlussfolgerung verstehe ich nicht, ansonsten das meiste. Wobei ich jetzt nicht wüsste, inwiefern z.B. die N-Wort-Vermeidung in irgendeinem dialektisch aufzudröselnden Verhältnis zur paternalistischen Selbstimmunisierung der eh schon Herrschenden stünde.

    Dass nun ausgerechnet Hartmut da die Neopietismus-Nummer abzieht ist doch klar, und Che ist eh nicht ernst zu nehmen. Insofern pflichte ich Dir ja bei, das es hier Jahre sinnlosen Diskutierens und verschwendete Zeit gab. Was sich in meinen Augen aber gerade in der Bruchphase deutlich änderte, da habe zumindest ich, aber auch der eine oder andere, der mir gemailt hat, ja einen sehr tief greifenden A-Ha-Effekt erlebt, und seitdem kann ich hier ja sozusagen das Analogon zu unbeschwert atmen denken. Weil nicht immer gleich irgendwelche Leuten einen mit ihrem Mist verklebten. Und da ist manchmal auch das Performative mehr ins Zentrum gerückt, das schlichte Signal „Hey, PoC-Aktivisten, ich bin bereit, euch zu folgen und mich auf eure Situationsdefinition einzulassen – weil ihr Recht habt.“ Weil das völlig unterschätzt wird, was das bedeutet, sich immer wieder neu auf die Häme von Leuten wie Hartmut einlassen zu müssen, und es wichtig ist, zu zeigen, dass es weiße Alliierte gibt, die sich zumindest bemühen, auch wenn ich bestimmt noch oft daneben haue.

    Ist das einer der anderen Diskurstypen, die Du meinst?

  12. ziggev April 26, 2013 um 8:48 pm

    hey, Momorulz ich hab gar keine Schlussfolgerung; ich hab nur versucht, meine Grundintentionen zu illustrieren. Nur als Kurzweginformation. Jetzt lese ich Deinen Text …

    (oder Du müsstest schon sagen, welche Schlussfolgerungen Du meinst, denn einige habe ich zwischendurch ja schon zu ziehen versucht.)

  13. ziggev April 26, 2013 um 9:07 pm

    sorry, dass ich mich im Stakkato melde, aber, das ist bestimmt klar: die N-Wort-Vermeidung zu relativieren, war ganz bestimmt nicht mein Anliegen. Ich verstehe nicht ganz sofort, was Du in diesem Satz meinst, aber auf eine Relativierung, oder irgend „dialektischen“ aufzudröselnden Selbstbestimmung – darauf kam es mir nicht an. Dialektisch realitivierend – darum geht es mir nicht, und es wäre mir, bei meinen bescheidenen intellektuelle Fähigkeiten, trotz alle, zu langweilig, – vor allem, weil ein Relativierung hier ohnehin nicht ansteht.

  14. momorulez April 26, 2013 um 9:42 pm

    Ich bin gerade am iPad, da kann ich immer nicht die Passagen kopieren, die ich meine 😦 – mit Schlußfolgerung meinte ich das mit den verschiedenen Diskursen.

  15. ziggev April 26, 2013 um 10:05 pm

    nein, ich meinte nicht einen Diskurstypus hartmutschen Stils (Hartmus ist ehrlich genug, damit man mitbekommt, wie es im konservativen Oberstübchen abläuft), Hartmut ist, in seinen besten Zeiten mehr wie ein Insekt, das ich virtuell aufspießen kann, um dann diesen Käfer in aller Kontemplation zu betrachten. Für mich verklebt er nicht, sondern ist eher wie ein Insekt, das Ernst Jünger eingefangen haben könnte, und das ich, wenn er mal wieder in Form ist, in aller Ruhe studieren kann.

    Aber eure Streitereien lagen ja eben nicht, soweit beim Che dann nicht nachträglich was weggelöscht wurde, bevor ich es las, auf politischer Ebene, waren also total langweilig. Interessiert mich n Scheißdreck.

    Du sagtest, dass Che ohnehin nicht ernstzunehmen sei. Alls das ist mir ohnehin auch völlig egal; denn ich sammle, wie Nabokov, Schmetterlinge und andere abstruse Gestalten. Nur dass ich, mit dem kleinen Unterschied, solche Leute wie Che, Dich, Hartmut unterm Vergrößerungsglas nicht gleich absterben lassen muss.

    Ich verstehe Deinen Abbruch der Kommunikationjeder will da weitermachen und weiterverkleben – aber ich betrachte diese Kommuniationssörungsversuche lediglich als störemnde Beinbewegungen bereits aufgespießter Käfer.

    Du überbewertest m.E. die politische Dimension solcher – aus Deiner Sicht – Störungsversuche. Aber ich werde doch nicht die Verhaltensweisen der Afrodeutschen, die ich kennenlerne, in einem jungschen Käferkasten, und deren Abzappeln und Sterben konservieren wollen, sondern eher derer, die mich unterschiedlichsten Formen des deutschen Nationalismus zu konservien in die Lage versetzen.

  16. momorulez April 26, 2013 um 10:25 pm

    Das Insektenbild ist mir jetzt echt zu brutal, nee, das finde ich richtig Scheiße. Die Diskussionen waren freilich hochpolitisch, weil da schlicht Herrschaftsstrukturen aufschienen und die andere Seite wie solche argumentiert hat, die weltweit von rechts für Mord und Totschlag sorgen (ohne dass sie sich solche Forderungen nun zueigen gemacht hätten oder das selbst bewirken könnten oder wollten, die merken ja nicht, dass sie stinken). Diese Selbstviktimisierung als Opfer der imaginierten Herrschaft irgendwelcher Minderheiten ist ein Killervirus, schon im zaristischen Russland, heute global von Katholiken und Evangelikalen, bundesdeutsch von den meisten weißen Heterosexuellen, sobald man an deren „Toleranzfassade“ kratzt.

  17. ziggev April 26, 2013 um 11:01 pm

    ich fand das Insektenbild gerade wirklich schön – hast
    Du denn nie Nabokov gelesen? Oder warst Du nie mit dem Kescher unterwegs, aber egal. Mir ging es gerade um die Ähnlichkeiten eines Diskurses, des Deinigen, wie derer, die Du nicht mehr ließt. – Und umgekehrt. Materiell stimme ich mit Dir vollkommen überein, bisher.

    Aber es ist schließlich doch ein netter Zug von Dir, dass Du Hartmut dann doch etwas in Schutz nimmst, in einem Kontext, den er mir sicherlich nie übelgenommen hätte.

  18. momorulez April 26, 2013 um 11:05 pm

    Das Insekten-Bild ist für mich das Kategorisieren + instrumentellem Zugriff par excellence, und so ärgerlich ich vieles fand, exakt das wird er oft erfahren haben in unangenehmster Form – und das gönne ich auch jenen nicht und niemals, die ich mehr lese.

    Und Ähnlichkeiten des Diskurses sehe ich da auch nicht. Das ist ja genau das mit dieser dialektischen Nummer, was ich für falsch halte. Das ist so ein Diskursspielchen für Extremismustheoretiker, das nie funzt und irgendeine Perspektive behauptet, die es gar nicht gibt.

  19. ziggev April 26, 2013 um 11:09 pm

    Es ist einfach so, dass diese schwachmatischen Idioten, die Schwarzen erklären wollen, wie sie sich zu fühlen hätten, nicht nur unerzogene, schamlose und über alle Maßen unkultivierte Menschen sind, sondern dass der Vorwurf des „neopietistischen“ Banausentums – so ungefähr – auf derselben Ebene abläuft.

  20. momorulez April 26, 2013 um 11:17 pm

    Ja, das sehe ich nun auch wieder so 😉 – das ist zudem die stete Projektion eigener Schuldkomplexe in eine sehr spannende und richtige Theorie/Praxis-Kombination, eine Projektion, die nicht zwischen der Wut der Anderen und dem eigenen Ego unterscheiden kann, sondern beides irgendwie in Abwehr vermengt. Oder so ähnlich. Das sind ja alles hochmanipulative, psychoanalytisch verbildete Leute, die selbst mit Schuldsuggestionen und Schuldgefühlen als Form der Autoaggression gebeutelt sind, die diesen Pietismus-Quatsch behaupten und die narzisstische Selbstspiegelung dabei nicht merken. Weil sie dann vermutlich gar nicht mehr wüssten, wer sie sind. Und wenn sich dann die Autoaggression nach außen kehrt, Hallelujah. Hartmut ist zugute zu halten, dass er um diese Zusammenhänge sehr gut weiß. Da ist er schlicht intelligenter als andere derer, die ich nicht mehr lese.

