Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

„Jazz handelt vom Mutigsein“: Über Risiko, Vertrauen, Fussball und die Problematik eines Begriffs

saxflirt

 

Nach Hause!

Im SPEX-Kosmos der 80er weich gekocht und danach im Flirt mit der BRAVO bei gleichzeitigem Sträuben dagegen mit den Mitteln der Philosophie wurde mein Denken geformt, irgendwann habe ich mich durch die Rolling Stone-Phase gefolkt (ich ließ das Lesen dessen bleiben, als Stuckrad-Barre dort schrub), entdecke ich nun im fort geschrittenen Alter: Es gibt richtig coole Jazz-Zeitschriften!

So z.B. die JAZZthetik. Die berichtet von Menschen, die musikalisch besser machen, was ich hier manchmal bloggend versuche – und wohl, weil trotz Giganten wie Joe Lavano, Wayne Shorter und anderen sich kein der bildenden Kunst, der Klassik oder dem Pop adäquates Starsystem heraus bildete (Sonny Rollins, Herbie Hancock und Tomasz Stanko live übertragen von der Waldbühne um 22.30 h im ZDF zur Eröffnung irgendeines Sport-Events ist schwer nur vorstellbar), denken die Autoren und spielen die Musiker crossovernd vor sich hin.

So erschließen sie sich sinnlich und reflektierend Welt, dass es eine Freude ist.

Da verjazzen im Wagner-Jahr reihenweise Künstler (Eric Schaefer und Dieter Ilg zum Beispiel) das olle, politisch niederträchtige und künstlerisch doch so überragende Genie, Ruth Wilhelmine Meyer und Helge Lien umschmeicheln die Figuren Ibsens ohne Text, weil Sprache ja einen Schlusspunkt habe, an dem es nicht mehr weiter ginge – und der Altsaxophonist Christian Weidner musiziert jungianisch seine Träume:

„Die Wesen, die dort anzutreffen sind, haben eine bestimmte Energie und einen bestimmten Gestus und leben weiter, auch wenn ich nicht mehr schlafe. Ich gehe gerne bewusst zurück in die Träume und erinnere mich an sie. Ich tue so, als wären sie im wachen Zustand lebendig, indem ich mit Figuren spreche und ihrer Energie nachspüre. In diesen Energien und dem Nachspüren taucht dann die Musik auf.“

Christian Weidner in: Traummusik im Wachzustand, JAZZthetik März/April 2013, Ausgabe 251, S. 22

Wundervoll. Das sollte ich mal als Konzept an meine Kunden verkaufen, die Chancen stünden schlecht, dass sie zu begeistern wären – aber genau deshalb ist diese jazzige Welt ja so wunderbar. Kommerziell kann man da eh nicht viel reißen, drum gibt sich programmatisch die Formenvielfalt ganz der nun mal wirklich tabufreien Imagination hin.

Diese ganze angeblich „Tabus brechenden“ Feuilleton-Schmierfinken in ihrer formalen Öde, die „Zensur“-Schreihälse mit ihren Textbausteinen machen ja gerade das NICHT, was auch nur in Nischen sich findet, doch solchen, wo das Abenteuer der Form noch gesucht wird .

Don Byron auf S. 46 weiß so zu berichten, wie schwarze Musiker in den USA dazu gedrängt werden, doch lieber Saxophon statt Klarinette zu spielen und begibt sich als Antwort in die Gospelkirche, die Historizität des Materials erkunden. Chris Potter zwei Seiten weiter hat sich als Urformel aller Heldenreisen Homers Odyssee gekrallt – nicht zufällig auch dramaturgischer Höhepunkt in Adornos und Horkheimers „Dialektik der Aufklärung“, die Nummer mit den Sirenen und dem Mast, an dem fest gebunden der alte Grieche dem Trieb entsagt, da er ihn zerstören könnte. Naturbeherrschung. Und das Drama nahm seinen Lauf …

Mehr Inspiration in einem Heft als in 20 Jahren Abo von DIE ZEIT. Nach Hause! In Ben Zabo muss ich mich noch mal separat einarbeiten.

