Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Monatsarchive: April 2013

When Doves cry. In Pink.

Dream if you can a courtyard
An ocean of violets in bloom
Animals strike curious poses
They feel the heat
…“

Prince, When Doves Cry

Ich mag ja verträumte Jungs, solche, die auch mal linkisch und verpeilt sich selbst im Wege stehen, süß … ABER DOCH NICHT AUSGERECHNET GEGEN DIE HERTHA! NEIN, GEGEN DIE HERTHA KANN MAN NICHT AUCH MAL VERLIEREN!

Nur weil die zufällig ausnahmsweise mal eine Saison die effizienteste Truppe der Liga hatten, in Liga 1 kriegen die eh wieder den Arsch versohlt.

HÄTTET IHR DOCH DIE HITZE GESPÜRT!

Stattdessen versaut ihr Flo sein wohl vorletztes Heimspiel. Der wieder gezeigt hat, was fehlen wird, wenn er weg ist: Spielintelligenz. Die Szene, als er Ben Hatari über den halben Platz geleitete, vom gegnerischen Strafraum zur eigenen Eckfahne, weil er voraus sah, dass da ein ganzes 16tel des Platzes frei bleiben würde, der verzweifelt die Arme ausbreitete „Wo seid ihr denn?“ in Richtung der eigenen Abwehrspieler, weil die wieder flügellahm vor sich hin flatterten, als würden sie an lauen Sommertagen einen launigen Rundflug über Gemüsebeete zur Zerstreuung absolvieren.

Sagt mal, kiffen einige von euch vor dem Spiel?

Nein, nicht Schachten, der spielte grandios auf, aber der völlig desorientierte Bartels zum Beispiel, der planlose Kalla, Daube, der erst was zustande bringt, wenn Ebbers oder Bruns ihm vorführen, was zu tun ist? Avevor, der auf der Grundlinie Gegner austanzen will und die Torvorlage quasi selbst gibt? Ja, Boys in Brown, diesmal bin ich echt sauer auf euch und eure Stümperhaftigkeit!

Da pfeifft Herr Brych oderwiedersichschreibt 90 Minuten gegen uns in allen Kleinigkeiten und nach zweierlei Maß, kann dann nicht anders, als vermutlich wegen der Kicker-Note den Elfmeter doch zu pfeiffen gegen diese Ekeltruppe aus Berlin, und ihr schenkt schon wieder das Spiel her, als wäre das nicht der Nicht-Abstieg gewesen?

Ja, es ist cool, wie ihr nach dem Rückstand zurück gekommen seid, es reicht aber noch nicht.

How can you just leave me standing?
Alone in a world that’s so cold? (So cold)
Maybe I’m just too demanding …

Prince, When doves cry

Boah, ey. Gibt ja wenige Vereine, bei denen ich solch tiefen Widerwillen verspüre wie bei denen aus dem Nazi-Stadion in Berlin. Es einfach so typisch deutsch, zur WM 2006 dieses Propaganda-Bollwerk aus Riefenstahl-Zeiten noch bombastisch aufzublasen, während die Träger des rosa Winkels nie entschädigt wurden und die CDU bis heute die Opfer des Paragraph 175 verhöhnt.

Da kann sexy Ndjeng auch nichts für, auch Ronny nicht, keiner der einzelnen Spieler, nichts für ungut, ihr Spieler-Induviduen, aber euer Verein ist einfach furchtbar und eure Fans sehen auch noch so aus wie Hertha-Fans, schlimm – und gespielt habt ihr trotzdem wie solche, die pink T-Shirts nicht mögen.

Was sollte – by the way – dieser Rockmusik-Dreck vor dem Blondie-Song vor dem Spiel? Kein Wunder, dass man hinterher verliert, wenn vorher so was gespielt wird. (EDITH auf Hinweis von @felgenralle: Ich meine einen konkreten Dumpf-Hardrock-Song, der da schauerlich lief).

Wenigstens hat Herr Frontzeck genau in dem Moment, da ich kurz an ihm zweifelte, das Richtige getan, nämlich Ebbers für Funk gebracht. Danach sah man doch, dass ihr es könnt.

Zumindest, wenn jene auf dem Platz sind, in denen so was wie Widerstandsgeist wohnt und wühlt. Ebbers zum Beispiel.

Insofern muss man erneut betonen, dass einmal mehr ein Spiel auch, nicht nur, an Schubert-Spätfolgen krepierte und somit auch vom Präsidium verloren wurde. Ja, die Schubert-Posse vor der Saison. Annähernd alles, was einen eigenen Kopf hatte und selber dachte, wurde ja vom Platz gejagt. Insofern ist mir ein Rätsel, wie, voraus gesetzt, dass wir überhaupt die Klasse halten, wie das in der nächsten Saison laufen soll, wenn mit Ebbers und Bruns Spielintelligenz und auch Kampfgeist und Durchsetzungswille verschwunden sind. Ebbers war ja phasenweise bester Mittelfeldspieler und Bruns bester Verteidiger.

Ich mag ja auch Bartels, Avevor, Daube, Funk, Kalla, das sind unsere Spieler, und ich verliere lieber mit denen, als mit der Hertha aufzusteigen. Echt. Und Buchtmann hat das Zeug zu Spielwitz und Wutenergie und wohl auch einen eigenen Kopf.

Aber zeitweise habt ihr heute so gespielt, als hättet ihr Väter gehabt, die sich freuten, dass ihr mit Autos statt mit Puppen spielt, weil man so leichter durchs Leben kommt als mit einem ein pink St. Pauli-T-Shirt als Outfit … dann trifft man nur ständig auf die, die noch fieser treten, noch mehr rum mackern, noch verlogener und unangenehmer sind, wirkt auf einmal zu lieb und verliert dabei das Eigene. Das man viel besser zu verteidigen lernt als Pink-T-Shirt-Träger.

