Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Entrückt: FC St Pauli – 1860 München 3:1

3zu1

Es ist Dienstag Abend. Der Frühling hat ein wenig so getan, als sei er – ganz so, wie wir alle mal so tun, als seien wir, obgleich wir doch nur simulieren, tun als ob, in Rollenspielen und Egowahn verheddert.

Die Müdigkeit schleicht, hat mich umzingelt. Donald Fagen lässt gerade Harmonien hier aus den Boxen tanzen, die aus dem Jazz entsprungen sind, dem Sound urbanen Chaos‘ und Schwungs mit dampfenden Gummideckeln und Hydranten wie aus der Sesamstraße, waren da welche? Ich sehe Kinder in Sommerhitze auf glühendem Asphalt spielen vor dem geistigen Augen, jemand hat den Hydranten aufgedreht, sie lachen und schreien im Strahl vor Glück- wie in mythischen Bildern auf Leinwänden.

Lester Young hatte schon recht, dass es hilft, den Text zu wissen, improvisiert man zu den Songs aus dem „Great American Songbook„. Weil auch das Solo-Saxophon eine Geschichte erzählen kann, wenn es will. Vom Kloß im Hals, der fest gepropft nicht weichen will und das G2 immer zum Überblasen bringt in meinem Fall zum Beispiel, von zauberhaften Abenden in „Alma Hoppes Lustspielhaus“, da die Hidden Shakespeares, Weggefährten und die Mutter, die Tochter und die heilige Geistin aller Hamburger Improvisationstheater und darüber hinaus ihren 20. Geburtstag feierten, diese umwerfenden Rampensäue, diese großartigen Sänger, Schauspieler, Entertainer, die mir so ans Herz gewachsen sind und die so lange auf der Bühne zusammen als Ensemble stehen wie ich meinen Beruf nun ausübe. Ja, vor 20 Jahren Praktikant und noch immer fiel mir nichts Besseres ein – stimmt nicht! Seit kurzem weiß ich was und verrate es nicht! Das Leben kümmert sich schon drum!

Und dann stehe ich vor dem Lustspielhaus im Vorort, war’s Winterhude oder Ependorf?, so kommt es mir vor, wie Vorstadt, mir, der zumeist nur zwischen Neustadt und Schanzenviertel pendelt und allenfalls mal Abstecher nach Eimsbüttel Süd oder Ottensen unternimmt. Vorort mit gediegenen Prachtbauten an Alsterkanälen und Fährhäuser als Naherholungsziel, für manche zentral, für mich eine andere Story in der Stadt.

Mit Crazy Horst, St. Pauli-Wirts-Legende (und er ist auch so!) stehe ich da, und er schwärmt nicht nur von dem Auftritt der Hidden Shakespeares, bei dem wir jeweils lachten wie seit Jahren nicht, sondern auch von der zauberhaften Stimmung auf St. Pauli am Abend zuvor.

Weil der FC St Pauli ja gewonnen hatte und alle so chilly-groovy-happy durch das Viertel geschwebt seien und wie auf Bordsteinen aus Samt schwebten und die Story des Sieges zur richtigen Zeit vor sich hin summten … eben entrückt. Die vom magischen FC brachten es auf den Punkt:

„Nach dem Spiel vor dem Stadion eine so entrückte Stimmung, als wäre man gerade Deutscher Meister geworden.“

Weil eben auch die Mannschaft die richtige Story zum Song spielte, kraftvoll, energisch, dominant, sexy – zur „Bibel“, so heißen ja die entscheidenden Eckpfeiler, Figurenbeschreibungen Grundsettings bei  Soaps, Sitcoms und anderen Serien, bei uns gehört halt, dass, wenn eine „Rumpftruppe“ inmitten eines Lazaretts gegen den auf dem Papier (und Platz) so starken Gegner antritt, sieget. Klassischer Plot in den 12, bald 13 Jahren Millerntorerleben. Und immer wieder schön!

Und seien wir ehrlich, nimmt man denn so eine Saison anders wahr als eine Staffel Fiction? Eine Leib- und Magenserie? Eine, die zwischen Hochspannung und Schmierenkomödie, Schurkenstück (Der Schiedsrichter! Der Gegner, der sich immer fallen ließ!) pendelt und manchmal den Liebesreigen. an Abenden wie Samstag, eher die ruhigere, entspannte, reifere Form als die explosiv-leidenschaftliche Variante wie beim Heimspiel zuvor beim Tschauner-EinmalimLeben-Tor, entfaltet und zum Jubel animiert?

