Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Unsortiertes zu Yücels Plädoyer für kolonialrassistische Regime, das Erbe der „Aufklärung“ und was das mit Kunst zu tun hat

Im Grunde genommen ja langweilig, die ewig gleichen Textbausteine von Greiner bis Roenicke, von Fleischhauer bis Tsianos, von Hacke über Scheck bis Yücel zu kommentieren. Sie verharren in ihrer selbst verschuldeter Unmündigkeit, wanzen sich ran an die Macht und hassen mutmaßlich Kommunikation, Kunst und Kreativität.

Und die Freiheit des Anderen geht ihnen eh am Arsch vorbei. Sonst würden sie ja nicht alle den immer gleichen Marsch blasen und dazu im Gleichschritt argumentieren, triefend vor Rassismus, Sexismus, aber ausnahmsweise mal keiner Homophobie. Die aber vermutlich bei nächster sich bietender Gelegenheit im Zuge allgemeiner Besitzstandswahrung, Kritikunfähigkeit und Ego-Absicherung auch aufbricht, um sich als was Besseres fühlen zu können, so wie in Frankreich derzeit.
Es ist mir jetzt zu ermüdend, über Differenzen in der Konnotation von US-Vokabular und jenem in Deutschland zu dozieren (und ich bewundere die Akribie und Geduld Accalmies, das so großartig zu tun ebenso wie die von Halfjill!!!).

Ebenso nervt es mich, über die Ambivalenz der Aneignung diskreditierenden Vokabulars durch Diskreditierte zu sinnieren, das von Nicht-Betroffenen so gerne diskutiert und anempfohlen wird.

„Schwul“ ist da ja ein gutes Beispiel; es ist erstaunlich, wie häufig das Wort in abgrenzender Absicht an ganz normalen Arbeitstagen allerorten fällt, von Heten verwendet; wie angewiesen sie darauf sind, es ständig zu thematisieren, um sich als das Andere dessen zu positionieren. Ich war gestern nur einmal wieder verblüfft während meines Broterwerbs: Ständig. Dass „schwul“ zu den beliebtesten Schimpfwörtern auf Schulhöfen zählt ist bekannt; ob es nun sinnvoll war, es zur Selbstbezeichnung zu nutzen? Zunehmend sehne ich mich nach von Begriffen freien Sphären des namenlosen Begehrens, das nicht den Kategorien, die zugleich Hierarchien stabilisieren, sich unterwirft. Weil das Abgrenzungsbedürfnis „tolerierender“ Heten nur nervt.

Nun ist freilich schon der Einstieg in diesen Text dann hochproblematisch, wenn ich als weißer „Biodeutscher“ in Anspielung auf Kant, „selbst verschuldete Unmündigkeit“, Yücel gegenüber die Haltung einnehme, dass ich nun natürlich in Fragen der Kunst die Weisheit mit Silberlöffeln gefressen und der Muttermilch eingesogen habe. Er ist in Deutschland geboren wie ich, wird jedoch ständig erleben, dass er im Sinne des „Migrationshintergrundes“ markierbar ist – passiert mir nicht: Privileg. Nadia von Shehadistan konterte neulich köstlich mit „Faschismushintergrund“, den ich als Sohn eines Pimpfes definitiv habe.

Würde ich nun eine Haltung einnehmen wie Yücel in seinem rassistischen Pamphlet (Achtung, Triggerwarnung, schlimmer Text), wäre dies die der Neuen Rechten.

Er adaptiert dort  ein zutiefst kolonialrassistisches Bild: Da die Wilden und „Hysterischen“ (das kann man u.a. anderem bei Michel Foucault nachlesen, was die „Hysterisierung der Frau“ für eine gesellschaftliche Funktion hat; feministische KommentatorInnen werden bessere Quellen kennen), hier er, der aufgeklärte, um Kunst und Historie wissende Mann, der alles Eigene Kolonisierter in eine barbarische Vorgeschichte überführt; er, der selbstverständlich nur ausnahmsweise mal „die Contenance verliert“.

Das ist eine Reproduktion dessen, was sich z.B. bei Immanuel Kant findet: Der unterscheidet zwischen „Neigung“, die „natürlichen“ Impulsen folgt, und sieht so u.a. wörtlich in der „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ die „Südseebewohner“ von „Sinnlichkeit affiziert“ – und der vorsinnlichen, voremotionalen usw. Vernunft, bei Kant heißt das im Falle der praktischen Vernunft Pflicht.