Die Gefahr ist beim FC St. Pauli noch lange nicht gebannt, der Verlust des Eigenen zugunsten der Verorthung im Nirvana farbloser Gesichtslosigkeit,

Denn eigentlich bin ich ja gar nicht wütend. Ich hab Angst. Und bin traurig. Drum:

This is what it sounds like
When doves cry.“

Prince

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Critical Whiteness – wieso eigentlich diese ganzen Diskussionen?

Ich verlinke hier noch mal einen Text, der mir schon – Dankeschön! – ein Trackback schickte und ein Thema sehr differenziert betrachtet, das auch hier im Blog Dauerbrenner war und ist: Critical Whiteness.

„Dieser Positionierungsterror, der in einigen Räumen Einzug gehalten hat, ist alles andere zielführend. Ich war auf einem Treffen anwesend, auf dem allein die Vorstellungsrunde fast zwei Stunden gedauert hat. Und wir waren maximal 15 Personen, nicht mehr. Aber das Einopfern von den PoC und die Selbstgeißelung von weißen Leuten („Ich bin bereit all meine Ressourcen und Zeit für das Projekt xy zu opfern“) hat nunmal so lange gedauert. Da werden dann auch gerne mal weiße Leute angeschrien, weil sie gerne mit ihren Eltern wandern gehen wollen (statt sich dem politischen „Kampf“ zu widmen). Dieses Verhalten wurde von den weißen stumm hingenommen.“

Ich bin über solche Passagen immer ein wenig erstaunt, so weit es nun meine, weiße Perspektive betrifft. Ich bin auch ziemlich zusammen gezuckt, als ich das erste Mal in einem Gespräch mit Freunden als Weißer bezeichnet wurde und hatte das Privilieg, das dies in gewachsenen Freundschaften geschah.

Ich war  nun aber gar nicht in der Lage, irgendwelche Schuldgefühle zu entwickeln oder Selbstgeißelungen auszuüben. Vielmehr knüpfte das einfach aus mir aus den späten 80ern wohl vertraute Euro- und Ethnozentrismusdiskussionen an. Und ich kenne eben auch gut das Markierungsgeschehen rund um „schwul“; eine Teilanalogie.

Insofern konnte ich das weniger als „Positionierungsterror“ erleben noch als irgendwas, was ich nun zu verantworten hätte. Es ist doch vielmehr die im Grunde genommen (das wird mir jetzt vorgeworfen werden, weil es wirkt, als würde ich andere benutzen, denke ich ja auch drüber nach, ob das so ist) unglaublich entspannend, nun nicht ständig in die männliche Selbstbehauptung als Alleserklärer oder Vertreter des Allgemeinen sich begeben zu müssen, sondern einfach mal zuzuhören. Und eben darauf zu reflektieren, wo „White Supremacy“ im eigenen Denken und Handeln wirkt, was für politische, historische, geistes-, kultur und kunstgeschichtliche Vorraussetzungen in all dem, was ich studierte und lernte, wirkten, noch bei jenen, die sehr kritisch dachten wie Michel Foucault zum Beispiel.

Der „PoC“-Begriff, der allerdings auch in diesem Blog und von meiner Seite dummerweise zum Gegenteil führte, hat ja zunächst den Zweck, diese Kategorisierungen und Katalogisierungen wie der Insektenarten Nicht-Weißer durch Weiße zu unterbrechen und somit gar nicht, nun wieder andere zu markieren, sondern heraus zu stellen, wer normalerweise kategorisiert und wie er da tut. Da richtet den Scheinwerfer wohl verstanden auf das, was Herrschaftspraxis Weißer über Andere ist.

Das ist nämlich ein Riesenschritt in die Freiheit, das zu erkennen – die der Anderen UND die eigene. Eine Freiheit des Denkens, des Zuhörens, des Nicht-Verteidigenmüssens, des Geschehenlassens und vor allem auch dessen, die Wut Anderer auszuhalten, selbst wenn man individuell für die eigenen Priviliegien nichts kann. Weil es dieses Recht auf Wut Marginalisierter gibt, steht ja auch im verlinkten Text, einfach gibt. Und es geht da auch nicht nur um „Moralisierung“, sondern um Wahrheit und auch Funktionsweisen in der Ökonomie.

Ich finde ja auch, dass in manchen Fällen – auch bei der Übertragung auch „Critical Hetism“ – manchmal so ein Slogan „Unglück für alle gleichermaßen“ aufscheint, mit dem ich dann auch nichts mehr anfangen kann. Ich verstehe komplett den Impuls, der dahinter steht, für mich ist die Utopie aber immer noch die Möglichkeits des Glücks für alle gleichermaßen im Sinne der Selbstbestimmung, also der Möglichkeit der Wahl des eigenen Glücksentwurfes. Übertragen auf „Critical Hetism“ heißt das dann nicht notwendig, nun keinen Spaß am Knutschen mehr zu haben als Hete, sondern sich zum einen einfach klar zu machen, dass man damit eben die Normalität zelebriert, die Anderen vorenthalten wird, ob man das will oder nicht. Und sich vielleicht zu fragen, ob man selbst da einfach was nachlebt, was alle machen, oder ob das wirklich dem entspricht, was man will. Und zudem sich auch mal zurückhalten können, wenn Andere dran sind. Das ist auch gar nicht so schwer. Ziel ist freilich Luxus, nicht Leid für alle gleichermaßen.

Die Konflikte entstehen ja konstant da, wo marginalisierte Perspektiven negiert werden. Deshalb kann man das auch nicht wie eine theoretische Frage behandeln; es ist eine praktische Frage, das nicht immer die gleichen zu Worte kommen und am besten noch den „Geotherten“ gemeinschaftlich niederbrüllen, pathologisieren, kategorisieren, Tiraden ablassen, „wie die denn so sind“, um sie oder ihn als Person gar nicht mehr statt finden zu lassen.

