Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

„Ich sehe aus dem Augenwinkel nur ein hellblaues Trikot reinfliegen und plötzlich war es unfassbar laut.“ – Florian Bruns

Von hinten erzählen? Vorne anfangen? Mitten rein springen?

Vorgeschichten ausmalen – wie schön es z.B. ist, in dieser traumhaften Stadt zu leben, trotz allem, trotz Neumann, Scholz, Gentrifzierung? Wie gut es sich anfühlt, an arschkalten Frühlingsabenden durch den Park der Abendsonne entgegen zu gehen, in Erwartung dessen, die Boys in Brown gleich auf dem Platz zu sehen, vertraute Menschen in und um das Stadion zu treffen, wenn das Bier schmeckt und die Seele braun-weiß lacht?

Klar, bin auch kein potenzielles Opfer von Racial Profiling, nicht von Abschiebung bedroht – erinnere mich aber gut daran, wie einst, als ich noch in dem Alter und der Form war, da man Erfolge auf dem Fleischmarkt feierte, mich drei bis vier mal umsah, bevor ich mit dem jeweiligen Typen los knutschte auf offener Straße.

Weil man ja zumindest ahnen konnte, wer darauf gewalttätig reagieren könnte …

Nun sehe ich manchmal deutschtürkische Jungs Händchen halten durch die Wallanlagen streifen. Und freue mich dann. Ja, ist „nur“ Freundschaft zwischen denen, aber nicht umsonst formulierte Michel Foucault einst in vielen Interviews, dass sich als schwul erfinden als Freundschaft zu anderen Männern verstanden werden  könnte – durchaus in Abgrenzung zu oft von sexistischen Hierarchien und Role-Models durchdrungenen, heterosexuellen Beziehungen. Und auch deshalb: Unbedingt lesen, den Text!

Weil ich auch manchmal das Gefühl habe, dass Homo-Ehe für manche Heterosexuelle auch deshalb so befürwortenswert ist, weil man sich deren Lebensformen damit anähnelt. Was ich nie gewollt hätte. Bin ja trotzdem für die rechtliche Gleichstellung, fand aber das Abenteuer, in jeder Konstellation erst mal entdecken zu müssen, welche Spielregeln man zusammen erfindet, immer ziemlich gut am schwulen Leben.

Ja, „Lieb doch wen Du willst!“ – schönen Dank auch, mach ich eh 😉 … aber ich will ja gar nicht nur nörgeln. Ich habe mich wahnsinnig über die wirklich imposante Choreo gegen Homophobie gefreut (und über die Wunderkerzen auch!!! Unser Feuerzeug versagte leider), über die immense Arbeit, die es bedeutet, die ganze Haupttribüne mit Regenbogen-Pappen und Flyern auszustatten, waren ja auch welche aus der „Bezugsgruppe“ dabei, 1000 Dank!

Foto

(Dank auch an Stefan Groenveld, dessen Fotos ich hier ungefragt warholisiert habe. Begreife das ja schon als eigenständige Kunstwerke, was ich hier mache, aber die Vorlagen von ihm sind toll!!!).

Rund um mich auf der Haupt hörte ich auch keine doofen Sprüche während der Choreographie, von der Gegengerade war anderes zu vernehmen – blödes Gewitzel soll dort nicht nur vereinzelt um Freunde herum geplappert worden sein. Doch um mich herum hielten auch solche, die beim PC-Test durchfallen würden, durchaus mit Emphase die Pappen hoch. Was sich sehr, sehr gut anfühlte.

Schade, dass Rainer Wulf und Herr Orth mitten in dieses Gefühl hinein tölpelten, um Marius Ebbers sein hochverdientes Geschenk zum hundertsten Zweitligator zu überreichen. Habe ich als Respektlosigkeit dem Choreo-Aufwand gegenüber empfunden, dass, so weit ich das hören konnte, der Präsident des FC St. Pauli, der Respekt für sich stets einfordert, da keinerlei Worte fand, auf dieses ja in Vereinsgeschichte und Gegenwart nicht randständige Motiv zu reagieren. Ist ihm das ggf. auch gar nicht so wichtig?

Es ja eben nicht so, dass da irgendwas egal wäre, wenn es um „Homosexualität“ geht. Oder dass es nicht anders wäre, wenn man als schwul markierbar durchs Leben liefe – es IST anders.