Und, hach, auf S. 60 dann ein Essays zu, na, was wohl: Jazz und Fussball! Autor ist Hans-Jürgen Schaaf, und allein schon dieser Text, der eine Art multimediale Philosophie des Raumes entfaltet und dabei auch auf das Werk György Legetis eingeht, lohnt den Kauf:

„Die Musik der spontanen, interaktiven Räume ist der Jazz. Ähnlich wie im Fußball vollzieht sich seine kollektive Dynamik im Widerstreit zwischen Solist und Team, Tempo und Verzögerung, Improvisation und System, Raumeröffnung und Raumsicherung. Harmonien sind Handlungsräume. Akkordfolgen schaffen neue Laufwege, sparsame Harmonik macht den Raum weit, modale Skalen bringen Bewegungsfreiheit, zurückhaltende Begleitung eröffnet Handlungs-Tiefen. Seit Cool-Jazz Tagen ist der freie Raum in der Musik ein zentrales Thema der Jazz-Diskussion.“

Hans-Jürgen Schaaf, RAUM – Ligeti Fussball Jazz, in: JAZZthetik, März/April 2013, Ausgabe 251, S. 62

Na, und Montag Abend wird über den vor dem Paderborner Tor diskutiert werden, den Florian Bruns nutzte, entscheidende Tore zu schießen, woraufhin sein Vertrag doch verlängert wird …

Bruns:Ebbers:Sax

… und Ebbers setzt noch einen drauf.

Das Wundervolle an all den Jazz-Philosophien ist ja, dass sie den Kontrast zu den Verwaltungsmentalitäten angstgesättigter Sicherheitsfanatiker an den Hebeln der Macht modellieren.

Nur, wer der Musik, dem Ton, der eigenen Inspiration VERTRAUT, kann sich auf dieses Terrain vorwagen und auch so künstlerisch Fussball spielen wie ein Florian Bruns.

Das ist das exakte Gegenbild zu Wunderkerzenverbietern, und diese hochpathologische Kollektivneurose des mangelnden Vertrauens sollte eh mal in den Focus rücken.

Gehirnforscher wissen ja zu berichten, dass im Falle der Furcht jene Arreale der grauen Masse aktiviert werden, die einfach nur Überlebensreaktionen hervor rufen. Man wird buchstäblich zur Bestie, die nur Kampf oder Flucht kennt (zumeist, um das eigene Ego zu stabilisieren). So agieren Wendt, Hape Friedrich und die anderen ja auch.

Andere Hirnregionen jedoch sind zu weit Kultivierterem fähig – deren Potenziale freilich sind nur zu aktivieren, wenn die niederen Instinkte ruhen.

Das lässt sich vom Musizieren eben auch auf den Fussball übertragen:

„Es ist das höchste Ziel des Musikers, den Zustand der entspannten Konzentration zu erlangen und mit der Musik eins zu werden. Um dieses Ziel zu erreichen, benötigen wir eine weitere Fähigkeit: Wir müssen lernen, uns selbst zu vertrauen.“

Barry Green, W. Timothy Gallwey, Der Mozart in uns, CH-8500 Frauenfeld, S. 79

So billig sich das liest, so steil und steinig ist der Weg zur Gipfelerfahrung. Den Aufstieg behindert Green und Gallwey zufolge dreierlei: Die Frage stellen, was andere von uns denken; das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren; der Zweifel an den eigenen Fähigkeiten. Wahrlich Gifttropfen, politisch, künstlerisch, fussballerisch – und auch beim

Sex. Wie viel das mit all den Diskussionen zu „Empowerment“ hier im Blog zu tun hat, das sollte offenkundig sein.