  21. ziggev April 26, 2013 um 11:19 pm

    Aber mit Dialektik habe ich es je nicht so, ich hoffte, das sei mittlerweile klar. Eher mit so Pflanzen- und dieversen Tierensammlern wie Darwin, die endlich bewiesen haben, dass es keinen Gott gibt! Es waren die Insektentaufspießer, die das ultimativ klargemacht haben – da war gar keine theoretische Überlegung im Spiel!

  22. momorulez April 26, 2013 um 11:20 pm

    Die haben aber gar nicht bewiesen, dass es keinen Gott gibt 🙂 – weil das ja gar nicht geht, wie wir seit Kant wissen. Ebenso wenig wie Gottesbeweise möglich sind.

  23. ziggev April 26, 2013 um 11:49 pm

    Bin halt Realist. Darwin hat etwa 30 bis 40 Jahre dafür aufgebracht, um seine Theorie so plausibel zu machen,wie möglich. Ergebnis: noch hundert Jahre später wurden Ergebnisse gefunden, die seine Theorie bestätigten – und die er genauso vorhergesagt hatte: einfach nur, weil er so sorgfältig gearbeitet hatte. Schreibt übrigens eine wundervolle Prosa – für uns deutsche -, die im Englischen eher als simpel und verhuscht angesehen wird. Was den Gegengottesbeweis betrifft, war Darwin „lediglich“ gegen die – auch die wissenschaftlich – anglikanisch-kirchlch geprägte Szene gerichtet: Er hat ca. 20 bis 30 Jahre gewartet, um zu veröffentlichen – aus purer Angst!

    Kant hat halt nur eine von vielen verschiedenen Positionen vertreten. Dass etwa die Zeit eine apriorische Form der Anschauung sei. Oder so. Eine schöne Idee. Das hält mich aber nicht davon ab, Zeit als eine reale Gegebenheit anzusehen. Kant ist nicht der letzte Schluss. Darwin ist in meinen Augen wichtiger. Aber darüber können wir uns ja ein andermal weiterunterhalten …

    Schuldkomplexe, das Ego, nicht zwischen der Wut der anderen und der eigenen unterscheiden zu können, „die narzisstische Selbstspiegelung dabei nicht merken“, und all das, (dieser Absatz jetzt eben aus Deinem Kommentar) – ja, genau! In ebendieser Richtung versuche ich das Phänomen dieser Vollschwachmaten zu verstehen. Selbst „Pietismus-Qutasch“- obwohl ich aus einer auch für einen Agnostiker hochehrwürdigen solchen Tradition stamme – und dann Autoaggression usw., genau in dieser Richtung denke ich manchmal weiter – ohne, dass es mir dabei besonders um Hartmuts polemische Formulierung (abgesehen davon, dass sie nun mal polemisch ganz gut gelungen war) angekommen wäre.

  24. ziggev April 27, 2013 um 5:38 am

    habe es selber gesehen, wie eine schwarze Familie, die sich sich durch meinen relativ monokulturellen Vorstadtteil hindurchbewegte, in welchem einzelne schwarze selbstverständlich akzeptiert werden, als Gruppe hindurchbewegte, aber durchaus als Gruppe auffiel, die aber unter unseren rassistischen Blicken, anfing, sich untereinander zu entsolidarisieren – vier, fünf Schwarze auf einmal, was ist denn das? -, und sich beinahe anfing, sich für das Familiendasein, jedenfalls unter meinem ebenfalls rassistischen Blick, zu schämen. Wie krass ist das eigentlich! Es hängt vom Stadtteil ab, ob Du Dich als schwarze Familie unbeäugt durch Deine Gegend bewegen kannst! Was diese Leute wahrscheinlich durchmachen! Mutter, Vater und zwei oder drei heranwachsende Söhne – und schon wirst Du als Bedrohung wahrgenommen, besser wir gehen einzeln. Ich kenne/kannte nicht viele Schwarze, eine jedenfalls, die ich noch vom Spielplatz her kannte, hat noch in jungen Jahren Selbstmord begangen. Gibt es darüber Statistiken? Sowas gibt es immernoch, kaum zu glauben.

  25. Dani Sojasahne April 27, 2013 um 12:01 pm

    „Die “herausgehobene Stellung im Meinungskampf” ist halt aus zwei Gründen notwendig – das eine ist, dass schlicht die Erfahrung mit Rassismus eben nur über Betroffene überhaupt verifizierbar ist. Diese ganzen Objektivisierungsversuche ohne das, was Betroffene empfinden, kann nur scheitern.“

    Ja, okay. Aber Rassismus ist doch noch etwas anderes als das was einzelne Betroffene erleben. Ich muss mir doch auch eine Meinung zu dem tausendfachen Sterben im Mittelmeer erlauben können, ohne dass ich einen Überlebenden ausfindig gemacht habe. Der zweite Kritikpunkt meinerseits liegt darin, wer als Betroffener gilt. Es macht mich immer wieder fassungslos, wenn jemand von „den Betroffenen“ spricht und doch nur seine Freunde oder die mit der gleichen Meinung meint. Deshalb ist für mich die Betroffenheitsperspektive nur als Durchschnittsperspektive interessant. Denn bei jeder Theorie geht es ja gerade darum, von der Einzelperspektive wegzugehen und ein Phänomen sozusagen im Durchschnitt zu erfassen.

    „Das kommt das ziemlich Müll bei raus, und empirisch solcher, dass ständig Nicht-Betroffene anfangen, Betroffenen ihren Erfahrungen ausreden zu wollen – und das bei gleichzeitiger Verfügungsgewalt über allerlei Sanktionen und gesellschaftliche Machtbefugnisse. Und das reproduziert dann schlicht und ergreifend das, was “White Supremacy” so schlimm macht. Ich habe das dabei seiend oft genug erlebt, wie sich Weiße PoC gegenüber in Pose werfen und “objektivierend” dann berichten, was diese tatsächlich erlebten, und das gekoppelt an all die weiße institutionelle Macht.“

    Da kann man dir kaum widersprechen.

    „Bis da eine Diskussion auf symmetrischer Basis möglich ist, das dauert noch Jahrhunderte. […] Das kann wirklich ins Surreale umkippen, und dahinter verbirgt sich auch immer viel Aggression gegen jene, die einfach kraft ihrer Existenz dieses Selbtverständnis bedrohen können, was zu ungemein gruseligen Reaktionen führt. Diese Nuss muss erst mal irgendwie geknackt werden, und so lange sie das nicht ist, ist eine symmetrische Kommunikation gar nicht möglich, weil PoC eh weg gedrückt werden (und Schwule und Lesben auch).“

    Was mich hier stört ist deine Verallgemeinerung: Du hast davon berichtet, wie es eine WoC genervt hat, dass du ihr nach dem Mund geredet hast. Stell dir vor, du wärest Schwarz, verdammt klug, hättest studiert, promoviert und hättest trotz widriger Umstände jetzt eine Professur inne. Nicht weil sie dir geschenkt wurde oder du durch irgendeine Quote profitiert hast, sondern weil du einfach gut bist. Und dann stehst du vor einem Auditorium, vor lauter schweigenden weißen Studierenden, die dich nicht als einen ernstzunehmenden Diskutanten sehen, sondern als einen Schwarzen, wo man sich zurücknehmen muss, den man behandeln muss, wie ein rohes Ei.
    Ein solches Verhalten ist für mich viel respektloser, viel würdeloser, als es ein Critical-Whiteness-Gegner je sein könnte. Wenn ich jemandem nach dem Munde rede, dann sage ich damit implizit, dass er es nötig hat, dass er nicht in der Lage sein kann, ein Gegenargument locker zu kontern, weil er einfach intelligenter ist oder eine durchdachtere Theorie hat. Für mich hat das mehr kolonialrassistisches als jede Othello-Aufführung mit ausschließlich weißen Schauspielern. Der Schwarze ist immer noch das Besondere, das anders zu behandelnde. Dass er einfach ein Mensch ist, dumm oder klug, nett oder blöd, dessen politischer Background toll oder widerwärtig sein kann, wird nicht in Erwägung gezogen.
    Ich glaube sehr wohl, dass eine symmetrische Kommunikation möglich ist, wenn man sich solidarisch aufeinander bezieht, gegenseitig unterstützt und auch voneinander lernt. Das Problem ist hier, dass symmetrische Kommunikation gar nicht gewünscht wird, sondern sich in der sehr bequemen Position eingerichtet wird, eine rein asymmetrische Kommunikation zu praktizieren.

  26. momorulez April 27, 2013 um 12:45 pm

    Mit „Betroffenen“ meine ich schon alle und nicht nur meine persönlichen Freunde, sondern jeden – und natürlich gibt es allerlei auch objektivierbare Tatsachen wie Racial Profiling, rassistische EU-Flüchtlingspolitik usw. CW ist ja keine Theorie für alle möglichen Belange, kann aber die Haltungen und Weltbilder, die hinter diesen ganzen Praktiken und institutionellen Ordnungen stehen, ganz gut erklären. Das mit dem Durchschnitt halte ich für völlig falsch, das ist Wissenschaftsideologie meines Erachtens, das würde jetzt aber ziemlich weit führen. Zudem ich CW nicht als reine Theorie, sondern Praxis begreife.

