Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Ich hab geträumt heut nacht, die ganze Nacht heut nacht …

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… von Meeren trauter Wunderkerzen und von Menschen, die sich freuen.

Und doch, die DFB-Kampagnen und Gerichtsbarkeitssuggestionen gegen Mündigkeit und Selbstbestimmung handlungs- und urteilsfähiger Individuen reihen sich nahtlos ein in Bonus- und Maluspunktsysteme an Universitäten, Rauchergesetzgebungen und ähnlichen Kladderadatsch. Erdacht ist dieser von Menschen in Großorganisationen.

Das sind jene Orte und Strukturen, wo sich verselbstständigende Kommunikationserzeugungen irgendwann eine Eigendynamik entfalten, die notwendig Unsinn hervor bringt. Weil sie an irgendeinem Punkt Gesetzmäßigkeiten folgt, die überhaupt nur noch in diesen Organisationen selbst verständlich bleiben, ansonsten entkoppelt von jedem Weltbezug einen Terror ganz eigener Art entfalten. Ob nun in der Katholischen Kirche, Polizei- und Verwaltungsapparaten oder auch politischen Parteien. Diese kuriosen Kommunikationswolken, mit Donner und Blitz bewehrt, weisen Personen Positionen in den Großorganisationen zu und erdenken ein zu beherrschendes Außen. Und nach oben in ihnen wird gespült, wer am bravsten offenkundigen Unsinn verbreitet und sich am wenigsten von Realitäten dabei irritieren lässt. (das war jetzt alles Niklas Kuhmann light). Zumindest nach Außen. Um im Hinterzimmer ganz anderes zu behaupten; man wird da nur was, wenn man um die Lüge weiß, wie jeder Jurist mir bestätigen wird.

Meine Verwandten in der DDR einst, konfrontiert mit den Gedankenwelten des Psychonalytikerzweiges meiner Familie, referierten oft über die doch bestimmt mit Begriflichkeiten aus der Psychopathologie nur zu begreifenden „zwei Wahrheiten“, die in dem „Arbeiter- und Bauernstaat“ Alltag waren. All die offiziellen Doktrinen, die in Schule, FDJ und überhaupt Öffentlichkeiten nachgebetet wurden – während zu Hause am Küchentisch das Gegenteil gesagt wurde.

Will man wissen, wie das funktioniert, muss man nur die Verlautbarungen des FC St. Pauli-Sicherheitsbeauftragten Sven Brux im St. Pauli-Forum lesen. Nachdem ich das tat,, möchte ich gar keine Aktionen gegen Homophobie mehr von ihm unterstûtzt sehen, die er gegen Wunderkerzenverbotsproteste ins Feld führt. Was mich wahnsinnig ärgert, diese Instrumentalisierung des Themas auf dem Rücken Betroffener.

Dann würde er nämlich über diese perfide Taktik nachdenken, die die Apparatschiks vom DFB fahren, die ja verblüffende Parallelen zu denen der Homophoben, der Rassisten, der Sexisten usw. aufweisen in weniger ganze Leben umgreifendem Sinne. Schreibe gerade am iPad und bin zu doof, das hier zu verlinken.

1.) Man halte die Unterworfenen durch ein „ihr steht unter Beobachtung!“ im eigenen System gefangen. Z.B. im Falle des Schwulenhasses hat das eine gewaltige und höchst gewalttätige Tradition: Seitdem irgendwelche Psychiater „Homosexualität“ als klinisches Phänomen erfanden, wuchs die beobachtende Literatur drumherum ins Unermessliche. In der Ethnologie wurde vermeintliches Wissen über die „Wilden“ angehäuft. Bücher über die „hysterische Frau“ füllten Bibliotheken. (ich bin gerade zu Michel Foucault gewechselt).

Mache Dich zum Bobachter, erfinde Zwangsmittel, rüste Dich mit den Sanktionsbefugnissen einer Großorganisation aus und sorge dafür, dass die Leute sich dazu verhalten.

So funktioniert Macht, und was das mit Menschen macht, kann man dann bei Sven Brux nachlesen. Diese Struktur „doppelter Wahrheit“ schreit einen da ja geradezu an, im Forum heißt se „Taktik“; sie wird auch öffentlich-rechtlichen Journalisten, Blattmachern, Arbeitsagenturmitarbeitern und Versicherungsgutachtern bestens vertraut sein.