„Vertrauen und Loslassen kann sich beängstigend anfühlen, besonders dann, wenn wir unter Druck gut spielen müssen. Aber wir werden selten etwas Besonderes erreichen, wenn wir nicht lernen, ein Risiko einzugehen.“

Ebd., S. 87

Jazz ist die Antwort! Nur vielleicht ist der Begriff falsch. Was nun die längst fällige Diskussion des Wortes als solchem eröffnet. Weil selbst Wikipedia zu berichten weiß:

„Aufbauend auf Alfons M. Dauer, der auf eine zunächst stigmatisierende Wirkung des Jazzbegriffs hinwies,[10] betont der MusikwissenschaftlerMaximilian Hendler, „dass der Begriff Jazz von seinem Ursprung her weder musikalische noch stilistische, sondern soziale Konnotationen hatte. Er drückte ein abwertendes Urteil der Master-Gesellschaft – der Träger der Suprastruktur – gegenüber allen Erscheinungsformen von Musik aus, die nicht den von ihr gesetzten Normen entsprachen.“[11]

Zahlreiche Jazzmusiker lehnten für ihre Musik daher den Begriff Jazz ab; das sei „ein Wort des weißen Mannes“, so Miles Davis.[12] In den 1970er Jahren propagierte das Art Ensemble of Chicago an seiner Stelle den Begriff Great Black Music, der sich jedoch nicht durchsetzte. Der TrompeterNicholas Payton schlug 2011 vor, den Begriff Jazz durch Black American Music (BAM) zu ersetzen, da das Wort Jazz einen rassistischen Beigeschmack habe und BAM eine Erfindung schwarzer Amerikaner sei, was anerkannt werden solle. Ähnlich haben sich auch andere Musiker geäußert,[13] beispielsweise Orrin Evans, der meinte, Jazz sei „ein repressiver, kolonialistischer Sklaven-Begriff, und ich will nichts damit zu tun haben“[14], oder Archie Shepp, der sagte: „Ich habe darauf bestanden, dass meine Studenten in ihren Seminararbeiten das Wort Jazz vermeiden.“ Diese Musik habe vielmehr in Afrika begonnen, mit Call and Response, Händeklatschen, Fußstampfen, Blues-Tonleitern, die man nicht bei Mozart oder Anton Webern fände, sondern bei kleinen Stämmen in Westafrika.[15]“

Ich bin mir ja immer nicht soooo sicher, ob nun gerade im Falle des Jazz – anders als beim Blues oder R&B oder Soul, wo trotz Einfluss der Kirchenmusik die Sachlage klarer und eindeutiger ist  – das Thema Appropriation so diskutiert werden kann, dass da nicht ziemlich schnell Eigentore geschossen werden.

Aber natürlich ist da wichtiger, was Archie Shepp sagt.

Ist vermutlich inkonsequent, den Begriff weiter zu verwenden – oder auch nicht, weil ja gerade die Hybridität im Falle dieser Musik sehr früh griff. Nicht im „Dixieland“, einer weißen Kopie des New Orleans-Jazz, aber bei Künstlern wie Gershwin, Cole Porter zum Beispiel, die das Privileg hatten, nicht ständig in Kaschemmen jammen zu müssen, sondern komponieren konnten, die so maßgeblich auch das Material lieferten, um das herum improvisiert wurde. Klassiker wie z.B. „Autumn Leaves“ schrub ein ungarischer Jude, ein Text stammte von Jacques Prévert; ganz generell ist der Einfluss von Juden (auch als Label-Chefs, was Schwarze gar nicht sein durften meines Wissens, aber auch als Interpreten, Lee Konitz zum Beispiel) und auch Sinti und Roma auf den Jazz durchaus bedeutend. Der Arrangeur von Duke Ellington, Bill Strayhorn, war übrigens schwul.

Und zudem scheint mir das Hybride zu überwiegen, weil spätestens seit dem BeBop, dem Beginn des „Modern Jazz“, eine intensive Auseinandersetzung nicht nur, aber auch mit der europäischen Tradition einsetzte und Kirchentonleitern, die zur Improvisation genutzt wurden, teilweise Analogien mit der Blues-Tonleiter aufweisen. Und die Pentatonik, auf der sich die Blues-Tonleiter aufbauen lässt, z.B. auch in China Traditionsbestand ist.