Und wenn man dann mal – was mir auch nicht immer gelingt – von der Abwehr ablässt, wartet ein überwältigendes Geschenk: Man lernt, man erfährt, man entdeckt. Die Erfahrungen, Perspektiven, das Leid, die Lust anderer Menschen werden zuzumindest ein klein wenig zugänglich. Man löst sich aus dem Korsett des europäischen Kanon und erkundet ungeahnte Möglichkeiten, die Welt zu sehen und mit ihr umzugehen.

Wieso darum nun all diese kuriosen Diskussionen entstehen, es ist mir zunehmend ein Rätsel. Dafür lebt man doch. Und das gerne.

Die taz als Hüter und Bewahrer rassistischer Üblichkeiten und Gewohnheiten

Die taz ist ja bereits häufiger als führende Rassismus-Postille z.B. vom Braunen Mob prämiert worden – nun wechselt sie vollends auf Seiten der Neuen Rechten und feiert weiße Gewohnheiten im Herabwürdigen, Mundtotmachen, Niederbrüllen, Zensieren und der Lächerlichkeit Überführen von PoC als „Grenzen austesten“. Sozusagen Mario Barth toppen auf einem anderen Feld.

Dabei natürlich nie die eigenen Grenzen; lieber Menschenversuche zur allgemeinen Belustigung durchführen, wie weit man gehen kann, lädt man eine Vertreterin des ISD auf ein Panel. Um sie und Solidarische im Publikum in einer Art des symbolischen Schauprozesses in die Segregation zu überführen. Nichts anderes ist es ja, sich gezielt so zu verhalten, dass man Sharon Otoo  vom Podium ekelt, dass man Räume schafft, in denen Schwarze nur um den Preis der Diffamierung sich äußern können, weil sowieso Typen wie Yücel das Rumpelstilzchen geben und sich gewitzt finden, wenn sie sich in rassistische Traditionen einreihen und permanent das N-Wort brüllen wie Kinder auf dem Schulhof, die sich einüben ins Gesellschaftssystem.

Diese jämmerliche, sich auch noch ganz wie Sarrazin als „tabubrechend“ inszenierende taz – und das ist ja keineswegs ihr Alleinstellungsmerkmal, die anderen von DIE ZEIT bis DIE WELT machen das ja genau so – breitet nun nicht etwa im Online-Auftritt ihrer „Zeitung“, wohl eher ein Anachronismus denn eine weiterhin ernst zu nehmende Publikation, sondern im Blog einen Phrasenreigen aus, der schlicht dem Missbrauch der verwendeten Gedanken gleich kommt:

„Moderiert wurde die Veranstaltung von unserem Kollegen Deniz Yücel, taz-Journalist und Kurt-Tucholksy-Preisträger, der bekannt ist für seine provozierenden Texte, die oft das tun, wofür die taz gegründet wurde, warum es sie gibt: Grenzen auszutesten, sich nicht unhinterfragt von Traditionen und Tabus abhalten zu lassen, neue Denkräume zu betreten – und das auch mittels Satire, die weht tut. Die taz publiziert mithin Texte, die verschrecken mögen – um neue Erkenntnisse zu gewinnen.“

Armer Tucho. Das hat er echt nicht verdient.

Wen denn wohl verschrecken? Herrn Yücel, Frau Pohl oder Herrn Feddersen wohl kaum. Und was für „Traditionen“ denn? In Deutschland vorherrschend ist jene des Rassismus, jahrhundertelang, strukturell und institutionell bestens gefestigt und im Alltag höchstwirksam. Wie kann denn bitte die Verwendung jenes Wortes, das, ausgesprochen oder geschrieben, als Gewaltakt genau diese Tradition verdichtet wie kein anderes, irgendein „Tabu“ brechen?

Tabuisiert wird schwarze Geschichte in Deutschland, tabuisiert werden Geschichte und Gegenwart deutschen Kolonialismus‘, tabuisiert werden schwarze Perspektiven, notfalls schreit man oft genug das N-Wort, um dieses Tabu zu festigen – und wenn nun dieses N-Wort ein neuer Denkraum wäre, warum steht es dann in Pip Langstrumpf, also Werken anno dazumal? Warum bei Cassirer, dessen „Philosophie der symbolischen Formen“ aus den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts, die übrigens kritisch gelesen als Einführung in „White Supremacy“ herhalten kann, wieso in Jazz-Historien bis zum Erbrechen, wieso auf der Titelseite von DIE ZEIT? Also, wenn das ein „neuer Denkraum“ sein soll … aber die taz beliebt, sich lächerlich zu machen.

Würde sich die taz in Satiren mal Autoren wie Feddersen, Pohl, Yücel, Greiner, Scheck, diLorenzo widmen, die Borniertheit, Arroganz und die permanente Selbstaufwertung auf Kosten von Minderheiten durch genau solche Leute, wie sie es sind, annehmen, das hätte ja was. Scharfe, tabu brechende Witze über Alltagsrassisten und deren Dünkel, deren albernen Welterklärungswillen, deren Emphatielosigkeit, deren Gedankenlosigkeit und Selbstgerechtigkeit und Ignoranz – ja, auch mich und meine – immer her damit! („Ein Ehepaar erzählt einen Witz“ von Tucholsky ist z.B. eine herrliche Antwort auf „Die Wächter“ in Frankreich derzeit.)

Aber „Grenzen austesten“, bis geladene Gäste das Podium verlassen und einfach der rassistische Normalzustand wieder her gestellt ist – das ist lediglich dumpfdeutsche Traditionspflege. Und kein Stück mutig. Der Applaus gröhlender, weißer Horden und deren innerer Pickelhaube kann ihnen sowieso sicher sein.