2.) Operiere mit unsäglichen Behauptungen, auf dass alle sich damit beschäftigen und nur noch darauf beziehen, in Abwehr in argumentativen Zurückweisungen aufgerieben sind. Da mögen Wunderkerzen noch ein relativ harmloses Beispiel sein; aber wie ein Sven Brux auf einmal Argumentationen zum Thema „Wunderkerzen“ auffächert, getrieben von den Kommunikationswolken poststalinistischer Organisationen wie dem DFB – poststalinistisch meint hier, dass sie gelernt haben, dass Einsperren teurer ist als Aussperren, insofern ist die „Festung Europa“ poststalinistisch, der industrielle Gefängniskomplex in den USA nicht -, das verblüfft. Ebenso, dass Blogger in Reaktion lange Argumentationen auffächern, die darauf reagieren. Damit hat der DFB schon gewonnen, weil er durch die Diskursvorgabe die Kommunikationswolken strukturiert, in denen sich Individuen positionieren.

Das nun zu den Antidiskriminierungsdiskussionen in Relation zu setzen ist nicht zu konstruiert. Die Geschichte der Marginalisierung ist immer die von unsinnigen Behauptungen über Marginalisierte – und immer mit dem Effekt, dass deren Verhalten dadurch geformt wird, diese zurück weisen zu wollen. In der Homo-Ehe belegen wollen, dass man gar nicht schrill, promisk, pervers, krank, unnatürlich und „unanständig“ ist usw. – das kann man jetzt durch alle Felder durchdeklinieren, in denen es eine Rolle spielt.

Auch ein Sarrazin und ein Buschowsky haben das gelernt, durch vermeintliche „Wissens“anhäufungen Diskussionen zu steuern – wer glaubt, eine argumentative Zurückweisung mache da Sinn, ist schon drin.

Ich hab geträumt heute nacht. Geträumt davon, dass man sich auf die Vorgaben einfach nicht mehr bezieht. Klar, sie sind mächtiger – dann sollte man aber auch über nackte Macht und deren Missbrauch reden und nicht so tun, als gäbe es da irgendwas zu diskutieren. Dass man stattdessen Gegenbilder, so starke, erzeugt, dass all die menschen- und freiheitsfeindlichen Apparatschiks als das da stehen, was sie sind: Wilhelminische Piefkes, geil auf strukturelle Gewalt, weil sie mit ihrem Leben offenkundig nichts Besseres anzufangen wissen.

Vielleicht schreibt Christian Wulff über all das ja gerade ein Buch.

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11 Antworten zu “Ich hab geträumt heut nacht, die ganze Nacht heut nacht …

  1. Ring2 März 29, 2013 um 6:49 pm

    Und nur sehr selten wirkt das so herrlich lächerlich, wie gerade. Sonst finden sich immer welche, die die Machtargumentationen auch noch rezitieren. Deswegen glaube ich ja auch nicht, dass ein „ordentliches“ Gericht da anders entscheiden würde. Die nehmen die Macht eines DFB eben als gegeben hin. Würde ja ihre eigene untergraben. Also: Wunder mit Kerzen tun und die Strafen solidarisch zahlen. Das Geld holen wir uns von ihren pubertierenden Kindern wieder, in Form von Merchandise 😉

  2. momorulez März 29, 2013 um 6:54 pm

    Na, Sven rezitiert ja. Anstatt vielleicht einfach mal zu sagen “ Wir sind genötigt, die unsinnigen und für den Fussball schädlichen Zwangsmaßnahmen des DFB an Couch zu kommunizieren. Sie sind selbsterklärend grober Unfug und wir hoffen, dass sich die Herren aus Frankfurt damit endgültig lächerlich gemacht haben.“ Ginge doch auch.

  3. Pingback: #FCSP-freie Zeit: Partizan Minsk, Talco, Demo in Horn und Ausblick Paderborn | KleinerTods FC St. Pauli Blog

  4. kleinertod März 29, 2013 um 7:54 pm

    Wieder nur ein reaktives Verhalten. Wir brauchen eine aktive Vereinsführung. Nicht Wunderkerzen aus Angst vor einer Strafe mitverbieten und dann gegen die natürlich doch folgende Strafe angehen – sondern aktiv das idiotische Verbot zu Fall bringen. DAFÜR hätte das Arbeitspapier Sicheres Stadionerlebnis herhalten können, da wäre ein entsprechender Passus doch einbringbar gewesen! Das zivilrechtliche Haftungsrisiko eines Veranstalters kann man versichern, aber die im vorauseilenden Gehorsam geschluckte Verbotspille hier durch so ein Verhalten zu unterstützen geht einfach gar nicht. Wenn Altpunks sich schon nicht mehr trauen, Wunderkerzen zu zünden, weil es dafür ja eine Strafe geben könnte – müssen wir da eigentlich noch lachen oder können wir da nicht einmal mehr weinen?