Ich finde das bei diesem Thema schwieriger, auch wegen der Instrumentierung – vielleicht auch, weil anders als in R&B, Rock und Pop die schwarzen Künstler kein Schattendasein führen, sondern jeder um deren Genie weiß, das honoriert und würdigt und bewundert, was sie geleistet haben unter Bedingungen, unter denen kein Weißer zu leben hatte.

Mir scheint auch beim Durchblättern der JAZZthetik, dass das Wissen um Black Cultures dort viel selbstverständlicher und tiefer sitzt und vielleicht im Falle dieses Begriffes doch auch so was wie ein Bedeutungswandel im europäischen Kontext statt gefunden hat, anders als beim N-Wort.

Das kann aber auch ein grandioser Irrtum sein, weil z.B. und kurioserweise im Falle Elvis Presleys und sogar von Peter Kraus, unglaublich, das postnazistische Feuilleton der 50er diese als „Jazz-Sänger“ tatsächlich verunglimpfen wollte. Und mein Sax-Lehrer seine Auseinandersetzung mit chilenischen Rhythmen, die eine gänzlich anderen postkolonialen Kontext eröffnen als z.B Samba oder Bossa Nova, auch ganz ausdrücklich NICHT als Jazz labeln möchte. Um dann doch immer wieder beim Lehren das Wort zu verwenden.

Ich lasse die Frage offen und hoffe auf kompetentere Stimmen als  die meine in der Kommentarsektion!

Einen gänzlich anderen Ursprung des Begriffs vermag nun wiederum die JAZZthetik zu erkunden, allerdings unter der ziemlich ätzenden Überschrift „Die Jazzpolizei ermittelt“. Bitte ändern, liebe Redaktion.

„Einigermaßen sicher ist nur, wann das Wort „Jazz“ zum ersten Mal offiziell dokumentiert und diskutiert wurde. Das geschah nämlich vor genau 100 Jahren, im Frühjahr 1913. Damals wurde im SAN FRANCISCO BULLETIN ein „futuristisches Wort“ gepriesen, das sich gerade unserer Sprache eingefügt hat“: Das Wort „Jazz“. Die Bedeutung dieses Mode-Ausdrucks wurde umschrieben mit Elan, Energie, Temperament, Schwung, Begeisterung, Kühnheit. Aufgekommen war der Begriff offenbar kurz zuvor in der Sportszene, genauer gesagt: Beim Baseball“.

Fredi Fußwipper, Die Jazzpolizei ermittelt – Aktenzeichen 03/13, in: JAZZthetik März/April 2013, Ausgabe 251, S. 122

Ein besonders angeschnittener, flatternder und somit schwer zu fangender Ball wurde „Jazz-Ball“ genannt.

„Insbesondere ermahnt uns diese Geschichte aber, nie zu vergessen, was „Jazz“ im Kern bedeutet: Energie und Kühnheit und einen besonderen Drall. (…) Es geht in dieser Musik eben nicht um Sicherheit und Routine, sondern immer um den riskanten Flatterball. „Jazz handelt vom Mutigsein“, meinte Herbie Hancock einmal.“

Ebd.

Vielleicht ein Ausweg aus dem Dilemma? Oder nur ein hilfloses, billiges Ausweichen? Ich weiß es nicht und bitte um Hilfe.

Nichtsdestotrotz:  Ein Appell an die Mannschaft des FC St. Pauli ist das allemal, am Montag ganz in diesem Sinne zu spielen.

 

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18 Antworten zu “„Jazz handelt vom Mutigsein“: Über Risiko, Vertrauen, Fussball und die Problematik eines Begriffs

  1. lalberth März 31, 2013 um 7:52 pm

    Also ich hatte deswegen auf Facebook Gil Scott-Heron verlinkt, weil er bei einem seiner Live-Konzerte „jazz“ mit „miscellaneous“ übersetze und damit dem jazz etwas kategorieübegreifendes, transgressives zuschrieb. Wobei mir die „mutig sein“-Definition von Hancock auch ganz hervorragend gefällt. Es schließt sich jedoch gar nicht gegenseitig aus.