EDITH: Auf Wunsch eines Lesers noch Direktlinks zu Interventionen bei der taz im Schwarzen Blog:

http://blog.derbraunemob.info/2011/06/10/zweiter-offener-beschwerdebrief-gegen-rassistische-glosse-in-der-taz-vom-19-04-2011/

http://blog.derbraunemob.info/2011/05/05/bevor-white-supremacy-bei-der-taz-noch-versehentlich-von-selbst-verschwindet/

http://blog.derbraunemob.info/2010/06/25/die-taz-bewirbt-sich-auch-2010-um-den-preis-rassistischste-mainstreampublikation-deutschlands/

http://blog.derbraunemob.info/2008/06/06/die-taz-wird-von-tag-zu-tag-lustiger/

Unsortiertes zu Yücels Plädoyer für kolonialrassistische Regime, das Erbe der „Aufklärung“ und was das mit Kunst zu tun hat

Im Grunde genommen ja langweilig, die ewig gleichen Textbausteine von Greiner bis Roenicke, von Fleischhauer bis Tsianos, von Hacke über Scheck bis Yücel zu kommentieren. Sie verharren in ihrer selbst verschuldeter Unmündigkeit, wanzen sich ran an die Macht und hassen mutmaßlich Kommunikation, Kunst und Kreativität.

Und die Freiheit des Anderen geht ihnen eh am Arsch vorbei. Sonst würden sie ja nicht alle den immer gleichen Marsch blasen und dazu im Gleichschritt argumentieren, triefend vor Rassismus, Sexismus, aber ausnahmsweise mal keiner Homophobie. Die aber vermutlich bei nächster sich bietender Gelegenheit im Zuge allgemeiner Besitzstandswahrung, Kritikunfähigkeit und Ego-Absicherung auch aufbricht, um sich als was Besseres fühlen zu können, so wie in Frankreich derzeit.
Es ist mir jetzt zu ermüdend, über Differenzen in der Konnotation von US-Vokabular und jenem in Deutschland zu dozieren (und ich bewundere die Akribie und Geduld Accalmies, das so großartig zu tun ebenso wie die von Halfjill!!!).

Ebenso nervt es mich, über die Ambivalenz der Aneignung diskreditierenden Vokabulars durch Diskreditierte zu sinnieren, das von Nicht-Betroffenen so gerne diskutiert und anempfohlen wird.

„Schwul“ ist da ja ein gutes Beispiel; es ist erstaunlich, wie häufig das Wort in abgrenzender Absicht an ganz normalen Arbeitstagen allerorten fällt, von Heten verwendet; wie angewiesen sie darauf sind, es ständig zu thematisieren, um sich als das Andere dessen zu positionieren. Ich war gestern nur einmal wieder verblüfft während meines Broterwerbs: Ständig. Dass „schwul“ zu den beliebtesten Schimpfwörtern auf Schulhöfen zählt ist bekannt; ob es nun sinnvoll war, es zur Selbstbezeichnung zu nutzen? Zunehmend sehne ich mich nach von Begriffen freien Sphären des namenlosen Begehrens, das nicht den Kategorien, die zugleich Hierarchien stabilisieren, sich unterwirft. Weil das Abgrenzungsbedürfnis „tolerierender“ Heten nur nervt.

Nun ist freilich schon der Einstieg in diesen Text dann hochproblematisch, wenn ich als weißer „Biodeutscher“ in Anspielung auf Kant, „selbst verschuldete Unmündigkeit“, Yücel gegenüber die Haltung einnehme, dass ich nun natürlich in Fragen der Kunst die Weisheit mit Silberlöffeln gefressen und der Muttermilch eingesogen habe. Er ist in Deutschland geboren wie ich, wird jedoch ständig erleben, dass er im Sinne des „Migrationshintergrundes“ markierbar ist – passiert mir nicht: Privileg. Nadia von Shehadistan konterte neulich köstlich mit „Faschismushintergrund“, den ich als Sohn eines Pimpfes definitiv habe.

Würde ich nun eine Haltung einnehmen wie Yücel in seinem rassistischen Pamphlet (Achtung, Triggerwarnung, schlimmer Text), wäre dies die der Neuen Rechten.

Er adaptiert dort  ein zutiefst kolonialrassistisches Bild: Da die Wilden und „Hysterischen“ (das kann man u.a. anderem bei Michel Foucault nachlesen, was die „Hysterisierung der Frau“ für eine gesellschaftliche Funktion hat; feministische KommentatorInnen werden bessere Quellen kennen), hier er, der aufgeklärte, um Kunst und Historie wissende Mann, der alles Eigene Kolonisierter in eine barbarische Vorgeschichte überführt; er, der selbstverständlich nur ausnahmsweise mal „die Contenance verliert“.

Das ist eine Reproduktion dessen, was sich z.B. bei Immanuel Kant findet: Der unterscheidet zwischen „Neigung“, die „natürlichen“ Impulsen folgt, und sieht so u.a. wörtlich in der „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ die „Südseebewohner“ von „Sinnlichkeit affiziert“ – und der vorsinnlichen, voremotionalen usw. Vernunft, bei Kant heißt das im Falle der praktischen Vernunft Pflicht.

Das ist das Grundschema des Kolonialismus zudem, Kant war da nicht Ursache, sondern Symptom: Auf der einen Seite die Vernunft, die Zivilisation, die Kultur, die Fähigkeit, das „Natürliche“ zu beherrschen, die Geschichte, die von weißen Männern gemacht wird – auf der anderen Seite das „Naturverfallene“, die „Horde“, nicht individualisiert, die nur kreischt und brüllt und trommelt.