Das ist das Grundschema des Kolonialismus zudem, Kant war da nicht Ursache, sondern Symptom: Auf der einen Seite die Vernunft, die Zivilisation, die Kultur, die Fähigkeit, das „Natürliche“ zu beherrschen, die Geschichte, die von weißen Männern gemacht wird – auf der anderen Seite das „Naturverfallene“, die „Horde“, nicht individualisiert, die nur kreischt und brüllt und trommelt.

Das ist die Perspektive, die sein Text einnimmt, der macht auch vor Pathologisierung nicht halt, und wie bei der Neuen Rechten üblich, tritt das Ganze auch noch als Totalitarismuskritik auf. Während der über den Dingen schwebende Mann nur kurz die Fassung verlor. So pflegt er sich perfekt in den bundesdeutschen Konsens ein, bemüht wie üblich die ja ungeheuer wirkungsmächtigen „K-Gruppen“ und vorsichtshalber auch die Prüderie der Katholischen Kirche zur Denunziation der Geotherten.

Das ist freilich das Muster, das nun auch permanent spätestens seit dem 11. September im hehren Kampf gegen „Islamofaschismus“ auch allen mit „Migrationshintergrund“ übergebügelt wird. So einer mit „islamischen Hintergrund“ solle mal nicht so sein Maul aufreißen, die müssten erst mal Reformation und Aufklärung durchlaufen, bevor sie überhaupt mitreden dürfen, so wird dann geplappert (u.a. von Herrn Gauck). Ich weiß nicht, ob Herr Yücel schon Opfer dieser Rhetorik wurde, er hat sie zumindest internalisiert als Integrationsmustermann.

Und glänzt ansonsten vor allem mit Ahnungslosigkeit. Erwähnt zum Beispiel den Völkermord in Ruanda, um zugleich ein ja nun so gar nicht zu romantisierendes „Vorher“, jenem vor dem Kolonialismus, zu behaupten.

Das ist nun gerade im Falle Burundis, des Kongo und Ruandas ziemlich interessant, wie dort ein „Vorher“ historisch-tatsächlichmit Hilfe des Imports germanischer „Rasse“-Lehren umgeformt wurde (ja, googelt mal deutsche Kolonialgeschichte), so dass der „Konflikt“ zwischen Hutu und Tutsi  später derart eskalierte – weil sie jeweils in einem anderen Verhältnis zu den Kolonisatoren, auch deutschen Kolonisatoren, standen. Dann traten noch die „Konflikte“ um die Rohstoffausbeutung im Kongo hinzu, „Kongolesische Kriege“ kann ja jeder selbst googeln, und das Radio der 1000 Hügel oder so ähnlich startete seine grauenhafte Propaganda.

Das sind wichtige Zusammenhänge, um das Fortwirken des Kolonialismus zu verstehen, um überhaupt darüber reden zu können – diese andeutungsschwangeren Phrasen in Yücels Text erhellen da rein gar nichts, sondern suggerieren nur irgendwas, dass die Achse des Guten sich befriedigt schmunzelnd zurück lehnen kann. Es ist schon erstaunlich, wenn einer, der wirklich witzig und sprachgewaltig Gauck geißelte, sich als dessen verkappter (und verkasperter) Bruder im Geiste erweist – der lebt ja auch von solchen inhaltlosen Suggestionen, weil die irgendwas mit Freiheit und Verantwortung zu tun haben KÖNNTEN.a

Haben sie aber nicht, und ganz besonders grotesk gerät wie üblich das Plädoyer für „Kunstfreiheit“. Bei Yücel tritt das auf als „Respekt vor der Authentizität von Texten“ 😀 – ja, ich müsste da wirklich lachen, ebenso bei der Phrase „Literatur wird auf Inhalt reduziert“.

Weil diese Form- und Inhaltsfrage komischerweise nie eigens thematisiert wird, wenn z.B. das Werk Thomas Manns als „bürgerliche Literatur“ behandelt wird – weil Form und Inhalt da halt korrespondieren: Buddenbrooks und bildungsbürgerliche Sprache plus „Dekadenzkritik“. Und Inhalt nun mal auch eine Dimension der Kunst IST.

