Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Die Saxophon-Dialoge, Teil 7 (Nachtzug nach Erfurt)

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Frage mich manchmal, was wohl wäre, wenn ich im Koffer meines ’52er-Tenorsaxophons der Marke „Akustik“ aus der ehemaligen DDR ein vergessenes Tagebuch gefunden, mich in es vertieft hätte, in fremde Leben – meines in Frage stellend?

Oder einen rätselhaften Brief, vielleicht ein Klassenfotos, auf dessen Rückseite mit bräunlich verblichenen Lettern „Erwin war’s! Ich vermisse sie so – das Schwein!“ geschrieben stünde. Letzteres nebst einer Todesanzeige, „Rosemarie Olschewsky“, verstorben am 15. 5. 1989 in Marktneukirchen, Thüringen.

Ob ich mich dann wohl paralysiert und fasziniert in den Nachzug nach Erfurt gesetzt hätte?

Ahnend, dass dieser plötzliche Aufbruch, bei dem ich alles stehen und liegen ließe, irgendwann mit einem europäischen Starensemble verfilmt würde, schrübe ich darüber? Charlotte Rampling als Rosemaries Mutter und deren Affäre mit einem Stasi-Offizier, die in tragischen Verwicklungen Erwins Tat motivierte?

Gewappnet mit den Mitteln der Bewusstseinsphilosophie bin ich schon auch ein wenig, wobei mir so eine Knaller-Metapher wie „Brille geht kaputt, der gebrochene Held bekommt eine neue Brille = er sieht die Welt mit neuen Augen“ und zudem auch glatt seinen Urlaubsflirt, die Optikerin, bestimmt nicht einfiele.

Obwohl in Kraslice jenseits der Grenze zur damaligen CSSR bestimmt auch Widerstandsgruppen aktiv waren und Rosemaries Mutter ja vielleicht während des „Prager Frühlings“ … na, auf ein philosophisches Prachtwerk wie jenes Peter Bieris alias Pascal Merciers kann ich nicht zurück blicken. Hab nur mein Blog. Jean-Paul Sartre hat mir aber, glaube ich, anderes erzählt als ihm … zum Beispiel, wieso es philosophisch relevant ist, wenn man schwitzt und ein Hemd auf der Haut kratzt. Wobei so was im „Nachtzug“ auch vorkommt. Der Held ist auch vorsichtshalber von chronischer Schlaflsigkeit gebeutelt. Das macht Figuren interessanter und sorgt für Emphatie.

Wobei im „Nachtzug nach Lissabon“ ja dieses Motiv „Freiheit von“ versus „Freiheit zu“ auch durchgespielt wird – in der Verfilmung etwas krude, beim Buch bin ich auf Seite 130 stecken geblieben, da weiß ich nicht, was noch kommt.

Was ja viel mit dem Saxophonspielen zu tun hat. Entweder man, also ich, spielt es oder hört nur zu … um den Geschichten von Sonny Rollins, Dexter Gordon, den Visionen von Trane mit anderen Ohren zu lauschen, nimmt man, also ich die Tröte und vollzieht noch intensiver deren Genie nach. Weil man, also ich, so weit davon entfernt ist.

Was man, also ich, so alles tat, um mir die Welt vom Hals, buchstäblich vom Leib zu halten … überblase im Moment immer das hohe G. Mein Lehrer sagt, mein Hals „mache da dicht“. Denn, was mein Musikpädagoge einst, der von früher, mir nie vermittelte: Saxophon spielt man mit nicht nur mit den Lippen, sondern mit dem Rachenraum. Und ich scheine so eine Art chronischen Kloß im Hals zu haben. Vor allem hohen beim G. Der löst sich allmählich. Manchmal weine ich fast, und das tut gut.

Wie die ganzen Körperspannungsverhältnisse sich lockern und umstrukturieren, wenn man, also ich, regelmäßig in so ein Horn pustet … so im Laufe des Lebens hat man, also ich, mir ja angewöhnt, stets die Abwehr des nächsten Urteils vorweg zu denken, der nächsten Intervention von Kunden in das, was ich für richtig halte, dem nächsten Banken-Ranking … also, irgendwann ziehen sich, verstärkt durch Computertastaturbedienungshaltungen, die Brustmuskeln zusammen, die werden tatsächlich kürzer, die Schultern gehen nach vorne, der Kopf senkt sich, stets zum Gegenangriff bereit, auf das fixiert, was man, also ich, mal wieder zu vermeiden und zu verhindern suche … und plötzlich spiel ich einfach, was ich will. Tut gut. Jenseits der Notwendigkeit angekommen nutzlos tuten. Toll.