Das ist die Perspektive, die sein Text einnimmt, der macht auch vor Pathologisierung nicht halt, und wie bei der Neuen Rechten üblich, tritt das Ganze auch noch als Totalitarismuskritik auf. Während der über den Dingen schwebende Mann nur kurz die Fassung verlor. So pflegt er sich perfekt in den bundesdeutschen Konsens ein, bemüht wie üblich die ja ungeheuer wirkungsmächtigen „K-Gruppen“ und vorsichtshalber auch die Prüderie der Katholischen Kirche zur Denunziation der Geotherten.

Das ist freilich das Muster, das nun auch permanent spätestens seit dem 11. September im hehren Kampf gegen „Islamofaschismus“ Mehr von diesem Beitrag lesen

Entrückt: FC St Pauli – 1860 München 3:1

3zu1

Es ist Dienstag Abend. Der Frühling hat ein wenig so getan, als sei er – ganz so, wie wir alle mal so tun, als seien wir, obgleich wir doch nur simulieren, tun als ob, in Rollenspielen und Egowahn verheddert.

Die Müdigkeit schleicht, hat mich umzingelt. Donald Fagen lässt gerade Harmonien hier aus den Boxen tanzen, die aus dem Jazz entsprungen sind, dem Sound urbanen Chaos‘ und Schwungs mit dampfenden Gummideckeln und Hydranten wie aus der Sesamstraße, waren da welche? Ich sehe Kinder in Sommerhitze auf glühendem Asphalt spielen vor dem geistigen Augen, jemand hat den Hydranten aufgedreht, sie lachen und schreien im Strahl vor Glück- wie in mythischen Bildern auf Leinwänden.

Lester Young hatte schon recht, dass es hilft, den Text zu wissen, improvisiert man zu den Songs aus dem „Great American Songbook„. Weil auch das Solo-Saxophon eine Geschichte erzählen kann, wenn es will. Vom Kloß im Hals, der fest gepropft nicht weichen will und das G2 immer zum Überblasen bringt in meinem Fall zum Beispiel, von zauberhaften Abenden in „Alma Hoppes Lustspielhaus“, da die Hidden Shakespeares, Weggefährten und die Mutter, die Tochter und die heilige Geistin aller Hamburger Improvisationstheater und darüber hinaus ihren 20. Geburtstag feierten, diese umwerfenden Rampensäue, diese großartigen Sänger, Schauspieler, Entertainer, die mir so ans Herz gewachsen sind und die so lange auf der Bühne zusammen als Ensemble stehen wie ich meinen Beruf nun ausübe. Ja, vor 20 Jahren Praktikant und noch immer fiel mir nichts Besseres ein – stimmt nicht! Seit kurzem weiß ich was und verrate es nicht! Das Leben kümmert sich schon drum!

Und dann stehe ich vor dem Lustspielhaus im Vorort, war’s Winterhude oder Ependorf?, so kommt es mir vor, wie Vorstadt, mir, der zumeist nur zwischen Neustadt und Schanzenviertel pendelt und allenfalls mal Abstecher nach Eimsbüttel Süd oder Ottensen unternimmt. Vorort mit gediegenen Prachtbauten an Alsterkanälen und Fährhäuser als Naherholungsziel, für manche zentral, für mich eine andere Story in der Stadt.

Mit Crazy Horst, St. Pauli-Wirts-Legende (und er ist auch so!) stehe ich da, und er schwärmt nicht nur von dem Auftritt der Hidden Shakespeares, bei dem wir jeweils lachten wie seit Jahren nicht, sondern auch von der zauberhaften Stimmung auf St. Pauli am Abend zuvor.

Weil der FC St Pauli ja gewonnen hatte und alle so chilly-groovy-happy durch das Viertel geschwebt seien und wie auf Bordsteinen aus Samt schwebten und die Story des Sieges zur richtigen Zeit vor sich hin summten … eben entrückt. Die vom magischen FC brachten es auf den Punkt: Mehr von diesem Beitrag lesen

Die Saxophon-Dialoge, Teil 7 (Nachtzug nach Erfurt)

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Frage mich manchmal, was wohl wäre, wenn ich im Koffer meines ’52er-Tenorsaxophons der Marke „Akustik“ aus der ehemaligen DDR ein vergessenes Tagebuch gefunden, mich in es vertieft hätte, in fremde Leben – meines in Frage stellend?

Oder einen rätselhaften Brief, vielleicht ein Klassenfotos, auf dessen Rückseite mit bräunlich verblichenen Lettern „Erwin war’s! Ich vermisse sie so – das Schwein!“ geschrieben stünde. Letzteres nebst einer Todesanzeige, „Rosemarie Olschewsky“, verstorben am 15. 5. 1989 in Marktneukirchen, Thüringen.

Ob ich mich dann wohl paralysiert und fasziniert in den Nachzug nach Erfurt gesetzt hätte?

Ahnend, dass dieser plötzliche Aufbruch, bei dem ich alles stehen und liegen ließe, irgendwann mit einem europäischen Starensemble verfilmt würde, schrübe ich darüber? Charlotte Rampling als Rosemaries Mutter und deren Affäre mit einem Stasi-Offizier, die in tragischen Verwicklungen Erwins Tat motivierte?

Gewappnet mit den Mitteln der Bewusstseinsphilosophie bin ich schon auch ein wenig, wobei mir so eine Knaller-Metapher wie „Brille geht kaputt, der gebrochene Held bekommt eine neue Brille = er sieht die Welt mit neuen Augen“ und zudem auch glatt seinen Urlaubsflirt, die Optikerin, bestimmt nicht einfiele.