Und es ist auch nicht der Rekurs auf irgendwelche Werte einer Fanszene, der da wichtig wäre oder das Herausstellen einer besonders coolen Eigenschaft heterosexueller Menschen, dass sie nicht homophob seien (sind eh alle irgendwie, wie auch sonst in dieser Kultur, auch Schwule können grauenhaft homophob sein, ich auch, und unter feministischen Lesben finde ich die Schwulenfeindlichkeit oft erschreckend, vor allem dann, wenn das Thema „Homonationalismus“ diskutiert wird oder Klischees von den „besserverdienenden Schwulen“ gepflegt werden).

Es geht darum, dass Marginalisierte und Diskriminierte andere Biographien haben, sich herum schlagen müssen mit Situationen und Reaktionen, die Unmarkierte und Nicht-Marginalisierte einfach nicht erleben. Und das prägt.

Insofern sind nicht Werte wichtig, sondern Menschen.

Solche, die sich so frei entfalten können wollen wie alle anderen auch, ohne ständig mit irgendwas belegt und überschrieben zu werden, was sie daran hindert. Das Ziel ist der „Safe Place“ – für Frauen ein Raum, ohne sexistisch drangsaliert, für PoC, ohne mit rassistischen Klischees konfrontiert zu werden, für Lesben und Schwule, nicht ständig ihre Lebensweise als Beschimpfung oder Herabwürdigung zu hören und latenter Gewaltandrohung ausgesetzt zu  zu sein.

Dass Zentrum der Choreo das Alerta-Plakat war, fand ich bei aller Bewunderung und allem Dankeschön für den Mordsaufwand etwas zwiespältig – das ist ja immer die Gefahr, dass Lesben, Schwule, Bi- und Transmenschen wieder hinter dem Sich-gut-Fühlen Heterosexueller schlicht verschwinden. Analoges gibt es ebenso in der Antirassismus- und Antisexismussarbeit. Auf der Gegengerade gab es – Danke, Kleiner Tod für „Vielfalt statt Einfalt!“ und auch an jene, die gegen Normierung wetterten – auch saucoole Plakate.

Umgekehrt fand ich prima, dass in Zeiten, da Antifaschismus steter Gefahr unterliegt, kriminalisiert zu werden, unter „Extremismusverdacht“ gestellt, dass so und auf diese Weise, Alerta als Netwzerk antifaschistischer Fussballfans, betont wurde, dass der Kampf gegen Homophobie (oder wie immer man das auch richtig nennen möchte, Schwulen- und Lesbenhass wie auch die Ignoranz derer, die sich nicht kategorisieren lassen wollen oder sich Geschlechternormen entziehen) eben entscheidendes Element des Antifaschismus und Zwangsheteronormativität wie auch ein binäre Geschlechterordnung eine (neben anderen) Basis der historischen Faschismen war. Auch wenn manche Evangelikale und Katholiken in milliardenschwerer Propaganda weltweit in Lüge lebend und teuflisch das Gegenteil behaupten.

Um so grotesker, dass als erstes auf dem Weg ins Stadion ich von einem Ordner übel angerüffelt wurde in einer unsäglichen Form, dass ich aus Versehen durch den „Fraueneingang“ gegangen sei. Der nächste Ordner haute mir auf den Kopf, kein Witz, wohl um zu checken, ob ich Wunderkerzen unter der Mütze hätte – und dann gab es einen echten Grottenkick zu sehen.

Wobei ich es, nachdem ich unter Schubert teilweise meine Identifikation wirklich fast verloren hatte, schon auch sehr liebenswert fand, wie unsere Jungs ja voller Engagement immer wieder nach vorne liefen, freilich zumeist ziemlich konzeptlos – von coolen Spielzügen wie der Kringe-Chance mal abgesehen.

Was sich schlagartig und leider nur kurzfristig änderte, als zur Halbzeit Florian Bruns eingewechselt wurde – was ein cooler Pass vor dem 1:0!!! Wie kann es eigentlich sein, dass laut Abendblatt Herr Orth in der Halbzeit einforderte, doch zur Qualitätssteigerung den Flo einzuwechseln, dass aber dessen Vertrag nicht verlängert wird???? Und was soll Gyau denken, falls er das liest? Dem mangelt es nicht Qualität, sondern an Erfahrung.