  5. momorulez März 29, 2013 um 8:20 pm

    Ja, in der Tat. Ich kenne das ja ziemlich gut, das mit den zwei Wahrheiten und sich dann irgendwas herbei rationalisieren, um „Kundenwünsche“, die mir gegen den Strich gehen, besser ertragen zu können. Du wirst das auch aus Deinem Job kennen, dass Du Dich da nicht plötzlich hin stellst und flammende Plädoyers für Gerechtigkeit hältst, sondern irgendeinen pragmatisch-taktischen Weg wählst.

    Das ist doch aber grundfalsch! Gerade auch für den FC St. Pauli. Bin da insofern ganz bei Dir.

    Frage mich aber umgekehrt schon, wer von den auf den Rängen einschließlich meiner selbst sich nicht ganz genau so verhält. Und das ist eine übergreifend politisch ungemein wichtige Frage.

  6. kleinertod März 29, 2013 um 10:25 pm

    Irgendwie amüsant fand ich ja eine PM-Ansprache im Forum, wo auf meine Worte hin auf die von Brux verwiesen wurde mit seiner Taktik und das Ganze endete mit einem „Deine Bemerkung finde ich somit vollkommen daneben und kontraproduktiv!“. Besser erklären als mit Deinem Blogbeitrag kann man das gar nicht mehr…

  7. momorulez März 29, 2013 um 10:56 pm

    Der Übersteiger tut in seinem Blog ja auch so, als sei durch Svens Stellungnahmen irgendwas geklärt. Ganz im Gegenteil – dieses „befolgen aber durchblicken lassen, dass man es nicht teilt“ ist eh schon Untertanenmentalität, und dann braucht man auch nicht über Verletzungen durch Wunderkerzen und so weiter schwadronieren. Autoritätsfixierung gibt es halt auch Sven Brux gegenüber. Aber vermutlich habe ich nur irgendeine feine Ironie nicht verstanden

  8. kleinertod März 29, 2013 um 11:27 pm

    Ja-Sager-Mentalität gegenüber absurden Normen ist ein größeres Problem. Insbesondere im Vorfeld ein Abnicken und die Argumente dafür Vortragen halte ich auch aus taktischen Gründen für vollkommen fehlgehend. Wie soll man denn im Anschluß, also bei einem Erwehren gegen die dann folgende Strafe bei dem zu erwartenden Verstoß, noch argumentieren? Indem man plötzlich das Gegenteil behauptet? Das ist keine sinnvolle Taktik. Und wird darum dann auch nicht verfolgt werden. Vielmehr wird eine Strafe abgenickt, vielleicht noch über die Höhe verhandelt und der Zeigefinger moralisch noch stärker erhoben werden als jetzt schon.

    Mir fehlt hier eh der Blick für das über den Spieltag hinausgehende Gesamte. Die Regeln sind ja nicht in Stein gemeißelt und es muß nicht über deren Anwendung im Detail gestritten werden, wenn man sie für blöde hält – hier kann man doch an eine Änderung anzustrengen versuchen!

    Es wird in letzter Zeit viel zu oft so getan, als ob Friedrich un co. am Tisch sitzen würden und man mit denen einen gemeinsamen Nenner finden müßte…

  9. momorulez März 29, 2013 um 11:59 pm

    Was faktisch-machttechnisch ja so ist, die drohen ja mit allen antidemokratischen, polizeistaatlichen Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen. Nur dass man da mit Mauscheln im Hinterzimmer auch nichts ändert, das haben die in der DDR ja auch geglaubt. Neben dem individuellen „Rette sich wer sich wer kann!“ hilft da nur und ausschließlich Gegenöffentlichkeit, die der FC St. Pauli im Gegensatz zu Wacker Burghausen auch herstellen kann, und so eine lächerliche Vorlage wie Wunderkerzen käme da gerade recht.

  10. vuvuzela//riotqueer März 30, 2013 um 12:30 am

    Also wich die Ursprungsgeschichte von verehrten Herrn aussem Fanladen vor_1989 kennen gelernt habe, wurde die Theorie um ‚Kiez‘ an katholischem Narren der vor Ort ansässigen Originalen ausgeluthert. Schade das da eine Bewegung der Hierarchie sich fest macht um gerade wichtige Diskurse um ‚Revisionismus‘ und Standarte zum Marschbefehl Norther Soul-Deppen.

    Ich habe zur der Zeit um Internationalen Hafenstraßen-Protest in Progression und transgressiven Ausgleich zur Sozialpädagogie, die Skinheads gegen rassistische Vorurteile immer als britischen Salut gesehen. Vielleicht ist dann der verehrte Herr bzgl. ’safe space‘ auch beweglicher.

    Happy, happy Jesoo Eso-Kind nailin….sehr bildhaft und intelligent essayiert Momo. respect!

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