  2. momorulez März 31, 2013 um 7:59 pm

    Ich muss mir das noch mal in Ruhe durch hören, das von Gil Scott Heron. Mir persönlich gefällt ja auch das besser, was Herbie Hancock sagt, besser, und das ist ja auch richtig. Diese Angst, etwas falsch zu machen, die in der Klassik manchmal zu regieren scheint, die auch Pop töten kann, wird da halt mit der Lust am Regelbruch bzw. der Regelerweiterung beantwortet – dass Banausen dann abwertende Begriffe dafür verwenden, ist ja vielleicht auch nahelegend.

    Ich bin ja in meiner Jugend mit Mozart-Violin-Quartetten und so gequält worden. Vermutlich war das Saxophon damals schon die richtige Antwort 😀 …

    Wobei, wenn man Branford Marsalis hört, hebt sich dieser Gegensatz auch wieder auf.

    Was für eine wundervolle Welt! Ja, Louis!

  3. Trude April 1, 2013 um 11:51 am

    Die Dosis macht das Gift. Gelegentliches Mozartviolinquartett schadet nicht wenn du mich fragst. Nach einem Konzert von Ornette Coleman ist Mozartmusik wie eine Notfallbehandlung. Auch Ultravox Vienna und sowas kann den Jazz aus den Kopf herauspusten. Mehr als zwei Stunden modernen Jazz in hintereinander ertrage ich einfach nicht. Zu viele Noten zu viele Dissonanzen zu strukturlos. Dann schon lieber Latin Jazz.

  4. momorulez April 1, 2013 um 12:03 pm

    Na ja, Modern Jazz ist ja nicht automatisch Free Jazz, sondern durchaus auch „Kind of Blue“ und solche Sachen. Irgendjemand sagte neulich über einen Calypso-Jazzer „Endlich mal Musik, bei der man nicht nach dem ersten Hören gleich mitsingen kann“. Was auf Wagner oder Bachs Passionen, die ja mit Jazz schon wegen des „Call and Response“ zwischen Instrument, Solist und Chor eine Menge zu tun haben, also die Passionen, auch zutrifft. Während mir ja Mozart meistens ziemlich auf die Nerven geht. Der macht mich aggressiv.

    Das ist eh ganz interessant, dass vor allem Barock-Musik von Saxophonisten adaptiert wurde. Vielleicht auch, weil da English Horn, Krummhorn, Oboe und so eine Rolle spielten? Aber wohl auch, weil die Arbeit mit Skalen und Arpeggien da teilweise ähnlich statt findet? Weiß das jemand genauer?

  5. ziggev April 1, 2013 um 5:03 pm

    Apropos Regelerweiterung, Beschäftigung von Jazzern mit hier der Neuen Musik: Gerade gestern stieß ich beim surfen auf das hier.

    Jazz goes Aleatorik! Wobei das im strengen Sinne vielleicht gar nicht mehr Aleatorik ist, weil der Tempogeber immer wieder versucht, ein Arragement zu reproduzieren, wie es mir scheint; allerdings ist das zufällige Moment bei dieser Methode wohl kaum je ganz auszuschalten 😉

  6. 00l0l00 April 1, 2013 um 5:22 pm

    Hallo Momo,

    eine Bitte an Dich:

    Ich kann im Moment nicht einschätzen, ob Dir mein Geschriebsel auf den Senkel geht, ob es Dir zu kunstlos ist, ob Du den für mich offensichtlichen Bezug zu Jazz nicht erkennst oder ob Du vielleicht aus ganz anderen Gründen das Bedürfnis verspürst, Dich mir gegenüber deutlich abzugrenzen – in welcher Weise auch immer, ob nun einfach so oder auch identitär, weil ich ja ein Stigma trage, mit dem man Dich in Deinen jungen Jahren noch zwangsheterosexualisieren wollte.

    Vielleicht sagst Du mir einfach mal ehrlich, was von alledem (oder was sonst) es ist, denn ich weiß noch nicht einmal mehr, ob Du hier bewusst und absichtlich mit mir kommunizierst oder nicht.