Doch kurz nach diesem plötzlichen Aufflackern spielerischen Lichts der Bruch, als Ebbers raus ging. Wir dachten erst, der Frontzeck sei in geistige Umnachtung verfallen, weil wir nicht mit bekommen hatten, dass Ebbe sich verletzt hatte. Den fand ich auch in Halbzeit 1 richtig gut, er kann sich nur schlecht selbst die Bälle auflegen. Natürlich schoss Saglik sein Tor, na, und dann …

Mag auch das richtige Ergebnis nicht ans Millerntor zurück gekehrt sein – es ist wie beim Museums-Slogan: Nicht das Ergebnis, das Erlebnis zählt!!! Und das ist in den letzten Spielen aber wieder so was von „Oooooooooooooh St. Pauli!“, großartig. Danke, Phillip Tschauner! Ja, einmal im Leben … und ich war dabei.

Irgendein Paderborner Spieler sagte ja noch, so was könne nur in diesem Stadion geschehen … und wie es geschah!

Eine derartige Explosion, und das zum dramaturgisch bestmöglichen Zeitpunkt – man, ey, wollte schon nach dem Union-Spiel schreiben „Die Intensität ist zurück!“, da habe ich das vor der Videoleinwand nämlich trotz doofer Tore kurz vor Schluß auch so empfunden. Ich war wieder drin im Flow des Mitschauens, Mitgehens, Mitfieberns, statt distanziert nur draufzuschauen.

Und dafür muss man der Mannschaft wirklich danken – selbst wenn da spielerisch nicht viel läuft und selbst Routiniers wie Mohr und Thorand plötzlich tölpeln und Bartels mehr daddelt als Fussball spielt, mir sind sie in ihrer Menschlichkeit allemal lieber als diese Maschinenmannschaften, bei denen alles funktioniert, die aber in Perfektion erstarren und nicht halb so viel Charisma versprühen.

Nee, das pralle Leben ist es, wenn es plötzlich sehr laut wird – und jeder liebt, wen und wie er will.

Foto[1]

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11 Antworten zu “„Ich sehe aus dem Augenwinkel nur ein hellblaues Trikot reinfliegen und plötzlich war es unfassbar laut.“ – Florian Bruns

  1. Pingback: Kerzengerade gemacht: Torwartwunder und Anti-Homophobietag beim Heimspiel #FCSP gegen Paderborn | KleinerTods FC St. Pauli Blog

  2. vuvuzela//riotqueer April 3, 2013 um 10:18 pm

    Respekt für diesen Bericht Momo! Was ich an der für diesen Spieltag angesetzten Aktion gegen Homophob_nie im Stadion etwas mager fand, als antifaschistischer ’sky‘-Zuschauer, dass das ganze einen unheimlichen lokalen Charakter bzgl. der Problematik von ’safe spaces ’n places‘ als Außenstehender hatte. Ich kenne mich nicht mit dem ‚Alerta Network‘ aus, und wenn jetzt die besagte Homophobie im Stadion auch Grenzen gezeigt wurden, wird es noch eine ganze weile Dauern, bis die Intersektionen im Spannungsfeld der üblichen Diffamierungen gegenüber Menschen mit Stigma-Problemen im Defizit-Kapitalismus raus gearbeitet werden. Es kann nur ein Prozess in die Richtung angestoßen werden, wenn sich die Supporters im Verein, und die Menschen die das als so genannte Amateure politisch in Bewegung halten, sich mein Gefühl von Lippenbekenntnis beim Nächsten nicht hinaus geht … als Grundgefühl,..siehe St.Pauli-Forum und Sexismus als Diskussion…

    Ich habe echt die organisierten Queer-Strukturen an diesem Spieltag, die erst mal rein gar nix mit Fußball zu tun haben, nicht in die Auseinandersetzung wahr genommen. Da aber in Hamburg u.a. Städten/Stadtteilen extrem mehr passiert ist, und das schale Astra nicht darüber hinweg täuscht, dass die Menschen in der Erwerbsarbeit zum Verein einfach nur darstellen als ‚Bunte Republik Deutschland‘ – lässt sich noch lange nicht garantieren, dass eine Kommunikation im Progress statt findet. Dann lieber militante Selbstverteidigungs-Linien unterstützen,..ist ja eh alles rott in dieser Stadt!