    Der Passus mit dem Professor ist eigentlich ein ganz gutes Beispiel dafür, wie CW funktionieren kann. Um so was geht es doch gerade – wenn ich ihn wie ein rohes Ei behandele (in der Realität ist ja eher das Gegenteil der Fall, dass sie der hämischen Haltung „Na, nu zeig mal, ob Du überhaupt auch schlau bist!“, wie Frauen das auch oft erleben, und schwarze Frauen dann erst, das wurde Frau Otoo von Herrn Yücel ja gerade vorgeführt, was da passiert), kann ich doch auf den dieser Perspektive inhärenten Rassismus reflektieren, um ihn sein zu lassen. Was übrigens auch oft vor kommt, ist, dass aus so einem absurden Reflex heraus „Nur weil der Jude ist lass ICH mir doch nicht den Mund verbieten!“ scheinheroisch ständig auf immer die gleichen eingedroschen wird, das ist mir hier, wenn ich schwule Perspektiven einnahm, auch schon oft passiert, auch Corny als FC St. Pauli-Präsident. Weil irgendein Erpressungspotenzial herbei fantasiert wird,

    Und die Symmetrie sehe ich gesamtgesellschaftlich als etwas perspektivisch zu Realisierendes, obgleich die natürlich punktuell auch gegeben sein kann, je nach konkreter Konstellation und Thema. Diese Totalisierungen kann man da gar nicht vornehmen. Da muss auf weißer Seite aber erst mal los gelassen werden, damit das geht.

    Ich glaube aber auch sowieso nicht, dass wir nun aktuell in einer Situation, historisch, gesellschaftlich sind, wo CW bereits irgendeine Relevanz zumindest in Deutschland erreicht hätte. Der viel häufigere Fall, ob nun bei taz-Panels oder Lesungen in Fulda oder DFB-Gerichten oder täglich in Polizeistationen, ist, dass in der Regel die PoC-Perspektiven marginalisiert und jene wüst beschimpft, die auf Rassismen hinweisen. Und bestimmt nich Schwarzen irgendeine Expertise fürwasauchimmer jenseits der Popmusik zugestanden wird im Allgemeinen.

    Ich fand Deinen Text und finde Deine Einwände hier ja gut und wichtig, der geht auch gerade rum bei nachdenklichen CW-Vertretern, das ist prima.

    Aber ist das nun gerade die Zeit dafür? Was wurde denn in den letzten Jahren in Sachen Antirassismus erreicht? Es ist doch eher immer schlimmer geworden, und das bestimmt nicht wegen CW.

  27. futuretwin April 29, 2013 um 8:59 am

    Da es hier um CW und vereinzelt um Religion geht würde ich gerne ein paar Gedanken ausformulieren, die ich bei Che nicht mehr unter dein tolles Schlusswort schreiben wollte, ziggev.
    Ich finde ja, dass die krassen Verfechter der Privilegienreflektion (etwa die Mädchenmannschaftsautorin, die zu Critical Hetness schrub) und die Kritiker (wie der Doppelmonarch (k.u.k. hihi! ) mit dem ich mich bei Che so in die Haare gekriegt hab) beide auf ihre Art analog religiöser Muster argumentieren.
    Die kritische Fraktion hat eher was Katholisches: „Wir kommen eh in den Himmel. Wir sind auf der richtigen Seite, das wissen wir ganz sicher und sind auch selbstbewusst diesbezüglich. Wir lassen uns doch nicht als Unterdrücker bezeichnen, das wär ja noch schöner!“
    Die solidarische Pro-Fraktion (solidarisch meint: weiße Heten) haben eher was Protestantisches: “Wir haben die Wahrheit erkannt, aber das reicht noch nicht. Es reicht nie. Wir müssen entsagen, am besten allem was Spaß macht und diese Entsagung weihen wir „der Sache“. Egal ob es wer sieht, darum geht’s gar nicht. Wir erleichtern unser Gewissen durch Handlungen, mit Bekenntnissen ist es nicht getan.“
    Ich strebe da einen nicht-quasi-religiösen Umgang mit der Thematik an, wie qwertzu und vielleicht auch Dani Sojasahne.

  28. momorulez April 29, 2013 um 10:11 am

    Ich lese bei der Mädchenmannschagt eher sehr viel Wut, sich nicht entfalten zu können, nix Religiöses, und weiß auch immer gar nicht, was diese Schablonen eigentlich außer Abwehr und Ablenkung besagen sollen außer dass man sich wie üblich lieber mit der Abwertung von Rassismuskritikern beschäftigt als mit Rassismus. Ich würde die Mikroebene auch anders beschreiben als Nadine, aber diese Kritiken sind doch zumeist nur die bewährte Methode, wieder die Erfassung des Abweichenden durch die rassistisch Normalisierten durchzusetzen. Das sind so Tricks wie die der Liberalen, die den Sozialstaat und wasweißich alles zur Religion verklärten. Nicht jede kritische Selbstpraxis ist ein religiöser Akt, das verharmlost nur tatsächliche Religionen.

  29. futuretwin April 29, 2013 um 3:29 pm

    Es ging nicht um Nadine sondern um eine gewisse Anna-Sarah auch wenn das natürlich in Diskussionen darüber immer munter durcheinander geworfen wird.

  30. momorulez April 29, 2013 um 3:43 pm

    Ich meine mich zu erinnern, dass bei dem „Critical Hetism“-Text sehr an einem Strang gezogen wurde. 🙂 Ich hatte mit zum Teil ja auch Probleme, eher, weil ich da manchmal so eine Pointe heraus lese, dass, weil es Privilegierte gibt, nunmehr allesamt in Solidarität freudlos sein sollten. Aber wie in so vielen Fällen fand ich die daraufhin aufbrandende Empörung noch viel schlimmer, und wie schon einst bei Roenecke gedankenlos und eben nur der üblichen Homophobie aufgeladen. Es wird halt doch immer sehr viel Aufwand betrieben, um immer die gleichen mundtot zu machen, und lesbische Stimmen sind noch um einiges marginalisierter als Schwule. Und das halt auch aufgrund von jahrhundertelanger, christlicher Hetze, die, wie man in Frankeich sieht und in Russland, an Einfluss ja eher zunimmt. Wie gelungen das ist, nun das Religiöse deren Opfern anzudichten, das sei mal dahin gestellt. Es ist aber typisch für eine Gesellschaft, die sofort Diagnostiken für alle Devianten parat hat, aber sehr allergisch reagiert, wird ihr Zentrum thematisiert.

  31. futuretwin April 29, 2013 um 7:01 pm

    Ich hatte irgendwo gelesen, dass die Autorin des Textes solidarische Hete ist und darauf habe ich mich ja oben nur bezogen. Ich wollte also keinem Opfer Religiöses andichten.
    Ich fand die Empörung auch bedenklich und suche halt eine mittlere Position. Wo sind denn diese nachdenklichen CW-Befürworter? 🙂

  32. momorulez April 29, 2013 um 7:56 pm

    Vor allem bei Facebook und Twitter – das ist ja gewissermaßen a priori so, dass CW die Nachdenklichkeit impliziert, die Kritik daran freilich zumindest zur reinen Verteidigung des Bestehenden dienen KANN. Aber nicht immer muss, der oben verlinkte Text wird zumindest in den Kontexten, in denen ich diskutiere, wirklich recht denkoffen zur Kenntnis genommen. Was bei den Elaboraten von Tsianos + al und ehemaligen Mitdiskutanten ja gar nicht ging, die wollen Tribunale abhalten, um Schwarzen, Lesben und Schwulen das Maul zu stopfen, damit sie in aller Ruhe weiter paternalisieren können wie immer schon.

    Anna-Sarah ist übrigens, glaube ich, tatsächlich solidarische Hete. Dass Du das auch bist, weiß ich ja; nur ist diese Religionsnummerangesichts der Vorgänge in Frankreich, wo tatsächlich Religiöse mal wieder zeigen, was an Vernichtungspotenzial und außerstaatlichem Faschismus so in ihnen steckt, irgendwie etwas krude.

  33. distelfliege April 30, 2013 um 12:23 pm

    Danke für den Artikel, ich sehe das auch so, dass viele Sachen schwierig sind als Statement, aber ich wüsste selber auch nicht, wie es anders oder besser auszudrücken wäre. Das „einfach auch mal zuhören“ empfinde ich auch als entlastend von dem blödsinnigen Selbstbild, immer was kompetentes parat haben zu _müssen_, und ich mag auch deine positive Attitude, die im Schlußsatz rauskommt. Die Kommentare konnte ich leider noch nicht lesen..