Obwohl in Kraslice jenseits der Grenze zur damaligen CSSR bestimmt auch Widerstandsgruppen aktiv waren und Rosemaries Mutter ja vielleicht während des „Prager Frühlings“ … na, auf ein philosophisches Prachtwerk wie jenes Peter Bieris alias Pascal Merciers kann ich nicht zurück blicken. Hab nur mein Blog. Jean-Paul Sartre hat mir aber, glaube ich, anderes erzählt als ihm … zum Beispiel, wieso es philosophisch relevant ist, wenn man schwitzt und ein Hemd auf der Haut kratzt. Wobei so was im „Nachtzug“ auch vorkommt. Der Held ist auch vorsichtshalber von chronischer Schlaflsigkeit gebeutelt. Das macht Figuren interessanter und sorgt für Emphatie.

Wobei im „Nachtzug nach Lissabon“ ja dieses Motiv „Freiheit von“ versus „Freiheit zu“ auch durchgespielt wird – in der Verfilmung etwas krude, beim Buch bin ich auf Seite 130 stecken geblieben, da weiß ich nicht, was noch kommt.

Was ja viel mit dem Saxophonspielen zu tun hat. Entweder man, also ich, spielt es oder hört nur zu … um den Geschichten von Sonny Rollins, Dexter Gordon, den Visionen von Trane mit anderen Ohren zu lauschen, nimmt man, also ich die Tröte und vollzieht noch intensiver deren Genie nach. Weil man, also ich, so weit davon entfernt ist.

Was man, also ich, so alles tat, um mir die Welt vom Hals, buchstäblich vom Leib zu halten … überblase im Moment immer das hohe G. Mein Lehrer sagt, mein Hals „mache da dicht“. Denn, was mein Musikpädagoge einst, der von früher, mir nie vermittelte: Saxophon spielt man mit nicht nur mit den Lippen, sondern mit dem Rachenraum. Und ich scheine so eine Art chronischen Kloß im Hals zu haben. Vor allem hohen beim G. Der löst sich allmählich. Manchmal weine ich fast, und das tut gut.

Wie die ganzen Körperspannungsverhältnisse sich lockern und umstrukturieren, wenn man, also ich, regelmäßig in so ein Horn pustet … so im Laufe des Lebens hat man, also ich, mir ja angewöhnt, stets die Abwehr des nächsten Urteils vorweg zu denken, der nächsten Intervention von Kunden in das, was ich für richtig halte, dem nächsten Banken-Ranking … also, irgendwann ziehen sich, verstärkt durch Computertastaturbedienungshaltungen, die Brustmuskeln zusammen, die werden tatsächlich kürzer, die Schultern gehen nach vorne, der Kopf senkt sich, stets zum Gegenangriff bereit, auf das fixiert, was man, also ich, mal wieder zu vermeiden und zu verhindern suche … und plötzlich spiel ich einfach, was ich will. Tut gut. Jenseits der Notwendigkeit angekommen nutzlos tuten. Toll.

So steht man, also ich da, mit Goldie Horn, meinem Hauptinstrument, um den Hals gehängt einfach so da und muss das Zwerchfell anspannen, mich aufrecht hinstellen, den „Hals aufmachen“, die Lippen locker lassen und darf diesem Wunderhorn Jauchzen entlocken … und jauchze mit. Bis das hohe G überbläst.

Das ist gerade angesichts des Bankenrankings ganz interessant. Firmen erhalten ja auch so was. Das setzt sich zusammen aus Jahresabschluss, Kontoverhalten, regelmäßigem Bedienen der Kredite, Eigenkapital und Branche. Ich weiß nicht, ob Herr Mercier alias Peter Bieri später noch auf die darin enthaltene Anthropologie eingeht in seinem Roman, aber Philologie-Lehrer mit genug Geld auf dem Konto, so einer ist ja der Held im „Nachtzug“, interessiert das vermutlich nicht so sehr. Während ich im Gespräch mit der Bank ausrief „Das bestätigt ja ganz die Gesellschaftstheorie Luhmanns!“, diese anhand von irgendwie codierten Kommunikationsparametern erzeugten Pattern, die Eigenwuchs entfalten und auf die Bewusstseinsleistungen gar keinen Einfluß haben … nur dass man Bankenrankings nicht auf dem Saxophon spielen könnte. Da gibt es auch Patterns, Licks, Skalen usw., aber so was kriegt man vielleicht am Klavier hin, aber nicht mit dem Saxophon. Das ist zu individuell.

Man kann gegenüber diesen Kommunikationspattern mit Macht über das eigene Leben auf Abwehr gehen, sie hin nehmen, sich daran orientieren, unseres sieht auch okay aus, aber es ist eben doch das Gegenteil von der Musik, an der man, also ich und alle anderen, spielend TEILNEHMEN können. Deshalb wird in diesem Land so selten gemeinsam musiziert, mal einfach so zwischendurch. Das wäre ja die „Freiheit zu …“. Das war immer die Kritik von Habermas an Luhmann: Dieser würde nur die Beobachter-, nicht jedoch die Teilnehmerperspektive erhellen … sollte man sacken lassen, was das heißt.

Das macht ja auch das Geschmäckle der „Nachtzug“-Verfilmung aus: Da lauscht – beobachtend – Jeremy Irons Folteropfern und neidet denen ihr intensives Leben … weil er sich so langweilig findet. Urgs.

Immerhin habe ich eine irgendwie versteckte Mini-Disc im Koffer meines Goldie Horn entdeckt. Goldie Horn kommt eigentlich aus Taiwan, aber der Koffer, den habe ich dazu bestellt … muss mal checken, wo diese Firma sitzt, die den her gestellt hat. Und meine Mini-Disc-Player irgendwie wieder in Gang bringen.

Und dann noch dieser Typ, der sich vorhin fast vor den Bus geschmissen hätte – konnte ihn gerade so zurück halten. Er verschwand, und ich fand mich an der Bushaltestelle mit seiner Jacke in der Hand alleine wieder.