    Lieben Gruß,…aus dem Filz in Bramfeld!

  3. momorulez April 3, 2013 um 10:40 pm

    Für mich ist das immer schwerer wahrnehmbar, was Lippenbekenntnis ist und was nicht, weil in meinem direkten kommunikativen Umfeld, was ja vor allem die Twitter- und zum Teil Bloggerblase ist, ich schon den Eindruck habe, dass sich ernsthaft und intensiv mit dem Thema auseinander gesetzt wird und auch mehr Unsicherheiten entstanden sind, was echt wichtig und gut ist – ich habe die bei Antirassismus- und -sexismus-Themen ja auch weiterhin oft, aber das ist, glaube ich, auch der einzige Weg.

    Umgekehrt habe ich von ätzenden Sprüchen auf der Gegengeraden nun schon aus mehreren Quellen gehört.

    Und das Alerta-Network hat mit dem Bündnis Fussballfans gegen Homophobie zusammen gearbeitet, das seit langem ein Banner durch diverse Stadien schickt. So fett wie bei uns wurde eine Choreo meines Wissens sonst nur in Mainz und Bremen gestartet, was immerhin schon mal überregional ist.

    Dass viele Mythen kursieren, kann man ja bei Plakat-Fotos beim Kleinen Tod sehen. Das kommt alles von Herzen und ist gut gemeint, aber dieses „Ist egal, mit wem Du schläfst“ ist halt auch eine Methode, sich mit Lesben und Schwulen, mit Cis oder nicht usw. nicht auseinander setzen zu müssen.

    Das Intersektionelle, das dauert noch Jahrzehnte, bis da ein paar mehr Leute eine Ahnung von bekommen. Das dann noch mit klassisch linken Themen verknüpfen ist vermutlich was für die nächste Generation. Zudem da nun niemand mehr Nachholbedraf als die Gay-Community hat.

    Aber für ein Fussballstadion war das vorgestern schon enorm. Es gibt ja immer mehr Stadien, wo unter dem Banner des „Unpolitischen“ solche Aktionen schon fast unter Extremismusverdacht stehen, von der Bundesregierung, aber auch Hanseln wie dem Dortmunder Präsidenten aktiv befördert. Und da war das vorgestern schon ziemlich gut. Zudem die Sky-Zusammenfassung es nicht mal erwähnte. Man sollte nicht unterschätzen, was Kauder, Merkel, Meißner und die anderen für Tabuzonen in der Berichterstattung produzieren.

  4. vuvuzela//riotqueer April 4, 2013 um 9:41 am

    Ich glaube dir sehr gerne verehrter Momo,..kenne ich doch auch aus meiner Zeit, als ich noch ans Millerntor pilgerte bzw. vor Ort noch in der Gemeinde wohnte! Deshalb momentan die Kommunikationsstruktur der Elfenbeintürme der Intersektionalität ein wenig vereinfacht und ausgehebelt aus dem akademischen Filz – hin – zum ‚other_ing‘ und der Körperpolitischen ‚Unity‘ des ‚Psy‘ u.a. Frickeleien und Bässe gegen _Ismen…ist ja eh schon unglaublich, was für Nullstellen die Tagespolitik ausmachen.

    Außerdem glaube ich fest daran, dass das wohlwollende einer erlernten nicht_deutschen Sprachsemantik schnell im Gehege von Kiez und Stadionkultur den ‚turn‘ bringen wird.

    In diesem Sinn…Herzklopf,…allez FC!

  5. lars April 4, 2013 um 1:01 pm

    Danke Momo für Link und Text. Ich lese das auch als Antwort auf das kürzlich erfolgte Intermezzo. Ich bin ja mittlerweile äusserst ambivalent, was die ganze Homoehe-Diskussion betrifft. Prinzipiell bin ich ja gegen die Ehe als Institution und der Meinung, dass der Staat sich aus der Regelung von Liebes- und Lebensverhältnissen herauszuhalten hat. Das Problem ist andererseits, welche Alternativen sich im Moment abzeichnen. Wenn ich die Geschichte der Proposition 8 richtig verstehe (und man muss hier den deutschen und den amerikanischen Kontext auseinanderdividieren), dann wurde 2008 eine bestehende Regelung ausgesetzt. Auf die Wiedereinsetzung der Homoehe als Option in Californien bezieht sich die doch das Verfahren, die Debatte und die symbolische Unterstützung mit den rot-rosa-Balken. Dass das nicht das Ende der Fahnenstange sein kann, und rechtliche Regelungen etwas anderes sind als Alltagssexismus und -homophobie – steht das zur Diskussion? Auch eine gesetzliche Anerkennung ist noch keine gesellschaftliche. Das sind doch zwei gänzlich andere Wirklichkeitsregister.