  34. momorulez April 30, 2013 um 12:25 pm

    Dankeschön! Und in dem allen liegt einfach auch eine RIESENCHANCE!

  35. distelfliege April 30, 2013 um 1:22 pm

    ja voll, also seit ich mich mit meiner eigenen positionierung auseinandersetze, entwickel ich selber auch einen brass auf diesen drecksrassismus der mich, ohne dass ich das verlangt habe, einfach von anderen leuten abtrennt, von denen ich nicht abgetrennt sein will! und genau diese trennung zu überwinden, mit anderen einfach nur sein zu dürfen, ohne das auf so ne ekle supremacy-aneignungs-art tun zu müssen, das ist die riesenchance für mich, als weißbrot.. deshalb bin ich gegen rassismus.

  36. distelfliege April 30, 2013 um 1:25 pm

    klingt nun auch recht egoistisch, aber ich finde diese charity-rangehensweise, gegen rassismus „für andere, für die unterdrückten“ zu sein, ja genauso suspekt. Naja, im grund genommen weiß ich auch, daß, was ich halt so mach und sage, immer ins system eingeklingt ist und ein „gschmäckle“ kriegt, aber trotzdem – es einfach versuchen, bewusstsein erweitern, failen und damit klar kommen, so ist halt das leben. bischen selbstliebe immer dabei im gepäck! 🙂

  37. momorulez April 30, 2013 um 8:04 pm

    Ich hatte da ja auch schon im Text oben geschrieben, dass das den Eindruck erwecken kann, als sei das nun das Benutzen irgendwelcher Leute ausschließlich zur eigenen Bedürfnisbefriedigung, aber ich glaube, dass das gar nicht geht, auf der Motivationsebene sich vollkommen auszuknipsen. Somlange die Motivation AUCH das Wohl des Anderen ist, hat der ja hoffentlich nix dagegen, wenn’s einem selbst gut geht. Wobei auch das bei all der aufgespeicherten Wut durchaus vorkommen kann, aber muss man sich den Schuh anziehen? Ich habe da ad hoc immer nur die Antwort, dass man die Wut, die berechtigt ist, halt aushalten muss, ohne zu glauben, man sei „schuldig“. Das kann aber auch in eine Art Paternalismus münden, da weiß ich dann allerdings auch nicht raus.Das würde mich interessieren, wie andere das sehen.

    Ernst wird es ja zudem da, wo tatsächliche Verteilungsfragen anstehen – bin ich bereit, auch zu meinem ökonomischen Nachteil einen Schritt zurück zu treten? Das ist ja eine Kritik der „Critical Whiteness“, die gerade viele auf der Linken aus dem Ärmel schütteln, die noch irgendwie von Marx kommen. Dass also nur auf der Ebene „symbolischen Kapitals“ diskutiert würde, die harten Währungen aber unangestastet blieben.

    Darauf hat nun allerdings niemand bekanntes aktuell eine Antwort, und ich finde das oft etwas surreal, wenn irgendwelche Berliner Antifa-Kids nun meinen, CW sollte nun als Ansatz doch bitte auch das beantworten, was seit 150 Jahren linker Politik nun auch noch niemand hin bekommen hat über kompensatorische Leistungen hinaus.

  38. Loellie April 30, 2013 um 8:59 pm

    Servus 😉

    Nagel, Kopf, Rhizom:

    „Befreit die Alt-68er-Eminenzen von ihren rassistischen Schwänzen!“

    Und das dieser Yucel, bzw der Vorfall auf dem TazLab, bei den ganzen „CW-Kritikern“ mit keiner Silbe erwähnt wird, zeigt das Problem der Debatte. Der Gegenstand der Kritik wird seit Jahren einfach ignoriert oder als nicht existent abgetan.
    Aufschlussreich ist auch, dass andernorts ein recht triviales Privileg unversehens zum Naturrecht mutiert. Nicht genug damit, den ideologischen Schulterschluss mit der Neuen Rechten im hehren Kampf wider der Politischen Korrektheit vollziehen, nö, da muss im Stechschritt vorneweg marschiert werden.

  39. momorulez April 30, 2013 um 9:24 pm

    Servus! Das ist eine freudige Überraschung!!!

    Ich lese ja bei den CW-Kritikern nur noch dann, wenn ich über die CW-Protagonisten besonders krasse Fälle wie diesen Yücel mit bekomme. Dass so was, wo u.a. von Rhizom bei Facebook sehr gut dokumentiert wurde, wie bereits aus Einladungen zum tazlab deutlich wurde, dass ganz viel aufgestaute Vorlust sich geballt hatte, mal wieder Schwarze zu ärgern und zu „provozieren“, dann ignoriert wird, fügt ich halt nahtlos ins System. Das habe jch in den letzten Jahren mit den Braunen Mobs erschreckend oft erlebt, wie viele in ihren Löchern lauern, um ihre sadistische Häme gegen PoC dann angreifend ausleben zu können, wenn sie ausnahmsweise mal nicht in Ignoranz ersticken.

    Da ich die aber gar nicht mehr lese, verstehe ich die Naturrecht-Anspielung gerade nicht 😉 …

    Die taz zumindest hat wohl doch einen Schreck bekommen. Sie haben ja jetzt die Antwort von Sharon Otoo zumindest in der Online-Ausgabe noch veröffentlicht, muss ich noch mal verlinken, und der Text zur taz als Hüter und Bewahrer rassistischer Üblichkeiten und Gewohnheiten war einer der meistgelesensten hier im Blog des letzten Jahres. Zum Glück sind dank Social Media die Gegenreaktionen auf Scheiße wie die von Yücel deutlich heftiger geworden, das ist ja gut.

    Wobei man in Frankreich ja auch gerade sehen kann, dass genau dann immer auch die Gefahr besteht, dass dieses Gegen-68, das als Kampf gegen „Political Correctness“ auftritt und das wir hier seit Jahren kommentieren, erst so richtig abgeht. Das ist ja erschreckend, wie die da ihre faschistoiden Ansichten als „Frühling“ und Antifaschismus behaupten, und was das mit einem Priviligien-Surpremacy-Komplex zu hat, das wurde uns hier ja von Ex-Autonomen und anderen tatsächlich über die Jahre vorgeführt … das ist übrigens ziemlich gruselig, wenn man das mit Diskussionen über die rechtliche Gleichstellung von Juden im 19. Jahrhundert vergleicht.

    Nur dass diese ganzen Irgendwielinken, die hier einst kommentierten, gegen rechtliche Gleichstellung nie was sagen würden, die dahinter stehenden Haltungen aber mit Zähnen und Klauen verteidigen.

  40. distelfliege Mai 1, 2013 um 3:34 pm

    Ich habe jetzt die Kommentare gelesen. Welchen Text von Dani, der bei nachdenklichen CW Vertreter_innen rumgeht, meintest du denn, Momo?

  41. momorulez Mai 1, 2013 um 3:38 pm

    Den oben verlinkten:

    http://kanaction.wordpress.com/2013/04/24/uber-critical-whiteness-und-andere-missverstandnisse-2/

    Da ist doch Dani Autorin, oder habe ich da jetzt was vermengt?

  42. distelfliege Mai 1, 2013 um 4:01 pm

    Ah, hm, das kann ich nicht beantworten, ich glaube aber da hast du was vermengt. Aber jetzt weiss ich, welchen Text du meintest!

  43. futuretwin Mai 1, 2013 um 4:50 pm

    Danis blog heißt „consume. be silent. die.“ is n anderer. 😉

  44. momorulez Mai 1, 2013 um 6:30 pm

    Oh, Danke für die Aufklärung.

  45. Pingback: Schnaps zur Hand..? | Anarchistelfliege

  46. loellie Mai 9, 2013 um 11:23 pm

    Ja … oehh … sorrz,

    ich wollte zwar nur kurz reingewunken haben haben, aber so kurz angebunden dann doch nicht. Mir ist letzte Woche beim Antworten mein MacBook dann doch noch endgueltig und unwiederruflich abgeraucht, und jetzt sitze ich hier mit einem 12 Jahre alten iBook, das im Vergleich zwar gebaut ist wie ein Panzer, aber sich wegen hoffnungslos veralteter Software selbst bei trivialen Webseiten elendig aufhaengt, und laed, und laed, und laed … und jetzt die Sinnkrise, was nun? Tablets sind doof, Apple baut nur noch Schrott und der Rest ist noch schlimmer. Heuljammerjaul.

    Sorrz.
    Sorrz kommt dann noch dayu. Und dayu. Wer denkt sich so eine Tastaturbelegung aus. Und wo sind die Umlaute?
    Fuer Videos ist der Prozessor auch zu langsam. Buecher muss ich lesen. *Soifz*

    Prima. Aber den Avatar hier, den ich noch nie ausstehen konnte, den darf ich behalten. Schoenen dank aber auch.