Und umgekehrt die Moderne viel Kunst hervor gebracht hat, die die Pointe des Bilderverbotes, das es ja nicht nur im Judentum gibt, sehr ernst genommen hat, indem sie sich der Abbildhaftigkeit entzog, weil das Abbild fixiert, unfrei macht – etwas, was nicht-europäsiche Kunst, „afrikanische“ Masken-Performances z.B., immer schon wussten und konnten, sich von der Abbildhaftigkeit durch die Kraft der Imagination zu lösen. Weil  die Künstler der Moderne, sehr beeinflusst von „afrikanischer“ Kunst, um a.) die propagandistische Wirkung des abbildenden Realismus wusste, Clement Greenberg in „Kunst und Avantgarde“ zum Beispiel hat es prägnant und wirkungsmächtig formuliert am Leitfaden der Stalinismuskritik und b.) sie eben nicht einfach das Gegebene reproduzieren wollten, sondern eigene Freiheitsmöglichkeiten erkundeten in eigenen ästhetischen Räumen.

Das meint die Autonomie des Materials, in der Klänge, Farben, Worte sich dem gesellschaftlich Gegebenen entziehen, um es zu übersteigen und zu reflektieren. Das war Antrieb der abstrakten Kunst, aber ebenso atonaler Musik – und auch des Jazz. Das wundervolle Ornette Coleman-Zitat:

„Das Beste, was Schwarze über ihre Seele gesagt haben, haben sie über das Tenorsaxofon gesagt.“

das hier noch häufiger zitiert wird, ist eben auch deshalb so wichtig, weil von Coleman Hawkins über Lester Young bis John Coltrane ein Raum sich auftat, indem man gar nicht mehr diskutieren kann, was es mit dem N-Wort auf sich hat. Töne halt, wundervoll phrasierte, virtuos zelebrierte Klänge, Phrasierungen, Zitate, Umschmeichelungen, Anrotzen, Wegdümpeln, sanft die eigenen Wunden lecken. Und trotzdem all die Erfahrung mit Degradierung, Entwürdigung, Sklaverei, Segregation und auch Infantilisierung wie auch das Transzendieren all dessen in der Musik leb- und hörbar wird.

In exakt diesem Sinne sind all die N-Wort-Diskussionen ja so kunstfeindlich: Sie nageln fest, wo doch erst interessante, kreative Räume, also freie Räume des Kunstschaffens entstehen könnten, wo die Stigmatisierung als gesellschaftliche Gewalt überstiegen wird und man nicht am Gewohnten klebt wie ein Kaugummi am Asphalt, ausgespuckt, getreten – formal UND inhaltlich.

Und wie man das macht, da ist die Musik eines Lester Young, eines Louis Armstrong, einer Billy Holiday, einer Aretha Franklin schlicht lehrreicher als ein  Text von Denis Yücel oder Thomas Mann oder gar eine Sendung mit Denis Scheck. Bei denen lernt man ja nix Neues und bleibt so unfrei, gekettet an das gesellschaftliche Klischee, dessen Wirkung man in Abschiebeknästen und beim Racial Profiling betrachten kann.

Das mit den dem „Respekt vor der Authentizität des Textes“ ist auch deshalb so verräterisch, weil es so typisch deutsch ist: In diesem Land hat man Respekt vor Gesetzen, Gerichten, Kunstwerken, Pädagogen in Kindergärten – aber bestimmt nicht vor Personen in ihrem Personsein, Hier wird einfach alles zur Sache.

Gelungene Kunstwerke hingegen verdanken sich Praktiken wie Zuhören, Bobachten, Hinsehen, Sich-Einlassen auf den Gegenstand, auf Erfahrungen, die nicht die eigenen sind. Will man über die Wirkung und Funktionsweise von Rassismus künstlerisch reflektieren, verteidigt man nicht rassistische Sprache, sondern hört Betroffenen zu, sucht Wege, die eigene Position als Künstler eben nicht wissenschaftlich, sondern kreativ ins Werk zu setzen unter Vermeidung dessen, was stigmatisiertt. Würde statt jeder N-Wort-Debatte eine Kurzgeschichte, ein Gedicht, ein Song, eine Jazz-Improvisation gestaltet, die exakt das versucht, was ein Erblühen von Kreativität!!!