So steht man, also ich da, mit Goldie Horn, meinem Hauptinstrument, um den Hals gehängt einfach so da und muss das Zwerchfell anspannen, mich aufrecht hinstellen, den „Hals aufmachen“, die Lippen locker lassen und darf diesem Wunderhorn Jauchzen entlocken … und jauchze mit. Bis das hohe G überbläst.

Das ist gerade angesichts des Bankenrankings ganz interessant. Firmen erhalten ja auch so was. Das setzt sich zusammen aus Jahresabschluss, Kontoverhalten, regelmäßigem Bedienen der Kredite, Eigenkapital und Branche. Ich weiß nicht, ob Herr Mercier alias Peter Bieri später noch auf die darin enthaltene Anthropologie eingeht in seinem Roman, aber Philologie-Lehrer mit genug Geld auf dem Konto, so einer ist ja der Held im „Nachtzug“, interessiert das vermutlich nicht so sehr. Während ich im Gespräch mit der Bank ausrief „Das bestätigt ja ganz die Gesellschaftstheorie Luhmanns!“, diese anhand von irgendwie codierten Kommunikationsparametern erzeugten Pattern, die Eigenwuchs entfalten und auf die Bewusstseinsleistungen gar keinen Einfluß haben … nur dass man Bankenrankings nicht auf dem Saxophon spielen könnte. Da gibt es auch Patterns, Licks, Skalen usw., aber so was kriegt man vielleicht am Klavier hin, aber nicht mit dem Saxophon. Das ist zu individuell.

Man kann gegenüber diesen Kommunikationspattern mit Macht über das eigene Leben auf Abwehr gehen, sie hin nehmen, sich daran orientieren, unseres sieht auch okay aus, aber es ist eben doch das Gegenteil von der Musik, an der man, also ich und alle anderen, spielend TEILNEHMEN können. Deshalb wird in diesem Land so selten gemeinsam musiziert, mal einfach so zwischendurch. Das wäre ja die „Freiheit zu …“. Das war immer die Kritik von Habermas an Luhmann: Dieser würde nur die Beobachter-, nicht jedoch die Teilnehmerperspektive erhellen … sollte man sacken lassen, was das heißt.

Das macht ja auch das Geschmäckle der „Nachtzug“-Verfilmung aus: Da lauscht – beobachtend – Jeremy Irons Folteropfern und neidet denen ihr intensives Leben … weil er sich so langweilig findet. Urgs.

Immerhin habe ich eine irgendwie versteckte Mini-Disc im Koffer meines Goldie Horn entdeckt. Goldie Horn kommt eigentlich aus Taiwan, aber der Koffer, den habe ich dazu bestellt … muss mal checken, wo diese Firma sitzt, die den her gestellt hat. Und meine Mini-Disc-Player irgendwie wieder in Gang bringen.

Und dann noch dieser Typ, der sich vorhin fast vor den Bus geschmissen hätte – konnte ihn gerade so zurück halten. Er verschwand, und ich fand mich an der Bushaltestelle mit seiner Jacke in der Hand alleine wieder.

Wenn ihr wüsstet, was ich da in der Jackentasche entdeckt habe …

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8 Antworten zu “Die Saxophon-Dialoge, Teil 7 (Nachtzug nach Erfurt)

  1. lalberth April 11, 2013 um 1:51 pm

    Oh Mann, Du hast den Roman auch aufgegeben, was? Ich habe ihn irgendwann nicht mehr ausgehalten und abgebrochen. Romanelesen ist ja Zeiterfahrung, ebenso wie Musik. Und die ist doch irgendwie kostbar, die Zeit. Ich mache ja gerade die umgekehrte Erfahrung: Nobody to talk to, und wenn, dann suchen alle mühsam nach Worten. Dafür fange ich ja gerade damit an, den schweigenden Körper zu geniessen. Was ich bisher so auch ganz selten hatte.

  2. momorulez April 11, 2013 um 1:57 pm

    Ja, ich fand selbst die Strecke bis S. 130 echt quälend und wenig inspirierend. Musste – oder wollte – mich halt mit der Verfilmung auseinander setzen, beruflich, wunderte mich über einiges und bin dann noch mal ins Buch gegangen. Weiter kam ich aber nicht. Und schon diesen Anfang fand ich so klischeehaft, auch die Art, wie die Diktatur bemüht wird, Tiefe zu suggerieren, drum musste ich oben ein wenig witzeln 🙂 …

    So ganz kommunikationslos ist aber nicht schön. Trotz Genießen des schweigenden Leibes.