Wenn ihr wüsstet, was ich da in der Jackentasche entdeckt habe …

Ein alter Blog-Wegbegleiter berichtet aus Umea!

Berichtet von Wäldern, Seen, Wäldern, Seen, Wäldern, Seen, Fitneßcentern (kritisch) und der schweigenden Macht des Küchenutensils – diese:

„(…) konzentriert das kulinarisch Mögliche auf den Pol der materiellen Verfügbarkeit und gekonnten Handhabung“. 

Welcome back in der Blogosphäre!

Wo einstige „liberale“ Kontrahenten mittlerweile schlapp gemacht haben und sich einbilden, sie hätten alles gesagt (dabei wissen sie nach Bankenkrise, Griechenland usw. vermutlich einfach nur insgeheim, dass das, was sie vertreten haben, schlicht falsch war), machen wir derweil weiter und verbinden Theorie und Leben – der eine mit Saxophon und passivem Fussballgenuss, der andere mit zwei Kochplatten, ohne Schneebesen, aber bestimmt bald mit Gitarre und Musik-Apps 🙂 … und Forschung rund um männliche Selbstbilder, ganz auf den Spuren Michel Foucaults in Uppsala. Nur eben in Umeå. Die Mittsommernacht naht …

Zwischen Dresden und 1860: Kurz was zu Michael Frontzeck

Ich gebe es ja zu – ich habe es gemacht wie 2/3 des Magischen FC:

„2/3 dieses Blogs hatten alles richtig gemacht, als sie die Teilnahme an dieser Fahrt schon frühzeitig sein ließen und den Tag auch noch so vollpackten, dass sie das Grauen nicht einmal am Fernsehen ertragen mussten.“

Ahnend, dass im postdemokratischen Freistaat Sachsen sowieso irgendwas ganz besonders Blödes passiert. Ich war nur einmal in Dresden und fand die Stadt prima; habe Freunde und Kollegen in Leipzig und Leuna, die ich sehr schätze für ihre widerständige Ironie und tiefe Herzlichkeit, die sich den funktionalen Stahlgehäusen der Verwestlichung bis heute erfolgreich entgegen stellen: Sie grinsen über „Macher-„-Egos und kichern Poser einfach hinweg. Freue mich immer, wenn ich sie treffe.

Das sollen aber, so hört und liest man, trotz aller offenkundig intensiven Bemühungen bei Dynamo dagegen anzustinken, nicht jene Tugenden sein, die dort im Stadion sich an unseren Fanblock heran wanzten.

Wahlweise glauben die „hitlernden“  ja, sie würden „provozieren“ – haben die da keine besseren Ideen? – oder sie sind wirklich Nazis; kein Wunder, wo die sächsische Justiz, Staatsanwaltschaft und auch einige Richter, als in meinen Augen Nationalsozialismusförderungsprogramm immer wieder in die Schlagzeilen gerät, weil sie jene meiner Ansicht nach politisch verfolgt, die  was gegen Nazis tun:

„Im Stadion sammelte sich direkt neben dem Gästeblock auf den Aufgängen eine Gruppe von ca. 50 Hackfressen. Bemerkenswert dabei ist, dass diese fröhlichst mit den dort postierten Ordnern schnackten. Auch so eine Beobachtung, die man leider nicht zum ersten Mal macht. Bei uns am Millerntor darf man keine 30 Sekunden im Aufgang stehen, in Dresden kannst du auf dem Aufgang noch locker abhitlern und wirst von den Ordnern noch freundlich beschnackt.

Das Erstaunliche dabei ist aber, dass im gleichen Block auch reichlich Polizei steht, die aber Scheuklappenmäßig nur auf den Gästeblock guckte. Eigentlich ein echter Skandal, andererseits wohl eher traurige „sächsischer Normalität“. In diesem Bundesland ist es schon lange das schlimmere Verbrechen, gegen Nazis zu demonstrieren, als Nazi zu sein.“

Angesichts der grandiosen Leistung, vor solch strukturell menschenfeindlicher Kulisse noch mit 2 Toren in Führung zu gehen, muss man die Mannschaft wirklich herzen.

Nur wie es zu diesen Zusammenbrüchen danach kommt – so richtig verstehe ich das nicht.

Ich erinnere mich verdammt gut an das Hinspiel in München, und damals hatte ich das Gefühl: Wow, der Frontzeck hat eine durch Schubert und Präsidiumsvefehlentscheidungen scheintote Mannschaft aber so was von revitalisiert! Das war wirklich ein perfekt aus einer aber derart  kompakten und hochkonzentrierten Defensive „überfallartig“ (schrub der Kicker, glaube ich) aufgezogenes Konterspiel, geradezu atemberaubend und sogar eine Antwort auf den Stanislawski-Harakiri-Stil in Liga 1 (Ausnahme: Das Spiel in Hannover), das noch in manchen Köpfen saß. Lag auch sehr stark an Buchtmann, der da richtig gut war, aber auch ansonsten eine Souveränität der Boys in Brown zum Knutschen.

Man spürt nun immer mal wieder, dass der Michael Frontzeck das auch immer noch gerne so hätte. Gerade in bei Union Berlin. Das sah so aus, als sei seine Vorgabe, doch einfach wie ein Block in der eigenen Hälfte zu stehen, um dann plötzlich vorzustoßen. Ging schief.  Da wankte die Mannschaft schnell angesichts des Drucks, hielt kurz gegen und hat sich nach dem Ausgleich noch 2 gefangen.

Aber warum denn eigentlich?

Im Gegensatz zu der Schubert-Zeit ist ja Engagement zu sehen (weiß nicht, ob in Dresden, habe es nicht gesehen, aber sonst geht man nicht in Führung), aber die anfangs vom Trainer etablierte Struktur ist – auch wegen Verletzungspech, aber das allein kann es ja nicht sein – völlig in sich zusammen gebrochen, dass eher die Kombination aus Zufall, Wille und Einzelleistung zwischendurch mal was reißt.