Die Hidden Shakesspeares verdichten all das an einem Abend, eine Fussballmannschaft zieht es mal quälend, mal genußvollvoll – und -fähig, weil die auf den Rängen gar nicht genug bekommen können, halt über 34 Spieltage hin (mit manchmal ein wenig Pokal on top).

Will die Helden des Spiels Thy und Daube nicht noch einmal beschwören, das haben andere schon vortrefflich getan (und es ist natürlich dummes Zeug, dass nun ausgerechnet der Schatten von Ebbers oder gar Bruns auf denen gelastet haben soll, liebes stpauli.nu, Umfaller, Wendehals, #brunsmussbleiben !), Bartels wurde für seine zwei Tore viel zu wenig bejubelt – auch, weil er den Refrain eines guten Millerntor-Abends auch ohne Worte so vortrefflich intonierte. Da reicht ja oft ein kurzer Hook, eben das „So nicht!“ gekonnt phrasiert nach dem Anschlusstreffer der Löwen, um die Melodie schlüssig erscheinen zu lassen und alle zum Mitsingen zu bringen. Sitzt das, können allerlei Verzierungen, Improvisationen, Tonartwechsel und Broken Chords drumherum arrangiert werden. Haben die Jungs prima gemacht!

Und man kann sicher sein: Alle summen den Song noch auf dem Nachhauseweg, dem Staffelfinale ein klein wenig entspannter entgegen schlendernd, Bochum fest im Visier … um jenes Spiel um Liebe, Drama, Rausch, Ernüchterung und Wahnsinn auf neue Höhen zu heben oder im Bühnenboden versinken zu lassen. Oder auch das Publikum einbeziehend, vielleicht die Gästefankurve beim VFL, also die unsere, zum Gospelchor mutieren zu lassen, der „Oh Happy Day“ anstimmt als Verbeugung vor denen, die das viel besser singen können …

Bei den Hidden Shakespeares ist eines der Formate, um das herum sie kurze Lacher wie komplexe Plots gleichermaßen improvisieren, dass sie sich von Romanautoren Anfänge schreiben lassen. Diese werden ihnen versiegelt auf die Bühne gereicht, und sie legen los …

Welche Anfänge wohl die nächste Staffel einläuten werden? Veröffentliche gerne Vorschläge.

Zunächst freilich heißt es Abschied nehmen. Mit Teddybären.

Was ja gar nicht der Rockstar-Abschied ist, muss Stpauli.nu schon wieder widersprechen – mit Heroin im Blut auf irgendeiner Toilette am eigenen Erbrochenen zu ersticken, darum geht es ja zum Glück nicht.

Teddybären, das wirft Mann  ja eher auf Boygroups von den Beatles bis Take That, und spätestens nachdem mir nach all dem Jazzhören Metallica-Sounds im Stadion wie nackte, sinnlose Gewalt erschienen, ist ein „Back for Good!“ oder auch „We love you, yeah, yeah!“ eh viel angemessener als Rockscheiße.

Oder mal wieder Jackson Browne ausgraben?

Why don’t you stayyyyyyyyyyyyyyyy … “ … bitte …

Advertisements

14 Antworten zu “Entrückt: FC St Pauli – 1860 München 3:1

  1. ring2 April 16, 2013 um 10:54 pm

    Hurra, ein Widerspruch.
    Zuerst aber ein klares Ja, da gab es Gullideckel in der Sesamstrasse, und diese Treppe auf der die alle saßen und vorne links dann der Hydrant. Das war aber in dem ersten Jahr nur so, als Bob und Co. uns noch im US-Original ins Bett brachten … hachja, wie schön.
    … und das, was Du da anders wahrnimmst in der Stadt ist auch eine andere, nämich Hamburg. Vergisst man ja oft, dass unser Leben vornehmlich in Altona sich abspielt, oder auf dem Feld dazwischen.