  3. lalberth April 11, 2013 um 2:04 pm

    Ehrlich gesagt, ich habe die Stotry schon wieder vergessen. Ich weiss nur, dass es zäh zum lesen war, ich mal wieder die Motivation des Helden nicht nachvollziehen konnte und dass mich die philosophischen Pf¨tzen ziemlich nervten.

    Ganz kommunikationslos bin ich ja nicht. Zwischen 9.00 Uhr morgens und 16 Uhr nachmittags kann man immer jemanden finden, um sich zu unterhalten. Danach und am Wochenende wird es schwierig…

  4. momorulez April 11, 2013 um 2:43 pm

    Weiß ja nicht, wie im Buch die Story weiter geht; im Film grast er halt eine Widerstandsgruppe gegen Sarrazar (?) ab, in der eine Frau den Proletarier zugunsten des Arztes verlässt, der dann aber auch von ihr verlassen wird. Und weil sie sich irgendwas Wichtiges gemerkt hat, wird sie Auslöser der Nelkenrevolution. Und der Arzt stirbt an einem Anorisma im Hirn, das platzt, von dem er schon ewig wusste, das wie ein Damoklesschwert über seinem Leben hing – und dessen Schwester macht aus seinen schriftlichen Hinterlassenschaften ein Buch. Das nun findet der „Held“ in einem Mantel, den eine mutmaßliche Selbstmörderin, die er rettet, damit sie nicht von einer Brücke springt, bei ihm in der Schule hängen lässt. Und dieses Buch fasziniert ihn so, dass er sich auf die Suche nach dem Autor macht. Und dann erzählen ihm brav – und man versteht auch nicht, warum eigentlich – alle Überlebenden die Geschichte von einst, die ich oben skizziert habe. Wie in einer Nummernrevue. Die Zitate aus dem Buch des Arztes, die in dem Film zitiert werden, machen absolut nicht klar, was den „Helden“ daran nun eigentlich so faszinieren könnte, der hat als Altphilologe nun weiß Gott schon Größeres in die Finger bekommen, von Platon bis Marc Aurel usw. Das Ganze wird aber in so einem Existentialismus light, eher Jaspers, „Grenzsituation“, als Sartre, aufgehängt, der mich auch schon auf den 130 Seiten wirklich nervte – kombiniert mit ein wenig „Philosophy of Mind“.

    Da ist „Les Chemin de la Liberté“ von Sartre wirklich um einiges hochkarätiger und hat ein ähnliches Thema.

    „Der Ekel“ passt ja auch ein ganz klein wenig zu dem, was Du aus Umea schilderst 😀 – da ist die Hauptfigur doch auch auf Forschungsreise im Nichts. Das wollte ich mal im Portugalurlaub am Strand lesen, das ging nicht. Will ich als Lektüre jetzt auch gar nicht empfehlen.

  5. lalberth April 11, 2013 um 3:45 pm

    Oh, der Ekel. Den habe ich mit 19 oder 20 gelesen. So gegen Ende der Schulzeit, Anfang Zivildienst. Ich würde hier das ja gar nicht so sehr als Forschungsreise ins Nichts bezeichnen. Ich habe eher das Gefühl einer Ausblendungen von Alltag. Eine Interimsexistenz, die ich langsam zu schätzen anfange.

    Jetzt, wo Du den Inhalt darstellst, erinnere ich mich daran. Ich glaube ich habe ungefähr da abgebrochen, wo er zum Haus der Schwester kommt…

  6. Bel April 12, 2013 um 9:33 pm

    Yo Momo,..respect ya,..werde morgen meine StereopHony zum Absirdistan der bolschewistischen Munich Veranstaltung feiern und der gleich meinen Antifaschistischen Allah als Geburtstag als Zwilling zur gesunden Merkel porn equality bewegen..dir alles Gute zur Instrumentalisierung der Bewegung im Quarter…yoo hooo aussem Ghetto! Ostpunx crust never dies!

  7. Trude April 14, 2013 um 8:13 am

    Ein zerknülltes Papiertaschentuch mit eingetrockneten Rotz. Ein verbrauchter Kugelschreiber nun herrenlos. Dazu eine längst abgelaufene Clubkarte für ein Sonnenstudio. All diese Fundstücke gehen heute ein her mit Sonnenschein bei 17 Grad und 35 Punkten. Mit steigender Temperatur vergrößert sich der Möglichkeitsraum dieses Tages. Ins Strassencafe flanieren. Es ist so schön wenn die Verkniffenheit aus den Gesichtern weicht.

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