Nun munkelt man im Forum, Trainingszeiten mit anderen Mannschaften vergleichend, dass Michael Frontzeck vielleicht  das ganze etwas zu locker anginge, nicht zur Akribie neige und und die letzten 10% selber nicht bringe.

Ich habe keine Ahnung, ob das stimmt, aber dieser Zusammenbruch der Struktur, die er selbst ja zu schaffen vermochte mit eben diesem tatsächlich falsch zusammen gestellten Kader, wofür er nichts kann, wirkt zumindest wie ein Indiz – als habe er steil los gelegt, für Selbstbewusstsein nach den (vom Hörensagen) Niedermachanfällen Schuberts gesorgt. Und selbst eben auch stark nach gelassen.

Diese lockere Art, die er an den Tag legt, finde ich ja sehr sympathisch – trotzdem, diese extreme Verunsicherung, da KANN man gegen steuern. Bestimmt nicht durch die allseits geforderte, öffentliche „Kritische Betrachtung“. Aber dadurch, dass man die Aufmerksamkeit auf die Stärken legt, die man selbst etablieren half.

Und nein, ich bin nicht beim Training, stecke nicht drin, habe auch nichts gegen den Trainer und finde gut seine Bereitschaft, in widrigen Umständen aus nicht allzu guten Vorraussetzungen, deren Keim das Präsidium legte, als es Schubert erst demontierte und dann mit ihm verlängerte, klaglos etwas machen zu wollen. Ich will hier auch gar nicht „Frontzeck raus!“ schreiben, er hat mich positiv überrascht.

Trotzdem: Vielleicht einfach noch mal das Hinspiel gegen 1860 vor Samstag gucken. Auf Fehler konzentrieren bringt nix, das werden dann nur immer mehr. Immer wieder das Hinspiel gucken. Bis es wieder sitzt. Und anschließend so tun, als sei man mental noch so drauf wie damals. Notfalls schauspielernd.

Sie können es ja. Auch Fin Bartels kann schnelle Vorstöße, auch Gyau kann lernen, sich mal weniger nur auf seine Dribbelkünste und Sprints zu konzentrieren, sondern auch mal den Kopf hochzunehmen und auf das Spiel zu schauen. Auch Gogia braucht seine Technik gar nicht zu demonstrieren, sondern kann mal mehr auf die Anderen achten und vor zündenden Ideen sprühen.

Bruns KANN gefährliche Freistöße schießen, Boll KANN das Tor treffen, Kringe und Funk KÖNNEN als Doppel-6 funktionieren, wenn Kringe nicht ständig das Gefühl hat, den Spielmacher geben zu müssen, weil es sonst keiner es tut, und den Paddy alleine lässt.

Mohr, Avevor, Thorandt, Kalla SIND Top-Verteidiger – vielleicht haben sie das einfach vergessen? Dann sollte man sie daran erinnern,

Herr Frontzeck, Energie folgt der Aufmerksamkeit, und jetzt im Schlußspurt gegen den Abstieg ist es vielleicht an der Zeit, dass auch SIE noch mal eine Schippe drauf legen – nicht durch böse gucken und aufregen an der Seitenlinie, sondern durch ein paar extra trainierte Geniestreiche? Machen sie ja bestimmt eh schon, und ich nerve hier nur klugscheißend und besserwissernd rum 😉 … wie es so meine Art ist.

Deshalb müssten wir jetzt eigentlich eine Siegesserie starten …

„Ich sehe aus dem Augenwinkel nur ein hellblaues Trikot reinfliegen und plötzlich war es unfassbar laut.“ – Florian Bruns

Von hinten erzählen? Vorne anfangen? Mitten rein springen?

Vorgeschichten ausmalen – wie schön es z.B. ist, in dieser traumhaften Stadt zu leben, trotz allem, trotz Neumann, Scholz, Gentrifzierung? Wie gut es sich anfühlt, an arschkalten Frühlingsabenden durch den Park der Abendsonne entgegen zu gehen, in Erwartung dessen, die Boys in Brown gleich auf dem Platz zu sehen, vertraute Menschen in und um das Stadion zu treffen, wenn das Bier schmeckt und die Seele braun-weiß lacht?

Klar, bin auch kein potenzielles Opfer von Racial Profiling, nicht von Abschiebung bedroht – erinnere mich aber gut daran, wie einst, als ich noch in dem Alter und der Form war, da man Erfolge auf dem Fleischmarkt feierte, mich drei bis vier mal umsah, bevor ich mit dem jeweiligen Typen los knutschte auf offener Straße.

Weil man ja zumindest ahnen konnte, wer darauf gewalttätig reagieren könnte …

Nun sehe ich manchmal deutschtürkische Jungs Händchen halten durch die Wallanlagen streifen. Und freue mich dann. Ja, ist „nur“ Freundschaft zwischen denen, aber nicht umsonst formulierte Michel Foucault einst in vielen Interviews, dass sich als schwul erfinden als Freundschaft zu anderen Männern verstanden werden  könnte – durchaus in Abgrenzung zu oft von sexistischen Hierarchien und Role-Models durchdrungenen, heterosexuellen Beziehungen. Und auch deshalb: Unbedingt lesen, den Text!

Weil ich auch manchmal das Gefühl habe, dass Homo-Ehe für manche Heterosexuelle auch deshalb so befürwortenswert ist, weil man sich deren Lebensformen damit anähnelt. Was ich nie gewollt hätte. Bin ja trotzdem für die rechtliche Gleichstellung, fand aber das Abenteuer, in jeder Konstellation erst mal entdecken zu müssen, Mehr von diesem Beitrag lesen