    Und mit einer ehrlichen Rückmeldung kann ich immer noch am besten umgehen.

    Wenn Du hier in Ruhe Dein eigenes Ding machen willst, bin ich doch der erste, der sich verzieht und Dich alleine lässt. Ich kann es nur ehrlich nicht einschätzen, denn es gibt hier stilistische Überschneidungen, deren Du Dir vielleicht noch nicht einmal bewusst bist. Ich bin irritiert, und da hilft manchmal nur eine klare Ansage nach liebenswürdiger Berliner Schnoderrschnauze.

    Danke.

  7. momorulez April 1, 2013 um 5:51 pm

    Ja, bitte, verzieh Dich.

  8. ziggev April 1, 2013 um 5:55 pm

    @Trude, bist du denn so glücklich, einmal beim Konzert gewesen zu sein? Ich kenne live nur „Sound Grammer“. Und da passt für meine Ohren das mit dem Raum schon ganz gut. Die Raummetapher ist übrigens genial. Im Barock, in der Kammermusik, bei Wagner, den Passionen, bei Coleman, … hier liegt imho ein großes Potenzial.

    Sound Grammer höre ich immer wieder als befreiend. Es ist eben eine andere Form der Konzentration als bei Mozarts Quartetten erforderlich. Ist eine der wenigen Sachen, die ich noch regelmäßig höre. Oder ich will mir was heraushören. In den Jazzz höre ich mich gerade Manchmal wieder ein. und besonders gerne dann in kleinen Läden. Oder es ergeben sich dann eben beim Recherchieren im Netz neue Eindrücke. In kleinen Läden klingt „Klangraum“ dann wieder noch einmal anders. Man hat den Sound, die Lautstärke, die den Raum buchstäblich füllen. Da könnte man sich ganze Grammatikologien oder Grammatken der Metapher des Raumes beim sprechen über Musik denken, je nach „Branche“. Im Jazz hast Du da ein pulsierendes Etwas, bei dem Du nie weißt, was es als nächstes tut. in härteren, bluesverwandten Stilen vielleicht manchmal ein mehr zuckendes, das bereit ist, Dich jeden Moment anzuspringen. (Wenn es Dich nicht schon längst verschlungen hat.) Aber hier rücke ich den Aspekt des Körperlichen (Wall Of Sound) bei der Metapher des Raumes hervor. Und wie sich die Metaphernfülle hier geradezu aufdrängt, so ist Jazz wohl immer eine Entdeckungsreise. (hups, jetzt fällt mir die Korespondenz zum Titel der Aufnahme von Coleman auf.)

    @ Momorulez: Zum Barock habe ich in Sachen Ritchie Blackmore recherchierend mal was gefunden.

    http://merlinravensong2.tripod.com/Classic-Rock

    Hier wird etwas langatmig (die ganzen Classic-Rock Geschichten, die mich im Einzelnen nicht mehr so interessieren) aber dann doch recht substanziell über Rock-Adaptionen barocker Musik berichtet. (Rondo) Form, Arpeggios, Harmonik, Improvisation, Verzierungen.

    Später wollte man sich ja von den als erstarrt empfundenen Formen des Barock lösen. Dann andere Sinphonische Formen. Im Jazz zumeist solche klaren Strukturen Wie AABA, oder etwas ausgebuffter, AABC1C2. Im Barock wurde übrigens recht fleißig improvisiert. Und es scheint sich noch, zwar abnehmend, die Polyphonie erhalten zu haben (was die da in der Rennaissance gemacht haben, ist teilw. wirklich ziemlich krass). Da lassen sich vermutlich konkretere Parallelen ausmachen und umsetzen, als wenn wir uns die expressive Harmonik etw. der Romantik anschauen. Warum gerade Syophonisten sich um Barockmusik kümmern, weiß ich nicht. Kann es mir aber gut vorstellen, dass ein Instrument wie die Oboe dabei eine Rolle spielt.