    Nun kann man meines Erachtens zwei Wege gehen.
    Entweder man kann die Form Ehe als Rechtsinstitut ad acta legen, dann wäre aber auch mit Gegenvorschlägen und rechtlichen Lösungen aufzuwarten, die der eingeforderten Intersektionalität Rechnung trägt (und weil ich bislang solche Vorschläge vermisse, schrieb ich kürzlich von einer Strategie der negativen Bestimmung, nicht als Wünschenswertes, sondern als Beobachtetes. Man sieht in der rechtliche Gleichstellung keinen Fortschritt, gibt aber keine Hinweise darauf, wie dieser rechtliche Fortschritt konkret aussehen könnte – wenn man sich vom Recht überhaupt Fortschritte erwartet). Oder aber man verfolgt eine Ausweitung der Ehe – dann müssen aber die Anerkennungskämpfe anders geführt werden. Man kann das Argument nämlich auch umdrehen: Dann geht es nämlich erst richtig los mit dem Kampf gegen die Routinen, die fest sitzenden Vorurteile, den alltäglichen Hate Speech usw. Ich muss da an ein Gespräch mit einem Freund denken, der kürzlich sagte, die Schwulen hätten doch schon alles erreicht, wären doch mittlerweile völlig akzeptiert und verwies auf die Medienbranche. Und dessen eigener Vater hatte ein oder zwei Jahre zuvor beim HInweis auf die Serie „Six Feet Under“ gesagt, dass sei ihm zu schwul. Und der machte jetzt nicht gerade den Eindruck, seine Haltung zu gesellschaftlichen Fragen wesentlich geändert zu haben. Das Gesetz ist nicht das Soziale. Für das Insitieren auf diesem Unterschied sind Interventionen wie die von Dir und der Mädchenmannschaft auch so wichtig. Und machen mich zugleich ein bisschen ratlos, auch weil ich nicht einschätzen kann, welchen Stellenwert sie dem Gesetz und der soziale Wahrnehmung von Gesetzen beimessen.
    Oder bin ich völlig auf dem falschen Dampfer?

  6. momorulez April 4, 2013 um 1:25 pm

    Nö, nur teilweise – weil ja zumindest aktuell an die Ehe-Frage auch lauter andere Rechtsfragen gekoppelt sind wie z.B. Besuchsrechte im Krankenhaus, aber finstererweise auch bei Hartz IV, wo die rechtliche Gleichstellung auf Unterhaltspflichtsebene ja meines Wissens auch im Falle nicht-gehelichter lesbischer und schwuler Partnerschaften faktisch längst vollzogen ist. Und so lange diese Kopplungen bestehen, finde ich das Einfordern von Symetrie richtig, aber darüber hinaus bin ich ganz bei Dir. Institutionen wie das Ehegattensplittung ohne Kinder finde ich auch eher dubios; wenn man da das Adoptionsrecht hinten dran hängt, wird aber wieder unter aktuellen Bedingungen ein Schuh draus.