    Die Welt ist schlecht. 😥

    😆

  47. momorulez Mai 10, 2013 um 8:27 am

    Oje 😦 … Tablets sind aber gar nicht Scheiße, da baut Apple ausnahmsweise keinen Schrott. Bin von meinem iPad echt abhängig.

    Das Macbook Pro, das ich im Büro habe, das ist allerdings auch von Anfang an mangelhaft gewesen, und da rauschte neulich auch die Festplatte ab. Wir haben das dann aber irgendwo eingeschickt, wo die innerhalb von 2 Tagen für ziemlich günstig eine neue Festplatte eingebaut haben, und das war nicht Apple selbst.

  48. loellie Mai 10, 2013 um 2:15 pm

    Alle Laptops die wir nach diesem hier gekauft haben waren wirklich Schrott. Beim ersten wars der Akku und Apple hat ewig gebockt das ettliche hundert Franken teure Teil zu ersetzen, beim naechsten musste das Motherboard ausgetauscht werden, was auch Theater war und bei beiden solange gedauert hatte, dass wir schon wieder neue gekauft hatten. Bei dem das ich zuletzt hatte war es der Akku, das Motherboard, die Festplatte und das Display die jahrelang gezickt haben, und beim 15″ Pro, das er mir jetzt aufzwingen wollte ist die Platte auch schon zweimal haengen geblieben. *Protz* Es ist ja nicht so, als koennte ich ein MacBook nicht selber zerlegen und wieder zusammenbauen, aber wenns schon wieder so losgeht, wer weiss wie lange der Rest gut geht.

    Bei dem uralten Teil hier ist es eigentlich nur das DVD-Laufwerk und die Tastatur durch, und die habe ich richtig uebel gequaelt und die alte Airportkarte ist fuer die grosse Wohnung zu schwach. Dafuer wirkt das Display riesig im Vergleich zum 13er, obwohls auch nur 14″ hat.
    Das iPad spielt eben auch viele Videoformate nicht ab, hat auch Funkprobleme bei mir im Zimmer, laesst sich im Bett nicht hinstellen und ist sowieso viel zu klein als TV-Ersatz.

    Was ich jetzt alles nur schreibe, um mich in meiner westlichen Dekadenz mit meinen Apple-Lifestyleproblemen von sozialen Kaempfen zu entsolidarisieren. Ich muss mich ja gerade ueber das zu mir passende Produkt neu erfinden. 😉 … 😆

  49. momorulez Mai 10, 2013 um 2:38 pm

    „Was ich jetzt alles nur schreibe, um mich in meiner westlichen Dekadenz mit meinen Apple-Lifestyleproblemen von sozialen Kaempfen zu entsolidarisieren.“

    😀

    Mein kleines, weißes Macbook, das jetzt 3 Jahre alt ist, so ungefähr, das hat auch nie gezickt. Und dieses 15 Zoll Macbook Pro hier im Büro hat auch Schlieren in Monitor und war immer schon irgendwie komisch, auch und gerade bei Apple-Programmen wie Final Cut und Logic, die gerne mal abstürzen.

    iPad kann so’n richtigen Computer auch nicht ersetzen, aber dafür, was Musik und Grafik betrifft, halt wahnsinnig viel. Gibt ja nix, wofür es nicht ’ne App gibt. Das macht schon echt Spaß.

  50. ziggev Mai 11, 2013 um 11:59 am

    meine Gibson „Golden Top“-Kopie von Ibanez ‚ 72 (Allman Brothers) kann da nicht mithalten. Was ich jetzt nur noch brauche, das ist ne Helge Schneider App für mein Smartphone, mehr ein Gegenstand aus dem Anders-Universum, mit Ausnahme die Upper-Mittelclass-Mädchen, für die das das vorzuüglichste Mittel zur Sebstverdummung zu sein scheint.

  51. momorulez Mai 11, 2013 um 4:09 pm

    Meine neue Lieblings-App ist Anytune, weil ich damit die Playalongs, zu den ich Sax übe, verlangsamen kann 😀 … und auch einzelne Takte easy loopen. Und ich muss ja sagen, dass verglichen mit den Möglichkeiten in den 80ern, als ich einst schon mal probierte, wirklich enorm vervielfältigt sind. Damals bin ich fast ausgerastet, als ich eine einzige Vinyl-Platte mit Begleitung fürs Saxophon fand. CDs kamen da gerade erst raus, weiß noch, wie mein Sax-Lehrer damals sich einen zulegte und von den präziseren Klassik-Aufnahmen begeistert war. Für mich war das viel zu teuer. Und jetzt gibt es richtig gute Apps zum Üben, die auch die Theorie vertiefen, und jede Menge guter Playalongs. Und ja, ich weiß auch um die Produktionsbedingungen des Geräts, auf dem ich tippe.

    Ich glaube aber trotzdem, dass das sogar was dem Thema oben zu tun hat, das hatten wir zwei hier ja schon oft. Wenn man sich wie ich gerade dilletierend an den Jazz und Blues heran wagt und das nicht, um ihn zu okkupieren oder zu annektieren, sondern auch um zu spüren und zu reflektieren, was das Material mit mir jeweils macht, dann kann man das durchaus auch im Critical Whiteness-Sinne tun, denke ich, glaube ich, hoffe ich. War eigentlich immer eher der Soul- als der Blues-Hörer, aber dieses Bluestonleiterüben, das macht ja nicht nur Riesenspaß, anders als denen, die ihn erfanden, vermutlich, da geht tatsächlich ein anderer ästhetischer Raum auf als z.B. bei den eher aus der Klassik adaptierten Arpeggien (trotz 7 + 9, die ja schon Jazz-Akzente sind), und ich erstarre da manchmal spielend (anders als die Nachbarn 😀 ) in Ehrfurcht, so simpel das ja zunächst scheint mit den 6 Tönen der erweiterten Moll-Pentatonik.

    Und durch die Apps, die einen dann auch an modalen Jazz oder BeBop ran führen, macht man ja Schritte auf sedimentierte Erfahrungen zu, fängt an, sich mehr mit den Biographien der Großen zu beschäftigen – und das mit viel besseren Zugangsmöglichkeiten als vor der digitalen Revolution. Weil die Massenmedien zuvor halt viel stärker gefiltert haben – dass ich zumindest einst hörend eher bei Glenn Miller hängen blieb, als mal zu Count Basie vorzustoßen, weil es ja auch den Film mit James Stewart gab. Wobei ich damals wenigstens sehr viel Grover Washington und Maze und Commodores und Crusaders und so gehört habe, aber der Blues wurde mir durch Rory Gallagher, Johnny Winter und solche völlig verleidet. Ebenso wie einem ja der frühe Jazz durch diese ganzen fürchterlichen und noch viel schlechteren Aneignungen durch so Old Merry Tale Jazz-Band-mäßige Altherrenkapellen völlig verstellt wurde, dabei sind viele der frühen Louis Armstrong-Sachen großartig. Und niemand hörte die darin enthaltene Ambivalenz, eben schwarzer Unterhaltungsmusiker unter Bedingungen der Segregation zu sein, als Star nach New Orleans zurück zu kommen und da dann vor rein weißem Publikum spielen zu müssen, durch den Hintereingang lediglich eingelassen, hier in Deutschland (bzw. in London hat der den Hektor Rottweiler-Aufsatz geschrieben, glaube ich, da pendelte er noch) besser heraus als Adorno. Dann doch.

    Ja, ich habe tatsächlich eben das Blues-Kapitel in „Saxophon für Dummies“ gelesen 🙂 … und schon sprudelt es heraus, bevor ich ganz privilegiert gleich im Anbau unseres Bürohäuschens wieder Tonleitern übe, mit CD-Playern und Apps und das Lester Young retrospektiv auch nix hilft. Allenfalls dafür zu sorgen, dass wenigstens ein paar Leute wissen, dass er bedeutender war als Heidi Klum oder Mario Barth.

  52. ziggev Mai 11, 2013 um 10:19 pm

    Früher waren da ja die Aebersold-Platten erste Adresse. Ich hab da keine Ahnung, was da z.z. mit Apps so los ist. Da ich die letzten Monate sträflich faul bin, freut es mich, davon zu lesen, wie jemand sich so ins Material hineinstürzt! Meine Faulheit rächt sich nun: Bin jetzt jüngstens aus dem neuen Band-Projekt rausgeflogen (bzw. für die nächsten bezahlten Auftritte freiwillig ausgestiegen), aber kein Problem, man muss halt wissen, was man schafft und was man nicht schafft, er wird schon über seine Afro-Hamburg-Connektion Ersatz finden, oder anderswo, wir bleiben in Kontakt, einfach aus Respekt vor dem Material und aus Liebe zu dem, was musikalisch in jazzverwandten Stilen geschaffen wurde.