    Vielleicht spielt auch eine Rolle, dass praktische Elemente im B. noch eine Rolle spielten: Generalbass; z.T. das fehlen von Angaben zur Besetzung. Improvisation. Ich würde das Ensemble-Spielen nennen. Es wird klarer nach Instrumentengattungen unterschieden, fast wie im Jazz, wo es Bläser und Rhythmusgruppe gibt. Vielleiht fühlt man sich da nicht so beplaziert, als vom Instrument her aus einer zukünftigen Epoche stammend.

  9. 00l0l00 April 1, 2013 um 8:17 pm

    Danke, das war wenigstens ehrlich. Endlich. Ich hatte ja ausdrücklich darum gebeten, dann warst Du ehrlich, und verletzt hat es mich trotzdem irgendwie. Aber damit muss ich jetzt klar kommen.

    Was ich zum Jazz beitragen wollte, war eigentlich nur meine eigene Erfahrung, dass man lernen kann, mit den Regeln und dem Regelbruch zu spielen, genauso, wie man mit Identitäten spielen kann, ohne sich mit ihnen fest zu identifizieren. Ich wollte nur sagen, dass man aufpassen sollte, dass man nicht irgendwann anfängt, den Regelbruch oder die Transgression selbst zur Regel zu erheben. Denn Norm und Tabubruch sind immer nur die jeweils andere Seite derselben Medaille.

    Aber weißt Du, Momo, Du brauchst auch nicht zu meinen, dass es für mich nichts Schöneres gäbe, als mich hier einerseits als fast fertig studierter Psychologe zu erkennen zu geben und mich andererseits im Auge der meisten, die es gelesen haben, eh nur lächerlich zu machen. Du musst nicht meinen, dass ich mir dessen nicht auch bewusst gewesen wäre. Also muss mein Motiv ja irgendein anderes gewesen sein, als mich hier narzisstisch aufzublasen, wie es dann ja wohl von außen ausgesehen hat. Ich wollte Dich nicht manipulieren, aber trotzdem scheine ich es ja irgendwie getan zu haben, und die Quittung haben wir beide jetzt dafür bekommen, früher oder später eben. Unsere Räder drehen ja ganz offensichtlich unterschiedliche Kreise, und nur hin und wieder kam es mal zu Überschneidungen. Also lass es gut sein. Ich wollte Dir eigentlich nur helfen und hatte es wirklich nur gut gemeint, weil ich ja gesehen habe, was kommen wird. Aber da es Dir als „Normalem“ offenbar nicht zumutbar erscheint, Hilfe von stigmatisierten Menschen anzunehmen, kann ich jetzt auch nichts mehr machen. Jetzt bist Du auf Dich selbst gestellt. Pass nur gut auf Dich auf, und üb schön weiter Saxophon. Lass die innere Eisschmelze einfach geschehen. Du wirst ja sehen, wo sie Dich vielleicht irgendwann hinführen wird. Oder auch nicht.

  10. Trude April 1, 2013 um 10:43 pm

    Ein fast fertig studierter Psychologe wollte dringend Momorulez helfen deshalb weil er es so gut gemeint hat und ohne manipulieren. Er hätte gerne die Eisschmelze verursacht oder dabei zugesehen. Klingt wie eine Drohung. Ich finde Coleman richtig geil gerade seine Saxofonsolis beeindrucken mich. Die sehr verspielten wilden Improvisationen von ihm und seiner Band haben etwas sehr Heiteres. Zehn Minuten Coleman sind wie ein Kopfballtor von Tschauner kurz vor Schluss. Aber nach zwei Stunden Coleman benötige ich sowas wie Mozart.

  11. momorulez April 1, 2013 um 11:16 pm

    Ich bin nicht normal. Und falls ich Hilfe brauche, von wem auch immer, ob „stigmatisiert“ oder nicht, antworte ich. Alles darüber hinaus empfinde ich als übergriffig; zudem es mir aktuell so gut geht wie seit 1992 nicht mehr. Insofern fährst Du vielleicht besser damit, es Anderen selbst zu überlassen zu signalisieren, wann sie Unterstützung brauchen und wann nicht und auch, welcher Art diese sein kœnnte. Mich haben all die Kommentare, die ich löschen musste, kolossal genervt, und auf solche Grenzverletzungen habe ich ich absolut keine Lust, egal, ob sie von Leuten mit Deiner Geschichte kommen oder solchen, die ganz andere haben. Insofern: Lass mich in Ruhe.