Diese inquisitorische Mundtotmachen derer hingegen, die statt des N-Wortes, also der Reproduktion rassistischer Positionen im rassistischen Regime Wege suchen, es hinter sich zu lassen, dieses Gebrülle – „Geh Bügeln!“ – ist einfach das Gegenteil dessen. Imitation ist keine Mimesis.

Immer einen Vertreter aufs Podium einladen, der selbst erfahren hat, was es heißt, Rassimus ausgesetzt zu sein, um ihn wortreich vom Podium zu stänkern, das ist nur eines diverser Rituale in Deutschland, um Freiheit zu bekämpfen und Kunst zu verunmöglichen.

Kunst ist ein Kommunikationsgeschehen, und das kann nur gelingen, wenn NICHT mittels Gewaltakten wie dem N-Wort Teilnehmenden eine Position zugewiesen wird von denen, die eh schon die Macht haben.

Erst der Respekt vor Personen – und seien es fiktive Figuren in einem Roman – und anderen Gegenständen dessen, worauf Kunst sich bezieht, auch im selbstreferentiellen Falle, ermöglicht jene Aufmerksamkeit, die bei gelingender Kommunikation notwendige Voraussetzung ist.

Im Sinne Clement Greenbergs produziert Yücel stattdessen …. Kitsch.

 

 

 

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4 Antworten zu “Unsortiertes zu Yücels Plädoyer für kolonialrassistische Regime, das Erbe der „Aufklärung“ und was das mit Kunst zu tun hat

  1. jonas April 28, 2013 um 10:34 am

    Als weiß positionierter Priviligierter sehe ich meine Aufgabe nicht darin, einem negativ von Rassismus Betroffenen vorzuschreiben, wie er sich zu verhalten hat. Deniz Yücel macht Veranstatlungen, auf denen er Leserbriefe an ihn vorliest. Darin heißt es zum Beispiel (Triggerwarnung: Rassistische Sprache, die Retraumatisierungen auslösen kann): “Ein Ausländer bleibt immer ein Ausländer. Siehe Türken.” Oder: “Gehen Sie doch zurück nach Fickdeppenarschland, wo Sie herkommen!” Oder: “Ich bin dafür, Ausländer auch mit deutscher Staatsbürgerschaft abzuschieben.” Oder: “Sie erzeugen doch nur Vorurteile bei Leuten, die vorher keine hatten.” Oder: “Den Sprung vom Eselskarren zur E-Klasse scheinen Sie nicht verkraftet zu haben.” Politically Incorrect bezeichnet ihn ironisch als “grün-migrantische, multikulturelle, islamische “Bereicherung””.

    Ich werde doch einem negativ von Rassismus Betroffenen wie Denz Yücel keine Regeln vorgeben, wie er damit umzugehen hat. Ich sehe meine Aufgabe darin, ihm zuzuhören, ihm Raum zu geben und meine Privilegien zu reflektieren.

    EDITH: Offenkundig wurde dieser Kommentar ganz und gar SPAM-mäßig in diversen Blogs gepostet, MR

  2. momorulez April 28, 2013 um 10:49 am

    Das ist ja eine ganz gewitzt ironische Anwendung des hier ansonsten Geschriebenen. Wenn Herr Yücel – wie zuvor schon Frau Kiyak, Herr Tsianos und das Migazin – sich als Oberclown der White Supremacy gebärdet, dann greifen all die kritischen Kriterien halt auch in seinem Fall, ganz einfach. Es wäre was anderes, wenn er mich vom Panel geekelt hätte – allerdings auch nicht in dem Fall, da er penetrant Schwulenwitze gerissen hätte in seiner „Heul doch!“-Schulhofattitüde. Zudem er ja potenziell vom N-Wort Betroffener NICHT ist.

    Es ist ja eher die Frage, was ihn zur Idenfikation mit PI getrieben hat. Identifikation mit dem Aggressor? Oder vielleicht auch das, was er selbst erwähnt im taz-Text, die vielleicht unaufgearbeitete Geschichte von Sklaverei und Rassismus im osmanisch-arabischen Raum? Ich weiß es nicht, und das ist dann der Punkt, wo ich im bundesdeutschen Kontext diskutierend ihm zuzuhören hätte, weil auch das ja PI-Masche ist, nun Sklaverei als „arabische“ Erfindung zu behaupten, um von all den von Weißen verübten Gräueln abzulenken.

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