    Ich habe eben etwas geflunkert: im Besitz eines Smartphones bin nämlich gar nicht, nicht mal Mobilphone. Für mich reicht das Real Book und ein Metronom vollkommen aus. Oder der entsprechende Notentext. War nur in letzter Zeit etwas faul. 😦

    Die Aebersold-Sachen waren für mich, mit meiner Gitarre, immer vom Piano her etwas zu komplex, obwohl souljazz-mäßig geil anzuhören.

    Hoffentlich werde ich mich mit meinem Freund, dem Metronom, in Zukunft etwas häufiger in der Küche zusammensetzen; hier gilt ja dasselbe wie beim Skifahren: Wer langsam fahren kann, kann auch schnell fahren – nicht umgekehrt!

    Diese Apps sind aber mit Sicherheit nicht schlecht: Als ich vor einiger Zeit mal ne unbezahlte Unterrichtsstunde hatte und über Take The A-Trane verträumt-langsam vor mich hin improvisierte, bis mir nichts mehr einfiel, hieß es blos: losloslos! weitermachen! weitermachen! Tempo!

    In diese Sinne!

  53. momorulez Mai 11, 2013 um 10:56 pm

    Aebersold habe ich tatsächlich gerade erst jetzt bei Amazon entdeckt, kannte ich damals nicht 😦 … war natürlich auch spaßig, zu Grover Washington oder den Crusaders zu tröten, aber so Apps wie iReal B oder iImprov, das ist schon prima. Wo man sich, worum es geht, dann auch immer gleich anhören kann.

    Und rein stürzen, habe mich hier, glaube ich, mit Apps und Noten und Playalongs für die nächsten 5 Jahre eingedeckt 😀 – und ich beschäftige mich ja nun seit 1977, seit 1993 auch beruflich intensiv mit Musik, und das jetzt noch mal durch eine andere Brille oder ein anderes Hörrohr wahrzunehmen, das ist einfach cool. War ja vorher auch nicht vollblöd, wenn Nörgler über Tempi und Kadenzen bei Beethoven philosophierte, dann konnte ich schon folgen, obgleich er da auch echt bereichernd war. Aber bis ich nun praktisch da wirklich musizierend mit meinem vorauseilenden Wissenserwerb Schritt halten kann, das dauert noch eine ganze Weile, und die Musiktheorie finde ich auch echt schwierig. Brauche im Moment auch ewig, mir Stücke zu erarbeiten, und muss sie noch wahnsinnig langsam spielen. Macht aber Spaß, und ich muss natürlich in meiner Anmaßung mir auch die hinten in der Sax-Schule raus suchen und nicht die am Anfang 😉 …

    Schade, dass das dann nix wurde mit Deiner Band!

  54. georgi Mai 12, 2013 um 8:38 am

    DRM finde ich schei… … der Weg, um arme Programmierer zu knechten, weil Apple wegen dieses DRM-Zeugs auf allem, was Programmierer für deren Produkte anfertigen, den Daumen d’rauf hat. …ein schlimmeres Monopol als das angebliche von Google und Facebook also, sogar noch schlimmer als das von Microsoft!

  55. momorulez Mai 12, 2013 um 9:57 am

    Produktivkraftentwicklung hin zu sozialistischen Produktionsverhältnissen und einem Absterben des Staates bei Realisierung der non-funktionalen, das Individuum in seiner Freiheit achtenden Utopie, die in Soul, Blues und Jazz angelegt ist, wäre mir ja auch lieber 😉 …

  56. Mareika C. Juni 18, 2013 um 6:40 pm

    Was folgt endlich Critical Blackness? Es gibt auch schwarze Schafe unter den Schwarzen!

  57. momorulez Juni 18, 2013 um 7:12 pm

    Der Kommentar schießt so daneben, dass ich ihn sogar frei schalte 😀 – es gibt ja auch nette Weiße. Es gibt aber kein institutionell wie auch individualpsychologisch gefestigtes, historisch über Jahrhunderte gewachsenes Herrschafts- und Dominanzverhältnis Schwarzer über Weiße, und das ist ja Sujet bei „Criticial Whiteness“. Dafür gibt es kein Äquivalent.

  58. lalberth Juni 19, 2013 um 12:04 am

    Momo, jetzt hätte ich hier gerne den I like-Button von Facebook.

    In dem vorhergenden Kommentar werden doch schon wieder die Ebenen durcheinandergebracht. Klar gibt es individuelle Beziehungen, in denen Weiße unter Schwarzen leiden. Aber diese Form der Thematisierung ist ja auch nur möglich, wenn man die Herrschaftsverhältnisse invertierend anerkennt: Im Sinne von: Das spricht gegen eine natrliche Ordnung, die klar weiß über PoC setzt (Siehe genau zu diesem Problem den Roman: Die Festung der Einsamkeit).
    Da könnte man auch gleich die Herrschaft der Kinder über die Erwachsenen thematisieren, ihr hoher Status, ihre vergleichsweise überproportionale Ausstattung mit Ressourcen, ihrer Überrepräsentation in den Institutionen rechtsetzender und rechterhaltender Gewalt. Von den ganzen informellen Zirkeln zwischen Politik und Wirtschaft.
    Ist im übrigen genau derselbe Fehler, den die Väter- und mythopoetische Männerbewegung stellen. Erst alle Frauen aus den öffentlichen Machtarenen heraushalten und sich dann darüber beschweren, dass man als Mann insgeheim von den Frauen manipuliert würde. Argh.

  59. momorulez Juni 19, 2013 um 8:30 am

    Das Interessante ist ja zudem die Verallgemeinerung des schwarzen Schafes. Ich kenne Norbert Elias zu wenig, aber die These der Generalisierung von Negativstereotypen bei der marginaliisierten Fremdgruppe und Positivstereotypen bei der eigenen, dominanten stimmt einfach, dass das allerorten statt findet und sitzt mitten im Zentrum von „White Supremacy“-Gehabe. Die aufgeklärten, toleranten, post-rassistischen Weißen ist ja so ein Meta-Narrativ, der dieser Struktur folgt.

    Nur vorsichtig mit dem Kinder-Vergleich 🙂 – die Infantilisierung ist ja Zentrum auch rassistischer Bilder. Fanon beschreibt das so treffsicher, wie die weißen Leute im Frankreich der 50er mit Schwarzen fast in einer Art Baby-Sprech redeten, und das gibt es hier ja auch. Das ist ja das Problem in „Entwicklungshilfe“-Zusammenhängen, dass das da auch auftaucht.

    Aber hast völlig recht: Dieses Aufhebenwollen von Strukturellem durch individualanekdotisches blöken die Liberalen ja auch immer, wenn es gegen Antidiskriminierungsgesetzgebung geht …

  60. futuretwin Juni 19, 2013 um 9:11 am

    Die Idee mit der Parallele zu den Maskulinisten ist interessant, lalberth.
    Dort gibt es zwei Muster: Einerseits wird sich über Frauenquoten beschwert: die seien gegen die Gleichstellung. Das ist ja ein beliebter Fehler, die Machtverhältnisse beiseite zu lassen und zu glauben, eins könnte einer Gleichheit der Menschen so gerecht werden. Eben nicht zu verstehen, dass Mehrheiten (bzw. das Zentrum) nicht diskriminiert werden können.

    Das andere Muster ist es, anzuprangern, dass die marginalisierte Gruppe einen bestimmten Bereich dominiert, nämlich den, in die sie ursprünglich abgedrängt wurde.

    In Bezug auf Frauen wäre der Reproduktionsbereich. Maskulinisten verkennen, dass das Sorgerechtsthema etwa, in dem sie sich diskriminiert sehen, nur die logische andere Seite des Patriarchats darstellen.

    Übertragen auf White Supremacy sind das wieder andere Themen. Neulich kam „Burlesque“ mit Christina Aguilera im Fernsehen. Da kam dann der Spruch: „Wer hätte gedacht, dass eine Weiße so singen kann!“
    Dies ist natürlich keine Diskriminierung von Weißen, sondern die logische andere Seite der WS, in dessen Struktur PoC in den Musik-und Entertainmentbereich abgedrängt wurden.

    Sowas kann imho durchaus kritisiert werden, aber niemals unter der Bezeichnung „Diskriminierung“ sondern immer als komplementär zu Marginalisierung.