  12. momorulez April 1, 2013 um 11:17 pm

    @Trude:

    Coleman Hawkins? John Coltrane?

  13. Trude April 2, 2013 um 8:33 am

    Ornette Coleman.

  14. momorulez April 2, 2013 um 8:35 am

    Waren wohl zu viele Biere gestern vor und nach dem Tschauner-Tor 😀 …

  15. 00l0l00 April 2, 2013 um 9:23 am

    Dann kann ich mich wohl nur noch entschuldigen.

    Gut und gut gemeint ist halt nicht immer dasselbe.

    Die Grenzverletzungen schreib‘ dann bitte meinem Geisteszustand zu. Du übst Dich ja gerade auch im Ehrlichsein. Manchmal muss man das schlechte Gewissen eben auch an der Garderobe abgeben. Ich dachte übrigens die ganze Zeit, Du hättest zwischen den Zeilen mit mir kommuniziert.

    Aber offensichtlich war das ein Irrtum.

    Natürlich ist es schön, dass es Dir so gut geht wie schon seit langem nicht mehr. Das freut mich. Dafür, dass ich Dir da helfen wollte, kann ich mich also nur entschuldigen, denn das war offensichtlich eine ziemlich bekloppte Idee. Gerade wo Du hinsichtlich derart manipulativer Übergriffe äußerst sensibilisiert bist. Du machst hier Dein eigenes Ding – und das ist auch gut so.

    Davon abgesehen stimmt es aber nicht, dass ich die Eisschmelze verursachen wollte, oder auch nur, dass ich irgendetwas bewusst Deiner Kontrolle hätte entziehen wollen. Das ist einfach nicht wahr. Es ging eher darum, dass ich die Eisschmelze in anderer Form selbst mal erlebt habe und dachte, Du musst ja nicht jeden Fehler machen, den ich damals gemacht habe. Aber wahrscheinlich machst Du diese Fehler gar nicht, weil Du nicht ich bist und ich nicht Du.

    Und trotzdem war es übergriffig und unsensibel. An meiner Medienkompetenz muss ich wohl noch ein wenig arbeiten. Vielleicht verliere ich mich dann auch nicht mehr so oft in virtuellen (T)räumen.

  16. 00l0l00 April 2, 2013 um 9:23 am

    Vielleicht bin ich auch selber noch zu tiefgefroren.

  17. ziggev April 3, 2013 um 7:53 am

    @ NullNulleinsNulleinsNullNull

    Es geht hier um ‚Jazz‘, und damit um ziemlich klar umrissene Formen. Da kannst Du nicht mitspielen. Das ist aber Dein Problem. Lerne ein Instrument, dann könnem wir reden.

  18. momorulez April 3, 2013 um 8:08 am

    Oh nein, bitte hier nicht mit ihm reden!!! Ich lösche das eh wieder weg, wenn der hier noch mal was schreibt.

    Aber über Jazz reden auch weiterhin sehr gerne 🙂 – ein paar Seiten meiner Coltrane-Biographie gestern fand ich ja wieder inspirierender als als all den HickHack rund um N-Wörter, den vermeintlich große Geister wie Greiner, Scheck, Martenstein und Gauck so absondern. Man bekommt halt gerade bei dem Thema echt hervorragend mit, wie unendlich piefig und provinziell arm im Denken die vermeintliche deutsche „Intelligenzia“ so ist. Deutschland ist geistig wie musikalisch echt 4. Welt.

    Die sitzen alle wie säuerliche Stachelbeeren im Einmachglas ihrer faden Marmeladen und baden lau in bornierter Ignoranz, während jeder Musikstudent, der sich nicht auf Klassik reduziert, sie mal eben locker hinter sich lässt selbst dann, wenn er „You are the sunshine of my life“ auf Hochzeiten spielt.

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