    … und so ein wenig mehr John Belushi kann auch Marius Ebbers vertragen, bei seinem Abschied – ich finde Teddys doof, vor allem wenn sie mit nach Absprache mit den „Offiziellen“ aufgefordert choreografiert werden. Da fällt „uns“ doch sicher was besseres ein, auch als „Schlübber“, bitte nicht falsch verstehen. 😉

  2. momorulez April 16, 2013 um 11:05 pm

    Ich so als nun wirklich im „alten Hamburg“ wohnend muss diesem Altona-Zentrismus dann doch widersprechen 🙂 – ich verlasse ja jeden Morgen die Stadt ins „Feld dazwischen“. Winterhude und Eppendorf waren aber irgendwelche Dörfer, und die Hoheluft, glaube ich, noch nicht mal das, ich glaube, da stand lediglich der Galgen …

    Und eigentlich finde ich Teddybären werfen als alter Take That-Fan, hach, damals ’93 in der Alsterdorfer Sporthalle, toll war das, in der Mitte ein Pulk kreischender Mädels und drumherum ein Kranz von alternden Lederschwulen 😀 – toll. Und sie tanzten im Fummel, hatten diese Bandanas in den Jeanshinterntaschen, großartig. Ich käme nur von meinem Platz niemals bis auf den Rasen 😀 … ich kann nicht so weit werfen.

    „If you leave us now, you take away the biggest part of us“ singen wäre freilich noch schöner.

    An diese ganz frühen Sesamstraßenfolgen kann ich mich sogar noch erinnern …

  3. Pingback: Den Löwen die Zähne herausgearbeitet » Magischer FC

  4. ring2 April 17, 2013 um 6:58 am

    Ich hab bei Amazon einen Take That Teddy gefunden, den können wir ja nehmen. Ich hab natürlich nix gegen Teddies, nur gegen das abgestimmte, das offizielle an dieser Freu-Choreo, die ja eigentlich auch eine traurige ist.

    Und dass Flo bleiben muss, ist ja eh klar, beobachtet habe ich das aber sehr wohl, dass die jungen Boys immer dann einen Schritt nach vorne machen, wenn die alten Kempen verletzt oder krank sind.

  5. momorulez April 17, 2013 um 7:16 am

    Aber Flo und Ebbers und Boll standen auch derart oft NICHT auf dem Feld, wenn die richtig fade (Daube) und desorientiert (Thy) spielten, das halte ich für eine schräge These.

    Take That-Teddies finde ich super 😀 … und ist das verordnet, wenn die Spieler auch mal eine Idee umsetzen wollen?

  6. Pingback: #FCSP und die Celtic-Party gegen 1860 | KleinerTods FC St. Pauli Blog

  7. ring2 April 17, 2013 um 8:08 am

    „hab jetzt mal ein bisschen rumgefragt bei den verantwortlichen!“

  8. momorulez April 17, 2013 um 9:56 am

    Ja, ob er das initiieren können darf, oder? Wenn Orth sich das ausgedacht hätte wäre ich ja auch dagegen 😀 …

  9. schwartz65 April 17, 2013 um 5:25 pm

    Teddys are OK, wenn auch nicht das denkbar Originellste, wer hat denn aufgebracht, dass die Offziiellen sich das ausgedacht hätten? .

    Thx momorulez für die Richtigstellung was die östlich der Alster gelegenen “bürgerlichen” Stadtteile angeht. Ich habe bei manchen Altomarktschanzenkiezlern immer mal den Eindruck der Betriebsblindheit. Kürzlich wurde ich in völliger Verkennung/ Ignoranz/ Unkenntnis der tatsächlichen Distanz bemitleidet, daß ich von der Clemens-Schultz-Straße um elf Uhr abends noch “raus” nach Uhlenhorst müsse.
    Ja und danke für die die Appearance vom großen Donald Fagen.

  10. ziggev April 19, 2013 um 6:13 am

    in HH haben wir diese Vorstädte, Dörfer, die irgendwann zu mehreren Vorstadtgürteln zusammengewachsen sind. Früher wurden die Steine, die zur Errichtung der Stadthäuser erforderlich waren, vom Norden über die Alster heruntertransportiert. Ich glaube, später dann wurden für denselben Zweck von den reichen Stadthamburgern sie Straßen finanziert, die immer nur sternförmig vom Norden in die Innenstadt führten. Bergstedt, Sasel, Meiendorf, Berne, Farmsen usw., wo ich östlich der Alster mein Dasein friste, waren früher durchaus eigenständige Dörfer. Man fährt immer nur diesen „Sternstraßen“ entlang in die City, Kommunikation auf der Ringebene findet sogut wie nicht statt. Das betuchtere Leben, wie ich es kenne von meinen Nachbarn, wie es etwas nördlicher stattfindet, ist dörflich. Städtisches Leben findet nur in einigen wenigen Stadtteilen statt. Hamburg ist ein Dorf. Abgesehen von ein ein zwei Vierteln in der City, die Altstdt, St. Pauli, die echte City. Der Rest sind zusammengewachsene Dörfer. Zusammengewachsen nicht zu einem wirklichen Stadtgebiet. Desh. ist Hamburg so klein. Zwischen den nur halb zusammengewachsenen Dörfern, die zumeist das Stadtgebiet insgesamt bilden, findet sogut wie keine Kommunikation statt Was hat bitte Barmbek mit Winterhude zu tun? Welten dazwischen. Man bewegt sich immer nur in „die Stadt“ (und zurück) und lässt die anderen Dörfer links liegen.