    Zu dem Thema PoC und Musik gab es interessante Randnotitzen in der deutschen HipHop-Szene.
    Hannes Loh und Murat Güngör haben dazu was geschrieben („Fear of a Kanak Planet“ heißt das Buch)
    Es gab (und gibt vielleicht immer noch, ich bin nicht auf dem Laufenden) rassistische Ausfälle im deutschen Rap, die sich gegen die Bevorzugung von Schwarzen richtete. Eine eher noch harmlose Zeile war etwa „Ihr sucht zwei Blondinen und nen schwarzen Rap-Trottel“ in Bezug auf ein Rap-Casting der Bravo. Da gab es Schlimmeres.
    Das war allerdings auch zu einer Zeit, als Deutsch-Rap zumindest auf kommerzieller Ebene ein Mittelschichts-Phänomen war, was sich mit dem Erfolg von Sido dann änderte. Da kam also noch eine Klassismus-Front rein, die das zusätzlich komplizierte.

    Etwas ähnliches wäre so eine Aussage, wie ich sie in den 90ern/ 0ern noch über das Musikfernsehen (MTV, Viva, Viva 2) gehört habe, nämlich, dass dort nur Schwarze, Asiaten oder sonstige PoC moderieren würden.

    Das ist genau dieses Muster: PoC marginalisieren, in bestimmte Bereiche abdrängen und sich dann beschweren, dass sie diese dominieren.

  61. momorulez Juni 19, 2013 um 9:17 am

    Jau! Und dann setzt die Naturalisierung ein – als hätten Aretha Franklin oder Whitney Houston nicht im Gospel-Chor geschuftet. Die Frage, wieso nun gerade in marginalisierten, kulturellen Feldern so irrwitzig viel Wichtiges in der musikalischen Entwicklung entstand, das ist ja noch mal eine sehr komplexe – und häufig übrigens eingewoben in das Muster, zur Mittelschicht dazu gehören zu wollen, was ich völlig unverächtlich meine, aber von Weißen dann ja auch noch in diskreditierender Hinsicht geäußert wird.

    Sido finde ich übrigens, Klassismus hin oder her, trotzdem Scheiße 😀 …

  62. lars Juni 19, 2013 um 9:35 am

    Der Kindervergleich haut hin – ist im Falle der PoC ja nur eine Variante des belittlements der Ausgegrenzten. Was ja in neuerer autoritärer Pädagogik dann immer als „starke Erziehung“ daherkommt, schreibt den Kindern in bester Manier des 19. Jahrhunderts dann den Tyrannen-Monster-Status zu. Und ja, Elias haut hier defnitiv hin.

    Und zur Sorgerechtsthematik, es ist daselbe Muster: Dass die Frauen i.d.R. die Scheidung einreichen und nicht die Männer, wird sofort als Verhinderung eines Kontaks zum Kind ausgelegt .- nicht, dass er vorher besonders viel Zeit mit den Kleinen verbracht hätte. Er rangiert ja in der Beliebtheitsskala des Sohnes regelmässig hinter den Sportstars…

  63. futuretwin Juni 19, 2013 um 9:40 am

    Klar, ich auch. Ich wollte nur auf die komplizierte Gemengelage hinweisen, gerade in den 90ern/0ern: Da gab es PoC-Rapper wie Denyo, D-Flame, Sammy Deluxe, die alle eher so einen Mittelschichtsbackground hatten. Klar, der Geflüchtete aus Afrika greift nicht unbedingt als erstes zum Mike. Und dann gab es eben Deklassierte wie eben einen Bushido, die sich von der Studenten-Rap-Szene nicht angesprochen fühlte. So scheiße ich auch den finde, so kann ich dass doch ein wenig verstehen.

  64. futuretwin Juni 19, 2013 um 9:51 am

    @ lars
    Da gibt es mit Sicherheit auch ziemliche Dramen und nicht alle Väter sind da im Unrecht, schätze ich. Nur wird das zuwenig als notwendiger Bestandteil des Patriarchats gesehen, der wegfiele, würden wir es nur konsequent abschaffen. Es soll ja einige sich links vertstehende Maskulinisten geben, aber diese Andockmöglichkeit hat dort wahrscheinlich keiner entdeckt, dazu sind sie zu versessesn auf Feministen-Bashing und werden daher immer rechts bleiben.

  65. momorulez Juni 19, 2013 um 10:31 am

    Zudem man auch nicht vergessen darf, dass Männern Machtgebrauch anders bei gebracht wird als Frauen , die sich immer kümmern sollen. In Fällen, wo Kinder instrumentalisiert werden, um Macht über den Partner auszuüben, ist das sozusagen ein Umweg, der Frauen so beigegebracht wird (und übrigens auch linken Männern, die Machtwille dezidiert zurück weisen würden, aber dann eben alle möglichen manipulativen Praktiken sich aneignen, um trotzdem permanent Aufmerksamkeit zu bekommen).

  66. lars Juni 19, 2013 um 11:30 am

    Argh. Jetzt habe ich soviel geschrieben und durch eine fehlerhafte Taste gekillt, bevor es veröffentlicht wurde. Also volle Zustimmung zum Gesagten. Aber man kann eben vom individual case nicht so ohne weiteres auf die Struktur schliessen.
    Momo: Dass die Linke nicht besonders frauenfreundlich war, ist ja nix neues. Auch dass es eine Menge Chauvinisten darunter gibt, ist auch klar. Das kann man argumentativ angehen.
    Die eigentliche Tragik ist ja, dass selbst solche Männer, die eigentlich feministische Positionen vertreten, alltagspraktisch häufig die männliche Herrschaft zementieren. Das sind dann eben jene manipulativen Praktiken des Statuserhalts. Connell sprach damals von dem Komplizen hegemonialer Männlichkeit. Am diesem Problem der „Anerkennung als Mann“ arbeite ich mich ja gerade heftig mit meinem Forschungsprojekt ab.

  67. momorulez Juni 19, 2013 um 11:50 am

    Ich lebenspraktisch ja auch schon ganz schon lange 😀 – wird Männlichkeit unsereins ja auch gerne mal abgesprochen, was zu allerlei Paradoxien in schwulen Szenen führt …

  68. futuretwin Juni 19, 2013 um 12:14 pm

    „Das sind dann eben jene manipulativen Praktiken des Statuserhalts.“ Würdet ihr die als unbewußt ablaufend bezeichnen?

  69. lars Juni 19, 2013 um 12:36 pm

    furetwin: Ich würde es eher als praktisch bewusst und routinisiert begreifen. Ich binn mir z.B. sehr klar darüber, dass ich damit bestimmte Körperpraktiken hegemonialer Männlichkeit reproduziere, wenn ich ins Fitnessstudio gehe, aber ich habe dass ja nicht immer präsent, wenn ich auf dem Laufband stehe oder ein Gewicht anhebe. Schwieriger wird es dann bei Sprechakten, dem Monopolisieren von turns in Gesprächen usw.
    Momo: Lebenspraktisch ist die Annerkennung vermutlich für die meisten Männer gleich welcher sexuellen Orientierung ein Problem. Nur nimmt sie verschiedene Formen und Schweregrade an – und die Lösung wird dann auch je unterschiedlich institutionalisiert.

  70. futuretwin Juni 19, 2013 um 12:58 pm

    Ich lese mich gerade mal durch dein Fitnessstudio-Thema, lars. Sehr spannend!

  71. futuretwin Juni 19, 2013 um 1:27 pm

    Soll ich Kommentare dazu hierrein schreiben oder lieber in deinen Blog?

  72. lars Juni 19, 2013 um 1:36 pm

    Ich glaube lieber in meinem Blog, ist ja nur ein Randthema zu den CW-Sachen hier…

  73. momorulez Juni 19, 2013 um 6:31 pm

    Nach den beruflichen Erfahrungen der letzten Tage – 😀 – glaube ich, dass all diese statusorientierten Machtspielchen und Ego-Kämpfe nicht bewusst ablaufen, sondern eher irgendwo in den Raubtiersphären des Gehirns. Das ist an (psychische) Überlebensinstinkte oder so was gekoppelt. Das macht ja all die CW usw. Diskussionen oft so krass, dass das Ego alles dafür tut, nicht in in sich zusammenzubrechen, und wenn sich diese Gefühle gegen andere richten, wird es zappenduster.

  74. frage Juni 29, 2013 um 2:58 am

    @ momo: Sehr bedauerlich das die Raubtiersphäre in deinem Kopf noch so groß ist, aber erklär mir doch bitte, wie Rassismus und Überlebensinstinkte zusammenhängen. Ist auch gutes Training für den Rest des Gehirns, welches noch nicht von der Raubtier/Macht/Ego/Zusammenbruchsschutz-Hemisphäre verschlungen wurde.

    Sorry, meine Instinkte drehen durch: ist eig alles Lieb gemeint, aber der Alkohol^^

  75. frage Juni 29, 2013 um 3:02 am

    „natürlich gibt es allerlei auch objektivierbare Tatsachen wie Racial Profiling, rassistische EU-Flüchtlingspolitik usw. CW ist ja keine Theorie für alle möglichen Belange, kann aber die Haltungen und Weltbilder, die hinter diesen ganzen Praktiken und institutionellen Ordnungen stehen, ganz gut erklären“

    welche haltungen und weltbiler (warum überhaupt mehrzahl) stehen denn dahinter?