    Aber das ist ja eigentlich so eine Art hegelscher Kant-Kritik, die Du formulierst: Der Kampf um Anerkennung ist eben nicht mit formalen Kriterien wie formaler Gleichheit zu führen. Und gerade die Medien sind auch ein lustiges Beispiel – das ist schon, anders als Polizist zum Beispiel, ein Bereich, wo man sich nicht im selben Sinne verstecken muss. Da kann man als Schwuler noch halbwegs ungenervt arbeiten. Was die Programmgestaltung betrifft gibt es aber nur Randzonen wie ARTE oder EinsFestival, wo man derartige Themen etwas offensiver angehen kann – und käme man da mit schwarzen Lesben oder muslimischen Schwulen um die Ecke, wäre das nur als „Kuriosum“; Herausstellung einer Ausnahme zur Stabilisierung von Vorurteilen, möglich. Einer der ersten Sätze, den ich zum dem Thema hörte (von meinem damaligen Chef), war zu Deinem Beispiel passend „Die Leute wollen keine Schwulen im Fernsehen sehen, dann fühlen sie sich belästigt.“ Und mir ist im Nachhinein ein Rätsel, wieso ich da nicht opponiert habe, aber genau das ist ja das, was Du als Schwuler lernst: In solchen Fällen lieber die Schnauze halten, sonst hast Du nur Ärger am Hals. Dagegen musste ich dann ja irgendwann anbloggen, um hier exakt das mit lauter ehemaligen Kommentatoren und Ex-Mit-Bloggern auch zu erleben. Das war ja in seinem Ablauf ein Paradebeispiel, wie die heteronormative Matrix funktioniert.

    Insofern bin ich insgesamt ganz bei Dir 😉 … es gibt ja auch bei Butler in „Hass spricht“ diese Passagen, wo sie sich – was sozusagen das Negativ zu der Debatte ist – dagegen ausspricht, dem Staat die Befugnis zu geben zu definieren, was Diskriminierung sei. Aus bester schwullesbischer Erfahrung und noch viel stärker der von Trans-Menschen: Diese „Stonewall Uprising“-Doku bei Youtube ist da sehr beeindruckend, was die für einen Terror erleben mussten, und wodurch Corny Littmann bekannt wurde, das weiß ja auch noch der eine oder andere. Man kann das einfach als Liberalismus lesen, das ist aber mehr. Wie Du ja auch schreibst: Aus manchem sollte der sich einfach raus halten, und die tatsächliche Arbeit liegt auf einem ganz anderen Feld.

  7. momorulez April 4, 2013 um 1:30 pm

    PS: Ich finde Magdas Text da bei der Mädchenmannschaft auch sehr, sehr gut. Da schleicht sich zwar manchmal bei der Priviligienkritik so ein Ton ein, dass es möglichst allen gleichermaßen gleich schlecht, nicht etwas gleich gut gehen sollte 😉 , aber das macht nix, der ist trotzdem prima!

  8. lars April 4, 2013 um 1:42 pm

    Ja, an das Adoptionsrecht, Bewuchsrecht usw. habe ich auch gedacht, weswegen ich die rechtliche Gleichstellung doch auch als inkrementellen Fortschritt betrachte. Und deshalb ob der Kritik an den Pro-Homoehe-Positionen auch etwas ratlos. Für viele (nicht für alle) hängen da ja manifeste Folgen dran. Und in Deutschland ist es ja ein Witz. Da bin ich ja prinzipiell für eine Abschaffung des Splittings, dagegen für die Unterstützung von Kindern und ihren faktischen Erziehenden und gleichzeitig für eine grosszügige Entschädigung von nicht-verheirateten Eltern gleich welchen Geschlechts und sexueller Orientierung.

  9. momorulez April 4, 2013 um 2:21 pm

    Das Lustige ist ja, dass die CDU nah dran ist, AUCH gegen ein Ehegattensplittung ohne Kinder zu sein 😀 – aus lauter Missgunst Schwulen und Lesben gegenüber. Bisher hat das eher die Linkspartei so vertreten. Ich sehe das aber ganz wie Du. Und finde auch die Privililegierung von „verwandt“ und „verschwägert“, gilt ja z.B. beim Zeugnisverweigerungsrecht, für ziemlich absurd – und wenn ich mir vorstelle, ausgerechnet meine Mutter erscheint an meinem Sterbebett, nicht jedoch meine Freunde, ist das der blanke Horror! Freundschaft ist eh, da hat der Foucault schon recht, ein völlig unterschätztes Thema.

  10. lars April 4, 2013 um 2:49 pm

    Ja, mit der Freundschaft hast Du absolut Recht. Und das mit der CDU ist schräg. Deswegen wären aber auch eben Entschädigungssummen so wichtig. Das machen die nie. Schon gar nicht, solange die CSU mit im Boot sitzt…

  11. Boris Schneider April 8, 2013 um 5:36 pm

    @Momorulez:

    Diese Entwicklung finde ich auch bemerkenswert und überaus witzig. Da gilt doch das alt bekannte Sprichwort: Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein. Good going, CDU 😀

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