    Als in der verdörftlichten Vorstadt lebend fühle ich mich als echter Hamburger, seitdem das St, Pauli-Experiment, über mehrere Jahre, aber nicht nur aus finanziellen Gründen gescheitert, zuende war.

  11. ziggev April 19, 2013 um 6:25 am

    PS: Die Veddel ist noch einmal ein besonderes Thema,

  12. momorulez April 19, 2013 um 11:05 am

    Gerade, was diese endlosen Ost-Bezirke betrifft, stimmt das total … Wandsbek hat noch ein wenig ein eigenes Zentrum und Barmbek mit der „Fuhle“ auch, aber ich bin neulich mal eine Station weiter als Volksdorf gefahren, um ein Saxophon anzuspielen, und war wieder erstaunt, durch wie viel Niemandsland man da fährt. Eimsbüttel, Eppendorf, Ottensen sind ja auch noch mal so Ecken, wo man gelegentlich auch mal ist, wo es dann eigene, kleinere Zentren gibt, aber auch da schließen ja das Niendorfer, Schnellsener usw. Nichts an – und so Felder wie Langenhorn oder Sasel, das ist für mich einfach Grauzone im Nirgendwo, da war ich auch noch nie. Harburg und Bergedorf sind dann noch mal ein eigener Schnack, und Ahrensburg dann ja auch wieder.

  13. ziggev April 19, 2013 um 5:02 pm

    oh, ja, Ahrensburg – das absolute Grauen. Kenne da Drogenabhängige, denen der dortige Bürgermeister himslef vorgeschlagen hat, er würde für sie schon eine andere Wohnung in einem anderen Stadtteil suchen, sie müssten einfach nur wegziehen. Da kannst Du keinen Deal durchziehen, ohne dass die Polizei davon was mitkriegt. Total korrupte Angelegenheit. Als Risikoperson musst Du zusehen, dass Du Dich mit dem Bürgermeister gut verstehst. Oder der Verwaltung. Das sind echt noch feudale Verhältnisse. Es zählt nicht das Recht, sondern die Beziehung zur Verwaltung/Bürgermeiserters um im Zweifelsfall zu überleben. Typisch: es war ein geplatzter Deal, mit, traurigerweise anschließender Messerstecherrei, woraufhin sämtliche Dealer in Nord-Ost-Hamburg verraten wurden. (Nicht die „harten“ Sachen.)

    Das sind echt noch feudale Verhältnisse. Um als „Penner“ oder so zu überleben, brauchst Du da echt Beziehungen zu „ganz oben“. Dein Leben als Drogenabhängiger wird gedeckt, wenn, dann von ganz oben. Kontrolle total. Kannte da mal n Versicherungsmenschen, der nen Betrug durchziehen wollte. Was denkst Du? Flog natürlich auf. Weil die Verwaltung (die Polizei) selbstverständlich alle Kleinkriminelle in der Umgegend in der Hand hatte, die er als Komplizen benötigte. Alle Leute, die ich aus Ahresburg näher kannte, haben unterdessen Selbstmord begangen.

    Wenn ich nicht gesehen hätte, wie da Leute einfach so wegkrepiert sind, würde ich Ahrensburg als ein Wohlfühl-Reflexionsobjekt über vergangene feudale Zeiten, die sich immer noch in der Gegenwart spiegeln, Schimmelmann und Rantzau, betrachten.

    ———————

    Über West-Hamburg kann ich jetzt nicht mehr viel sagen. Etwas mehr verstädtert, gehobenes Bürgertum, weniger die Dorfstruktur. Vermutungen. Ich weiß nur, dass die Wettkämpfe der Schachspieler früher Ost-Alster versus West-Alster in Hamburg abliefen.

  14. ziggev April 19, 2013 um 5:07 pm

    PS: und dann gibt es noch die „Ahrensburg-Nase“. Ergebnis feudaler Struktur plus Untergebenen-Inzucht.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s