  76. momorulez Juni 29, 2013 um 8:36 am

    Das Ego hängt mit Überlebensinstinkten zusammen, insofern auch das „White Supremacy“-Weltbild noch des gütigen Helfers, der arme, angeblich irgendwie infantile Schwarze paternalisiert, um sie dann zu tolerieren oder „Entwicklungshilfe“ zu betreiben oder wasweißich. Bricht das zusammen, ist das eine Art symbolischen Todes, weil Identitätskonstruktionen da dran hängen. Das merkste in jeder Diskussion auch zu anderen Themen, wo es heiß her geht – wenn es an das Ego, das konkurriert und dominieren will, stößt, wird das Ganze sehr schnell sehr raubtierhaft. „Haltungen“, die wie auch immer Weiße als PoC überlegen, das eigene Handeln als berechtigter usw, ansehen – das kann halt in paternalisierend gütiger Haltung ebenso auftreten wie in aggressiver Abwertung und ist gekoppelt an ein historisches Selbstverständnis, auf Seiten der Aufgeklärten und Progressiven zu stehen im Gegensatz zu anderen, die „unterentwickelt“ sind. Das kannste jetzt durch verschiedene institutionelle Ordnungen durchdeklinieren. Auf der Ebene des Rechtekatalogs z.B. auch: PoC gehörten eigentlich nicht hierher, deshalb sei es nett, wenn man sie überhaupt duldet, z.B.

    Ich finde jetzt diesen Fragenkatalog nicht wieder – es gibt da einen ganz guten, der so Fragen aneinander reiht wie „Würden Sie eine schwarze Vorgesetzte akzeptieren?“. Da kann man mehrere Haltungen dran ablesen.

  77. frage Juni 29, 2013 um 11:59 am

    Ach, ich glaube nun wirklich nicht das irgendein Ego in einer Disskusion gefahr läuft zusammenzuklappen, nur weil die eigenen Urteile widerlegt werden.

    „Auf der Ebene des Rechtekatalogs z.B. auch: PoC gehörten eigentlich nicht hierher, deshalb sei es nett, wenn man sie überhaupt duldet, z.B.“

    Ist doch gar nicht der staatliche Standpunkt hier. Was du beschreibst wäre ein faschistischer Staat der seinen Volkskörper als erstes rein halten will.
    Der demokratische Staat hat die unterteilung in In- und Ausländer allemal genauso drauf, aber er schränkt sie ein: Wenn die Ausländer dem Standort zunutze kommen, dann erlauben wir ihnen auch, hier her zu kommen.
    Das ist zwar eine unglaublich harte Gemeinheit, aber als Mittel zum Zweck sehr angemessen. Es gilt also, den Zweck zu kritisieren. Aber von einer solchen Kritik lese ich hier nirgendwo etwas. Bei aller Konzentration auf die herumschwirrenden Subjekte sollte man eben doch ncht die systematischen Gründe für ihr Leiden rausnehmen. Sonst wirt das nix mit dem duften Leben…

  78. momorulez Juni 29, 2013 um 12:28 pm

    Der Staat verhält sich aber PoC deutlich anders gegenüber als Weißen – bzw. seine Organe. Z.B. im Falle von Racial Profiling. Hör Dir mal an, was PoC da zu erzählen haben. Zudem „institutionelle Ordnung“ ja nicht nur die staatliche meint, sondern auch Zugänge zu Jobs, in Discos, das Verhakten von Weißen Schwarzen gegenüber im Allgemeinen.

    Das, was Du meinst, ist ja selbst schon Rassismus, weil Du bei nicht weiß prompt „Ausländer“ denkst. Gibt aber auch weiße Ausländer, und als weißer Ghanaer hast Du definitiv weniger Probleme als als schwarzer Ghanaer.

    Du versuchst gerade in beiden Threads so einen Marxismus für Anfänger – im anderen glaubst Du, die Moralisierung von Gesellschaftskritik zu kritisieren, in diesem reduzierst Du die Rassismusfrage auf marxistische Staatskritik. Das ist zwar bei manchen Leuten trendy, aber gerade beim Thema dieses Threads einfach ein Verschieben des Themas: Lass uns doch lieber über was anderes reden. Finde ich sowohl unhöflich als auch sachlich nicht angemessen.

    Hättest Du Situationen erlebt, in denen WHM-Selbstverständnisse in sich zusammen brechen und wie die dann reagieren, dann wüsstest Du auch, was das mit psychischen Überlebensinstinkten zu tun hat. Das sind ja narzißtische Kränkungen, und da Narzißten mit ihren Ersatzidentitäten sich ständig von Vernichtung bedroht sehen, gehen die schwer ab, wenn was schief läuft.

  79. Kalle Blomquist Juni 29, 2013 um 1:49 pm

    Ja, ich weiß von rassistischem Profiling. Aber Profiling ist immer rassistisch, nur nicht unbedingt gegen POC. Da wird nämlich behauptet man könnte aus dem Aussehen von Menschen auf ihren Charakter (und Straftaten) schließen. Das ist der Bullshit daran, ganz allgemein, und nicht erst wenn es sich auf POC bezieht!

    Nein, ich denke bei POC nicht automatisch an Ausländer. Mein Kommentar was den Standpunkt vom Staat darstellen sollte bezieht sich nämlich auf Ausländer und nur im weiteren Sinne auf POC die auch Ausländer sind.

    Ich will auch gar nicht bestreiten das POC im Alltag sehr viel Rassismus erleben. Aber sie sind nicht die einzigen die Rassismus erfahren (was nichts an der Härte daran wegnimmt). Und da frage ich mich schon wo dieser Rassismus herkommt. Und da ist der Marxismus für Anfänger glaube ich eine besser Erklärung als 2 Semester CW…

    Dann bin ich halt höflich und halte die Klappe…

  80. momorulez Juni 29, 2013 um 2:48 pm

    Wer ist denn bitte ansonsten noch von Rassismus betroffen? Es gibt noch eine anti“slawische“ Traditionslinie, ja, aber die äußert sich anders, so Scheiß die auch ist. Und Agitation gegen „Unterschichten, aber auch da gibt es Differenzen ob nun weiß gelesen oder nicht.

    Und es gibt ja diverse Ansätze, Marx auch für Antirassismusarbeit fruchtbar zu machen, klar, von Sartre über Fanon zu Stuart Hall und bestimmt auch viele, die ich im 2. Semester noch nicht hatte 🙂 – das, was Du einwendest, erreicht aber nicht das Feld von CW oder die Analyse von „White Supremacy“ und wird häufig eher angeführt, um weiterhin weißen Dünkel pflegen zu können. Gerde von linken, Berliner Antifa-Kids 😉 …

  81. Fritz Juni 29, 2013 um 9:20 pm

    Fahr mal in den Kongo, momo, da kannst du racial profiling erleben vom feinsten, und zwar gegen dich als weißen Mann. Überhaupt würde deine Identitätskonstruktion schneller zusammenbrechen als du „Ich will hier weg“ sagen kannst.

    Immer wieder faszinierend wie du deine exotischen Theorien grundsätzlich immer nur auf andere anwendest und nicht auf den Gedanken kommst, dass sie evtl. auch für dich selbst gelten könnten.

  82. momorulez Juni 29, 2013 um 9:40 pm

    😀 – mal ab davon, dass ganz allgemein postkolonialen Konstellationen Aggressionen gegen Weiße nur allzu verständlich sind, was da in Menschen vorgehen kann, hat Frantz Fanon ja sehr eindrucksvoll beschrieben: Der Kongo ist nun gerade ein Beispiel, wo koloniale Verhältnisse recht ungebrochen fortleben. Google mal ein wenig über den Zusammenhang von Krieg und Rohstoffausbeutung gerade in der Region. Da biste nun mit keiner Lesart äußerer Attribute sonderlich sicher.

    Das schwappte dann ja auch nach Ruanda, wo u.a. der Import germanischer Rasselehren den Völkermord gedanklich mit Kategorien versorgte. Gerade das Hutu und Tutsie-Thema ist ziemlich erhellend für in der Tat exotistische Perspektiven, die das Verstehen der Prozesse dort verhindern. Informier Dich ruhig mal.

    Würde auch aus anderen Gründen in viele afrikanische Länder nicht fahren – vor allem wegen der unsäglichen Verheerungen, die christliche Aktivisten da in Hirnen anrichteten, das ist ja bis heute auch eine koloniale Konstellation, die überall da, wo sie wirkte und wirkt, wahre Barbarei hervor brachte insbesondere hinsichtlich gleichgeschlechtlicher Sexualpraktiken. Das könnte ich mir nicht geben, was da abläuft.

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